1 · Das Zeitalter des BarockPrunk nach dem Krieg
Der (das Wort stammt vom portugiesischen barroco, „unregelmäßige Perle“) ist der Stil, in dem sich die katholische Welt nach dem Dreißigjährigen Krieg neu inszenierte: Gold, Bewegung, bemalte Decken, als Theaterbühnen. Er hat politische Gründe. Eine Kirche, die in der Boden verloren hatte, wollte überwältigen; Fürsten, die sich im Krieg bewährt hatten, wollten Macht zeigen. Dazu kamen wirtschaftliche Gründe: Wer das Geld besaß, sei es der , ein oder ein Dompropst-Faktor, baute.
In Bischofsheim, einer Stadt des Mainzer Oberstifts mit einer gewissen Wohlhabenheit, wird der Barock vor allem in der , im Franziskanerkloster, in einigen Bürgerhäusern und in kleinen Kapellen sichtbar. Der Stadtgrundriss änderte sich kaum, die Mauern standen noch, aber hinter ihnen wurde neu gebaut.
2 · Die KircheEin neuer Altar
Am sichtbarsten ist der Wandel in St. Martin. Der wurde 1731 abgebrochen; nach dem Vertrag zwischen Pfarrer Specht und dem Würzburger Kunstschreiner Eickmann entstand für 220 Taler ein Barockaltar, der seinen Platz bis ins 19. Jahrhundert behielt: 1846 folgte ein neugotischer Hochaltar nach Entwurf von Barth in Würzburg, gefasst von Seiz aus Külsheim. Die malten Johann Hugo Schlegel (Chor, 1734) und Antonio Wolhaupter (, 1737/38), eine hölzerne Decke wurde 1737 eingezogen; zu den Stiftern zählte der Weinhändler Johann Michael Schäffner.1
Es gab auch Verluste. Der Stephansaltar am Choreingang wurde zwischen 1751 und 1760 abgebrochen und durch eine verschlossene Loge für den , den Grafen von Stadion, ersetzt; erst 1806 unter Leiningen genehmigte man ihre Entfernung. Die Grünewald-Tafeln kamen 1761 auf den neuen Heilig-Kreuz-Altar, ein Rokoko-Aufbau des Würzburger Bildhauers Johann Michael Huttmann; Pfarrer Johann Sebastian Severus hielt sie um 1760 für ein „elegans pictura Alberti Dürer“, ein Werk Dürers. Das zeigt, was die Bilder der Zeit galten: wertvoll, aber ohne Namen.2
Kapellen entstanden aus Frömmigkeit und aus Wettbewerb. Auf der Grabenbrücke vor dem Oberen Tor errichtete 1700 der Apotheker Johann Henrich Staub eine Maria-Hilf-Kapelle, eine Kopie des Passauer Gnadenbildes; 1702 stiftete Simon Dürr die Laurentiuskapelle, die am 14. September 1723 geweiht wurde, wobei, wie es heißt, die Statue des Heiligen sich bewegt haben soll; das Wunder wurde notariell beglaubigt. Die Festschrift von 1955 nennt als Weihetag den 10. August 1723 und berichtet, dass die Kapelle schon 1748 gründlich erneuert werden musste, durch Hans Michel Fröhling, „Bürger und Dungermeister“; die Markusprozession dorthin hat sich bis heute gehalten. Auf dem Stammberg ließ 1773 der Amtskeller Winterfeldt die Maria-Schmerz-Kapelle bauen, mit einem Gnadenbild der schmerzhaften Mutter, eine Feldkapelle, die Tag und Nacht offen steht.3 Seit 1720 stand auf dem Marktplatz ein Missionskreuz, gestiftet von Wilhelm Bögner.4
Hintergrund
Wovon der Pfarrer lebte, um 1780
Das Pfarramtsbuch, das auch die Gottesdienstordnung von 1612 enthält, zählt auf, was der Pfarrer von Bischofsheim und seinen Filialen um 1780 einnahm. Es ist eine Liste von Posten, die der Pfarrer meist selbst einsammeln musste: Zinsen aus Stiftungskapital, Grundzinsen und von Mühlen und Häusern in fünf Orten, Anteile am Zehnten in drei Gemarkungen, Holz aus zwei Wäldern, Erträge eigener Äcker und Weinberge, Gebühren für Taufe, Trauung und Begräbnis. Bis 1829 bewirtschaftete der Pfarrer die Pfarrgüter selbst, mit Knecht, Magd und Tagelöhnern; Pfarrer Kunkel war der Letzte.5
Der Zehnt war ein Drittel des Kleinzehnten in Bischofsheim, das übrige kam dem Mainzer Domkapitel zu, das 1351 die Pfarrei einverleibt bekommen hatte und sich offenbar den Großzehnten behielt. Bis 1786 holte der Pfarrer das Drittel in : Heu, Kraut, Rüben, Kartoffeln, Obst und Mischfutter. Weil es dabei immer Streit mit der Domkapitelsfaktorei gab, was zum kleinen Zehnten gehöre, einigte man sich 1786 auf einen Vergleich: Jedes Jahr auf Martini sollte die „12 Malter Korn, 12 Malter Dinkel, 11 Malter Haber und 200 tüchtige Gebund Haberstroh“ liefern. Das Domkapitel genehmigte ihn am 24. Mai 1786; der Pfarrer hatte „den lästigen Einzug der Naturalien vom Hals“. Mit den Lämmern war es schwieriger: Den Lämmerzehnt hatte sich die Dompropstei vorbehalten, und im 18. Jahrhundert stritt man, ob lebendig oder in Geld auszuzehnten. Oberamtmann und Stadtrat halfen den Schäfern, den Wert eines Lammes auf drei bis vier Kreuzer zu drücken, wo er bis zur Ablösung blieb.6
Auswärts reichte der Besitz der Pfarrei weit. In Distelhausen hatte sie Anteil am großen und kleinen Zehnten; 1627 trat sie ihn an die Würzburger Kammer, das Juliusspital und den gegen jährlich insgesamt zwölf Malter Korn und drei Malter Haber ab, die „der Pfarrer gibt ihnen dabei etliche Maß Wein und Brot“. Den Weinzehnt von 44¾ Morgen sammelte er selbst auf eigene Kosten; die Landschieder ließen den Bezirk 1767 für 20 Gulden versteinen, der Ertrag schwankte zwischen 8 und 50 Gulden. Von Dittigheim bezog er ein Sechstel des Kleinzehnten und ließ es versteigern (10 bis 12 Gulden, seit 1784 zahlte die Gemeinde 13). Dazu kamen Zehntteile in Dienstadt (7 Morgen Acker, 3 Morgen Weinberg) und in Dittwar (6 Morgen Weinberg), bis dort 1702 eine eigene Pfarrei gestiftet wurde. Die Pfarrei in Dittigheim, seit alters ebenfalls Filiale, hatte sich ihren eigenen Zehnt im Gebiet um Steinbach und Lossenhof gesichert, wohl durch den Ortsadel, der eine eigene Pfarrei verlangte, und musste ihn deshalb nicht mit der Mutterpfarrei teilen.7
Die Landlage zeigt sich im Kleinen. Die sechs Morgen „Laimengrube“ vor der Stadt musste der Pfarrer der Stadt zum Lehmgraben überlassen; sie zahlte dafür 30 Kreuzer, und dabei ging nach seinen Worten fast jedes Jahr ein Pflug an den harten Wegen entzwei, die Frucht litt hinterher auch. Wie sich die Dinge bis 1863 entwickelten, zeigt der Realschematismus der Erzdiözese Freiburg: Er beziffert das Jahreseinkommen des Tauberbischofsheimer Pfarrers auf 1500 bis 1600 Gulden, gegenüber 800 in Distelhausen, 900 in Dittigheim, 600 in Impfingen und Dittwar, 932 in Hochhausen, 1700 in Königheim und 1200 bis 1400 in Großrinderfeld.8


| Posten | Betrag oder Menge |
|---|---|
| Geld und Naturalien | |
| Zinsen aus 810 fl 45 kr verliehenem Kapital | 5 % (1727 waren noch 1000 fl verliehen; Verluste durch zahlungsunfähige Schuldner bis 1780 fast 200 fl) |
| Grundzinsen von Häusern in der Armengasse | 5 fl 7 kr |
| Gerlachsheim, 42 Einzelbeträge | 7 fl 42 kr (früher 7 Malter Früchte) |
| Neubrunn | 6 Malter Korn, 1 Malter Haber (Verzeichnis 1748 auf eigene Kosten erneuert) |
| Impfingen | 7 Malter Korn, 3 Malter Haber (Verzeichnis 1776) |
| Gissigheim (Salve-Regina-Stiftung von 1479) | 3 Malter Korn, 2 Malter Haber |
| Königheim | 2 Malter Korn |
| Werbach (Kuhnmünchische Mühle) | 1 fl |
| Zehnt und Holz | |
| Drittel Kleinzehnt in Bischofsheim (seit 1786 von der Domkapitelsfaktorei) | 12 Malter Korn, 12 Malter Dinkel, 11 Malter Haber, 200 Gebund Haberstroh |
| Blutzehnt | nie mehr als 1 fl |
| Distelhausen (abgetretener Zehnt) | 12 Malter Korn, 3 Malter Haber |
| Holz | 3 Stecken aus dem hiesigen Forst, 3 aus dem Forst bei Gerchsheim |
| Eigene Güter | |
| Acker | 21¾ Morgen im Heimbergsflur (davon 6 Morgen Lehmgrube), 12 Morgen im Wolfstalflur, 6¾ Morgen im Bachflur |
| Weinberge, Gärten, Wiesen | je 1 Morgen Weinberg im Brehmenleiten und im Edelberg, zwei Gärten zu einem Viertelmorgen, gut 6 Morgen Wiesen |
| Gebühren (Stolgebühren) | |
| Einschreiben der Taufe | 10 kr |
| Trauung | 2 fl |
| Begräbnis eines Kindes | 20 kr |
| Begräbnis mit drei Seelenämtern (Choral) | 1 fl 30 kr |
| Begräbnis mit drei Musik-Seelenämtern | 2 fl |
| Beerdigung ohne Seelenamt | 45 kr |
| ## 3 · Das Kloster und das Gymnasium | Bildung hinter Mauern |
Nach dem Pfarramtsbuch, wiedergegeben bei Gehrig/Müller 1997, S. 79–82. Gulden (fl), Kreuzer (kr).
