Themenpfad
Juden in Bischofsheim
Die jüdische Gemeinde Bischofsheims ist seit 1235 belegt – zuerst durch einen Mord. Sie wurde 1298, 1337 und 1348/49 vernichtet und kehrte doch immer wieder zurück; im 18. Jahrhundert lebten sieben Familien in der Stadt, 1884 erreichte die Gemeinde mit 200 Personen ihren Höchststand. 1940 wurden die letzten 22 nach Gurs deportiert.
Dieser Pfad stellt die Daten zusammen: mittelalterliche Pogrome, Schutzbriefe, Emanzipation, Weimarer Zeit, NS-Verfolgung und Gedenken. Die Quellenlage ist ungleich; wo Darstellungen sich widersprechen, steht das im Text der Kapitel 5, 12, 13 und 15.
Wo es im Buch steht
Die Daten
42 Einträge. Kennzeichnung: Einträge ohne Vermerk gelten als gesichert.
- 1096Berberich nennt Verfolgungen 1096 (Mainz, Köln, Worms, „Mainz mit Tauberbischofsheim“) und um 1146; für die Stadt selbst gibt es dazu keine Urkunde. überliefert Kapitel 5
- Januar 1235Erste Erwähnung von Juden in Bischofsheim durch ein Pogrom: In Bischofsheim und Lauda werden sieben bzw. acht angesehene Juden unter dem Vorwurf des Ritualmordes gefoltert und verbrannt. Kapitel 5
- Dezember 1285Miltenberg, Bischofsheim und Amorbach versprechen dem Mainzer Domkapitel in der Sedisvakanz nach Erzbischof Werner (1284) Gehorsam; das Domkapitel soll die drei Städte „Christen wie Juden“ schützen. Kapitel 3
- 1328/1333Juden als Gläubiger in Bischofsheim: 1328 Jakob wird Judenbürger in Nürnberg; 19.11.1333 zahlen Süßkind von Aschaffenburg und Yeckelin „gesessen zu Byschoffesheim“ 1000 Pfund Heller Schutzgeld an die Herren von Weinsberg. Kapitel 5
- 1336Die Scharen des Ritters Arnold III. von Uissigheim („König Armleder“) belagern die Stadt dreimal vergeblich; Arnold wird 14.11.1336 in Kitzingen hingerichtet. Kapitel 5
- 10. Juni 1337Die jüdische Gemeinde wird im Zuge der Armleder-Verfolgung vernichtet. Kapitel 5
- 18. Oktober 1338Erzbischof Heinrich erlässt Johannes von Riedern und seinen Söhnen ihre Schulden bei den erschlagenen Juden; bis 31.5.1338 wird die hinterlassene Habe für das Erzbistum verkauft (181 Pfund 8 Schilling). Kapitel 5
- 1343Jüdischer Scheidebrief in Bischofsheim; die Gemeinde hat sich neu gebildet. Erzbischof Adolf verspricht (nach Jewish Enc.) neun Städten keine Judensteuer mehr. Kapitel 5
- 1343–1347Zentordnung nach Würzburger Muster; Landgerichtshoheit noch bei Würzburg („alte Gerichtshoheit des Herzogs von Franken“); geladen werden Ritter, Knechte, Bürger, Juden. Kapitel 9
- 1348/49Pestpogrom: Die kleine, nach 1343 neu entstandene jüdische Gemeinde wird erneut vernichtet. Kapitel 5
- 1356Erzbischof Gerhard nimmt den Bischofsheimer Juden Gottlieb in Schutz, weil er ihm Geld zu niedrigem Zins zugesagt hatte. Kapitel 5
- 1375Graf Ruprecht von Nassau leiht bei Juden aus Mergentheim und Bischofsheim 1100 fl. zu 29 % Zins. Kapitel 5
- 31. Oktober 1383Erzbischof Adolf verkauft Burg und Stadt Bischofsheim für 3000 fl an Graf Johann I. von Wertheim (Gerichte, Zehnte, Bußen; Juden „dem Erzbischof zugehörig“) – nur kurz wirksam (Testament 1398). Kapitel 4
