1 · Ein Krieg, der keiner warDer Dreißigjährige Krieg im Überblick
Der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) begann als Aufstand der böhmischen Stände gegen den Kaiser, wurde zum Krieg um die Vorherrschaft im Reich und zuletzt zum europäischen Konflikt, in den Dänemark, Schweden und Frankreich eingriffen. Auf deutschem Boden kostete er, nach vorsichtigen Schätzungen, ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung, durch Kämpfe, vor allem aber durch Hunger und Seuchen, die den Truppen folgten. Die Heere ernährten sich aus dem Land: Sie zwangen Dörfer und Städte zu Lieferungen, und .
Die Regionen litten verschieden, je nachdem, wo die Heere zogen und wo sich Besatzung festsetzte. Ein Landstrich konnte jahrelang ruhig bleiben und dann binnen Wochen verwüstet werden. Für Bischofsheim gilt: Schneider fasst zusammen, der Krieg sei „ohne bemerkenswerte Bauschäden“ über die Stadt gegangen. Das bedeutet nicht, dass sie ihn gut überstand. Die Quellenlage ist dünn: Die Akten der Amtskellerei setzen erst 1645 ein, und die ältere Stadtgeschichte schildert den Krieg vor allem aus allgemeinen Berichten, nicht aus Bischofsheimer Akten.1
2 · Die VorjahreWetter, Teuerung, Hoffnung auf den Himmel
Vor dem Krieg kam das Wetter. 1624 gab es eine Teuerung (ein Eimer Wein kostete in Königshofen 20 , für eine Kuh samt zweirädrigem Wagen zahlte man 225, für vier Schweine 65, für ein Malter Hafer fünf Gulden), und 1628 bis 1630 notierte man Schnee am 9. März 1628, Frost am 9. September und 16. Oktober (die Trauben erfroren), einen Malterpreis von drei Gulden für Korn; 1630 war der Herbst voll, doch es fehlten Fässer. Die Quelle ist eine Chronik von 1785 in Privatbesitz, die Berberich zitiert. In diesen Jahren der hatte die Obrigkeit als Erklärung gefunden, wie in Kapitel 9 beschrieben.2
Auf der Straße ging der Handel weiter. Zur Fastenmesse 1628 zählte man 67 Geleitete; davon stammten 18 aus Augsburg, 10 aus Ulm, vier aus München, zwei aus Memmingen, und der Zentgraf garantierte den Nürnbergern Hin- und Rückweg. Die Stadt lag an der großen Verbindung, und bald sollte der Krieg sie benutzen.3
Der Amtmann Caspar Lerch von Dürmstein, der die Stadt von 1611 bis 1619 regiert hatte, war da schon fort: Am 24. April 1619 reiste er mit Familie und Hausrat nach Mainz ab (Kapitel 10). Er sollte, wie Ogiermann schreibt, sein ganzes Hab und Gut später durch die Schweden verlieren: ein kaiserfreundlicher Adliger, den der Kaiser im Stich ließ.4
Alltag
Was die reichen Pfründner 1623 aßen
Am 22. Februar 1623 stellten Oberamtmann Johann Schweikard von Sickingen und Amtskeller Andreas Simrock einen Wochenspeiseplan für die „reichen Pfründner“ des Spitals auf, die im Haus für ihre verköstigt wurden. Im fünften Kriegsjahr stand schon in der Anweisung, es gebe sonntags mittags „gebratenes, wie man es bei diesen trüben Zeiten bekommen kann“. Täglich um sieben Uhr kam eine Suppe auf den Tisch; mittags und abends folgten Gemüse oder Kraut, mehrmals in der Woche Fleisch, donnerstags Sülze, freitags Haferbrei und Fisch, „grün oder dürr, wie man es haben kann“, samstags weißer Brei und Stockfisch, Bratfisch oder Hering, am Abend freitags und samstags Gemüse und Käse. Zu trinken stand jedem Pfründner „bis sich die Zeiten bessern“ ein Dreiviertelmaß Wein am Tag zu, also über einen Liter. In den Fastenzeiten gab es Suppe, Gemüse und Käse oder Fisch. Kartoffeln fehlen, die in Deutschland erst nach dem Dreißigjährigen Krieg angebaut wurden; Brot, Suppe und Wein waren das Fundament.5
