Büscheme · Geschichte einer Stadt an der Tauber
Nächtlicher Blick vom Türmersturm auf die Stadtkirche von Tauberbischofsheim

Kapitel 5 · 1235 bis 1350

Pogrome und Pest

Die jüdische Gemeinde von Bischofsheim wird in den Quellen zuerst erwähnt, weil man sie ermordet. Das ist ihr Schicksal im Mittelalter, und es ist das Schicksal einer Stadtgeschichte, die lange nicht darüber sprach.

Lesezeit etwa 15 MinutenJüdische Gemeinde · Verfolgung · Schwarzer Tod
Nächtlicher Blick vom Türmersturm zur Stadtkirche

1 · Die Juden im ReichRechte, Geld und Sündenböcke

Wer von der jüdischen Gemeinde Bischofsheims erzählen will, muss zuerst sagen, in welcher Welt sie lebte. Die Juden des mittelalterlichen Reiches waren eine Minderheit mit eigenem Recht und eigenem Glauben, eingebunden in das Rechtssystem der Christen nur durch den Schutz, den ihnen der König oder ein gegen Zahlung gewährte. Dieses Schutzrecht, das , lag im Reich beim König, der es an die Fürsten verpfänden oder verkaufen konnte; die Goldene Bulle von 1356 bestätigte es den , zu denen auch der Mainzer gehörte. Wer ihn zahlte, durfte wohnen, handeln, beten und Kinder unterrichten. Wer ihn nicht zahlte, hatte keinen Rechtsschutz. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts galten die Juden als „Kammerknechte“ des Königs (sie entrichteten für den Schutz eigene Abgaben an die königliche Kammer), und schon 1209 soll Kaiser Otto IV. dem Mainzer Erzbischof das Judenregal übertragen haben. Weil es immer wieder verliehen, verpfändet und neu besteuert wurde, konnte jeder Landesherr in Geldnot Sondersteuern erheben, und das trieb wiederum die Zinsen. Im Kleinen waren die Juden eher Nachbarn als Fremde: In den Dörfern und kleinen Landstädten wie Bischofsheim bildeten sich, anders als in den großen Städten, nie eigene abgeschlossene Wohnbezirke; sie wohnten Haus an Haus mit den Christen.1

Es gab ein wirtschaftliches Muster. Den Christen war es durch das kirchliche verwehrt, Geld gegen Zinsen zu verleihen; Juden durften es, und sie waren in vielen , im Landhandel mit Vieh und Pferden und im Pfandgeschäft tätig, weil ihnen die verschlossen waren. Wer also Geld brauchte (der Erzbischof, der Adlige, der Weinbauer), ging oft zu einem jüdischen Geldgeber, und wer verschuldet war, hatte ein Motiv, wenn sich eine Gelegenheit bot, seinen Gläubiger nicht mehr zahlen zu müssen. Die des Mittelalters hatten viele Anlässe, und sie fanden viele Täter; aber ein wiederkehrender Hintergrund waren Neid, Verschuldung und eine religiöse Hetze, die Juden für Brunnenvergiftung, Hostienschändung und angeblichen Ritualmord verantwortlich machte. Keiner dieser Vorwürfe war wahr.

Die Verfolgungen kamen in Wellen. Die erste große Welle begleitete 1096 den Ersten Kreuzzug; die zweite um 1146 den zweiten; die weiteren 1235 in Fulda und im ganzen Taubertal, 1298 unter dem Namen „Rintfleisch“, 1336 bis 1338 unter dem Namen „Armleder“ und 1348 bis 1350 im Zug der . In allen diesen Wellen lag Bischofsheim im Verfolgungsgebiet, auch wenn es nicht immer Zeugnisse gibt.

Jüdische Gemeinde und Verfolgungen, 1235 bis 13751230124012501260127012801290130013101320133013401350136013701380139014001235Erstes Pogrom,Juden erstmalsgenannt1337Armleder: Gemeindevernichtet (10.Juni)1343Gemeinde neugebildet1349Pestpogrom1356Erzbischof schütztJuden Gottlieb1375Juden als Geldgeberdes Grafen vonNassau
Die jüdische Gemeinde im Mittelalter: Nach der Vernichtung der Gemeinde 1337 bildete sich bis 1343 eine neue; auch nach 1349 kehrten Juden zurück.

