1 · 24. Juli 1866Ein Gefecht vor der Stadt
Im Sommer 1866 kämpften im Deutschen Krieg Preußen und Österreich um die Vormacht im Deutschen Bund; die süddeutschen Staaten, darunter Baden, Württemberg und Bayern, standen auf der Seite Österreichs. Preußische Truppen drangen von Norden vor. Vom 18. bis 24. Juli 1866 lag die Stadt im Zentrum der Ereignisse: Bayerische Chevaulegers und eine österreichische Brigade biwakierten an der Tauberbrücke, am 20. Juli tagte der Kriegsrat unter Prinz Karl von Bayern, Prinz Alexander von Hessen und General von der Tann, am 22. Juli kam der König von Württemberg in die Stadt.1
Das Gefecht am 24. Juli, gegen 14 Uhr mit dem ersten Kanonenschuss einer Batterie an der oberen Kapelle auf dem Sprait eröffnet, endete mit dem Sieg der Preußen. Die Brigade Wrangel (Division Goeben) stürmte die Stadt; die Württemberger scheiterten, so Berberich, in fünf Angriffen an der Brücke. entstanden im alten und neuen , im Schloss, im Gymnasium, im Klosterflügel und in der Kegelbahn; Barmherzige Schwestern pflegten die Verwundeten. Am 28. Juli forderten die Preußen 12 000 Laib Brot, 80 Ochsen und 340 000 Zigarren; 76 Häuser waren beschädigt, die Stadt hatte etwa 118 000 Lasten.2
Der Zusammenhang, in dem das Gefecht stand, ist rasch erzählt: Der Preußischen Mainarmee stand das VIII. Bundeskorps (Baden, Württemberg, Hessen-Darmstadt und eine österreichisch-nassauische Division) unter dem Oberbefehl des Prinzen Alexander von Hessen gegenüber; das zugesagte bayerische VII. Korps kam nicht. Am 23. Juli gab es Gefechte bei Hundheim, Werbach und Hochhausen, am 24. bei Tauberbischofsheim und Impfingen, wo die Württemberger unter Generalleutnant von Hardegg standen: Sieben Kompanien des 2. Regiments lagen in Schützenlinie vor der Stadt, mit Barrikaden und besetzten Fenstern, den Befehl hatten sie, nur hinhaltend zu kämpfen. Die preußische 13. Division (Goeben, mit der Brigade Wrangel) griff ab etwa 13.30 Uhr an; ihre Artillerie vom Immberg zerstörte im am Hammberg eine Proviantkolonne von rund dreißig Wagen. Fünf württembergische Gegenangriffe über Brücke und Gärten scheiterten am preußischen Zündnadelgewehr, ein preußisches Bataillon des 55. Regiments watete durch die Tauber und setzte sich an der Lorenzkapelle fest; der letzte Angriff gegen 16 Uhr kostete die Brigade Hegelmaier die höchsten Verluste. Als sich die Badener bei Werbach zurückzogen, lag die rechte Flanke offen, und die Württemberger brachen ab; verfolgt wurden sie nicht. Beim Rückzug beschoss die württembergische Artillerie auch die Stadt, so dass „die Stadt an mehreren Orten brannte“ (Berberich); der badische Artilleriedirektor von Faber soll das weitere Niederbrennen des „befreundeten Nachbarstaates“ verhindert haben. Der Stadtpfarrer und zwei Kapläne gingen mit der Monstranz zu den Verwundeten, die nach Hunderten zählten; die Genfer Konvention von 1864 galt für alle beteiligten Staaten. Operativ hatte das Gefecht keinen Einfluss: Am 2. August folgte der Waffenstillstand, am 23. August der Prager Friede.3
Die Württemberger standen in einer isolierten Position in der Stadt und am Friedhof; ihre Aufstellung entlang der noch im Bau befindlichen Bahnlinie bot nur teilweise Schutz, und wichtige Höhen wie der Laurentiusberg blieben unbesetzt. Als die Preußen schnell in die Stadt vordrangen, mussten sich die Württemberger über die Tauberbrücke zurückziehen und boten dort ein offenes Ziel für die neuen . Die Preußen sollen an diesem Tag über 70 000 Patronen verschossen haben; später forderten sie 2000 Flaschen Wein für ihre Offiziere, und hanseatische Soldaten schleppten die ein, die mehr Opfer forderte als das Gefecht selbst.4
Wie viele starben? Die Zahl hängt davon ab, wie man zählt. Schneider nennt „mehr als 650 württembergische Gefallene“; das ist, wie die Namenstafeln zeigen, der Gesamtverlust, nicht die Zahl der Toten. Das Württemberg-Denkmal, das am 24. Juli 1867, am ersten Jahrestag, eingeweiht wurde (roter Sandstein, gestiftet von König Karl I. von Württemberg), nennt 12 Offiziere, 125 Soldaten und 63 Vermisste, zusammen rund 200 Namen. Das Massengrab, in dem 68 Soldaten liegen, befindet sich an der Albert-Schweitzer-Straße, Ecke Am Brenner; weitere 16 Württemberger ruhen auf dem Friedhof von Großrinderfeld. Das Denkmal wurde am 24. Juli 1867, dem ersten Jahrestag, ohne den König enthüllt (Rede: Generalleutnant von Rüpplin); die Inschrift lautet „Den tapferen württembergischen Kriegern, welche am 24ten Juli 1866 den Heldentod fanden“. Die Namen der zwölf Offiziere stehen auf drei Tafeln, die der Mannschaften nach Regimentern; allein das 5. Regiment „König Karl“ verlor 36 Gefallene und 18 Vermisste. Berberichs Angabe von etwa 200 Toten und Vermissten trifft also zu. Andere Darstellungen nennen 239 gefallene Württemberger und 433 Verwundete.5
| Angabe | Zahl | Was gezählt wird |
|---|---|---|
| Schneider 2005 | mehr als 650 | Gesamtverlust der Württemberger, nicht nur Tote |
| Landesarchiv Baden-Württemberg | 709 | Verluste der württembergischen Division |
| Andere Darstellungen | 239 Gefallene, 433 Verwundete | Gefallene und Verwundete getrennt |
| Württemberg-Denkmal (1867) | rund 200 | Namen: 12 Offiziere, 125 Soldaten, 63 Vermisste |
| Berberich 1895 | etwa 200 | Tote und Vermisste |
| Massengrab Albert-Schweitzer-Straße | 68 | begrabene Soldaten |
| Friedhof Großrinderfeld | 16 | begrabene Württemberger |
| 5. Regiment „König Karl“ | 36 Gefallene, 18 Vermisste | ein einzelnes Regiment |
Nach Schneider 2005, Birk 2016, Berberich 1895 und den Angaben des Landesarchivs Baden-Württemberg. Die Zahlen zählen Verschiedenes und lassen sich nicht einfach vergleichen.
