1 · Eine ZeitenwendeWas 1789 bis 1815 für das Reich bedeutete
Die Französische Revolution von 1789 stürzte nicht nur den König von Frankreich. Sie schuf mit dem Anspruch, dass alle Bürger gleiche Rechte haben, ein Maß, an dem sich jede Obrigkeit messen lassen musste, und sie führte zu Kriegen, in denen französische Heere das Reich überrannten. Napoleon, seit 1799 Erster Konsul, krempelte die Landkarte um. Im vom 25. Februar 1803 entschädigte das Reich die Fürsten, die links des Rheins Land an Frankreich verloren hatten, mit den Gebieten der geistlichen Staaten: Bistümer, Erzstifte und Klöster wurden , also in weltlichen Besitz überführt. Das war das Ende des Erzstifts Mainz als . 1806 ging das Heilige Römische Reich Deutscher Nation selbst unter; die Fürsten, die sich Napoleon im anschlossen, wurden souverän.
Für ein Land wie das Taubertal hieß das: Die Herren wechselten schneller, als die Beamten ihre Stempel tauschen konnten.
2 · Die letzten Jahre von KurmainzFlut und Reform
Das Jahrzehnt vor dem Ende begann mit Wasser. 1784 überschwemmte die Tauber die Stadt: Archivalien wurden vernichtet, die Unterstadt stand unter Wasser (die Marke an der Hauptstraße 12 zeigt 2,30 Meter), das Leonhardstor und die Leonhardskapelle wurden zerstört, danach schüttete man einen hohen Erddamm vor dem Wallgraben auf. Die Marke liegt bei 177,84 Meter über Normalnull. Andere Darstellungen nennen für die Zerstörung der Leonhardskapelle 1789 (Schneider, an einer Stelle) oder 1798 (Berberich); hier folgt der Text der Hauptdarstellung von Gehrig/Müller (1784).1
Über die Flut selbst berichten die Quellen Einzelheiten. Der Zimmermeister Georg Adam Zwerger baute ein Floß, mit dem man die Not leidenden Menschen versorgen konnte; die Stadt zahlte ihm einen Gulden. Im Rathaus wurden nach Berberich viele alte Urkunden durchnässt und beim Aufräumen weggeworfen, ein wahrscheinlich unersetzlicher Verlust für die Stadtgeschichte. In Dittigheim riss das Wasser den mittleren Brückenbogen weg, in Wertheim wurde die Tauberbrücke völlig zerstört. Am 19. August 1798 überflutete die Tauber wieder die Unterstadt; der 42 Jahre alte Michael Diemer ertrank beim Fahren in einer Kuffe, die offenbar umkippte. Gehrig/Müller erwähnen an dieser Stelle, dieses Hochwasser habe die Leonhardskapelle so beschädigt, dass sie abgebrochen werden musste; für die Zerstörung selbst bleibt es bei 1784. Die Festschrift von 1955 verbindet die Kapelle mit einer Stiftung: Der Stadtrat Rincker, der von Würzburg kam, geriet im plötzlichen Hochwasser in Not und gelobte, die baufällige Leonhardskapelle wieder herstellen zu lassen; weil das nicht mehr möglich war, ließ er das große steinerne Kreuz jenseits der Tauber errichten, zuerst dort, wo heute die neue Straße nach Großrinderfeld beginnt. Beim Bau dieser Straße 1890 versetzte man es an seinen heutigen Platz. Sie nennt dafür das Hochwasser von 1798; das Kreuz selbst ist 1792 datiert (mehr auf der Sonderseite Bildstöcke und Kleindenkmale).2 Die große Flut von 1808 beschädigte die Brückenpfeiler zum Teil bis auf den Grund; man erhöhte sie um sechs Schuh, damit Brustmauern und Holzjoche nicht mehr ins Wasser reichten, und vergab die Arbeit am 23. August 1809 an Michael Hock aus Dittwar für 150 Gulden. Der Steinhauer Adam Staud brach im Tannenwald die Quader für zehn Gulden die Rute, der Ziegler Georg Stockmeister lieferte 379 Malter Kalk, und der Schlossermeister Nikolaus Schuhmann goss 670 Pfund Eisenklammern mit Blei in die Steine.3
