1 · Das 19. Jahrhundert und die StadtVon der Festung zum Verkehrsraum
Im 19. Jahrhundert änderten sich die Städte schneller als je zuvor. Neue Techniken wie Dampfmaschine, Eisenbahn und Gaslicht verlangten Platz. Die Mauern, die im Mittelalter Schutz und Steuergrenze gewesen waren, behinderten den Verkehr, und die Obrigkeiten, die sie hatten bauen lassen, gab es nicht mehr. Dazu kam ein neues Selbstverständnis der Bürger: Sie wollten sich zeigen, mit Rathaus, Schule, Bahnhof.
Auch das Land veränderte sich. Die Bauern wurden von Grundlasten befreit (in Baden durch Gesetze, die Zehnten und ablösbar machten), aber für die Ablösung mussten sie zahlen. Die /49 forderte und nationale Einheit und endete mit der Rückkehr der Fürsten. Und am Ende der Epoche, 1866, kämpften Baden und Württemberg gegen Preußen. Dieser Krieg kam Bischofsheim buchstäblich vor die Tür; das nächste Kapitel erzählt davon.
2 · Der AbbruchZwei Jahrzehnte, ein Ring
Die Entfestigung hatte 1812 mit der Anordnung begonnen, die Mauer abzutragen; jetzt wurde sie vollzogen. Unter Bürgermeister Stephan Weber (1822 bis 1832) wurde der Stadtwall im Norden abgerissen und die Häuserreihe an der späteren Ringstraße gebaut, die man „zum neuen Bau“ nannte; um 1823 trug man die Nordmauer ab, das Miltenberger Tor wurde 1823 auf Abbruch verkauft und 1845/46 abgebrochen. Am 19. Mai 1825 durchbrach man die Mauer bei der Brauerei, weitere Türme und Plätze wurden verpachtet oder versteigert. 1845 verschwand der Schneckenturm am Rathaus, der mittlere Graben wurde trockengelegt; 1855 ebnete man den Hirschgraben an der Burg ein.1
Das Untere Tor, an dem noch 1827 die Jahreszahl 1500 mit Mainzer Wappen zu lesen war, fiel am Ende. Das Tor, nutzbar nur 2,70 Meter breit, war zu eng für die Landstraße; die Stadt beschloss am 20. März 1851 den Abbruch, den der Maurermeister Adam Hoffmann für 500 bis 600 ausführte. Für sechs Wochen war die Landstraße von Wiesenbach nach Würzburg beeinträchtigt. Eine Zeichnung hält den Turm kurz vor dem Fall fest. Das letzte Tor, das Schäfertor, folgte 1866/67 (Beschluss 1857); ein Spott nannte es „polizeiwidrigen Stil“ gegenüber dem Bahnhof.2
Es gab auch Rettung. Der Türmersturm sollte 1848 auf Abbruch versteigert werden; Josef Zugelder, nach Berberich „ein richtiger 48er“, verhinderte die Versteigerung. Am 17. Februar 1849 kaufte die Stadt vom Fürsten Leiningen Schloss, Türmersturm und Rentamtsgebäude für 13 000 Gulden (Haun nennt 12 000 Gulden und 1850, Schneider den 1. Mai 1849; die Datierungen schwanken zwischen 1849 und 1850). Dass er heute steht, ist das Ergebnis einer Bürgerentscheidung.3
Wie hoch der Türmersturm wirklich ist, weiß die Literatur nicht genau: Ogiermann nennt 37 Meter Höhe und 28 Meter Umfang, Carlheinz Gräter maß 1969 rund 42 Meter, die Stadtverwaltung gibt 35 Meter an, andere Angaben nennen 28 Meter. Sicher ist die Zahl der Stufen: 119.4


3 · Die Brücke und der FlussEin Bauwerk stürzt ein
Die Tauberbrücke war das älteste und das gefährdetste Bauwerk der Stadt. Sie bestand nach dem Bericht der Regierung von 1836 aus sieben (sichtbaren) Bögen (ein weiterer am Unteren Tor war, wie sich 1970 zeigte, längst im Schlamm verborgen, siehe Kapitel 13), von denen drei steinerne Bögen „cassiert“ und durch Holz ersetzt worden waren. Bürgermeister Leonhard Reidel mahnte 1833 bis 1836 den Neubau; die Oberdirektion in Karlsruhe verwies auf den Rückstau des Mühlbachs und regte an, die Mündung um 300 Meter nach Norden zu verlegen. Die Stadtschulden betrugen über 70 000 Gulden.5
Dann kam das Wasser. Im Februar 1844 rissen die Einwohner selbst die Brückenbrüstungen ab, um die Flut abzuleiten; die Statuen des heiligen Nepomuk über dem Eisbrecher des dritten Pfeilers und der Muttergottes über dem vierten blieben verschont. Im März 1845 stieg die Tauber am 28. März um wenige Zentimeter höher als 1784, am 31. Mai noch einmal bis knapp einen halben Meter unter diesen Stand. 1847 wurde die alte, 97,20 Meter lange, siebenbogige Brücke abgebrochen, nachdem eine Notbrücke fertig war; sie sei, so das Gutachten, „äußerst schlecht erbaut, nur zu wundern, dass sie so lange gehalten hat“: Die Pfeiler hatten nur eine 70 Zentimeter dicke Mauerschale und waren innen mit Geröll gefüllt. An ihre Stelle trat zwischen 1846 und 1850 eine Holzbrücke auf vier steinernen Pfeilern für rund 50 000 Gulden.6
Zum Wasser gehörten auch die Menschen, die es lenkten. Am Mühlkanal gab es das untere und das obere „Ablasshaus“, an denen je zwei „Wassermänner“ das „Wasseramt“ versahen: Sie beobachteten Tauber und Brehmbach und schlugen bei Hochwasser das Wasser ab, damit die Stadt nicht überlief. Die Stadt vergab dieses Amt an den, der es am günstigsten anbot. 1835 erhielten Nikolaus Hansmann und Franz Nikolaus Müller das untere für 70 Gulden, David Kuhn und Johann Friedrich das obere, an dem weniger zu tun war, für 8 Gulden 55 Kreuzer. Beim Anschwellen des Brehmbachs musste der Rollenmüller den Leerlauf ziehen; die Müller informierten einander der Reihe nach, zuerst Rollenmüller, Herrenmüller, Badmüller, dann der untere Müller.7
Das Hochwasser vom 23. bis 29. März 1845 ist besonders gut dokumentiert. Ein ungewöhnlich langer Winter mit eisiger Kälte war innerhalb eines Tages in mildes Tauwetter umgeschlagen; die Unterstadt stand wieder unter Wasser, und die Tauber schwemmte neben Schlamm und Geröll große Eisbrocken heran. Die Stadt kaufte in Marktheidenfeld zwei „Wasserschnecken“, um das Wasser über die Mauer und aus den Gräben zu pumpen, beim Miltenberger Schiffbauer Uihlein einen größeren Nachen für die vom Wasser Eingeschlossenen und beim Seiler 24 Pechfackeln; die Nachtwächter erhielten eine Maß Branntwein als Sonderzulage. Das untere Ablasshaus musste ganz neu gebaut, das Pflaster auf dem Markt und in mehreren Gassen erneuert und der einsturzgefährdete Torbogen des Unteren Tores abgerissen werden. Über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt wurde eine Rettungsaktion in Dittigheim und Lauda am 28. März: Menschen, denen auf niedrigen Bäumen das Wasser bis zum Hals stand, holte erst ein größerer Nachen mit drei Wertheimer Schiffsknechten heraus; Nikolaus Fürst aus Tauberbischofsheim fuhr mit und zeigte die günstige Fahrrinne.8
Auch im Winter 1850 trat die Tauber noch einmal über die Ufer. Für die Fußgänger wurden in aller Eile Holzgerüste gebaut, der 1845 angeschaffte Nachen kam wieder zum Einsatz, und mehrere Bürger erhielten vom 30. Januar bis 9. Februar Zahlungen für das „Hin- und Herführen der Stadtbewohner“ und das „Eisabführen“. Erst die große Flusskorrektur von 1866 beendete das: Die Tauber, die fast an den südlichen Stadtrand herangeflossen war, wurde von der Stadt weggedämmt, bekam ihren heutigen geraden Lauf, das Flussbett wurde tiefer gelegt und die Uferböschung erhöht. Der Unterstadt drohte von da an nur noch selten Gefahr.9
Dass der Neubau der Brücke 1847 so zügig kam, hing mit der Landstraße zusammen. Er gehörte zu einem größeren Straßenbauprojekt der Großherzoglichen Regierung, der Verbreiterung und teilweisen Neutrassierung der Straße Buchen, Hardheim, Tauberbischofsheim, Großrinderfeld; geplant und bezahlt wurde es von einem Straßenbauamt und einer „-Kasse“ in Wertheim. Deshalb trug diesmal nicht die Stadt die Hauptlast. Wahrscheinlich galt auch der Besuch des Großherzogs am 28. und 29. September 1845 den offenen Fragen des Neubaus, vor allem der Finanzierung; Notbrückenteile fanden 1850 beim Bau der Rollenmühlenbrücke Verwendung.10
