Büscheme · Geschichte einer Stadt an der Tauber
Stadtmodell: die Stadtmauer mit Türmen beim Schloss, davor der Graben

Kapitel 3 · 1237 bis 1320

Vom Dorf zur Stadt

Es gibt keine Gründungsurkunde, keinen Gründer und kein Gründungsjahr. Und doch ist Bischofsheim am Anfang des 14. Jahrhunderts eine Stadt: mit Mauer, Markt, Rat, Siegel und Bürgermeistern.

Lesezeit etwa 15 MinutenStadtwerdung · Stadtrecht · Befestigung
Stadtmauer beim Schloss im Stadtmodell (Tauberfränkisches Landschaftsmuseum)

1 · Das Jahrhundert der StädteWas ein Dorf zur Stadt macht

Im 13. Jahrhundert entstehen in Mitteleuropa mehr Städte als in den Jahrhunderten davor und danach zusammen. Der Grund ist wirtschaftlich und politisch zugleich: Wer als Geld brauchte, förderte Orte mit Markt und , die Steuern zahlten und Männer stellen konnten; wer als Bauer oder Handwerker sein Glück suchen wollte, floh vor Frondiensten in eine Stadt, denn „Stadtluft macht frei“, nach der Regel, dass ein Zuzügler, der Jahr und Tag unangefochten in der Stadt lebte, nicht mehr in der Leibeigenschaft eines stand. Ein Dorf wurde zur Stadt, wenn es mehrere Merkmale zugleich erhielt: einen Markt, eine Mauer, ein eigenes Gericht, ein Bürgerrecht mit Rechten und Pflichten und meistens einen Landesherrn, der das alles zugestand, weil es ihm nützte.

Im Mainzer Oberstift, zu dem Bischofsheim seit 1237 gehörte, war diese Entwicklung im Gang. Aschaffenburg gilt als die älteste der Städte, Seligenstadt, Amorbach, Walldürn und Külsheim folgten. Külsheim, das der Mainzer 1292 durch Kauf an sich brachte, erhielt noch im selben Jahr durch König Adolf von Nassau eine , die Wochenmarkt und Befestigung gewährte und das Frankfurter Recht verlieh; das Dokument ist erhalten. Für Bischofsheim gibt es keines.1

2 · Die Suche nach der Urkunde1237, 1248, 1288

Die ältere Stadtgeschichte wusste es genau: 1237, April, durch Kaiser Friedrich II. So schrieb 1885 der Gymnasiallehrer Wilhelm Martens, und Julius Berberich übernahm es 1895. Es ist, wie das vorige Kapitel zeigte, ein Irrtum: Die Urkunde vom April 1237 spricht vom „Dorf“. Die Stadtrechtsverleihung, die man suchte, liegt später.

Die Spur führt zu einem Verzeichnis. Die des Mainzer Erzstifts, eine Liste der Einkünfte und Besitzungen, nennt Bischofsheim „civitas“, Stadt, und gibt einen Einblick in den Zustand des Ortes: Es gab einen Schultheißen namens Folcgerus (der Bericht nennt ihn den „früheren“), einen am Tag der Margaretenfeier und am Vortag (vermutlich ein Jahrmarkt), der 10 Pfund einbrachte; 40 zinsende Hufen, von denen acht der Fronhof selbst bewirtschaftete; Mühle, Äcker links und rechts der Tauber, vierzehn vernachlässigte Weinbergsäcker und einen Fronhof mit sechs Hufen, den der Erzbischof für 250 Mark an einen Herrn Crapht von Boxberg verpfändet hatte. Die Einkünfte betrugen insgesamt 45½ Pfund.2

Wann entstand die Heberolle? Gehrig/Müller datieren das Verzeichnis auf 1248. Schneider verweist auf die Edition von Stimming 1915 und meint, die Rolle sei zwischen 1263 und etwa 1280 angelegt worden; ihr Kern, ein Verzeichnis der Jahre 1248/49, sei später ergänzt worden um eine Pfandabrechnung und die Koppelfutterlieferungen des Jahres 1281. Beides ist plausibel; wer auf der sicheren Seite bleiben will, sagt: „um 1250 bzw. in den 1260er Jahren“. In jedem Fall galt Bischofsheim danach als Stadt.3