1782 reformierte Mainz die Verwaltung: Es entstanden Amtsvogteien in Bischofsheim, Königshofen, Königheim und Külsheim. Die Mauern, die Jahrhunderte lang Schutz geboten hatten, wurden entbehrlich: 1784 bis 1785 verkaufte die Stadt alle Geschütze, 1785 erlaubte Erthal die Versteigerung der „öd gelegenen“ Gräben, 1786 wurden die Gräben am Oberen Tor versteigert, 1791 entstanden Zürner-Risse zur Einebnung. Der Mauerring gehörte in der Praxis schon seit Jahrzehnten der Vergangenheit an.4
Die Revolution fand zunächst nur als Gerücht statt. 1792, als in Mainz die Republik ausgerufen wurde, gab es auch in Bischofsheim „tumultuarische Auftritte“, ohne dass sich die Verhältnisse änderten. Schon bei der Kaiserkrönung 1790 hatte es Streit um das Geleit der Reichsinsignien gegeben: Auf dem Weg von Nürnberg nach Frankfurt machte der Zug Halt in Bischofsheim, und bei Kleinheubach kam es zum Handgemenge zwischen der Geleitmannschaft aus dem Amt Miltenberg und wertheimischen Untertanen, die den Zug auf die andere Mainseite lenken wollten.5 1792 musste die Stadt die Straße nach Külsheim und den Hottenlochweg herrichten, für die Durchreise der Reichsinsignien von Nürnberg nach Frankfurt zur Kaiserkrönung; die -Einnahme dieses Jahres betrug 190 . 1796 kam eine Viehseuche nach dem Ochsentrieb der Österreicher; die Stadt gelobte ein Wendelinusfest am 20. Oktober und zum Steinberg und nach Dittwar. In der Amtsvogtei Bischofsheim mit Werbach, Werbachhausen, Brunntal und Großrinderfeld waren bis zum 17. Dezember 181 Ochsen, 114 Kühe und 113 Rinder verendet, in den vier Amtsvogteien zusammen 1093 Tiere. Gegen die Seuche half wenig: In Hochhausen erschlug man die ersten 20 bis 30 kranken Tiere, die man dann in einem Stall vor dem Ort absonderte, wo sie erfroren; in Königheim gab man Leinöl in gekochtem Gerstenwasser (sechs Tiere wurden gerettet); in Bischofsheim reichten manche Bauern ihrem Vieh einen Löffel Wacholder, Wermut und Benediktensalz auf Butterbrot.67
Die Flut von 1784 erklärt sich aus der Bauart der Brücke: Schlamm und Ablagerungen hatten die äußeren Bögen verlandet, die steinerne Brüstung verhinderte den Abfluss, und das gestaute Wasser stieg so hoch, dass es über die Brüstung in die Stadt drang. Erst als Einwohner die Brüstung einrissen, konnte es Richtung Impfingen abfließen. Wie viele Bögen die Brücke hatte, wird verschieden angegeben. Die Quellen des 19. Jahrhunderts nennen sieben. Bernhard Sprotte hat 1977 aber auf einen Befund hingewiesen, der dazu nicht passt: Im Mühlkanal, der nahe dem „Hammel“ in einem gewölbten Tunnel unter der Brückenzufahrt verschwand, betrat man ein geräumiges Gewölbe, die Untersicht eines etwa 8 Meter