2 · Das KaiserreichNeue Stadt in alter Hülle
Nach 1871 wuchs die Stadt. 1870 wurde die erste standesamtliche Trauung geschlossen (21 Eheschließungen im Jahr), 1872 fand die erste Direktwahl des Bürgermeisters statt: 401 Stimmberechtigte, 291 stimmten ab, 82,5 Prozent; Nikolaus May war bis 1884 im Amt, danach Alois Kachel (1885 bis 1908), unter dem 1896 die Wasserleitung gebaut wurde (Quelle bei Dittwar, 372 private Anschlüsse und zehn öffentliche Brunnen), 1900 die Elektrizität kam und 1907/08 die Volksschule entstand. 1884 wurde das Progymnasium zum Gymnasium; viele jüdische Schüler legten dort das Abitur ab.6
Die Wirtschaft litt. 1887 bis 1889 wurden etwa 85 Prozent der Rebfläche aufgegeben, unter anderem durch die Reblaus: Das Wahrzeichen der Stadt, der , brach fast zusammen. Eine Gemeinde mit evangelischer Christuskirche (geweiht 1895) und einem erzbischöflichen Knabenkonvikt (1871 gegründet, 1874 nach den badischen Gesetzen aufgehoben, 1883 als Privatpension des Geistlichen Lehrers Julius Berberich neu eröffnet, 1889 wieder , seit 1890 im Neubau am Steinberg; seit August 1941 diente es als Lazarett mit zeitweise 600 Verwundeten) war zugleich konfessionell vielfältiger geworden. 1900 zählte die Stadt 3430 Einwohner: 2909 Katholiken, 338 , 181 Israeliten (5,3 Prozent).7
Die Stadt feierte gern, und die Akten verzeichnen es genau. Zum vierzigjährigen Regierungsjubiläum Großherzog Friedrichs 1892 schickten die Stadträte eine Dankadresse nach Karlsruhe; aus dem mit 46 000 Einwohnern reisten drei Bürgermeister, darunter der Bischofsheimer Alois Kachel, die in sechs Bänden gebundenen Adressen aller Gemeinden wurden in einem Ebenholzschrein mit silbernen Figuren verwahrt, und die Stadt zahlte 50 Mark dazu. Am Geburtstag des Großherzogs, dem 9. September, leisteten die Einundzwanzigjährigen im Rathaussaal den Huldigungs- und Verfassungseid, den man früher beim Centgericht abgelegt hatte; die Listen von 1903 bis 1918 sind erhalten. Am 15. September 1909 beobachtete Kaiser Wilhelm II. vom Hammberg aus, der seither im Volksmund „Kaiserspitze“ hieß, das Herbstmanöver; der Führer der „blauen Armee“, General von Bock, hatte sein Hauptquartier im Haus des „Tauber- und Frankenboten“ genommen, 3000 Soldaten lagen in der Stadt, das Postamt arbeitete mit zehn Mann Verstärkung, über der Stadt kreiste das Luftschiff „Groß 2“, und das Gymnasium gab unterrichtsfrei. Nur die Tauberbrücke gefiel dem Kaiser nicht, sie solle „schöner und breiter sein“; sie war 1847 von der Regierung neu gebaut worden, und Gehrig/Müller meinen, der für spontane Urteile bekannte Kaiser hätte sich bei einem Blick auf die baufälligen Gebäude der Innenstadt vermutlich noch länger beschwert.8
Wie die Stadt sich selbst ordnete, zeigt der Aufruf zum Besuch der Großherzogin Hilda am 17. Juni 1913. Für das Spalier war die Reihenfolge genau festgelegt: erste Abteilung der Feuerwehr, Militärverein, Landwehr- und Reservistenverein, Männerhilfsverein, die Schulen, der Liederkranz, an siebter Stelle der Synagogenrat, dann Turnverein, Katholisches Kasino, Evangelischer Männerverein, Gesellenverein, Jünglingsverein, die Volksschule, zwei weitere Abteilungen der Feuerwehr, die Radfahrervereine „All Heil“ und „Vorwärts“, der Gewerbeverein und alle sonstigen Vereine. Der Synagogenrat stand damit zwischen Gesangverein und Turnverein, mitten in der Bürgerschaft.9
Auch das Wetter schrieb Geschichte. Am 10. Mai 1891 verwüstete ein Hagelunwetter mit fast haselnussgroßen Körnern beinahe die ganze Gemarkung, und die vom Unwetter nicht betroffenen Bürger spendeten für die Geschädigten. Am 29. Mai 1911 traf ein Unwetter mit Hagel und Wolkenbruch die nordöstlichen Fluren, riss meterbreite Gräben in Weinberge und Äcker und schwemmte ganze Weinberge ab; die Stadt nahm den Schaden für Gewann auf, von der Wolfstalflur bis zum Paimarer Weg. Schlimmer traf es die Nachbarn: In Paimar standen die Fluten vier bis fünf Meter hoch und elf Menschen starben, in Grünsfeld vier. Am 17. Januar 1920 stand das Taubertal noch einmal wie ein See; die einzigen Nutznießer waren, so die Quelle, die Maulwurfjäger, die für die Felle vier bis acht Mark erzielten. Und am 21. Juni 1984 brach zwischen Brehmen und Gissigheim der Damm eines Rückhaltebeckens, während bei Esselbrunn ein Wolkenbruch niederging; die Flut durchzog das Brehmbachtal bis in die Stadt und richtete auch in der unteren Hauptstraße schwere Schäden an.10
Zwei Entscheidungen prägten das Stadtbild. Seit 1899 hängen die beiden Grünewald-Tafeln in der Karlsruher Kunsthalle (Kapitel 14). 1910 wurde die spätgotische Martinskirche bis auf den Turm abgebrochen, der Turm um 13 Meter erhöht und 1914 die neue Kirche (Architekt Ludwig Maier) geweiht; der folgte 1917, an Pfingsten eingeweiht und von Stadtpfarrer Epp ausdrücklich als „Kriegsdenkmal“ bezeichnet; das von 1448, der Taufstein, der Marienaltar von 1517, das Riedern-Grabmal und der „Tauberbischofsheimer Reiter“ wurden übernommen. Bei dem Abbruch fand keine archäologische Untersuchung statt. Und 1901 bis 1904 wollte der Stadtrat das Schloss abbrechen; der Verwaltungsgerichtshof entschied am 3. April 1903 gegen die Stadt, der Bürgerausschuss stimmte am 22. April 1904 für den Erhalt. Die Verluste von Grünewald und Kirche gelten, so Gehrig/Müller, als die schmerzlichsten der Stadt.11