Die Urkunde, die „oppidum“ sagt, ist früher bekannt und später datiert. Am 20. Januar 1288 verschrieb ein Wipert von Zimmern dem Würzburger Marx-Kloster Güter in Böttigheim; die Urkunde, im 16. Jahrhundert abgeschrieben, wurde „apud opidum Bischoveshein“ ausgestellt und nennt die Stadt zweimal. Eine Urkunde von Dezember 1285, in der Miltenberg, Bischofsheim und Amorbach dem Mainzer Domkapitel in der Zeit der , also zwischen zwei Erzbischöfen, Gehorsam gelobten, zeigt, dass die drei Orte schon wie Städte behandelt wurden: Das Domkapitel soll sie schützen, „Christen wie Juden“.4

3 · Werner von EppsteinDer Landesherr baut

Wer war der Landesherr, der den Ort zur Stadt ausbaute? Alois Schneider nennt den Mainzer Erzbischof Werner von Eppstein (1259–1284) und sagt, im dritten Viertel des 13. Jahrhunderts sei der Ausbau „entscheidend vorangetrieben“ worden. Ogiermann meinte, das habe wahrscheinlich in den Jahren 1278 bis 1285 König Rudolf von Habsburg auf Bitten Werners verliehen; Gehrig/Müller denken auch an die Zeit zwischen 1237 und etwa 1245, im Zusammenhang mit der Königswahl Konrads IV. Beweisen lässt sich nichts, aber die Spur führt immer zu Werner: Er ist es, der den Einfluss der Grafen von Rieneck und der Herren von Hohenfels zurückdrängt. Philipp von Hohenfels, bis dahin Herr über Äcker und Wiesen im Ort, verkauft 1278 alle Güter in Bischofsheim für 120 Mark Kölner Währung; das Domkapitel darf Grundstücke kaufen, „um Gebäude zu errichten“. Der Erzbischof Werner (und seine Nachfolger) gewinnen den Ort.5

Warum gab es keine Urkunde? Man weiß es nicht. Vielleicht wurde sie nie ausgestellt, weil der Ort durch eine Reihe von Zugeständnissen zur Stadt wurde, nicht durch einen einzigen Akt. Vielleicht ging sie verloren: Das Stadtarchiv hat seine Pergamenturkunden im Lauf der Jahrhunderte durch Kriege, Brände und die Tauberflut von 1784 eingebüßt. Und selbst für das Nachbarstädtchen Miltenberg fehlt die Verleihungsurkunde.6

Quellenkritik

Drei Datierungen, ein Ergebnis

1237 (Martens, Berberich): Friedrich II. verleiht das Stadtrecht. Widerlegt: Die Urkunde sagt „villa“ (Dorf).

1278 bis 1285 (Ogiermann): Rudolf von Habsburg auf Bitten Werners. Plausibel, aber nicht belegt; Ogiermann kannte die Heberolle nicht.

1237 bis um 1245 (Gehrig/Müller): im Zusammenhang mit der Wahl Konrads IV. und der Heberolle von 1248. Möglich.

Drittes Viertel des 13. Jahrhunderts (Schneider): „gezielter Ausbau“ unter Werner. Das ist der vorsichtigste Konsens.

Eine Verleihung wird hier deshalb nicht behauptet. Als gesichert gilt, dass der Ort um 1250/1260 „civitas“ heißt, 1285 den Städten Miltenberg und Amorbach gleichgestellt wird und 1288 „oppidum“ ist.

