Büscheme · Geschichte einer Stadt an der Tauber
Der Marktplatz von Tauberbischofsheim mit Rathaus

Kapitel 8 · 1527 bis 1600

Reformation und Ordnung

Die Stadt bleibt katholisch, aber nicht aus Überzeugung allein. Nach 1525 ordnet der Erzbischof alles neu, und die Bürger lernen, mit einer Obrigkeit zu leben, die genauer hinsieht als zuvor.

Lesezeit etwa 15 MinutenReformation · Visitation · Markgräflerkrieg · Steuerlisten
Der Marktplatz mit Blick zum Rathaus

1 · Die Reformation im ReichEin Glaubensstreit wird Politik

Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlicht haben; ob er sie wirklich an die Tür der Wittenberger Schlosskirche schlug, ist umstritten, dass er sie verbreitete, nicht. Was als Gelehrtenstreit begann, wurde in wenigen Jahren zur Bewegung: Der Kern der Lehre (der Glaube allein rette den Menschen, nicht Werke, Ablässe oder Stiftungen) stellte das Geschäftsmodell der spätmittelalterlichen Kirche infrage, von dem auch Bischofsheims lebten. 1521 verhängte der Kaiser auf dem Wormser Reichstag die über Luther; 1529 protestierten evangelische gegen die Rücknahme ihrer Rechte (daher „“), und 1555 legte der fest, dass der die Konfession seines Landes bestimmt: cuius regio, eius religio, wessen Land, dessen Glaube. Das bedeutete im Erzstift Mainz: katholisch.

Das war nicht selbstverständlich. Die fand Anhänger in den Städten, weil sie Gemeindewahl der Pfarrer, Predigt in der Volkssprache und Kritik an den versprach, lauter Dinge, die Bürger leicht begriffen. Doch Landesherren, die an der alten Kirche verdienten, hatten gute Gründe, zu bleiben. Und der von 1525, in dem sich soziale Forderungen auf das „göttliche Recht“ des Evangeliums beriefen, hatte Fürsten zusätzlich gelehrt, dass Religion und Gehorsam zusammenhingen.

Reformation und neue Ordnung, 1513 bis 15841510152015301540155015601570158015901513Christoph Schreiberwird Pfarrer1515Ablassbulle1523Mandat gegenlutherische Lehre1549Visitation: neunAltäre1552Markgräflerkrieg:Plünderung1555Pfarrer Leinkaufabgesetzt1569Grenzbeschreibungenbeginnen1578Türkensteuer: 433Steuerpflichtige1584Hoheitssäulen ander Grenze
Reformation und neue Ordnung: Von Pfarrer Schreiber bis zu den Hoheitssäulen an der Grenze.

2 · Ein Pfarrer, der Luther lasBischofsheim 1513 bis 1523

In Bischofsheim gab es früh Anhänger. Christoph Schreiber, latinisiert Scriptoris, aus Lauda, seit 1513 Pfarrer, neigte nach Ogiermann als einziger Geistlicher der Stadt Luther zu und gewann den Kaplan für sich. Er wurde aber von Rentmeister und Rat gebremst, und Ende 1523 ist er, wie ein Brief des Miltenberger Pfarrers Johannes Drach zeigt, in Gefangenschaft. Schon am 25. März 1522 war Johannes Fuchs („Vulpis“) sein Nachfolger. Ein von 1523 verbot lutherische Predigt im Erzstift; Schreiber gilt nach einem Brief Karlstadts an die Miltenberger von 1523 als Anhänger Luthers, und Luther schrieb 1524 „Allen lieben Freunden Christi zu Miltenberg“.1

Wie lange Schreiber im Amt blieb, ist umstritten: Ogiermann sieht ihn schon 1522/23 abgelöst, Karl Hofmann dagegen lässt einen Pfarrer Scriptoris 1525 noch auf der Seite der Bauern stehen und im Juni der Strafe durch rechtzeitige Flucht entgehen. Beides verträgt sich schlecht; vielleicht war er nach der Haft zurückgekehrt, vielleicht meint Hofmann einen anderen Geistlichen.2

