Büscheme · Geschichte einer Stadt an der Tauber
Der heilige Martin zwischen Lioba und Sebastian am Hochaltar der Stadtkirche

Kapitel 6 · 1350 bis 1520

Gotik und Wohlstand

Während die Landesherren Geld brauchten, bauten die Bürger. In anderthalb Jahrhunderten entsteht die Pfarrkirche, wie sie bis heute steht, das Spital, ein neues Rathaus – und ein Altar, den später die Welt kennen wird.

Lesezeit etwa 20 MinutenPfarrkirche · Spital · Stiftungen · Grünewald
Hochaltar der Stadtkirche, Detail: Martin zwischen Lioba und Sebastian

1 · Was „Gotik“ bedeutetEin Baustil und eine Haltung

Die ist ein Baustil, der um 1140 in Nordfrankreich entstand und sich von dort über Europa ausbreitete. Ihre Kennzeichen sind der Spitzbogen, das Kreuzrippengewölbe und die großen Fenster: Wo die Romanik dicke Mauern setzte, löst die Gotik die Wand in Strebepfeiler und Glas auf. Der Name ist eine spätere Erfindung. Die -Gelehrten des 16. Jahrhunderts fanden diese Bauweise „barbarisch“ und nannten sie nach den Goten. Aus dem Schimpfwort wurde ein Fachbegriff.

In den Städten war die Gotik mehr als Architektur. Wer sich einen Kirchenneubau, ein oder ein Rathaus leisten konnte, zeigte, dass er etwas war. Anders als die großen Dome wurden Pfarrkirchen wie die von Bischofsheim nicht von Bischöfen oder Königen gebaut, sondern von Bürgern bezahlt, durch Stiftungen, Ablässe und die „Fabrik“, wie man die Baukasse einer Kirche nannte. Das Bauen dauerte lange, Generationen lang, und unterbrach sich, wenn das Geld ausging.

2 · St. MartinEine Kirche wächst über zwei Jahrhunderte

Die heutige St. Martin ist ein spätgotischer Bau, der sich in mehreren Abschnitten entwickelte. Den Anfang bildet ein um 1350; der Chor entstand etwa 1435 bis 1445; um 1500 wurde das Haus verbreitert und verlängert, und 1510 ist an einem Kapellenpfeiler die Jahreszahl der zu lesen. Das Datum des Beginns bleibt, wie bei vielen Kirchen, unsicher; einen Vorgängerbau gab es offenbar, aber über ihn ist nichts Verlässliches bekannt; ein romanischer Chorturm und eine frühgotische Fries-Ecke um 1250 werden vermutet, und ein Wandbild des heiligen Christophorus im oberen Sakristeistock zeigt eine Kirche mit Chorturm und Westturm, die man als Vorgängerin deuten kann. Den Bau der Zeit um 1448 führten zwei Bürger: Conrad Stoll als „magister civium“ (Bürgermeister, auch Rentmeister) und Conrad Heimburg als Gotteshausmeister (Verwalter der Baukasse). Sie ließen am Sakramentshäuschen von 1448 (ein Werk des Bildhauers Dietrich Krebs aus Münster bei Creglingen) die Wappen des Mainzer Domkapitels als Zehntinhaber und des Erzbischofs Dietrich Schenk von Erbach anbringen; das Wort „Baumeister“ bedeutete damals nicht den Architekten, sondern die leitenden und zahlenden Bauherren.1

Aus dieser Bauzeit hängen noch Glocken im Turm. Die große trägt eine lateinische Inschrift: Am Vorabend des Kiliansfestes, am 7. Juli 1448, sei dieses Werk vollendet worden unter den Bürgermeistern Conrad Stoll, Endres Putner und Peter Gedemer und dem Werkmeister Conrad Heimburg; dazu steht dort, Jacob Stempfel habe sie gegossen, und im Spruch heißt es „Maria heiß ich, Sturmwetter störe ich“. Eine zweite Glocke nennt dasselbe Jahr und die Vigil von Mariä Himmelfahrt. Nach der Festschrift von 1955 haben drei der alten Glocken den erlebt, und mit einer vierten ließ man 1631 beim Einzug der Schweden die Stimme erschallen.2

