1 · Ein Staat in GeldnotWarum Landesherren ihre Städte verpfändeten
Im Mittelalter hatte kein eine Staatskasse, wie wir sie kennen. Er hatte Einkünfte, aus Land, , Münzrecht und Gerichtsgebühren, und Ausgaben, die schwerer wogen: Fehden, Kriege, Reisen, die Wahlkosten für den Erzbischofsstuhl, Zahlungen an den Papst. Wenn das Geld fehlte, verkaufte er nicht sein Land, sondern verpfändete es: Ein Geldgeber schoss eine Summe vor und bekam dafür die Einkünfte aus Stadt und Amt, bis der Landesherr zurückzahlte. Das Land blieb rechtlich sein Eigentum; wer das besaß, zog Steuern ein, stellte den Amtmann und nutzte bei Burgen die Burg selbst.
Für die Mainzer Erzbischöfe war das ein gewohnter Weg. Mainz war ein reiches Erzstift, aber ein hochverschuldetes. Zwischen der Mitte des 14. und dem Ende des 15. Jahrhunderts wechselte Bischofsheim mit Stadt, Schloss und Amt mehrfach den Pfandherrn. Die Chronik dieser Jahre ist deshalb auch eine Liste von Namen (Grafen von Wertheim, Herren von Riedern, Grafen von Rieneck, ein Graf von Württemberg), hinter denen sich der Alltag der Bürger leicht verliert. Der Reiz dieses Kapitels liegt darin, beides zusammenzubringen: den , der das Geld braucht, und die Bürger, die sich dagegen versichern.
2 · Die AmtmännerWer im Schloss saß
Der Mann, der den Erzbischof in der Stadt vertrat, hieß Amtmann; die Burg, in der er saß, war sein Dienstsitz. Seit 1314 ist er nachweisbar, damals ein Ritter Johann von Riedern, der bis 1318 genannt wird. Die Riedern waren eine Familie, die fast zwei Jahrhunderte lang immer wieder das Amt innehatte (1396 bis 1401 Friedrich von Riedern, 1453 bis 1465 Eberhard von Riedern, 1479 bis 1493 Philipp von Riedern) und ihren Hof im Schatten der Martinskirche hatte, den späteren Riedernhof. Daneben erscheinen Herren von Rosenberg, Rüdt von Bödigheim, Seman aus Königheim, von Bickenbach, Adel von Tottenheim und von Stetten.1
Der Amtmann hatte viele Aufgaben: Burghut und Wache, Landesaufgebot, Aufsicht über Wälder und Jagd, Schutz der Fremden und der Juden, Aufsicht über das Geleit, Polizei. Zugleich war er, wie Ogiermann bemerkt, vom Domkapitel abhängig: Die Domherren erzwangen von den Erzbischöfen in den Wahlkapitulationen, dass die Amtleute dem Domkapitel ebenso zu schwören hatten wie dem Erzbischof. Der Erzbischof war also nicht der einzige Herr im Staat und deshalb auch nicht der einzige, mit dem die Stadt zu rechnen hatte.2
Neben ihm stand der Keller, der Finanzverwalter. Im Jahr 1338 erscheint er in einer Rechnung, die aus der Frühzeit der Stadt viel verrät: Er zahlte zwei Turmwächter, Wächter an der Schutzwehr des Schlosses, bessere Dächer im Schloss aus; er verbuchte Einnahmen aus dem Verkauf des Hauses einer Jüdin und aus der „Judenzahlung“, Bußen für Totschlag aus Dittigheim und Dienstadt, Ungeld und den Weizen, von dem es 10 Schillinge je kostete. Und er musste eine Fehde gegen den Herrn von Seinsheim bezahlen. Zwei Mal, 1342, übernachtete Erzbischof Heinrich III. von Virneburg im Schloss: das erste Mal verbrauchte er zehn Wein.3