Wie die neue Martinskirche entstand, steht im Kunstführer von 1992. Nachdem 1895 die Pläne für einen Neubau konkret geworden waren, gründete man einen Kirchenbauverein, der bis zum Baubeginn 113 000 Mark zusammentrug; weitere Mittel kamen aus der örtlichen Kirchensteuer, aus dem Verkauf der Grünewald-Bilder 1899 und aus Fremdkapital. Am 14. März 1910 begann der Abbruch der alten Kirche, deren erhaltenswerte Ausstattung man einlagerte, am 16. Oktober 1910 legte man den Grundstein und am 24. Mai 1914 weihte Julius Knecht den neugotischen Bau, den das Erzbischöfliche Bauamt in Heidelberg geplant hatte: 51 Meter lang, gut 24 Meter breit, aus rotem Mainsandstein, mit hellgrauem Kalkstein, grünen Dachziegeln und einem Schieferhelm. Der Turm (69 Meter) ist im Kern noch und musste, nach der Erhöhung um 13 Meter, 1951 einen stählernen Glockenstuhl erhalten, weil das Mauerwerk dem Läuten nicht gewachsen war. Die Bauplastik hat Humor: An einer Konsole sitzen die Köpfe der Baumeister Meier und Schmidt, am Nordgiebel stehen unter einer Lioba-Statue die Steinköpfe des Stadtpfarrers Epp und des Bürgermeisters Wilhelm Weihrauch, und ganz oben an der Fassade steht der heilige Johannes von Nepomuk, „der auf der Tauberbrücke keinen Platz gefunden hat“. Die grundlegende Renovierung des Außenbaus und des Innern dauerte bis 1989.12
Im Frühjahr 1909 stand die Stadt kurz im Blickpunkt vieler Zeitungen: Auf dem gemeindeeigenen Gebiet am Sprait hatte man „Quecksilber“ gefunden, in einer Menge, die die kühnsten Hoffnungen weckte. Der Gemeinderat beantragte am 4. Juni 1909 beim Bergamt in Karlsruhe die bergrechtliche Verleihung, nannte das Bergwerk auf Anfrage am 6. Juni „Quecksilberbergwerk Stadtgemeinde Tauberbischofsheim“ und erlebte am 22. Juni die amtliche Fundbesichtigung. Bergmeister Naumann stellte fest, das Vorkommen beschränke sich auf einen halben Quadratmeter, und dass es sich auf seiner natürlichen Lagerstätte befinde, sei nicht erwiesen. Auch eine weitere Schürfung brachte nichts; ein Augenschein am 2. November 1912 verlief „resultatslos“. Übrig blieben Grablöcher auf dem Sprait und ein Aktenheft im Stadtarchiv.13
3 · Der Erste WeltkriegFronten und ein Lager
Beim Kaisermanöver 1909 fand Wilhelm II. an der Tauberbrücke einiges auszusetzen; die Bischofsheimer dankten ihm, indem sie die Spitze des Hammbergs „Kaiserspitze“ nannten. Im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) verloren nach Haun etwa 150 Söhne der Stadt ihr Leben, darunter, je nach Quelle, fünf oder sechs jüdische. Auf dem Laurentiusberg entstand 1915/16 ein : Am 27. November 1916 waren dort 6926 Gefangene untergebracht, 6060 Russen und 866 Franzosen; Arbeitskommandos gingen in die Landwirtschaft, in die Schulmöbelfabrik und in das Brauhaus. Zwischen April 1916 und Dezember 1918 starben im Lazarett 279 Kriegsgefangene (202 Russen, 32 Franzosen, 13 Rumänen, 30 Italiener, 2 Briten); der Bürgermeister meldete im August 1918, dass keine Begräbnisplätze mehr vorhanden seien. Ein Gedenkstein an der oberen Friedhofsmauer, teilweise kyrillisch beschriftet, erinnert an sie.14
Das Lager auf dem Laurentiusberg gehörte zu einem System. Bis 1918 hielt das Deutsche Reich weit über zwei Millionen Kriegsgefangene fest, die meisten von ihnen Russen. Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 durften Gefangene, ausgenommen die Offiziere, zur Arbeit herangezogen werden, wenn die Arbeit nicht übermäßig war und nichts mit den Kriegshandlungen zu tun hatte. Das Reich nutzte das, um den Mangel an Arbeitskräften in Landwirtschaft und Gewerbe auszugleichen: Die Gefangenen wurden in großen Stammlagern verwaltet und von dort in kleinen Arbeitskommandos zu Höfen und Betrieben geschickt. Das Stammlager war dann vor allem Verwaltung, Quartier und Lazarett.15
Wie das Lager entstand und wie es lief, haben die Akten und Uwe Büttner festgehalten. Im April 1915 kamen die ersten dreißig Gefangenen aus den Lagern Rastatt und Mannheim als Erntehelfer: Zehn Russen wurden im Saal der „Bretze“ untergebracht, bewacht von drei Landsturmmännern im Dreibettzimmer, für die Gefangenen zahlte man 15 Pfennig je Kopf und Nacht. Die Landwirte hatten täglich beim um ein Lager auf der Gemarkung gebeten; am 9. Dezember 1915 teilte das 14. Armeekorps mit, auf dem Laurentiusberg werde eines für 10 000 Mann gebaut. Die Kommandantur („Kommando 917“) saß im Jägerhaus des Schlosses. Die Lagerverwaltung betreute von hier aus alle Gefangenen des damaligen Landkreises Mosbach; am 5. März 1917 waren es 6590, nur 1174 davon im Lager und 5416 in Arbeitskommandos. Das sind gut vier Fünftel, und es zeigt, wofür das Lager vor allem da war: Es vermittelte Arbeitskräfte an Landwirte und Betriebe im ganzen Landkreis. Den Betrieben berechnete die Kommandantur 2,05 Mark je Kopf und Tag und gab dem Gefangenen davon 50 Pfennig, Bargeld und Alkohol zu übergeben war streng verboten; ab Juli 1916 kauften die Gefangenen mit Scheckmarken in zugelassenen Geschäften ein.
Von der Verpflegung wissen wir vor allem aus der Sicht der Verwaltung. Auf dem Speiseplan standen Ersatzkaffee, Gemüse, dreimal wöchentlich Fleisch oder Fisch und täglich 300 Gramm Brot für 1,10 Mark am Tag. Als es auf großen Gutshöfen Beschwerden gab, antwortete die Kommandantur, die Russen hielten dünne Suppe für schlechte Verpflegung und liebten dicken Brei, der Franzose habe eine feinere Zunge. Der Satz zeigt die Haltung der Behörde; wie die Gefangenen ihre Lage erlebten, sagt er nicht. Zu bedenken ist auch, dass die Versorgung im ganzen Reich schlecht war: Die Kartoffelernte von 1916 war missraten, im „Rübenwinter“ 1916/17 ersetzten Steckrüben Kartoffeln und Brot, und das galt auch für die Zivilbevölkerung.