Die wuchsen. 1688 genehmigte Erzbischof Anselm Franz von Ingelheim das Gymnasium; die Schule war ein des Klosters und die Vorläuferin des heutigen Matthias-Grünewald-Gymnasiums. Der Konvent wuchs von acht bis neun auf 24 Mitglieder. 1719 bis 1722 wurde das als vierflügeliger Bau neu errichtet; der Südflügel überwölbt, wie man erzählt, den Mühlbach.9
Wie die Schule entstand, erzählt die Festschrift von 1955 nach der Jubiläumsschrift des Gymnasiums von 1934. Der Stadtrat hatte um sie gebeten, und Erzbischof Anselm Franz von Ingelheim stimmte am 9. Januar 1688 zu; die Franziskaner waren schon 1629, mitten im Dreißigjährigen Krieg, zur Aushilfe in der Seelsorge gerufen worden. Das Kernstück des Unterrichts war Latein. Zwei Patres lehrten in vier Jahreskursen, nach dem Vorbild der Jesuitengymnasien; einen eigenen Schultyp stellte die Anstalt nicht dar. Das Honorar war so kärglich, dass das Kloster immer wieder um Aufbesserung bat. Anfangs kamen nur die Bürgersöhne der Stadt, später auch Schüler aus der Nachbarschaft und weiterer Umgebung. Die kurmainzische Schulordnung von 1773 nahm Griechisch in den Lehrplan, wirkte sich in Bischofsheim aber nur langsam aus; gegen Ende desselben Jahres musste der Betrieb aus Geldnot sogar vorübergehend eingestellt werden. 1784 besuchten 43 Schüler die Anstalt, unterrichtet von vier Professoren, im Westflügel des Klosters, wo sie bis zum Brand von 1862 blieb.10
Auch für die deutsche Schule gab es Vorgaben von oben. Kurmainz hatte um 1770 ein Schuldekret erlassen, das den Schulbesuch der ganzen Bevölkerung und einen besser vorgebildeten Lehrerstand verlangte, und im benachbarten Würzburg galten seit 1775 eine Schulordnung, die den „niedrigsten Landesschulen“ besonderen Wert beimaß. Der Rektor der Bischofsheimer Volksschule half im 18. Jahrhundert zeitweise an der Franziskanerschule aus. Die Festschrift schließt daraus, dass schon vor 1800 ein geregelter Schulbetrieb bestand; wie streng die Schulpflicht in der Praxis durchgesetzt wurde, sagt sie nicht.11
Das war ein Gewicht für die Stadt. Die Lateinschule erlaubte es Söhnen der Bürger, weiterzukommen, nach Würzburg, nach Mainz, in geistliche Karrieren. Ein Beispiel ist Johannes Gallus de Jacob, Sohn eines Seilers aus Bischofsheim, der zum Hofkammerdirektor des Würzburger aufstieg, nach dessen Tod 1719 von Schönborn in 203 Artikeln angeklagt wurde und 600 000 Sühne zahlen musste, mit denen die Würzburger Residenz gebaut wurde. Er hatte der Pfarrkirche sechs silberne Leuchter für den Hochaltar gestiftet.12
Die Schule selbst wuchs aus ihrem Haus. Das älteste bekannte Schulhaus, das frühere Kaplaneihaus neben der Sebastianuskapelle, verkaufte die Stadt 1732 an den Weinhändler Schäffner und baute stattdessen gegenüber der Kirchenfassade im früheren Kirchhof ein dreistöckiges Schulhaus für die deutsche Schule, die lateinische Trivialschule und das Gymnasium. Schon bald wurde es eng: Seit etwa 1750 trennte man Knaben- und Mädchenschule, und 1751 musste vorübergehend ein Raum im Unteren Stadttor über der Einfahrt dienen, in dem nach Pfarrer Franz Bingemer die Mädchen „sich fast die Füße erfroren“, weil darunter die Straße durchging, während der Mädchenschulmeister sein Pult zum Ofen rückte. 1783 ordnete der Mainzer Oberschulpräfekt Ladrone nach einer an, dass der Rektor der deutschen Schule seine Wohnung im Untergeschoss räumen und das Theater im Prüfungssaal entfernt werde, um Klassenzimmer zu gewinnen; die kurmainzische Schulordnung von 1773 hatte die Trivialschule als „niederes Gymnasium“ von einem „höheren“ unterschieden. Das alte Schulhaus wurde erst 1909 abgerissen, um den Kirchplatz für den Neubau der Martinskirche freizulegen.13
Die Besoldung der Lehrer war ein Dauerthema. Als der Rektor Johann Peter Külsheimer (1719 bis 1768) 1752 sein Einkommen aufzählte, kamen zusammen: von der Stadt 34 Gulden und zwei Korn, von der Domkapitelsfaktorei sechs Malter Korn, vom Spital vier Simri, für das samstägliche Salve-Regina-Singen ein Malter Korn und ein Malter Hafer, dazu Kleinbeträge für Beerdigungen und Ämter und 47 Gulden vom Gotteshaus für Jahrtage und Vespern; dazu kam freie Wohnung im Schulhaus. Sein 1731 in Bischofsheim geborener Sohn Johannes Michael wurde als Abt Benedikt Külsheimer der letzte Abt des Klosters Amorbach (1778 bis 1803). Der Kantor Franz Anton Zipf bat 1789/90 vergeblich um mehr Gehalt und erhielt 1792 24 Gulden Zulage aus dem „Windischen Almosen“, einer milden Stiftung. Dass die Bürger ihre Lehrer nicht üppig bezahlten, vermerkt auch ein Bericht des Kaplans Holl von 1797: Der Rektor Brotzler sei „sehr arm“, das nehme ihm bei den Schülern das Ansehen.14
An der Spitze der Verwaltung standen Adlige von auswärts. Von 1721 bis 1757 war Graf Anton Heinrich Friedrich von Stadion Oberamtmann; er adoptierte 1725 Georg Michael Franck, den späteren Georg Michael von La Roche, den Ehemann der Schriftstellerin Sophie von La Roche; nach Gehrig/Müller war er wohl sein leiblicher Sohn. Auf ihn folgte schließlich Graf Franz Konrad von Stadion, der am 25. November 1787 starb.15


Wer weiter wollte, musste die Stadt verlassen, und das taten erstaunlich viele. Die ersten Studenten sind schon Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar: 1377, noch vor der Gründung der Heidelberger Universität, schrieb sich in Wien ein Johannes Wirsink aus Bischofsheim ein, und bis 1500 finden sich dort auffallend viele. Gehrig/Müller haben die veröffentlichten Matrikel von dreizehn Universitäten durchgesehen (Wien, Freiburg, Straßburg, Leipzig, Frankfurt an der Oder, Jena, Erfurt, Erlangen, Siena, Köln, Tübingen, Heidelberg, Würzburg); die Mainzer Matrikel verbrannte im Zweiten Weltkrieg kurz vor der geplanten Veröffentlichung. In Heidelberg stehen 1487 Friedrich Virnkorn und 1488 Johannes und Martin Goel, Namen, denen wir im Kapitel über die Altäre begegnet sind, in Siena 1601 ein Johannes Kandenberger als „Bischofsheimensis Francus“, später Doktor beider Rechte. Seit 1688 das Gymnasium der Franziskaner bestand, stiegen die Zahlen deutlich, denn die Schüler brauchten für die Hochschulreife nicht mehr nach Würzburg. Nicht alle strebten einen Abschluss an: Mancher Kaufmanns- oder Weinhändlersohn durfte ein paar Jahre das Studentenleben genießen und sollte nur das Ansehen eines Gebildeten gewinnen, bevor er das väterliche Geschäft übernahm.16
Söhne der Stadt
Wer es von hier aus weit brachte
- Johannes Sichardus (um 1499 bis 1552) :: Sohn mittelmäßig begüterter Eltern, vom Verwandten Martin Goel zum Studium nach Erfurt geschickt, Lehrer in Ingolstadt, München und Freiburg, ab 1525 Professor der Rhetorik in Basel, ab 1535 Rechtsprofessor in Tübingen, viermal Rektor und seit 1544 herzoglicher Rat. Seiner Vaterstadt stiftete er 1000 Gulden, aus deren Zinsen zwei arme Brautpaare eine Aussteuer erhalten sollten; das Sichartsche Almosen besaß zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch 1134,55 Reichsmark und zerschmolz im Krieg ganz.
- Leonhard Pfreundschick (1635 oder 1638 bis 1681) :: Sohn des Ratsherrn Jakob Pfreundschick, dessen Kinder die Rollenmühle erbten. 1655 in Würzburg immatrikuliert, 1657 Profess im Kloster Ilbenstadt in Hessen, seit 1667 Abt; er ließ das nördliche Seitenschiff der Klosterkirche neu bauen und schaffte Chorstühle und eine Orgel an. Sein Halbbruder Andreas Brandt aus Dittigheim wurde schon mit 30 Jahren sein Nachfolger und leitete das Kloster von 1681 bis 1725.
- Andreas Hartmann (geboren 1645) :: Stiftsherr am Haug-Stift in Würzburg von 1673 bis 1711. Er hinterließ 10 000 Gulden für die Gründung eines Franziskanerklosters in einer Diasporagegend; davon entstand das Kloster in Sinsheim im Kraichgau.
- Johann Leonhard Lipp (1671 bis 1737) :: 1698 als „qualifiziertes Subjectum“ Stadtschultheiß von Mannheim, 1706 „Direktor der Hauptstadt“, 1712 geadelt („von Lippe“). Er leitete den Wiederaufbau der 1689 von den Franzosen zerstörten, nahezu entvölkerten Stadt.
- Karl Valentin Müller († 1789) :: studierte in Mainz, wurde Advokat am kurfürstlichen Hofgericht und 1775 Vizeschultheiß der Landeshauptstadt; 1782 unterschrieb er in Mainz ein Zehntdokument für seine Heimatstadt.
- Benedikt Külsheimer (1731 bis 1815) :: Sohn des Schulrektors Peter Külsheimer, 1754 Profess in Amorbach, 1778 der letzte Abt des Klosters. Unter ihm stand 1784 in der Abteikirche eine Orgel mit 52 Registern und drei Manualen, die als größte Barockorgel Deutschlands gilt; 1792 kaufte er in Mainz für 600 Gulden ein „Electrum“ für physikalische Versuche. Vor den Revolutionstruppen floh er 1792 und 1796 und rettete Teile des Archivs und des Kirchenschatzes bis Eger und Prag. Nach der Aufhebung 1803 lebte er von einer Pension des Fürsten Leiningen und starb am 14. Mai 1815 in Miltenberg.
- Karl Wilckens :: in Tauberbischofsheim geboren, Jurist, von 1885 bis 1913 Oberbürgermeister von Heidelberg.
4 · Die BürgerZahlen eines Standes
Wie lebte man? Der Stadtschreiber lieferte 1730 einen Bericht: 1368 Einwohner und 41 Juden, zusammen 1409. Unter ihnen 112 Häcker (fünf davon „giebig“, also wohlhabend, 28 mittel, 68 arm und elf bettelarm), dazu 20 Büttner, elf Weinhändler und Krämer, acht Bäcker, neun Metzger, 17 Pferde- und 40 Ochsengespanne. Schneider zitiert dieselbe Quelle etwas anders: Danach gab es 123 Häcker, 75 davon arm, 14 bettelarm, der Wein war kaum verkäuflich, und Getreide musste fast täglich aus dem Gäu geholt werden. Das sei überbesetzt gewesen.17
Der Bericht ist ein seltener Blick in eine Stadt vor der Statistik, und er wurde vermutlich angefordert, um Schatzungsgelder zu berechnen; der Stadtschreiber hat die Verhältnisse deshalb wohl etwas niedriger geschätzt, als sie waren. Er zählt für jeden Beruf, wovon er lebt: ein Apotheker, fünf Barbiere und Bader, zehn Rotgerber (zwei davon durch Armut am Handwerk gehindert), zwölf Schneider (vier „fast arm“), elf Schuhmacher (sieben „fast arm“), 7 Schmiede, 5 Müller, 4 Schreiner, 3 Zimmerleute, zwei Weißgerber, ein Wachszieher, ein Buchbinder, dessen Handwerk „schlecht geht“. Es fehlten, notiert er, ein Kupferschmied, ein Kannengießer und ein erfahrener Maurer. Dazu kamen 17 Pferdegespanne (darunter der Posthalter und die Amtsschreiberin), 40 Ochsengespanne der Ratsverwandten, 106 Kühe, die „mehrenteils den Juden halber“ gehörten, 418 Schafe, 146 Schweine, 51 Knechte und 55 Mägde, elf Beamte mit dem Oberamtmann, zehn Stadt- und Kirchendiener. Unter den 54 Witwen waren neun „giebig“ (genannt werden die Frau Zentgräfin, die Amtsschreiberin und die Riesenwirtin Boller), 23 arm und 14 bettelarm. Das Bild ist, wie schon gesagt, nicht das einer reichen Stadt, sondern einer Stadt mit einer dünnen reichen Oberschicht und einer breiten, verschuldeten Mitte.18
| Gruppe | Zahl | Anmerkung |
|---|---|---|
| und Handwerk | ||
| Häcker (Weinbauern) | 112 | fünf „giebig“ (wohlhabend), 28 mittel, 68 arm, elf bettelarm |
| Büttner | 20 | |
| Schneider | 12 | vier „fast arm“ |
| Schuhmacher | 11 | sieben „fast arm“ |
| Weinhändler und Krämer | 11 | |
| Rotgerber | 10 | zwei durch Armut am Handwerk gehindert |
| Metzger | 9 | drei davon Schildwirte |
| Bäcker | 8 | |
| Schmiede | 7 | |
| Müller | 5 | |
| Barbiere und Bader | 5 | |
| Schreiner | 4 | |
| Zimmerleute | 3 | |
| Weißgerber | 2 | |
| Apotheker | 1 | |
| Wachszieher | 1 | |
| Buchbinder | 1 | das Handwerk „geht schlecht“ |
| Gesinde, Amt und Witwen | ||
| Knechte | 51 | |
| Mägde | 55 | |
| Beamte mit dem Oberamtmann | 11 | |
| Stadt- und Kirchendiener | 10 | |
| Witwen | 54 | neun „giebig“, 23 arm, 14 bettelarm |
| Vieh | ||
| Ochsengespanne | 40 | der Ratsverwandten |
| Pferdegespanne | 17 | darunter Posthalter und Amtsschreiberin |
| Kühe | 106 | „mehrenteils den Juden halber“ |
| Schafe | 418 | |
| Schweine | 146 | |
Bericht des Stadtschreibers an das Oberamt, nach Gehrig/Müller 1997. Schneider zitiert dieselbe Quelle abweichend (123 Häcker, davon 75 arm und 14 bettelarm).
Hier trifft das Bild vom Wohlstand auf die Zahlen. Die Stadt war nach den Maßstäben ihrer Region groß, aber die Mehrheit ihrer Weinbauern lebte knapp. Ein Teil davon waren die Weinhändler und Wirte, die vom Durchgangsverkehr profitierten, ein anderer die Handwerker; die Häcker zahlten die Rechnung, wenn der Wein nicht lief.