3 · Der NeunstädtebundDie Stadt erhält ein Privileg
Auf der anderen Seite stand die Stadt, und sie hatte sich geschickt vorbereitet. Am 28. November 1346 gewährte der Mainzer Erzbischof elf Städten seines Oberstifts ein gemeinsames . Das Erzstift war in diesem Jahr zwischen Heinrich III. von Virneburg und seinem Nachfolger Gerlach von Nassau umstritten. Die Zusagen im Einzelnen: Bürger durften frei zwischen den Städten ziehen; es gab keine Sonderschatzung außer nach dem Urteil der Schöffen; eine Bede über die „rechte Bede“ hinaus wurde nur bei „ehafter und kundlicher Not“ und nur mit Mehrheit des Domkapitels erhoben; das war pauschaliert, zur Hälfte für den Erzbischof, zur anderen Hälfte für die Stadtbefestigung. Bischofsheim zahlte 66 , mehr als Miltenberg (45), aber weniger als Aschaffenburg (70) und Dieburg (100).4
Der Bund der „Neun Städte“, der aus diesem Privileg wuchs, war ein Zusammenschluss von Aschaffenburg, Miltenberg, Dieburg, Seligenstadt, Amorbach, Buchen, Walldürn, Külsheim und Bischofsheim. Heppenheim und Bensheim, die ursprünglich dazugehört hatten, schieden später aus. Er war nie ein Staat im Staat. Aber er gab den Städten, was einzelne nicht hatten: Er machte ihre Forderungen gleichlautend, er bot Rückhalt gegen Willkür, und er erlaubte es, bei Landtagen gemeinsam aufzutreten. Wie wichtig Bischofsheim in dieser Gemeinschaft war, zeigen die Steuerzahlen: 1346 trug es 15 Prozent des Steueraufkommens der neun Städte; 1391 war es unter den Städten an vierter Stelle (1344 bei einer Gesamtsumme von etwa 12.000), 1505 an zweiter (1450 Gulden, 19 Prozent), mehr als Aschaffenburg.5
Die Erzbischöfe bestätigten die Rechte der Stadt immer wieder, und die Stadt huldigte immer wieder: 1354 (Erzbischof Gerlach von Nassau), 1372, 1373, 1390, 1419, 1434, 1459, 1463, 1470 und weiter. Jede war ein Austausch: Die Bürger schworen Treue, mit einem Vorbehalt, der zeigt, wer wirklich der Herr war. Für den Fall, dass der Erzbischof gefangen genommen oder gestorben sei oder ein Gegenerzbischof auftrete, versprachen sie, dem Mainzer Domkapitel zu gehorchen. Der Mainzer Staat war eine Wahlmonarchie mit einem Aufsichtsrat.6
Begriffe
Pfand, Fehde, Stift
- Pfandschaft
- Ein Landesherr überlässt gegen Darlehen Stadt, Amt und Einkünfte auf Zeit einem Geldgeber, der sie bis zur Rückzahlung nutzt.
- Stiftsfehde
- Streit um das Erzstift: Mehrere Männer beanspruchen den Erzbischofsstuhl; Städte und Adel müssen sich entscheiden. In Mainz gab es solche Konflikte 1328 bis 1337, um 1354 und 1459 bis 1463.
- Huldigung
- Der Treueid der Untertanen beim Regierungsantritt des Landesherrn; im Gegenzug bestätigte er die Privilegien.
- Domkapitel
- Die Körperschaft der Domherren; sie wählte den Erzbischof und kontrollierte seine Finanzen.