Die französischen Gefangenen führten Theaterstücke auf, hatten ein Orchester und eine Lagerzeitung, „L’Anti Cafard“, die in der Druckerei des „Tauber- und Frankenboten“ gedruckt wurde; die Titelgeschichte vom 1. November 1918 galt dem Denkmal auf dem Friedhof. Die gestorbenen Franzosen wurden nach dem Krieg auf Sammelfriedhöfe in Frankreich umgebettet.16
Die Zahlen der Toten lassen sich nur mit Vorsicht deuten. Am 27. November 1916 waren nur Russen und Franzosen im Lager (6060 und 866); die 13 Rumänen und die 30 Italiener unter den 279 Toten gehören also in die Zeit danach. Rumänien trat im August 1916 in den Krieg ein, italienische Soldaten gerieten in großer Zahl nach der Niederlage bei Karfreit im Oktober 1917 in Gefangenschaft. Eine Sterberate lässt sich nicht berechnen, weil die Belegung schwankte und der Durchschnittsbestand je Monat nicht bekannt ist. Woran die Gefangenen starben, geben die hier benutzten Darstellungen nicht an; die Sterberegister des Standesamts und die Lazarettakten wären dafür die Quelle, sie liegen als Archivalien vor und sind hier nicht ausgewertet.
4 · Die Weimarer JahreEin Bürgermeister, ein Museum
Von 1923 bis 1933 war Eugen Diebold der erste Berufsbürgermeister. Seine Amtszeit steht für Aufbau: Wohnungsbau, Kanalisation, eine Motorspritze (1924, die erste zwischen Heidelberg und Würzburg), die Umwandlung der Peterskapelle in ein Heimatmuseum, ein Ehrenmal für die Gefallenen von 1866 und des Weltkriegs. 1923 brannte die Schulmöbelfabrik am Wellenberg ab. 1926 starb der jüdische Religionslehrer Oskar Dreifuß; 1931 wurde nach Hau der jüdische Friedhof geschändet (sechs Grabsteine am 18. Februar), ein Beleg dafür findet sich bei Müller im Stadtarchiv nicht.17
5 · 1933 bis 1945Die Verfolgung der jüdischen Mitbürger
Die folgenden Absätze geben einen Überblick; sie stützen sich auf wenige, gut dokumentierte Darstellungen.
Am 28. Mai 1933 wurde Eugen Diebold bei der Bürgermeisterwahl mit 17 zu 18 Stimmen wiedergewählt (Zentrum zehn, acht nach Haun), doch die Regierung verweigerte die Bestätigung; der Gauinspekteur Adalbert Ullmer setzte den Sturmbannführer Hans Knab als durch (Juli 1933). Ende Oktober 1933 verlieh der Stadtrat dem Reichsstatthalter Robert Wagner das Ehrenbürgerrecht und benannte die Hauptstraße, die Königheimer Straße und die Straße zum Kalkwerk Wild in „Robert-Wagner-Straße“ um. Am 1. Mai 1936 wurde Kreisleiter Wilhelm Vollrath Bürgermeister.18
Die Verfolgung der Juden begann früh. Am 1. April 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert: SA-Posten, Zettel; Plünderungen sind nicht überliefert. Am 3. September 1933 wanderte das Ehepaar Katzenstein als erste jüdische Familie in die USA aus. Seit 1934 galt ein Marktverbot, 1935 ein Niederlassungsverbot für Juden in der Stadt; in den Tauberanlagen standen Schilder „Juden betreten diese Anlage auf eigene Gefahr“, die der Bürgermeister am 8. Juni 1936 mit Rücksicht auf die Olympischen Spiele „unauffällig, am besten bei Nachtzeit“ entfernen ließ.19
Im kam der . In der Nacht vom 9. auf den 10. November (Braun datiert die Ausschreitungen auf den Abend des 10., Hau auf den 9. November) stürmten SA- und NSKK-Männer die Synagoge in der Bachgasse, zerschlugen die Einrichtung und verbrannten Bundeslade, Torarollen, Bücher und Gebetsmäntel auf dem Marktplatz; das Gebäude wurde wegen der Nachbarhäuser nicht angezündet. Das Geschäft Leopold Sauers wurde geplündert. Schon im Juni 1938 war Raphael Bauer, ein jüdischer Viehhändler, verhaftet und am 31. Juli im KZ Dachau erschossen worden. Eine später erzählte Geschichte, Torarollen seien vor dem Feuer gerettet worden, ist nicht belegt.20
Am 3. September 1939 trieben SA und NSKK die letzten Juden der Stadt über den Marktplatz zur Bachgasse, ließen sie die Treppe der Synagoge mit der Zunge ablecken und im Mühlkanal Liegestütze machen („Wir sind die Kriegshetzer“) und sperrten sie bis zum 25. Oktober 1939 im jüdischen Gemeindehaus am Badischen Hof ein, nach Müller 26 Menschen, nach anderer Darstellung 15 Familien mit über 30 Personen. Dass Nachbarn ihnen heimlich Lebensmittel über die Mauer warfen, ist überliefert. Die Stadt kaufte am 29. Februar 1940 die Synagoge für 2000 Reichsmark. 1933 hatte es in der Stadt neben einem Dutzend Vieh- und Pferdehändlern 19 jüdische Geschäfte gegeben, vom Manufakturwarenladen über zwei Weinhandlungen bis zur Bank; 48 Tauberbischofsheimer Juden fanden nach Hundsnurscher in den USA oder in Israel Zuflucht. Am 22. März 1935 warf sich der aus Grünsfeld stammende Alfred Rosenbaum am Bahnhof vor den Zug, um dem Abtransport nach Dachau zu entgehen. Am 22. Oktober 1940 wurden 22 Juden um sechs Uhr benachrichtigt und um neun Uhr am Sonnenplatz abgeholt, nach Heidelberg und von dort nach in Südfrankreich . Sechs starben in Gurs, zwei in Noé, später folgten Theresienstadt, Riga und Auschwitz; Müller nennt als Überlebende, denen die Flucht aus Gurs ins Ausland gelang, Emil Bauer, Adolf Strauss, Hannelore Simons und Sannchen Heumann; Hau zählt nur drei.21
Zur Einsperrung von 1939 gehört noch dies: Die Gestapo Karlsruhe rügte den Wertheimer Kreisleiter Dr. Schmidt am 16. September 1939 für die Aktion und ordnete an, sie rückgängig zu machen. Dennoch durften die Eingesperrten das Gemeindehaus offiziell erst am 25. Oktober verlassen; weil ihre Wohnungen inzwischen mit Evakuierten aus der Pfalz belegt worden waren, kehrten sie erst Mitte Dezember zurück, und Hausrat hatte teilweise die NSV beschlagnahmt. Hermann Sauer, den man auf dem Marktplatz zum „Judenbürgermeister“ gemacht hatte, musste ein Schild tragen. Zu den wenigen, die halfen, gehörten nach Müller der Arzt Dr. Carl Dreist und der Landrat Klaus Tellenbach.22
Quellenkritik
Die Quellen zur NS-Zeit
Die wichtigsten Darstellungen sind Bernhard Müllers Zulassungsarbeit von 1980, der Aufsatz von Manfred Hau von 2018 und Joachim Brauns Arbeit von 2014. Sie widersprechen sich im Detail: Der Pogromabend wird von Braun und Müller auf den 10., von Hau auf den 9. November datiert, die Zahl der Opfer der Gedenktafel im Rathaus (35) lässt sich nicht aus den 22 Deportierten erklären. Die Festschrift von 1955, deren Schlussteil August Haun schrieb, der 1933 bis 1935 Schriftleiter des „Tauber- und Frankenboten“ war und 1945 zum Bürgermeister ernannt wurde, behandelt die jüdische Geschichte kaum. Haun und sein Mitherausgeber Josef Kiefer standen dem Zentrum nahe; dass sich der Ton einer Zeitung nach 1933 ändern musste, lag am wachsenden Druck der Nationalsozialisten. Wer die NS-Zeit in der Stadt darstellen will, ist auf Zeitzeugen, die Dokumentation „wegverbracht“ (2009) und die Archive angewiesen.
