Büscheme · Geschichte einer Stadt an der Tauber
Stadtmodell von Bischofsheim im 18. Jahrhundert: der ovale Mauerring mit Schloss und Türmersturm über der Tauber

Kapitel 7 · 1525 bis 1527

Die Stadt, die ihren eigenen Haufen wollte

In der Nacht zum Karfreitag 1525 verlassen Amtmann, Keller und Zentgraf heimlich Bischofsheim. Zwei Monate später ist die Stadt besiegt, und 1527 verliert sie ihre Selbstverwaltung.

Lesezeit etwa 20 MinutenStadtgeschichte · Bauernkrieg · Kurmainz
Stadtmodell 1:250 im Tauberfränkischen Landschaftsmuseum

Zum Namen: Im Jahr 1525 heißt die Stadt schlicht Bischofsheim, mit dem Zusatz „an der Tauber“, wenn Verwechslungen drohen. Die Form Tauberbischofsheim taucht erst ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts in amtlichen Akten auf. Die Alteingesessenen sagen im Dialekt bis heute Büscheme. Dieses Kapitel bleibt beim zeitgemäßen Namen.

1 · Ein Land im AufruhrWas der Bauernkrieg war

Wer im Frühjahr 1525 in Süd- und Mitteldeutschland Ackerbau betrieb, lebte in einem Gefüge aus Abgaben, Diensten und Verboten, das sich in zwei Generationen sichtlich zu seinen Lasten verschoben hatte. Die Höfe wurden durch Erbteilung immer kleiner und warfen immer weniger ab. Die Fürsten und Grundherren verschrifteten alte, nur mündlich überlieferte Dorfrechte, und sie legten sie dabei zu ihren Gunsten aus. Wälder, die man bisher gemeinsam genutzt hatte, galten plötzlich als herrschaftlicher Forst. Land, das die Vorfahren gerodet hatten, wurde mit Zins und Steuer belegt. Dazu kam ein neues, römisch geprägtes Recht, das viele alte Gewohnheiten nicht kannte; seine gelehrten Juristen standen meist im Dienst der Herren.1

Der Funke kam aus der Religion. Seit Martin Luthers Thesen von 1517 hatten die Bauern gelernt, dass die Bibel ein Maßstab sei, an dem man jede Obrigkeit messen dürfe, auch die geistliche. Im März 1525 fassten oberschwäbische Haufen ihre Forderungen in Memmingen zusammen: die . Sie verlangten die freie Wahl der Pfarrer, die Abschaffung der und des Kleinen Zehnten, freie Jagd, Fischerei und Holznutzung, und alles beriefen sie auf das „göttliche Recht“. Binnen weniger Wochen sprang die Bewegung nach Franken und an den Neckar über.

In Franken zeigte sich rasch, dass der Aufstand nicht allein ein Aufstand der Dörfer war. Viele Städte standen auf der Seite der Aufständischen, und manche Räte öffneten freiwillig die Tore. Am Ende war es ein Krieg gegen fast alle Obrigkeiten zugleich, und er endete, wie solche Kriege endeten: Der und die Fürsten warfen die einzelnen nacheinander nieder. Allein bei Königshofen im Taubertal blieben am 2. und 3. Juni 1525 mehrere tausend Bauern auf dem Schlachtfeld. Insgesamt kostete der Krieg Zehntausende das Leben, die Schätzungen reichen bis über 70.000.

Das Taubertal und der Odenwald lagen dabei im Zentrum des Geschehens. Hier, zwischen Rothenburg, Mergentheim und dem Main, entstanden im April zwei große Heere, die gegen Würzburg zogen: der Fränkische oder „Schwarze Haufen“ unter dem Ritter Florian Geyer und der gemäßigtere „Helle Haufen“ der Neckartäler und Odenwälder unter Götz von Berlichingen und dem Ballenberger Wirt Georg Metzler. Und mitten in diesem Raum, an der Kreuzung der Straßen Würzburg–Miltenberg und Wertheim–Mergentheim, lag Bischofsheim, nach Miltenberg die steuerstärkste Stadt eines Landesherrn, der gar nicht anwesend war.

2 · Der Landesherr, die Städte, das AmtBischofsheim im Mainzer Oberstift

Bischofsheim gehörte seit 1237 zu , dem Staat des Mainzer Erzbischofs, der zugleich Kurfürst, Reichserzkanzler und Landesherr von Hunderten Ortschaften war. Der Staat bestand aus zwei getrennten Teilen: dem Niederstift am Rhein und dem , das von Aschaffenburg über Miltenberg und den Odenwald bis an die Tauber reichte. 1525 trug die Mitra des Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, ein Hohenzoller, der seit 1514 im Amt war. Er hielt sich in jenen Wochen nicht in seinem Land auf; die Regierung führte als der Straßburger Bischof Wilhelm, der in Aschaffenburg residierte und weder über Geld noch über Truppen verfügte.2

In diesem Staat hatten die Städte mehr zu sagen als in vielen Nachbarländern. Neun von ihnen (Aschaffenburg, Miltenberg, Dieburg, Seligenstadt, Amorbach, Buchen, Walldürn, Külsheim und Bischofsheim) bildeten den . Ihr Privileg sicherte den Bürgern freien Zug, schloss willkürliche Sondersteuern aus und überließ den Städten die Hälfte der Verbrauchssteuer () für den Unterhalt ihrer Mauern. Wenn der Landesherr eine außerordentliche Steuer wollte, musste er verhandeln. Bischofsheim war darin ein Schwergewicht: Beim Landsteuerbeschluss von 1505 zahlte es mit 1450 Gulden mehr als Aschaffenburg und stand unter den neun Städten an zweiter Stelle hinter Miltenberg.3

Bürgermeister, Schöffen und Rat verwalteten die Stadt selbst; die , also die Weinbauern, bildeten die größte Zunft und stellten einen großen Teil des Rates. Daneben aber saß, im Schloss an der Tauber, die Verwaltung des Landesherrn: der als Militär- und Gerichtsbeamter, der als Finanzverwalter und der als Vorsitzender des Hochgerichts für die ganze . 1525 war das Amt mit Wolf Morle, genannt Beheim, und dem Keller Asmus Grünsfelder besetzt. Die Zent reichte weit über die Mauern hinaus; Dutzende Dörfer des Umlandes gehörten dazu, und sie mussten bei allen wichtigen Fragen anfragen, wie man sich zu verhalten habe.