weiten und 6,20 Meter breiten Brückenbogens; das Aufmaß vom 23. September 1970 ergab einen Gewölberadius von 4,95 Metern. Dieses Gewölbe wurde 1972 zubetoniert. Sprotte rechnet vor, dass zwischen ihm und dem Widerlager der heutigen Brücke rund 42 Meter liegen – genau Platz für drei Bögen mit je 8 Metern Weite und 6 Meter dicken Pfeilern. Der erste dieser Bögen ist nachgewiesen, der zweite („unbezeugt“, wie es auf Sprottes Plan heißt) „schlummert vielleicht noch unter der Straße“, vom dritten könnte noch ein Rest erhalten sein. Träfe das zu, hätte die Brücke einmal neun Bögen gehabt, oder ursprünglich acht, falls der schmälere östliche Pfeiler später hinzugefügt wurde; Sprotte merkt dazu an: „Es wäre prüfbar!“ Beim Neubau der Brücke im 19. Jahrhundert wurden die neuen Pfeiler und Widerlager auf die Fundamente der alten siebenbogigen Brücke gesetzt, wobei je ein östlicher und ein westlicher Bogen entfielen – wahrscheinlich wurden sie mit den neuen Flügelmauern beseitigt. Wohlfarth, der von neun Bögen spricht, folgt dieser Überlegung und hat auf Nachfrage ergänzt, die zwei stadtseitigen Bögen seien durch Sedimente verdeckt und aufgefüllt worden; wer früher im Mühlbach Richtung Hammel ging, konnte noch einen Teil des Brückenbogens sehen. Gesichert ist also ein verborgenes Gewölbe am Tor; ob die Brücke insgesamt sieben, acht oder neun Bögen hatte, ist nicht abschließend geklärt.8



| Quelle | Zahl der Bögen | Anmerkung |
|---|---|---|
| Quellen des 19. Jahrhunderts | sieben | |
| Bericht der Regierung 1836 | sieben sichtbare | drei steinerne Bögen „cassiert“ und durch Holz ersetzt; ein weiterer am Unteren Tor im Schlamm verborgen |
| Sprotte 1977 | acht oder neun (Vermutung) | erster Bogen am Mühlkanal nachgewiesen, zweiter „unbezeugt“, vom dritten vielleicht ein Rest |
| Wohlfarth | neun | folgt Sprotte; zwei stadtseitige Bögen durch Sedimente verdeckt |
| Gesichert | ein verborgenes Gewölbe | Aufmaß vom 23. September 1970; 1972 zubetoniert |
Nach Sprotte 1977, Wohlfarth und dem Bericht der Regierung von 1836 (Kapitel 14).
Hintergrund
Ein isländischer Vulkan und das Tauwetter von 1784
Am 8. Juni 1783 öffnete sich auf Island die Laki-Spalte. Der Ausbruch dauerte bis Februar 1784 und setzte große Mengen Schwefeldioxid frei. Über Europa lag im Sommer 1783 ein Dunst, der als Laki-Dunst in die Berichte einging. Die beiden folgenden Winter waren ungewöhnlich kalt, in vielen Gegenden kam es zu Ernteschäden. Auf Island selbst starb in der anschließenden Hungersnot nach den meisten Angaben ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung.9 Als im Frühjahr 1784 der Schnee schmolz, meldeten Deutschland und Mitteleuropa schwere Hochwasserschäden.
Ob die Tauberflut von 1784 in Bischofsheim zu diesem Tauwetter gehört, sagt keine unserer Quellen ausdrücklich: Die Jahreszeit der Flut ist nicht überliefert. Die Vermutung liegt nahe, bleibt aber eine Vermutung. Sie widerspricht auch nicht der Erklärung mit der Brücke: Das Wetter lieferte das Wasser, die verlandeten Bögen und die steinerne Brüstung machten daraus eine Katastrophe.
