1 · Ein Beamter als BauherrWas ein Amtmann um 1600 war
Der kurmainzische Amtmann war um 1600 längst kein Ritter mehr, der eine Burg hielt, sondern ein Beamter, der ein Amt führte. Er hatte seinen Sitz im Schloss, sprach Recht, überwachte Geleit und und hatte neben sich den Amtskeller für das Geld und den Rentmeister für die Bücher. Ein Amtmann kam in der Regel von außerhalb, hatte Jura studiert, blieb ein paar Jahre und wechselte dann zum nächsten Posten. Was er hinterließ, hing davon ab, was er mitbrachte und wie lange er blieb.
Bischofsheim hatte Glück. Von 1611 bis 1619 war Caspar IV. Lerch von Dürmstein Amtmann, dessen Spuren in der Stadt bis heute sichtbar sind.1
| Zeit | Amtmann | Anmerkung |
|---|---|---|
| 1295 bis 1318 | Johannes von Riedern | |
| 1323 | Eberhard von Rosenberg | |
| 1342 | Cunradus Rude (Rüdt) | |
| 1346 bis 1347 | Eberhard Rude (Rüdt) | |
| 1350 bis 1351 | Hermann Seman von Kennenkein (Königheim) | |
| 1353 bis 1354 | Konrad von Bickenbach | |
| 1357 bis 1358 | Eberhard Rüdt von Bödigheim | |
| 1367 bis 1373 | Stein von Riedern | |
| 1377 bis 1380 | Egen Seman von Kenneckeim (Königheim) | |
| 1396 bis 1401 | Friedrich von Riedern | |
| 1410 | Eberhard Adel von Tottenheim d. Ä. | |
| 1429 | Eberhard von Rosenberg | |
| 1437 bis 1445 | Zürch von Stetten | |
| 1453 bis 1465 | Eberhard von Riedern | |
| 1467 | Gerhard von Talheim | |
| 1468 | Wilhelm Herther von Hertheneck; Albrecht zu Sultz | |
| 1476 | Jacob Staut | |
| 1479 bis 1493 | Philipp von Riedern | |
| 1500 bis 1511 | Wolf Adel von Tottenheim | |
| 1511 bis 1512 | Wolf von Hartheim | |
| 1514 | Wolf Morle gen. Beheim | |
| 1516 | Ulrich von Hutten | |
| 1520 bis 1525 | Wolf Morle gen. Beheim | zur Zeit des Aufstands 1525 |
| 1528 | Bernhard von Hartheim | |
| 1534 bis 1548 | Albrecht von Aletzheim (Adelsheim) | |
| 1554 bis 1556 | Sebastian Rüdt von Collenberg | |
| 1560 bis 1573 | Wilderich von Walderdorf | |
| 1573 bis 1582 | Conrat Mumprath von Spiegelberg | in den Quellen meist „Juncker“ |
| 1584 | Hanns Christoph von Rosenberg | |
| 1588 bis 1603 | Antonius von der Gablenz | |
| 1604 bis 1607 | Heinrich von Greiffenclau zu Volraths | |
| 1611 bis 1619 | Caspar Lerch von Dürmstein | dieses Kapitel |
| 1619 bis 1622 | Eberhardt von Dienheim | |
| 1623 bis 1631, 1635 bis 1665 | Johann Schweikhardt von Sickingen | förderte die Franziskaner; in der Klosterkirche begraben |
| 1631 bis 1634 | Velten Heinrich Rüdt von Bödigheim-Collenberg | von den Schweden eingesetzt |
| 1669 bis 1680 | Wolff Dietrich Truchseß von Wetzhausen | |
| 1682 bis 1685 | Philipp Christoph Knebel von Katzenelnbogen | |
| 1686 bis 1692 | Philipp Eckenbert von Dalberg | |
| 1693 bis 1705 | Lothar Friedrich von und zu Hoheneck | Grabstein mit Chronogramm |
| 1705 bis 1714 | Johann Caspar von Bicken | |
| 1714 bis 1721 | Johann Godefried von Ingelheim | starb mit 33 Jahren |
| 1721 bis 1757 | Graf Anton Heinrich Friedrich von Stadion | adoptierte 1725 Georg Michael La Roche |
| 1757 bis 1787 | Graf Franz Konrad von Stadion | Sohn des Vorigen |
| 1787 bis 1789 | Augustin Franz von Heidt | |
| 1789 bis 1797 | Graf Felix Heinrich von Spauer | |
| 1797 bis 1802 | Johann Baptist Ovelog | der letzte von Kurmainz eingesetzte |
Nach Gehrig/Müller 1997, S. 299–303. Für 1295 bis 1556 übernehmen sie die Liste von Ogiermann 1955; die Daten sind erste und letzte urkundliche Erwähnung, keine Amtszeiten. Vor 1300 übten die Burgvögte die Hoheitsrechte aus.