3 · Die FranziskanerEin Kloster zieht ein
Noch vor dem Krieg erreichte die Stadt etwas, das ihr Gesicht bis in die Gegenwart prägte. Am 12. Juni 1629 bat der Magistrat auf Anregung des Amtmanns Johann Schweikard von Sickingen den Georg Friedrich von Greiffenklau um ; schon am 15. Juli 1629 trafen sie ein und feierten Gottesdienst in der Sebastianuskapelle. Der Pfarrer Georg Federle (1628 bis 1632) hatte die Initiative ergriffen. Der Rektor der Lateinschule, Johannes Martin Rumelius, stellte dem Klostergründer Pater Adam Bürvenich seine musikalisch besten Schüler zur Verfügung, damit sie die Gottesdienste in der Sebastianuskapelle mit Choral verschönerten; ein Taufeintrag von 1637 nennt ihn scherzhaft „großartigen Rektor der segensreichen Universität Bischofsheim“. Die Franziskaner siedelten sich im Kaplaneihaus an der Kapelle an, in dem sie 1629 bis 1636 wohnten.6
Warum holte eine Stadt Mönche? Die Franziskaner sind ein Bettelorden, benannt nach Franz von Assisi: Sie lebten von Almosen, predigten in der Volkssprache und hörten Beichte. Im Zeitalter der waren sie für und Bischöfe wertvolle Mittel, die Bevölkerung enger an die katholische Kirche zu binden, weil sie billig waren und beim Volk Gehör fanden. Für die Stadt bedeuteten sie außerdem eine Quelle von Seelsorge, Schulbildung und .
Das Kaplaneihaus taugte freilich nicht auf Dauer. Für einen Klosterneubau wurden mehrere Standorte erwogen, und sie zeigen, wie die Stadt dachte: Den vom vorgeschlagenen Platz um die Peterskapelle lehnten die Franziskaner ab, weil er außerhalb der Stadtmauern lag; das von den Patres gewünschte Gelände zwischen den zwei Stadtmauern am Burgzwinger stieß bei den Mainzer Amtsleuten auf Sicherheitsbedenken: Die Stadt war nicht bereit, für Mönche Zwingermauer, zwei Tore und den Graben aufzugeben. So tauchte der Plan auf, das Kloster beim alten Spital zu errichten.7
4 · Die SchwedenBesatzung und Hunger
Dann kam der Krieg. Nach der Schlacht bei Breitenfeld (17. September 1631) zog König Gustav Adolf von Schweden mit seinem Heer durch Franken; Würzburg fiel. Der kaiserliche General Tilly marschierte über Miltenberg und Amorbach nach Külsheim, wo er am 28. Oktober ankam, konnte aber nicht verhindern, dass Gustav Adolf am 19. November 1631 von Würzburg aus vor Bischofsheim anrückte und die Stadt einnahm. Die Kapitulation war erzwungen. Die Schweden verbrannten in dieser Zeit Teile von Buchen und Königheim, in Königheim auch die Kirche. In Bischofsheim richteten sie eine eigene Verwaltung ein, die mit der königlich schwedischen Regierung in Mainz verbunden war: Als Amtskeller setzten sie den Lutheraner Crusius ein, als Amtmann Velten Heinrich Rüdt von Bödigheim-Collenberg. Er bat 1631 bis 1634 um einen evangelischen Prediger, Bartholomäus Reichardt aus Memmingen. Der Pfarrer Christian Felgenhauer (1632 bis 1637) wurde von den Schweden in Bettingen erstochen.8
Wie die Besatzung im Kleinen aussah, zeigen die Rechnungen des Stiftsfaktors des Aschaffenburger , der in Bischofsheim Zehnten einzog. Sie verzeichnen für 1631 eine Geldeinnahme, die so gering war wie seit hundert Jahren nicht. Eingetragen sind eine Schatzung von einem Gulden, einem Gulden Brot auf Michaelis 1631 und 1632 und acht Gulden „Kontribution für die Schweden“ für 16 Zickel, also einen halben Gulden je Tier. 1632 ist nur die Feldfruchtabrechnung gemacht, die Geldabrechnung fehlt ganz. Ogiermann fügt hinzu: Ende 1631 bis 1634 stand Bischofsheim unter schwedischer Besatzung. Die Spur ist klein, aber sie sagt, dass der Krieg bis in die Zehntrechnung des Stifts hineinreichte.9