3 · 1802 bis 1806Leiningen und Baden
Der letzte kurmainzische , Johann Baptist Ovelog (1797 bis 1802), erlebte den Zusammenbruch. 1802 nahm Karl Friedrich Wilhelm Fürst zu Leiningen das Gebiet in Besitz, 1803 bestätigte der Reichsdeputationshauptschluss, dass die kurmainzischen Oberämter Tauberbischofsheim und Amorbach mit weiteren Ämtern an das Fürstentum Leiningen fielen. Die Stadt gehörte damit nach über 560 Jahren nicht mehr zu Kurmainz. Leiningen übernahm vom Domkapitel Zehnt und Baupflicht. Schon am 12. Juli 1806 beendete die Rheinbundakte auch diese Zwischenherrschaft: Das Amt kam zum Großherzogtum Baden, Leiningen wurde mediatisiert, behielt aber als Domänen, Zehnte und Zinsen.10
Was die Leininger zuerst taten, war, die Stadt zu zählen. Ihre Erhebung von 1803 nennt 340 bürgerliche Häuser, 366 begüterte Familien (ohne 15 jüdische Haushalte), rund 1600 Seelen, zehn Schild- und Bierwirte; die Bevölkerung ernähre sich vor allem vom ; die Stadt hatte 53 776 Gulden Schulden. Der Wein, heißt es 1806 in einem Bericht, sei „zwar nicht von der besten, doch wohl von der mittleren Güte, bergweis auch von der ersten Güte“; die hätten Niederlassungen in Frankfurt, und Miltenberg sei Umschlagplatz für mehrere tausend fränkischen Weins. Der Fernhandel und das Fuhrwesen lagen, wie die Frachtrechnungen um 1800 zeigen, zum größten Teil bei jüdischen Kaufleuten, darunter dem Großunternehmer Löw Abraham.11
Für die Bürger waren die Jahre teuer. Die Stadtkasse war 1806 leer und hatte 80 000 Gulden Schulden; täglich mussten drei Tafeln für französische Generäle gedeckt werden; 800 Gulden Kirchengeld wurden als Anleihe genommen. Von 1809 bis 1813 kamen Durchmärsche, Söhne der Bürger zogen in den Russlandfeldzug, und die Stadt lieh sich 400 Gulden in Impfingen.12
Die Rheinbundjahre brachten außerdem eine eigene Form des Weggehens. Seit 1806 musste Baden Napoleon Truppen stellen, und viele junge Männer wollten nicht unter französischen Fahnen dienen und entwichen. Die badischen Behörden sperrten im Auftrag Frankreichs ihr Vermögen im Pfandbuch, um sie zur Rückkehr zu zwingen und Nachahmer abzuschrecken. Das Pfandbuch der Stadt nennt für die Jahre 1807 bis 1815 neunundvierzig junge Bischofsheimer mit Namen, von Grimmer bis Herold, einige Brüder darunter (die drei Bopp, die Behringer). Oft steht hinter dem Namen „Schulden“ oder „kein Vermögen“; dann lief die Drohung ins Leere. Nach Napoleons Sturz dürften die meisten wieder heimgekehrt sein.13
Auch die Kapellen gerieten in den Sog der neuen Ordnung. 1809 fragte die großherzoglich badische Landesvogtei Wertheim mehrfach beim Pfarramt an, welche Kapellen derzeit nicht benutzt würden, wie es um ihr Vermögen stehe und welche daher entbehrlich seien und aufgelöst werden könnten. Pfarrer und Bürger wehrten sich vor allem für die Maria-Hilf-Kapelle: Sie lasse sich ohne „größere Sensation und Aufregung“ in der Gemeinde nicht auflösen. Die Kapelle steht bis heute.14
4 · Badisch werdenGemeinde, Verfassung, Wahlrecht
Baden war ein Staat, der aus Land zusammengekauft wurde, und er musste es zusammenhalten. Das Organisationsedikt von 1809 schuf ; Tauberbischofsheim wurde Sitz eines Bezirksamts im Main-Tauber-Kreis (Verwaltung Wertheim); später folgten weitere Umgliederungen: 1832 Unterrheinkreis, 1863 Kreis Mosbach, 1924 Reduktion der Amtsbezirke. Als erster Bürgermeister der neuen Zeit amtierte Georg Michael Baumann (1802/06 bis 1820), dann Stephan Weber von der Rollenmühle (1822 bis 1832); die vom 31. Dezember 1831 setzte die bürgerliche Selbstverwaltung fest.15
Wie das Amt aussah, zeigen die Akten, die die Festschrift von 1955 auswertet. Baumann war schon 1814 so krank, dass das am 19. Februar dem Stadtrat Prailes die vorläufige Verwaltung übertrug; erst im Januar 1820 wurde er wegen seines Alters in den Ruhestand versetzt, mit 25 Gulden im Jahr und zwei Klaftern Holz, und für seine Verdienste in der Kriegs- und Nachkriegszeit ausdrücklich gelobt. Die Wahl des Handelsmanns Schwab fand keine Bestätigung des Bezirksamts, erst der Stadtrat Weber, 1822 im zweiten Wahlgang gewählt, wurde bestätigt. Sein Gehalt betrug zuerst 63 Gulden und 35 Kreuzer samt Holz und Sporteln, 1823 setzte die Kreisregierung Wertheim es auf 100 Gulden fest. In seine Zeit fiel der Abbruch des Stadtwalls im Norden und der Bau der Häuserreihe an der Ringstraße; im Volksmund hieß sie „der neue Bau“.