4 · Die Stadt als Pfand1354 bis 1482
Die Verpfändungen beginnen in Zeiten der . Im Streit zwischen dem Erzbischof Gerlach von Nassau, seinem Vorgänger Heinrich von Virneburg und dem Gegenkandidaten Kuno von Falkenstein versprach man 1354 die Stadt dem Grafen Rudolf von Wertheim für 3000 ; 1357 kamen , also Einkünfte, für 1000 Gulden an Graf Eberhard, und ein Amtmann Eberhard Rüdt von Bödigheim wurde Pfandherr. Um 1370 wurde das Amt für 11.250 Gulden verpfändet. 1371 musste das Domkapitel das Schloss neu besetzen, weil Konrad von Stetinberg und Fritz Hoffener von dort aus räuberische Überfälle auf Priester des Würzburger Bischofs verübt hatten.7
Der Höhepunkt dieser Entwicklung war der 31. Oktober 1383. Erzbischof Adolf von Mainz verkaufte Burg und Stadt Bischofsheim mit allem Zubehör für 3000 Gulden an den Grafen Johann I. von Wertheim; sogar die Juden wurden dem Erzbischof als „zugehörig“ vorbehalten. Der Verkauf wirkte kaum nach: Schon das Testament des Grafen von 1398 rechnete Bischofsheim als Teil seines Erbes, ohne dass sich die Herrschaft verfestigt hätte. Aber es war ein Signal, dass nichts sicher war. 1401 kam Friedrich von Riedern gegen 1100 Gulden in den Besitz des Pfandes; 1409 wurde ein Teil des Schlosses an einen Herrn Strauß von Bensfort gegeben; 1423 hatte ein Adel von Tottenheim das Amt; 1429 wurden Gülten für 325 Gulden an Eberhard von Rosenberg, der 6500 Gulden zu fordern hatte, verschrieben.8
Dazu kommt die zweite Mainzer Stiftsfehde (1459 bis 1463) zwischen Diether von Isenburg und Adolf von Nassau. 1463 entband Diether die Städte von ihrem Eid; am 17. August 1467 sprach der Friede dem Grafen Heinrich von Württemberg, dem Koadjutor, also dem Nachfolger im Amt, Stadt, Schloss, Amt und Zent auf Lebenszeit zu; die Huldigung erfolgte am 30. Oktober 1467. 1470 verpfändete man das Schloss an Graf Philipp den Jüngeren von Rieneck. Das Inventar vom 24. Februar 1470 ist erhalten: eine Schlangenbüchse, zwei Tarrasbüchsen, drei Handbüchsen, zwei Armbrüste, zehn Betten, Zinn und Messing.9
Am 5. März 1482 schließlich löste der wieder eingesetzte Erzbischof Diether von Isenburg die für 12.650 Gulden aus und befahl den Bürgermeistern, Räten, der Gemeinde und den Dörfern der Zent, ihm zu huldigen. Seither, bis 1803, blieb Bischofsheim in der Hand der Mainzer Erzbischöfe.10




5 · Lehen und FrauenDie Burg-Familien
Eine andere Art von Fremdherrschaft war das Burglehen. Es war ein , das mit der Pflicht zur Verteidigung der Burg verbunden war; Inhaber waren zuerst die Schenken von Schüpf, dann die Hohenlohe, später die Herren von Hardheim. Ein Teil des Lehens bestand aus vier „Frauenhöfen“, deren Namen die Heimatforschung lange auf die heilige Lioba und ihr zurückführte. Gehrig/Müller denken eher an die Königin Uta oder eine Burgfrau: Eine Gräfin Irmengart von Nassau, Tochter des Kraft von Hohenlohe, wird 1368 „edel Burgfrau“ genannt. Seit 1375 trugen die Herren von Hardheim das Lehen, mehr als zwei Jahrhunderte lang, bis das Geschlecht 1607 erlosch. Im Jahr 1435 ist erstmals eine Lehenurkunde überliefert (Erzbischof Dietrich Schenk von Erbach): Reinhard von Hardheim wurde mit dem Burglehen und „neundhalb Pfund Geld auf der Bede“ belehnt.11