Der Versuch scheiterte, und die Stadt blieb katholisch. Dass sie 1525 trotzdem aufstand, hatte, wie Kapitel 7 zeigt, mehr mit Steuern, Geleit und Selbstverwaltung zu tun als mit dem Glauben; aber die Obrigkeit zog aus beidem denselben Schluss. 1527 kam die neue Stadtordnung, die den Bürgern das Selbstverwaltungsrecht nahm, und die Kirche wurde enger geführt.

3 · Die Visitation von 1549Ein Inspektionsbericht

Seit dem (1545 bis 1563) versuchte die katholische Kirche, Missstände zu beseitigen und zugleich die eigene Lehre zu klären. Ein wichtiges Mittel war die : ein Bischof schickte Beauftragte, die in jeder prüften, wie es um Gottesdienst, Pfarrer und Gemeinde stand. Für Bischofsheim sind die Visitationen von 1548/49 erhalten, vorgenommen im Auftrag Sebastians von Heusenstamm.3

Der Bericht ist nicht schmeichelhaft. Pfarrer war Christoph Geiger; die beschwerten sich; die Gläubigen missachteten Anordnungen und saßen während des Gottesdienstes in der Wirtschaft. Mehrere Bürger besaßen Schriften Luthers. In der gab es neun Altäre und 60 Stiftungen, die Unserer Lieben Frau, des heiligen Sebastian, des heiligen Urban (der Häcker), der heiligen Anna und des heiligen Jakobus. Das Gebiet bleibe, so das Fazit, katholisch.4

Im Einzelnen ist der Bericht anschaulicher. Die Leonhardskapelle jenseits der Tauber an der Brücke hatte einen geweihten Altar und keine Einkünfte, die Stadt hielt sie trotzdem instand; einst hingen dort „richtig geschmiedete Hufeisen und Ketten“, die die Mesner verkauften und deren Erlös der Kapelle zugutekam. Leonhard war der Patron des Großviehs, und noch die Gottesdienstordnung von 1612 sah am Patroziniumstag, dem 6. November, zwischen sechs und sieben Uhr früh ein Amt vor. Der Friedhof bei der Stadtkirche war nach den Worten der Visitatoren „ein Viehplatz“, nicht mit der vom geforderten Mauer geschützt; die Stadt schützte die Enge vor und wolle ihn erweitern. Vornehme, die dort bestattet werden wollten, gaben dem Kirchenfonds zwei Gulden. Die Peterskapelle, im Protokoll Kreuzkapelle genannt, nahm in der Pestzeit die Beerdigungen auf, weil der Friedhof der Pfarrkirche zu eng und gefährlich war; wer ein eigenes Begräbnisrecht in der Pfarrkirche hatte, wurde jetzt dort bestattet. Das erwähnt der Bericht auch, die Kapelle dagegen nur in einem Satz („Den Altar Sankt Elisabeth hat der Pfarrer inne“), vermutlich weil man sie als Anbau an einen großen Krankensaal empfand. In der Pfarrkirche waren die Fenster auf allen Seiten zerbrochen, so dass der Pfarrer nach eigenen Worten nur unter Gefahr zelebrierte; es gab vier gute Fahnen und eine silberne Monstranz.5