Wie viel davon in den Handel ging, geben die Mainzer Rechnungen an: -, Geleit- und Accisgelder von 3337 Gulden 22 Kreuzern flossen 1706 nach Mainz; 119 Wein wurden verkauft (1725 165 Fuder, 1769 115 Fuder). Weinverkaufsprotokolle von 1707 bis 1830 nennen Käufer aus Sachsen (1707), Köln (1709), Augsburg (1710), Fulda (1711), München (1760) und Salzburg (1783). Die Handschriften im Stadtarchiv wurden hier nicht ausgewertet; für alle, die sich für den Weinhandel der Zeit interessieren, sind sie eine ergiebige Quelle.19
Die neuen Weinhändler (Bögner, Chandelle, Schäffner, Steinam, Waltz) setzten ihre Wappen und Kaufmannszeichen nach adligem Vorbild auf in den Weinbergen. Die berühmte Gemäldesammlung gehörte einem Frankfurter Zweig der Familie; ihre Versteigerung brachte 27 000 Gulden (siehe Kasten).20
Alltag
Wie viel Wein ist ein Fuder? Maße und Wälder
Mengenangaben bei Wein sind für frühere Jahrhunderte schwer vergleichbar, weil die Maße von Ort zu Ort wechselten. Seit der badischen Reform von 1810 rechnete man das Fuder überall mit 1500 Litern. Vorher hatte das Tauberfuder oder Bischofsheimer Fuder etwa 1080 Liter, das waren zwölf Eimer; ein Eimer hatte in Bischofsheim 60 Maß zu je 1,5 Litern (also etwa 90 Liter), in Dittigheim nur 39 Maß, in Grünsfeld 64. Im Jahr 1465 gab es in der Stadt schon acht Weinhändler, die das Gehandelte mit solchen Maßen rechneten.21
Auch das Holz ließ sich zählen. Die Stadt hatte 1730 in ihrer Markung vier Waldungen: den neuen oder Tannenwald mit 283 Morgen (Kiefern, erst um 1700 auf früherem Weideland gepflanzt, als die Bevölkerung nach dem Krieg wieder wuchs), Heimbergs Holz mit 135, Moosig mit 209 und Steinberg mit Hottenloch mit 484 Morgen. Die Bürger hatten Anspruch auf Brenn- und Gabholz („Laub“) und auf Mast. Bauholz mussten sie im herrschaftlichen Forst oder im Gamburger Kammerforst kaufen, Tannenholz für größere Bauten am Main. Für größere Projekte sparte die Stadt Holz an: Das Rathaus von 1865 bis 1867 wurde mit Holz gebaut, das man schon Jahrzehnte vorher gesammelt hatte. 1816 verzeichnet die Stadt 1157 Morgen Wald, davon 607 auf Dittwarer Gemarkung, wo es 1802 nur 7 gewesen waren; warum, weiß man nicht.22
Begriffe
Fuder, Accise, Gäu
- Fuder :: Ein Fass- und Hohlmaß für Wein; je nach Landschaft rund 800 bis 1200 Liter. Für 1725 wird die Menge von 165 Fudern auf 1782 Hektoliter umgerechnet, also gut 1000 Liter je Fuder.
- Accise :: Eine Verbrauchssteuer auf Waren, im Kern die Nachfolgerin des Ungelds.
- Gäu :: Das fruchtbare Ackerland nördlich und östlich der Tauber (Bauland, Grünsfelder Gäu), aus dem Getreide in die Weinbaustadt kam.
5 · Der WeinVom Herbst bis nach Frankfurt
Weinberge waren der wichtigste Besitz der Bischofsheimer: Schon 1578 hatte selbst der ärmste Bürger mindestens einen Weinberg oder , und es gab in der Gemarkung weit mehr Weinberge als Äcker, bis weit ins 19. Jahrhundert, weil für schlecht tragende Lagen ständig neue angelegt wurden, 1724 etwa in der Brehmenleite. Sogar der Höhberg war voller Reben, deren sauren Wein man vermutlich mit dem aus besseren Lagen verschnitt. Wein war zugleich eine Art Währung: Beamte und Geistliche erhielten einen Teil ihrer Besoldung in Wein, und 1724 trieb die Stadt Umlagerückstände ein, indem sie bei säumigen Schuldnern Wein aus dem Keller holte und nach Qualität verrechnete.23
Das Maß war regional: Das Tauberfuder oder Bischofsheimer Fuder fasste etwa 1080 Liter und bestand aus zwölf Tauberimern, der Eimer in Bischofsheim aus 60 Maß zu je 1,5 Litern, also rund 90 Litern, während er in Dittigheim nur 39 Maß und in Grünsfeld 64 Maß hatte. Erst die badische Reform von 1810 rechnete überall mit 1500 Litern. Mengenangaben früherer Zeit sind deshalb schwer zu vergleichen.24
Der Zehnt. Ein Zehntel des Weins stand dem Zehntherrn zu, in Bischofsheim vor allem dem Mainzer Domkapitel. Wie man „zehntete“, war ein Dauerstreit: Mancherorts lieferte man die Trauben in der herrschaftlichen Kelter ab, in Bischofsheim, wo fast jeder Weinberge besaß, zog man den Zehnten an den Stadttoren aus den Wagengelten. Mancher Weinbauer schüttete die guten Trauben unten hinein und die schlechten obenauf; die Faktoren des Domkapitels durchschauten das und ließen die Zehntknechte mal oben, mal unten schöpfen. 1759 versuchte die kurmainzische Regierung in Bischofsheim und Königheim das „Vormosten“ in den Weinbergen einzuführen, damit man den Zehnten schon flüssig abnehmen konnte. Die Stadträte, „unter denen sich sicher zahlreiche Weinbauern befanden“, protestierten: Auf den schlechten, steilen Wegen würde Most verschüttet, man habe über hundert Karrengelten, die man nicht gegen teure Ladefässer tauschen könne, und die zerstampften Trauben würden bis zum Auskeltern rot und anlaufen. Der Protest hatte offenbar Erfolg; das Verfahren wurde nicht praktiziert.25
Auch der Herbst war geregelt: Alle Weinbauern mussten an denselben Tagen lesen, damit der Zehnt sich nicht über zu viele Tage zog und keiner sich an fremden Trauben vergreifen konnte. Die Zehntknechte, die selbst Weinberge hatten, durften einen Tag früher lesen, ebenso Beamte, Pfarrer und manche Witwen („Vorlese“). Von jedem verkauften Fuder erhielt die Stadt vier Kreuzer Verkaufssteuer, die kurmainzische Amtskellerei zwei Gulden „Güldenzoll“.26
Nach Frankfurt. Der wichtigste Markt für Frankenwein war Frankfurt. Seit etwa 1720 verlegten rund dreißig Frankenweinhändler den Hauptsitz ihrer Tätigkeit dorthin, gut die Hälfte stammte aus unserer Gegend: aus Bischofsheim die Familien Bögner, Schäffner, Chandelle, Steinam und Waltz, aus Königheim Brotzler, Faulhaber, Schäffner, Specht, Waltz und Mühling, aus Gissigheim Vorgeitz und Jenne, aus Distelhausen Leo und Abendanz, aus Gerlachsheim Buchler. Das ging nicht ohne Streit. Im Februar 1722 klagten die Frankfurter Weinhändler, besonders Schäffner und Chandelle lägen das ganze Jahr mit ihren Weinen auf dem Weinmarkt, schenkten in Viertelohmen, Gelten und Krügen aus und ließen ihren Wein bei der Abreise einem Landsmann; der Frankfurter Rat erlaubte den Verkauf nur während der beiden Messen und befahl den Fremden, binnen vier Wochen zu räumen. Die Franken weigerten sich, Würzburg beschwerte sich, und der Rat verschob die Räumung aus Furcht vor Gegenmaßnahmen. 1725 beschwerten sich 25 Frankfurter Wirte und Händler, die Franken hätten im Rheingau Wein aufgekauft; die Franken erhielten das Verbot, mit fremdem Wein zu handeln, und wiesen darauf hin, dass man sie nicht schlechter stellen dürfe als Franzosen, Italiener und Holländer. Um den Rat zu beruhigen, zog der Bischofsheimer Chandelle einen Teil seines Angebots ab und baute im mainzischen Höchst neue Weinkeller. 1727 wollte der Rat den Verkauf auf vierzehn Tage nach den drei Messewochen beschränken; der Mainzer Erzbischof protestierte, die Verfügung wurde zurückgenommen. Danach ließen sich Söhne der Familien Chandelle, Schäffner, Bögner, Faulhaber und Vorgeitz dauernd in Frankfurt als Bürger oder Beisassen nieder; 1737 und 1752 gab es neue Beschwerden, dann kehrte Ruhe ein. Einige Familien kamen „zu bedeutendem Reichtum“.27
Vergleich
Zwei Häuser, zwei Familien
Schäffner. Konrad Schäffner, 1689 in Königheim geboren, wurde 1726 Frankfurter Bürger; sein Bruder Georg zog nach Bischofsheim, dessen Sohn Johann Michael Schäffner (gestorben 10. Oktober 1759 mit 71 Jahren) wurde Ratsherr, Syndikus der Franziskaner und einer der wichtigsten Steuerzahler der Stadt. Er baute drei Häuser mit Weinkeller: das heutige Liobaklösterchen (Kaufmannszeichen „IMS“ am Gartenkeller, 1732 an Stelle des Kaplaneihauses neben der Sebastianuskapelle errichtet, 1772 von seinen Söhnen an das Mainzer Domkapitel verkauft), das Haus Hauptstraße 48 und das Haus am Sonnenplatz, in dem seit etwa 1810 die Apotheke ist. Er ließ 1734 die Ölberggruppe der Pfarrkirche auf eigene Kosten renovieren und stiftete der Kirche vieles; seine Tochter Eva Margaretha heiratete Johann Georg Bögner.
Bögner. Wilhelm Bögner, 1696 als reicher Bäckermeister auf der Badmühle belegt, stieg in den Weinhandel ein (1709 und 1710 verkaufte er je zwei Fuder nach Walldürn) und war ein großzügiger Stifter: 1727 stiftete er mit Frau und Sohn den Steinsockel des Marktplatzkreuzes, 1731 ließ er mit seinem Sohn den Hochaltar der Stadtkirche für 330 Gulden bemalen und vergolden. Sein Sohn Johann Georg Bögner, 1716 in Würzburg immatrikuliert, 1752 Stadthauptmann, baute 1736 einen Weinkeller in Urphar am Main (Verschiffung mit Erlaubnis des Grafen von Wertheim) und 1744 das Barockpalais am Markt, genau dort, wo einst das älteste Rathaus mit dem Fleischmarkt gestanden hatte. Über der Tür stehen die Initialen JGB und EMB, die Jahreszahl 1744 und das Kaufmannszeichen; das Monogramm des Vaters am Hauseck trägt das Datum 12. März 1746.
Ein anderer Zweig der Familie ging nach Frankfurt: Johann Georg Wilhelm Bögner erwarb 1742 dort das Bürgerrecht und sammelte vierzig Jahre lang gegen 900 Gemälde, die er schichtenweise umgekehrt an die Wände stellte und, sobald ein Zimmer voll war, für immer verschloss – „nicht einmal seine Kinder“ hatten die Sammlung gesehen. Die Versteigerung nach seinem Tod brachte 27 000 Gulden. (Die Angabe „25 000“, die bei Wohlfarth steht, ist ungenauer.)28
Weitere Namen kennt man aus dem Weinverkaufsbuch: Waltz (Balthasar Waltz brachte 1780 aus Bischofsheim die ungewöhnliche Menge von 18 Fudern auf die Frankfurter Ostermesse; sein Vermögen wurde 1796 auf 150 000 Gulden geschätzt, obwohl er damals als „Rädelsführer gegen die städtische “ galt, und sein Bruder Valentin hinterließ 1794 127 186 Gulden, darunter 40 000 Gulden bar), Steinam (Adam Steinam seit 1727 in Frankfurt, David Steinam 1748 bis 1791 Sonnenwirt und Weinhändler), Lippert und Lipp (der Adlerwirt Nikolaus Lipp) sowie später Klett, Weigand, Rincker, Hock, Frank, May, Reidel, Sußmann, Strauß.29
Italiener und Franzosen. Um 1750 gab es in den meisten deutschen Städten kapitalkräftige Kaufleute aus Italien und Frankreich; sie waren angesehene Bürger, schickten ihre Söhne auf Universitäten und wurden Stadträte. In Bischofsheim sind es Carlo Felix Catani aus Santa Croce, 1736 verheiratet mit der Tochter des Stadtrats Breitenbach, der 1742 besonders teuren Wein verkaufte (sieben Fuder 1739er zu je 100 Gulden), und 1768/69 städtischer „Unterkäufer“ für Wein war (er kassierte zwölf Kreuzer je Fuder, zwei Drittel gingen an die Stadt); die vermutlich italienische Familie Debattis (Johann Henrich Debattis, 1706 Ratsherr, † 1725; 1731 stiftete Henrich de Battis dem Pfarramt 100 Gulden für in der Marienkapelle am Oberen Tor) und die französische Familie Chandelle (Matthäus Chandelle seit 1726 Weinhändler, dessen Frau ihr diamantbesetztes Brautkreuz der Monstranz in der Martinskirche stiftete; seine Tochter heiratete den Stadthauptmann Georg Michael Bögner). Dazu die Kaufleute Carolus Berta, 1716 Stadtrat, und Carlo Biazo.30
Das Salz. Auch Salz gehörte zum Geschäft, aber als Staatsmonopol: Im Kurmainzischen musste man es von zugelassenen Verkäufern im eigenen Land kaufen. 1729 waren das in Bischofsheim einige Juden, über die sich die Königheimer beschwerten: Das Salz sei „niemals sauber, sondern mit Asche und Unrat vermischt“, nass und zu leicht, und man müsse oft sonn- und feiertags kommen. Ende des Jahrhunderts erlangte der Handelsmann Gottfried Steinam die Salzfaktorei gegen 1000 Gulden Sicherheit; unter Baden (1823) baten die Schultheißen der Amtsorte den Großherzog, die Pflichtmenge von 26 Pfund je Kopf auf zwölf zu senken, die Armen verbrauchten weniger.31
Begriffe
Häcker, Unterkäufer, Zehntknecht
- Häcker :: Weinbauer; auch Tagelöhner im Weinberg. Es gab keine Häckerzunft – der Beruf wurde nicht in dreijähriger Lehre gelernt –, nur eine Bruderschaft: die Urban-Bruderschaft, die am 25. Mai, dem Fest des Weinpatrons, einen Gottesdienst als Jahresgedächtnis für ihre Verstorbenen feierte und eine Stiftung hatte, aus der später auch der Unterhalt der Franziskanerprofessoren am Gymnasium bestritten wurde.