Aus derselben Zeit stammt die Ölberggruppe am Steinbergweg gegenüber dem späteren : der Christus und drei Apostel, Petrus, Jakobus und Johannes, in überlebensgroßen Steinfiguren. Die Gruppe ohne den Kapellenbau entstand um 1500, weil sie schon in einer Pergamenturkunde des Hospitals vom 8. Mai 1514 erwähnt wird; der Jakobus trägt ein Buch im Bücherbeutel, was damals der Kostbarkeit der Bücher wegen üblich war.3

Wem die Kirche gehörte, ist eine Frage für sich. Das Patronat – das Recht, den Pfarrer zu bestimmen – lag beim St. Viktor in Mainz (1267), die selbst wurde 1351 dem Mainzer Domkapitel einverleibt (der Fachbegriff dafür lautet inkorporieren). Der Dompropst Wilhelm Pinchon verfügte das am 11. November 1351 in Avignon, am Sitz des Papstes, und der genehmigte es fünf Wochen später. Das Domkapitel wurde damit Zehntherr: Es bezog, was die Pfarrei an Abgaben einbrachte, und musste dafür einen Pfarrer unterhalten. Für die Stadt war das ein Dauerthema, denn ein Teil der Mittel für Kirche und Pfarrer kam so von außen.4

Begriffe

Patronat, Inkorporation, Benefizium

  • Patronat :: Das Recht, bei einer Kirche den Pfarrer zu präsentieren. Wer es hatte, hatte auch Einfluss auf die Einkünfte.
  • Inkorporation :: Die Einverleibung einer Pfarrei in ein Stift oder Kloster. Es bezog die Einkünfte, ein bezahlter Vikar tat die Arbeit.
  • Benefizium :: Eine Pfründe: eine Stelle, etwa an einem Altar, mit einem Stiftungsvermögen, aus dem ein Geistlicher lebte und dafür Messen las.
  • Jahrtag :: Eine jährliche Messe für das Seelenheil eines Verstorbenen, gegen eine Stiftung.

Was in der Kirche geschah, war Sache der . Schon 1339 gab es an fünf Altären (Margaretha, Peter und Paul, Unsere Liebe Frau, Katharina und Nikolaus), 1514 acht Benefizien, dazu den neuen Kreuz- und den Stephansaltar. Am 8. Mai 1514 stiftete die Witwe Anna (aus der Familie Lutz/Goldschmid) einen Jahrtag, und die nennt Pfarrer Christoph Scriptoris und acht : Johann Ditzel (Frühmesser am Stephansaltar), Wilhelm Sighart (Dekan, Petersaltar), Wilhelm Hawer (Elisabethenaltar im Spital), Johann Goel (alte am Marienaltar), Peter Stecher (Katharinenaltar), Heinrich Stecher (Nikolaus, Andreas und Apollonia), Merten Goel (Margarethenaltar) und Friedrich Virnkorn (Heilig-Kreuz-Altar). Jeder Altar war eine Stiftung, hinter jeder stand eine Familie oder ein Einzelner, der für sein Seelenheil gesorgt hatte. Der Gedanke ist uns fremd und doch folgerichtig: Wer glaubt, dass Messen Tote aus dem erlösen, investiert sein Vermögen in Altäre.5

Die Martinskirche im Mittelalter, 1250 bis 152412401290134013901440149015401250FrühgotischerVorgängerbauvermutet1339Vikare an fünfAltären1350Langhaus1351Pfarrei dem MainzerDomkapiteleinverleibt1445Chor vollendet1448Sakramentshäuschen1500Haus verbreitertund verlängert1510Sakristei1514Acht Altaristen,Jahrtagsstiftung1524Grünewald-Tafeln(um)
Die Kirche wächst. Bauabschnitte und Stiftungen der Martinskirche, soweit Quellen sie datieren. Die Daten stehen im Text; die Zahl der Bauphasen bleibt unsicher.
Die Altäre der Martinskirche
Altar13391514 (Altarist)1627
MargarethaVikar belegtMerten Goel
Peter und Paul (Petersaltar)Vikar belegtWilhelm Sighart, Dekan
Unsere Liebe Frau (Marienaltar, Frühmesse)Vikar belegtJohann GoelFrühmesse unbesetzt
KatharinaVikar belegtPeter Stecherunbesetzt
Nikolaus, Andreas und ApolloniaVikar belegtHeinrich StecherNikolaus unbesetzt
StephanJohann Ditzel, Frühmesserunbesetzt
Heilig KreuzFriedrich Virnkornunbesetzt
Elisabeth (im Spital)Wilhelm Hawer

Nach Berberich und Gehrig/Müller. Die Zählung schwankt: 1514 nennt die Quelle acht Benefizien, die Kirchenrechnung von 1601 acht Altäre. Leere Felder bedeuten nur, dass der Text dazu nichts sagt.