Die Synagoge wurde 1943 an einen Fabrikanten vermietet, 1949 nach Rückerstattung an die jüdische Nachfolgeorganisation JRSO gegeben und am 5. April 1950 an Privatleute verkauft; sie wurde zum Wohnhaus umgebaut. Eine Gedenktafel im Rathaus (1981) erinnert an die ermordeten jüdischen Mitbürger; am 22. Oktober 2010 wurde ein Memorialstein vor der Peterskapelle enthüllt, und am 17. Mai 2026 verlegte Gunter Demnig zwölf an vier Orten. Angeregt hatten das 2023 Nachkommen der Familie Brückheimer; fast 300 Menschen kamen dazu auf den Marktplatz.23

Hintergrund
Ein Ehrenbürger und sein Name: Richard Trunk und der Streit von 2025
Eine Frage der jüngeren Stadtgeschichte wird seit 2025 besonders öffentlich verhandelt: die nach Richard Trunk. Der 1879 in Tauberbischofsheim geborene Komponist (siehe den Kasten „Söhne der Stadt“ in Abschnitt 7) war Ehrenbürger der Stadt, nach ihm sind eine Straße und die städtische Musikschule benannt. Was über seine Rolle im Nationalsozialismus bekannt ist, wurde seit den 1980er Jahren mehrfach diskutiert; im Jahr 2025 geriet es erneut in die Schlagzeilen. Dieser Kasten fasst die dokumentierten Tatsachen zusammen und gibt die Positionen der Beteiligten wieder, ohne selbst zu urteilen. Er beruht auf der Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks und der Fränkischen Nachrichten bis zum 14. August 2025, ergänzt um einen Hinweis aus der Wikipedia (Stand 1. September 2026).24
Was belegt ist. Trunk trat nach übereinstimmenden Angaben 1931 in die NSDAP ein, am 1. November 1931 laut einem Leserbrief. Schon 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme, veröffentlichte er einen „Aufruf für Hitler“ mit dem Bekenntnis „Ich glaube an Adolf Hitler und an seine Sendung“; er steht bei Schneider, Geschichte der Hochschule für Musik und Theater München (2005), S. 335. Sein Chorwerk „Feier der neuen Front“ (op. 65) vertont Gedichte Baldur von Schirachs, ist „Adolf Hitler, dem Führer“ gewidmet, besteht aus den vier Teilen „Hitler“, „Des Führers Wächter“, „O Land“ und „Horst Wessel“ und wurde 1934 vor Hitler aufgeführt, 1935 bei einem NSDAP-Gaufest in Aachen unter dem jungen Herbert von Karajan; bis 1939 wurde es vielerorts gespielt. Von 1934 (so die Stadt; Rathert nennt 1933) bis 1945 war Trunk Präsident der Münchner Akademie der Tonkunst, der nach Berlin zweitwichtigsten Musikhochschule des Reichs. Am 8. März 1948 stufte ihn die Spruchkammer in Landsberg am Lech als „Mitläufer, Gruppe IV“ ein; er behielt seine Pension und lebte zurückgezogen in Riederau am Ammersee, wo er 1952 Ehrenbürger wurde; er starb 1968. Den Nachlass vermachte er seiner Geburtsstadt.25
Die Ehrungen. Die Ehrenbürgerwürde der Stadt wurde ihm 1933 verliehen; die Fränkischen Nachrichten schreiben sie dem damaligen Bürgermeister zu, ein Leserbrief nennt den Juni 1933, Haun 1955 den 25. August 1933, die Wikipedia das Jahr 1934. In jenem Sommer hatte der Reichskommissar für Baden dem gewählten Bürgermeister die Anerkennung verweigert und einen auswärtigen NSDAP-Mann ernannt, die NSDAP hatte im Gemeinderat keine eigene Mehrheit, auf Nicht-NSDAP-Mitglieder wurde Druck ausgeübt, ihre Mandate niederzulegen, und der Juni 1933 war zum „Monat der Nationalsozialistischen Erhebung“ ausgerufen (so ein Leserbrief, der sich auf das Buch „Der Main-Tauber-Kreis im Dritten Reich“ stützt). Die Straße vom Bahnhof zur Gartenstraße trägt seit 1929 seinen Namen, die Musikschule seit ihrer Gründung 1977 als Verein auf Vorschlag des damaligen Bürgermeisters; seit 1987 ist sie eine städtische Einrichtung mit heute 519 Schülern und 21 hauptamtlichen Lehrkräften, in der Werke Trunks laut Stadt „keine Rolle mehr“ spielen.26
Die Debatte von 1986. Als beim Bundesleistungssingen 1986 in Lüdenscheid Werke Trunks aufgeführt wurden, bat der Präsident des Sängerbundes Nordrhein-Westfalen die Stadt um Auskunft. Man sichtete das Archivmaterial, fand die Einstufung als Mitläufer und schloss, es könne „mit den angeblich nationalsozialistischen Umtrieben Richard Trunks nicht weit her gewesen sein“ (der damalige Bürgermeister, zitiert nach den FN von damals). Der Gemeinderat beschloss, keine weiteren Nachforschungen anzustellen. Ein Leserbriefschreiber hielt 2025 dagegen, die damalige Abfrage im Stadtarchiv sei oberflächlich gewesen, im Stadtarchiv stehe zur NS-Zeit wenig, der „Tauber- und Frankenbote“ von 1933 bis 1945 fehle (vermutlich beim Heranrücken der Amerikaner vernichtet), und schon 1982 habe Fred K. Prieberg in Musik im NS-Staat Trunk als Täter beschrieben. Auch nach 1986 sei, so ein Fraktionsvorsitzender, mindestens zehn Mal nichtöffentlich beraten worden.27