Handgezeichnete, farbig angelegte Karte des Amtes Bischofsheim mit den umliegenden Herrschaftsgebieten
Ein Flickenteppich. Handgezeichnete Karte des Amtes Bischofsheim aus dem 17. Jahrhundert (offenbar vom Amtsschreiber Johann Adam Horn signiert). Die Farben unterscheiden die Herrschaftsgebiete (Mainzer, Würzburger, Wertheimer und andere), die um Bischofsheim, Lauda und Großrinderfeld ineinandergreifen. Staatsarchiv Würzburg.

Es war ein Raum, in dem fast jeder Ort mehreren Herren etwas schuldete. Würzburg, Wertheim, Hohenlohe und die Grafen von Leuchtenberg besaßen Rechte in den Dörfern, die Mainz nach Bischofsheim zur Zent rechnete. Wenn die Obrigkeit schwach war, drohte jede Nachricht von draußen sofort mehrere Territorien zugleich zu erfassen.

3 · März bis April 1525Nachrichten aus dem Tal

Den Anfang machte ein Prediger. Am 26. März 1525 rief der frühere Augustiner Ambrosius, bürgerlich Friedrich Süß, Pfarrer in Waldmannshofen, in Unterschüpf die Bauern des mittleren Taubertals, des Jagsttals und des Schüpfergrunds auf, es den freien Schweizern gleichzutun. Unter den Zuhörern war Florian Geyer. Mergentheim, Lauda und Grünsfeld schlossen sich an, noch bevor der Monat zu Ende war.1

Bischofsheim blieb zunächst ruhig. Am 5. April meldete der Keller dem Statthalter: Mergentheim und alle Dörfer der Gegend seien im Aufbruch, Lauda habe alle seine Dörfer aufgefordert, sich den Bauern anzuschließen; in Bischofsheim und Königshofen sei noch alles geordnet. Er riet, der Statthalter möge persönlich zu den Aufständischen reiten. Einen Tag später waren die Nachrichten schlechter: Lauda hatte sich ergeben, und die Dörfer der Bischofsheimer Zent fragten bei Zentgraf und Amtmann an, wie man sich verhalten solle. Am selben 6. April versicherten Bürgermeister, Rat und Viertelmeister dem Statthalter ihre Treue.2

Vier Tage später kam die Aufforderung selbst. Die Haufen aus dem Jagsttal, die bereits die mainzischen Städte Ballenberg und Krautheim gewonnen hatten, schickten eine Gesandtschaft. Ihr Schreiben war freundlich im Ton und unmissverständlich in der Sache: Ihr Landesherr habe sich auch ihnen gegenüber „gnädig“ gezeigt, sie wollten ihn aber nur als ungnädigen Herrn ansehen, seine Flecken, Türen, Schlösser und Riegel offen haben, seine Schätze sehen – „und wir wollen Herren sein“. Wer sich anschließe, werde brüderlich aufgenommen; wer bei seinem Herrn bleiben wolle, dürfe das; wer aber nicht komme, zu dem würden sie kommen. Es sei besser, die eigenen Pferde an einen anderen Pfosten zu binden, als abzuwarten, bis andere ihre an die eigenen hängten.4

Der Rat tat, was Räte in solchen Lagen tun: Er spielte auf Zeit. Er berichtete nach Aschaffenburg, bat um Rat und Hilfe, entwarf mit Marschall, Amtmann und Keller eine ausweichende Antwort und hoffte, die beiden Haufen würden sich damit zufriedengeben. Die Antwort der Bauern war eine Absage. Bis zum 12. April lagerten drei Heere mit je etwa 10.000 Mann im Würzburger Gau, bei Schöntal und bei Mergentheim.

Frühjahr 1525 in Daten

Wählen Sie einen Punkt oder blättern Sie.
Ereignis in BischofsheimEreignis in der Region

4 · Nacht auf KarfreitagDie Flucht der Amtsleute

In der Nacht vom 13. auf den 14. April erreichte die Stadt die Nachricht, der Taubertäler Haufen marschiere auf Bischofsheim zu. Der Amtmann Wolf Morle, der Keller Asmus Grünsfelder und der Zentgraf verließen mit ihrem Gesinde und den Amtsknechten die Stadt. Unter den Bürgern und den vielen Fremden, die hinter den Mauern Schutz gesucht hatten, brach Furcht aus. Der Bürgermeister Andreas Aichhorn gab später in seinem Bericht an die Regierung die Frage der Menge wieder: Wenn selbst die Beamten nicht zu bleiben wagten, was solle man dann tun? Man werde das gewiss besser wissen als sie.4

Ob die Flucht Feigheit war oder die einzige Möglichkeit, für ihren Herrn handlungsfähig zu bleiben, lässt sich nicht entscheiden. Fest steht: Die Amtsleute waren nun beweglich. Morle konnte zusammen mit seinem Amtskollegen aus Krautheim mehrmals zu den Aufständischen gehen und verhandeln; am 7. Mai unterschrieb er den Vertrag von Miltenberg.1

Am Karfreitag, dem 14. April, standen die Bauern vor der Stadt. Die Verhandlungen waren bedrückend knapp. Die Bauern forderten die Geschütze der Stadt, doch die Stadt gab sie nicht heraus, obwohl man wusste, dass zur gleichen Stunde das Schloss in Oberlauda niederbrannte und der dortige Würzburger Amtmann Philipp von Riedern mit seiner Familie, dazu Siegmund Zobel und Hans von Fechenbach, roh behandelt wurden. Am Ende erreichte die Stadt immerhin die Zusage, dass die Bauern sich jeder feindlichen Handlung gegen sie enthielten. Es war die erste Bresche in der Loyalität gegenüber dem Landesherrn. Eine regelrechte Belagerung, von der ältere Darstellungen erzählen, ist dagegen nicht bezeugt.5