4 · Mauer, Tore und TürmeEine Stadt wird sichtbar

Mit der Stadt kommt die Mauer. Die Befestigung wurde, so Schneider, im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts begonnen und war spätestens in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts geschlossen. Die erste Erwähnung ist 1314, als die Mauer in einer Urkunde als Bezugspunkt genannt wird; das „obere Tor“ erscheint 1317, das Wort „innerhalb der Mauern“ 1322. 1338 zahlte der Mainzer Keller zwei Turmwächter.7

Der Mauerring umschloss ein Oval von etwa 460 Metern Länge und 280 Metern Breite, eine Fläche von rund 9,8 Hektar (die 13,5 Hektar, die Ogiermann nennt, sind nicht belegt). Hauptmauer, (ein Zwischenraum zwischen innerer und äußerer Mauer, nur an den beiden Haupttoren und im Bereich des Schlosses vorhanden), Graben und Außenwall bildeten die Anlage; im Süden half der Brehmbach als natürliches Hindernis. Im Norden, wo der Hang nicht schützte, standen die meisten Türme: von etwa zwanzig Mauertürmen elf an der Nordseite. Zwei Haupttore gab es, das Obere im Westen und das Untere im Osten, zur Tauber hin. Die Straße zwischen beiden, die Hauptstraße, knickte zweimal rechtwinklig ab.8

Mauerturmrest, der „Hexenturm“ genannt wird, mit anschließender Stadtmauer
Mauerturmrest, der „Hexenturm“ genannt wird, mit anschließender Stadtmauer. Von den rund zwanzig Türmen sind nur Reste erhalten.
Stadtmauerrest am Mühlkanal
Stadtmauerrest am Mühlkanal. Der Kanal verlässt die Stadt im Bereich von Badgasse und Bachgasse und mündet rund 400 Meter unterhalb der Brücke in die Tauber.

Der Marktplatz, auf dem der Jahrmarkt abgehalten wurde, lag am Fuß der Niederterrasse, rund 90 mal 45 Meter groß; 1317 wird er erstmals als „in foro“ genannt, 1318 als „markehl“. Der Mühlkanal, ein künstlich geführter Wasserlauf, der vom Brehmbach abzweigte und die Stadt durchfloss, trieb schon 1305 eine „Markmühle“ in der Stadtmitte an, die erste identifizierbare Mühle.9

Von einigen Türmen sind die Namen bekannt: der Centturm oder Gefängnisturm beim Unteren Tor, der Turm beim Oberen Tor, der Wasserturm (auch Mühlturm) am Auslass des Mühlbachs in der Badgasse, der „neue Turm“ oder Hexenturm am Ende der Klostergasse, der Schneckenturm hinter dem Rathaus, der Bürger- oder Strafturm am Ende der Bachgasse und der Hungerturm am Mühlkanal, von dem als einzigem ein Rest steht. Ob die Mauertürme zur Stadtseite hin offen waren (sogenannte Schalentürme), ist umstritten: Der Grundriss von Georg Adam Zürner (1790) zeichnet sie offen, der Plan seines Vaters Jacob Heinrich Zürner von 1748 geschlossen. Beide sind nach Augenmaß gezeichnet, nicht nach Maßstab, und das Stadtmodell folgt der Fassung von 1790.10

Von der Siedlung zur Stadt, 1165 bis 133611601180120012201240126012801300132013401165Älteste Urkunde, in„Biscopsheim“ausgestellt1248Heberolle nennt„civitas“1309Bürgerschaftsiegelt, ältestesStadtsiegel (24.März)1314Mauer erstmalserwähnt1317Zwei Bürgermeister,oberes Tor1336Stadt hält denArmleder-Haufenstand
Die Stadtwerdung in Daten. Die Belege, aus denen die Forschung die Entwicklung vom Reichsgut zur Stadt erschließt; ein Stadtrecht als Urkunde gibt es nicht.

