1 · Wie Herrschaft im Hochmittelalter funktionierteHöfe, Vögte und Lehen
Wer sich das Mittelalter als Staat mit Grenzen und Behörden vorstellt, versteht Bischofsheim nicht. Herrschaft war damals kein Gebiet, sondern ein Bündel von Rechten, die sich an Orten und Personen festmachten: das Recht, Land zu besitzen, das Recht, Gericht zu halten, das Recht, Abgaben zu erheben, das Recht, Kirchen zu besetzen, das Recht, Wald und Wild zu nutzen. Diese Rechte konnten von verschiedenen Herren gehalten werden, sie konnten verliehen, verpfändet, getauscht und vererbt werden, und sie taten es beständig.
Der Mittelpunkt einer solchen Herrschaft war oft ein Hof, lateinisch curtia. Ein König oder ein Bischof hatte dort Land und Leute, die Abgaben und Dienste leisteten; ein Verwalter bewirtschaftete den Hof, und weil ein Bischof nicht selbst Waffen führen durfte, brauchte er einen weltlichen Schutzherrn, einen . Wer Vogt war, hatte Macht über den Hof, und deshalb kämpfte man um die . Dazu kamen die : Wer eine Burg oder ein Gut zu Lehen trug, schuldete dem Lehnsherrn Dienste, und bald verwischten sich die Besitzverhältnisse.
Für die Geschichte von Bischofsheim heißt das: Die Frage „Wem gehörte der Ort?“ hat im 10. bis 13. Jahrhundert mehrere Antworten gleichzeitig. Wer sie entwirrt, versteht vieles, was später geschah, vor allem aber, warum die Karte der Herrschaften um die Stadt noch im 17. Jahrhundert wie ein Flickenteppich aussah.
2 · Eine Königin und ein Tauschgeschäft911 und 977
Die erste Nachricht über den Besitz des Hofes führt in die Hofpolitik des frühen 10. Jahrhunderts. Im Jahr 911 überließ Hatto I. von Mainz der Königin Uta, der Witwe König Arnulfs und Mutter des jungen Königs Ludwig des Kindes, die Einkünfte des „bischöflichen Hofes Piscofesheim im Taubergau“, solange sie lebte. Im Gegenzug gab die Königin dem Erzbischof ihren Besitz Oberlahnstein am Rhein. Es war ein Tausch, wie ihn die Großen jener Zeit ständig machten, und er hätte keine Spuren hinterlassen, wäre er nicht später angefochten worden: Der neue König Konrad I. zog Oberlahnstein ein, und als sich die Verhältnisse beruhigten, musste man die Rechtslage in einer festhalten. 977 bestätigte Kaiser Otto II. dem Mainzer Erzbischof Willigis das Tauschgeschäft. Daraus erfahren wir, erstmals durch ein zuverlässiges Dokument, dass der Hof Bischofsheim dem Erzbischof von Mainz gehört hatte.1
Die ältere Literatur nannte die Königin „Jutta“. Das ist falsch; die Urkunde nennt Uta. Auch die Formulierung „“, die man oft liest, ist mit Vorsicht zu verwenden: Der Hof war ein bischöflicher Hof, den eine Königin zur Nutzung erhielt.
Bischofsheim blieb in den nächsten Jahrhunderten ein Streubesitz des Mainzer Erzbischofs unter vielen. Mainz besaß Güter in Niederolm, Nierstein, Oberlahnstein und eben Bischofsheim, die wenig miteinander zu tun hatten und für die der Erzbischof Vögte brauchte, die er nicht immer kontrollieren konnte. Die Zeit der Ungarneinfälle im frühen 10. Jahrhundert, von der die ältere Literatur erzählt, hat in den Quellen keine konkreten Spuren hinterlassen.