Der Kaufmann Franz Reidel (1832 bis 1835) bat im September 1835 um Entlassung, weil sein jüngster Sohn die Polytechnische Schule in Wien besuchte und sein Geschäft ohne ihn nicht bestehen könne. Die Einladung zur Neuwahl am 31. Oktober 1835 hielt fest, wählbar sei jeder Gemeindebürger christlicher Religion über 25 Jahre, der wenigstens ein Jahr Bürger und nicht entmündigt oder in Konkurs geraten sei; man möge einen „gebildeten, sittlichen, rechtlichen, charakterfesten und nicht ganz vermögenslosen“ Mann wählen. Der gewählte Stephan Weber wurde nicht bestätigt, weil er das vorgeschriebene Mindestkapital von 800 Gulden nicht nachweisen konnte. Am 14. September 1836 wurde der Stadtrechner und Kaufmann Franz Michael Steinam gewählt (Verpflichtung am 25. September durch Oberamtmann von Dürrheim); 1838 setzte die Regierung des Unterrheinkreises sein Gehalt auf 221 Gulden fest. Als er 1842 zurücktrat, bestätigte die Staatsaufsicht keinen der beiden nächsten Gewählten, den Spenglermeister Michael Schmitt (15. Juli) und Magnus Prailes (28. Oktober); das Bezirksamt forderte die Bürger dringend auf, „einen Mann von gemäßigter Gesinnung, von hinreichendem Vermögen und von der erforderlichen Geschäftskenntnis“ zu wählen. Am 18. Februar 1843 wählte der Große Ausschuss, 36 Mitglieder, dazu der Gemeinderat mit acht und der kleine Ausschuss mit zwölf, den Landwirt Jakob Barth, den Oberamtmann Dr. Schmieder am 11. März verpflichtete; an ihn erinnert die Schmiederstraße. In seiner Amtszeit besuchte Großherzog Leopold das Taubertal, den die Begradigung der Tauber und die Wiesenbewässerung interessierten.16
Die badische vom 22. August 1818 führte ein Zweikammerparlament ein, und mit ihr kamen Wahlen. 1830 hatte Bischofsheim 2338 Einwohner, 329 waren wahlberechtigt (14 Prozent); die geheime Wahl wurde zuerst bei der Bürgermeisterwahl von 1832 angewandt. Das ist kein Demokratieverständnis im heutigen Sinn: Wahlberechtigt waren Männer mit Vermögen. Aber die Obrigkeit hatte sich an eine Wahl gewöhnen müssen.17
Das Schulwesen folgte: 1810 baute man ein Deutsches Schulhaus in der Kirchgasse für 700 Gulden. Die Einführung des Schulgelds, die der Rektor Johann Adam Schmitt (1834 bis 1849) mit der Stadt verfügte, wurde so wenig geliebt, dass ihm 1837 jemand Pfosten seines Gartenzauns herausriss; Schmitt, der 1844 Gründungs-Musikdirektor des Männergesangvereins wurde, gehörte 1848 zu den entschiedenen Vorkämpfern der liberalen Bewegung.18
Hintergrund
1817: Wenn ein Malter Korn 30 Gulden kostet
Der Ausbruch des Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815 ließ Europa ein Jahr später ohne Sommer zurück. Die Sommer waren seit 1812 nass und kalt, 1816 war der schlimmste. Südwestdeutschland traf es besonders hart, vor allem Württemberg und Baden: Im Spätsommer 1816 fielen die Ernten aus, im Frühjahr 1817 herrschte schwere Hungersnot. In Württemberg gab es 1816/17 mehr Todesfälle als Geburten, und mehrere Tausend Menschen wanderten aus (die Angaben schwanken um 17 000, je nachdem, welchen Zeitraum man zählt).19
Aus Bischofsheim gibt es eine Zahl, die das Ausmaß greifbar macht. In das 1821 erneuerte Missionskreuz auf dem Marktplatz legte man eine , die die Preise festhält: 1817 kostete das Korn 30 Gulden, 1821 nur noch 4 Gulden, der Eimer Wein 1817 zwischen 50 und 60 Gulden. Berberich vermerkt für 1817 eine „große Hungersnot“.20 Der Preis war innerhalb von vier Jahren auf weniger als ein Siebtel gefallen. Wie viele Bischofsheimer damals hungerten oder auswanderten, ist nicht überliefert.