Der Streit von 2025. Im Februar 2025 berichtete BR-Klassik. Der Münchner Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert nannte Trunk „einen glasklaren Nationalsozialisten“ und keinen Opportunisten; die Einstufung als Mitläufer sei eine Schutzbehauptung, die Trunk durch ein Netzwerk in Ministerien und Entlastungszeugen erreicht habe, nach den Akten im Bayerischen Hauptstaatsarchiv; wer zwölf Jahre eine solche Hochschule leite, sei ideologisch zuverlässig gewesen und trage Verantwortung für zerstörte Karrieren. Rathert schlug ein öffentliches Forum mit allen bekannten Fakten vor, ein Zusatzschild an der Straße und eine rasche Umbenennung der Musikschule. Die Bürgermeisterin erklärte, die Ehrenbürgerwürde erlösche mit dem Tod, eine Aberkennung sei deshalb nicht möglich, und kündigte im April an, die Umbenennung der Musikschule vorzubereiten: „Es ist an der Zeit.“ Die Sitzungsvorlage vom 3. Juli begründete das damit, dass an einen Schulnamensgeber ein strengerer Maßstab anzulegen sei als an einen Normalbürger und die Vorbildfunktion wegen der propagandistisch verwendeten Werke nicht mehr gegeben sei; Vorschlag: „Städtische Musikschule Tauberbischofsheim“ ab dem Schuljahr 2025/26. Der Verwaltungsausschuss votierte am 17. Juli bei fünf Ja-, fünf Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen. Am 23. Juli setzte der Gemeinderat den Punkt auf Antrag eines Stadtrats der Freien Wähler mit 15 zu 5 Stimmen von der Tagesordnung ab; es gebe seit 1986 keine neuen Erkenntnisse. Die Fraktion der CDU sah „keinen Zusammenhang von Richard Trunk zum aktiven NS-Regime“, ein früher Parteieintritt sei kein Indiz für aktive Unterstützung; die Bürgerliste verwies auf die Beratungen von 1986. Die Bürgermeisterin bemerkte, neue Erkenntnisse lägen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen seit den 2000er Jahren durchaus vor.28
Die Leserbriefe. Die Fränkischen Nachrichten druckten im August 2025 zahlreiche Zuschriften. Die meisten forderten, den Gemeinderatsbeschluss zu überdenken und die Musikschule umzubenennen, einige mit Hinweis auf Trunks Eintritt mit 52 Jahren, auf „Mein Kampf“ (1925) und darauf, dass Beitritte nach 1933 oft Existenzgründe hatten, was bei ihm nicht zutreffe; mehrere forderten, die Straße umzubenennen oder zu kommentieren, einer wandte ein, ein Zusatzschild könne den Mann zugleich verharmlosen. Ein Leserbrief vermutete einen finanziellen Hintergrund, weil die Bürgerstiftung ihr Kapital dem Nachlass Trunks verdanke; belegt ist das in den Quellen nicht, auch die Stadt führt es nicht an. Ein anderer Leserbrief beklagte eine „gezielte Leserbriefflut aus immer der gleichen Moralin-Ecke“, verwies auf Günter Grass und Walter Jens und sah die Bewertung, nicht die Fakten, als strittig; darauf antworteten Zuschriften, Grass sei 1944 siebzehn, Jens 1942 neunzehn gewesen, Trunk dagegen 1931 schon 52, und es müsse erlaubt sein, auch Verstorbene kritisch zu betrachten. Ein weiterer Leser mahnte zur Besonnenheit („Wer ohne Sünde ist ...“) und hielt die Arbeit der Musikschule für wichtiger als die Namensdebatte.29
Wie man das einordnen kann. Gesichert sind der frühe Parteieintritt, das öffentliche Bekenntnis von 1932, das Hitler gewidmete Chorwerk, die Spitzenstellung in München und die Einstufung als Mitläufer von 1948. Umstritten ist die Bewertung: ob das ein „Mitläufer“ war, wie ihn die Spruchkammer sah, oder ein überzeugter Nationalsozialist, wie ihn Rathert beschreibt; ob ein Mann mit solcher Biografie als Namensgeber einer Musikschule taugt; und ob nach der Entscheidung von 1986 neue Erkenntnisse vorliegen. Zu beachten ist die Quellenlage: Haun würdigte Trunk 1955 im Heimatbuch ohne jede NS-Erwähnung (siehe „Söhne der Stadt“); die Zeitungen von 1933 bis 1945 fehlen im Stadtarchiv; Zeitungsberichte und Leserbriefe von 2025 geben Meinungen wieder; die Akten der Spruchkammer und des Hauptstaatsarchivs liegen außerhalb der Stadt. Wer sich ein Urteil bilden will, findet die Fakten bei Prieberg (1982) und Schneider (2005), die Debatte in den genannten Berichten. Nach dem Beschluss vom 23. Juli 2025 ist die Debatte versandet. Ein neuer Beschluss ist in den eingesehenen Quellen nicht zu finden; am 30. August 2025 meldeten die Fränkischen Nachrichten nach der Wikipedia, eine Neubewertung könne durch bisher unbekanntes Material begründet sein (die Meldung selbst wurde nicht eingesehen). Das ist zu bedauern: Eine Stadt, die ihre Geschichte ernst nimmt, kann die Frage nach Namen, Straßen und Ehrungen nicht mit einer abgesetzten Tagesordnung als erledigt betrachten. Das Forum, das Rathert vorschlug, ein öffentlicher Ort, an dem die Fakten zusammengetragen und besprochen werden, gibt es nicht; ein Anfang wäre, die Sitzungsvorlagen von 1986 und 2025 und die Beratungen dazwischen offenzulegen und die fehlenden Zeitungsjahrgänge aus anderen Beständen zu ersetzen.