Hintergrund

Die Mutterkirche eines Landkapitels

Die Pfarrei St. Martin war mehr als die Kirche einer Stadt. Das Erzbistum Mainz gliederte sich im Mittelalter in Archidiakonate (auch Kommissariate genannt) und diese in Landkapitel. Bischofsheim gehörte zum Landkapitel Taubergau im Kommissariat Aschaffenburg, einem schmalen Streifen von Miltenberg bis Kist. Hier fand, wohl wegen der zentralen Lage, jedes Jahr die Kapitelkonferenz aller Pfarrer statt, das „Kapitelfest“ am Donnerstag nach dem dritten Fastensonntag. Es begann am Vorabend mit einer zum Beinhaus der Sebastianuskapelle, setzte sich am nächsten Tag mit Gebeten für die verstorbenen Mitbrüder, Prozession, Engelamt und Predigt fort und endete nach dem gemeinsamen Mittagessen mit den Beratungen und Anordnungen.6

Außerdem war Bischofsheim eine Sendpfarrei. Ein vom Stift Aschaffenburg beauftragter Kommissar oder der Dekan des Landkapitels, recht häufig der Bischofsheimer Pfarrer, hielt dort zuerst alle vier Jahre, später jährlich ein Sendgericht, das über kirchliche Missstände beriet; Laien aus den Pfarreien, die Sendschöffen, saßen mit am Tisch. Die Sendfilialen mussten teilnehmen, auch wenn sie längst selbständige Pfarreien waren. Wie dicht der Terminplan war, zeigt die Sendreise des Jahres 1487: In acht Tagen besuchte man 21 Pfarreien, an einem Tag meist zwei oder drei.7

Wie alt diese Ordnung ist, weiß man nicht. Gehrig/Müller halten sie für frühmittelalterlich, weil sich die Kirche an der politischen Gliederung orientierte: Der Taubergau ist seit 769 belegt, 1058 heißt es „im Taubergau in der Mergentheim“. Vermutlich wurde der große Gau früh in einen oberen und einen unteren geteilt, mit Bischofsheim, Miltenberg und Wertheim als Hauptorten des unteren; vielleicht geschah das, als Bonifatius das Mainzer Bistum von seiner Gründung Würzburg abgrenzte. Dass Kist, Kleinrinderfeld, Gerlachsheim, Kützbrunn, Limpach, Brunn und Irtenberg bis 1585 zur Cent Bischofsheim und damit zum Bistum Mainz gehörten, sehen sie als Beweis, dass die alten Diözesangrenzen mit den Grafschaftsgrenzen im Wesentlichen übereinstimmten. Bischofsheim hatte ursprünglich fünf Filialen: Distelhausen, Dittigheim mit dem Hof Steinbach, Dittwar, Dienstadt und Impfingen. Bis 1549 waren alle außer Dienstadt selbständig, und das Landkapitel selbst schrumpfte: 42 Pfarreien 1549, 38 im Jahr 1625; 1628 entstand das Landkapitel Lohr, 1630 das Landkapitel Miltenberg, und der Pfarreientausch, den Johann Philipp von Schönborn 1656 vornahm, brachte unter anderem Dittigheim zum Bistum Würzburg.8

Die Sendreise des Jahres 1487
TagOrte
13. OktoberMiltenberg, Bürgstadt, Dorfprozelten
14. OktoberNassig, Neunkirchen, Riedern
15. OktoberHundheim, Külsheim, Uissigheim
16. OktoberGamburg, Böttigheim, Werbach
17. OktoberBischofsheim
18. OktoberGissigheim, Königheim, Grünsfeld
19. OktoberPoppenhausen, Schönfeld, Großrinderfeld
20. OktoberOberaltertheim, Kist
## 3 · Das SpitalEine Witwe gibt alles

Nach Gehrig/Müller 1997, S. 77.