Die Altaristen stellt das Protokoll fast einzeln vor, und die meisten bestanden die Prüfung gut. Am Stephansaltar saß Johannes Kantzler mit 30 Gulden aus der Pfründe und etwa 25 Gulden Zinsen, aber ohne eigenes Haus. Am Margarethenaltar Petrus Rösner, etwa 60 Jahre alt, der seine Äcker, Weinberge und Wiesen für 20 Gulden im Jahr verpachtete und ein gut gebautes Haus besaß. Den Petersaltar hatte Melchior Mulich, der zugleich die Pfarrei in Distelhausen innehatte, also in Würzburger Herrschaft, mit einem „ruinösen Haus“. Der Prediger, der die Kreuzaltar-Pfründe mit der Predigerstelle vereinigte, erhielt etwa 60 Gulden und hatte ein Haus, dessen Dächer Reparatur brauchten. Die Altäre der heiligen Katharina und der Jungfrau Maria waren unbesetzt, ihre Güter verpachtet, ihre Häuser vermietet; den Nikolausaltar besaß Christoph Mulich, der zum Studium abwesend war, bei etwa 17 Gulden Ertrag, sein Vater kassierte für ihn.6

Dass es Bischofsheim bei einem solchen Befund blieb, hat strukturelle Gründe. Das Domkapitel besaß die Pfarrei und zahlte schlecht: Pfarrer Ulrich Fock klagte 1538 bis 1542 über zu geringe Einkünfte und ein baufälliges Pfarrhaus, das Domkapitel baute um 1539 „mit großen Kosten“ einen neuen Pfarrhof, und Fock verließ die Stadt, als im Herbst 1541 die („die sterbenden Läufe“) ausbrach. Am 3. November 1541 bat die Stadt um einen Priester; ein Zisterzienser aus Haina führte die Pfarrei, bis er Ostern 1542 starb. Ein solches Pfarramt zog nicht die besten Köpfe an.7

Bei den Altarpfründen zeigt sich, wie die Stadt mit dem Wandel umging. 1602 bestätigte der Rat, dass ihm in den „margräfischen Durchzügen“ (1552) viele Stiftungsbriefe verlorengegangen seien. Wenn Pfründen unbesetzt blieben (1627 waren es Stephan, Kreuz, Katharina, Nikolaus und die Unserer Lieben Frau), verrechnete der Stadtrat die Stiftungen „teils zur Kirchen“, „teils den Bürgerkindern ad eorum studia complenda“ (zur Vollendung ihrer Studien). Die Kirchenrechnungen von 1601 zählen noch acht Altäre, den Prädikaturmeister Mathes Haimerich, einen Organisten und Sakramentsprozessionen an Fronleichnam und Mariä Heimsuchung; das Gotteshaus hatte 324 Gulden Einnahmen und 268 Gulden Ausgaben. Die Stiftung wurde so, wie die Reformation es verlangt hatte, ein Stück weit zur Bildungskasse der Stadt.8

4 · Priesterehe und GegenreformationWie der Glaube zurückkehrte

Viele Geistliche lebten in Verhältnissen, die die Kirche verbot. Im Juli 1555 wurde der Pfarrer abgesetzt, der die Schwester des Zentgrafen heiraten wollte; der Streit um Johann Leinkauf, Prädikant am Katharinenaltar, zog sich über Jahre. Noch 1596 meldete der Kommissar Dr. Weber, die Geistlichen des Landkapitels lebten „ohne alle Furcht“ in vermeintlicher Ehe; 1600 sind „ehrbare“ Haushaltungen vermerkt. Der war, wie in vielen Orten, auf dem Papier strenger als im Leben.9

Dann ändert sich der Ton. Pfarrer Michael Lannius (ab 1579, ein Prämonstratenser), Christian Hartung (1589 bis 1593) und Jakob Molitor aus Dieburg (1593 bis 1602), der „viele Neugläubige zurückgewonnen“ haben soll, stehen für die katholische Erneuerung, die man nennt: Die Kirche setzte durch, was beschlossen hatte, durch gelehrtere Pfarrer, Kontrolle und Bruderschaften. Die Quellen sprechen von „Neugläubigen“, also Menschen, die sich dem neuen Glauben zugewandt hatten; ihre Zahl nennen sie nicht.10