2 · 1235Der erste Beleg ist ein Mord

Die erste Nachricht von Juden in Bischofsheim ist die Nachricht von ihrer Ermordung. Im Januar 1235 wurden in Bischofsheim und Lauda unter dem Vorwurf des Ritualmordes (sie sollten einen christlichen Knaben getötet haben) sieben oder acht angesehene Juden gefoltert und verbrannt. Der Vorfall gehört zu einer Kette von Beschuldigungen, die im Dezember 1235 in Fulda ihren Ausgang nahm; Kaiser und Papst erklärten solche Vorwürfe später für haltlos. Wir kennen das Ereignis aus einem hebräischen Zeugnis, einer Klage über die Hingerichteten, die in der Gegend entstand.2

Weil die Nachricht aus dem Jahr 1235 kommt, wissen wir auch, dass die Gemeinde damals schon eine ansehnliche Größe hatte: Schneider zählt sie seit dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts zu den nicht kleinen Gemeinden der Gegend. Ein halbes Jahrhundert später, im Dezember 1285, versprachen Miltenberg, Bischofsheim und Amorbach dem Mainzer Domkapitel in der Zeit der Gehorsam, und das Domkapitel sollte die drei Städte „Christen wie Juden“ schützen. Der Satz zeigt, dass jüdische Bürger als Teil der Stadtbevölkerung galten, nicht als Fremde.3

3 · 1298Der Zug des „Königs Rintfleisch“

Im Frühjahr 1298 beschuldigte man in Röttingen an der Tauber Juden, eine geschändet zu haben. Die Röttinger Juden wurden verbrannt, und ein Mann, der sich „König Rintfleisch“ nannte, zog mit seinem Haufen durch Franken und die Oberpfalz und vernichtete 146 jüdische Gemeinden, zwischen Mai und September 1298. Das Nürnberger führt die Namen von 3441 Ermordeten aus 44 „Blutstädten“ auf. Über König Albrecht, der die Verfolger später vorgehen ließ, wird erzählt, dass er die Städte, in denen Juden erschlagen worden waren, mit Geldstrafen belegte.4

Rintfleisch wird in manchen Quellen „Ritter“ genannt; ob er das war, ist nicht mehr zu prüfen, manche halten ihn für einen Metzger und seinen Namen für einen Spitznamen. In der Nachbarschaft wurde der Vorwurf zur Legende: In Lauda soll aus einer von einem Juden durchstochenen Hostie Blut geflossen sein; an der Stelle, wo man die vergrabene Hostie gefunden haben wollte, entstand die Blutskapelle, und bis in die Neuzeit feierte man am Sonntag nach Fronleichnam den „Blutssonntag“. So lange hält sich ein Gerücht, wenn es einmal zur Einrichtung geworden ist.5

Für Bischofsheim nennt die lokale Überlieferung den 24. Juli 1298 und die Zahl 131: 131 jüdische Gemeindemitglieder seien gefangen, nach Gamburg getrieben und dort verbrannt worden. Diese Zahl begegnet bei Hau, bei Müller, bei Gehrig/Müller und in der Jewish Encyclopedia von 1904, die das Datum nennt, aber sie ist, wie Hau selbst durch das Wörtchen „sollen“ erkennbar macht, eine Überlieferung, keine Zählung. Eine Quelle, die sie belegt, wird nirgends genannt. Mehr als ein Vorgang und seine ungefähre Größe lässt sich nicht sagen: In der Stadt wurde die Gemeinde fast ganz ausgelöscht.6