5 · Schultheiß, Schöffen, BürgermeisterDie Stadt regiert sich selbst

Zur Stadt gehörte eine , und sie lässt sich Schritt für Schritt verfolgen. Zuerst war da der Schultheiß, der Vertreter des Landesherrn: Die Heberolle nennt einen Folcgerus, die Urkunden später einen Hunfrid, der um 1288 starb. Die Urkunde vom 28. Januar 1309 nennt Schultheiß und Schöffen gemeinsam als Aussteller, also eine Körperschaft, die Verträge siegeln kann; vom 24. März 1309 stammt das älteste, beschädigte Stadtsiegel; das schönste erhaltene hängt an einer Urkunde vom 14. März 1313. Es zeigt einen Topfhelm mit Visier und Blütenranken, dazu das siebenspeichige Mainzer Rad, und trägt die Umschrift „SIGILLUM CIVITADIS D' BISCHOFISHEIM“. Vom 3. Juni 1317 an kennt man zwei Bürgermeister namentlich: Walther, genannt Leo, und Liebhard am Markt; sie sind Männer der Stadt, nicht des Erzbischofs. Am 30. April 1322 erscheint der Rat zum ersten Mal.11

Das ging schnell. Schon 1317 gab es Bürgermeister, in anderen Städten des Oberstifts erst zwanzig bis dreißig Jahre später, und 1336 sind neben zwei Bürgermeistern neun Schöffen genannt, ohne dass der Schultheiß noch auftritt. Der Landesherr war durch seinen Amtmann (seit 1314 nachweisbar: Johann von Riedern) und durch den Keller in der Stadt präsent, aber die Bürger hatten ihr eigenes , ihren eigenen Rat und ihre eigene Gerichtsbarkeit in zivilen Dingen. Die Verfassungskämpfe, die andere Städte erschütterten, sind aus Bischofsheim nicht überliefert.12

Begriffe

Wer war wer in der jungen Stadt?

Schultheiß
Vom Landesherrn eingesetzter Richter und Vorsteher; in Bischofsheim seit dem 13. Jahrhundert, meist zugleich Zentgraf.
Schöffen
Urteilsfinder am Stadtgericht, aus der Bürgerschaft; zuerst vier, dann neun, später zwölf.
Bürgermeister
Seit 1317 bezeugt; zwei (zeitweise drei) Vertreter der Bürgerschaft, die jährlich wechselten.
Rat
Seit 1322 belegt; im 14. Jahrhundert zwölf Ratsherren plus zwölf Vertreter der Zünfte.
Amtmann
Seit 1314 an die Stelle des Vogts getreten; Vertreter des Erzbischofs in der Burg.

6 · Die Burg an der TauberEin Platz, den ein Bürger räumen musste

Die Burg, die später „Schloss“ heißt, ist ein Teil dieser Geschichte. Schneider datiert ihren Bau in die Spätphase der Amtszeit Werners von Eppstein (bis 1284). Die erste sichere Nachricht liefert die Urkunde vom 30. April 1322: Der Erzbischof hatte von der Familie Trutwin eine bürgerliche Hofstatt erworben, auf der „jetzt die Burg in Bischofsheim steht“; Trutwin erhielt als Ersatz ein anderes Grundstück. 1327 gab es einen ersten Burgmannvertrag mit einem Edelknecht aus Rinderfeld, der die Burg verteidigen sollte.13

Die Anlage war, soweit die Befunde reichen, ein unregelmäßiges Dreieck an der Terrassenkante mit einem Rundturm (dem , heute „Türmersturm“ genannt), einem zweigeschossigen Steinbau mit Buckelquadern (dem Palas), Wirtschaftsgebäuden und einer Ringmauer mit Rundtürmen, von denen drei noch zu sehen sind. Sie diente als Wachposten, als Verwaltungssitz und als Wohnung des Amtmanns. Zugleich lag sie, wie eine Urkunde von 1309 es ausdrückt, „vor der Burg“: Die Stadt breitete sich zu Füßen des Amtssitzes aus.