5 · 1552Der Markgraf kommt

Im Juni 1552 überfiel Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach das Mainzer Oberstift. Er war ein Fürst, der im „Zweiten Markgräflerkrieg“ (1552 bis 1554) auf eigene Rechnung Länder und Bischöfe brandschatzte und Lösegeld erpresste. Bischofsheim wurde mit Lösegeld belegt; Graf Christoph von Oldenburg drohte, Bischofsheim, Miltenberg und Amorbach niederzubrennen. Teile der Stadt brannten; gingen verloren. Das Domkapitel gab der Stadt am 14. Januar 1553 eine Anleihe von 600 , der erließ ihr drei Jahre lang die halbe Bede, 260 Gulden. 1553 ließ Erzbischof Sebastian die Schäden untersuchen.11

Für die Stadt zeigte das, was ein Krieg bedeutete, bevor er von einer Armee geführt wurde: nicht Schlachten, sondern Durchzüge, und Verhandlungen um Summen. Und es zeigt, dass der Erzbischof, der 1527 die Rechte der Bürger beschnitten hatte, ihnen nun beistehen musste.

Hintergrund

Ein Fürst auf eigene Rechnung

Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach hatte mit anderen Fürsten gegen Kaiser Karl V. gekämpft. Als diese Fürsten 1552 im Passauer Vertrag Frieden schlossen, erkannte er den Vertrag nicht an und führte den Krieg für sich allein weiter. Sein Ziel war Land und Geld, und sein Schauplatz war vor allem Franken. Am 19. Juni 1552 kapitulierte Nürnberg, und von den Hochstiften Würzburg und Bamberg erzwang er erhebliche Zugeständnisse. Im selben Juni traf es auch Bischofsheim.12

Die betroffenen Stände schlossen sich zu einem Fränkischen Bund zusammen, zu dem auch Kurfürst Moritz von Sachsen, früher Albrechts Verbündeter, gehörte. Am 9. Juli 1553 wurde Albrecht bei Sievershausen geschlagen; Moritz starb dabei an einer Verwundung. Am 26. November 1553 eroberten und zerstörten Truppen aus Braunschweig-Lüneburg, Böhmen, Bamberg, Nürnberg und Würzburg seine Residenz Kulmbach, am 1. Dezember folgte die Reichsacht. Die Bürger Bischofsheims hatten also einem Fürsten Lösegeld gezahlt, der ein Jahr später geächtet und ohne Land war.

6 · 1578Eine Stadt wird gezählt

Dem Türkenkrieg verdanken wir das erste genaue Bild der Stadt. Weil die Reichsstände Geld gegen das Osmanische Reich aufbrachten, wurde 1578 eine allgemeine Vermögensschätzung angeordnet, die . Das Bischofsheimer Register verzeichnet 433 steuerpflichtige Personen, mit allen Gebäuden und Grundstücken. Die Reichsten waren Philipp Zehender am Markt und Wilhelm Speckhart; nach Gehrig/Müller besaßen fast alle, auch die Armen, Weinberge; bei Wohlfarths Auszählung haben 166 der 433 Einträge Weinberge oder . Die Summe für Bischofsheim betrug 568 Gulden; für das ganze Amt wurden in sechs Jahren 3000 Gulden erhoben. Beschlossen hatte die Steuer der Reichstag in Regensburg 1576; sie betrug sechs Jahre lang 0,25 Prozent des Vermögens.13

Das Register spricht dort am deutlichsten, wo es kurz ist. Bei den Armen genügten dem Schreiber Sätze wie „hat nur einen kranken Gaul“ (Nr. 73), „hat nichts“ (Nr. 82), „hat nichts denn das handwerk“ (Nr. 133) oder „hat nichts denn 4 Kinder“ (Nr. 413); sie wohnten meist zur Miete oder in einem der Pfarrei gehörenden Mesnerhaus. Reiche besaßen mehrere Häuser. Auffällig ist, dass auch Einwohner mit geringem Vermögen fast durchweg einen Weinberg hatten, auch wenn sie keine Äcker besaßen; nur ganz selten hatte einer mehr Äcker als Weinberge.