In den folgenden Tagen sickerten Fremde in die Stadt: Zentleute, Leute aus Grünsfeld, Lauda und Impfingen, Mergentheimer. Sie redeten, sie drängten, sie brachten Unruhe. Als der Statthalter endlich Reisige unter Christoph von Hattstein, dem Amtmann zu Miltenberg, und einen Büchsenmeister zur Hilfe schickte, verweigerte ihnen die Stadt den Einlass, weil die Bauern gedroht hatten, sie zu erschlagen „wie die von Oberlauda“. Nur der Keller und der Zentgraf, die zurückkehrten, ließ man ein.

Der Marktplatz von Bischofsheim mit Fachwerkhäusern und neugotischem Rathaus
Der Marktplatz. Hier rief das Glockengeläut im April 1525 die Gemeinde zusammen, und hier – so die Vermutung der Heimatforschung – wurden im Juni die Rädelsführer hingerichtet. Das heutige Rathaus entstand erst 1864 bis 1868; das mittelalterliche stand im Bereich des späteren Mackert’schen Hauses.

5 · Der Plan der Stadtführung„Alle traten einhellig auf die Seite“

Je länger die Bauern in der Stadt waren, desto heftiger bedrängten die Bürger ihren Rat. Er musste sich entscheiden, und was der Rat dann dem fränkischen Haufen vorschlug, war ein Plan, den die Bischofsheimer Heimatforschung heute als geschickt ausgetüftelt beurteilt: Nicht Bischofsheim allein sollte sich den Bauern anschließen, sondern alle neun Städte des Oberstifts sollten einen eigenen Haufen bilden – die „christliche Versammlung der neun Städte“. Zwei Gründe nannte der Bericht: Man wollte die gut gefüllten Vorratsspeicher der Städte, Flecken und Klöster vor dem Zugriff fremder Haufen schützen und den Landstrich vor einem Blutbad bewahren; und man wollte eine „christliche Reformation“, also eine Neuordnung nach dem Wort Gottes, in eigener Regie durchsetzen.4

Zwischen dem 18. und dem 22. April gelang es Florian Geyer, die Stadt in Mergentheim auf seine Seite zu ziehen. Bischofsheim übernahm die Verpflichtung, die übrigen Städte zu mahnen und mit ihnen zusammen einen eigenen Haufen zu stellen; Geyers Haufen versprach im Gegenzug, nicht in das Mainzer Oberstift einzufallen, sondern nach Würzburg zu ziehen. Damit übernahm die Stadt im weiteren Verlauf des Aufstands eine führende Rolle.

Auf der Seite der Bauern hielt man diesen Handschlag für gewichtig: Der Schultheiß von Ochsenfurt berichtete am 14. Mai in Rothenburg, Florian Geyer selbst habe den Bischofsheimern die Eidespflicht abgenommen; Bischofsheim und die Neun Städte hätten sich „zuerst“ zum fränkischen Haufen verbrüdert.13

Bevor die Briefe an die anderen Städte hinausgingen, rief der Rat (nach der Chronik der Bauernkriegsereignisse am 23. April) die Gemeinde zusammen. Die Glocken läuteten, die Bürgerschaft versammelte sich auf dem Marktplatz. Wer beim Statthalter und beim Erzstift bleiben wolle, sagte man ihnen, solle auf seinem Platz bleiben; wer das Ergebnis von Mergentheim billige, solle auf die andere Seite treten. „Da traten sie alle einhellig auf die Seite“, notiert der Bericht. Und der Rat sicherte sich ab, mit einer Klausel, die erkennen lässt, wie sehr die Führung ahnte, worauf sie sich einließ: Falls es übel ausgehe, dürfe sich keiner herausreden, er sei verführt worden oder habe nichts davon gewusst. Was die Mehrheit entscheide, gelte für alle.4

Die Gemeinde schwor einander, dass keiner vom anderen weiche und keiner die Schuld auf den anderen schiebe, und sie wählte sieben Hauptleute, denen jeder Gehorsam gelobte. Der neue Haufen nannte sich „die christliche versammlung der neun stet“; er bestand zunächst nur aus Bischofsheimern, den Männern der Zent und den Häckern aus Külsheim, Königheim, Schweinberg und Hardheim.13 Zum obersten Feldhauptmann bestimmte sie einen gewissen Alexius, über dessen Herkunft die Quellen schweigen. Aus seinem späteren Auftreten schließt die Forschung, dass er ein erfahrener Landsknecht war. Danach beauftragte die Gemeinde die Hauptleute, die Bürgermeister und den Rat, alles, was mit der Sache zusammenhänge, in die Hand zu nehmen. Der Bürgermeister Andreas Aichhorn aber meldete dem Statthalter: Die Stadt sei zum Haufen gegangen; er bitte, sie vom Treueeid zu entbinden, bis die „evangelische Reformation“ aufgerichtet sei.

Begriffe

Wer hatte 1525 in Bischofsheim das Sagen?

Statthalter
Stellvertreter des abwesenden Erzbischofs: Bischof Wilhelm von Straßburg, in Aschaffenburg.
Amtmann
Wolf Morle genannt Beheim; Militär, Gericht, Schloss. Er floh in der Nacht zum 14. April.
Amtskeller
Asmus Grünsfelder; Finanzen und Vorräte. Er hielt auch während des Aufstands den Schriftverkehr mit dem Statthalter aufrecht.
Zentgraf
Vorsitzender des Hochgerichts der Zent. Sein Name wird in den hier ausgewerteten Quellen für 1525 nicht genannt.
Bürgermeister und Rat
Die von der Bürgerschaft getragene Selbstverwaltung: nach der Ordnung von 1485 zwei Bürgermeister (einer von ihnen Andreas Aichhorn) und ein Rat aus je zwölf Ratsherren und Zunftvertretern.
Hauptleute
Sieben von der Gemeinde Gewählte, darunter der Feldhauptmann Alexius.