Das Verhältnis zwischen Burg und Bürgern war nicht ungetrübt. Eine Bürgerklage um 1337/39 an Erzbischof Heinrich III. von Virneburg listet sieben Beschwerden auf: Ein hatte zwei Bürger acht Wochen im Turm zu Kitzingen gefangen gehalten, andere Herren hatten Pferde und Korn genommen, und die Bürger schickten den lateinischen Schulmeister als Boten, vermutlich weil er des Schreibens und der Rechtssprache mächtig war. Die Klage zeigt eine selbstbewusste Bürgerschaft und eine Stadt, die schon eine Schule hatte.14

Der Türmersturm
Der Türmersturm. Der Rundturm gilt als der Bergfried der kurmainzischen Burg. Er war Hochwacht und letzte Zuflucht und überragte die Stadt.
Stadtmauer und Schloss
Stadtmauer und Schloss. Am Schlossweg schließt die Stadtmauer unmittelbar an die Burg an: Die Burg war Teil der Stadtbefestigung, nicht ihr Gegenüber.
Der Hocheingang des Türmersturms, heute ein Fenster
Der Hocheingang des Türmersturms, heute ein Fenster. Solche Eingänge liegen hoch über dem Boden; sie sprechen für die Rolle des Turms als Bergfried.

Einordnung

Eine Stadt ohne Gründer

Wer eine Stadt gründet, schreibt es auf; wer eine Stadt wachsen lässt, nicht. Bischofsheim gehört zur zweiten Sorte, und das hat Folgen: Die Stadt hat keinen festen Gründungstag, keine Gründerfigur, keinen Anfangsmythos, wie ihn Städte mit Gründungsurkunde haben. Sie hat stattdessen einen Anfang, den man aus Spuren zusammensetzen muss: einer Heberolle, zwei Bürgermeistern, einem Siegel, einer Mauer.

Das erklärt vielleicht auch, warum die Stadtgeschichte so lange ihr Anfangsjahr 1237 mit sich trug. Ein Datum, eine Urkunde, ein Kaiser: Das ist eine Erzählung, die ein Stadtjubiläum tragen kann. Die Wirklichkeit war langsamer, kleinteiliger und eher kirchlich-fürstlich als kaiserlich. Das nimmt der Stadt nichts: Sie ist hundert Jahre früher, als man dachte, eine Stadt gewesen, nämlich 1288 spätestens, und hat sich ihre Verfassung selbst erarbeitet.

7 · Wie die Stadt aussahStraßen, Plätze, Vorstädte

Von der inneren Struktur der jungen Stadt lässt sich weniger sagen, als man hofft; Schneider betont immer wieder, dass exakte, durch Quellen abgesicherte Angaben fehlen. Was sich herauslesen lässt: Die Hauptstraße, ein Teilstück der alten Fernstraße, durchzog die Stadt von West nach Ost mit einer flachen Biegung nach Norden und führte vom Unteren Tor direkt auf die Tauber zu. Von ihr zweigten in unregelmäßiger Folge Seitengassen ab, die meisten nach Süden; besonders Manggasse und Eichstraße zeigen ein wenig geregeltes Bild, in dem sich Verhältnisse einer „präurbanen“ Siedlung erhalten haben könnten. In der nördlichen Hälfte erschloss eine Straße im Bogen parallel zur Mauer das Quartier (die spätere Pfarrgasse, heute St.-Lioba-Straße, und die Armengasse, heute Frauenstraße). Der rechteckige Marktplatz am Fuß der Niederterrasse, rund 90 mal 45 Meter, gehört zu den ersten städtebaulichen Maßnahmen; ob er auf freiem Gelände entstand oder nach der Regulierung älterer Bauten, könnten nur Grabungen klären. Eine Brücke wird 1360 als Ort der Geleitsübergabe genannt; Schneider hält es für gut denkbar, dass im Zug des Stadtausbaus erstmals ein fester Tauberübergang geschlagen wurde.15