Das hohenlohische Burglehen hatte von allen die längste Dauer; die daraus erwachsenen Naturallieferungen wurden erst im 19. Jahrhundert abgelöst. Die Lehenurkunde des Erzbischofs Dietrich von 1435 nennt die vier Frauenhöfe, die „jährlich geben hundert Malter, in dem dritten Jahre neunzig Malter“, und eine von 1481 (Erzbischof Berthold) belehnt Graf Kraft von Hohenlohe damit: Er und seine Leibeslehenserben sollen „unser und unseres Stiftes Burgmanne zu Bischofsheim“ sein, „getreu, hold und gehorsam“, den Schaden warnen und das Beste werben, und bekommen dafür jährlich 40 Malter Korn, zehn Malter Weizen und vierzig Malter Hafer, „die man der Herrschaft Hohenlohe gewöhnlich geantwortet hat“. Wer die Frauenhöfe bewirtschaftete, zeigt ein Register von 1529, das den Stand von 1509 wiedergibt: 26 Gültpflichtige, von Peter Heffner (zwei Malter Korn, ein halbes Malter Weizen, zweieinhalb Malter Hafer) bis Hans Krafft (sieben Metzen Korn, zwei Metzen Weizen, 13 Becher Hafer); die ursprünglich vier Höfe waren durch Erbteilung und Verkauf immer weiter aufgeteilt worden. Wo sie lagen, ist unsicher; vermutlich in der Frauengasse, der heutigen Blumenstraße am Rathaus.12
Auf diesem Lehen ruhte ein Streit, der noch lange nachwirkte. 1752 verfasste das kurmainzische Amt ein Gutachten, in dem die hohenlohische Gült als Lehen erklärt wurde, das eine Gräfin von Hohenlohe, „welche in dem vormals zu Bischofsheim gelegenen Kloster ad Sanctam Liobam war“, dem Erzstift aufgetragen und dem Haus Hohenlohe wieder verliehen habe. Gehrig und Müller widersprechen: Im 17. und 18. Jahrhundert habe fast jedes Adelsgeschlecht seinem frühesten bezeugten Vorfahren ein bis zwei Jahrhunderte weitere Ahnen hinzugedichtet; den Namen Hohenlohe gebe es erst seit 1178, den Grafenstand erst seit 1450, und zwischen dem Liobakloster und diesem Burglehen lägen mehr als vier Jahrhunderte. Die Reichsschenken von Schüpf hatten das Burglehen zuerst, bis Ludwig Colbo 1235 wegen der Teilnahme an der Empörung gegen Friedrich II. abgeben musste.13
Als Schuldner der Gült erlebten die Bischofsheimer die Weltgeschichte: Nach der Schlacht am Weißen Berg (8. November 1620) fiel Graf Georg Friedrich von Hohenlohe, ein Gegner des Kaisers, der anheim; der Erzbischof wollte am 1. März 1621 vom wissen, wer nun Besitzer der Gültfrüchte sei, und bat den mit der Vollstreckung beauftragten Bischof von Würzburg am 29. März, den Mainzer Lehen keinen Schaden zuzufügen. 1634 war Hohenlohe als Anhänger der Schweden abermals in der Acht; der Amtmann Johann Schweikhardt von Sickingen erhielt Weisung, die 100 Malter für das Erzstift einzuziehen, und tat das auch noch, als die hohenlohischen Güter dem in Mergentheim geschenkt wurden (Schreiben vom 27. Juni 1637 an den Mergentheimer Rat Dr. Baumann). Im Mainzer Jurisdiktionalbuch von 1668 heißt es dann nüchtern: Hohenlohe habe vom Erzstift 100 Malter Früchte zu Lehen, davon seien „über 20 Malter ohngangbar“. Zwanzig Jahre nach dem Krieg waren viele Felder noch nicht wieder bestellt.14
Das Lehen brachte Konflikte. 1434 ließ Erzbischof Dietrich von Erbach eine feste Brücke über den Stadtgraben ins Schloss schlagen, und die Bürger beschwerten sich: Sie sahen die Verteidigungsfähigkeit der Stadt gefährdet. Die Burg war sowohl Schutz als auch Bedrohung.15
6 · Die StraßeWarum Bischofsheim reich war
Was machte eine Stadt dieser Größe (die Schätzungen schwanken zwischen 1400 und 1700 Einwohnern) so wichtig, dass sie im Steueraufkommen des Staates an zweiter Stelle stand? Die Antwort liegt in der Straße. Bischofsheim lag an der kürzesten Verbindung zwischen Nürnberg und Frankfurt, der Straße der Messekaufleute, und war Wechselstation für das Geleit.