Die Bischofsheimer selbst nannten die steinerne Brücke immer nur „Steg“; wer an ihr wohnte, bekam den Beinamen „vom Steg“. Vor der Mauer stand ein kleines Wacht- und Zollhaus, und weil sich die Brücke nicht umfahren ließ, konnte man den direkt am Stadttor kassieren.11
Der Fluss selbst wurde gezähmt. Die Tauberkorrektion von 1863 bis 1866 legte den Lauf begradigt und tiefer, der Wasserspiegel sank um 1,20 Meter; die Wiesen wurden bewässert. Sprotte bedauerte später „den häßlichen Anblick einer verödeten Flußaue“. Wer heute das Tauberufer betrachtet, sieht also kein natürliches Bild, sondern eine Ingenieursleistung.12
4 · Das Kloster geht, das Gymnasium bleibt
Am 13. August 1823 wurde das Franziskanerkloster aufgehoben. Im September 1816 hatten dort noch fünf Patres, sieben Laienbrüder und vierzig Studenten gelebt. Das Gebäude blieb der Schule: 1824 zog das ein, 1827 mit 63 Schülern unter Stadtpfarrer Binz, 1846/47 wurde es wieder ein Gymnasium mit 108 Schülern und von 1883 bis 1885 zum Vollgymnasium ausgebaut. Am 16./17. Mai 1862 brannte der Nordflügel (, Gymnasium und Reichenspital), das wurde 1866 in einem Neubau in der Schmiederstraße bezogen, das Gymnasium 1865 bis 1868 neu gebaut.13
Die Klosterkirche ging 1823 in den Besitz der Stadt über. Nach einer im Grundbuch eingetragenen Vereinbarung hat die katholische Kirchengemeinde das ausschließliche Benutzungsrecht, während die Stadt für Bau und Unterhalt sorgt. Die Kirche diente dem Gottesdienst der Schule und später, während des Neubaus der Pfarrkirche, dem Pfarrgottesdienst; von 1877 bis 1895 durfte die evangelische Gemeinde sie einmal im Monat nutzen.14
Wie die Schule über die Klosteraufhebung hinweg kam, zeigt die Festschrift von 1955. Nach langen Verhandlungen zwischen dem Kreisdirektorium Wertheim und dem war 1825 die finanzielle Grundlage durch eine Neuordnung kirchlicher Stiftungen gesichert, dazu kamen städtische Leistungen; 1828 hob man das Franziskanergymnasium förmlich auf und errichtete ein staatliches Pädagogium mit vier Klassen. (Gehrig/Müller nennen 1824 als Jahr des Einzugs; hier gilt ihre Darstellung, die Festschrift ist nur für die Folgeschritte herangezogen.) Als Baden 1836/37 die Gelehrtenschulen im Sinn des Neuhumanismus ordnete, sollten Lateinschulen, deren Ausstattung für den Lehrplan der Lyzeen nicht reichte, zu höheren Bürgerschulen werden. Bischofsheim wollte das vermeiden, und die Lehrer boten freiwillig mehr Stunden an; am 30. Oktober 1837 wurde die Erweiterung des Pädagogiums um einen fünften Jahreskurs bestätigt. Das Personal blieb dünn: Neben dem geistlichen Direktor wirkten zwei weitere Geistliche, die nebenbei Kaplansdienste in der Pfarrei versahen, ein weltlicher Lehrer und zwei Hilfslehrer. Wegen der geringen Besoldung wechselten die Lehrer ständig, jeder suchte einen erträglicheren Posten, und 1836/37 sank die Schülerzahl auf 29. Erst am 23. November 1846 verlieh der Oberstudienrat der Schule wieder den Charakter eines Gymnasiums. Unter dem Direktor Karl Damm, 1848 Abgeordneter in der Paulskirche, stieg die Schülerzahl bis 1848 auf 116 (an einer Stelle der Festschrift steht 166, was zu den 108 Schülern von 1846/47 bei Gehrig/Müller kaum passt); die Stadt richtete drei neue Schulräume ein, sodass jede Klasse ein eigenes Zimmer hatte. 1847 zahlte der badische Staat zum ersten Mal einen Beitrag, bisher war die Schule allein aus kirchlichen, städtischen und privaten Stiftungen finanziert worden; die Gemeinde gab 550 Gulden in Geld und Holz.15
| Jahr | Schritt |
|---|---|
| Franziskanerzeit | |
| 9. Januar 1688 | Erzbischof Anselm Franz von Ingelheim genehmigt auf Bitten des Stadtrats die Studienanstalt der Franziskaner (Latein, zwei Patres, vier Jahreskurse) |
| 1773 | Neue kurmainzische Schulordnung, Griechisch kommt dazu; der Schulbetrieb ruht aus Geldnot vorübergehend |
| 1784 | 43 Schüler, vier Professoren, Unterricht im Westflügel des Klosters |
| Pädagogium | |
| 1823 | Aufhebung des Franziskanerklosters |
| 1825 | Finanzgrundlage aus kirchlichen Stiftungen und städtischen Leistungen |
| 1828 | Staatliches Pädagogium mit vier Klassen |
| 1836/37 | Reform der badischen Gelehrtenschulen, nur noch 29 Schüler; 30. Oktober 1837 Bestätigung eines fünften Jahreskurses |
| Gymnasium | |
| 23. November 1846 | Der Schule wird wieder der Charakter eines Gymnasiums verliehen |
| 1848 | 116 Schüler unter Direktor Karl Damm |
| 1862 | Brand des Schulgebäudes im Kloster; 1867 Einweihung des Neubaus in der Vorstadt |
| 1882 | Ausbau zur Vollanstalt genehmigt, die Stadt gibt jährlich 6500 Mark dazu |
| 1884 | Erste Reifeprüfung mit 19 Abiturienten |
Nach der Festschrift von 1955; nach 1850 nur Stichpunkte
Auch die Volksschule wurde neu geordnet. Baden regelte das Schulwesen 1803 grundsätzlich und erließ 1834 eine Schulordnung, die die Schulpflicht auf alle Landesbewohner ausdehnte. In Bischofsheim war um 1835 der erste Lehrer der Rektor, der zweite der Kantor, dazu kam eine dritte Stelle für einen Hilfslehrer; diese Einteilung hielt Jahrzehnte. Unterricht erteilte man in Räumen bei der Stadtkirche, die beim Neubau abgerissen wurden, und später im alten kurmainzischen Schloss.16
Weitere Schulen entstanden, auch hier nur Stichpunkte:
| Jahr | Schritt |
|---|---|
| 15. Mai 1834 | Badische Verordnung ermöglicht Gewerbeschulen (Staatsrat Nebenius); Wertheim 1835 als erste im Kreis |
| 1854 | Gewerbeschule Tauberbischofsheim, die zweite im Kreis |
| 1871 | Knabenkonvikt im Haus des Kaufmanns Sußmann neben der Mariahilf-Kapelle; erster Leiter Dr. Sebastian Otto |
| 1874 | Im Kulturkampf aufgehoben, das Inventar versteigert |
| 3. November 1876 | Erster Jahrgang der Landwirtschaftlichen Winterschule (zuvor in Buchen, 1867) |
| 1883 | Privatpensionat für Gymnasiasten unter Dr. Julius Berberich; bis zu 75 Schüler |
| 1889 | Wieder kirchliche Anstalt („Erzbischöfliches Knabenkonvikt“); Grundstein des Neubaus am Steinberg März 1890, bezogen am 22. September 1891, Berberich erster Rektor |
Nach Haun 1955, S. 500–502, 509, 516
Auch die Konfessionen mischten sich. 1857 fand der erste evangelische Gottesdienst in der Stadt statt; ab 1877 nutzte die evangelische Gemeinde die Klosterkirche, 1895 wurde die Christuskirche geweiht. Für eine seit 1527 katholische Stadt war das ein Einschnitt.17
Wie sich die Gemeinde mischte, zeigt die Gemeindestatistik der Festschrift von 1955:
| Jahr | Einwohner | katholisch | evangelisch | israelitisch |
|---|---|---|---|---|
| 1825 | 2374 | 2250 (94,8 %) | 15 (0,6 %) | 109 (4,6 %) |
| 1875 | 2839 | 2534 (89,3 %) | 128 (4,5 %) | 177 (6,2 %) |
| 1900 | 3430 | 2909 (84,8 %) | 338 (9,8 %) | 181 (5,3 %) |
Nach Haun 1955, S. 478; Prozentwerte der Quelle, nach 1850 nur drei Stichjahre
Die Evangelischen bekamen ihre Gemeinde erst nach und nach; die Festschrift von 1955 nach der Chronik des Pfarrers Clausing von 1899, hier nur in Stichpunkten:
| Zeit | Schritt |
|---|---|
| 1807 | Das Erste Konstitutionsedikt erlaubt Hausandachten, verbietet den Pfarrern aber Amtshandlungen für Menschen außerhalb ihres Sprengels (Pfarrbann) |