Bis 1635 hatte die Stadt Brandschatzungen zu zahlen; 1634/35 herrschte Hungersnot, weil die Durchmärsche zwischen Würzburg und Heidelberg das ganze Frankenland betrafen. Die Schweden zogen 1634 ab, nach der Schlacht bei Nördlingen, in der sie von den Kaiserlichen geschlagen wurden. Für die Bürger bedeutete das nicht das Ende: Es folgten kaiserliche und kurbayerische Truppen, die ebenfalls Einquartierung und Holz verlangten. Im Jahr 1644 kauften die Bischofsheimer Rentmeister in Brehmen 60 Stamm Holz für 24 Gulden; die der Amtskellerei wurde um 20 ermäßigt, ein Hinweis auf den Zustand der Wirtschaft.10
Zur Wahrheit gehört auch, dass die Quellen zu den schwedischen Jahren knapp sind. Wie die Bürger darauf reagierten, ob die Stadt evangelisch regiert wurde und ob Gottesdienste umgestellt wurden, ist kaum überliefert; auch die , die in diesen Jahren überall wütete, hat keine Bischofsheimer Zahlen hinterlassen. Man weiß, dass die Erzbischöfe nach dem Abzug der Schweden die katholische Ordnung wiederherstellten und dass die evangelische Gemeinde in der Stadt erst im 19. Jahrhundert wieder entstand.11
Auch in der Nachbarschaft zeigt sich, wie der Krieg die Konfessionen durcheinanderwirbelte. Als die Schweden im September 1631 das Gebiet besetzten, ergriff der reformierte Graf Friedrich von Wertheim vom Kloster Bronnbach Besitz und zerstörte, wie Ogiermann schreibt, „in kalvinistischem Eifer“ fast die ganze Inneneinrichtung der Kirche; die Mönche mussten fliehen. Einer von ihnen, der aus Bischofsheim stammende Kleriker Friedrich Groß, kam bis Wien, wurde dort am 5. und 6. Juni 1639 zum Doktor der Philosophie und der Theologie promoviert und 1641 von nur sieben Mönchen zum Abt von Bronnbach gewählt; 1510 hatte der Konvent mehr als vierzig Mitglieder. 1647 trat er wegen Schulden und Unsicherheit zurück und floh nach Würzburg; er starb am 26. März 1656.12
Quellenkritik
Berberich und die Schwedenzeit
Berberich (1895) erzählt die schwedischen Jahre ausführlich, aus der Sicht eines katholischen Heimatforschers: Die evangelische Besatzung erscheint als Fremdherrschaft, der Prediger als Aufdringling. Seine eindringlichste Schilderung der Kriegsgräuel – Plünderung, , den „Schwedentrunk“, Hungerkannibalismus – stammt jedoch nicht aus Bischofsheim, sondern aus der Leichenpredigt eines evangelischen Pfarrers, Johann Steuber, in der Elisabethenkirche zu Marburg in Hessen (19. Oktober 1635). Sie beschreibt, was damals in Deutschland insgesamt geschah, und ist für Bischofsheim Kontext, keine Ortsnachricht. Dasselbe gilt für einen Satz über „Hessen-Kasselaner vor Miltenberg“ im Januar 1643, der Bischofsheim als Beispiel für „ statt Widerstand“ darstellt: Aus Bischofsheim selbst sind dazu keine Einzelheiten überliefert. Berberichs Kapitel über die Juden im Schwedenkrieg, das ihnen vorwirft, sich an der Not bereichert zu haben, ist von einer judenfeindlichen Sprache geprägt und wird hier nicht übernommen. Wer den Krieg verstehen will, sollte Berberichs Angaben als Hinweise lesen und gegen Archivakten prüfen.