3 · Die Staufer kommen1147 und 1165
Dann tritt der Hof in das Licht der Reichsgeschichte. Am 2. März 1147 stellte König Konrad III. aus dem Haus der Staufer „in Bischofsheim an der Tauber“ eine Urkunde für das Waldsassen aus; Zeugen waren Gottfried von Lauda und Walter Colbo von Schüpf. Der König war auf dem Weg von Regensburg nach Frankfurt. Er blieb nicht lange, aber das Datum zeigt, was die Lage Bischofsheims im Straßennetz des Reiches wert war: Der Ort lag auf der Strecke, die der Hof benutzte, wenn er von der Donau an den Rhein reiste.2
Am 18. August 1165 wiederholte sich das Bild. Kaiser Friedrich Barbarossa, auf dem Weg von der Donau nach Worms, stellte „in Bischofsheim“ eine Urkunde aus: Er reformierte das Kloster Kitzingen. Die Zeugen lesen sich wie ein Querschnitt der Fürstengesellschaft: Konrad von Weikersheim, der Stammvater der Hohenlohe, Ludwig Colbo, genannt von Schüpf, der Vogt Marquart von Grumbach, der Konrad von Nürnberg, ein böhmischer Herzog Ulrich und, als , der Mainzer Erzbischof Christian von Buch. Über diese Urkunde, lange als „älteste Urkunde der Stadt“ gefeiert, ist viel geschrieben worden, vor allem, weil Ogiermann daraus schloss, der Kaiser habe „auf der Burg“ gewohnt, die ein kaiserliches Lehen gewesen sei. Ob es 1165 in Bischofsheim eine Burg gab, ist freilich offen (siehe unten).3
Zwischen den beiden Besuchen liegt eine Veränderung, die man leicht übersieht. Der Hof war nicht mehr in der Hand des Mainzer Erzbischofs. Erzbischof Christian von Buch (1165–1183) hatte ihn, so zeigen es mehrere Zeugnisse, für 300 Mark an den Kaiser verpfändet; sein Nachfolger Konrad von Wittelsbach löste ihn für denselben Betrag wieder aus und erwarb 1189/90 weitere sieben Hufen von einem Ministerialen namens Hartmud. Der Hof gehörte also zeitweise dem Reich, und die Staufer betrachteten ihn als Teil des Lehens, das sie von Mainz hatten, oder als das, was sie sich nicht entwinden lassen wollten.4
4 · Ein Gegenerzbischof lässt prägen1203 bis 1208
In diesen Jahrzehnten bekommt Bischofsheim eine Münzstätte, und mit ihr eine seltsame Politik. Nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. 1197 stritten zwei Könige um die Krone, der Staufer Philipp von Schwaben und der Welfe Otto IV., und in Mainz stritten zwei Erzbischöfe. Der staufertreue Gegenerzbischof war Luppold von Schönfeld, der Bischof von Worms. Zwischen 1203 und 1208 ließ er in Bischofsheim Silberpfennige, sogenannte Denare, prägen, die die Umschrift „Biscofenemsis“ tragen und ein dreibogiges Gebäude mit viereckigem Turm zeigen. Eine Münze trägt außerdem eine Aufschrift, die einen Herzogsanspruch auf Würzburg ausdrückt. Warum man gerade hier prägte, wie der Wertheimer Forscher Philipp Hügel den Befund auswertet, ist nicht überliefert; die Nähe zu Würzburg und die staufische Seite, auf der der Ort stand, liegen als Erklärung nahe. Hügel vermutet die Werkstatt im Keller eines Vorgängerbaus des heutigen Zwingers, eine Vermutung ohne Beleg.5
Mit dem Ende Philipps (er wurde 1208 ermordet) endete auch diese Münzprägung. Später, vor allem zwischen 1388 und 1408, gab es in Bischofsheim noch einmal eine Mainzer Münzstätte; um 1450 wurde die Prägung in Mainz zentralisiert.
5 · Zehnt, Vögte, RitterWer hatte Rechte?