Am 17. Februar 1354 bestätigte Kaiser Karl IV. in Trier die Stiftung eines Hospitals in Bischofsheim durch Elsbeth Liebhartin, die Witwe eines Bürgers namens Liebhart; sie habe, heißt es, alle ihre Güter dafür eingesetzt. Ihr Haus am Markt wurde das Spital. Der Erzbischof bestätigte 1355 die „Ordnung und Satzung“ zwischen Stadt und Spital, 1367 ist die älteste Spitalordnung belegt.9

Ein mittelalterliches Spital war kein Krankenhaus im heutigen Sinn. Es war eine Einrichtung der Fürsorge: Es nahm Arme, Alte, Kranke und Pilger auf, gab ihnen Essen und Obdach und hielt dafür Gottesdienst. Finanziert wurde es aus Stiftungsgütern, Zinsen und Almosen, und es brauchte einen Verwalter, den Spitalmeister; ein Grabstein an der Peterskapelle erinnert noch an einen solchen, Caspar Stockmeister († 1613). Das Spital ging nicht aus dem früheren hervor, wie man zeitweise annahm, sondern war eine Stiftung aus der Bürgerschaft.

Auch dieses Haus hatte Sorgen. 1354 klagte der Kaiser beim Erzbischof, die Stadt fordere weiter Abgaben von den Stiftungsgütern. 1449 übertrug Erzbischof Dietrich von Erbach das Spital im Tausch gegen das bisher spitälische Dorf Dienstadt aus den Händen des Domstifts an die Stadt. 1490 drohte ihm der Verfall, und Erzbischof Berthold von Henneberg erließ einen vierzigtägigen für alle, die zu seiner Erhaltung beitrugen.10

Bischofsheim hatte schließlich zwei Spitäler, ein reiches und ein armes. Das Spital besaß, so Berberich, Grundstücke, Wälder, Gerichtsbarkeiten, , Zehnten und Zinsen im weiten Umkreis (in Uissigheim, Dienstadt, Eiersheim, Dittigheim, Buch am Ahorn und Boxberg) und wurde 1403 sogar „Herr von Dienstadt in Wald und Dorf“. Im Brehmenleiten besaß es einen eigenen, abgesteinten Zehntbezirk von gut 20 Morgen: Dort stand ihm der große Zehnt, der Weinzehnt und der kleine Zehnt allein zu, der Wein wurde allerdings nur als ein Zwölftel erhoben.11

4 · Stifter und StiftungenDas Seelenheil als Kapitalanlage

Das Besondere an Bischofsheim ist, wie viele Bürger selbst stifteten. Am 14. Juni 1396 vermachte Elsebet Ruckerin ihr Gut Bürgermeister, Schöffen und Rat der Stadt: ein , Almosen für fünf , den Schulmeister und die Armen, dazu Gelder für Brücken, Stege und Wege. Am 8. Mai 1514 stiftete Anna Lutzin einen Jahrtag. Ewald Weymar, der als Sekretär dreier Mainzer Erzbischöfe bis nach Rom und Wien gereist war, vermachte seiner Vaterstadt bei seinem Tod 1499 tausend rheinische und schuf damit ein Almosenamt. Martin Goel, Sohn der Stadt und später des Stifts in Aschaffenburg, hatte um 1504 den Margarethenaltar in der Pfarrkirche inne.12

Solche Männer zeigen, dass Bischofsheim eine Stadt war, aus der man aufsteigen konnte, und die sich an ihre Söhne erinnerte. Johannes Hiltprant, der es bis zum Abt von Bronnbach brachte (1404 bis 1416), war ein Bischofsheimer; unter ihm entstanden das Brunnenhaus im Kreuzgang und die Taubertalbrücke bei Bronnbach. Familien wie Weymar, Goel und Virnkorn waren untereinander verwandt. Sie bildeten ein dichtes Netz geistlicher Karrieren, das die Stadt mit Aschaffenburg und Mainz verband.13

5 · Rathaus, Schule, BadDie Stadt organisiert sich

Zu einer Stadt gehörte ein Haus, in dem sie sich versammelte. 1483 kaufte das Domkapitel den „Hof auf der Beche, genannt das Rathus“ für 258 Gulden; das älteste Rathaus stand am Platz des späteren Mackertschen Hauses, bei Grabungen 1960 fand man dort achteckige Sandsteinsäulen, die man in die Zeit um 1230 bis 1250 datiert. 1495 ist ein neues Rathaus an der Nordseite des Marktplatzes bezeugt; als Erzbischof Berthold von Henneberg durch die Stadt kam, hieß es, „das rathuß wollen wir besichtigen“.14