- Unterkäufer :: Ein von der Stadt beauftragter Vermittler zwischen Verkäufer und Käufer beim Wein; er erhielt eine Gebühr je Fuder und musste einen Teil an die Stadt abgeben.
- Zehntknecht :: Ein Helfer des Zehntherrn, der an den Toren oder in der Kelter den zehnten Teil der Ernte abnahm.
Hintergrund
Zwei Messen im Jahr und ein Schutzversprechen
Dass Frankfurt für den Frankenwein so wichtig war, hat eine Geschichte. Am 11. Juli 1240 gewährte Kaiser Friedrich II. der Stadt ein für die Herbstmesse; er unterzeichnete es, wie die Messe Frankfurt heute berichtet, während er das italienische Ascoli belagerte. Die erneuerte einen kaiserlichen Geleitschutz für Messebesucher, der schon 1227 zugesagt worden war. Am 25. April 1330 erhielt die Stadt von Kaiser Ludwig dem Bayern das Recht auf eine zweite Messe im Frühjahr, die Fastenmesse.32 Seitdem gab es zwei Messen im Jahr, und Frankfurt trat, so die Darstellung, in die Rolle der verfallenden Champagnemessen ein.
Für Bischofsheim hatte das zwei Folgen. Das Geleit, der gegen Gebühr gewährte Schutz auf der Straße, bekam einen Sinn: Der Wagenzug von 1446 mit 51 Reitern (Kapitel 4) fuhr zu einer Messe. Und für die Weinhändler wurde der Messekalender zum Rahmen ihres Geschäfts. Als der Frankfurter Rat 1722 den Verkauf fremden Weins nur während der beiden Messen erlaubte und die Franken zur Räumung aufforderte, berief er sich auf eine Ordnung, die fast fünfhundert Jahre alt war. Wie dicht der Verkehr zu den Messen war, zeigen die Zahlen: Nach der Kellereirechnung von 1706 erhielt der Zentgraf für die beiden Messezeiten 12 Gulden Rittgeld und 2 für den Hufbeschlag, und die Zoll-, Geleit- und Accisgelder, die der Keller im selben Jahr nach Mainz lieferte, beliefen sich auf 3337 Gulden 22 Kreuzer. An den Grenzsteinen der Geleitstraße bei Großrinderfeld standen die Buchstaben „BD“, „Bischofsheimensis Ductus“, Bischofsheimer Geleit; die beiden hohen Säulen im Wald bei Gerchsheim von 1584 trennten würzburgisches und mainzisches Geleit, Zent, Zoll und Wildbann.33
6 · Handwerk und ZünfteEine Welt in Ordnungen
Wer in Bischofsheim ein Handwerk betreiben wollte, musste in die . Alle Meister eines Gewerbes waren zusammengeschlossen; nur wer dazugehörte, durfte arbeiten (Zunftzwang). Die Zunft begrenzte Lehrlinge, Gesellen und Meister, überwachte Qualität und Preise, war ein geselliger Verein mit gemeinsamen Essen und Trinken, eine karitative Vereinigung für verarmte Meister und ihre Hinterbliebenen, eine Gebetsbruderschaft mit eigenem Altar und Schutzheiligem und, im Kriegsfall, eine Art Verteidigungsorganisation, die ein Stück der Stadtmauer unterhalten musste. Die Ordnungen gaben sich die Handwerker selbst, aber rechtskräftig wurden sie erst durch den Mainzer Erzbischof; sie liegen heute nur in Abschriften ohne im Generallandesarchiv Karlsruhe, denn die Originale in der Domkapitelsbibliothek in Freiburg sind im Zweiten Weltkrieg verbrannt.34
In diesen Ordnungen zeigt sich eine Welt, die auf Wachs und Wein gebaut ist. Wer einem anderen Meister die Kunden abspannte, zahlte 1647 bei den Schneidern zwei Viertel Wein, halb dem Handwerk, halb der Kellerei. Bei den Schuhmachern (Ordnung von 1491, erneuert 1649 und 1654) wurden alle Schuhe auf den Märkten von zwei geschworenen Meistern besichtigt: Kein Schuh von Rossleder war geduldet, Bauernstiefel mussten gutes Rinderleder von den Vorderfüßen haben, „keine alte Brandsohle“ durfte im Schuh stecken. Die Hutmacher (1655) durften ihr Meisterstück nicht bei ihrem bisherigen Meister machen und mussten im Misserfolgsfall ein halbes Jahr als Geselle weiterarbeiten; die Häfner (1681) durften für einen neuen Kachelofen höchstens zwölf Weißpfennig berechnen; die Büttner (1688) trafen sich in der Herberge „Zum Riesen“; die Große Zunft der Bauhandwerker (1716) hatte als Patron Johannes den Täufer, und wer dort dem anderen „in die Rede fiel“ oder ihn Lügner hieß, zahlte zwei Pfund Wachs; die Schmiede und Wagner (1717) den heiligen Eligius; die Metzger (1768) den heiligen Bartholomäus; sie durften, so die Ordnung, „nur zweierlei Fleisch machen“, und der Klostermetzger durfte von Ostern bis Martini jede Woche einen ganzen Ochsen aushauen, später einen halben.35
Die Meisterstücke waren schwere Prüfungen: ein Schrankschloss mit Kolben, Reifen und drei Riegeln (Schlosser), ein Auszugstisch aus Nuss- oder Wildbirnbaumholz und ein eingelegtes Spielbrett (Schreiner), ein Dutzend Ahornteller, „das ganze Dutzend ein Zoll dick“ (Drechsler), ein Rautenfenster zwei Schuh hoch und breit (Glaser), drei Bücher in Oktav, Quart und Folio mit grünem oder rotem Schnitt (Buchbinder), eine Kelter mit 24 Nadeln (Zimmermann), ein doppeltes Gewölbe und ein Backofen ohne Gerüst (Maurer), ein Tischtuch auf sechsschaftigem Rahmen (Leineweber). Am Ende stand ein Gelöbnis, „dass er das Meisterstück selbst gemacht hat“.36
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erhielten die meisten Zünfte neue Ordnungen, auch weil alle Meister der kurmainzischen Amtsorte in die Zünfte der Amtsstadt Bischofsheim eingegliedert werden sollten: Am 6. April 1699 bat die Schneidermeister im Schüpfergrund, in die Schneiderzunft aufgenommen zu werden. Den Antrag stellte nicht der Stadtrat, sondern der Amtmann beim Erzbischof.37
Die Rotgerber. 1730 gab es zehn Rotgerber, von denen acht gut auskamen. Sie stellten Leder her, das billiger war als das der Weißgerber, die mit Alaun gerbten. Rohmaterial waren Tierhäute, die es möglichst billig zu beschaffen galt, ein Wettlauf, bei dem oft jüdische und christliche Händler die Gerber ausstachen. 1665 erwirkten die Bischofsheimer Rotgerber vom Erzbischof einen Schutzbrief, der ihnen das Vorkaufsrecht auf Tierhäute garantierte, und 1699 bat der Oberamtmann Lothar Friedrich von Hoheneck um Bestätigung ihrer neu gefassten Ordnung mit 39 Punkten, weil dieses Handwerk zu Marktzeiten „das meiste Geld erlöse“. Zum Meisterstück gehörte „viererlei Leder in einer Kuffe“ (Rossleder, rohes Leder, Bockleder, Kalbfell); wer sie nicht bestand, durfte nach einem Vierteljahr wiederholen. Niemand durfte mit Leder hausieren oder den Juden Leder dazu geben; Bürger und Juden durften Häute nicht außerhalb des Erzstifts verkaufen, ohne sie den hiesigen Gerbern zuvor angeboten zu haben. Die Gerber wohnten am Mühlbach am Ausgang der Stadt, weil das Wasser beim Auswaschen der Häute stark verschmutzt wurde; ihr Zeichen waren zwei gekreuzte Schabmesser. Seit der Jahrhundertwende um 1900 verdrängte die industrielle Lederherstellung das Handwerk endgültig; geblieben ist der Name Gerbergasse.38
Die Zinngießer. Zinn war das Geschirr der Wohlhabenden; die Ärmeren aßen von Holz. Der Amtmann Caspar Lerch von Dürmstein verfügte am 10. März 1612, dass die Kannengießer „auf die Nürnberger Prob“ arbeiten sollten, also auf 100 Pfund Zinn höchstens zehn Pfund Blei; die Stempel dafür stellte die Stadt. Bekannteste Familie waren die Kilian: Michael Josef Kilian, 1773 in die Zunft aufgenommen, lieferte Kannen, die 1773 und 1783 mit dem Mainzer Rad und drei „B“ gestempelt wurden (er starb mit 38 Jahren am 5. Februar 1785), und eine Maria Eva Kilianin stiftete 1737 der Pfarrkirche Zinnleuchter, die noch erhalten sind. Jakob Anton Kilian wurde 1813 als Zinngießer aufgenommen; 1850 goss er für die Stadt vierzehn Tintengefäße um und bekam dafür zwei Gulden 48 Kreuzer.39
Das Fleischhaus. Die Metzger mussten ihr Fleisch im Fleischhaus im Erdgeschoss des alten Rathauses verkaufen, damit Preis und Qualität prüfbar waren; sie zahlten dafür Bankzins an die Stadt. Als Bögner um 1744 an dieser Stelle sein Palais baute, wurde der gemeinsame Verkauf aufgegeben, die Metzger verkauften in ihren eigenen Häusern, und die Stadt holte sich das Geld anders: 1810 zahlte jeder der 13 Metzger 30 Kreuzer „wegen dem früher vorhandenen Fleischhaus“.40
| Zunft | Ordnung | Patron oder Treffpunkt | Auffällig |
|---|---|---|---|
| Kannengießer | 1612 | „Nürnberger Probe“: zehn Pfund Blei auf hundert Pfund Zinn | |
| Schuhmacher | 1491, 1649, 1654 | Rossleder verboten, Schuhe auf den Märkten von zwei Meistern besichtigt | |
| Schneider | 1647 | Wer Kunden abspannte, zahlte zwei Viertel Wein | |
| Bäcker | 1614, 1653 | zwei Bäcker verkauften abwechselnd Weiß- und Roggenbrot unter dem Rathaus | |
| Hutmacher | 1655 | Meisterstück nicht beim bisherigen Meister | |
| Rotgerber | Schutzbrief 1665, Ordnung 1699 | Zeichen: zwei Schabmesser | Vorkaufsrecht auf Häute; Meisterstück „viererlei Leder in einer Kuffe“ |
| Häfner | 1681 | höchstens zwölf Weißpfennig für einen neuen Kachelofen | |
| Büttner | 1688 | Herberge „Zum Riesen“ | Jahrtag im „Riesen“ |
| Große Zunft der Bauhandwerker | 1716 | Johannes der Täufer | wer dem anderen „in die Rede fiel“, zahlte zwei Pfund Wachs |
| Schmiede und Wagner | 1717 | Eligius | |
| Metzger | 1768 | Bartholomäus | „nur zweierlei Fleisch“; Klostermetzger darf wöchentlich einen Ochsen aushauen |
Nach Gehrig/Müller 1997, Berberich 1895 und Wagner 1985. Die Ordnung der Büttner steht nach Gehrig/Müller von 1688 (Wagner nennt 1668).