Am 4. Februar 1212 bestätigte eine Urkunde dem Mainzer St. Viktor in Weisenau den Besitz von Zehntrechten, darunter den Zehnt „in Bischofsheim in Ostfranken“. Die Formulierung zeigt, dass man den Ort damals zu Franken und nicht zum Mainzer Land rechnete. Die Rechte des Stifts blieben bis ins späte Mittelalter erhalten; im Zehntregister von 1494/95 sind sie noch genau auf die verteilt. Am 5. Oktober 1212 gab Friedrich II. dem Erzbischof Siegfried II. alle Lehen zurück, nicht ausdrücklich Bischofsheim; wie die Verhältnisse in den nächsten Jahren waren, ist offen.6
Aus den Jahren danach sind vereinzelte Namen bekannt. Am 25. Mai 1222 wurde in Bischofsheim eine Urkunde ausgestellt, in der Graf Ludwig von Rieneck den Konrad von Bessenbach mit der Vogtei über Aschaffenburg belehnte; die Zeugen, unter ihnen Herren aus Krensheim, Lauda, Königheim, Grünsfeld und Gamburg, bilden die Nachbarschaft des Ortes ab. Um 1230 erscheint ein Baldemar Trutwin als „Vogt von Bischofsheim“; sein Vater Hunfrid, wohl der erste Schultheiß, starb um 1288, und die Familie Trutwin spielt später noch eine Rolle, weil ihre Hofstätte der Platz war, auf dem das Schloss gebaut wurde. 1235 verlor Ludwig Colbo von Schüpf, weil er sich gegen Friedrich II. gestellt hatte, sein Burglehen; 1239 soll ein Gottfried von Hohenlohe als sein Inhaber erscheinen; einen Quellenbeleg dafür konnte Schneider freilich nicht finden.7
6 · 1237Eine Urkunde, die zu viel verspricht
Der Wechsel zu Mainz kam 1237. Am 19. bis 28. April 1237 verzichtete Kaiser Friedrich II. in Regensburg auf die „Vogtei in Bischofsheim und die umliegenden Güter, das Dorf selbst“ zugunsten der Mainzer Kirche. Der Anlass war politisch: Der Mainzer Erzbischof Siegfried III. von Eppstein hatte in Wien den Sohn des Kaisers, Konrad IV., zum König mitgewählt, und der Kaiser dankte es ihm. Die Urkunde machte Bischofsheim zu einem Teil des Mainzer Staates, und das blieb es bis 1803.8
Wichtiger noch als der Zeitpunkt ist der Wortlaut. Der Kaiser verzichtet auf die Vogtei und die Güter, „villam ipsam“, also auf das Dorf selbst. Bischofsheim war 1237 also keine Stadt, sondern ein Dorf. Die ältere Literatur (Martens 1885, danach Berberich) hat in dieser Urkunde die Verleihung des Stadtrechts durch Friedrich II. gesehen. Das ist ein Missverständnis, das Ogiermann 1955 aufgeklärt hat: Von steht dort kein Wort.
Quellenkritik
Die Burg von 1165 – und was dagegen spricht
Ogiermann nimmt an, 1165 habe es in Bischofsheim eine kaiserliche Burg gegeben, die Barbarossa bewohnte, und hat sie mit dem Burglehen der Herren von Schüpf und Hohenlohe verbunden. Dagegen steht der Befund von Alois Schneider: Für eine Burg im 12. Jahrhundert fehle jeder Beleg; die erste Burg (castrum) werde in einer Urkunde vom 30. April 1322 erwähnt, die berichtet, dass der Erzbischof ein Grundstück der Familie Trutwin erworben hat, auf dem „jetzt die Burg in Bischofsheim steht“. Gebaut wurde sie in der Spätphase des Erzbischofs Werner von Eppstein (1259–1284). Die Urkunde von 1165 nennt, nach Schneider, nur den Ort („apud Biscopsheim“); dass der Kaiser „auf der Burg“ gewesen sei, ist die Lesart von Ogiermann und Gehrig/Müller. Und die Urkunde von 1222 erwähnt keine Burg.
Das heißt nicht, dass es keinen befestigten Hof gab. Aber die Burg, die später das Stadtbild bestimmt, ist ein Werk der Mainzer Erzbischöfe, nicht der Staufer. Dieser Text folgt Schneider.
Warum die Frage zählt
Wer die Burg ins 12. Jahrhundert datiert, macht Bischofsheim zu einem Mittelpunkt der Staufer. Wer sie ins späte 13. Jahrhundert setzt, macht den Ort zu einer Gründung des Mainzer Erzbischofs. Beide Lesungen haben im Lauf der Stadtgeschichtsschreibung Anhänger gehabt – die erste im Jubiläumsjahr 1955, die zweite in der modernen Stadtarchäologie.