| 9. März 1841 | Erlass des Innenministeriums zur kirchlichen Versorgung der Evangelischen unter Katholiken; Pfarrer Weimar aus Wenkheim meldet einzelne Evangelische in Tauberbischofsheim |
| 28. Juni 1842 | Tauberbischofsheim wird nach Wenkheim eingepfarrt; Taufen, Trauungen und Beerdigungen besorgen weiter katholische Geistliche |
| 1844 | Der Oberkirchenrat verbietet auch private Gottesdienste |
| 1848 | Der Uhrmacher August Kutscher wird als erster Protestant ins Bürgerrecht aufgenommen |
| 1. Advent 1849 | Von der katholischen Kanzel wird verkündet, dass der Pfarrbann für die Evangelischen endet |
| 26. Februar 1856 | Einpfarrung nach Niklashausen; 77 Evangelische, davon 17 schulpflichtige Kinder (1858 nur noch 52) |
| 28. Mai 1856 | Erste evangelische Beerdigung |
| 16. August 1857 | Erster evangelischer Gottesdienst im Gymnasiumssaal, Pfarrer Kessler aus Niklashausen, über hundert Besucher; die staatliche Genehmigung kam am 7. Juli |
| 1888 | Erster eigener Geistlicher |
Nach Haun 1955, S. 539–544, nach der Chronik des Pfarrers Rudolf Clausing (1899)
Nach 1850 nur in Stichpunkten: Schon 1839 hatte die staatliche Baubehörde das Langhaus der Pfarrkirche als „sehr baufällig“ bezeichnet; der Neubau kam erst 1910 bis 1914. Der Gottesacker an der Peterskapelle reichte nicht mehr, und unter Bürgermeister Franz Michael Steinam beschloss man 1853 einen neuen Friedhof an der Straße nach Hochhausen. Er wurde am 19. Oktober 1856 eingeweiht, das Friedhofskreuz am 2. Januar 1857 geweiht; der erste Tote war der Maurer Jakob Buschler, und seit dem 7. Juni 1857 gab es einen städtischen Leichenwagen. Der erste Unternehmer hatte die Anlage für 1950 Gulden übernommen, war dabei aber nicht auf seine Kosten gekommen.18
5 · 1848/49Die Revolution im Taubertal
Im März 1848 gab es in Bischofsheim Agrarunruhen – „Hunger und Elend“, sagen die Quellen. Gymnasialdirektor Karl Damm, Bürgermeister Franz Michael Steinam und Gottfried Rincker verhinderten Ausschreitungen; es bildete sich eine . Bei der Wahl zur Frankfurter am 16. Mai 1848 wurde Karl Damm, der Direktor des Gymnasiums, Abgeordneter. Dass die Erregung noch nicht verflogen war, zeigte der 4. November 1848: Als der Freiburger Professor Franz Josef Buß, Landtags- und Paulskirchenabgeordneter und ein für die soziale Frage aufgeschlossener Liberaler, in der Martinskirche die Märzrevolutionäre „Wühler“ nannte, kam es zu tumultartigen Szenen, und er wurde sogar mit dem Tod bedroht. Er konnte die Kirche nur durch einen Hintereingang verlassen und flüchtete nach Großrinderfeld zu Pfarrer Seltzam. Die Festschrift von 1955 erzählt es nach Berberich ausführlicher: Buß kam von der Würzburger Bischofskonferenz zurück und kehrte beim Johann Binz ein, Pfarrer in Bischofsheim von 1829 bis 1849. Der Bürgermeister bat ihn, vor Stadtrat und Ausschuss zu sprechen, und danach auch vor der ganzen Gemeinde; mangels eines Saals musste er in der Kirche reden. Als er die Führer der Revolution „Wühler“ nannte, rief jemand: „Auch ich bin ein Wühler, ich rechne es mir zur Ehre an.“ Draußen sammelte sich ein Haufen vor dem Pfarrhaus und schrie nach seinem Blut; die Magd des Hauses zeigte einen Durchgang ins Freie. Buß ging um zwei Uhr nachts im Schneesturm mit gespannten Pistolen und dem Kaplan durch die Hauptstraße. Morgens um vier lauerte die Rotte vor dem Posthaus, nachmittags suchte sie ihn in Lauda; da war er längst geborgen.19
Was im März 1848 losbrach, hatte im Taubergebiet weniger mit dem Ruf nach Verfassung und nationaler Einheit zu tun als mit Hunger und Elend: mehrere Missernten, Abgaben an die und die Verschuldung vieler Bauernfamilien nach der . Am 9. März 1848 steckten Bauern aus dem Umpfertal den leiningenschen Gutshof Marienhöhe bei Osterburken in Brand. Die judenfeindlichen Ausschreitungen, die im Kraichgau begonnen hatten, griffen auf das Bauland und das Taubergebiet über: In Unterschüpf wurden die Juden ausgeplündert und vertrieben. Als die Schüpfer Bauern dasselbe im mittleren Taubergrund versuchen wollten, traten ihnen besonnene Männer entgegen, und für den Schutz der Bischofsheimer und Dittigheimer Juden setzten sich Gymnasialdirektor Damm, Steinam und Gottfried Rincker besonders ein. Der Dittigheimer Pfarrer Kleinhans schrieb in seine Pfarrchronik, ihnen habe man zu danken, „dass im Taubergrund Ruhe geblieben“.20
Wie die Stadt sich rüstete, steht in der Gemeinderechnung von 1848: 48 Gewehre in zwei Kisten aus Heidelberg, 300 Exemplare der „Bürgerwehrgesetze“, eine Militärtrommel, Trommelunterricht durch einen Mann aus Lauda, die Kanonen am 3. März „zu Kartätschenschüssen“ gerüstet, zwei Kundschaftergänge nach Dittwar und Heckfeld und am 8. März eine nächtliche Wache mit Pferd in Dittwar, weil man die „Schüpfergrunder Rebellen“ erwartete; dazu 136 Maß Bier für die Wachen. Danach folgen die Schäden: Stadtpfarrer Binz und Gemeinderat Degen wurden die Häuser „boshaft verschmiert“ (Reinigung: ein Gulden), und Franz Michael Steinam, der den Ausschreitungen gegen die Juden mannhaft entgegengetreten war, verlor fünf Obstbäumchen und bekam fünf Gulden Entschädigung. Das leiningensche Rentamt, gegen das sich andernorts (in Boxberg) der Zorn der Bauern richtete, blieb offenbar verschont.21
Die Wahl vom 16. Mai 1848 wurde in der Gemeinderechnung zum Fest: Fahnenstangen, 27 Ellen schwarz-rot-goldenes Tuch (32 Gulden), Triumphbögen aus Laub und Blumen, ausgerüstete Kanonen und das Musikkorps aus Königheim für 20 Gulden. Im Wahlkreis Tauberbischofsheim wählten 88 Wahlmänner den radikalen Demokraten Hofrat Kapp, Professor in Heidelberg, 37 den gemäßigten Liberalen Weller aus Mannheim. Weil Kapp zugleich in Villingen gewählt wurde und dieses annahm, kam es zur Nachwahl, die der Gymnasialdirektor Karl Damm gewann.22
Damms Leben danach ist ein Roman für sich, jedenfalls in der Würdigung von 1937, auf der unsere Kenntnis beruht. Geboren 1812 in Baden-Baden, hatte er in Freiburg die Priesterweihe erhalten, war Lehrer in Heidelberg, Offenburg und Bruchsal und leitete seit 1844 das Bischofsheimer Gymnasium. In der Paulskirche stritt er für ein geeintes, freies Deutschland, gehörte nach dem Scheitern zum Stuttgarter „Rumpfparlament“, das mit blankem Säbel auseinandergejagt wurde, und floh vor der Strafe in die Schweiz, dann nach England und 1850 nach Australien. In Melbourne zog er mit Goldsuchern ins Landesinnere, hütete er, um nicht zu verhungern, die Kinder der Goldsucher, später Schafe und klopfte Steine, bis er an einer Privatschule unterrichten konnte, die Besitzerin heiratete (obwohl er eigentlich Priester war) und Miteigentümer wurde. Mit Land- und Viehhandel verlor er Geld und gewann es wieder. 1862 las er in der Zeitung, der Großherzog habe die „Sünder von 1848/49“ amnestiert; in wenigen Tagen verkaufte er die Schule und fuhr mit seiner Frau heim. Er leitete danach die Höhere Bürgerschule in Karlsruhe, erhielt das Ritterkreuz des Zähringer Löwen und starb 1886.23
Die Revolution scheiterte; im Sommer 1849 rückten preußische Truppen in Baden ein, um die Aufständischen zu besiegen. Ab Juli 1849 war das Taubertal bis zum 30. Oktober 1850 preußisch besetzt, was Tauberbischofsheim 6130 Gulden kostete. Bürgermeister Leonhard Reidel, seit 24. März 1849 im Amt, wurde wegen angeblicher Unterstützung des Aufstands abgesetzt; auch Adam Baumann und Magnus Prailes schieden aus dem Gemeinderat aus, und zahlreiche Vereine wurden verboten.24