Alltag
Zucker aus der Rübe: Ein Versuch von 1811
Als der Chemiker Franz Karl Achard 1801 die deutsche Zuckerfabrikation begründet hatte, erreichte das badische Innenministerium am 30. März 1811 ein Gerücht: In Bischofsheim werde Runkelrübenzucker so erfolgreich hergestellt, dass sogar der Fürstlich Leiningensche Hof in Amorbach davon versorgt werden könne; man erwarte Bericht und wolle dem Unternehmer die Zufriedenheit des Hofes bezeugen. Die Kreisdirektion musste am 30. April 1811 enttäuschen: Die Anzeige sei übertrieben, einzig der Apotheker Hergt habe einen Versuch gemacht und aus sechs Zentnern Rüben achteinhalb Pfund Rohzucker gewonnen, sich aber überzeugt, dass bei dem hohen Holzpreis kein nennenswerter Vorteil herausspringe. Aus der Zuckerrübenfabrik wurde nichts.21
5 · Die Rechte der JudenEin Edikt, eine lange Treppe
Für die jüdische Gemeinde bedeutete Baden eine Zäsur. Das Sechste Konstitutionsedikt vom 4. Juni 1808 erklärte die Juden zu erbfreien Staatsbürgern; das Judenedikt vom 13. Januar 1809 regelte ihre Stellung, am 20. Dezember 1816 wurden die Schutzgelder abgeschafft, am 1. Juni 1828 alle Sonderabgaben; das volle Gemeindebürgerrecht kam erst am 4. Oktober 1862. Die Gleichstellung war also ein Prozess von mehr als einem halben Jahrhundert, und jede Stufe musste erstritten werden.22
Wirtschaftlich war die Gemeinde längst Teil der Stadt: Die Fuhrunternehmen, die Weinhändler und die Läden (1806 gab es elf Handels- und Krämerläden, drei davon jüdisch) waren eng mit der Stadt verwoben. Aber die rechtliche Gleichstellung blieb unvollständig, bis 1862 das volle Gemeindebürgerrecht kam. 1884 erreichte die Gemeinde mit 200 Personen ihren Höchststand; das ist der Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts.23
6 · Die SchützenEin Verein als Spiegel
Wie sich die Stadt in dieser Zeit selbst erlebte, zeigt ein Verein: die Sebastianus-Schützen. Die , die seit dem Bau der Sebastianuskapelle 1474 bestand, war zugleich eine städtische Schützengesellschaft; der heilige Sebastian war Patron der Pestkranken und der Schützen, und schon im 16. Jahrhundert waren die Bischofsheimer Schützen auf Schützenfesten der Nachbarstädte eifrig dabei. Die Obrigkeit hatte daran ein Interesse: Jeder Bürger musste im Ernstfall zur Verteidigung der Stadt beitragen. 1792, als in Mainz die Republik ausgerufen wurde und die Regierung eine Ausweitung der Unruhen fürchtete, mussten die Schützen jedoch um Genehmigung ihres Pfingstfreischießens bitten; 1794 befürwortete der Oberamtmann ein weiteres Gesuch und schlug vor, den „Torkreuzer der Juden“ (eine Art am Stadttor, den die jüdischen Einwohner zahlen mussten) als Preisgeld zu verwenden: Das Freischießen fördere die Wehrhaftigkeit der Zentmannschaft gegen Räuber und Feinde, und man könne dabei „wie früher die Spritzen probieren“.24