Das öffentliche Leben hatte seine Einrichtungen: Ein Rektor der Schule wird 1337 bis 1339 urkundlich genannt, „Badestoben“ erwähnt eine Quelle von 1388, später eine zweite in der Manggasse. Zwei Jahrmärkte sind seit dem späten 14. Jahrhundert bezeugt, am Tag nach St. Veit (15. Juni) und am Sonntag nach St. Burkhard (14. Oktober); 1405 erhielt Külsheim dasselbe . Im 15. Jahrhundert gab es zeitweise drei Bürgermeister, 1485 beschränkte sie Berthold von Henneberg auf zwei und schaffte die Viertelmeister ab. Das beschnitt die Selbstverwaltung der Bürger zugunsten der , und 1527 sollte der Eingriff seine Fortsetzung finden.15

Bischofsheim hatte um 1500 nach Schätzungen etwa 1400 Einwohner und war damit, nach Mergentheim, die bevölkerungsreichste Stadt im mittleren Taubertal. Schneider zählt nach dem Gemeinen Pfennig von 1495 rund 1050 Erwachsene über 15 Jahre; das spricht für eine Gesamtbevölkerung eher über 1400. Wie so oft sind das Näherungen, keine Zählungen.16

Hintergrund

Der Gemeine Pfennig: eine Reichssteuer und ihre Spur

Die Zahl von rund 1050 Erwachsenen, mit der Schneider die Bevölkerung rechnet, stammt aus einer Steuer, die das ganze Reich betraf. Am 7. August 1495 beschloss der Wormser Reichstag den Gemeinen Pfennig, eine Mischung aus Kopf-, Vermögens- und Einkommenssteuer. Zahlen sollten alle ab dem 15. Lebensjahr, Männer wie Frauen, Laien wie Geistliche, zunächst für vier Jahre. Das Geld war für das neu geschaffene Reichskammergericht und für ein Heer gegen die Türken bestimmt. Der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg, der als die Reformpartei anführte, war die treibende Kraft dieser Reichsreform.17

Die Steuer scheiterte weitgehend. Die Eidgenossen verweigerten sie ganz, und die Quellen nennen für die letzten Erhebungen verschiedene Jahre zwischen 1505 und 1551. Danach setzte sich das Matrikelsystem durch, bei dem die Stände feste Beträge oder Truppenzahlen leisteten. Für die Stadtgeschichte bleibt trotzdem ein Gewinn: Wo Erhebungslisten erhalten sind, zählen sie Köpfe, und solche Zählungen gibt es für das Spätmittelalter nur selten. Ihre Grenze liegt darin, dass sie nur erfassen, wer steuern sollte. Wer dem Zugriff entging, fehlt, und deshalb rechnet Schneider die Gesamtzahl der Einwohner höher.

6 · WohlstandWein, Handel, Durchgang

Der Reichtum, von dem Berberich 1895 schrieb, hatte reale Grundlagen. Der trug: 1465 werden acht der Stadt namentlich genannt. Der Warenverkehr nahm zu: Zwischen 1430 und 1480 stieg das Frachtaufkommen auf der Straße um etwa die Hälfte, vor allem Tuch und schwere Güter. Um 1500 verlief die Hauptroute von Nürnberg nach Frankfurt in sieben Geleitetappen, und Bischofsheim lag in der Mitte: eine Durchgangsstation, wie Wagner schreibt, weniger ein aktiver Handelsplatz.18

Bei allem Wohlstand war das Leben nicht ruhig. 1476 zog Hans Böhm, der „Pfeifer von Niklashausen“, tausende an (Bischofsheimer kamen mit Kerzen und Kleinodien), bis er verhaftet und verbrannt wurde (eine Zusammenstellung der Literatur zum 550. Jahrestag bietet die Seite Pfeiferhans auf beierstettel.de). Die 1490er Jahre brachten Kriegsschäden, 1499 erhöhte der Erzbischof das . 1512 überfiel Götz von Berlichingen Nürnberger Kaufleute in der Nähe, ein Vorspiel dessen, was 1525 folgen sollte.19

Einordnung

Reich oder arm?

Die ältere Stadtgeschichte beschreibt das späte Mittelalter gern als Blütezeit. Die Quellen widersprechen nicht, aber sie sagen weniger. Es gab Stifter, die ihr Vermögen in Altäre und Almosenämter steckten, und es gab Arme, die auf sie angewiesen waren: Das Spital drohte 1490 zu verfallen, und die Häckerzunft, die größte der Stadt, bestand großenteils aus Kleinbauern, die vom Wein lebten. Beide Bilder stimmen. Der Wohlstand war ungleich verteilt, und mancher Reichtum war nur ein Durchgang: Er kam mit den Waren, die weiterzogen.