4 · Zwischen den PogromenGeld, Schutzbriefe, Bürgen

Und doch kamen Juden zurück. Das ist der erstaunlichste Befund der Quellen: Wo eine Gemeinde ausgelöscht wurde, siedelten sich wenige Jahre später wieder Juden an, weil Geld verliehen werden musste und weil Landesherren Schutzgelder wollten. Schon 1328 ist ein Jakob als „Judenbürger“ in Nürnberg bezeugt, der sich nach seinem Wohnort „von Bischofsheim“ nennt. Am 19. November 1333 zahlten Süßkind von Aschaffenburg und Yeckelin, „gesessen zu Byschoffesheim“, den Herren von Weinsberg 1000 . Das zeigt, wie weit jüdische Geldgeber im Oberstift vernetzt waren.7

Das Verhältnis zur christlichen Bürgerschaft war eng. In der Stadt gab es, wie Schneider anmerkt, keine Ghettos; wie in anderen kleinen Landstädten wohnten Juden Haus an Haus mit Christen. Auch das Recht band sie ein: Als die Zentordnung zwischen 1343 und 1347 aufgezeichnet wurde, hieß es, geladen würden Ritter, Knechte, Bürger und Juden, sie waren also Zentleute wie alle anderen; zu den Pflichten des Amtmanns gehörte ausdrücklich der Schutz der Fremden und Juden. Ein in Bischofsheim ausgestellter jüdischer Scheidebrief von 1343 zeigt, dass sich die Gemeinde neu gebildet hatte und wieder nach ihrem eigenen Recht lebte.8

5 · 1336 und 1337Die Armleder

Im Frühjahr und Sommer 1336 überfiel ein Ritter aus der Nachbarschaft, Arnold III. von Uissigheim bei Külsheim, nach dem Lederschutz, den er am Arm trug, „Armleder“ genannt, mit seinen Haufen die jüdischen Gemeinden Frankens. Der Auslöser war wieder ein Hostienvorwurf in Röttingen; die Anhänger waren verschuldete Bauern und Kleinadlige. Nach der Überlieferung stand Arnold in Rothenburg selbst wegen unbezahlter Schulden bei Juden vor Gericht und behauptete dort, Juden verspotteten den Leib Christi. Den Hintergrund bildete die Verschuldung des Niederadels und kleiner Bauern- und Häckerfamilien, die vom Weinjahr lebten und die Zeit bis zur Lese mit Krediten überbrückten.9

Schon im September 1336 meldete ein bischöflicher Gesandter nach Avignon: „In Franken, und zwar in der Gegend von Bischofsheim, haben sich die Bauern einen König mit Namen Armleder gewählt“ und alle Juden niedergemacht, in Kitzingen, Ochsenfurt, Aub, Mergentheim und vier weiteren Städten; „dreimal belagerten sie vergeblich Bischofsheim, dort war man jedoch gerüstet“. Insgesamt, so der Brief, sollten 1500 Juden umgekommen sein. Unter den „Judenschlägern“ waren nicht nur Bauern mit Äxten, Dreschflegeln und Mistgabeln, sondern nach Ghiraldin auch „gemeine Bürger“, also die unteren Schichten der Städte; die Gemeinden in Buchen und Külsheim wurden ganz ausgelöscht. Ein Würzburger Bürgeraufgebot besiegte den Haufen bei Kleinochsenfurt; Arnold wurde gefangen, dem Zentgericht Kitzingen übergeben und am 14. November 1336 enthauptet; angeklagt war er nicht wegen der Judenmorde, sondern wegen Geldern, die er unter Vorwand von Reichen erpresst haben soll. Sein Grabstein in Uissigheim, auf dem „durch das Schwert“ zu lesen ist, wurde jahrhundertelang als Heiligengrab verehrt; dass ihn später die Legende zum Opfer der Juden machte, ist eine spätere Deutung der Grabplatte. Das Volk schabte, so wird berichtet, im Lauf der Jahrhunderte Sand vom Stein ab und mischte ihn als Heilmittel unters Viehfutter; dadurch ging am Fußende die Inschrift verloren, die man aus einem Vermerk im Diözesanarchiv Mainz noch kennt.10