In den 1820er-Jahren gründeten Bürger in Anknüpfung an diese Tradition das „bürgerliche Schützen-Corps“. Am 13. Oktober 1825 bat der Bürgermeister den Amtmann, seine Errichtung „durch den Hutmacher Michel Reinhart und dessen Consorten“ zu erlauben; die Liste von 1826 nennt 30 Gründer (Hutmacher, Metzger, Sattler, Gärtner, Schneider, Glaser, Maurer, Büttner, Bäcker, Buchbinder, Bierbrauer, den Hirschenwirt), unter ihnen fünf Juden: Emanuel Strauß, Itzig Katzau, Feist Sußmann, Ascher Steinhard und Lohr Steinhard. Kurz darauf nennt die Mitgliederliste 66 Schützen, darunter neun Juden, fünf Stadträte, Regierungsrat Merkel, Posthalter Steinam, Bürgermeister Weber, Apotheker Hergt, den Weinhändler Bögner und zwei Witwen. Die Uniformen (dunkelgrünes Tuch, 720 gelbmetallene Knöpfe, blaue Seide) lieferten 1827 die jüdischen Handelsleute Isak Katzau und Emanuel Strauß für 520 Gulden; durch ungewöhnlich hohe Spenden der Mitglieder war die Summe rasch bezahlt. Die Statuten von 1826 gingen über das Direktorium des Main- und Tauberkreises in Wertheim. Das Bild gehört zum Ende der alten Ordnung: Dieselben Juden, die bis 1828 Sonderabgaben zahlten, standen bereits Schulter an Schulter mit den Honoratioren der Stadt.25
Aus dem Schützenwesen wurde auch ein Markt. Nach Errichtung des bürgerlichen Schützencorps bewilligte das badische Innenministerium der Stadt am 29. September 1826 einen dreitägigen Markt, der erstmals am 27. August 1827 stattfand und mit dem Ludwigsfrei-, Fest- und Stiftungsschießen verbunden war. Der Gemeinderat schaffte diesen „Schützenmarkt“ mit Zustimmung des Bürgerausschusses am 26. Juli 1851 wieder ab; der Markt sollte wie früher an einem Tag nach St. Bartholomä stattfinden. datiert die Gründung des Schützencorps selbst auf August 1823, Gehrig/Müller auf die Jahre 1825/26; hier gilt Gehrig/Müller.26
7 · Die MauernAbtragen auf Anordnung
Eine Stadtmauer, deren Aufgabe der Schutz war, wurde im 19. Jahrhundert zum Hindernis. Am 8. August 1812 ordnete das Kreisdirektorium Wertheim an, die Mauer (sieben bis zehn Meter hoch, mit Hütten dahinter) auf zwölf Schuh abzutragen. Das Ministerium in Karlsruhe bestimmte nach Schneider 3,60 Meter; die Stadt hatte um 5,40 Meter „bei den Räuberzeiten“ gebeten. Der Turm des Oberen Tores mit der Torwartswohnung wurde 1812 abgebrochen, der -Torbogen, den Lerch hatte setzen lassen, an die Rollenmühle versetzt.27
Es war der Beginn eines langen Abbruchs, den das nächste Kapitel verfolgt.