Hintergrund
Franken als schwedisches Herzogtum
Die schwedische Besatzung war in Franken mehr als ein Durchzug. Gustav Adolf nahm Würzburg am 18. Oktober 1631 ein, der war nach Regensburg geflohen, und die berühmte Bibliothek der Residenz wurde nach Schweden gebracht. Nach Gustav Adolfs Tod bei Lützen (1632) übertrug der schwedische Reichskanzler Oxenstierna dem Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar 1633 ein neu geschaffenes Herzogtum Franken, gebildet aus den Hochstiften Würzburg und Bamberg. Bernhard sollte es als eigenes Territorium regieren, ein protestantischer Herzog auf bischöflichem Boden.13
Die Schlacht bei Nördlingen im September 1634 beendete das Herzogtum. Die Schweden verließen Würzburg, die Fürstbischöfe kehrten zurück, und Bernhard trat 1635 in französischen Sold. Bischofsheim gehörte nicht zu den beiden Hochstiften. Die Stadt war mainzisches Land, das die Schweden besetzten und von der „königlich schwedischen Regierung in Mainz“ aus verwalteten. Ihre Besatzungszeit endete trotzdem im selben Jahr wie das Herzogtum, 1634.
5 · 1646Verhandeln mit dem General
Die letzten Kriegsjahre kamen noch einmal hart. Am 28. August 1646 bat der Zentgraf Johann Michael Otto den schwedischen General Königsmarck, der bei Impfingen lagerte, um Schonung. Er erhielt sie gegen 30 Wein und einige tausend Brote. Die Episode ist klein und zeigt doch viel: Der Krieg wurde auch mit Weinfässern verhandelt, und die Stadt hatte, anders als Dörfer, etwas anzubieten. 1645 bis 1648 verwüsteten Schweden, Franzosen und Kaiserliche noch einmal die Gegend; ein Verlust von Hafer ist für 1646 belegt.14
Der Westfälische Friede 1648 beendete den Krieg im Reich. Er bestätigte den Grundsatz von 1555, dass der Landesherr die Konfession bestimmt, und er legte als „Normaljahr“ den Stand von 1624 fest. Bischofsheim blieb, was es gewesen war: katholisch, kurmainzisch.
6 · Nach dem KriegNeue Ordnungen
Die Jahre nach 1648 sind in Bischofsheim keine Jahre des Neuanfangs, sondern der Neuordnung. Die Zeit liefert drei Spuren.
Die Pfarreien. Am 15. Mai 1656 tauschte Erzbischof Johann Philipp von Schönborn mit dem Würzburger Bischof Pfarreien (Schweinberg, Gissigheim, Grünsfeld, Zimmern und Freudenberg gegen Amorbach, Kirchzell und andere); Würzburg übernahm die geistliche Gerichtsbarkeit über Gerlachsheim, Kist, Kleinrinderfeld, Distelhausen, Ilmspan, Gerchsheim, Impfingen, Dittigheim und Bettingen. Damit verschwand der „Mainzer Dorn“ bis vor die Tore Würzburgs: Kirchen- und Landesgrenzen sollten sich decken.15
Das . Nach dem Krieg häufen sich die Zunftordnungen: Die Schneider erhielten 1647 eine neue Ordnung, die Schuhmacher 1649 und 1654, die Bäcker 1653, die Hutmacher 1655, die Büttner 1688, die Häfner 1681. Sie richteten sich gegen die „unzünftige“ Konkurrenz der Landhandwerker; sie reagierten darauf, dass der Krieg die Märkte und Handwerke durcheinandergebracht hatte. Mehr dazu in Kapitel 12.16
Der Markt. 1668 gab es in Bischofsheim fünf Jahrmärkte (Mittfasten, Pfingsten, Margarete, Martini, Thomas) und einen Wochenmarkt; von den übrigen Orten des Oberamts hatten nur Königshofen und Königheim Jahrmärkte. Das Mainzer Jurisdiktionalbuch von 1668 zeigt außerdem Bischofsheim als zentrale Einzugsstelle der Zehnten für die Orte ringsum.17
7 · Das KlosterVom Spital zur Klosterkirche