Ein Nachspiel hatte der , der in Baden früher begann als anderswo. Am 20. Juni 1854 wurden in der Stadtkirche Ruth und Bürgermeister Steinam exkommuniziert, im badischen Kirchenkonflikt um die Rechte von Staat und Kirche, der 1854 so scharf geführt wurde, dass am 28. Mai 500 Mann Infanterie in der Stadt lagen.25
Hintergrund
Der badische Kirchenstreit
Der Konflikt, der 1854 in Bischofsheim zur Exkommunikation des Oberamtmanns führte, hatte sich in Freiburg angebahnt. Die Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz hatten 1851 in einer Denkschrift mehr Selbstständigkeit gefordert, und die Antworten der Regierungen vom Frühjahr 1853 hielt die Kirche für unzureichend. Hermann von Vicari kündigte daraufhin an, die beanspruchten Rechte künftig ohne Rücksicht auf staatliche Einwände auszuüben: Das staatliche Bestätigungsrecht bei der Besetzung von Kirchenstellen erkannte er nicht mehr an, Geistliche sollten nicht mehr an den Universitäten, sondern in kirchlichen Anstalten ausgebildet werden, und auch über das Kirchenvermögen wollte die Kirche selbst verfügen.26
Als der Staat Gegenmaßnahmen ergriff, belegte Vicari hohe Beamte mit dem großen Kirchenbann, und die Entscheidungen wurden von den Kanzeln verlesen. Der Staat ließ den Erzbischof unter Hausarrest stellen, die Landbevölkerung reagierte mit Unmut. Österreich stellte sich auf die Seite der Kurie, Preußen auf die Seite Badens. Im Sommer 1854 kam ein Interim zustande, und das Konkordat vom 28. Juni 1859 stärkte die Stellung des Erzbischofs. Liberale, und Freimaurer liefen dagegen Sturm, und der Streit ging in den Kulturkampf der 1860er und 1870er Jahre über. Die Literatur datiert den Konflikt unterschiedlich, je nach Autor von 1852 bis 1855. Bischofsheim war damit nicht der Rand eines fernen Streits: Dass im Mai 1854 fünfhundert Mann Infanterie in der Stadt lagen, gehört zu seinen Folgen.
6 · AblösungWas Freiheit kostete
Die Befreiung der Bauern von den Lasten, die im Mittelalter entstanden waren, hatte ihren Preis. Das badische Gesetz vom 5. Oktober 1820 ermöglichte die Ablösung der Gülten; für die Hohenlohe-Gült zahlte die Stadt noch 1853 4000 Gulden. Der Zehnt, den das Domkapitel an Leiningen vererbt hatte, wurde nach einem Vertrag vom 30. Mai 1838 für 64 000 Gulden abgelöst, davon der Staat ein Fünftel, die Stadt 51 200 Gulden; eine Bürgerbefragung am 26. Juli 1850 ergab 337 von 369 Stimmen dafür, die folgte am 12. Februar 1851.27
Wie zäh das Geschäft war, zeigt der Zehnt, der zehnte Teil der Ernte. Mit dem übrigen kurmainzischen Besitz war er 1803 an die Fürsten von Leiningen gefallen. Das badische Gesetz von 1833 setzte die Ablösung auf das Zwanzigfache des durchschnittlichen Jahresertrags fest; wo verlässliche Zahlen fehlten, sollten vom Bezirksamt ernannte Schätzer rechnen. Bischofsheim meldete die Ablösung an, aber das Kapital stand lange nicht fest. Im Mai 1838 einigte man sich vorläufig: Statt des Naturalzehnten zahlte die Stadt für die Pflichtigen jährlich 2550 Gulden Zins, und die Zehntscheuer blieb dem Gemeinderat zur unentgeltlichen Nutzung. Das unter dem Vertrag zeigt das sechsspeichige Rad über der , noch ohne die drei B.28
Dann stritt man um die Rechengrundlage. Die 477 Zehntpflichtigen sollten im November 1838 entscheiden, ob nach dem Steuerkapital der Bürger oder nach dem Ertrag der Grundstücke gerechnet wird; nicht alle stimmten für das Steuerkapital, und damit galt nach dem Gesetz der Ertrag, gegen den Rat des Stadtrats. Das Leiningensche Rentamt legte die Erträge der Jahre 1818 bis 1832 vor: Der Großzehnt brachte im Schnitt 1951 Gulden im Jahr, dazu kamen nach der Schätzung des Ablösungskommissars Lutz 762 Gulden Kleinzehnt, 630 Gulden Wiesenzehnt und 2129 Gulden für Wein- und Kleezehnt. Zusammen waren das 5472 Gulden, vervielfacht 109 440. Das Rentamt wollte sogar noch mehr, weil die Stadt seit 1817 sechs- bis siebenhundert Morgen Weide im Moosig und am Hammberg zu Ackerland gemacht hatte, von dem der Zehnt erst seit 1822 floss. Die Stadträte ließen sich mit der eigenen Schätzung Zeit, bis das Bezirksamt mit amtlicher Festsetzung drohte, und drückten dann den Jahresertrag auf 3200 Gulden. Das ergab 64 000 Gulden.29
Am 30. April 1845 wurde der Vertrag im Rathaus geschlossen, am 16. Dezember 1846 genehmigte ihn die Hofdomänenkammer in Karlsruhe. Fertig war er trotzdem nicht. Leiningen hatte 1803 mit dem Zehntrecht vom Mainzer Domkapitel auch Pflichten übernehmen müssen: den Bau von Chor und Pfarrhaus der Stadtkirche und einen Teil der Pfarrerbesoldung in Korn, Dinkel und Hafer. Auch das musste abgelöst werden; man einigte sich auf 11 500 Gulden, vom 1. Januar 1849 an mit fünf Prozent zu verzinsen. Die Stadt zahlte 51 200 Gulden an die Generalkasse in Amorbach, den Staat Baden kostete sein Fünftel 12 800 Gulden. Um die hohen Zinsen zu vermeiden, nahm sie bei Privatleuten günstigere Darlehen auf.30
Schwieriger als der Vertrag war das Eintreiben bei den Bürgern. Weil die vorläufigen 2550 Gulden Zins zu niedrig geschätzt waren, mussten ab 1838 jährlich 650 Gulden nachgezahlt werden, 4550 Gulden in sieben Jahren. Die Hebelisten wurden oft erst Jahre später fertig, in der Teuerung 1845/46 kam wenig herein, und in den Revolutionsjahren 1848/49 versiegten die Zahlungen fast ganz. Viele hatten gehofft, die Revolution werde die Schuld erledigen; vereinzelt verbrannte man alte Zinsbücher. 1849 stand die Stadt mit 1100 Gulden im Rückstand, und Leiningen verzichtete auf Zinseszinsen. Gerichtlich beizutreiben lohnte meist nicht: Manche Schuldner waren gestorben oder verarmt, andere ausgewandert (ihnen gab die Stadt eher Zuschüsse), und wo Grundstücke den Besitzer gewechselt hatten, wollte der neue von den Zehntzinsen nichts wissen. 1850 lag außerdem noch preußisches Militär in der Stadt und behinderte die Verwaltung. Gehrig und Müller nennen die Zehntablösung trotzdem „eine Wohltat für die hiesige Landwirtschaft“, auch wenn sie für viele Familien beschwerlich war.31
Gülten und Grundzinsen, die der Fürst ebenfalls von Kurmainz geerbt hatte, ließen sich nach dem Gesetz vom 5. Oktober 1820 ablösen, aber bei dem zersplitterten Besitz musste die Stadt den Antrag für alle Bürger stellen. Im Dezember 1839 verständigte man sich mit dem leiningischen Rentbeamten Buschelberger auf 2500 Gulden für alles samt Rückständen; 194 Gültpflichtige unterschrieben, vier davon mit drei Kreuzchen. Leiningens Generalverwaltung rechnete anders: allein 3277 Gulden Rückstände, dazu 722 Gulden Jahresabgabe, und das Gesetz erlaubte bis zum Achtzehnfachen. Am 30. Juli 1840 kam ein neuer Vertrag zustande: 7448 Gulden, ab 1841 zu fünf Prozent verzinst und in zehn Jahresraten zu zahlen, die Rückstände erlassen. Die Stadt streckte das Kapital vor, die Bürger zahlten ihre Anteile mit großer Verspätung. Erst 1863 glich ein Überschuss der auslaufenden Zehntkasse das Defizit von 446 Gulden aus; die Zehntpflichtigen stimmten am 14. Februar 1863 im unteren Saal des alten Amtshauses im Riedernhof zu.32