- 1429Die Judensteuer erscheint unter den Einkünften des Amtes. Kapitel 5
- 1470Erzbischof Adolf II. von Nassau weist alle Juden aus Mainz und dem gesamten Erzstift aus – betroffen auch Bischofsheim und Külsheim. Kapitel 5
- 1637Mainzer Erzbischof stellt einen Judenschutzbrief für die Gemeinde aus – nach Müller 1980 der erste Nachweis seit dem 15. Jh. Kapitel 5
- 1692Kurmainz hebt für verzollende Kaufleute die Geleitsteuer auf (Juden ausgenommen); Zollstreit mit Mergentheim (Messewaren 1742 in Bischofsheim beschlagnahmt). Kapitel 12
- 1706Zoll-, Geleit- und Accisgelder 3337 fl. 22 kr. nach Mainz; Weinverkauf 119 Fuder; Schutzgeld: 6 jüdische Familien in Bischofsheim je 25 fl. Kapitel 12
- 1729Sieben jüdische Familien plus Rabbiner (41 Personen) in der Stadt, 13 im Amt; 1803/04 14 schutzsässige Juden; Höchststand 1884 mit 200 Personen. Kapitel 12
- 1730Bericht des Stadtschreibers: 1368 Einwohner + 41 Juden = 1409; 112 Häcker (5 „giebig“, 28 mittel, 68 arm, 11 bettelarm), 20 Büttner, 11 Weinhändler/Krämer, 8 Bäcker, 9 Metzger, 17 Pferde- und 40 Ochsengespanne. Kapitel 12
- 1744Johann Georg Bögner baut am Marktplatz das Barockpalais (heute Mackert’sches Haus; Initialen JGB/EMB 1744); 1842 an den jüdischen Weinhändler Samuel Strauß verkauft. Kapitel 12
- 1748/1749Juden dürfen auf kurmainzischem Gebiet Grundstücke erwerben und Ackerbau betreiben (Müller: seit 1748). Kapitel 12
- um 1800Fuhrwesen (städtische Frachtrechnungen, über 180 Personen): Der Hauptteil des Fernhandels/Fuhrwesens liegt bei jüdischen Kaufleuten (Großunternehmer Löw Abraham); Orientierung nach Westen (Frankfurt, Mainz, Heidelberg). Kapitel 13
- 1803Leiningische Erhebung: 340 bürgerliche Häuser, 366 begüterte Familien (ohne 15 jüdische Haushalte), 1600 Seelen; 10 Schild- und Bierwirte; Ernährung hauptsächlich vom Weinbau; Stadt 53.776 fl Schulden. Kapitel 13
- 4. Juni 1808Sechstes badisches Konstitutionsedikt: Juden erbfreie Staatsbürger; 13.1.1809 Judenedikt; 20.12.1816 Schutzgelder abgeschafft; 1.6.1828 alle Sonderabgaben; 4.10.1862 volles Gemeindebürgerrecht. Kapitel 13
- 1842Samuel Strauß kauft das Bögner-Palais für 6400 fl.; erster Jude von Dittigheim mit Bürgerrecht 1816; 1864 Darlehen für Rathausneubau und Tauberdurchstich. Kapitel 14
- 1884Das bestehende Progymnasium wird zum Gymnasium; viele jüdische Schüler legen das Abitur ab. Kapitel 15
- 1914–1918Im Ersten Weltkrieg verlieren sechs (nach Müller fünf) jüdische Tauberbischofsheimer ihr Leben; nach Ogiermann/Haun insgesamt ca. 150 Söhne der Stadt. Kapitel 15
- 1926Tod des jüdischen Religionslehrers Oskar Dreifuß (Mai 1926; Grabstein auf dem jüdischen Friedhof); 1931 Schändung des jüdischen Friedhofs (nach Hau 18.2.1931: sechs Grabsteine). Kapitel 15
- 28. Mai 1933Bei der Bürgermeisterwahl wird Eugen Diebold wiedergewählt (17:18 – Zentrum 10, NSDAP 8 nach Haun); die Regierung versagt die Bestätigung; Gauinspekteur Adalbert Ullmer setzt Hans Knab durch; 4.–7.7.1933 wird Sturmbannführer Hans Knab (Eberbach) kommissarischer Bürgermeister. Kapitel 15