Hintergrund

Wohin floss der Zehnt?

Wer 1525 in Bischofsheim Wein erntete, schuldete vielen. Der kurmainzische Amtskeller sammelte Zehnt, Gülten und Pachtzins in seiner Kellerei (heute Hauptstraße 44) und im Marstall. Daneben erhob das Domkapitel Zehnt über seine Faktorei in der Hauptstraße, ebenso der Dompropst über eine zweite Faktorei (Hauptstraße 63–65); beide lagerten in einer inzwischen abgerissenen Zehntscheune. Das Aschaffenburger Stift St. Peter und Alexander hatte eine Faktorei in der Armengasse, vorgestanden vom Dekan Wilhelm Sighart. Das Mainzer Stift St. Viktor bezog von 1212 bis 1533 vor allem Weinzehnt; dazu kamen Rechte des Spitals, der Pfarrei, des Seligenstädter Frauenklosters (Nonnenberg), Gülten an Hohenlohe, Abgaben an den Frauenhof und den Grünauer Hof. Ein Verzeichnis von 1495 hält die Zehntbestände fest; die meisten zehntpflichtigen Grundstücke trugen einen Zehntstein.

Wer so rechnet, versteht, warum Jürgen Wohlfarth den Bauernkrieg im Taubertal auch einen Kampf um den Zehnt nennt: Aus Bischofsheim sei viel Vermögen nach außen abgeflossen, und in vielen Orten hätten die Aufständischen Keller, Zehntscheunen und Faktoreien „geplündert“ – nach seiner Lesart holten sie sich damit einen schon geleisteten Zehnt zurück. Für die Bischofsheimer Führung galt das nicht: Sie rühmte sich im Bericht gerade, die Kästen des Landesherrn bewahrt zu haben.12

6 · Ende April bis MaiOrdnung im Aufruhr

Wer erwartet hatte, die Stadt werde jetzt im Taumel versinken, sah sich getäuscht. Die Bürgermeister und der Rat hatten ihre Ämter zwar angesichts der aufgeheizten Menge niedergelegt und baten, man möge sich einen Rat nach Gefallen wählen. Doch Andreas Aichhorn und Asmus Grünsfelder gelang es, die Ordnung zu halten. Scharfe Erlasse schützten die herrschaftlichen Wälder, Äcker, Wiesen und Gärten; eigene Aufseher und Wachmannschaften wurden bestellt. Schloss und Vorräte der Kellerei wurden einer Kommission unterstellt, damit die gespeicherten Vorräte nicht verteilt werden konnten. Wer Mangel an Frucht oder anderem habe, solle sich bei Hauptleuten und Bürgermeistern melden, damit ihm „nach Gebühr“ geschehe. Die Anweisungen, die Schloss und Kellerei betrafen, wurden befolgt, obwohl der Keller vom neuen Stadtregiment gemeinsam mit den Aufständischen bestellt war.6

Am 28. April schrieben die „Hauptleute und Räte des christlichen Haufens zu Bischofsheim an der Tauber“ an Rat und Gemeinde von Miltenberg, um sie für den Sonderhaufen zu gewinnen – das einzige erhaltene Schreiben dieser Art. Es rechnete vor, ein eigener Haufen der Neun Städte und ihrer Zenten schütze das Vermögen der Landesherrschaft, denn was fremde Haufen gewönnen, werde unter den Abteilungen verteilt. Als erstes Dorf verpflichtete sich Königheim, das zur Grafschaft Wertheim gehörte; Bauern der Bischofsheimer Zent und Bürger zogen dorthin, um es vor dem Grafen zu schützen.13

Die übrigen Städte machten nicht mit. Der Plan des eigenen Haufens der Neun Städte, der Kern der Mergentheimer Abmachung, scheiterte an den Nachbarn: Sie hielten sich stark zurück. Auch der Graf Georg II. von Wertheim, den Bischofsheim für den Beitritt gewinnen wollte, verhandelte vom 28. April bis zum 4. Mai und schob jede Entscheidung auf. Bischofsheim fehlte jedes Druckmittel. Die Wirkung im Inneren war verheerend: Das gemeine Volk wurde, so der Keller, „ganz frech, unbescheiden und ungestüm“, kein Bürgermeister, kein Hauptmann hatte noch Autorität.

Aichhorns Bericht erzählt weitere Wendungen. Als bekannt wurde, der Statthalter sei nach Aschaffenburg gewichen und dort von den Bürgern festgehalten, schrieb die Stadt an die Aschaffenburger, man solle ihn nicht fortlassen, sondern mit ihm eine Reformation vereinbaren, „mit Brief und Siegel“; dann, so der Bericht, brauche man keinen eigenen Haufen mehr, und der Odenwälder Haufe wäre nicht ins Stift gezogen (Art. 20). Aus der Gemeinde dagegen kamen andere Töne: Manche wollten die Güter des Erzbischofs und der Adligen „liegends und farends“ unter sich teilen. Die Führung ließ daraufhin Schloss und Kellerei inventarisieren und nahm Keller und Zentgraf in Gelübde (Art. 25). Und am Ende rechnete sie dem Landesherrn vor, was sie erreicht habe: Die Kästen, Häuser und der Hausrat des Erzbischofs seien nicht so verwüstet worden wie in Amorbach und Miltenberg (Art. 33).12