2 · Der MannDole, Speyer, neun Kinder
Caspar Lerch wurde am 13. Dezember 1575 in Dirmstein in der Pfalz geboren; der Name seines Geschlechts, „von Dürmstein“, geht auf diesen Ort zurück. Er studierte von 1593 bis 1595 Rechtswissenschaft im burgundischen Dole, diente als Kämmerer des Bischofs von Speyer und heiratete am 5. November 1602 Martha Brendel von Homburg; das Paar hatte neun Kinder. Er schrieb Familienannalen, die Annales Lerchianae, und er führte als Amtmann ein Protokollbuch, das Protocollum generale, mit über 800 Seiten. Sein Verhältnis zum Johann Schweikhard von Kronberg galt als schwierig: Der Erzbischof, der durch den Bau des Aschaffenburger Schlosses selbst hoch verschuldet war, nannte ihn ein „wunderseltsames Ingenium“. Lerch war sparsam, bei den Untertanen nicht überall beliebt, und er kam, wie Ogiermann schreibt, vor allem deshalb ins Amt, weil er einen Zuschuss zum Ausbau seines Hofs brauchte. Seine Eltern waren Caspar III. Lerch und Dorothea von Eltz; er hatte die Jesuitenkollegien in Speyer, Würzburg und Mainz besucht, bevor er in Dole Recht studierte, und 1600 Kämmerer des Speyerer Bischofs wurde. Er blieb bis zum 24. April 1619; die Abreise ist in der Rechnung festgehalten: Fahrt per Schiff von Miltenberg nach Mainz, 20 . Zum Abschied gaben ihm der Hospitalmeister Johann Schraut, der Dompropstfaktor Michael Geiger und der Zentgraf Friedrich Spengler das Geleit bis Bürgstadt am Main; dort bestieg die ganze Familie mit Kutsche und Packwagen ein vorbestelltes Schiff und kam in drei Tagen über Stockstadt und Frankfurt nach Mainz, wo sie im Adelshof der Familie Brendel unterkam. 1622 wurde Lerch Direktor der Oberrheinischen Ritterschaft; Ende 1631 musste er vor den Schweden nach Köln fliehen und verlor seinen Besitz in Dirmstein, Worms und Mainz; der Kaiser, auf den er gesetzt hatte, ließ ihn im Stich. 1636 kehrte er in den Dienst zurück, als Amtmann in Amorbach. Er starb am 17. April 1642 in Mainz; sein Wahlspruch lautete: „Fürchte Gott! Glaube richtig! Handle gut! Lebe sparsam!“2
Das Protokollbuch, das er 1612 als „Protocollum generale aller Brieff, Beweißthumb und Urkhundten“ anlegte, enthält unter anderem die Stadtordnung von 1527 in Abschrift. Es ist eine Quelle, die für die Stadtgeschichte mehr hergeben würde, als bisher ausgewertet wurde. Berberich zitiert es bei den Zunftordnungen; die Handschrift selbst wurde hier nicht eingesehen.