Bischofsheim blieb zunächst verschont. Die Stadt, schreibt Schneider, wurde 1336 dreimal von den Haufen belagert, ohne dass sie hineinkamen: nichil potuerunt ibidem facere – sie konnten dort nichts ausrichten. Die Bürger hielten die Stadtmauer gegen sie. Erst im Juni 1337 fiel die Stadt, und die Juden wurden niedergemetzelt. Die Jewish Encyclopedia nennt den 10. Juni 1337; Hau datiert auf „1336/37“, Müller auf „1337, nachdem die Judenschläger dreimal vergeblich die Stadt belagert hatten“. Nach der Überlieferung, die Ghiraldin wiedergibt, hatte man 1336 den größten Teil der jüdischen Mitbürger im Keller des Vorgängerbaus des Bögner-Hauses am Marktplatz versteckt; im Juni 1337 sei die Stadt erobert und fast alle Juden nach Gamburg getrieben und verbrannt worden, viele hätten aus Angst vor Folter den Freitod gewählt. Ein Beleg für Versteck und Gamburg fehlt; Gehrig/Müller schreiben vorsichtiger, die Gemeinde sei „erschlagen oder nach Gamburg getrieben“ worden. Eine Quelle, die erklärt, warum die Stadt, die 1336 hielt, 1337 fiel, ist nicht überliefert; dass jüdische Bürger in der Stadt wohnten, die gegen die Angreifer verteidigt wurde, zeigt aber, wie verwickelt die Lage war.11

Was nach dem Pogrom mit dem Besitz der Ermordeten geschah, ist erhalten, und es ist bitter. Die Habe der Erschlagenen wurde verkauft: bis zum 31. Mai 1338 erbrachte das für das Erzstift 181 Pfund und 8 Schillinge. Am 18. Oktober 1338 erließ Erzbischof Heinrich III. dem Ritter Johannes von Riedern und seinen Söhnen ihre Schulden bei den Erschlagenen. Der Keller, der für das Rechnungsjahr vom 5. Juni 1337 bis zum 5. Juni 1338 abrechnete (es beginnt fünf Tage vor dem Datum der Jewish Encyclopedia), verbuchte den Verkauf eines Hauses „der Jüdin Schönlerin“ für 12,5 Pfund und eine „Judenzahlung“ von 31,5 Pfund. Es war, auch das, ein Geschäft: Wer Schulden hatte, wurde sie los. Dass der Zentgraf Gottfried Meckefisch noch 1333 als Bürge für die Jüdin Elisabeth und den Juden Benedict aus Bischofsheim auftritt, zeigt, wie eng jüdische und christliche Stadtbewohner verflochten waren, bevor das alles abriss.12

Vier Verfolgungen im Überblick
JahrAnlassWas in Bischofsheim geschahWie sicher
1235Vorwurf des Ritualmordes (Kette von Fulda ausgehend)sieben oder acht angesehene Juden aus Bischofsheim und Lauda gefoltert und verbrannthebräische Klage; erster Beleg der Gemeinde
1298Hostienvorwurf aus Röttingen, Zug des „Königs Rintfleisch“nach lokaler Überlieferung 24. Juli, 131 Tote in Gamburg; die Gemeinde „fast ganz ausgelöscht“Ereignis überliefert, Zahl nicht belegt
1336/37Hostienvorwurf aus Röttingen, „Armleder“-Haufen1336 dreimal vergeblich belagert, im Juni 1337 Stadt erobert, Gemeinde vernichtetbelegt; Tagesdatum schwankt
1348/49Brunnenvergiftungsvorwurf in der Pestzeitdie seit 1343 neu gebildete kleine Gemeinde ausgelöschtbelegt; Einzelheiten fehlen

Nach Hau 2018, Müller 1980, Gehrig/Müller 1997 und Schneider 2005. „Belegt“ heißt: Das Ereignis geht aus einer Quelle hervor; Zahlen sind überall Überlieferung oder Schätzung.

Quellenkritik

Wie sicher sind die Zahlen?

Sicher: 1235 in Bischofsheim und Lauda sieben bis acht Juden ermordet; 1337 Vernichtung der Gemeinde im Zug der Armleder-Verfolgung; 1338 Verkauf der Habe und Schuldenerlass; 1348/49 neuerliche Vernichtung.