Draußen schlug die Lage um. Götz von Berlichingen, den der Odenwälder Haufen in Buchen zu seinem Hauptmann gedrängt hatte (für genau vier Wochen, wie er vertraglich festhielt), zog über Amorbach und Miltenberg. Am 1. Mai besetzte der „Helle Haufen“ Miltenberg. Am 5. Mai verbrüderten sich in Amorbach die Vertreter der Neun Städte mit ihm in der „Amorbacher Erklärung“; zwei Tage später, am 7. Mai, unterschrieben für den Erzbischof der Bischofsheimer Amtmann Wolf Morle und für das Domkapitel Lorenz Truchseß von Pommersfelden in Miltenberg einen Vertrag: Kurmainz nahm die Zwölf Artikel in veränderter Form an, die Regierung und alle Untertanen des Stifts sollten sich mit der Bauernschaft vereinigen, und für den Abzug des Heeres aus dem Land waren 15.000 Gulden zu zahlen. Der Statthalter hatte seine Befreiung aus Aschaffenburg mit Zugeständnissen bezahlt und hoffte, dass die Bauern das Oberstift nun verließen.7

Detail des Stadtmodells: Schloss mit Türmersturm
Die Burg an der Tauber. Im Stadtmodell (18. Jh.) ragt der Türmersturm über dem Schloss auf – dem Sitz von Amtmann und Keller. Die Umrisse der Stadt, so die Heimatforschung, waren 1525 dieselben, nur weniger dicht bebaut.
Türmersturm und erhaltene Stadtmauer
Der Türmersturm heute mit anschließendem Stadtmauerrest. Der Bergfried der kurmainzischen Burg entstand im 13. Jahrhundert und ist der markanteste Rest der mittelalterlichen Befestigung.

7 · Mai 1525Auf den Tauberwiesen und vor dem Marienberg

Ein Teil des Bauernzuges lagerte am 4. Mai zwei Tage lang auf den Tauberwiesen vor Bischofsheim. Es ging vor allem um die Geschütze, die der Schwäbische Bund 1523 in Boxberg beschlagnahmt und nach Bischofsheim geschafft hatte, um sie weiter nach Würzburg zu bringen. Die Bischofsheimer übergaben sie erst, nachdem die Amorbacher Erklärung und der Miltenberger Vertrag unterzeichnet waren. Dann zog ein eigenes Bischofsheimer Fähnlein unter Alexius mit nach Würzburg, verstärkt durch wehrfähige Zentleute aus Schweinberg, Hardheim, Königheim und Königshofen. Alexius stellte sich ganz auf die Seite des schwarzen Fränkischen Haufens und wurde einer der Hauptantreiber des Plans, die Festung Marienberg zu berennen.1

Er handelte dabei eigenmächtig. Am 11. Mai schrieb er in eigener Sache an Bürgermeister und Rat von Aschaffenburg und bat um einen Büchsenmeister und vier Geschütze samt Zubehör, ohne die Stadt Bischofsheim zu fragen und ohne die eigentlichen Führer, Götz von Berlichingen und Georg Metzler, zu informieren. Zwei Bischofsheimer, Hans Eichel und Hans Raubenberger, überbrachten den Brief nach Miltenberg und von dort nach Aschaffenburg. Der Streit, den das auslöste, spaltete die Haufen. Am 14. und 15. Mai ließ Alexius sein Fähnlein allein gegen die Mauern des Marienbergs anrennen. Es verlor etwa 400 Mann.

Wie viele davon aus Bischofsheim stammten, ist nicht überliefert. Bei rund 430 steuerpflichtigen Haushalten, die das Schatzungsregister von 1578 für die Stadt verzeichnet, dürften die Verluste spürbar gewesen sein. Die Haufen entzweiten sich trotz der näher rückenden Gefahr immer mehr, und diese Gefahr hatte Namen: Georg Truchseß von Waldburg mit dem Heer des Schwäbischen Bundes, der schon die Schlacht bei Böblingen gewonnen hatte und nun nach Franken marschierte. Die Bischofsheimer, die Külsheimer und die Königshöfer hielten dennoch zum Fränkischen Haufen, der sich in Grünsfeld sammelte.

Detail des Stadtmodells: Tauberbrücke mit Leonhardskapelle
Die Tauberbrücke im Stadtmodell. Die Wege aus Mergentheim, Wertheim und Würzburg trafen sich auf der anderen Flussseite. Die Wiesen am Fluss dienten 1525 als Lagerplatz.
Detail des Stadtmodells: Unteres Tor und Stadtmauer
Das Untere Tor im Stadtmodell. Nach der Stadtordnung von 1527 sperrten zwei Bürger die Tore morgens und abends auf und zu; die Schlüssel lagen über Nacht in der Kellerei.

8 · Juni 1525Der Sommer der Rache

Am 20. Mai schrieb der Statthalter aus seinem Feldlager in Neckargartach an die Neun Städte und die anderen mainzischen Flecken, und sein Ton war scharf. Er hielt ihnen ihren Abfall vor und forderte sie auf, innerhalb von drei Tagen in den „schuldigen Gehorsam“ zurückzukehren, ihre Mitbürger von den Bauernheeren abzuziehen und sich auf Gnade oder Ungnade dem Schwäbischen Bund zu ergeben. Ein zweites Schreiben, das Frowin von Hutten beilegte, schlug einen versöhnlichen Ton an und riet den Städten, die Mahnungen ernst zu nehmen. Bürgermeister Aichhorn antwortete, Bischofsheim sei den Bauern vertraglich verpflichtet und könne nicht mehr zurück.8

Am 2. und 3. Juni vernichteten die Reiter des Fürstenheeres bei Königshofen den Taubertäler Haufen; rund 4000 Bauern fielen, und in Königshofen selbst starben mehr als 300 Bürger. Am 8. Juni zog der Statthalter in Würzburg ein, wo er Hinrichtungen als Exempel vollziehen ließ. Dann zog er mit Frowin von Hutten weiter in die Taubergegend, um die Unterwerfung Bischofsheims und Külsheims entgegenzunehmen.