6 · Krieg und KriegsendeMärz 1945
1944 und 1945 erreichte der Krieg die Stadt. Am 21. Juli 1944 fiel ein Bombenangriff auf die , etwa 89 Bombentrichter. Am Karsamstag, dem 31. März 1945, rückten gegen 11 Uhr amerikanische Panzer der 12. Panzerdivision in den Westteil; der Widerstand beschränkte sich auf den Ostteil, die Sprengung der Tauberbrücke misslang. Eine Granate in der Julius-Berberich-Straße tötete acht Menschen, darunter den Sparkassendirektor Emmerich Helmuth und seine Frau. Der , 750 Mann, trat nicht an. Königshofen wurde am 1. und 4. April zerstört; Tauberbischofsheim hatte keine nennenswerten Kriegsschäden. Eine Fehlzündung verhinderte die Sprengung; nach örtlicher Überlieferung war der städtische Amtsvollzieher Josef Treu, der sich den NS-Organisationen verweigert hatte, dafür verantwortlich. Bei der Reparatur der Brücke entdeckte man später einen überwölbten Raum der ehemals westlichsten Brückenöffnung.30
Wie die letzten Märztage aussahen, hat August Haun in der Festschrift von 1955 in einer Chronik festgehalten, die Tag für Tag aufgebaut ist. Seit dem 24. März 1945 strömten die Rückzugskolonnen aus dem Westen durch die Stadt. Die Heidelberger Lazarette waren geräumt worden, und wer gehen konnte, kam zu Fuß, „todmüde und hungrig“; das Rote Kreuz und die Bevölkerung verpflegten sie und brachten sie in Sälen und Schulräumen unter. Im Kreisgefängnis trafen in der Nacht zum 25. März 37 Insassen des Zuchthauses Ludwigshafen ein, die am nächsten Abend im Omnibus nach Ebrach weitergebracht wurden. Am Palmsonntag, 25. März, gab es Fliegeralarm, bei einem Angriff auf einen Zug bei Lauda starben viele russische Kriegsgefangene, und im Klosterhof bezog der Stab der 172. Infanteriedivision Quartier, der wohl auf den Schweinberger Höhen eine Widerstandslinie aufbauen sollte. Für etwa 600 Offiziere musste die Stadtverwaltung Quartiere besorgen. Am 27. März verschwand das Schild einer Gestapo-Abteilung vom Amtsgericht; ihre Männer, auch die im Jägerhäuschen einquartierten, zogen ostwärts, nachdem sie im Schlosshof von Gamburg Akten verbrannt hatten. Am 28. März entfernte man die Parteifahnen, die Führerbilder aus den Amtsstuben wurden verbrannt, und auf dem Marktplatz sammelten sich Hunderte ausländischer Arbeiter, die man mit Lastwagen nach Osten schaffte; die in der Stadt untergebrachten Polen, Franzosen und Holländer waren davon nicht betroffen. Am 27. März fand zugleich die Beisetzung eines 19 Jahre alten Soldaten aus Leipzig statt, bei der der 1873 gegründete Militärverein zum letzten Mal mit seiner Fahne auftrat; vier Tage später musste die Fahne den Amerikanern übergeben werden.31
Am Karsamstag, 31. März, ertönte seit zehn Uhr Geschützdonner; gegen elf rückten die ersten amerikanischen Panzer in den Westteil ein und fanden nur im Ostteil Widerstand von Soldaten, die am Vormittag aus Würzburg an die Tauber verlegt worden waren. Die Bevölkerung selbst leistete keinen. Vom Sprait aus nahm die amerikanische Artillerie das rechte Ufer unter Feuer, und die Sprengung der Brücke scheiterte, offenbar an einer zu schwachen Ladung. Haun hielt fest, die Stadt sei in dieser Stunde in höchster Gefahr gewesen, bombardiert zu werden, und hätte das Schicksal Königshofens erleiden können, wenn der Widerstand länger und stärker gewesen wäre. Insgesamt wurden 36 Gebäude beschädigt; in Trümmern blieb nur das Haus Lipp an der früheren Stadtmauer. Bereits am Nachmittag verkündete die Ortsschelle die ersten Anordnungen der Militärregierung: Alle Waffen, feststehenden Messer, Hakenkreuzfahnen, Vereinsfahnen, Feldstecher und Fotoapparate waren bis zum 1. April im Rathaussaal abzugeben, nachts durfte niemand die Straße betreten (von 18 bis 5 Uhr), und in der Bahnhof- und der Richard-Trunk-Straße beschlagnahmte man die ersten Häuser. Am Ostersonntag durften die Glocken wieder läuten. Bei Königshofen, Messelhausen und Vilchband wurde noch am Ostermontag gekämpft; auf dem Friedhof von Königshofen fanden mehr als fünfzig gefallene deutsche Soldaten ihre Ruhe. Hunderte, dann Tausende deutscher Gefangener wurden durch die Stadt nach Westen gefahren, die ersten lagen im Garten zwischen dem Haus Berberich und der Kinderschule, danach im Garten des Landratsamts, wo die Bevölkerung ihnen Lebensmittel zusteckte und Zettel mit Nachrichten für Angehörige annahm.32
Der Alltag unter der Militärregierung begann mit Zahlen. Am 16. April bestellte sie den Wertheimer Schneidermeister Carl Roth zum Landrat des Kreises, Sparkasse, Volksbank und Krankenkasse nahmen den Betrieb wieder auf, Geschäfte gaben Waren nur noch gegen Marken ab, und für die 75. Lebensmittelperiode wurden 5500 Karten ausgegeben. Die Stadt zählte in der Bestandsaufnahme 3324 ortsansässige Personen, 2336 Evakuierte und 639 Ausländer, zusammen 6299, dazu mindestens 800 amerikanische Soldaten, also rund 7000 Menschen. Das Rote Kreuz verpflegte in der Gaststätte „Zum Grünen Baum“ seit dem 5. April die Ausländer, am 7. April mit 888 Mittag- und 963 Abendessen. Am 15. Mai hob die Militärregierung die Verdunkelung auf, die seit dem 1. September 1939 galt, also 2069 Tage. Im Landkreis wurden nach der amtlichen Statistik von 1948 insgesamt 1095 Gebäude beschädigt, davon 499 völlig; im Kreis kamen mindestens 200 Menschen ums Leben, die meisten bei den Kämpfen um Nassig, Tauberbischofsheim und Königshofen.33
7 · Der NeuanfangVertriebene, Wohnungen, Feste