- 1933Ende Oktober 1933 Ehrenbürgerrecht für Reichsstatthalter Robert Wagner; Hauptstraße, Königheimer Straße und Straße Tauberbrücke–Kalkwerk Wild werden in „Robert-Wagner-Straße“ umbenannt. Kapitel 15
- 1. April 1933Boykott jüdischer Geschäfte: SA-Posten, Zettel; Geschäfte am Sabbat ohnehin geschlossen; keine Plünderungen überliefert; 3.9.1933 wandert das Ehepaar Katzenstein als erste jüdische Familie in die USA aus. Kapitel 15
- 15. September 1935Nürnberger Gesetze; seit 1934 Marktverbot, 1935 Niederlassungsverbot für Juden in Tauberbischofsheim; Schilder „Juden betreten diese Anlage auf eigene Gefahr“ in den Tauberanlagen; 8.6.1936 Anweisung des Bürgermeisters, die Schilder an Hauptstraßen „unauffällig, am besten bei Nachtzeit“ wegen der Olympiade zu entfernen. Kapitel 15
- 1. Mai 1936Kreisleiter Wilhelm Vollrath (Schreiner aus Schwabhausen, NSDAP seit 1928) wird Bürgermeister (Einführung 11.5.1936); Hans Knab wird Bürgermeister in Oberkirch; Parteikreis Tauberbischofsheim wird mit Wertheim vereinigt (Kreisleiter Dr. Hermann Schmidt). Kapitel 15
- 31. Juli 1938Raphael Bauer, jüdischer Viehhändler aus Tauberbischofsheim, wird in der „Juni-Aktion“ verhaftet und am 31.7.1938 im KZ Dachau erschossen. Kapitel 15
- 10. November 1938Pogrom: Abend des 10.11. stürmen SA/NSKK die Synagoge in der Bachgasse, zerschlagen die Einrichtung und verbrennen Bundeslade, Torarollen, Bücher und Gebetsmäntel auf dem Marktplatz (zusammen mit Torarollen aus Külsheim); das Gebäude wird wegen der Nachbarhäuser nicht angezündet; Laden Leopold Sauer geplündert. Kapitel 15
- 3. September 1939SA und NSKK treiben die letzten Juden der Stadt über den Marktplatz zur Bachgasse, lassen sie die Synagogentreppe mit der Zunge ablecken und im Mühlkanal Liegestütze machen („Wir sind die Kriegshetzer“), sperren sie bis 25.10.1939 im jüdischen Gemeindehaus ein (26 Menschen in drei Wohnungen); Hermann Sauer wird zum „Judenbürgermeister“ bestimmt. Kapitel 15
- 22. Oktober 1940Um 6 Uhr benachrichtigt, um 9 Uhr am Sonnenplatz: 22 Juden werden nach Heidelberg und von dort nach Gurs deportiert; 6 sterben in Gurs, 2 in Noé, später Theresienstadt, Riga, Auschwitz; drei überleben (Emil Bauer, Hannelore Simons, Adolf Strauß). Gedenktafel im Rathaus 1981; Bronzetafel 22.10.2010 nahe der Peterskapelle; Erinnerungszimmer im Limbachhaus. Kapitel 15
- 29. Februar 1940Die Stadt kauft die Synagoge (Bachgasse) für 2000 RM; Kriegsgefangene; 22.6.1943 Vermietung an Fabrikant Josef Reis (Kleinwallstadt); 1949 JRSO; 5.4.1950 Verkauf an Privatleute, Umbau zum Wohnhaus. Kapitel 15
- 1981Gedenktafel im Rathaus für 35 ermordete jüdische Mitbürger (Wikipedia: 1981; Hau: Tafel im Rathaus). Kapitel 15
- 22. Oktober 2010Enthüllung eines Memorialsteins vor der Peterskapelle für die 22 deportierten Juden (Projekt Mahnmal von evangelischer und katholischer Jugend, Dokumentation „wegverbracht“ 2009); Erinnerungszimmer im Limbachhaus. Kapitel 15
- 17. Mai 2026Erste Stolpersteinverlegung in Tauberbischofsheim: Gunter Demnig verlegt zwölf Stolpersteine an vier Orten, angeregt 2023 von Nachkommen der Familie Brückheimer. Kapitel 15