Die Schatzungsgelder wurden festgesetzt, und zwölf Haupträdelsführer wurden, vermutlich auf dem Marktplatz, hingerichtet. Nur Andreas Aichhorn wurde begnadigt. In der neuen Stadtordnung von 1527 findet man ihn wieder, als letzten Namen unter den Ratsherren. Am Tag darauf, dem 13. Juni, mussten Bürgermeister, Rat und die ganze Gemeinde Bischofsheims und des zugehörigen Dorfes Gamburg die Unterwerfungsurkunde unterzeichnen: dreizehn Artikel, die bedingungslosen Gehorsam gegen den Erzbischof und den Statthalter forderten. Jeder Vertrag mit dem „Hellen Haufen“ war nichtig. Alle Einwohner mussten schwören, künftig keine Bündnisse und Versammlungen zu halten. Wer waffenfähig war, hatte seine Waffen abzugeben und durfte sie ohne Erlaubnis nicht wieder tragen. Die Stadt verlor sämtliche Privilegien, Gnaden und Freiheiten und musste die Urkunden dazu ausliefern. Zunfts-, Bruderschafts- und Viertelversammlungen durften nur noch mit Genehmigung des Erzbischofs oder seines Amtmanns stattfinden. Geflohene wurden angezeigt, ihr Besitz erfasst; wer heimkehrte, kam in Haft. Zehnten, Zölle, Zinsen und Dienste waren wie früher zu leisten, und alle Schäden mussten ersetzt werden.9

Die Namen der zwölf Hingerichteten kennen wir nicht. Aus Kitzingen, wo die Quellen besser sind, weiß man von 60 Einwohnern, denen nach dem Krieg ein Auge ausgestochen wurde; dort gehörte gut die Hälfte der Sympathisanten zur Mittelschicht, rund ein Fünftel zur Oberschicht und ein Viertel zur Unterschicht – Peter Blickle schloss daraus, dass bei den Aufständischen soziologisch gesehen alle vertreten waren.15 Der Pfarrer Scriptoris, der nach Karl Hofmann von Anfang an auf der Seite der Bauern gestanden habe, soll sich der Strafe durch rechtzeitige Flucht entzogen haben; Ogiermann sieht Christoph Schreiber (Scriptoris) dagegen schon 1522/23 abgelöst.14 Auch die Dörfer der Umgebung traf die Rechnung nachträglich: Großrinderfeld und Gerchsheim mussten Brandschatzung und Strafgeld zahlen, über die im Herbst 1526 in Bischofsheim verhandelt wurde.12

Alexius, der oberste Feldhauptmann der aufständischen Stadt, war vor Würzburg noch sehr tätig gewesen. Dann verschwand er spurlos. Wahrscheinlich floh er in die Freie Reichsstadt Frankfurt, wie es auch andere taten; die Frankfurter Einwohnerverzeichnisse und Zinsregister belegen den Zuzug. Von einer Bestrafung des Alexius wissen wir nichts.

9 · 14. März 1527Der Preis: die „Stat Reformation“

Die Städte warteten auf ihren Landesherrn. Erzbischof Albrecht kehrte erst Ende April 1526 in sein Erzstift zurück, und wer von ihm Milde erhoffte, wurde enttäuscht. Auf der Sitzung des Domkapitels vom 22. Juni 1527 wurden die aufgelaufenen Kosten des Erzstifts verlesen; unter den Anwesenden finden sich Wolf Morle und ein Caspar Lerch von Dürmstein, derselbe Name, den fast ein Jahrhundert später der Amtmann trägt, der diese Stadtordnung in sein Protocollum generale abschreiben lässt. Zum Ausgleich wurde eine Landsteuer, der „20. Pfennig“, beschlossen. Man vermied das Wort „Strafe“; die Zahlung sollte „Hilfe“ oder „Steuer“ heißen.10

Schon drei Monate zuvor aber war die eigentliche Strafe ergangen. Am Donnerstag nach Invocavit 1527 (das war der 14. März) stellte die erzbischöfliche Kanzlei in Aschaffenburg die neue Ordnung der Stadt aus, die „Bischofsheimer Stat Reformation“. Sie zählt 78 Artikel, und aus ihnen spricht ein Staat, der nicht noch einmal überrascht werden will.11

Der Neunstädtebund wurde aufgehoben. Aus jeder Stadt wurde, wie es hieß, „ein abgesonderter Flecken“. An die Stelle der beiden Bürgermeister traten zwei , die nur dem Erzbischof und seinen Beamten verpflichtet waren. Der Rat bestand aus zwölf Männern, die der Erzbischof oder sein Amtmann bestätigte und nach Belieben ein- und absetzen konnte; ohne Wissen und Befehl des Amtmanns durfte er nicht einmal tagen. Der Zentgraf trat „an Statt eines Schultheißen“ auf. Die Zünfte durften bleiben, aber ohne ihre alten Freiheiten; ihre Meister setzten die Beamten ein, jede Einnahme und Ausgabe war zu verrechnen. Das Fischrecht im Bischofsheimer Bach, bisher Gemeingut der Bürger, ging verloren. Die Tore der Stadt sperrten zwei Bürger morgens auf und abends zu, und die Schlüssel lagen über Nacht in der Kellerei. Bei der Besetzung der geistlichen Pfründen, bisher Sache des Rates, nominierte nun der Erzbischof, und Amtmann und Zwölferrat präsentierten. Lutherische Prediger waren verboten.

Und die Ordnung griff tief in den Alltag. Wirtshäuser sollten im Sommer nur bis acht, im Winter bis sieben Uhr abends offen bleiben, Hochzeiten höchstens sechs Tische decken, bewaffnete Aufzüge zur Kirchweih, Trommeln und Pfeifen waren untersagt, und auch die Kleidung wurde geregelt: keine breiten Barette, keine zerschnittenen Landsknechtskleider. Die Stadt zahlte jährlich 260 Gulden an die erzbischöfliche Kellerei; ein Überschuss ihrer Einnahmen fiel dem Erzbischof zu.

„… ein yede Statt … ein abgesünderter Fleckh“
Stadtordnung von 1527, Artikel 2: Jede Stadt soll künftig ein für sich stehender Flecken sein.