Aus dem Register lässt sich der Stadtplan lesen: die Armengasse (die spätere Frauenstraße) mit 46 Häusern, die Gerbergasse mit 29, die obere Vorstadt mit 24 Häusern und 17 Scheunen, die untere mit 10 Häusern und 8 Scheunen, die Spitalgasse (die spätere Klostergasse) mit 24, der Markt mit 23 Häusern, der Kirchhof mit 12. Es gab noch keine Klostergasse und keinen . Auf dem Kirchhof standen 1578 Häuser, weil um 1500 ein neuer Friedhof außerhalb der Stadt bei der Peterskapelle angelegt worden war und der alte Platz um die Kirche frei wurde. Die Lage der Häuser beschreibt das Register oft mit den Wirtshäusern: neben dem „Hoffle“, der „Kanden“, dem „Kolben“, dem „Leben“ (Löwen), der „Crone“ und dem „Rysen“. Eine Frauengasse (die heutige Blumenstraße am Rathaus) erscheint nicht, weil dort die Hofgebäude der vier Frauenhöfe standen. Überraschend sind die zahlreichen Häuser und Scheunen in der unteren Vorstadt, die auf den späteren Zürner-Plänen fast ganz fehlen; vielleicht fielen sie den zunehmenden Tauberfluten oder dem Krieg zum Opfer. An Bauwerken nennt es einen Strafturm am unteren Tor, einen steinernen Centstuhl, das Kuh- und das Sauhirtentor und den Wolfstalsturm. Die reichten von Bader und Bäcker über Büttner, Gerber, Hafner und Schlosser bis zu Webern und Zimmerleuten; 1598 erließ der Amtmann die früheste Leineweberordnung.14

Die Stadt nach dem Register von 1578
Gasse oder BezirkHäuserScheunen
Armengasse (später Frauenstraße)46
Gerbergasse29
Obere Vorstadt2417
Spitalgasse (später Klostergasse)24
Markt23
Kirchhof12
Untere Vorstadt108

Schatzungsregister der Türkensteuer, nach Gehrig/Müller 1997. Eine Zahl für die Scheunen nennt der Text nur bei den Vorstädten.

Häuser und Scheunen nach Gassen, 1578Armengasse46 Häuser46Gerbergasse29 Häuser29Obere Vorstadt24 Häuser2417 Scheunen17Spitalgasse24 Häuser24Markt23 Häuser23Kirchhof12 Häuser12Untere Vorstadt10 Häuser108 Scheunen8HäuserScheunen (nur in den Vorstädten genannt)
Wo die Stadt wohnte. Häuser und Scheunen nach dem Schatzungsregister von 1578; die Scheunen sind nur bei den Vorstädten ausgewiesen.

Das erfasste Gesamtvermögen betrug 205 324 Gulden, im Durchschnitt knapp 475 Gulden je Eintrag. Der reichste Bürger, Philipp Zehender, besaß 5204½ Gulden, vor allem Äcker und Wald, aber keine Weinberge; Wilhelm Speckhart folgte mit 4175 Gulden, hauptsächlich in Scheunen und Gärten. Am anderen Ende steht die Walburga Leschin mit einem Weingarten und 55 Gulden, der Fuhrmann Hanns Weber mit einem Weingarten und 35 Gulden; über manchen heißt es, er habe „nichts außer seinen Kindern“.15

Quellenkritik

Was ein Steuerregister verrät – und was nicht

Steuerlisten sind Quellen mit Absicht: Sie wurden angelegt, um Geld zu holen, nicht um die Stadt zu beschreiben. Wer wenig besaß, tauchte gering auf oder gar nicht; wer als Geistlicher oder Beamter steuerfrei war, fehlt. Dass „fast alle, auch die Armen“ Weinberge besaßen, bedeutet nicht, dass sie davon leben konnten. Die Zahl 433 sagt etwas über Haushalte, nicht über Köpfe: Rechnet man pro Haushalt mehrere Personen, kommt man auf eine Einwohnerzahl, die deutlich über der Zahl der Steuerpflichtigen liegt. Das Register selbst, eine Handschrift im Stadtarchiv, wurde für diese Darstellung nicht neu ausgewertet; die Angaben stützen sich auf die Auswertung von Gehrig/Müller.