3 · BautenTore, Mauern, ein Steinkreuz
Lerch war ein Baumeister, soweit ein Amtmann es sein konnte. Am Oberen Tor ließ er ein neues Portal errichten (1612), mit Inschriften zu Ehren des Erzbischofs, des Amtmanns, des Amtskellers Paul Erstenberger und des Rentmeisters Bernhard Baier; der dekorative Torbogen, der diese Zeit bis 1812 überdauerte (bis er an die Rollenmühle versetzt wurde), schloss nicht das eigentliche Stadttor ab, sondern war ein Schmuckbogen. Hinzu kamen ein Vortor und das Leonhardstor jenseits der Tauberbrücke (1613), die Erneuerung von Stadtmauer und , ein Jägerhäuschen (1609) und 1615 ein hohes Steinkreuz mit Wappen vor dem Oberen Tor. In den „Annalen“ seiner Familie hat er selbst festgehalten, was er tat: ein „porthall und dohrhatts“ am Oberen Tor, ein neues Tor „über der prücken Sancti Leonhardt“ samt Erhöhung des Kirchleins dort, und „grosse ketten an steinerne plock vor einfall oder uflauf in der statt“, dazu Stadtmauer und Zwinger „gantz erneiern, teils erhogen“. Dass die Mühe nicht überall Dank fand, notierte er ebenfalls: Er habe „vill widrige zustende in der umbtsverwaltung gehabt“, die Amtsuntertanen seien „muthwillig“ gewesen.3 Auf sein Konto gehören auch Eisenketten, die zwischen Steinpflöcken in den Gassen gespannt wurden, nach Ogiermann „zum Schutz gegen Einfälle und Zusammenrottungen der Bürger“, also auch gegen die eigene Bürgerschaft, die 1525 aufgestanden war. Spuren seiner Bautätigkeit finden sich auch auswärts: Rathäuser in Schönfeld und Königheim, die Kirchhofmauer in Königheim, ein Marienaltar und ein Außentor in Königshofen und Chor und Weinkeller in Werbach. Die Wappentafel von 1613 – „Caspar Lerch in Dürmstein … Rentmeister Johannes Spehr und David Spehet 1613“ – zeigt zum ersten Mal die drei „B“, die die Stadt bis heute im Rad führt; sie befindet sich heute im Schloss.4


Auch die Inschrift über dem Brückentor (Leonhardstor) stammt von 1613: „Casparus Lerch in Dürrnstein Satrapas Episcopiensis; Quaestoribus Joanne Spehr et Davide Speher fieri ordinavit Anno Christi 1613“. Sprotte hat aus ihr gefolgert, dass sie noch nichts beweise über eine steinerne Brücke; sie belegt ein Tor, nicht die Bauart des Übergangs. Auch 1616 hat Lerch Spuren hinterlassen: eine Kreuzigungsgruppe am Friedhof der Peterskapelle, gestiftet von ihm und seiner Frau Marta Brendelin, und 1615 eine Glocke, gegossen von dem Nürnberger Glockengießer Christoph.5
Begriffe
Satrapa, Quaestor, Protocollum
- Satrapa :: Altgriechisch-lateinisches Wort für den Statthalter eines Landesteils; im frühneuzeitlichen Latein oft für den Amtmann. „Satrapas Episcopiensis“ meint den Amtmann des Bischofs, hier des Erzbischofs.
- Quaestor :: Ein Beamter für das Finanzwesen; hier die Rentmeister der Stadt.
- Protocollum generale :: Das allgemeine Protokoll: ein Amtsbuch, in dem der Amtmann Verfügungen, Verhandlungen und Ordnungen sammelte.
Einordnung
Schloss oder Amtsburg?