Das Geleit war der gegen Gebühr gewährte Schutz für Kaufleute, ursprünglich mit bewaffneten Reitern. Am 23. Juli 1318 nahm Erzbischof Peter von Aspelt die Bürger und Kaufleute von Regensburg in Schirm und Geleit, „das sich anhebt in dem Markt Bischofsheim bis nach Oppenheim“. Um 1360 regelte ein Vertrag zwischen Mainz, Würzburg, den Grafen von Öttingen, Hohenlohe und Rieneck das Geleit der Augsburger: Mainz sicherte die Strecke bis Bischofsheim, Rieneck von dort bis Grünsfeld und Simmringen, Hohenlohe weiter nach Osten. In Bischofsheim wechselten die Geleitreiter; die Kaufleute zahlten, übernachteten, tauschten Pferde.16
Das Geleit war ein Machtinstrument. Es war ein Regal, ein Hoheitsrecht des Königs, das der Mainzer Landfriede von 1235 festschrieb und das seit etwa 1230/35 auf die Landesherren überging; Geleitgrenzen deckten sich dabei oft nicht mit Territorialgrenzen, was beständig Streit brachte. Die Reisenden zahlten Geleitgeld, einen Geleitzettel (1468 sechs Pfennig je Reisendem) und die „Fraßgelder“ für Verpflegung und Verehrung der Reiter; dafür haftete der Geleitherr für Schäden, sofern der Reisende die rechten Straßen benutzt und die Gebühren bezahlt hatte. Das Zeichen des Geleits war eine „Nestel“, ein Band mit Metallenden, dem man magische Kraft gegen Räuber zuschrieb. Wie sehr der Verkehr ein Wettstreit der Landesherren war, zeigt die Route selbst: Mainz führte den Messeverkehr zwischen Nürnberg und Frankfurt lange über Aub, Simmringen, Bischofsheim und Miltenberg, wo die Waren auf Schiffe verladen wurden; Würzburg setzte nach 1420 die Führung über Kitzingen und Würzburg durch, und erst 1520 einigten sich Brandenburg-Ansbach und Würzburg darauf, das Geleit zweimal hintereinander über Aub–Bischofsheim und das dritte Mal über Kitzingen–Würzburg–Kist–Bischofsheim zu führen. Dieses „alternierende Messegeleit“ hielt bis ins 18. Jahrhundert. Wer von Nürnberg nach Frankfurt zog, musste auf der Würzburger Route sechs Territorien durchqueren, vor 1420 sogar noch Hohenlohe, Weinsberg und Rieneck.17
Wie das aussah, zeigt der einzige Reisebericht aus dieser Zeit, der erhalten ist. Der englische Gesandte Walther de Mora, ein Dominikaner im Auftrag König Eduards III., reiste im Frühjahr 1346 nach Ungarn: über Köln und Mainz nach Miltenberg, übernachtete in Königheim, aß in Bischofsheim zu Mittag und schlief in Aub, um über Nürnberg und Regensburg weiterzureisen. Auf dem Rückweg im Juni 1346 übernachtete er in Bischofsheim. Die Tagesetappen lagen bei durchschnittlich 55 Kilometern.18
Der Handel war wirtschaftlich ein zwiespältiger Segen. Wagners Analyse kommt zu dem Urteil, Bischofsheim sei bis zum Dreißigjährigen Krieg „weniger aktiver Handelsplatz als Durchgangsstation“ gewesen: Man verdiente an Zoll, Geleit, Herbergen und Pferdewechsel, weniger am Handel selbst. Das Messegeleit von 1446 (ein Wagenzug mit 51 Reitern und 198 Pferden bei der Rückkehr von der Frankfurter Messe) oder der Anstieg des Frachtaufkommens um die Hälfte zwischen 1430 und 1480 geben eine Vorstellung vom Umfang.19


Dass die Stadt auf dieser Straße lag, brachte auch Gefahr. Am 9. Dezember 1462 wurde in Münnerstadt über zwei Nürnberger Warenzüge verhandelt, die der Graf Johann von Wertheim überfallen hatte, „zwischen Bischofsheim und Külsheim in das tiefe Tal“. Und am 19. Februar 1468 vereinbarten Mainz, Würzburg und Wertheim eine verbindliche Route zur Frankfurter Messe, die über Wertheim und den Main nach Miltenberg führte, an Bischofsheim, das damals an Württemberg verpfändet war, vorbei.20
Einordnung
Eine Stadt, die man nicht los wird
Auf den ersten Blick ist dieses Kapitel eine Geschichte der Schwäche: Die Stadt wird verpfändet, verkauft, verschenkt und zurückgeholt, ohne gefragt zu werden. Auf den zweiten Blick wird die Stadt in genau diesen Jahrzehnten stärker. Sie erhält Rechte, hat ein , zwei oder drei Bürgermeister, einen Rat aus Ratsherren und Zunftvertretern und schickt hohe Summen an den Landesherrn.