Der Bürgermeister, den die Militärregierung im Juni 1945 einsetzte, war August Haun; im Mai 1946 wurde er entlassen, 1947 stellte die Spruchkammer das Verfahren ein. Ab April 1946 kamen über das Durchgangslager Gerlachsheim die ; 1950 hatte die Stadt 5824 Einwohner, 1239 davon Vertriebene, Ende 1954 5998. Im Baugebiet Schlacht entstanden bis 1954 491 Wohneinheiten; 1948 wurde die Martinimesse wiederbelebt und das Winzerfest eingeführt, 1951 das Frankenbad eingeweiht, 1955 die 1200-Jahr-Feier gefeiert (Lioba 735; Festschrift „Aus der Geschichte einer alten Amtsstadt“).34
In den Jahrzehnten danach wurde die Stadt Garnison (1959 bis 1961 Kaserne auf dem Laurentiusberg), Kreisstadt (Landkreis, 1973 Main-Tauber-Kreis), 1961 Partnerstadt von Duderstadt; im selben Jahr verlieh das Innenministerium der Stadt Wappen und Flagge: Der Topfhelm, der in den ältesten steht, aber nach 1500 durch die ersetzt worden war, kehrte zurück, und die im 19. Jahrhundert üblichen Stadtfarben Blau-Weiß-Gold wichen Rot-Weiß und 1966 von Vitry-le-François; 1970 eröffnete das Tauberfränkische Landschaftsmuseum im Schloss; 1971 bis 1975 wurden Hochhausen, Impfingen, Dienstadt, Distelhausen, Dittigheim und Dittwar eingemeindet; 2005 feierte die Stadt 1250 Jahre und machte Lioba zur Stadtpatronin.35
Söhne der Stadt
Künstler, ein Arzt und Ehrenbürger
- Richard Trunk (geboren am 10. Februar 1879) :: Der Komponist wurde im Haus am Marktplatz geboren, studierte 1896 bis 1899 an der Münchner Akademie der Tonkunst, leitete die Münchner Bürgersängerzunft, 1912 die Arion-Society in New York und von 1925 an den Kölner Männergesangverein, 1927 wurde er Professor. Zu seinem 50. Geburtstag feierte ihn die Stadt 1929 mit einem Festzug und einer Gedenktafel; die Straße vom Bahnhof zur Gartenstraße erhielt am 12. März 1929 seinen Namen, am 25. August 1933 wurde er Ehrenbürger. Von 1934 bis zum Kriegsende war er Präsident der Akademie der Tonkunst in München; er gilt als einer der Erneuerer der Männerchorliteratur. Seine Rolle im Nationalsozialismus ist umstritten; dazu der große Kasten in Abschnitt 5.
- Josef Dürr (1877 bis 1917) :: Der Dialektdichter wurde in der „Armengasse“ geboren, wurde Realschuldirektor in Sinsheim und fiel am 10. November 1917 bei Passchendaele. Otto Heilig würdigte ihn als „trefflichen Schilderer echten Bauerntums und kleinbürgerlichen Lebens“; seine Gedichte in der ostfränkischen Mundart der Heimatstadt wurden bei Schulfeiern und geselligen Veranstaltungen gern gehört, und im Baugebiet „Schlacht“ trägt eine Straße seinen Namen.
- Karl Hergt (gestorben 1889) :: Der Sohn des Apothekers wurde Arzt, folgte Christian Roller an die Heilanstalt Illenau und leitete sie von 1878 bis zu seinem Tod; dort erinnert der „Hergt-Bau“ an ihn.
- Alois Kachel :: Bürgermeister von 1885 bis 1908, unter ihm entstanden Wasserleitung und Elektrizität; am 13. Juli 1912 überreichte man ihm beim goldenen Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr die Ehrenbürgerurkunde.
- Sebastian Otto (geboren am 11. Juli 1840) :: Erster Leiter des 1871 gegründeten Knabenkonvikts, später Regens des Priesterseminars St. Peter und Domkapitular in Freiburg; 1915 zum goldenen Priesterjubiläum Ehrenbürger, er stiftete der Stadt eine Summe für die Armen.
- Mathias Schmieder :: Der Oberamtmann, nach dem die Schmiederstraße heißt, war nach 16 Dienstjahren in Tauberbischofsheim der erste Ehrenbürger der Stadt; er dankte 1877 aus Staufen.
- Wilhelm Grein und Jakob Schmitt :: 1907 wurden der Oberlehrer Grein (an der Volksschule 1882 bis 1907) und der Prälat und Domkapitular Dr. Jakob Schmitt (geboren am 10. September 1834 als Sohn eines Rektors der Volksschule, gestorben am 17. September 1915) Ehrenbürger.
- Wilhelm Burger (1880 bis 1952) :: Weihbischof und Domprobst in Freiburg, Ehrenbürger der Stadt; seine Vorfahren stammten aus Tauberbischofsheim, wo noch die Häuser der Großeltern am Kirchplatz und in der Liobastraße stehen.

Auch die katholische Gemeinde östlich der Tauber bekam ein Gotteshaus. Weil die Zahl der Gemeindemitglieder durch den Zuzug von Heimatvertriebenen und Bundeswehrangehörigen wuchs, baute man 1964 bis 1967 die St. Bonifatius, zugleich Militärkirche des Standorts. Beim Ausschachten im Gewann „Kapellenäcker“ fanden sich Siedlungsreste und Gräber von der Jungsteinzeit bis zur fränkischen Zeit, ein Zeichen, wie alt die Besiedlung dieser Talseite ist. Architekt war Erwin van Aaken aus Würzburg, der Grundstein wurde am 8. November 1964 gelegt, die Weihe vollzog Weihbischof Karl Gnädinger am 30. September 1967. Zwei sich kreuzende Satteldächer über einem quadratischen Betonsockel ergeben einen zeltartigen Raum um einen als Mittelpunkt, wie ihn das Zweite Vatikanische Konzil für die Liturgie verlangte; den Turm von 35,7 Metern stellte man bewusst neben die Kirche. Die vier Glasfenster schuf Emil Wachter aus Karlsruhe: Schöpfung im Süden, Pfingsten im Norden, das Lamm im Osten, die Zeit und ihr Ende im Westen, dort großenteils von der Orgel verdeckt. Bei den Entwürfen verzichtete man auf Betonglaswände, die der Künstler zuerst vorgeschlagen hatte, zugunsten einer Bleiverglasung.36
Einordnung
Eine Geschichte ohne Schlusspunkt
Die Stadtgeschichte endet nicht 1850, und sie endet auch nicht 1945. Die jüdischen Mitbürger, die das Mittelalter überlebt, die erkämpft und die Stadt mitgeprägt hatten, wurden in wenigen Jahren verfolgt, vertrieben und ermordet; die Erinnerung daran musste in der Stadt erst mühsam gegen das Schweigen der Nachkriegsjahre erarbeitet werden. Dass in den Jahren seit 1981 eine Tafel, ein Stein und Stolpersteine hinzukamen, ist Teil derselben Geschichte wie die Pogrome von 1298 und 1337: Erinnern ist eine Tätigkeit, keine Gegebenheit.