Handwerk
Wie eine Zunft sich selbst verwaltete: Die Rotgerber
Die Ordnung der Rotgerber, die Oberamtmann Hoheneck am 18. Februar 1699 dem Erzbischof zur Bestätigung vorlegte, umfasst 39 Punkte und entspricht weitgehend der Ordnung der Schuhmacher von 1696 mit 28 Punkten. Am Montag nach Mariä Himmelfahrt gab es ein Amt in der Pfarrkirche auf dem Altar Unserer Lieben Frau, wer unentschuldigt fehlte, zahlte ein Pfund Wachs, wer fluchte, ein halbes Pfund Wachs und einen Gulden in die Lade. Jedes Jahr wurden zwei geschworene Meister gewählt, einer aus der Stadt, einer aus den Dörfern; beide besaßen je einen Schlüssel zur Lade und konnten sie nur gemeinsam öffnen. Auf die Lehrzeit von drei Jahren folgten drei Wanderjahre (für Meistersöhne zwei), und wer ein Wanderjahr abkürzen wollte, zahlte zehn Gulden. Kein Meister durfte mehr als einen Lehrjungen halten, und nach dessen Freisprechung musste er ein Jahr lang ohne Lehrling stillstehen. Wer Meister werden wollte, fertigte „viererlei Leder in einer Kuffe“; fiel das Stück durch, durfte er es nach einem Vierteljahr wiederholen, und die geschworenen Meister bekamen für ihre Mühe sieben Gulden Zehrung. Der jüngste Meister musste bei den Zusammenkünften aufwarten und war dafür halb zechfrei. Geschützt war der Markt: Niemand durfte mit Leder hausieren oder den Juden Leder dazu geben, die Einheimischen hatten Vorkauf auf Häute, und fremdes Leder durfte auf dem Jahrmarkt nur verkauft werden, wenn zwei verordnete Meister es für gut befunden hatten.41
Handwerk
Häcker ohne Zunft: Die Urbanbruderschaft
Eine Zunft der Häcker gab es nicht, denn das Hacken und Pflegen der Weinberge lernte man nicht in dreijähriger Lehre, es gab keine Gesellen- und keine Meisterprüfung. „Häcker“ nannte man sowohl selbständige Winzer als auch Tagelöhner im Weinbau; nach dem Bericht von 1730 waren 68 der 112 Häcker arm und 11 bettelarm. Zusammen gehörten sie einer an, die den heiligen Urban verehrte, den Patron der Winzer. Nach der Gottesdienstordnung von 1612 feierte sie am 25. Mai ein Jahresgedächtnis für ihre Verstorbenen und jedes Vierteljahr eines. Verwaltet wurde ihre Stiftung von zwei Rechnern, den „Urbanimeistern“, die als Martinitrunk je ein Maß Wein erhielten; im 18. Jahrhundert ging sie wie andere Stiftungen im Gymnasiumsfonds auf, aus dem auch Franziskanerprofessoren bezahlt wurden. 1845 kostete das musikalische Amt für die Häcker am Urbanstag 40 Kreuzer und ein Laibchen Brot zu 6 Kreuzern. Das hohe, schmale „Häckerhaus“ zwischen und heutigem Landratsamt, das in den 1950er Jahren der Stadtsanierung zum Opfer fiel, trug die Jahreszahl 1613 und Küferzeichen; ob sich dort tatsächlich die Häcker versammelten, ist unbelegt.42
Alltag
Salz: Ein Gewürz, das der Staat verkaufte
Salz war eine der verlässlichsten Einnahmequellen der Landesherren. In Kurmainz musste man es bei staatlich zugelassenen Salzverkäufern kaufen, und so mancher Schäfer wurde bestraft, der sein Schafsalz billiger bei einem ritterschaftlichen Nachbarn holte, weil seiner Herrschaft dann die Salzsteuer entging. 1729 waren in Bischofsheim einige Juden die amtlich zugelassenen Salzverkäufer, und die Königheimer, die dort ihr Salz abholen mussten, beschwerten sich: Es sei „niemals sauber, sondern mit Asche und Unrat vermischt, selbst die Schafe wollen es nicht“, oft nass und im Gewicht um ein halbes Vierling zu leicht, und man verliere viel Zeit durch Abholen und Verrechnen. Danach stiegen auch Nichtjuden ins Geschäft ein. In badischer Zeit verlangte eine Verordnung, dass der Salzverkauf nach der Kopfzahl berechnet werde: 26 Pfund im Jahr für jeden Einwohner vom 13. Lebensjahr an, wofür die Ortsvorsteher hafteten. Die Gemeinden baten, das auf 12 Pfund zu senken, denn der Arme lebe im Sommer von Milch und Käse, im Winter von Kartoffeln, und nur der Wohlhabende verbrauche etwa 15 Pfund. Seit dem 1. Februar 1824 musste das Salz aus den badischen Salinen Dürrheim und Rappenau bezogen werden; wer es selbst holte, bekam für Fuhren in die Ämter Bischofsheim, Wertheim und Gerlachsheim 15 Kreuzer je Sack vergütet. Gottfried Steinam, schon unter Kurmainz Salzfaktor, wurde 1808 badischer Salzfaktor und musste 2000 Gulden Kaution stellen.43
Alltag
Wenn Nachbarn stritten: Die Landschieder
Die Landschieder waren vier meist ältere, angesehene Männer, die Grundstücks- und Grenzstreitigkeiten schlichteten. Beim Setzen eines Grenzsteins legten sie ein zerbrochenes, gekennzeichnetes Ziegelplättchen in einer nur ihnen bekannten Lage unter den Stein; wer später einen Stein versetzte, verriet sich beim Heben. Die Zeichen gaben sie nur mündlich weiter, deshalb blieben sie oft viele Jahre im Amt. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts saßen alle vier zugleich im Stadtrat, 1748 ordnete der Oberamtmann an, zwei aus der Bürgerschaft zu nehmen. Ihre Sprüche stehen im Landschiederbuch von 1611 bis 1832 im Pfarrarchiv.44
Den größten Teil ihrer Arbeit machten Streitigkeiten in der eng bebauten Stadt, vor allem um Abwasser und Aborte. 1737 beklagte sich der Stadtphysikus Huppmann, dass seine Nachbarn ihr „Secret“ lange nicht geleert hätten, was seinem Keller schade; sie hielten dagegen, er habe nur „Dachtraufrecht“, kein „Secretrecht“. Der Spruch: Alle drei müssten die drei Aborte mindestens einmal im Jahr gemeinsam reinigen lassen, damit Unflat und Gestank nicht auf den Marktplatz liefen, sonst würden alle drei beseitigt. 1656 durfte ein Gartenbesitzer das Obst auflesen, das von überhängenden Ästen des Nachbarn fiel, und bei der Ernte den dritten Teil des Überhangs fordern. 1682 wurde dem Schuhmacher Faulhaber verboten, sein Nachtwasser dem Büttner Schultz vor die Tür zu schütten; er musste es „uff seinen Mistflecken“ leeren. 1810 prüften die Landschieder die Grenzsteine gegen Grünsfeld, und die Gemeinde Grünsfeldhausen lud alle Beteiligten zum Abendessen ein.45
Handwerk
Das Wasser arbeitet: Die Mühlen am Mühlkanal
Schon beim Liobakloster war im 8. Jahrhundert ein Bach „zum Zweck des Mahlens“ gestaut, so Rudolf von Fulda; wo später in der Stadt gemahlen wurde, ist ungewiss. Die vier alten Getreidemühlen der Stadt, Rollenmühle, Herrenmühle, Badmühle und untere Mühle, lagen alle an dem Kanal, der in der südwestlichen Vorstadt vom Brehmbach abzweigte, durch die südliche Altstadt führte und beim Badgarten wieder in die Tauber mündete. Ihre Besitzer waren oft wohlhabend: Der Badmüller Barthel Heuser versteuerte 1578 2421 Gulden, Caspar Schoederer, Besitzer der späteren Rollenmühle, 1580 Gulden.46
Die Müller lebten vom Mahllohn, der „Mitz“, nach dem Vertrag von 1789 ein Sechzehntel vom Korn. Zwei vom Stadtrat ernannte Mühlmeister prüften die Mühlen und überwachten gemeinsam mit den kurmainzischen Beamten Preis und Gewicht der Backwaren; das Gewicht des „Kreuzerwecks“ war aus Mahllohn, Backlohn und Mehlsteuer genau berechnet und durfte sinken, wenn das Getreide teurer wurde. Die Herrenmühle, ursprünglich Privatbesitz („Stoffelsmühle“), kam zwischen 1578 und 1656 an die Stadt, die sie an Pächter vergab. Der Vertrag von 1763 verlangte 39 Malter Korn und 20 Gulden im Jahr; diese Abgabe erwies sich als zu hoch. Ablösungen kamen erst im 19. Jahrhundert: 1864 kaufte der Herrenmüller Georg Michael Hofer die Lasten der Mühle für 4280 Gulden frei. Die Rollenmühle ist 1390 erstmals als „Bremen malen“ genannt, war lange eine Doppelmühle (die zweite hieß 1578 „Wolfsmühle“) und wurde um 1800 zusammengelegt; woher der Name „Rollenmühle“ kommt, ist unbekannt, die Deutung durch Gehrig/Müller (rollende Transportkarren) bleibt eine Vermutung. Dass der Torbogen am Oberen Tor 1812 an der Mühle neu aufgestellt wurde, erzählt die Inschrift über dem Seitenpförtchen.47
Neben den Getreidemühlen gab es 1515 eine Lohmühle der Gerber (das „molendinum cerdonum“, oft fälschlich als „Handwerkermühle“ übersetzt), Walkmühlen, Schleifmühlen und seit 1826 eine Sägemühle. Im 19. Jahrhundert kam das Ende der Wasserkraft in Etappen: Die Neumühle entstand 1859, aber die Konkurrenz war groß; und in den 1890er Jahren versiegte den Mühlen das Wasser, weil die Stadt Quellen auf Dittwarer Gemarkung für die neue Wasserleitung fasste. Die Ziegelei jenseits der Tauber (im 18. Jahrhundert Erbbestand der Familie Wörner, dann Stockmeister) lieferte 1809/10 den Kalk für die Brückenreparatur.48


Handwerk
Ziegler, Lehmgruben und Feierabendziegel
Jeder größere Ort hatte eine Ziegelei, in der Ziegel, Backsteine und Kalk entstanden; meist gehörte sie der Gemeinde und wurde verpachtet. Im 18. Jahrhundert hatten die Ziegeleien Hochkonjunktur, weil die Bevölkerung wuchs, viel gebaut wurde und vielerorts Strohdächer aus Brandschutzgründen verboten waren. Manche Ziegler waren auch Kunsthandwerker: Auf vielen Häusern liegen „Feierabendziegel“, die mit besonderer Sorgfalt verziert, mit dem Namen des Zieglers oder Bauherrn und der Jahreszahl beschriftet und meist mit einem frommen Spruch versehen wurden. Gebrannt wurde mit riesigen Mengen Lehm („Leimen“), und Lehmgruben waren gefährlich: Ältere Quellen berichten von zahlreichen Unfällen, bei denen Menschen unter herabstürzenden Erdmassen begraben wurden.49
In Bischofsheim gab es seit dem Spätmittelalter eine städtische Ziegelei, seit dem 16. Jahrhundert zwei, beide im damaligen Burgweg, der heutigen Laurentiusbergstraße. Die Pächter bekamen den Lehm aus der städtischen Grube umsonst, mussten aber neben der die Stadt und ihre Bürger zu günstigen Preisen und bevorzugt beliefern; erst wenn der Eigenbedarf gedeckt war, durften sie auswärts verkaufen. Bei den von der Stadt verordneten Niedrigpreisen kam kaum einer zu Wohlstand. Genannt wird eine Ziegelei erstmals 1495 („hinter dem Ziegelhaus“), 1578 besaß Philipp Zehender einen Garten „bei der eußern Ziegelhutte“, und der Ziegler Christoffel Behem eine eigene Hütte im Wert von 250 Gulden (Nr. 97). In den Standesbüchern tauchen als Ziegler auf: 1651 und 1655 Georg Barth, 1666 Jakobus Baumann, 1688 und 1709 dessen Sohn Vitus Karl Baumann.50
Die städtische Hütte übernahm 1763 der Ziegler Johannes Wörner für 15 Gulden jährlich in Erbbestand. Ihm folgte Valtin Stockmeister, der 1809/10 für Arbeiten an der Tauberbrücke 379 Malter Kalk lieferte; sein Sohn Georg bat 1840 um die Erlaubnis zum Verkauf und bekam sie erst 1853 nach langen Verhandlungen. Der Käufer Burkhard Hefner durfte auf einem Gemeindeacker im Moosig Lehm graben, weil die alte Lehmgrube im Wolfstalflur kaum noch brauchbaren Lehm hergab. Die Hütten im Hottenloch, in Privatbesitz, sind schlecht belegt: 1845 lieferte die Zieglermeisterin Magdalena Kirchner der Stadt Ziegel für elf Gulden, 1848 der Zieglermeister Georg Kirchner Kalk, Backsteine und Ziegel für die Zehntscheuer, die der Fürst von Leiningen der Stadt verkauft hatte. Um den Ersten Weltkrieg stellten die Ziegeleien den Betrieb ein, weil Großunternehmen das Geschäft an sich zogen; die Lehmgruben und Kalklöcher mussten eingeebnet, der Brunnen von der Stadt zugeschüttet werden. Die Mauern des alten Brennofens stecken im Keller des Hauses Laurentiusbergstraße 2.51
7 · Das Wasser29. September 1732
Die Tauber, die die Stadt ernährte, bedrohte sie auch. Die älteste indirekte Nachricht von einem Tauberhochwasser stammt von 1595; weitere sind 1729, 1738, 1739, 1784 und 1845 überliefert. Das schwerste, soweit wir wissen, war das vom Michaelstag, dem 29. September 1732.