Als Überlieferung zu behandeln: 131 Opfer am 24. Juli 1298, nach Gamburg getrieben und verbrannt. Die Zahl wird von Hau mit „sollen“ versehen; die Quelle ist nicht bekannt.

Zu unterscheiden: Ob die Opfer 1298 und 1337 „nach Gamburg getrieben und verbrannt“ wurden, ist eine Überlieferung; Gehrig/Müller sagen für 1337 „erschlagen oder nach Gamburg getrieben“, Schneider „niedergemetzelt“. Sicher ist nur, dass die Gemeinde damals vernichtet wurde.

Offen: Wie viele Juden in der Stadt lebten; ob sie 1336 in den Mauern waren; ob die Verfolgung 1337 am 10. Juni stattfand (Jewish Encyclopedia) oder in einem anderen Monat.

Die älteste Stadtgeschichte (Berberich 1895) schildert die Verfolgungen in einer Sprache, die selbst judenfeindlich geprägt ist; hier wird nur übernommen, was sich auf Quellen stützen lässt.

6 · 1348 bis 1350Der Schwarze Tod

Die Pest kam 1347 über das Mittelmeer nach Europa und erreichte 1348 das Reich. Sie tötete einen erheblichen Teil der Bevölkerung, und niemand wusste, warum. Wer eine Erklärung suchte, fand sie bei den Juden, die angeblich die Brunnen vergiftet hatten. Aufgehetzt von , Bußprozessionen, die durch das Land zogen, ermordeten Christen in den Jahren 1348 bis 1350 Juden in ganz Deutschland: Sie wurden nach Geständnissen, die unter der erpresst worden waren, verbrannt oder erschlagen, ihre Häuser geplündert und ihre Synagogen verwüstet. Am Ende der Pestzeit waren, so Hau, etwa 210 jüdische Gemeinden im Reich vernichtet.13

Auch die kleine Gemeinde, die sich in Bischofsheim seit 1343 wieder gebildet hatte, wurde 1348/49 ausgelöscht. Das ist das vierte Mal, dass die Quellen von einer Vernichtung sprechen, und wie bei jeder Vernichtung blieb nichts als ein Satz. Ob es in der Stadt selbst die Pest gab, in dieser Zeit, und wie viele Menschen sie tötete, wissen wir nicht; eine Nachricht über Pestopfer in Bischofsheim fehlt in den ausgewerteten Quellen. Erst später sind Pestzeiten greifbar: 1474 wurde die Sebastianuskapelle als Friedhofskapelle gebaut; bei der von 1549 ist die Peterskapelle mit Pestbegräbnissen bezeugt.14

Hintergrund

Der Vorwurf war schneller als die Seuche

Die Brunnenvergiftung gilt als Folge der Pest: Erst starben die Menschen, dann suchte man Schuldige. Der Ablauf war oft umgekehrt. Die ersten erzwungenen Geständnisse stammen vom Genfersee, wo der Bailli von Lausanne und der Kastellan von Chillon zwischen dem 15. September und dem 18. Oktober 1348 Juden foltern ließen. Die Nachricht von der nahenden Seuche eilte der Krankheit voraus, und die Furcht fand ihren Schuldigen, bevor die ersten Toten zu beklagen waren.15

Danach wanderte der Verdacht durch Briefe. Zwischen Basel, Köln, Chillon und Straßburg gingen Abschriften der Geständnisse von Rat zu Rat. Straßburg ließ die jüdische Gemeinde Mitte Februar 1349 vernichten (die Jewish Encyclopedia nennt den 16. Februar); in Worms wurden am 1. März 1349 Juden verbrannt.16 Papst Klemens VI. erklärte den Vorwurf schon 1348 für unglaubwürdig, ohne dass es etwas half.

Für Bischofsheim heißt das: Eine Pest in der Stadt ist für 1348/49 nicht überliefert, und die Vernichtung der Gemeinde braucht sie auch nicht als Erklärung. Ob Briefe, durchziehende Gruppen oder ein Beschluss vor Ort den Anstoß gaben, sagen unsere Quellen nicht.