7 · Die SchuleDer Rektor und sein Pfründenanteil

Wer lesen und schreiben konnte, hatte meist eine Bischofsheimer Schule besucht. Schon 1337 bis 1339 ist ein Rektor der Lateinschule urkundlich belegt, noch ohne Namen; 1345 nennt eine Urkunde einen Heinrich von Bischofsheim als „rector scholarum“. Latein war die Sprache der Wissenschaft, der Kirche und des Rechts; wer Geistlicher, Notar oder Beamter werden wollte, musste es lernen. Der Rektor verdiente sich einen Teil seines Lebensunterhalts, indem er mit seinen Schülern bei Festen und manchen Werktagsgottesdiensten Choral und mehrstimmigen Gesang darbot. Um 1600 gab es dann einen zweiten Lehrer als Kantor und einen Organisten, außerdem schon einen „deutschen Schulmeister“, der in der deutschen Schule Lesen und Schreiben lehrte; wer weiter wollte, ging in die lateinische Trivialschule. Das Lesebuch war lange der Katechismus, das Evangelienbuch oder die biblische Geschichte, und der Einfluss des Pfarrers war entsprechend hoch: Der Lehrer wurde vom Pfarrer zusammen mit dem Stadtrat vorgeschlagen, eingesetzt aber von der geistlichen Behörde in Aschaffenburg; jede Kirchenvisitation schloss die Schule ein.16

Dass sich die Schule auf die Pfründen stützen konnte, hängt mit der Reformation zusammen: Seit sie die Zahl der Priester senkte, wurden immer weniger Altarpfründen besetzt, und man verwendete deren Erträge anderweitig. Seit etwa 1600 erhielten der Rektor, der Kantor und der deutsche Schulmeister den größten Teil ihrer Besoldung aus diesen Priesterpfründen: Der Schulmeister Jakob Adel bekam 1601 aus der Stiftung des Stephansaltars 15 Gulden, damit er nicht weiter von seinen Schülern Schul-, Bücher-, Holz- und Lichtgeld verlangen musste. Die Lehrer waren Bürger wie andere. Der Rektor Martin Jung (1558 bis 1578) heiratete 1563 in zweiter Ehe Anna Waltz, war als „Martin Jung der alt (Senior) des Rats“ noch 1586 Zeuge im Kontraktenbuch, hatte 1576 zwei Schüler aus Hochhausen in Kost und versteuerte 1578 „zwei böse (schlechte) Behausungen oben in der Stadt“, eine Viertelscheuer, sechs Weingärten und einiges Land, zusammen 625 Gulden und damit deutlich über dem Durchschnitt. Sein Nachfolger Petrus Wilhelm aus Reutlingen (1585 bis 1597) war zugleich Notar. Jakob Adelius (1601 bis 1622), „lateinischer Schulmeister“, wurde danach bis 1645 Stadtschreiber.17

8 · Grenzen und StraßenDie Stadt und ihre Gemarkung

Zur Ordnung gehörte die Vermessung. 1569 bis 1749 sind Grenzbeschreibungen der Stadt in sechs Heften erhalten; 1580 zählte man 99 , 1749 dann 115. Der Grenzumgang von 1580 war ein Ereignis: Amtmann, Rentmeister, vier , vier Ratsleute, der Stadtschreiber und etwa 150 Leute gingen die Grenze ab. Ein Dreimärker mit dem Rad und den drei „B“ (Nr. 96, 1572) steht heute beim Museum.18