Nach einem schweren Gewitter schwoll die Tauber an. Ein Augenzeuge, Johann Christian Heuß, schrieb 1733: Der niedrige Teil der Stadt stand „2 bis 3 Mann hoch unter Wasser“. In der Klosterkirche stand das Wasser vier bis fünf Schuh hoch, die Flut hob Altar- und Grabsteine heraus, das Wasser reichte bis zum Tabernakel. Fünf Menschen starben, zwei alte Eheleute ertranken, bis zu 180 Stück Vieh kamen um; das verlor 30 Fuder Wein (Schaden 2312 Gulden), die Leonhardskapelle jenseits der Brücke wurde beschädigt, die Stadtmauer wurde zum Abfluss geöffnet. Von den sechs Brückenpfeilern mussten drei östliche neu gebaut werden.52
Die Opfer nennt das Totenbuch beim Namen: Maria Barbara, die Frau des Badmüllers Michael Seitz, den Bürger Melchior Glock und Andreas aus Brunntal, den Gehilfen des Chirurgen Georg Glock, die gemeinsam in einer Stube ertranken, außerdem das Ehepaar Valtin Ott, das man im eigenen Haus fand. Die Tauber habe, schreibt der Pfarrer, die Brücke zerrissen und die Statuen der Unbefleckten Jungfrau und des Johannes Nepomuk umgestürzt; die Stadttore verschonte sie. In der Chronik der Franziskaner steht, das Wasser sei bis in den Oberstock des Klosters gestiegen und in der Kirche bis zum Tabernakel. Die Brüder retteten unter Lebensgefahr Geräte und Paramente, die Vorräte aber gingen zugrunde, und weil es in der Stadt noch schlimmer aussah, mussten sie fasten, bis sich das Wasser nach zwei Tagen verlief. Den Schaden an der Kirche bezifferte die Chronik auf 500 Reichstaler; die Hoch- und Deutschmeisterei Mergentheim spendete dem Kloster 40 Gulden.53
Im Mittelalter scheint die Tauber weniger bedrohlich gewesen zu sein. Die Quellen schweigen bis ins späte 16. Jahrhundert, was an der Überlieferung liegen kann. Gehrig/Müller halten aber auch einen anderen Grund für möglich: Die Grenzsteine, die man 1866 bei der Tauberregulierung fand, lassen vermuten, dass Flussspiegel und Talaue einmal zwei bis drei Meter tiefer lagen und erst durch Anschwemmung im Lauf der Jahrhunderte stiegen. Für das 18. Jahrhundert verzeichnen die Stadtrechnungen dann mehrfach Schutzbauten: Die Uferböschung wurde erhöht, die Brücke zusätzlich gesichert, und an gefährdeten Stellen entstanden hölzerne Wände und Mauern; die Mauer „bei der äußeren Mang“ am Wörtplatz erneuerte man 1769.54
Die Untere Stadt lag tief, Schloss und Pfarrkirche höher, und dieser Unterschied entschied bei solchen Fluten über Leben und Verlust.
8 · Die StraßeEine Chaussee verschiebt den Verkehr
Der Verkehr, der Bischofsheim reich gemacht hatte, war nicht stabil. Im 17. und frühen 18. Jahrhundert lief eine Postlinie von Frankfurt nach Bamberg (Teil von Köln nach Prag) über Aschaffenburg, Miltenberg, Bischofsheim und Würzburg; 1706 war die Poststation im Gasthof „Zur Sonne“, 1733 im neuen „Badischen Hof“. Ein Reisehandbuch der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verzeichnet für die Strecke Würzburg–Frankfurt: Nacht in Bischofsheim, „in der Obern Vorstadt“, Mittag in Külsheim, Nacht in Miltenberg „beym Riesen“. Die Strecke von Würzburg nach Bischofsheim, 31 Kilometer, überwindet etwa 300 Höhenmeter.55
Die Straßen waren schlecht. 1732 beschwerten sich Frankfurter Fuhrleute, die Landstraße am Bischofsheimer Berg, dem Sprait, sei „fast gänzlich unbrauchbar“; ein Fuhrmann namens Johannes Humser blieb stecken. Um 1740 baute man die Spessart-Chaussee, eine befestigte Kunststraße, und lenkte damit den Verkehr Nürnberg–Frankfurt über Würzburg, auf das Gebiet des Fürstbischofs. Kurmainz hielt am Geleit über Bischofsheim fest, aber der Verkehr verlagerte sich. 1755 plante man eine von Großrinderfeld zum Forst; die Großrinderfelder, so die Quelle, sabotierten den Bau, und die „Alte Straße“ durch den Forst ist noch heute zu finden.56
Auch der Streit ums Geld ging weiter: 1692 hob Kurmainz für verzollende Kaufleute die Geleitsteuer auf (Juden ausgenommen); 1742 wurden Messewaren in Bischofsheim beschlagnahmt, als der Zollstreit mit Mergentheim eskalierte. Und dazu der Krieg als Dauerlast: Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714), im Siebenjährigen Krieg und später in den Revolutionskriegen lagen immer wieder Truppen in der Stadt, weil die Verkehrsstraßen von Frankfurt nach Mergentheim und von Würzburg nach Heidelberg sie berührten.57
Hinter der Verkehrspolitik stand ein Machtspiel. Würzburg wollte nach dem Bau der Spessart-Chaussee den Handel auf eigenem Gebiet halten, Kurmainz sabotierte die neue Straße, wo es konnte, und ließ Schilder aufstellen, der Geleitweg von Nürnberg nach Frankfurt führe über Bischofsheim. Erst im späten 18. Jahrhundert baute auch Mainz seine Geleitstraße über Bischofsheim als Chaussee aus, zu spät: Nach den Neuordnungen unter Napoleon verlor die Strecke ihre Bedeutung. Den steilen Weg über den Sprait ersetzte man schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch die heutige Külsheimer Straße.58
Wer den Weg der Fuhrleute selbst nachgehen will, findet Karten und Geländefotos im Projekt Der Verkehrsweg Würzburg–Miltenberg auf beierstettel.de.
Hintergrund
Eine Jahresrechnung der Kellerei, 1706/07
Wer wissen will, wovon ein kurmainzisches Amt lebte, findet es in der Rechnung, die der Keller jedes Jahr nach Mainz schickte. Die für 1706/07 hat Gehrig/Müller in Auszügen wiedergegeben. Sie hält fest, was der Keller des Amtes Bischofsheim einnahm und ausgab, vom Amtsort bis zu den Dörfern Königheim, Werbach, Dittwar, Hochhausen, Großrinderfeld und Schönfeld. Die Gesamteinnahmen von 58 101 Gulden täuschen: Über 32 000 Gulden davon waren Rückstand aus dem Vorjahr, fast 20 000 Gulden Schatzungs- und Kriegsgelder, die in zwölf Schatzungen zusammenkamen. Was das Amt aus eigenen Quellen einbrachte, war etwa ein Zehntel.
Bemerkenswert ist die Mischung. Der Keller nahm Gulden und Kreuzer ein, aber auch 115 Fastnachtshühner, 18 Martinshühner und mehr als 600 Leibshühner, die Leibeigene in Königheim, Werbach, Hochhausen und anderen Orten abzuliefern hatten; er verbuchte Zinsen von Hofstätten, Atzgeld für die herrschaftliche Jagd, Bußen der Zent und, als kleinen Posten, Strafen der Zünfte, hier nur von den Hutmachern, Rotgerbern, Schuhmachern und Badern. Beim Weinablassen fielen 20 Maß Hefe an, die ein Büttner kaufte, um Franzbranntwein zu brennen. Das größte Gewicht trug der Verkehr: Zölle, Geleitgeld der Kaufleute zu den beiden Frankfurter Messen, Land- und Judenzoll und die auf Wein, Bier, Fleisch und Mehl. Und im Wein: Für jedes verkaufte Fuder Landwein verlangte der Güldenzoll 2 Gulden; verzeichnet sind 119 Fuder für Bischofsheim, 104 für Königheim, 25 für Werbach, 12 für Dittwar, 11 für Werbachhausen, 6 für Dienstadt und eines für Brunntal.
Auf der Ausgabenseite stehen die Gehälter (Amtmann 120, Keller 66 Gulden, dazu Korn), der Türmer auf dem Burgturm mit 36 Gulden, Zimmerleute und Handwerker, die das Schloss instand hielten, die Fronfuhren nach Wertheim, wo die Früchte auf Schiffe oder zum Fruchtmarkt kamen, und Zehrungen: 26 Gulden 40 Kreuzer bei Ablegung der Rechnung, 9 Gulden 45 Kreuzer für die Geistlichen, die am Magdalenentag im Amtshaus den Gottesdienst hielten (im Erker des Schlosses stand der Magdalenaltar). Nach Abzug aller Ausgaben von 1823 Gulden lieferte der Keller 128 Gulden bar nach Mainz, am 6. April 1707 an den Zahlmeister Franz Agricola; Zoll, Geleit und Accise gingen mit 3337 Gulden gesondert an dieselbe Stelle. Dazu 235 Malter Korn an die Oberkellerei.59
| Posten | Betrag |
|---|---|
| Einnahmen | |
| Zölle (vier Posten) | 1672 fl 31 kr |
| Land- und Judenzoll | 175 fl 15 kr |
| Geleitgeld der Kaufleute (Oster- und Herbstmesse) | 123 fl 29 kr |
| Lagergeld (vier Posten) | 572 fl 55 kr |
| Wein- und Bieraccise (viermal) und Extra-Accise | 144 fl 57 kr und 151 fl 32 kr |
| Fleischaccise und Extra-Accise | 105 fl 35 kr und 92 fl |
| Judenschutz | 276 fl 17 kr |
| Pacht von 33½ Morgen Wiesen in der Schlacht | 201 fl |
| Bed (Vermögenssteuer) aus Bischofsheim | 260 fl |
| Schatzungs- und Kriegsgelder, zwölf Raten | 19 790 fl 24 kr |
| Rückstand vom Vorjahr | 32 892 fl |
| Alle Einnahmen | 58 101 fl 15 kr |
| Ausgaben | |
| Amtmann (Besoldung) | 120 fl |
| Keller (Besoldung) | 66 fl |
| Türmer auf dem Burgturm | 36 fl |
| Centgraf, Rittgeld zu den beiden Messen | 12 fl |
| Zimmermann Sebastian Griebel | 147 fl |
| Steinhauer Heinrich Staud, Hochhausen | 161 fl |
| Fuhrlohn für Früchte nach Wertheim | 116 fl |
| Alle Ausgaben | 1823 fl 33 kr |
| Als Rest bar nach Mainz (6. April 1707) | 128 fl 56 kr |
Beträge in Gulden (fl) und Kreuzern (kr) nach Gehrig/Müller 1997, S. 65–67.
9 · Die jüdische GemeindeWieder in der Stadt
Nach dem Schutzbrief von 1637 entwickelte sich die jüdische Gemeinde zögernd. 1706 zahlten sechs jüdische Familien in Bischofsheim je 25 Gulden ; 1729 lebten sieben Familien samt Rabbiner (41 Personen) in der Stadt, 13 weitere im Amt. Seit 1748 oder 1749 durften Juden im Kurmainzischen Grundstücke erwerben und Ackerbau betreiben, eine Öffnung, die die wirtschaftliche Enge der Gemeinde lockerte. 1803/04 gab es 14 Juden; ihren Höchststand erreichte die Gemeinde 1884 mit 200 Personen. 1842 verkaufte man das Barockpalais am Markt, das 1744 Johann Georg Bögner hatte bauen lassen (heute Mackertsches Haus), an den jüdischen Weinhändler Samuel Strauß.60

Ihr Platz in der Stadt war der eines Schutzjuden: Sie hatten ein Aufenthaltsrecht gegen Bezahlung und standen unter Auflagen. Die Judenordnung von 1691 etwa verlangte elf Gulden jährlich in der Stadt (Lauda, Bischofsheim) gegenüber zehn im Dorf; zum Neujahr überreichten die Bischofsheimer Juden 1729 dem Amtskeller und dem Oberamtmann Geschenke (vier Rindszungen und einen Zuckerhut), und 1706 zahlten sechs Familien Schutzgeld nach Mainz.61
Wirtschaftlich waren die Schutzjuden unverzichtbar und doch angefeindet. Von den 106 Kühen der Stadt gehörte 1730 der größte Teil „den Juden halber“; sie handelten mit Vieh, Häuten und Salz (1729 waren einige von ihnen die amtlich zugelassenen Salzverkäufer), und die Bischofsheimer Rotgerber mussten sich gegen ihre Konkurrenz um die Häute eigens mit einem Schutzbrief (1665) wehren. Die Rechte waren dünn: 1729 bis 1731 gab es Streit um die Sonntagsruhe (ein Michel Nathan hatte im Gasthaus „Zum Hirschen“ gehandelt, und ein Jude Feistle wohnte nahe der Kirche); nach der Jewish Encyclopedia erließ der 1731 und 1746 Sonntagsverbote. Wie selbstverständlich das Zusammenleben im Alltag geworden war, zeigt eine Ratsnotiz vom 7. Juli 1792: Der Stadtrat lobte die Schutzjuden Abraham Löw und Moises Jung, wegen ihrer Lichter bei der .62
Wie die Gemeinde im 19. Jahrhundert wuchs und wie sie 1933 endete, erzählen die folgenden Kapitel.