Eine Grabung in der Liobakirche (1966) zeigte allerdings, dass sich die Siedlung schon lange vor der Stadtgründung in die Niederung hineinerstreckte: Unter dem Kirchenboden fand sich als ältester Bauhorizont eine Holzbauphase (12. Jahrhundert?), die älteste Keramik gehört ins 9./10. Jahrhundert; ein Brandschutthorizont zeigt, dass die Holzbauten einmal einem Feuer zum Opfer fielen, worauf eine Steinbebauung folgte, die zum Teil noch in die Zeit vor der Stadt zurückreichen könnte. Die stand, leicht erhöht und von ihrem Friedhof umgeben, am Rand der Terrasse und gehört wahrscheinlich schon zur Siedlung davor. Im Umfeld von Kirche, Burg und Markt lagen mehrere herrschaftliche Areale: die Grundstücke an der Hauptstraße, auf denen später die des Domkapitels, der Dompropstei und des Aschaffenburger Stifts standen, und, wohl bei der späteren Kellerei (Hauptstraße 44), der Hof des Mainzer Erzbischofs, den man um 1248 an Kraft von Boxberg verpfändet hatte; seine Funktion als Sitz der Herrschaft übernahm dann die Burg. Der Riedernhof nördlich unterhalb der Martinskirche ist das einzige sicher lokalisierbare Beispiel einer Parzelle einer in der Stadt ansässig gewordenen Adelsfamilie; auch die Herren von Rosenberg hatten im 15. Jahrhundert Häuser in der Stadt. Pfleghöfe von Klöstern fehlen dagegen: Fremde Klöster fassten in Bischofsheim nicht Fuß.16

Der Riedernhof, in dem 1955 noch das Landratsamt saß, ging in seiner letzten Form auf die Würzburger Barockzeit zurück; der Ostflügel hatte früher Arkaden, die später vermauert wurden. Für den Neubau des Landratsamts wurde er abgebrochen. Die Festschrift von 1955 verbindet den Hof mit einem Alexander von Riedern, den sie und den letzten seines Stammes nennt: Er habe das Gebäude 1588 seiner Frau Anna Maria von Crailsheim (gestorben 13. März 1623) geschenkt. In der Amtmannsliste bei Gehrig/Müller (Kapitel 10) steht er für dieses Jahr nicht, dort amtiert 1588 Antonius von der Gablenz; die Angabe bleibt deshalb ein Hinweis. Beide Namen kennt aber die Stadtkirche: Dort steht ein Grabmal für Alexander von Riedern und Anna Maria von Crailsheim.17

Das Grabmal für Alexander von Riedern und Anna Maria von Crailsheim in der Stadtkirche
Das Grabmal für Alexander von Riedern und Anna Maria von Crailsheim in der Stadtkirche.
Die linke Inschriftentafel des Grabmals
Die linke Inschriftentafel des Grabmals. Sie nennt Alexander als den letzten seines Namens und Stammes derer von Ridern.

Zu den öffentlichen Einrichtungen der Frühzeit zählt eine Badstube (erster Beleg 1388) und, wohl wegen des Bevölkerungswachstums, bis spätestens zur Mitte des 15. Jahrhunderts ein zweites Bad in der Manggasse. Die Kleine (heute Bachgasse) und die Große Gerbergasse tragen ihren Namen von den Gerbern, die das Wasser des Mühlkanals nutzten; am Kanal standen mehrere Mühlen, deren Gründung sich nicht datieren lässt, darunter die „äußeren“ Mühlen vor den Mauern (wohl auf dem Grundstück der Rollenmühle) und die spätere Badmühle in der Manggasse (1305 „Marckmühle in medio opidi“). Die Gerbereien sind erst im 18. Jahrhundert fest belegt. Aus dem späteren 13. Jahrhundert kennt die Heberolle in der Stadt auch Grundstücke des ehemaligen Schultheißen Folcger („in qua est arbor“: Auf dem Grundstück stand ein Baum) und einer Frau namens Lieberem. Ein stiftete gegen Mitte des 14. Jahrhunderts eine Bürgerin mitten in der Stadt, an der Südseite des Marktplatzes, mit einer Kapelle der heiligen Elisabeth; die Urkunden zu seiner Gründung sind spärlich.18