Wichtiger war eine andere Grenze: die des Geleits. Die Straße von Würzburg nach Bischofsheim war ein Geleitweg, auf dem sich Mainz und Würzburg die Zuständigkeit teilten. 1544 stellte Bischofsheim zur Fastenmesse neun Geleitreiter mit 42 Pferden, das größte Aufgebot aller Stationen; zur Herbstmesse erfolgte die Übergabe beim Bildstock am Kister Mark. Bis 1584 war die offizielle Übergabestelle das „Kalte Loch bei Kist“, wo es seit etwa 1460 und wieder 1580 Streit um Zent und Geleit gegeben hatte: Das Dorf Kist stand unter der weltlichen Herrschaft des Würzburger , kirchenrechtlich und im Geleit aber unter Mainz, und für den Zustand der Straße war wieder Würzburg zuständig. Auf dem „Tag zu Bischofsheim“ 1583 brachte Mainz einen Passus des Vertrags von Lohr (1581) ins Gespräch, nach dem es das Geleit zwischen Kaltem Loch und der „Weinstraße“ an Würzburg abtreten sollte; 1584 wurde die Grenze entsprechend zurückverlegt, Mainz verlor seinen „Keil“ in Würzburger Gebiet, und Kist kam zu Würzburg und zur Zent Lauda. Bei Irtenberg setzte man damals an der Grenze der Geleitsbezirke zwei hohe Hoheitssäulen: „Wirtzburgisch Gelaid, Zennth, Wildban“ auf der einen, „Maintzisch Glaidt, Cent, , Wildtban“ auf der anderen Seite. Der Wirt der „Krone“, Bastian Dürr, forderte 1556 mehr Geld für die Verpflegung der Geleitsreiter.19

Auch Brücke und Weg kosteten. Das Mainzer Jurisdiktionalbuch von 1568 verzeichnet ein für die Erhaltung von Weg und Steg (ein Kreuzer je fremdem Wagen, Bürger waren frei) und einen Kreuzer je Pferd über die Tauberbrücke. Die älteste Darstellung der Stadt, eine Würzburger Karte von 1561, zeigt die gewölbte Brücke als Glied der Mainzer Geleitstraße.20

Der Geleitweg zwischen Bischofsheim und Würzburg, Karte des 16
Der Geleitweg zwischen Bischofsheim und Würzburg, Karte des 16. Jahrhunderts aus dem Staatsarchiv Würzburg.
Epitaph des Spitalmeisters Caspar Stockmeister, gestorben 1613, an der Außenwand der Peterskapelle
Epitaph des Spitalmeisters Caspar Stockmeister, gestorben 1613, an der Außenwand der Peterskapelle.

Einordnung

Ordnung als Programm

Wer die Jahrzehnte nach 1527 liest, sieht ein Muster. Die Stadtordnung beschnitt die Selbstverwaltung; die Visitation prüfte den Glauben; die Steuerliste erfasste das Vermögen; der Grenzumgang bestimmte die ; die Leineweberordnung regelte das Handwerk. Jede dieser Maßnahmen für sich ist unauffällig, alle zusammen bilden etwas Neues: einen Staat, der seine Untertanen kennt. Das ist keine Besonderheit Bischofsheims, sondern der Weg von der mittelalterlichen Herrschaft zum frühneuzeitlichen Territorialstaat. Aber dass man ihn hier an Quellen ablesen kann, die auf den Grenzstein und das Wegegeld herunterreichen, ist ein seltener Fall guter Überlieferung.

Das nächste Kapitel erzählt von der dunkelsten Seite dieser Ordnung: dem Zentgericht, den und der Gerechtigkeit, die man mit dem Schwert übte.

Wie die Fluren der Gemarkung heißen, seit wann, und was die Namen bedeuten, steht auf der Sonderseite Flurnamen der Gemarkung.

Die Gemarkungsgrenze selbst, rund 30 Kilometer mit 394 Steinen aus neun Grenzbeschreibungen von 1569 bis 1893, ist im Projekt Grenzsteine Tauberbischofsheim Stein für Stein dokumentiert.