Für die Stadt war die Wirkung dauerhaft. Das Mainzer Oberstift wurde, wie die Heimatforschung bilanziert, fast zum Rang eines Regierungsbezirks herabgestuft; der Landschaft gingen alle bisher erworbenen und erkämpften ständischen Rechte verloren. Die Wirtschaft litt weniger, als man erwarten könnte: Der Handel an der Geleitstraße und der Wein gingen weiter, und schon 1529 gewährte der Erzbischof der Stadt sechs Jahre Bedefreiheit. Doch die Stadt, die 1505 als zweitstärkste im Bund aufgetreten war, spielte in der Landespolitik künftig keine eigenständige Rolle mehr. Sie war Amtsstadt geworden.

Einordnung

Ein dritter Weg, der keiner sein konnte

Liest man die Quellen nebeneinander, entsteht ein anderes Bild als das der „Abfallenden Stadt“. Bischofsheim hat sich nicht einfach den Bauern ergeben. Seine Führung versuchte, die Rolle des Neunstädtebundes zu spielen, die ihm als zweitstärkster Stadt zustand: einen städtischen Haufen zu bilden, der weder dem Landesherrn noch den Odenwälder Bauern gehorchte, sondern die Vorräte, die Ordnung und eine „christliche Reformation“ in eigener Hand behielt.

Dass dieser Plan scheiterte, lag weniger an der Stadt selbst als an ihren Nachbarn. Die anderen Städte zögerten, Graf Georg von Wertheim verschleppte, und der Statthalter bezahlte seine Freiheit mit Zugeständnissen, die den städtischen Räten die Rolle des Vermittlers wohl erheblich erschwerten. Der Bericht des Bürgermeisters Aichhorn, die Hauptquelle zum Geschehen, ist zudem ein Rechtfertigungsbericht, geschrieben von einem Mann, der Begnadigung brauchte. Man sollte ihn nicht als Chronik lesen, sondern als Verteidigungsschrift; darin liegt zugleich seine Stärke, denn er zeigt, welche Argumente die Führung vor ihrem Landesherrn für plausibel hielt.

Die schwerste Folge war deshalb vielleicht nicht der Tod der Rädelsführer, sondern der Verlust der Selbstverwaltung in einem Augenblick, in dem die Städte, wie Ogiermann formuliert, dem Statthalter vier Wochen zuvor noch ihre Bedingungen zu diktieren vermochten.

Eine zweite Lesart stammt von dem Heimatforscher Jürgen Wohlfarth, der die Ereignisse seit Jahrzehnten im Taubertal untersucht. Für ihn war der Aufstand mehr als ein „Bauernkrieg“: eine Bewegung von Bauern, Bürgern und Häckern, in der sich die Weinbauern der Städte, die im Stadtregiment nichts zu sagen hatten, als treibende Kraft erwiesen. Dass der Bischofsheimer Rat versuchte, einen eigenen Haufen zu bilden, sei Teil einer frühbürgerlichen Politik der Neun Städte; und dass das Fähnlein unter Alexius vor dem Marienberg besonders radikal auftrat, erkläre sich aus seiner Zusammensetzung aus Häckern. Das ist eine Deutung, kein Befund; sie stützt sich auf dieselben Quellen, gewichtet sie aber anders, und sie verträgt sich gut mit dem, was die Stadtordnung von 1527 danach festschrieb: die Entmachtung des Rates und der Zünfte.12

Quellenkritik

Was wir wissen – und woher

Fast alles, was wir über die Tage in Bischofsheim wissen, stammt aus zwei Schriften derselben Sammelhandschrift im Staatsarchiv Würzburg: dem 34 Artikel langen Bericht der von Bischoffsheim irer handelung der bawrschafft, der dem Bürgermeister Andreas Aichhorn zugeschrieben wird, und den Schriften des Amtskellers Asmus Grünsfelder. Beide stammen von Männern, die sich vor ihrem Herrn rechtfertigen mussten. Der Aichhorn-Bericht ist in der Handschrift weder datiert noch ausdrücklich gezeichnet.

Die Bischofsheimer Darstellung ist nur die eine Seite. Lorenz Fries, der Chronist des Würzburger Bischofs, beschreibt den Aufstand als „Weinkrieg“, in dem die Bauern „schlempten und dempten“; Wohlfarth sieht darin keine Analyse, sondern die Feder des Siegers. Beide Berichte sind Parteischriften, und beide gehören gelesen, wie sie entstanden sind.

Die ältere Stadtgeschichte von Julius Berberich (1895) berichtet von einer Belagerung der Stadt durch die Bauern. Sie ist nicht bezeugt; die neuere Forschung (Höbelheinrich 1938/39, Ogiermann 1955) hat die Darstellung berichtigt.

Datierungsfragen im Einzelnen

Strafgericht: Berberich nennt, gestützt auf eine Wertheimer Handschrift und auf Lorenz Fries, Pfingstsonntag, den 4. Juni 1525, als Tag, an dem Bischofsheim „eingenommen, gestraft und der Hauptsächer ein gut teil mit dem Schwertgericht“ bedacht worden sei. Die neuere Forschung setzt die Hinrichtung der zwölf Rädelsführer um den 12. Juni und die Unterwerfungsurkunde auf den 13. Juni. Beide Daten sind möglich: Der Statthalter war am 8. Juni in Würzburg; die Unterwerfung der Taubergegend folgte danach.

Flucht der Amtsleute und Abstimmung: Die Chronik der Bauernkriegsereignisse nennt für die Flucht von Amtmann und Keller die Nacht nach dem Lagebericht des 12. April, andere Darstellungen die Nacht zum 14. April; der Bericht sagt nur, sie sei vor den Verhandlungen am Karfreitag erfolgt. Die Abstimmung auf dem Markt datiert die Chronik auf den 23. April, die Verhandlungen mit Florian Geyer in Mergentheim auf die Tage davor.