Mit dem Wachstum entstand vor dem Oberen Tor eine Vorstadt, in den Quellen erstmals 1494 als „in der oberen forstat“ greifbar, mit der Hauptstraße als Achse, die sich dort in die Fernstraßen nach Külsheim–Miltenberg und Hardheim–Heidelberg verzweigte und innerhalb der Vorstadt zweimal im rechten Winkel abknickte. Ein Graben verband sie mit der Stadtbefestigung („Glockengraben“ im Westen); eine durchgehende Mauer kam nicht mehr zustande, nur zwei Tore: das Kuhhirtentor im Westen und das Schafhirtentor gegen Hochhausen. Es war eine Vorstadt von Bauern: Die Beschreibung von 1816, die Fuhrwerke versänken im Kot und vor den Häusern lägen Mistpfützen, wodurch die Gegend einem Bauerndorf gleiche, dürfte auch für frühere Jahrhunderte gelten; es gab viele Scheunen im Besitz von Bürgern und herrschaftlichen Institutionen und, als Folge des Weinbaus, zahlreiche Keltern. Dort steht auch das älteste erhaltene Gebäude der Stadt, die Peterskapelle, um 1180 neu errichtet. Vor dem Unteren Tor entstand eine kleine untere Vorstadt; auf dem Wört am Tauberufer vermutet Schneider städtische Werkhäuser und vielleicht Darren, später einen Bleichplatz, und am Zimmerplatz lagerte man Bauholz. Jenseits der Tauberbrücke lag ein weiteres kleines Suburbium mit der Leonhardskapelle, der städtischen Ziegelei, dem Siechenhaus an der Mergentheimer Straße und einigen Häusern um die Straßengabelung nach Wertheim, Würzburg und Mergentheim. Vor dem Kuhhirtentor wohnte im 18. Jahrhundert der Wasenmeister, der ursprünglich auch die Aufgaben des Scharfrichters wahrnahm.19

Begriffe

Gassen und ihre Namen

  • Armengasse (Frauenstraße) :: Der Name geht auf den Standort des „Armen Spitals“ zurück. Nicht zu verwechseln damit ist die Frauengasse, die heutige Blumenstraße am Rathaus, wo die Hofgebäude der vier Frauenhöfe standen. Alfred Ferdinand Schmid Noerr erinnerte sich später an die „malerische Frauengaß“ mit Fachwerk und rebenüberschatteten Hofeinfahrten – gemeint ist unklar, welche von beiden.
  • Eichgasse (Eichstraße) :: Von der „Eich“, dem Ort, an dem die Weinfässer geeicht wurden; sie ging über den Mühlkanal. Ihr hinterer Teil hieß im 18./19. Jahrhundert „Türkei“. Das Viertel wirkt mit seinen engen, unplanmäßigen Gassen alt und könnte vorstädtisch sein, doch die erhaltenen Häuser stammen alle aus der Zeit nach 1550.
  • Manggasse :: Von den „Mangern“, den Walkern oder Gewebeglättern (lateinisch „telarum politor“); am Mühlkanal standen die Walkmühlen Kunkel und Reidel und die Badmühle, eine Getreidemühle. Der Volksmund nannte das Quartier „Kloa-Venedich“, Klein-Venedig.
  • Gerbergasse und Bachgasse :: Die Rotgerber wohnten, so Gehrig/Müller, immer am Ausgang der Stadt und in der Nähe eines Bachs oder Kanals, weil die Lohebrühe rotbraun und schmutzig war.
  • Klostergasse :: Früher Spitalgasse; erst das Franziskanerkloster nach dem Dreißigjährigen Krieg machte sie zur Klostergasse. Am Eck zum Marktplatz stand das erste Rathaus mit den Fleischbänken, heute das Bögner-Palais.
  • Martinsgasse :: Früher Kirchgasse; seit 1684 stand dort die Faktorei des Aschaffenburger Stifts, 1868 gründete Josef Lang in dem Haus eine Druckerei und gab die erste Zeitung der Stadt heraus, „Die Tauber“.
  • Mühlgasse :: Sie führt zur Herrenmühle („Mühle hinter dem Schloss“, zuletzt Hofersmühle, 1981 abgerissen) und gehört zu den alten Gassen der Vorstadt; die Gymnasiumstraße hieß früher Mühlenweg.
  • Zehntgasse und Rentamtsgasse :: Die Zehntgasse war nie Teil der alten Vorstadt; sie erinnert an eine Zehntscheuer, deren Platz niemand mehr kennt, und ist baulich kaum älter als 1900. Die Rentamtsgasse erinnert an das leiningische Rentamt, das nach 1800 die Mainzer Zehntrechte übernahm.
  • Schmiederstraße :: Früher Fuhr-, Schaf- und Grabenweg auf dem Stadtwall nördlich der Mauer; nach 1850 entstand dort das „Amtsviertel“ (Amtsgefängnis 1853, Spital 1866, Amtsgericht 1880).
  • Fischgäßchen und Glockengraben :: Das Fischgäßchen verdankt seinen Namen vermutlich einem Fischteich im verkauften Stadtgraben. Der Glockengraben war Teil des Hecken-Wall-Graben-Systems der oberen Vorstadt, das nur gegen Räuberunwesen schützte; die Glocken, an die man beim Namen dachte, stammen aus Nürnberg.
  • Sonnenplatz :: Nach dem Gasthaus „Sonne“, 1578 erwähnt, der Name seit 1629; die Herberge in der oberen Vorstadt war Station der Geleitzüge.
  • Kirchweg :: Der Name ist jung (nach der evangelischen Kirche), der Weg alt: Er war bis um 1770 die Geleitstraße nach Miltenberg, die vom Vorstadttor den Sprait hinaufführte (Geleitkarte von 1691). Auch durch das Schaftor am Ende der heutigen Bahnhofstraße zogen lange Zeit Geleitzüge Richtung Frankfurt.
  • Untere Gasse und Mittlere Gasse :: Ecksteine von 1591/92 mit „GD“ erinnern an den reichen Domkapitelsfaktor Georg Dillmann. Die Mittlere Gasse war bis zur Anlage der Ringstraße eine Sackgasse, ein Brand führte zu ihrer Öffnung.