Dazu kamen Dutzende kleiner Lasten, deren Anlass im 19. Jahrhundert oft niemand mehr kannte. 1862 verlangte das Bezirksamt, auch sie abzulösen. Die Stadt bekam jährlich ein Korn von der Rollenmühle (Ablösung 107 Gulden 6 Kreuzer, 1864 bar bezahlt); die Herrenmühle, früher städtisch, kostete 4038 Gulden 31 Kreuzer, ein Drittel bar, den Rest bis 1867. Das Speersche Stipendium, die Stiftung des Johannes Speer aus dem 15. Jahrhundert, bezog Korn von beiden Mühlen und wurde mit 111 Gulden 36 Kreuzer und 242 Gulden abgelöst; bis Ende der 1920er Jahre unterstützte es bedürftige Gymnasiasten, die Theologie studieren wollten. Der Kirchner- und Glöcknerdienst der Stadtkirche hing an Naturallieferungen aus verschiedenen Stiftungen; der Badmüller zahlte dafür 107 Gulden 6 Kreuzer in fünf Raten, zusammen mit kleineren Beträgen kamen 123 Gulden 31 Kreuzer zusammen, deren Zinsen von da an zur Besoldung des Mesners gehörten. Auch die Fonds, die von solchen Gülten lebten, erhielten 1851 ihr Kapital: der Kaplaneifonds 162 Gulden 22 Kreuzer, die Großrinderfelder Peter-und-Paul-Stiftung 476 Gulden 40 Kreuzer, die Almosenpflege allein von Leiningen für 13 Malter Korn 788 Gulden 15 Kreuzer, die aus vier Orten 1022 Gulden 9 Kreuzer.33
Zuletzt fielen zwei Vorrechte, die der Stadt seit 1527 beschnitten oder nie gehört hatten. Die Stadtordnung vom 14. März 1527 nahm Bischofsheim als Strafe für den Aufstand das Fischereirecht und gab es dem kurmainzischen Oberamtmann (Kapitel 7); 1803 erbte es Leiningen, der aus Pachten im Brehmbach und im Mühlbach 8 Gulden 35 Kreuzer, aus der Tauber 31 Gulden 10 Kreuzer im Jahr zog. Die Ablösung 1854 kostete 134 Gulden, und die Fischerei war wieder städtisch wie vor dem . Die Jagd hatte in kurmainzischer Zeit offenbar nie bei der Stadt gelegen. Eine Klage wegen Wildschäden gegen Leiningen scheiterte 1832. Erst das Gesetz vom 26. Juni 1848 übertrug sie den Grundeigentümern, bei Bischofsheim der Stadt; Leiningen forderte am 5. September 1851 853 Gulden, und der Versuch, bar auf 600 zu drücken, scheiterte. Die Ablösung rechnete sich dennoch: Die Jagdpacht stieg von 10 Gulden im Jahr 1850 (6 rechts, 4 links der Tauber) auf 36 Gulden 30 Kreuzer 1853 und bis 1866 auf 150 Gulden.34
Auch die Pfarrei musste ihre Einkünfte ablösen lassen. Der Landtag erlaubte 1833 den Gemeinden, jeden Zehnten mit dem Zwanzigfachen abzulösen, der Staat zahlte wie überall ein Fünftel. Leiningen, der 1803 die Rechte der Domkapitelsfaktorei geerbt hatte, schuldete der Pfarrei für den Kleinzehnten jährlich zwölf Malter Korn, zwölf Malter Dinkel, elf Malter Haber und zweihundert Gebund Stroh; das Malter Korn wurde zu 5 Gulden 57 Kreuzern gerechnet, Dinkel zu 3 Gulden 14, Haber zu 2 Gulden 54, hundert Bund Futterstroh zu 8 Gulden, und das Zwanzigfache ergab 3743 Gulden 20 Kreuzer. In Distelhausen trat Leiningen an die Stelle der Würzburger Hofkammer und des Deutschen Ordens und löste 8 Malter Korn und 2 Malter Haber mit 1125 Gulden 20 Kreuzern ab; das Würzburger Juliusspital zahlte für seine Hälfte 562 Gulden 40 Kreuzer. Der Weinzehnt von 44¾ Morgen in Distelhausen kostete nach langen Verhandlungen, an denen ein Beauftragter des Erzbischöflichen Ordinariats und der Dittigheimer Pfarrer als Sachverständiger des Landkapitels teilnahmen, am Ende 904 Gulden 39 Kreuzer (Einigung am 22. April 1839, Genehmigung am 22. April 1842 einschließlich der Steuer). Dienstadter Bürger, die auf Bischofsheimer einen besaßen, zahlten nach der Urkunde vom 5. April 1843 47 Gulden 30 Kreuzer, und zwar schleppend: 1853 schaltete sich auf Drängen des Oberkirchenrats die Stadt ein. Die Holzlieferungen aus dem Tauberbischofsheimer und dem Gerchsheimer Wald kosteten 1855 644 Gulden.35
Am meisten ließ die badische Regierung beim Sechstel des Dittigheimer Kleinzehnten zusammenstreichen, für das die Pfarrei seit 1784 von der Gemeinde 13, seit 1829 sogar 15 Gulden im Jahr bekommen hatte. Die Ablösungsexperten erklärten am 16. August 1847, dass dieser überhöhte Betrag keine Grundlage sein könne; sie errechneten im Dezember 1847 1195 Gulden 20 Kreuzer und empfahlen, es „angesichts der ungünstigen Stimmung der Gemeindevertreter“ dabei zu lassen. Am 18. November 1854 schlossen der Dittigheimer Bürgermeister Thadäus Knörzer mit Gemeinderat und Bürgerausschuss und Pfarrer Karl Rombach für die Pfarrei den Vertrag: Die Gemeinde trägt vier Fünftel, der Staatszuschuss geht an die Pfarrei, der Zehnt wurde zuletzt 1841 erhoben, das Kapital wird seit 1. Januar 1842 mit fünf Prozent verzinst. Die Pfarrei konnte zufrieden sein: Früher hatte sie 15 Gulden jährlich bekommen, jetzt brachten allein die Zinsen gut 60.36
Auch die Bauverpflichtungen mussten abgelöst werden. Das Domkapitel hatte als Zehntempfänger Chor, Turm und der , den notwendigen Innenbau und das Pfarrhaus mit Fuhr- und Handdiensten zu bezahlen; wer das baute, wusste 1803 niemand mehr, „wegen dem hohen Alter und Abgang der Documenten“, die Kirchenfabrik (zwei Drittel) und die Stadt (ein Drittel) taten es faktisch. Das alte Pfarrhaus beim früheren Riedernhof (1668 „Haus und Scheuer bei dem Echterischen Hof“) hielt der Pfarrer 1771 für nicht mehr reparierbar; Domkapitel und Dompropst, baupflichtig, hielten ihn hin, bis er nach hartnäckigem Drängen sein neues Pfarrhaus neben der Sebastianuskapelle bekam. 1848 berechneten Sachverständige das Ablösungskapital zunächst auf 13 275 Gulden 57 Kreuzer, die Leiningen im Vergleich vom 12. Februar 1851 auf 11 500 Gulden senkte: 657 Gulden 24 Kreuzer für den Neubau von Kirche, Chor und Sakristei, 636 Gulden 22 Kreuzer für die Unterhaltung der Kirche, 9122 Gulden 34 Kreuzer für den Neubau des Pfarrhofs und 1083 Gulden 40 Kreuzer für die Unterhaltung des Pfarrhauses. Die Summe floss in den Zehntbaulastenfonds, dessen Rechner der Stadtrat Gottfried Rincker war; zur Stiftungskommission gehörten Pfarrer und Bürgermeister, die je einen Schlüssel zur Stiftungskiste im Pfarrhaus hatten, ohne beide ging sie nicht auf. 1855 war der Fonds mit Zinsen auf 14 273 Gulden gewachsen. Nach der Stadtrechnung von 1850 trug er die Hälfte der Kosten für Glocken in Stadtkirche und Maria-Hilf-Kapelle, die ganze Baupflicht für Langhaus und Sakristei und ein Drittel für den Turm, den Rest zahlte die Stadt.37
Das Spital wurde nicht anders behandelt. Sein abgesteinter Zehntbezirk im Brehmenleiten hatte 1844 insgesamt 32 Grundstücke; der Gesamtertrag der Jahre 1818 bis 1832 betrug im Schnitt 15 Gulden 42 Kreuzer, abzüglich 2 Gulden 30 Kreuzer Verwaltung blieben 13 Gulden 12 Kreuzer, das Zwanzigfache wäre 264 Gulden gewesen. Die Pflichtigen, vertreten durch den Bäcker Peter Lang und die Landwirte Leonhard Griebel und Baltasar Rösner, handelten es herunter: Am 27. Juni 1845 einigte man sich auf 231 Gulden, die auf 24 Besitzer umgelegt wurden (20 aus Tauberbischofsheim, drei aus Dittigheim, einer aus Dittwar). Die Gülten und Grundzinsen des Spitals, jährlich 23 Gulden 43 Kreuzer 3 Pfennig, lösten die Pflichtigen am 21. Dezember 1864 mit dem Vierzehnfachen (332 Gulden 12 Kreuzer) ab, nachdem sie darauf hingewiesen hatten, dass mancher Kleinbauer Äcker versteigern ließ, um die Ablösung bezahlen zu können.38
| Last | Berechnung | Ablösung | Jahr |
|---|---|---|---|
| Zehnt (Groß-, Klein-, Wiesen-, Weinzehnt) | 20 × Jahresertrag; Leiningen verlangte 5472, die Stadt erreichte 3200 | 64 000 fl, davon Staat 12 800, Stadt 51 200 | Vertrag 1845, Urkunde 1851 |
| Zehntbaulasten (Kirchenchor, Pfarrhaus, Pfarrerbesoldung) | Vergleich | 11 500 fl, ab 1849 zu 5 % | 1850 |