8 · HinrichtungenDas Ende einer Gerichtsbarkeit
Das , das die Stadt jahrhundertelang geübt hatte, endete in diesen Jahren; die Geschichte der Zent und ihrer Richtstätten erzählt Kapitel 9. Im ganzen 18. Jahrhundert ist keine Hinrichtung überliefert. Am 12. Januar 1816 wurde der Metzger und Kronenwirt Georg Fridsen hingerichtet, der am 18. Mai 1815 seine Frau Margareta Krug aus Gissigheim ermordet hatte; das stand bei der Wolfstalwüstung, der Kopf blieb zwölf Stunden auf dem Schandpfahl, den Beistand leistete der Ept. Die letzte Hinrichtung in Bischofsheim fand am 10. November 1820 auf dem Sprait statt, für den Mord vom 22. Januar 1818 an dem Königheimer Müller Stephan Trabold; das Urteil sprach das Oberhofgericht in Mannheim. Um neun Uhr wurde auf dem Marktplatz das Urteil verkündet, um elf Uhr vollzog der Scharfrichter Schwarz aus Bischofsheim die Strafe am Soldaten, und der Scharfrichter Schönbein aus Uissigheim richtete die Frauen, eine Müllerin aus Königheim und eine Magd aus Dittwar; der Stadtpfarrer Michael Josef Kunkel begleitete sie. Für die Hinrichtungen musste jeweils ein Schafott errichtet werden, in der Verordnung von 1820 „Blutbühne“ genannt; sie war von Bewaffneten umstellt, die fast leere Stadt wurde von Soldaten vor Plünderung bewacht, und das Publikum durfte den vor der Vollstreckung nicht verlassen. Viele verließen ihn dennoch vorzeitig, als sie die Grausamkeit sahen; eine Moritat von 42 Strophen hielt das Ereignis fest.28 Die Verordnung selbst liegt im Stadtarchiv (Akte A 3291) und wurde hier nicht neu ausgewertet.
Der Mann, der richtete, wurde gemieden. Der Scharfrichter, der zugleich Wasenmeister war und die Tierkadaver entsorgte und verwertete (Häute an die Gerber, Fleisch an Jäger und Schäfer für die Hunde, Aas an die Wolfsfänger), war von den Gemeindeämtern ausgeschlossen, und die Bürger mieden ihn. Die Scharfrichterfamilien hielten umso enger zusammen: Ihre Kinder heirateten bevorzugt untereinander, sie waren gegenseitig Paten und Trauzeugen, und das Amt vererbte sich vom Vater auf den Sohn. Seit 1680 stellte die Familie Schwarz alle Bischofsheimer Scharfrichter. Jakob Schwarz übte das Amt von 1756 bis zu seinem Tod 1820 aus, mit 91 Jahren, sein Sohn Georg Michael Schwarz führte 1820 den letzten Streich auf dem Sprait. Dessen Sohn Adam Schwarz war kein Scharfrichter mehr, sondern der erste Bezirkstierarzt (1844 bis 1886): Aus der Wasenmeisterei entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Tiermedizin. Wie sehr das Gewerbe zum Aberglauben gehörte, zeigt, dass Scharfrichter Zähne und Haare Gehenkter verkauften, denen Abergläubische Heilkraft zuschrieben. Die Wasenmeisterhütte verlegte man 1851 an den Wasenplatz im Hottenloch, einen Wasenmeister gab es noch 1913.29
Einordnung
Ein Zusammenbruch ohne Revolution
Man kann diese Jahrzehnte als Reihe von Verlusten lesen: das Erzstift, das Domkapitel, die Selbstverwaltung der Kirche, die Mauern, das Hochgericht. Man kann sie auch als Gewinn lesen: Die Bürger bekamen eine Gemeindeordnung, Wahlen, ein Schulhaus, und die Juden der Stadt wurden Staatsbürger. Beides stimmt. Auffällig ist, dass der Wandel von oben kam, ohne Aufstand und ohne Kampf. Die Stadt, die 1525 für ihre Rechte gekämpft hatte, nahm 1806 hin, was Karlsruhe verfügte. Das ist, wenn man will, die eigentliche Pointe: Die Bürger gewannen Rechte, die sie nie erstritten hatten, und verloren eine Ordnung, die sie lange getragen hatte.
Das nächste Kapitel führt in die Jahre, in denen die Stadt ihr Gesicht änderte: die Zeit des Abbruchs, der neuen Bauten und der /49.