Wie der Zehnt verteilt war, hielten die Bürger selbst fest. Am 18. November 1494 legten sechs , drei alte und drei neue, im Beisein eines Notars die Zehntanteile fest, die dem Mainzer Stift St. Viktor und dem Domkapitel zustanden; jedes Grundstück bekam einen , auf dem Kreuze oder Kelche den kirchlichen Besitz anzeigten und ein „ZF“ zehntfreie Äcker. Berberich überliefert außerdem, dass man an Sonn- und Feiertagen auf den Wörthwiesen Tische aufstellte und den Wein nicht nach dem Maß, sondern nach der Zeit des Trinkens bezahlte.20

7 · Der AltarGrünewald in Bischofsheim

Um 1523/24, so die Kunstgeschichte, entstanden für die Pfarrkirche zwei Tafeln, die später berühmt wurden: die Kreuztragung und die Kreuzigung, gemalt von Matthias Grünewald, einem der großen Maler der Zeit. Die Kreuztragung gilt Karl Arndt und Bernd Moeller (2002) als „reformiertes“ Passionsbild: Das Schriftwort aus Jesaja 53 steht auf dem Gebäude einer an Rom erinnernden Architektur, und die Schergen tragen päpstliches Purpur; dieses Programm muss ein unbekannter, wohl reformatorisch gesinnter Auftraggeber bestellt haben. Wer der Auftraggeber war, ist umstritten: Arndt und Moeller erwägen Bürgermeister Andreas Aichhorn; Gehrig/Müller folgen der Forschung von E. Vetter, der Pfarrer Virnkorn für unwahrscheinlich hält und Martin Goel nennt. Sie gehörten zu einem Altar am Choreingang; als Auftraggeber gilt nach E. Vetter Martin Goel, der Neffe des Pfarrers Friedrich Virnkorn, während Ogiermann Virnkorn selbst „mit Sicherheit“ als Stifter ansah. Wo der Altar stand, ist ebenfalls strittig, der Stephansaltar am Choreingang (Schneider) oder der Heilig-Kreuz-Altar, den Virnkorn 1504 und 1515 gestiftet hatte; die Quellen erlauben beides.21

Für Virnkorn führt Ogiermann einige Indizien an: Virnkorn stiftete 1504 und neu 1515 den Heilig-Kreuz-Altar mit einer Leidensmesse am Freitag, bei der der Schulmeister mit seinen Schülern sang – und freitags gab es, nach Berberich seit 1501, die „Tenebrae“; er war als Pfarrer von Distelhausen auch in Aschaffenburg tätig, wo Grünewald arbeitete, und er schrieb in seiner Stiftungsurkunde „Esaias“, genau wie das Spruchband auf dem Bild („ESAIAS ER IST UMB UNSER SUND WILLEN GESCLAGEN“) statt der sonst üblichen Form „Isaias“. Dagegen steht die Datierung: Virnkorn war, so E. Vetter, schon zwischen 1518 und 1522 gestorben, die Doppeltafel soll aber erst um 1524 gemalt worden sein – daher Martin Goel (1471–1532), Neffe Virnkorns und Verwandter Weymars, seit 1510/11 Protokollführer des Mainzer Domkapitels, seit dem 24. Dezember 1519 Dekan des Aschaffenburger Stifts, der 1512/13 in Rom gewesen war. Ogiermann selbst nennt als Quellenlage nüchtern: keine Entstehungsgeschichte, keine Signatur, „von Grünewald selbst nicht ein einziges Wort überliefert“.22

Der Weg der Tafeln ist besser bekannt. Die Doppeltafel stand zunächst am Stephansaltar am Choreingang: Vom Kirchenschiff sah man die Kreuzigung, vom Chor her die Kreuztragung; noch 1723 galt dieser „Schleieraltar“ als der schönste der Kirche. Als man 1760 den Stephansaltar beseitigte, kam das Gemälde in den 1761 vollendeten Heilig-Kreuz-Altar des Würzburger Bildhauers Johann Michael Huttmann; der Königheimer Pfarrer Johann Sebastian Severus hielt die Bilder um 1763 für Werke Albrecht Dürers und erkannte so den Wert, aber nicht den Maler. Die Rückseite mit der Kreuztragung wurde unsichtbar und vergessen, bis man 1876 die Tafel aus dem Rahmen nahm und das beschädigte Gemälde dahinter bemerkte. In den 1880er-Jahren wurde die Tafel auseinandergesägt; seit 1899 befinden sich die Originale in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. In der Martinskirche hängt seit 1926 eine Kopie der Kreuzigung von Josef Ziegler, und höchst wertvolle Kopien von Matthias Hickel besitzt das Landschaftsmuseum. Der Reichtum des späten Mittelalters hatte die Kunst bestellt, die Armut des 19. Jahrhunderts verkaufte sie. (Andere Darstellungen nennen abweichende Jahre und Preise für Verkauf und Übergabe; hier folgt der Text Gehrig/Müller.)23