| Grundzinsen und Gülten (Leiningen) | erst 2500 fl, dann Vertrag | 7448 fl in 10 Jahresraten | 1840 |
| Fischerei | Pacht 39 fl 45 kr im Jahr | 134 fl | 1854 |
| Jagd | Forderung Leiningens | 853 fl | 1851 |
| Rollenmühle (Korngült) | 1 Malter Korn im Jahr | 107 fl 6 kr | 1864 |
| Herrenmühle (früher städtisch) | Ablösungskapital | 4038 fl 31 kr | 1864 bis 1867 |
| Speersches Stipendium | Korn aus beiden Mühlen | 111 fl 36 kr und 242 fl | 1863/64 |
| Pfarrei: Kleinzehnt-Drittel in Tauberbischofsheim | 20 × Jahreswert der Lieferungen von Leiningen | 3743 fl 20 kr | um 1850 |
| Pfarrei: Zehnt in Distelhausen (Leiningen, Juliusspital) | 20 × 8 Malter Korn und 2 Malter Haber; Juliusspital die Hälfte seines Anteils | 1125 fl 20 kr; 562 fl 40 kr | um 1850 |
| Pfarrei: Weinzehnt Distelhausen (44¾ Morgen) | Einigung 1839 | 904 fl 39 kr mit Steuer | 1842 |
| Pfarrei: Sechstel Kleinzehnt in Dittigheim | Gutachten statt 15 fl Jahresrente | 1195 fl 20 kr | 1854 |
| Pfarrei: Holzlieferung aus zwei Wäldern | 20 × 32 fl 20 kr | 644 fl | 1855 |
| Spital: Zehnt im Brehmenleiten | Vertrag statt 264 fl | 231 fl | 1845 |
| Spital: Gülten und Grundzinsen | 14 × 23 fl 43 kr | 332 fl 12 kr | 1864 |
Beträge in rheinischen Gulden (fl) und Kreuzern (kr) nach Gehrig/Müller 1997, S. 68–73.
Ein anderes Gesetz kostete die Stadt Einnahmen: Das badische Straßengesetz vom 5. Oktober 1820 erlaubte Brücken- und Pflastergelder nur noch in sieben Städten, Bischofsheim verlor sie ab 1. März 1821. Die Straße von Heidelberg nach Würzburg brauchte damals 28 Stunden.39
7 · Ende der ZünfteDie Genossenschaften lösen sich auf
Mit den Mauern fiel auch die Ordnung des Handwerks, die sie umschlossen hatten (Kapitel 12). Die Zunftmitglieder selbst verlangten seit Anfang des Jahrhunderts mehr Entfaltungsmöglichkeiten und empfanden die meisten Vorschriften als lästige Fesseln; in Preußen hob Hardenberg 1810 den Zunftzwang auf, in Baden ließ man sich Zeit. Als das 1853 die noch bestehenden erfassen ließ, waren es noch zwölf: die Bauzunft (Maurer, Steinhauer, Zimmerleute; 30 Gulden Vermögen), die Große Zunft (Schreiner, Schlosser, Spengler, Dreher, Glaser, Kupferschmiede, Nagelschmiede, Buchbinder; 100 Gulden), die Bäcker- und Müllerzunft (100 Gulden, ausgeliehen), die Schneider (25), Schuhmacher (ohne Vermögen), Weber (15), Metzger (50), Wagner (30), Gerber, Färber und Hutmacher, Seiler und Küfer (alle ohne Vermögen). Das badische Gewerbegesetz vom 15. Oktober 1862 erlaubte allen Staatsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts den Betrieb von Gewerben in ganz Baden und hob in Artikel 26 die Zunftverfassung auf; 1863 wurde es vollzogen. Zurück blieben Quellen: das Meisterbuch der Großen Zunft ab 1740 im Landschaftsmuseum, das Buch der Bäcker- und Müllerzunft im Stadtarchiv.40
8 · Eisenbahn, Rathaus, SchuleDas neue Gesicht
Mit der Stadt wuchs der Anspruch. Bürgermeister Franz Baumann (1856 bis 1864) setzte die Baulandbahn und die Taubertalbahn in Gang, die Tauberkorrektion, die Wiesenbewässerung, Rathaus, Spital, Gymnasium, Freiwillige Feuerwehr und einen neuen Friedhof; er starb am 5. August 1864. Sein Nachfolger Leonhard Reidel wurde am 26. August 1864 mit 40 von 51 Stimmen gewählt. Dass die Hauptbahn nicht durch die Stadt geführt wurde, bezeichnet Haun als „schmerzliches Erlebnis“. Eine Legende macht dafür den Protest der Posthalter verantwortlich, denen die Strecke Heidelberg, Hardheim, Tauberbischofsheim, Würzburg (seit 1752 mit einer Postverbindung von 15 Stunden) das Geschäft genommen hätte; Gehrig/Müller halten das für unzutreffend: Politische, wirtschaftliche und bautechnische Gründe gaben trotz hartnäckiger Bemühungen der Stadt den Ausschlag für die Linienführung über Boxberg und Lauda. 1865 kam der Bahnhof, die Taubertalbahn Lauda–Wertheim wurde zwei Jahre später ganz eröffnet.41
Das Ende der Postkutsche kam stufenweise. Um die Jahrhundertwende betrieb August Bartholme, Lohnfuhrmann und letzter Poststallmeister, die Linie nach Hardheim nur noch im Nebenberuf; sein Sohn Wendelin hielt sie bis zur Fertigstellung der Bahn Tauberbischofsheim–Königheim 1914 aufrecht und wurde dann Fuhrunternehmer. Die Post selbst wuchs: 1872 wurde sie Reichssache, das Nebengebäude des „Badischen Hofes“ reichte als Postamt nicht mehr, und 1879 verkaufte Jakob Steinam es an den Synagogenrat, der es als jüdisches Gemeindehaus nutzte. Das neue „Kaiserliche Postamt 1888“ an der Ecke Sonnenplatz und Bahnhofstraße ließ die Sparkasse bauen; dafür musste das alte Gasthaus „Zur Sonne“ weichen. 1909 erwarb die Post ein Grundstück an der Schmiederstraße und baute dort ein eigenes Haus.42
Am 5. Oktober 1865 legte man den Grundstein des neugotischen Rathauses; der Bau dauerte bis 1867/68 (Schneider: 1864 bis 1868). Eine Sparkasse hatte man bereits 1853 beschlossen und am 19. März 1854 eröffnet; seit dem 16. Juli 1844 gab es einen Männergesangverein (nach der Revolution 1848/49 unter dem Druck der misstrauischen Obrigkeit aufgelöst und am 7. Januar 1859 als „Liederkranz“ neu gegründet, mit dem Rektor Friedrich Emmert als Dirigenten). 1841 hatte die Regierung den Riedernhof als Amtssitz gekauft, und 1842 erwarb Samuel Strauß, der erste Jude in Dittigheim mit Bürgerrecht (1816), das Bögner-Palais für 6400 Gulden; das Haus blieb bis 1909 im Besitz der Familie Strauss und gehört heute zum Mackertschen Haus; ihr Angehöriger Levi Straus hat in Erinnerungen das Leben eines jüdischen Bürgers der Weinhändlerfamilie festgehalten (hg. von Johannes Ghiraldin, 2015); später gewährte er dem Rathausneubau und dem Tauberdurchstich ein Darlehen. Der neue Friedhof am Weg nach Hochhausen wurde zur Kirchweih 1856 geweiht.43
Wie das Rathaus entstand, war eine Geduldsprobe. Schon am 2. März 1820 hatten die Baugeschworenen Diemer und Buschler festgestellt, dass das Haus von 1495 so schadhaft sei, dass man es besser abreiße. Dann folgten Jahrzehnte der Ungewissheit: Erst im Oktober 1856 verfügte das Bezirksamt den Neubau, der Gemeinderat bestätigte am 7. Februar 1857, die Arbeiten wurden am 22. Juni 1864 vergeben, den Grundstein legte man am 5. Oktober 1865, und am 23. Oktober 1867 hoffte die Zeitung, „in 14 Tagen“ einziehen zu können. Baudirektor Fischer von der Oberbaubehörde in Karlsruhe legte einen Plan in „rein gotischem Stil“ vor und versicherte, die Stadt erhalte so ein Gemeindehaus, „wie es schwerlich in der ganzen Zeit wieder gefunden würde“; die Kosten lagen bei etwa 48 362 Gulden, die Sandsteine kamen aus Brüchen in Gamburg, Niklashausen und Bettingen.44
| Angabe | Zahl |
|---|---|
| Einwohner (Volkszählung vom 3. Dezember 1864) | 2891 |
| davon Katholiken | 2650 |
| davon Evangelische | 47 |
| davon Israeliten | 147 |
| Bürger | 421 |
| Häuser | 486 |
| Schildwirte | 12 |
| Kaufläden | 14 |
| Bäcker | 9 |
| Metzger | 9 |
| Bierbrauereien | 4 |
| Mahlmühlen | 6 |
| Apotheker | 1 |
| Ärzte | 2 |
| Wundärzte | 3 |
| Volksschüler (2 Haupt- und 2 Unterlehrer) | 360 |
| Schüler der Gewerbeschule | 50 |
| Vermögen des Hospitals in Gulden | 191 000 |
| Steuerkapital der Gemeinde in Gulden | 1 892 000 |
| Vermögen der Gemeinde in Gulden | 187 068 |
Nach der Urkunde zur Grundsteinlegung vom 5. Oktober 1865, wiedergegeben bei Siegel 1990, S. 49–50.