Auch bei den Bestattungen blieben die Juden getrennt: Die Bischofsheimer begruben ihre Toten zuerst auf dem Friedhof in Wenkheim, dann auf dem jüdischen Friedhof in Külsheim. Für Bischofsheimer gibt es, wie Wohlfarth feststellt, keine , die auf Judenwege oder Totenwege hinweisen; Gewanne wie der Judenbuckel bei Eiersheim zeigen aber, dass Juden auf der Route Külsheim–Uissigheim–Eiersheim unterwegs waren. Ein Jude klagte einmal, er sei auf der Geleitstraße bei Impfingen bedroht worden, man werde ihn in die Tauber werfen.63
10 · Aufbruch nach OstenAls das Land zu eng wurde
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wuchs die Bevölkerung wieder, und zwischen 1750 und 1800 beschleunigte sich das Wachstum: In den meisten Ländern Mitteleuropas nahm sie um 40 bis 50 Prozent zu. Die Zünfte begrenzten die Arbeitsplätze im Handwerk, im Weinbau und in der Landwirtschaft, den Haupterwerbszweigen im Taubergebiet, war eine Grenze erreicht, und größere Rodungen für neue Äcker und Weinberge waren nicht mehr möglich. Das Habsburgerreich dagegen suchte Siedler für Gebiete, aus denen die Türken zurückgedrängt worden waren, und bot Vorrechte, Steuerermäßigungen und Geld. Ungarn stand bei den Auswanderern an der Spitze.64
Wie die Lage im aussah, schrieb der Amtskeller am 7. Mai 1771 nach Mainz. Das Amt sei, ähnlich wie der Rheingau, vom Weinbau abhängig; kaum ein Drittel der Untertanen erntete so viel Getreide, wie es brauchte. Seit dem Jahrgang 1766 sei der Wein teils nicht trinkbar, teils so gering ausgefallen, dass der Baulohn kaum gedeckt war, dazu kamen Gewitterschäden, Fruchtmangel und Teuerung. Die Untertanen seien „allzustark angewachsen“, die Güter „zu viel verteilet“. Dass aus Königheim so viele gingen, erkläre sich auch daraus, dass der Ort der größte und zugleich der ärmste sei; außerdem hätten Briefe von Verwandten aus Ungarn die Leute überzeugt, das Land sei „das allergesegnetste, darinnen im Überfluss wohlfeil zu leben“. Gegen diese Gewissheit helfe keine vernünftige Vorstellung. Aus Königheim zogen 1771 dreiundzwanzig Familien mit 114 Personen fort, aus dem Amt Külsheim zehn.65
Kurmainz wollte keine Steuerzahler verlieren. Zuerst versuchte es die Regierung mit Verboten; die Folge war, dass sich mancherorts Dutzende von Familien bei Nacht und Nebel aufmachten, nicht selten mit stiller Duldung der Ortsbehörden. Wer ging, musste einen Teil seines Vermögens als Abzugsgeld oder Nachsteuer an die Amtskellerei zahlen, bis 1706 fünf, danach fünfzehn Prozent. Gegen Ende des Jahrhunderts erleichterte Mainz die Auswanderung dann immer mehr, und Werber zogen durchs Land, darunter auch solche, die falsche Hoffnungen machten. Ein seriöser Werber nannte die Schwierigkeiten offen: Wer nach Ungarn wollte, brauche 200 Gulden, nämlich 30 für das Haus, 14 für Wagen, Pflug und Egge, 44 für vier Ochsen, 22 für zwei Pferde, 40 für vier Kühe und vier Kälber, 3 für zwei junge Stiere und 47 für die Nahrung bis zur ersten Ernte.66
Aus den Kellereirechnungen sind die Namen der ordnungsgemäß Abgezogenen überliefert, die heimlich Gegangenen fehlen. Aus Bischofsheim sind sieben Auswanderer nach Ungarn verzeichnet, mit Vermögen zwischen 28 und 475 Gulden, darunter der Büttner Andreas Hammerich (1766, 200 Gulden), Leonhard Göbel, der schon als kaiserlicher Soldat diente (1773, 269 Gulden), und Valtin Rusch, der 1779 mit seinem Enkel zog (475 Gulden). Nach Österreich und Böhmen gingen im Lauf des Jahrhunderts fünfzehn, meist nach Wien, mit Vermögen von 100 bis 1217 Gulden; der vermögendste, Wilhelm Hofmann, zog 1797 nach Wien.67
11 · Bader, Ärzte, ApothekerWer die Stadt kurierte
Das älteste Heilgewerbe der Stadt war das Bad. Ein Bader Konrad Bock erscheint 1419 als Besitzer eines Waldstücks; 1493 ist von Gütern „bei der undern badstuben“ die Rede, es gab also auch eine obere. In der Badstube konnten Durchreisende wie Einheimische in warmen Holzzubern baden, eine „Reibmagd“ massierte bei Bewegungsleiden, und der Bader war zugleich Haarschneider und Bartscherer, schröpfte mit erwärmten Kupferköpfen oder Blutegeln, versorgte Wunden und verkaufte nebenher Arzneien. Dass es unter so vielen Berufen Scharlatane gab, war bekannt, und die Kirche sah in den Badstuben „Stätten des Lasters“. Die Bischofsheimer Bader gaben sich deshalb schon 1690 eine eigene Zunftordnung. Manche kamen zu Vermögen: Andreas Steupert, ein Bader aus Württemberg, der die Witwe seines Vorgängers Linhart Widemann geheiratet hatte, besaß 1578 neben der Badstube eine Scheuer in der oberen Vorstadt, Weinberge, Äcker und Gärten. Im Ehevertrag von 1576 hatte er sich verpflichtet, den beiden Stiefsöhnen zu einem anderen Handwerk oder zum Studium zu verhelfen, falls sie keine Lust auf das Baderhandwerk hätten. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gingen die Badstuben ein, weil sie wegen mangelnder Hygiene Krankheiten übertrugen und die Obrigkeit mit Auflagen und schließlich Verboten eingriff. Im 19. Jahrhundert bedeutete „Bader“ nur noch Friseur; zuletzt steht die Bezeichnung 1890 bei Karl Pfitzinger.68
Die anspruchsvollen Fälle gehörten den Chirurgen und Wundärzten, die auch als Centchirurgen vor dem Zentgericht als Gutachter bei Körperverletzungen auftraten; mit der Abschaffung der Zentgerichte in der badischen Zeit endete diese Aufgabe. Zu den angesehensten gehörte Johann Adam Franck (1657 bis 1720), Chirurg und Ratsherr, der in vierter Ehe eine Offizierstochter aus Metz heiratete. Nach seinem Tod brachte sie einen Sohn zur Welt, Georg Michael, der 1725 vom Oberamtmann Graf Stadion, vermutlich seinem leiblichen Vater, adoptiert wurde und den Namen La Roche erhielt. Er besuchte das 1688 gegründete Bischofsheimer Gymnasium, wurde kurtrierischer , 1775 von Joseph II. geadelt und war der Großvater der Romantiker Clemens und Bettina Brentano.69 Über allen stand der Stadt- und Amtsphysikus, in der Regel ein Doktor der Medizin und etwa mit einem heutigen Gesundheitsamt vergleichbar, der bei Seuchen eingreifen musste. Johann Adam Huppmann (Physikus 1719 bis 1752) erhielt 1729 aus der Amtskellerei nur 50 Gulden Gehalt, die Stadt und Amtsorte aufbrachten, und 40 Kreuzer für einen Besuch im Amtsort. Lukas Amling (1785 bis 1796) betreute 17 Amtsorte und kam 1786 auf 700 Gulden, davon 450 festes Gehalt. Carl Joseph Stromaier (1797 bis 1819) versuchte vergeblich, die Niederlassung eines zweiten Arztes zu verhindern.70
Am zähesten wurde um die Apotheke gestritten. Seit wann es sie gibt, weiß man nicht; 1702 behauptete der Apotheker Johann Henrich Ludwig Staub, sie bestehe seit über hundert Jahren. Sicher sind 1658 zwei Apotheker, Nendwig und Engel, belegt; der Erzbischof riet dem Oberamtmann, abzuwarten und, falls es beiden zu schwer werde, einen von ihnen anderswo sein Glück suchen zu lassen. Der Apothekereid von 1671, den Abel Nendwig vor dem Rat ablegte und den auch seine Nachfolger zu leisten hatten, verpflichtete zu Treue, zu reinen und taxgerechten Arzneien, zu Rezeptbuch, Verschwiegenheit und Dienstbereitschaft bei Tag und Nacht, „den armen als reichen“. Er folgt, wie Karlheinz Bartels festgestellt hat, nicht der mainzischen Apothekerordnung von 1618, sondern Vorbildern aus Frankfurt, Heilbronn und Würzburg; das jährliche Verzeichnis der fehlenden Mittel, das „Defekte-Verzeichnis“, war im süddeutschen Raum damals neu. Die Stadtväter nahmen sich also die Freiheit, aus fremden Ordnungen herauszusuchen, was ihnen nützlich schien.71
Als der Miltenberger Apotheker Gischeidt 1702 eine zweite Apotheke eröffnen wollte, wehrte sich Staub mit einem langen Schreiben an den Erzbischof: In einem so geringen Städtlein könne man nicht mehr Apotheker unterhalten, als die Substanz trage; der Apotheker Engel sei „dermaßen verdorben, dass er mit weinenden Augen davon gezogen“, Nendwig habe 1100 Gulden Schulden hinterlassen, die er, Staub, habe tilgen müssen. Die Prüfung durch auswärtige Apotheker fiel 1707 für die bestehende Apotheke gut aus, die zweite wurde nicht eingerichtet. Staub und seine Frau Maria Elisabeth, die zuvor schon mit zwei anderen Apothekern verheiratet gewesen war, stifteten 1700 die Maria-Hilf-Kapelle und 1715 einen Bildstock. Sein Sohn Franz Adam Staub beschwerte sich 1739 über unbefugten Arzneiverkauf durch Bader, Barbiere und Chirurgen, die „Reinigungs- und Schweißtränk, Herzstärkung“ abgäben und sogar Rezepte des Doktors anfertigten. Der Amtsschreiber Horn hatte schon im Januar 1738 notiert, dass sich auch die Scharfrichterin, die Sonnenwirtin und andere Frauen Kräuter und Medikamente beschafften und gegen Geld abgaben. Der Oberamtmann Stadion verbot daraufhin allen Badern, Barbieren und Chirurgen den Verkauf innerer Arzneien und verlangte eine Prüfung. Der Stadt- und Centchirurg Johann Philipp Schenkel antwortete mit einem langen Brief: Er habe 36 Jahre im Kriegsdienst und im Land praktiziert, in Brüssel, Würzburg und Heilbronn geprüft worden, und er solle „mit dem größten Spott“ wie ein Bader zum Examen gezogen werden. Zum Gegenangriff holte er aus: Die Apotheke sei zu schlecht bestückt, weil der Herr Doktor zu wenig verordne, und der Amtsphysikus stelle sich krank, wenn kalte Fieber regierten, und möge mehr medizinische Bücher lesen. Schenkel musste den Arzneimittelverkauf trotzdem einstellen. Die meisten Bader fügten sich, aber die Klagen der Apotheker kehrten in späteren Jahren wieder, die Wirkung der Verbote war also begrenzt.72
Das Ende des Jahrhunderts brachte der Apotheke Ärger anderer Art. Ernst Johann Wehenkel übernahm sie 1791 für 2900 Gulden, geriet in Schulden und floh 1798 nach Regensburg; als er zurückkehrte, stand er unter strenger Kontrolle des Amtsphysikus Stromaier, mit dem es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kam, und am Ende stand der Konkurs. Sein Nachfolger Jakob Bernhard Bauer, der 1801 für 6125 Gulden zuschlug, hatte mit der Bürokratie des untergehenden Kurmainz zu kämpfen: Er war „Ausländer“ und evangelisch-lutherisch, und im Oberamt stritt man, ob ihm das Bürgerrecht zustehe. Erst die Heirat mit einer Aschaffenburger Apothekerstochter und eine zweite, „inländische“ Prüfung beseitigten die Hindernisse; nach knapp einem Jahr verkaufte er die Apotheke für 7600 Gulden an Carl Augustin Hergt. Auch Hergt stammte aus dem Ausland, aus Zaisenhausen in der Kurpfalz, und musste Nachweise über Ausbildung, Prüfung, Vermögen (10 675 Gulden) und Führung beibringen; er wurde am 22. Oktober 1802 geprüft und erhielt die Konzession am 30. Oktober. Aus seiner Familie gingen mehrere Ärzte hervor, darunter der Sohn Karl: Er studierte seit 1827 Medizin in Heidelberg, ging nach einer Studienreise nach Wien und Paris 1835 als Assistenzarzt an die Heidelberger Irrenanstalt und folgte seinem Freund Christian Roller an die Heilanstalt Illenau, die er mit ihm zu einer anerkannten Einrichtung der deutschen Irrenfürsorge machte; nach Rollers Tod 1878 leitete er sie noch elf Jahre als Direktor, bis er am 23. Dezember 1889 starb. 1810 kaufte Hergt das Weinhändlerhaus des Johann Michael Schäffner am Sonnenplatz und richtete dort die Apotheke ein.73
12 · Aberglaube und SeuchenWo die Medizin endete
Wo die Medizin nicht weiterhalf, half der Segen. Die Synodalprotokolle der , die für die Jahre 1730 bis 1802 vorliegen, halten fest, was der Pfarrer mit den Kirchengeschworenen, einem Stadtrat und dem Schulrektor an den monatlichen Sitzungen als besserungsbedürftig ansah. Am 11. April 1730 stand der Schmied Adam Dürr vor dem Gremium. Er gestand, mit einem Pulver, seinem „arcano“, schon viel krankes Vieh kuriert zu haben. Manchmal sei er spät nachts, „ohnberedet“, also ohne ein Wort zu sprechen, in den gegangen, habe ein Loch in eine Holunderstaude gebohrt, ein paar Tropfen Blut von dem kranken Vieh oder von kranken Menschen hineingetan und den Segen im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes gesprochen. Dass so etwas „abergläubig oder verboten“ sei, wollte er nicht glauben. Die Synodalen sahen es anders und drohten eine harte Kirchenstrafe an. Hans Adam Weiß hatte abends um die Öffnung des Türleins am Oberen Tor gebeten und seine gichtkranke Frau gegen drei Uhr früh, ohne zu reden, hinausgetragen; auch die Frau des Franz Trost war von ihrem Schwiegersohn nachts in den Zwinger getragen worden. Beide erhielten einen strengen Verweis.74
Am 2. April 1792 meldete der Stadt- und Amtsvogt Joseph Anton Harich dem Oberamt eine Schatzgräberei im Haus des Schuhmachers Andreas Manz. Er fand im Keller ein tiefes, frisch gegrabenes Loch, zur Hälfte mit Grundwasser gefüllt. Die Frauen des Hauses waren durch „seltsame Erscheinungen“ zu dem Schritt verleitet worden. Weil keine Teufelsbeschwörungen und sonstigen Gebete im Spiel waren, hielt Harich sie durch die Mühe, das fehlgeschlagene Glück und die bevorstehende Arbeit des Zuschüttens für genug gestraft; sie wurden scharf verwarnt und zahlten die Untersuchungskosten.75
Härter traf es, wenn das Vieh starb. 1750 verendeten in Königshofen 280 Tiere, der Schaden wurde mit 7000 Gulden angegeben. Weil der Viehhandel großenteils in jüdischer Hand lag, schob man die Seuche den jüdischen Händlern zu, und der Wasenmeister wollte schon vorher gewarnt haben, ein Viehtransport der Juden trage eine ansteckende Krankheit. Die Bauern erlangten einen Befehl des Oberamts, alles von den Juden eingetriebene Vieh aus Ställen und Ortschaften zu schaffen; die Händler erreichten die Rücknahme, indem sie behaupteten, die Seuche habe schon zwei bis drei Wochen vor dem Eintrieb ihres Viehs geherrscht. Manche schlachteten verzweifelt ihre Bestände ab. Der mit der Untersuchung beauftragte Bischofsheimer Amtskeller Winterheld galt den Königshöfern als „brutal“ und „Judenfreund“, weil er sich um Aufklärung bemühte. Im Februar 1751 baten einige Bürger Mainz, die Untersuchung seinem Nachfolger Handel und dem Bischofsheimer Stadtschultheißen zu übertragen, „damit endlich das Ächzen der Gemeinde Königshofen beherzigt werde“. Wie der Streit ausging, ist aus den Quellen nicht mehr zu ermitteln.76
13 · Martinitrunk und HuppenWein, Wallfahrt und Kinderlieder
Am Martinstag, dem 11. November, war die Stadtverwaltung großzügig. Der Patron der Pfarrkirche wurde auch außerhalb der Kirche gefeiert; wer für die Stadt arbeitete, bekam einen oder mehrere Maß Wein aus dem städtischen Keller. Die Stadtrechnung von 1724 kommt auf drei Eimer, und weil ein Eimer 40 Maß fasste und 87 Liter, ergibt ein einziges Maß schon gut zwei Liter. Der Oberamtmann, der Amtskeller und der Schultheiß erhielten je vier Maß, der Zentgraf, der Spitalmeister, der Pfarrer, der Kaplan, die beiden Schreiber und jeder der zwölf Stadträte je zwei, der Rektor, der Kantor, der Organist und der Deutschschulmeister je eins. Es folgen Kirchner, Blasbalgtreter der Orgel, Türmer, die beiden Hebammen, Kuh-, Schweine- und Schafhirt, die vier Ablassmänner an den Wasserschleusen, die elf Brunnenmeister, die Torwarte, der Waagmeister, der Totengräber, der Bettelvogt, die sechs Nachtwächter und, wie die Rechnung trocken vermerkt, auch die Umträger des Martinitrunks.77 Wer wissen will, wie man 1724 den Rang eines Amtsträgers bemaß, kann es hier an der Zahl der Maß ablesen.