Einnahme der Stadt: Nach Hofmann wurde Bischofsheim am Pfingstsonntag von einer Abteilung der Bundestruppen unter Frowin von Hutten eingenommen. Pfingsten fiel 1525 auf den 4. Juni; die Chronik der Bauernkriegsereignisse nennt den 3. Juni. Der Einzug des Statthalters wird auf den 10. Juni datiert, die Hinrichtung der zwölf auf den 10. bis 12. Juni.

Stadtordnung: Eine ältere Darstellung rechnet „Donnerstag nach Invocavit“ zu 1527 nicht eindeutig um. Invocavit, der erste Fastensonntag, fiel 1527 auf den 10. März (julianisch); der Donnerstag danach war der 14. März. Die Landtagssitzung des Domkapitels, die manche Darstellungen für das Datum der Stadtordnung halten, war am 22. und 25. Juni.

Zahlen: Die 400 Toten beim Sturm auf den Marienberg betreffen das gesamte Fähnlein, nicht nur die Bischofsheimer. Wie viele Bürger fielen, ist unbekannt. Für Königshofen nennt Berberich 4000 tote Bauern, andere Quellen 6000 bis 7000.

Die Originale: Staatsarchiv Würzburg, Mainzer Urkunden, Geistlicher Schrank 26/8 (Bericht und Kopien des Kellers); Generallandesarchiv Karlsruhe, Kopialbuch 67/1519 (Protocollum generale des Amtmanns Caspar Lerch von Dürmstein, 1612, mit der Stadtordnung von 1527). Ein Blick in diese Akten könnte weitere Einzelheiten, zum Beispiel zu den Namen der Hauptleute oder der Hingerichteten, ans Licht bringen.

Im Vergleich

Wie erging es den Nachbarn?

  • Königshofen stellte sich ebenso früh auf Seiten der Bauern und wurde Schlachtfeld: Mehr als 300 Bürger starben, die Stadt wurde geplündert.
  • Miltenberg öffnete dem Hellen Haufen am 1. Mai die Tore; der Vertrag vom 7. Mai trägt den Namen der Stadt.
  • Aschaffenburg riegelte den Statthalter in seiner eigenen Burg ein; die Bürger ließen ihren Zorn am Stift St. Peter und Alexander aus.
  • Würzburg verlor nach dem Sieg des Bundes, so Berberich nach Lorenz Fries, 76 Bürger durch das Schwert.

Bischofsheim steht dazwischen: Es war keine Stadt, die man erobert hätte, und keine, die bis zuletzt treu gewesen wäre. Es war eine Stadt, die Verträge schloss – mit den Bauern, mit dem Statthalter, mit dem Schicksal.

Wappen im Schlosshof mit dem Mainzer Rad und den Hennebergischen Hühnern
Das Mainzer Rad. Wappen im Schlosshof mit dem Rad von Kurmainz und den Hühnern des Hauses Henneberg (Erzbischof Berthold von Henneberg, 1484–1504). Der Landesherr, der 1527 die Stadtordnung erließ, Albrecht von Brandenburg, übernahm dasselbe Erzstift 1514.

10 · SpurenWas von 1525 geblieben ist

Wer heute durch die Stadt geht, sieht von den dramatischen Wochen wenig. Der Marktplatz hat seine Fachwerkhäuser aus späteren Jahrhunderten, das Schloss seine Anbauten aus Spätgotik, Renaissance und Barock. Aber der Mauerring, den die Bauern sahen, ist im Verlauf der Ringstraße noch zu erkennen, der Türmersturm überragt weiter das Schlossviertel, und im Landschaftsmuseum zeigt das Stadtmodell die Stadt, wie sie die Aufständischen gekannt haben könnten. Über dem Eingang der Sebastianuskapelle, 1476 – im Jahr des Pfeifers von Niklashausen – erbaut, zeigt das Tympanon Bischöfe auf dem Weg in den Höllenschlund; ob darin ein früher Ruf nach Reformation zu lesen ist, wie Wohlfarth fragt, oder ein gängiges Motiv der Zeit, bleibt offen.12 Im Treppenhaus des Landratsamts sind die wichtigsten Szenen der Stadtgeschichte in Stein geschnitten, entworfen vom Boxberger Künstler Sepp Biehler und ausgeführt vom Grünsfelder Bildhauer Otto Horlbeck.

Zu den Zeugnissen, die man mit 1525 verbindet, gehören auch die beiden Tafeln, die Matthias Grünewald um 1523/24 für die Stadtkirche malte, Kreuztragung und Kreuzigung. Die Kunstgeschichte liest die Kreuztragung als „reformiertes“ Passionsbild: Karl Arndt und Bernd Moeller (2002) sehen in ihr einen bewusst an Luthers Passionsverständnis angelehnten Bildentwurf eines unbekannten Auftraggebers, und schon Maria Lanckoronska (1963) hielt einen lutherisch gesinnten Geistlichen für möglich; Arndt und Moeller erwägen, ob nicht Bürgermeister Aichhorn der Stifter war. Wohlfarth geht weiter: Für ihn ist die Kreuzigung ein Bild der leidenden Armen, „die Leiden Jesu sind die Leiden der Bauern“. Das ist eine Deutung, die man teilen kann oder nicht; die Tafeln entstanden jedenfalls, bevor der Aufstand losbrach, und die gesicherte Aussage reicht nur bis zur reformatorischen Prägung des Programms. Wer sie sehen will, findet Kopien in der Stadtkirche und im Landschaftsmuseum; die Originale hängen in Karlsruhe.16

Was bleibt, ist vor allem ein Dokument: die Stadtordnung von 1527, in der sich eine Stadt und ihr Landesherr in Paragrafen gegenübertreten. Der Amtmann Caspar Lerch von Dürmstein ließ sie 1612 in sein Protocollum generale abschreiben – sie war noch ein Jahrhundert später Arbeitsgrundlage der Verwaltung.

Die Geschichte der Stadt ging weiter, und sie wurde ruhiger. Das nächste Kapitel führt in die Jahre nach der Reformation, als die Pfarrer heirateten, die Visitatoren kamen und der Landesherr noch einmal nachzählte, was seine Städte vermochten.