Während der Krieg die Gegend zerrüttete, wuchs das . Am 8. März 1636 wies Anselm Kasimir Wamboldt den Franziskanern den Südflügel des Reichen , das Armenspital, die Elisabethenkapelle und die Bäckerei zu; im Gegenzug mussten sie den bisher dort wohnenden Pfründnern eine andere Unterkunft verschaffen. Die Besitzübernahme folgte am 23. April; die Bestätigungsurkunde nennt das Haus „Klösterlein der hl. Lioba“: Die Franziskaner präsentierten das Spital als Nachfolger des Liobaklosters, ein wenig historischer, aber werbewirksamer Anspruch. Am 30. April 1637 wurde der Konvent „zur heiligen Jungfrau“ gegründet; erster war Adam Streit; 1665 wurde der Konvent in die Thüringer Ordensprovinz eingegliedert.18
Ein Haus für ein Kloster war es freilich nicht. Als der Stadtrat 1641 die Überlassung des Dühring'schen Hauses, das als Reichenspital diente, ablehnte, beschloss das Kölner Ordenskapitel, das Kloster vor dem Oberen Tor zu bauen, weil beim Spital „eine ordensübliche Klosteranlage nicht möglich“ sei; die Kriegsereignisse ließen den Plan versanden. Erfolgreicher waren die Patres 1646 bis 1648, als sie drei kleine Häuser im Hospitalbezirk jenseits des Baches kaufen konnten. Die erste größere Baumaßnahme war dann der völlige Umbau der Hospitalkapelle zur Klosterkirche: Der Stadtrat schenkte vom Marktplatz sieben Fuß und von der Straße gegen den Fleischmarkt acht Fuß Grund, der Oberamtmann übernahm mit dem Rat die Kosten des Hauptportals. Der Grundstein wurde am 25. März 1656 gelegt, in Anwesenheit von Pfarrer Zilch, dem Oberamtmann Johann Schweikard von Sickingen, dem Rentmeister Johann Jakob Kurkrock, dem Zentgrafen Johann Michael Otto und den Stadtrentmeistern Michael Süß und Georg Bayer; eine wurde eingemauert. Gebaut wurde ganz aus freiwilligen Spenden der Bürger.19
Die Weihe fand nach Berberich und Gehrig/Müller im Oktober 1657 statt, durch den Würzburger Johann Melchior Söllner (am 14. Oktober; er firmte dabei 435 Menschen); Schneider nennt für die Weihe das Jahr 1656. Zwei Quellen gegen eine – hier folgt der Text der Jahreszahl 1657. Die Festschrift von 1955 stützt das: Sie nennt die Grundsteinlegung am 25. März 1656, die Feier des Portiunkulafestes am 2. August 1656 in der noch ungedeckten Kirche und die Weihe am 14. Oktober 1657 (zu Ehren der Dreifaltigkeit, der heiligen Lioba und der heiligen Elisabeth von Hessen); das Jahr 1656 bei Schneider meint wohl die Grundsteinlegung.20 Hauptpatronin der Kirche wurde 1655 durch Beschluss des Provinzkapitels die heilige Lioba, nachdem der Klostergründer Pater Adam Bürvenich mehrere nach Bischofsheim gebracht hatte: 1655 wurde in Fulda das Schulterblatt der Heiligen geteilt, und 1661 kam, über den Freiherrn Johann Valentin von Siezig und den Erzbischof Johann Philipp, die Kinnlade der Heiligen, die am 26. September eintraf und am Liobafest am 28. September 1661 mit einer großen Prozession verehrt wurde. (Die Daten im Text Berberichs sind teils widersprüchlich; sicher ist die Zuteilung der Reliquien an das Kloster in diesen Jahren.) Von da an setzte sich für die Elisabethenkapelle der Name „Lioba-Kirche“ immer mehr durch. Die Liobaverehrung förderte der seit 1666 amtierende Guardian Pater Kaspar Liebler, der aus Bischofsheim stammte; sein Buch „Leben der hl. Jungfrau und Lioba“ erschien 1683.21
Das Kloster wurde ein Ort der Frömmigkeit, aber auch der Bildung: Aus ihm kamen Seelsorger für die Umgebung. 1665/66 halfen drei Patres bei der Pest im Rheingau. Das Gymnasium folgt erst 1688 (Kapitel 12).