Auch die nach Walldürn versorgte die Stadt. Aus dem Keller gingen ein Eimer und zwei Maß Wein, gut 90 Liter, mit, vor allem für Geistliche und Musikanten, dazu Wegzehrung, wenn man auf dem Rückweg in Hardheim im „Grünen Baum“ einkehrte: der große Fahnenträger bekam 40 Kreuzer, der mittlere 20, die beiden Buben mit Fähnlein zusammen 16, der Kaplan einen Gulden 30.78
Eine kleinere Währung zählten die Buben. Wenn im Frühjahr Kastanien, Holunder und Weiden im Saft standen, machten sie sonntagnachmittags im Wald „Huppen“: Sie schnitten an einem Zweig die Rinde ringsum durch, klopften sie mit dem Messergriff locker, zogen sie ab und schabten ein Ende dünn, damit man hineinblasen konnte. Je nach Länge und Dicke ergaben sich verschiedene Töne, und mit etwas Geschick kam ein kleines „Waldkonzert“ zustande. Zum Klopfen sang man „Huppenlieder“, die in Tauberbischofsheim etwa mit „hube, hube, süle“ begannen; Otto Heilig deutet das „Säulein“ als Anrede an den bösen Geist, der die Rinde am Holz festhält. Die Huppe tönte nur, solange sie frisch war: Nach ein paar Stunden trocknete die Rinde aus, und das Instrument verstummte.79
14 · Wirtshäuser und PostWo die Straße einkehrte
Als erstes Wirtshaus erscheint eines 1327 in einer Urkunde: Die Bürgen eines Kaufs zwischen Heinrich von Hohenlohe und dem Aschaffenburg sollten vor der Weiterreise „in publico hospitio“, in einem öffentlichen Gasthaus der Stadt, übernachten, mit Pferd und Knecht. Das Türkensteuerregister von 1578 nennt sieben Herbergen: „Höfle“, „Kolben“, „Löwen“, „Kanne“, „Riesen“, „Krone“ und die „Herberg in der obern Vorstatt“, die später „Sonne“ hieß. Die Wirte zählten zu den Wohlhabenden. Linhart Aininger vom „Höfle“, ein Zugezogener aus Grünsfeld, versteuerte 2392 Gulden, davon 1000 für die Herberge; der „Kolben“ war 1500 Gulden wert. Der Name verrät den Geschmack der Zeit: Tiere (Löwe, Ross, Ochse, Hirsch), Größe und Kraft (Riese), Gestirne (Sonne, Stern), Adel (Ritter, Krone), Gegenstände (Kanne, Kolben, Breze); nach 1700 kamen der Engel und das Lamm hinzu.80
Das Wirtshaus war auch Gerichtsort für Raufereien. Die Protokolle des Zentgerichts 1596 bis 1630 kennen zahllose Händel unter Alkohol, meist spät am Abend; der Kirchner musste mit der Glocke das „Polizeiläuten“ geben, und wer es missachtete, zahlte. Auch Gerichte tranken: Die Richter ließen sich von den streitenden Parteien je ein Maß Wein reichen und sahen darin keine Gefahr für ihre Unabhängigkeit, vielleicht auch, weil die entspannte Atmosphäre die Verhandlung erleichterte.81
Verkehr brachte die Post. Seit etwa 1500 baute die Familie Thurn und Taxis im kaiserlichen Auftrag die Reichspost auf, mit Frankfurt als Mittelpunkt. Die erste Station in Bischofsheim war wohl die Wirtschaft „Zur Kanne“ am Eck Marktplatz und Armengasse, bis 1727 betrieben, deshalb später „Alte Post“; seit 1706 saß die Posthalterei in der „Sonne“ vor den Mauern, die nun auch von der fahrenden Post mit Wagen angefahren wurde. Der Grabstein des Sonnenwirts Franz Servontaine trägt den Reichsadler der kaiserlichen Post, und sein lateinischer Sterbeeintrag endet mit einem Wortspiel auf den Namen („serva in te“, bewahre ihn in dir). 1733 baute sein Nachfolger Anton Philipp von Fleischmann die neue Posthalterei, den späteren „Badischen Hof“.82
Postmeister Gottfried Steinam bemühte sich Jahrzehnte um das Recht, Reisende zu bewirten. 1789 wollte er der Besitzerin der stillgelegten Wirtschaft „Zum Riesen“ ihre Schildgerechtigkeit abkaufen; der Oberamtmann lehnte ab. Trotzdem wurde in der Posthalterei längst bewirtet, weil die Reisenden sich ungern von ihrem Gepäck trennten, und die Obrigkeit duldete es, verlangte aber zuerst die Nachzahlung der Getränkesteuer. Erst am 10. April 1823 bewilligte das Direktorium des Main-Tauber-Kreises die Gaststätte offiziell. Wie viel eine Wirtschaft von ihrem Ruf lebte, zeigt die „Krone“ in der Unterstadt: Nachdem ihr Wirt Georg Wilhelm Fridsen 1815 seine Frau ermordet hatte (Kapitel 9 und 13), beantragte der neue Besitzer Georg Rössner eine Namensänderung, und seit dem 18. März 1816 hieß das Haus „Zum Grünen Baum“.83



15 · Die Stadt im PlanZürner und seine Karte
Eine Quelle dieser Zeit ist besonders anschaulich: der Plan der Stadt von Zürner. Jacob Heinrich Zürner, Lehenrenovator, vermaß die Stadt 1748; vier klassifizierten am 20. Januar 1748 die Fluren. 1790 zeichnete Georg Adam Zürner einen Grundriss, der 1792 ergänzt wurde. Die Originale liegen im Landschaftsmuseum. 84
Eine Art Selbstdarstellung geben auch die Grenzbücher: 1749 ging man noch einmal die Grenze ab und zählte 115 Steine; der älteste, im Grünsfelder Wald, trägt eine Jahreszahl, die man „1308“ liest, obwohl vieles für „1508“ spricht.85





Häuser erzählen
Was Inschriften an Bischofsheimer Häusern verraten
- Das Fratzenhaus am Marktplatz (La-Roche-Haus) :: 1670 vom Dompropstfaktor Johann Hermann Franck erbaut; an einem Fenstersturz steht seine Inschrift zwischen sieben Fratzenköpfen, darunter ein „Türkenkopf“ und eine Fratze mit Brille. Erbe war der Wundarzt Johann Adam Franck, dem in vier Ehen 15 Kinder geboren wurden; sein letztes, Georg Michael, kam am 4. Mai 1720 zur Welt, zwei Monate nach seinem Tod. Wieland erzählte, der leibliche Vater sei der Oberamtmann Graf Stadion gewesen, und schilderte, wie der Graf am Weihnachtsabend alle Kinder der Stadt aufs Schloss holen ließ und der fünfjährige Michel am nächsten Morgen in der Nachtjacke seiner Mutter heimlich dorthin lief, weil der Graf ihm zugerufen hatte: „komme bald wieder!“ 1725 adoptierte Stadion ihn.
- Das Melusinenhaus, Hauptstraße 21 :: „BALTASAR LIEBLER, CATHARINA LIEBLERIN 1628“, schönes Renaissancefachwerk mit Wassernixen und Wassermännern (Melusinen) und Neidköpfen. Balthasar Liebler besaß 1578 ein Haus für 700 Gulden und insgesamt 1151 Gulden. Sein Sohn Caspar baute 1626 die „Rektorskapelle“; ein Enkel, der Franziskaner Caspar Liebler (1631 bis 1703), schrieb 1683 das Büchlein über die heilige Lioba.
- Das Seilerhaus, Klostergasse 10 :: Auf einem Balken steht „1619 WI“, dazu zwei Haken durch ein Herz, das Zeichen der Seiler. Das I verweist auf die Seilerfamilie Jacob, aus der später Johannes Gallus de Jacob stammte, getauft am 14. Januar 1670, der es bis zum Würzburger Hofkammerdirektor brachte.
- Zwinger 2 :: Die „wohl schönste Bauinschrift der Stadt“ von 1595 nennt den Dompropstfaktor Julius Zehender, seine beiden Frauen Margaretha Denerin und Catharina Pfrvndschigin und trägt den Spruch: „Alles bawen der Menschen Kind / Ist eytel und nimbt bald ein End. / Wo aber Gott hilftt bawen das Haus, / Da geht das End mit dem auch aus.“ Als Geburtshaus des Abtes Leonhard Pfreundschick, wie eine Tafel behauptet, kommt es kaum in Frage; wahrscheinlich kam er um 1635 in der Rollenmühle zur Welt.
- Eine Scheune in der Bachgasse 18 :: Ein Hausspruch von 1636 des Metzgers Hans Vogel: „Wer will bauen an die Straßen, der muss jedermann reden lassen. Es ist keiner auf der Welt, dass jedermann sein Bauen gefällt.“ Wer ihn lesen will, muss die Leiter besteigen.
- Die Sebastianuskapelle :: Über dem Fenster steht in gotischen Minuskeln: „Als man zalt MCCCCLXXIIII in der kristenheyt / Uff sant appollinaris tag wart der erst stein geleyt.“ Die zweistöckige Kapelle wurde im Pestjahr 1474 als Friedhofskapelle gebaut; im unteren Stockwerk lag das Beinhaus für die Knochen der Toten, die im engen Kirchhof früh ausgegraben werden mussten.
Einordnung
Ruhe und Rückgang
Das lange 18. Jahrhundert ist für Bischofsheim eine Zeit ohne große Ereignisse und deshalb in der Stadtgeschichte meist knapp behandelt. Dabei zeigt sich gerade hier, wovon die Stadt lebte und was an ihr brüchig war. Der Wein trug, solange es Käufer gab; die Straße trug, solange der Verkehr durch die Stadt lief; beide schwächelten. Eine Chaussee, die einen weiter weg lenkte, konnte einer Stadt mehr nehmen als ein Krieg. Dass 1803 mit der das Erzstift zerbrach, traf eine Stadt, deren Wirtschaft schon länger zwischen Alt und Neu stand.
Das nächste Kapitel erzählt, wie die alte Ordnung unterging: Französische Revolution, Napoleon, Leiningen und Baden.