Was die Kirche sonst noch bewahrt, stammt aus derselben Zeit: ein von 1448, geschaffen vom Bildhauer Dietrich Krebs aus Münster bei Creglingen; ein „Tauberbischofsheimer Reiter“, der heilige Martin, in den Chorwänden, den E. Vetter in die Zeit um 1370 bis 1380 und damit in die Parlerzeit setzt (gegen die ältere Meinung, er sei ); Bilderzyklen der Margaretenlegende von 1510 bis 1520, die 1909 freigelegt wurden. Ein Marienaltar mit dem Tod Mariens und dem Stammbaum Jesse gilt Gehrig/Müller als wohl von Nikolaus Weckmann dem Älteren in Ulm, nicht, wie manche annahmen, von Riemenschneider; Teile davon gingen 1846 in den neugotischen ein. Beim Abbruch der alten Kirche 1910 gingen weitere Werke verloren, und die , die man freigelegt hatte, wurden im Krieg vernichtet; 23 Fotos davon liegen im Pfarrarchiv.24

Das Sakramentshäuschen der Stadtkirche, 1448 datiert
Das Sakramentshäuschen der Stadtkirche, 1448 datiert.
Detail des Sakramentshäuschens
Detail des Sakramentshäuschens.
Der Marienaltar der Stadtkirche
Der Marienaltar der Stadtkirche.
Das spätgotische Relief in der Predella des Marienaltars mit dem Stammbaum Jesse; es wird Niklaus Weckmann zugeschrieben und auf 1517 datiert
Das spätgotische Relief in der Predella des Marienaltars mit dem Stammbaum Jesse; es wird Niklaus Weckmann zugeschrieben und auf 1517 datiert.
Wer bestellte die Tafeln, und wo standen sie?
ZuschreibungAuftraggeberAufstellungsortBegründung
Arndt und MoellerBürgermeister Andreas Aichhorn (erwogen)„reformiertes“ Passionsbild, Schergen in päpstlichem Purpur
E. VetterMartin Goel (1471–1532), Neffe des PfarrersAltar am ChoreingangVirnkorn schon 1518 bis 1522 gestorben, Tafeln um 1524
OgiermannPfarrer Friedrich Virnkorn, „mit Sicherheit“nicht ausdrücklich genannt (Virnkorn stiftete 1504/1515 den Heilig-Kreuz-Altar)Leidensmesse freitags, Schreibung „Esaias“ wie auf dem Bild
SchneiderStephansaltar am Choreingangdie Quellen erlauben auch den Heilig-Kreuz-Altar

Nach Arndt/Moeller 2002, E. Vetter (bei Gehrig/Müller 1997), Ogiermann 1955 und Schneider 2005. Die Quellen erlauben mehrere Antworten.

8 · Die PeterskapelleEine ältere Kirche als die Pfarrkirche?

Auf der anderen Seite der Stadt steht die Peterskapelle. Ein Dachwerk, das dendrochronologisch auf 1179 datiert wurde, zeigt, dass es schon im 12. Jahrhundert ein Gotteshaus gab; ob es das erste der Stadt war, ist unklar. Die erste Schriftquelle nennt sie 1341 in einem des Papstes Benedikt. Sie wurde später Friedhofskirche: Um 1500 beginnt die Nutzung des Peterfriedhofs, der 1551 erweitert wurde, 1584 erhielt sie ihre Westfassade. An ihren Wänden stehen Grabsteine, darunter von Ratsmitgliedern aus dem 16. und 17. Jahrhundert; sie zeigen, wie die Bürgerschaft sich verewigen wollte.25