Dass die Anlage über der Tauber heute „Schloss“ heißt, ist nicht selbstverständlich: Es gab keine Grafen von Bischofsheim, und in der Burg residierte kein Fürst, sondern ein Amtmann. Wohlfarth weist darauf hin, dass die Bezeichnung „Schloss“ in den Akten zuerst 1803 in einem Verzeichnis der öffentlichen Gebäude für die leiningische Regierung auftaucht; die Mainzer Herrschaft sprach allerdings schon früher gelegentlich von Schloss und Burgplatz. Der Name ist also älter, als er vermuten lässt, aber er beschreibt, genau genommen, einen verschachtelten Komplex von Amtsgebäuden, der aus einer kleineren Wasserburg hervorging.6
4 · OrdnungZünfte, Preise und Brot
Lerch ließ 1617 die Gewerbe- und Zunftordnungen der Stadt „von newem aufrichten“. bedeutet eine Genossenschaft der eines Gewerbes, die für sich Regeln, Preise und Ausbildung festlegt und dafür Vorrechte erhält; sie ist, einfach gesagt, Berufsverband, Versicherung und Kontrollbehörde in einem. Die Ordnungen, die Berberich nennt, zeigen, wie genau die Obrigkeit regelte: die Metzgerordnung von 1617 (mit Preisen von 1599: Rind- und Ochsenfleisch zwölf Pfennig je Pfund, Schwein zehn bis elf, Kalb und Hammel neun, Schaf acht), die Kannengießerordnung vom 10. März 1612 (Nürnberger Probe, zehn Pfund Blei auf hundert Pfund Zinn), die Brottaxe von 1595, die Bäckerordnung von 1614 und die Pflichten der Ratsdiener (1614). Nach der Bäckerordnung verkauften zwei Bäcker abwechselnd Weiß- und Roggenbrot unter dem Rathaus.7
Die größte Zunft, die der Häcker, hatte eine eigene zum heiligen Urban (belegt 1589) und ein Zunfthaus am Kirchplatz, 1613 neu gebaut; die Bruderschaftsfeier hielt sich bis 1895, das Haus wurde in den 1950er-Jahren abgebrochen. 1608 erließ die Stadt eine Feuer- und Sturmordnung, in der die Türme als Sammelorte der Wehrkontingente bestimmt wurden und die Wasserzufuhr des Mühlkanals geregelt war.8
5 · Das KirchenjahrWas 1612 aufgeschrieben wurde
1612 verfassten Rektor Jakob Adel, Pfarrer Philipp Appel, Amtskeller Paul Erstenberger, Zentgraf Johann Schraut und Amtmann Lerch gemeinsam eine „Ephemeris ecclesiastica“, ein Kirchenjahrbuch. Es beschreibt eine Gottesdienstordnung, die sich dem Betrachter wie ein Theaterprogramm erschließt: eine Palmeselprozession bis zum Haus der Riedern, Osterspiele, Bräuche zu Himmelfahrt und Pfingsten, eine Fronleichnamsprozession um die ganze Stadt, am 25. Mai das Fest des heiligen Urban, der Patron der Häckerzunft. Eine Heilige fehlt in dieser Aufzählung: Lioba.
Begriffe
Das Kirchenjahr von 1612
- Palmsonntag :: Der Stadtdiener („Schröter“) führte den Palmesel, ein Bild des Erlösers, bis zum Haus der Herren von Riedern; auf dem Friedhof der Peterskapelle gab es ein Schauspiel.
- Gründonnerstag :: Altarwaschung an allen Altären der Stadt: in der Pfarrkirche, am Michaelsaltar in der Sakristei, in der Sebastianuskapelle über dem Beinhaus, im Schloss am Maria-Magdalena-Altar im gotischen Erker, in der Peterskapelle, in der Leonhardskapelle jenseits der Tauber und in der Elisabethenkapelle im Spital. Am Karfreitag gab es eine dreistündige Predigt; etwa 500 Menschen kommunizierten.
- Osternacht :: Grab-Elevation und Osterspiel der zwei Engel. Himmelfahrt: Die Christusfigur wird in die Höhe gezogen; Pfingsten: eine Heilig-Geist-Taube wird von der Decke herabgelassen.
- Bittprozessionen :: Am Markustag (25. April) nach Distelhausen (bis 1796), in der Bittwoche am Montag nach Königheim, am Dienstag nach Werbach, am Mittwoch nach Dittigheim; am Sonntag nach Fronleichnam Wallfahrt nach Walldürn.
- Fronleichnam :: Prozession um die ganze Stadt, mit den vier Evangelienanfängen am Peterskirchhof (oberes Stadttor), zwischen den zwei Stadttoren, am Obstgarten und bei der Schlossbrücke.
- Kirchweihen :: Der Pfarrkirche am Sonntag nach Margareta (13. Juli), der Schlosskapelle am 22. Juli (Maria Magdalena), der Sebastianuskapelle am Michaelstag (29. September).