Die Urkunde vermerkt auch, der Wein sei „im Gegensatz zu früheren Jahren sehr gering an Qualität und Quantität“ gewesen; die Stadt halte sieben Krämer- und fünf Viehmärkte, „es fehlt noch ein Wochenmarkt“.
1865 zählte die Stadt 486 Häuser und knapp 2900 Einwohner (um 1830: etwa 2400 und 400 Häuser). Der Kulturschriftsteller Wilhelm Heinrich Riehl, der die Gegend bereiste, nannte sie „enger, dunkler, altertümlicher als Mergentheim“. Der Befund zeigt, wie der Wandel aussah: Wer durch die Tore ging, sah noch das alte Bischofsheim; wer den Bahnhof betrat, schon das neue.45
9 · Ein Altar wird verkauftDas Ende des Grünewald in Bischofsheim
In diesen Jahren verlor die Stadt ihr bedeutendstes Kunstwerk. 1847 und 1857 meldete der Bezirksbauinspektor Moosbrugger den schlechten Zustand der Grünewald-Tafeln. 1876 nahm man die Tafel aus dem Rahmen und entdeckte die vergessene Rückseite; in den 1880er-Jahren wurde sie auseinandergesägt, und seit 1899 hängen die Originale in der Karlsruher Kunsthalle (zur Vorgeschichte Kapitel 6). Wie genau das Geschäft ablief, ist gut erforscht; die Darstellungen unterscheiden sich in den Jahren und Preisen, hier folgt der Text Gehrig/Müller.46
10 · AuswandernWer ging, und wer gegangen wurde
Nach Amerika brach man schon vor der Jahrhundertmitte auf. Ein Verzeichnis von 1853 nennt die seit 1833 Ausgewanderten und fügt acht Familien mit 33 Personen an, die „noch früher“ gegangen waren; eine Akte über die Volkszählung nennt für 1829 bis 1831 Familien wie Liebler (Frau und sechs Kinder), Schäffner (Frau und acht Kinder) und Keßler (Frau und acht Kinder). Für die Jahre 1830 bis 1853 führt das Stadtarchiv 82 Tauberbischofsheimer auf, die meisten davon dürften ab 1847 gegangen sein, dem Beginn der Massenauswanderung. Sicher belegt sind sieben Familien mit 38 Personen, die Anfang 1847 mit dem Leiningenschen wegen des Abzugsgeldes verhandelten; sechs mussten nichts mehr zahlen, Georg Staudt aber noch 200 Gulden, obwohl das Abzugsgeld in Baden längst gesetzlich aufgehoben war. Missernten und Hunger auf dem Land, Massenarmut im beginnenden Industriezeitalter und nach 1848/49 das Scheitern der Revolution trieben viele aus dem Land.47
Die Akten nennen die Motive in den Worten der Antragsteller: „um sein Glück zu suchen“, „sucht besseres Auskommen und freieres Leben“, im „Land der gepriesenen Freiheit sich frei und ungehindert bewegen zu können“. Ein Student ging, weil er „zweimal im Examen durchgefallen“ war. Wie einer klang, der es geschafft hatte, zeigt der Brief, den William Baumann, vorher Wilhelm, am 5. September 1836 aus Rochester an seinen Bruder schrieb. Er wolle die Güter aus dem Loszettel übernehmen und den Erbteil schnell überwiesen haben; es gebe in Rochester zwei katholische Kirchen und einen deutschen Pfarrer, der den Kindern deutschen Unterricht gebe; der Schwager habe sein Land verkauft und ein größeres mit 50 Morgen gekauft. „Von uns allen denkt niemand, wieder nach Bischofsheim zu der Sklaverei zu gehen“, schloss er.48
Nicht jeder ging freiwillig. Die Gemeinde und das Spital zahlten manchen Verarmten die Überfahrt, damit sie nicht länger zur Last fielen: „erhalten von der Gemeinde je 100 Gulden, vom Hospital je 150 Gulden zur Auswanderung“, steht in den Akten, oder schlicht „auf Kosten der Gemeinde exportiert“. Gehrig/Müller sprechen bei einzelnen Fällen von Abschiebung. Ein Tagelöhner, der zu vier Monaten Gefängnis verurteilt war, bekam die Erlaubnis des Großherzogs, wenn er sofort ausreiste; der Stadtschreiber notierte hinterher: „Auf Kosten der Gemeinde exportiert. Nichtstaugendes Subjekt! Reise nach New York 78 Gulden.“ Einen vorzeitig aus der Freiburger Strafanstalt entlassenen „Musikus“ schickten Hospital und Gemeinde nach New Orleans, „um diesen Menschen loszuwerden“, und sie gaben ihm Rock, Hose, Jacke und Halstuch mit. Junge Männer vor der Einberufung durften dagegen fast nie gehen; einer sollte 600 Gulden zahlen oder einen Ersatzmann stellen. Manche Ehepaare gingen getrennt, einer voraus und der andere nach Gelegenheit, „eine Auswanderung auf Probe“; die Randnotizen des Stadtschreibers („ausgewandert ohne den Mann“) lassen manches Zerwürfnis ahnen.49
Die Überfahrt organisierten Agenturen mit örtlichen Vertretern. In Bischofsheim waren nach einem Schreiben des Bezirksamts drei Agenten tätig, alle Juden, darunter Emanuel Strauß und David Schloß; das Amt stellte ihnen ein gutes Zeugnis aus (es sei nicht bekannt, dass sie Wohlhabende zur Auswanderung überredeten) und wollte nur keine weiteren Unteragenten zulassen. 1851 verpflichtete sich der Mannheimer Agent Moritz Rosenthal, im Auftrag der Gemeinde die beiden ledigen Burschen Ludwig Stein und Anton Nickel für 162 Gulden einschließlich Verpflegung nach New York zu bringen. Wie eine Reise aussah, schildert der Brief, den Georg Adam Konrad am 7. September 1851 aus Le Havre an Bürgermeister Steinam schickte: am ersten Tag bis Aglasterhausen, am zweiten bis Mannheim, wo man am 29. August im „Schwarzen Lamm“ unterkam, am 31. August früh um vier auf dem Dampfboot nach Rotterdam, am 4. September weiter nach Le Havre, wo man am 5. ankam und die „Republic“ am 9. ablegen sollte. Das überschwängliche Lob für den Agenten Bielefeld, das mehrere Auswanderer am 8. September in einem zweiten Brief nachschoben, dürfte, meinen Gehrig/Müller, mit Hilfe der Reisebegleiter der Agentur entstanden sein; es ließ sich werbewirksam verwenden. Wer sich die Rückkehr offenhalten wollte, besorgte sich einen Heimatschein. Ein Auswanderer schrieb nach Hause: „Wenn ich nur ein Vöglein wär und heimfliegen könnte!“50
11 · Ein Wunderheiler 1821Der Bauer aus Unterwittighausen
Dass Hoffnung auch zu Zulauf führt, zeigt die Geschichte des Martin Michel. Der Bauer aus Unterwittighausen soll in Würzburg unter dem Beistand des Fürsten von Hohenlohe, der selbst als Wunderheiler galt, die lange kranke Prinzessin Mathilde von Schwarzenberg geheilt haben; sogar die Frankfurter Zeitung berichtete davon. 1820/21 waren die Straßen nach Würzburg voller Wagen mit Kranken. Die Pfarrer der Umgebung versuchten, ihre Gemeinden fernzuhalten. Der Pfarrer von Lauda schrieb am 24. Juli 1821, die Leute kämen zurück, wie sie gegangen seien, obwohl es bei manchen heiße, sie seien geheilt. Der Gerchsheimer Pfarrer notierte, wer an die Wunder nicht glauben wolle, laufe Gefahr, geprügelt zu werden; einem Knaben habe der Segensprecher befohlen, die Krücken wegzuwerfen, und der Junge gehorchte und fiel zu Boden.51