Gehrig/Müller unterscheiden vier Bauperioden: Spätromanik, Spätgotik, Renaissance und . Georg Dehio nannte die Kapelle einen romanischen Bau des 12. Jahrhunderts mit gerade geschlossenem Chor; das kleine rundbogige Ostfenster stammt vom Ende dieser Zeit, aus der Zeit gegen 1200, die größeren Seitenfenster kamen später, um mehr Licht zu bekommen. Die oft behauptete Datierung auf 1584, die Berberich vertrat, kann nicht stimmen: Die Zahl an der Westfassade bezieht sich auf eine Erweiterung, der wohl auch das spitzbogige Südportal gehört, der eigentliche Bau war damals schon drei bis vier Jahrhunderte alt. Eine Holzfigur des heiligen Petrus über dem Südportal datierte Dehio auf etwa 1420; sie wurde 1945 gestohlen. Der Kunsthistoriker Ewald Vetter, dem ein Foto vorlag, hielt sie für möglicherweise älter, 1330 bis 1340, als Kopie eines romanischen Vorbilds oder als überarbeitete ältere Figur. Im Inneren hängt das Epitaph für den 1600 gestorbenen Ratsherrn Kilian Cantzler, der mit Frau und zwei Töchtern vor dem Kruzifix betet; nach Dehio ist es in der Art Zacharias Junckers des Älteren geschaffen. Die Stuckdecke des Chores trägt am Chorbogen die Jahreszahl 1625, eine Renovierung der Barockzeit zeigt der Türsturz der Nordseite, auf dem Petrus mit zwei Schlüsseln dargestellt ist, darunter ein Hahn mit weit aufgesperrtem Schnabel.26

Warum der Apostel Petrus Patron wurde, erklärt Gehrig/Müller ungewöhnlich: Um die Kapelle lag zunächst gar kein Friedhof, also ist er hier nicht der Patron eines seligen Todes. Petrus war durch seine Binde- und Lösegewalt auch Schutzpatron der Gerichtsbarkeit, so erklärt man die mittelalterlichen Peterskirchen in den Centgerichtsorten Creglingen und Öhringen, und das passe sehr gut auch auf den alten Centgerichtsort Bischofsheim. Der erste Friedhof lag um die Pfarrkirche; er reichte wegen des Bevölkerungswachstums und des Kirchenneubaus (etwa 1350 bis 1450) nicht mehr aus. Für die letzten Jahrzehnte diente wohl die 1474 erbaute Sebastianuskapelle als Friedhofskapelle, mit dem Beinhaus im Erdgeschoss und dem Michaelsaltar im Obergeschoss. Der Platz um die Peterskapelle wurde seit etwa 1500 als Friedhof benutzt, 1551 vergrößert und am 21. Juni 1551 vom Mainzer geweiht. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts reichte auch er nicht mehr und behinderte Bauvorhaben (Spital, Straßenbau); 1853 beschloss man einen neuen Friedhof an der Straße nach Hochhausen, den Stadtpfarrer Dr. Karl Rombach am Kirchweihfest 1856 einweihte.27

Der Name „Dienstadter Kirchhof“ erinnert an eine Härte: Die Filiale Dienstadt hatte, wie damals üblich, kein Beerdigungsrecht. Die Dienstadter brachten ihre Toten bis vor den Bischofsheimer Petersfriedhof, wo sie der Stadtpfarrer empfing und nach den ersten Gebeten in den Friedhof geleitete. Erst 1671 bis 1673 wurde ihr eigener Kirchhof geweiht, und die Kirchenvisitation in Dienstadt hielt der Kapuzinerpater Martin von Cochem. Der Platz zwischen Schäferstor und Petersfriedhof hieß noch 1868 so; damals vermaß man ihn als Bauplatz (26 Quadratruten, 76 Quadratfuß).28

Die Peterskapelle, Eingang
Die Peterskapelle, Eingang. Das Dachwerk wurde dendrochronologisch auf 1179 datiert; die erste schriftliche Nennung stammt von 1341.
Innenraum der Peterskapelle, heute für Veranstaltungen genutzt
Innenraum der Peterskapelle, heute für Veranstaltungen genutzt. Im Chor stehen drei Altäre, an der Wand links zwei Epitaphe.

Wer an den Wänden von Peterskapelle und Martinskirche, an Türstürzen und in Notarsignets weiter nach Spuren sucht, findet sie auf der Sonderseite Spuren in Stein.

Das nächste Kapitel erzählt von dem Moment, in dem alles, was dieses Kapitel beschreibt, aufs Spiel stand: dem Aufstand von 1525.