In diesem Kirchenjahr lebten Spielfreude und Glaube nebeneinander; vieles davon, etwa die Palmesel- und Osterspiele, war im 19. Jahrhundert nur noch eine Erinnerung. Berberich gibt die Ephemeris ausführlich wieder; sie ist die dichteste Quelle der Stadt für das, was man „Alltagskultur“ nennen kann.910
Hintergrund
Zehn Tage Unterschied: Zwei Kalender im Reich
Wenn Lerch 1612 ein Datum notierte, dann in einem Kalender, den die Nachbarn nicht teilten. Papst Gregor XIII. hatte 1582 zehn Tage streichen lassen: Auf den 4. Oktober folgte der 15. Ein kaiserliches vom Oktober 1583 ordnete die Übernahme im Reich an. Die katholischen Territorien folgten meist zügig. Die evangelischen Stände lehnten die päpstliche Neuerung ab und blieben beim alten Kalender, bis ein Beschluss des Reichstags in Regensburg im September 1699 den Wechsel zum Jahr 1700 festlegte.11 Weil 1700 nach gregorianischer Regel kein Schaltjahr war, wuchs der Abstand in diesem Moment auf elf Tage.
Für Bischofsheim bedeutete das: Als katholisches Gebiet des Mainzer Erzstifts gehörte es zu den Umstellern der ersten Jahre, den genauen Termin geben unsere Quellen nicht her. Die Wertheim jenseits der Grenze war evangelisch und dürfte bis 1700 beim alten Stil geblieben sein. An der Landesgrenze begannen Kirchenfeste zu verschiedenen Tagen, und ein Vertrag, der „am Montag nach Georgi“ galt, konnte auf der anderen Seite etwas anderes meinen. Wer aus der Gegend vergleicht, muss deshalb prüfen, in welchem Stil sie datiert sind.
6 · Die Entdeckung der LiobaEin Altar, ein Wunsch
Dass sie 1612 fehlt, ist der Schlüssel. Die Tradition, dass Bonifatius um 735 in Bischofsheim ein Frauenkloster gründete, dessen erste Lioba wurde, geht, wie in Kapitel 1 gezeigt, auf die Lebensbeschreibung Rudolfs von Fulda von 836 zurück, die den Ort kurz nennt. Ein mittelalterlicher Kult der Heiligen in Bischofsheim ist, so Ogiermann, nicht nachweisbar. Die Ephemeris von 1612 kennt keine Lioba, auch Pfarrer Appel nicht.
Sechs Jahre später ist das anders. 1618 ließ Caspar Lerch die Leonhardskapelle jenseits der Tauberbrücke wieder aufbauen und einen zu Ehren der Lioba weihen, „die einst am Ort des neuen fromme Nonne war“. Das ist der erste Hinweis auf eine Liobaverehrung. Die , die sich 1629 im Kaplaneihaus an der Sebastianuskapelle ansiedelten, brachten sie voran: 1655 bestimmte das Provinzkapitel Lioba zur Hauptpatronin der Klosterkirche, der Burvenich brachte aus Fulda, und der aus Bischofsheim stammende Guardian Kaspar Liebler gab 1683 ein „Liobabüchlein“ heraus.12
Einordnung
Eine „alte“ Tradition, die jung ist
Das Beispiel zeigt, wie eine Tradition gemacht wird. Die Lioba von Bischofsheim ist keine Erfindung: Dass die Äbtissin Lioba in einem Ort „Biscofesheim“ gewirkt hat, steht in der Vita. Aber ihr Kult in der Stadt ist nicht alt, sondern ein Produkt der : Eine Kirche, die gegen den Protestantismus ihre Eigenheit betonte, entdeckte eine Heilige am Ort, die für Heimatgefühl, und Reliquienhandel taugte. Das mindert die Heilige nicht, aber die Geschichte: Die Frage nach dem historischen beantwortet das nicht; sie ist, wie in Kapitel 1 beschrieben, archäologisch offen.
7 · Das Bild des Amtmanns
Caspar Lerch war kein Rebell und kein Reformer; er war ein tüchtiger Beamter seiner Zeit, der aufschrieb, was er tat, und es mit Wappen und Inschriften versah. Für die Geschichte der Stadt ist er damit eine ergiebige Quelle und zugleich eine Warnung: Vieles, was wir über das Bischofsheim um 1600 wissen, wissen wir aus seiner Perspektive und der seiner Mitarbeiter. Die Bürger, die seine Ordnungen befolgten oder umgingen, kommen nur am Rand vor.
Das nächste Kapitel handelt von den Jahren, als der Krieg die Stadt erreichte: Schweden, Kaiserliche, Franziskaner.