Fast hätte die Welle auch Bischofsheim erfasst. Michel kam im Juli 1821 mit dem Poppenhäuser Pfarrer Steinam in die „Sonne“, deren Wirtin die Schwester des Pfarrers war, und begann an einer lahmen Frau seine Kur. Der großherzogliche Amtmann erfuhr es sofort und ließ den Wundermann samt Pfarrer aus der Stadt weisen; beide eilten, so der Pfarrer von Lauda, „Hals über Kopf“ nach Wittighausen zurück. Am 9. August 1821 beauftragte das Direktorium des Main-Tauber-Kreises in Wertheim das Amt Gerlachsheim, Michel die Kuren zu untersagen und auf die schon 1819 angedrohte Strafe hinzuweisen. Dann wurde es ruhiger; von weiteren Wunderheilungen ist nicht mehr die Rede.52
12 · FeuerEimer, Spritzen und der Stadtbrand von 1862
Brände waren in der alten Stadt häufiger als heute: offene Feuerstellen, Kerzen und Öllampen, Holzbauten, in denen ein Feuer rasch Nahrung fand. Die Nachtwächter und der Türmer auf dem Türmersturm sollten Ausschau halten und notfalls Alarm geben. 1816 besaß das Rathaus an Löschgerät zwei messingene Feuerspritzen, zwei kupferne Wasserkessel, fünf hölzerne „Wasserstenner“, neun Feuerhaken zum Niederreißen brennender Balken, ein altes Wagengestell für die Spritze und 159 Feuereimer. Im Brandfall wurden die gefüllten Eimer die Leiter hinaufgereicht, gegen das Feuer geschüttet und leer wieder heruntergeworfen, sie mussten also unzerbrechlich sein; der Sattler nähte sie aus Leder und dichtete sie mit Pech. Jeder Jungmann und jeder zugezogene Bürger musste einen Eimer bezahlen, und jeder hielt zu Hause einige bereit. Bei einem Brand rannte, wer Beine hatte, mit dem Eimer hin, auch aus Nachbarorten: 1789 wurden den „Feuerläufern“ aus Brehmen für ihren Einsatz in Bischofsheim 14 Kreuzer für Wein und Brot bezahlt. Nach einem großen Einsatz lagen private, städtische und fremde Eimer haufenweise herum, und wenn die Markierungen unleserlich waren, verteilte man sie, so gut es ging; so mancher Eimer dürfte im ganzen Taubergebiet herumgewandert sein.53
Der große Stadtbrand vom 16. Mai 1862 war eine der größten Brandkatastrophen, die die Stadt erlebte. Er brach nachmittags um drei Uhr aus ungeklärter Ursache im Haus des Metzgers Wolf Sauer in der Manggasse nahe dem Marktplatz aus und griff mit unglaublicher Schnelligkeit um sich; in kurzer Zeit standen neun Gebäude in Flammen, voll erfasst wurden das Hospital und das Gymnasium im früheren Franziskanerkloster, dazu die angrenzenden Häuser. Es war ein Glück im Unglück, dass es am Tag brannte: Die Löschmannschaften und viele Helfer waren schnell zur Stelle, nachts wäre vermutlich der größte Teil der Unterstadt verbrannt. Aus der Umgebung kamen Mannschaften mit Pferdefuhrwerken, bei Einbruch der Nacht traf auch die telegrafisch alarmierte Feuerwehr aus Wertheim ein; besonderes Lob erhielt die Königheimer Mannschaft mit ihrer vortrefflichen Spritze. Morgens gegen sechs Uhr hatte man das Feuer unter Kontrolle. Die Gebäudeversicherung erstattete 80 Prozent der Schäden an den Häusern, etwa 2600 Gulden für das Hospital und 3910 für das stark zerstörte Gymnasiumshaus; die Einrichtung war nicht immer versichert, und manche, darunter zwei im Gymnasium wohnende Geistliche, verloren viel. Unter den kleineren Erstattungen von weniger als 20 Gulden steht auch die der jüdischen Gemeinde, für ihre Synagoge.54
Die Folgen waren dauerhaft. Weil das Gymnasium ohnehin ein größeres Haus wollte, baute die Stadt es neu an der Straße nach Königheim (begonnen 1865, eingeweiht 1868); das Spital zog in einen Neubau an der Schmiederstraße (1866 bezogen); das niedergebrannte Reichenspital an der Hauptstraße kaufte der Metzger Lorenz Keller und baute ein großes Haus, in dem später ein Kaufhaus entstand; das Klostergebäude wurde wiederhergestellt und der neuen Lehrerpräparandenschule übergeben. Die Feuerwehr entstand aus dem Brand: Im Badischen hatte Durlach 1846 die erste freiwillige Feuerwehr gegründet, Mosbach folgte 1852, Wertheim 1857, und am 17. September 1862 wurde im Vorsaal des alten Amtshauses das „Pompier-Corps“ gegründet, unter dessen 82 Unterzeichnern auch die jüdischen Bürger Leo Strauß und Abraham Sußmann waren, beide im Bürgerausschuss tätig. 1890 brannten 14 Häuser zwischen Gymnasium und Sonnenplatz an der Ostseite der Hauptstraße ab, 1923 die Schulbankfabrik jenseits des Bahnübergangs.55
Löschordnungen gab es lange vor der Freiwilligen Feuerwehr. Im Kurfürstentum Mainz bestanden sie schon unter Albrecht von Brandenburg zur Zeit des Bauernkriegs. Die „Feuersbrunstordnung“ von 1749 für die Residenzstadt Mainz, die anderswo als Muster diente, verpflichtete die Berufe: Maurer, Steinmetze, Zimmerleute und Dachdecker zur Hilfe, Bierbrauer und Fassbinder zum Schicken wassergefüllter Bütten, die Metzger zum Wassertragen. Die Weingärtner kamen mit Karst, Haue, Schaufel und Axt, die Lohnkutscher hielten ein Ladfass bereit, die Fischer und Schiffer füllten die Behälter.
Zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr nennt die Festschrift von 1955 eine Versammlung am 12. September 1862 auf der Diele des Kurmainzischen Schlosses mit etwa 70 Personen, die Satzung am 24. November 1862, den ersten Einsatz am 25. November 1863 in Dittigheim, rund 100 Mitglieder und als Kommandanten den Bezirksförster Ostner (bis 1871), den Stadtrat Schnarrenberger (bis 1875) und von 1875 bis 1910 Alois Kachel; Gehrig/Müller nennen den 17. September 1862 und 82 Unterzeichner, hier gilt ihre Darstellung.56
Einordnung
Der Name entsteht
Bis etwa 1850 heißt die Stadt in den Quellen „Bischofsheim“, im Dialekt der Alten „Büscheme“. Der Zusatz „Tauber-“, der sie von anderen Orten dieses Namens unterscheidet, taucht ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts in amtlichen Akten und Schreiben auf, vorher nicht. Eine förmliche Verfügung ist in den ausgewerteten Quellen nicht greifbar; der Name setzte sich offenbar im Verwaltungsgebrauch durch. Deshalb steht in den früheren Kapiteln für die Zeit davor „Bischofsheim“.
Das nächste Kapitel schaut auf das, was darauf folgte: der Krieg von 1866, das Kaiserreich und die Jahre danach.