Begriffe
Pfründner und Spital
- Pfründner :: Ein Mensch, der sich mit seinem Vermögen in ein Spital „einkaufte“ und dafür Wohnung, Kost und Pflege auf Lebenszeit erhielt. In Bischofsheim gab es „reiche“ und „arme“ Pfründner: Um 1613 mussten reiche mindestens 400 Gulden, arme mindestens 150 Gulden an Vermögenswerten mitbringen. Die Visitation von 1549 zählte 27 Personen, 19 reiche und 8 arme.
- Spital :: Das Bischofsheimer Hospital (Reichenspital am Marktplatz, Armenspital in der Spitalgasse) wurde 1354 als Stiftung der Witwe Elsbeth Liebhartin genannt; ihr Grabstein, der später auf einem Brunnen bei der Peterskapelle als Deckplatte lag, wurde erst 1989 wiedergefunden und steht heute in der Kapelle. Die Spitalgasse hieß lange so und wurde erst durch das Kloster zur Klostergasse – ein Zeichen, wie alt das Spital schon war, als die Franziskaner kamen.
8 · Zeichen des GlaubensBildstöcke und Stiftungen
Mitten im Krieg stifteten Bürger Zeichen der Frömmigkeit. Am 29. Dezember 1626 errichtete der 18-jährige Heinrich Eberhard Stockmeister beim Zimmerplatz einen Bildstock mit den drei Lilien des Hauses Dalberg; eine später erzählte Legende, französische Truppen hätten 1806 die Zerstörung des Stocks befohlen, ist unbelegt. Die Sebastianuskapelle, die Peterskapelle und die Kirchhöfe blieben die Orte, an denen die Gemeinde in Not zusammenkam; wie viele Tote der Krieg und die Seuchen auf die Friedhöfe brachten, ist nicht überliefert.22
Einordnung
Was bleibt von einem Krieg ohne Zerstörung?
Man misst Kriege an Ruinen und Opferzahlen, und beides gibt es für Bischofsheim nicht. Was bleibt, ist leiser. Die Stadt lernte, dass die Straße, die ihren Wohlstand brachte, auch Heere brachte. Sie lernte, dass ein Wechsel der Herrschaft Konfession und Beamte binnen Wochen austauschen konnte. Und sie bekam ein Kloster, das ihr Gesicht dauerhaft veränderte: Es wuchs auf den Trümmern des alten Spitals, trug den Namen der heiligen Lioba in die Stadt und wurde mit dem Gymnasium der wichtigste Bildungsort der Gegend. Der Krieg ging vorüber; was er an Kirchenpolitik anstieß, blieb. Wichtig ist auch, was man nicht weiß: Wie viele Bischofsheimer 1631 bis 1648 verhungerten, flohen oder starben, lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht sagen. Die Stadt, die sich später als „Hochburg des katholischen Glaubens im Tauberthal“ verstand, hat ihre Kriegsjahre eher erzählt als gezählt.
Das nächste Kapitel wendet sich der Zeit zu, in der die Stadt sich erholte: dem langen 18. Jahrhundert, mit Wein, Wasser und .
Alle Bildstöcke und Kleindenkmale der , die Gehrig/Müller beschreiben, samt Stiftern, Inschriften und einer Übersichtskarte, sammelt die Sonderseite Bildstöcke und Kleindenkmale. Die Standorte stammen aus der Karte des Projekts Grenzsteine Tauberbischofsheim, Fotos gibt es im Fotoarchiv.