Der Widerspruch löst sich, wenn man sieht, wer das Pfand besitzt. Wer eine Stadt pfandweise erhält, hat ein Interesse an ihren Einnahmen, nicht an ihrer . Er will Steuern, Zölle und Geleitgelder, und die liefert eine Stadt mit funktionierender Selbstverwaltung zuverlässiger als ein Amtmann, der selbst im Pfandverhältnis steht. Die Bürger konnten sich so, Huldigung für Huldigung, ihre Rechte bestätigen lassen, und der Erzbischof, der sie auslösen wollte, hatte ein Interesse daran, dass sie nicht verfielen. Bischofsheim war kein Spielball, sondern ein Wertgegenstand, der durch häufiges Umschlagen nur wertvoller wurde.
Hintergrund
Geld aus Bischofsheim: Die Münzstätte
Das Münzrecht war ursprünglich ein königliches Recht und kam im Lauf der Zeit an die großen Reichsfürsten, auch an den Mainzer Erzbischof. Zwischen 1203 und 1408 wurden in Bischofsheim für Kurmainz mehrfach Münzen geprägt, vor allem Denare. Am Anfang steht ein Thronstreit: In der Zeit des staufisch-welfischen Doppelkönigtums setzte König Philipp von Schwaben den Wormser Bischof Luppold von Schönfeld als Gegenerzbischof ein. Weil die Mainzer Münzstätte in der Hand seines welfisch gesinnten Gegners lag, ließ Luppold von 1203 bis 1208 in Bischofsheim prägen, möglicherweise in einer Werkstatt im Keller des Vorgängerbaus des Zwingers. Seine Denare tragen auf der Vorderseite einen Bischof und die Umschrift „LVPPOLDVS EPS“, auf der Rückseite ein dreibogiges Gebäude und „BISCOFENEMSIS“. Eine andere Prägung nennt ihn „Würzburger Herzog“, offenbar hoffte er auf den Würzburger Bischofsstuhl und das Herzogtum Ostfranken.21
Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts ist wieder eine Bischofsheimer Prägung belegt: 1388 ein Denar nach Würzburger Schlag für Erzbischof Adolf I. von Nassau mit dem Mainzer Rad und der Umschrift „MONETA IN BISChOFShEIN“. Unter Konrad II. von Weinsberg (1390 bis 1396) entstanden gleich vier Denartypen, darunter ein Vierschlagpfennig nach Regensburger Schlag mit einem Bischofskopf und je einem „B“ für Bischofsheim; die zwei Köpfe auf der Rückseite sollen andeuten, dass in Mainz geistliche und weltliche Macht in einer Person vereint waren. Die letzten Münzen, einseitige Silberpfennige („Hohlringpfennige“) mit dem Mainzer Rad und einem „B“ auf dem Wulstring, prägte man von 1404 bis 1408 im Auftrag Erzbischof Johanns II.; die Urkunde über den Auftrag wurde am 20. September 1404 in Miltenberg ausgestellt.22
Das Geleit auf dem Gelände nachzugehen, hilft der Tagungsbeitrag Der Verkehrsweg Würzburg–Miltenberg mit historischen Karten und Fotos der .
7 · BürgerstolzWas die Bürger sich leisteten
Diese Jahrzehnte sind auch Jahrzehnte des Bauens. Um 1350 begann der Neubau der (davon im nächsten Kapitel), im 15. Jahrhundert wuchs die Obere Vorstadt, 1465 sind acht namentlich bekannt, 1405 erhält die Stadt zwei Jahrmärkte. Von den Bürgermeistern jener Zeit kennt man Namen: 1444 hießen sie Conrad Stoll, Endres Putner und Fritz Kulstein; Conrad Stoll ließ gemeinsam mit Conrad Heimburg das Sakramentshaus der Pfarrkirche errichten. Der Bürgerstolz drückt sich in den Glocken aus, die 1448 gegossen wurden und die Namen der drei Bürgermeister nennen.23
Der Landesherr ließ gewähren, solange das Geld floss. Im Jahr 1455 besuchte der Würzburger Bischof Gottfried IV. die Stadt und soll hier „fröhlich gelebt, gegessen, getrunken und getanzt“ haben; er starb am 1. April 1455 in Bischofsheim. Über ein Jahrhundert später zeigt sich, was passiert, wenn der Landesherr seine Städte nicht mehr gewähren lässt.24