Die Namen sind auch ein Spiegel der Stadtgeschichte; dass viele alte Gassen heute fast leer wirken, liegt an Abrisswellen im Pfarrviertel (1912 für die neue Martinskirche, 1960er für das Landratsamt, 1969/70 und 1980er für Banken und Kaufhaus).20

Quellenkritik

Wie viel weiß man über das Aussehen?

Für die Stadtbefestigung gibt es als Quelle allein den Zürnerschen Stadtgrundriss von 1790 und die Ansicht von 1792; sie dürfen nicht ohne Weiteres mit mittelalterlichen Zuständen gleichgesetzt werden. Das Steuerverzeichnis von 1578 liefert erstmals Straßen- und Quartiersnamen. Eine mittelalterliche Burg auf dem rechten Tauberufer (die „Brenner-Burg“) ist weder topographisch noch archäologisch belegt; der Name „Burgweg“ allein beweist nichts. Auch die Angabe, 1239 sei das hohenlohesche Burglehen erstmals genannt, hat Schneider nicht belegt gefunden; die Urkunde von 1222, die manchmal als erste Erwähnung der Burg zitiert wird, sagt kein Wort über eine Burg.

8 · Der Rest der GeschichteVon 1250 bis 1320

Die ersten sieben Jahrzehnte der Stadt waren für die Bürger Jahre des Ausbaus und der Gewöhnung an den neuen Zustand. Der Marktzoll zeigt, dass die Stadt Märkte hatte; die Mühle, die Weinberge und der Fronhof verraten, wovon man lebte; die Burg, die Bürgermeister und das Siegel, wie sich das Gemeinwesen ordnete. Eine Eintragung in einer Schenkungsurkunde von 1305 nennt einen Heinrich von Bischofsheim, Pfarrer in Brenden, der dem in Aschaffenburg Güter und die „Markmühle“ in der Stadtmitte vermachte; sie nennt , die bis heute gelten: Steinberg, Taubental, Bremenleite, Leintal, Büchelberg.21

Ein einschneidendes Ereignis, die Verfolgung der jüdischen Gemeinde 1298, gehört in dieselbe Zeit und hat ihr eigenes Kapitel. Das nächste führt weiter, in die Jahre, in denen der Erzbischof die Stadt immer wieder verpfändete und sie sich dennoch zu einer der reichsten des Oberstifts entwickelte.