7 · Nach den PogromenSchutzbriefe, Ausweisung, Schweigen

Auch nach 1350 kehrten Juden zurück, und die Mainzer Erzbischöfe gewährten ihnen meist gegen Geld Schutz. Ein Mainzer Erzbischof nahm 1356 den Bischofsheimer Juden Gottlieb in seinen Schutz, weil dieser ihm Geld zu niedrigem Zins zugesagt hatte. 1375 lieh Graf Ruprecht von Nassau bei Juden aus Mergentheim und Bischofsheim 1100 zu 29 Prozent Zinsen. 1377 quittierte ein Isaak von Alanczheim, Jude zu Bischofsheim, dem Würzburger Bischof Gerhard Zinsen; von 1373 und 1390 nennen Geldverleiher, Pfandleiher, Viehhändler und Kleinwarenhändler. Die Judensteuer erscheint 1429 unter den Einkünften des Amtes.17

Dann reißt der Faden ab. 1470 ordnete Erzbischof Adolf II. von Nassau die Ausweisung aller Juden aus der Stadt Mainz und dem gesamten Erzstift an, und die Maßnahme traf auch Bischofsheim und Külsheim. Seine Nachfolger kehrten, wie Hau schreibt, zur früheren „relativen Liberalität“ zurück, beschränkten aber die Zahl der . Wie die Stadt das Zusammenleben regelte, zeigt ein Detail, das Berberich festhält: Der Kirchhof war für Juden gesperrt, und der Ruf „Jud, mach mores!“ war bis Anfang des 19. Jahrhunderts noch in der mündlichen Erinnerung des Mesners.18 Für das 15. und 16. Jahrhundert gibt es keine Urkunde über jüdisches Leben in Bischofsheim; erst 1637 stellte der Mainzer Erzbischof wieder einen Schutzbrief für die dortige Gemeinde aus. Ob es in der Zwischenzeit durchgehend Juden in der Stadt gab, ist ungeklärt.19

Wo die Gemeinde eine Synagoge hatte, weiß man nicht. Schneider hält fest, dass es weder zum Mittelalter noch zur frühen Neuzeit eine Quelle zu Synagoge oder Standort gibt; die erste Spur ist ein Rabbiner, der 1729 mit sieben jüdischen Familien in der Stadt lebte, und das Gebäude in der Bachgasse stammt aus dem 18. Jahrhundert.20

Einordnung

Was die Stadt vergessen hatte

Die Zulassungsarbeit, die Bernhard Müller 1980 an der Universität Heidelberg über die Juden in Tauberbischofsheim schrieb, hält einen bestürzenden Befund fest: Die meisten Bürger wussten nichts von einer jüdischen Existenz in ihrer Stadt, weder im Mittelalter noch in der jüngsten Vergangenheit. Die Geschichte der Stadt war lange eine Geschichte ohne ihre jüdischen Bürger.

Das hat Gründe. Die ältere Stadtgeschichte (Berberich, Ogiermann) erwähnt die Verfolgungen am Rande, oft in der Sprache ihrer Zeit; die Gemeinde des 19. und 20. Jahrhunderts erscheint in der Festschrift von 1955 überhaupt nicht. Das hat dazu geführt, dass sich Bischofsheim als Stadt der Heiligen und der Kirchen erzählte. Für die Stadtgeschichte ist es aber eine Geschichte ohne diese Menschen nicht erzählbar. Die Juden der Stadt waren Gläubiger des Erzbischofs und Kunden der Bauern, Nachbarn der Bürger und Opfer von drei Pogromen in hundert Jahren. Wer sie auslässt, versteht auch die Verfolgung des 20. Jahrhunderts nicht, die in demselben Raum an eine Geschichte anknüpfte, die man kannte und nicht erzählte.

Das nächste Kapitel wendet sich einer anderen, helleren Seite derselben Epoche zu: den Jahrzehnten, in denen die Stadt ihre neu baute, ihr gründete und ein Maler kam, dessen Werk man nicht verstand.