Einordnung
Die zerstückelte Herrschaft
Wer die Geschichte dieser Jahrhunderte durchsieht, bemerkt, wie viele Hände im Spiel sind: ein Erzbischof, ein König, ein , ein Stift in Weisenau, ein Burglehensinhaber, ein Vogt, die Herren von Rieneck, die Hohenlohe, später Würzburg. Das ist kein Zufall, sondern eine Eigenart dieser Gegend, in der Mainz, Würzburg und die kleinen Grafschaften um die Rechte stritten.
Diese Zersplitterung wirkt über Jahrhunderte nach. Die Zent (das ) blieb zeitweise geteilt, das Geleit hatte Mainzer und Würzburger Abschnitte, die mit dem Mainzer Rad und dem Würzburger Wappen standen sich bei Gerchsheim gegenüber, und noch 1585 und 1592 musste man in Verträgen Dörfer zwischen Mainz, Würzburg und den Grafen von Leuchtenberg aufteilen. Das Flickwerk, das die Karte des Amtes im 17. Jahrhundert zeigt, hat seinen Ursprung in diesen Jahrzehnten: Wer 1237 „Vogtei und Dorf“ erhielt, erhielt nicht ein geschlossenes Land, sondern ein Netz von Ansprüchen.

7 · Das RadEin Zeichen und seine Deutung
Zu dieser Zeit taucht auch das Zeichen auf, das die Stadt bis heute im Wappen führt: das Mainzer Rad. Es steht auf den Münzen des Erzbischofs Siegfried III. kurz vor 1250 zum ersten Mal, schon ausgebildet mit Nabe und Felgenkreis, zunächst sechs-, dann achtspeichig; das heutige Bischofsheimer Wappen hat sieben Speichen. Die Volksüberlieferung kennt eine hübsche Erklärung: Der Mainzer Erzbischof Willigis (975 bis 1011), Sohn eines Wagners, habe das Rad seinen Spöttern zum Trotz zum Wappen gewählt. Das ist Legende, und Gehrig und Müller halten sie nicht für haltbar: Sie folgen einer Deutung von J. J. Menzel (1973), nach der das Rad ein stilisiertes Christusmonogramm ist: die ineinandergeschriebenen griechischen Anfangsbuchstaben von Christus (Chi und Rho), durch einen Nimbus oder Lorbeerkranz zum Kreis geschlossen, mit einem eingefügten Kreuz achtarmig. Als Beleg dient, dass solche „Räder“ schon auf frühchristlichen Kapitellen (Syrakus, 4./5. Jahrhundert) und an der Fassade des Doms von Monza (um 600) neben Kreuzen stehen. Als der Sinn verloren ging, deutete man es als Wagenrad, und die Speichenzahl wurde beliebig.9
Das ist eine Deutung, kein Beweis, aber eine, die zeigt, wie früh sich die Stadt in das Zeichen des Mainzer Erzstifts einreihte: Das älteste bekannte Stadtsiegel von 1309 zeigt neben einem Topfhelm bereits das siebenspeichige Rad; die Umschrift lautet SIGILLVM CIVITATIS D' BISCHOFISHEIM.10
8 · Was stand hier damals?Ein Dorf mit Höfen
Von der Siedlung des 12. Jahrhunderts wissen wir wenig mehr, als dass sie existierte. Auf der Terrasse unterhalb des Wellenbergs dürften die Höfe des Mainzer Erzbischofs, des Domkapitels und der Ritterfamilien gestanden haben; dazu kam eine Kirche. Die heutige Peterskapelle am Rand des späteren Stadtgebiets, deren Dachwerk 1179 dendrochronologisch datiert ist, stammt aus dieser Zeit und lag damals wohl am Siedlungsrand; die älteste Nachricht über sie, ein von 1341, ist nur durch einen Bericht des 17. Jahrhunderts bekannt, sicher belegt ist sie schriftlich erst 1549. Ein Ritter „Werner von Bischofsheim“ taucht 1288 als Bürge auf, ein Ludwig 1297, ein Theodericus 1264: Familien, die sich nach dem Ort nannten.11
Auf der anderen Seite der Tauber erzählt die Heimatüberlieferung von einer „Brenner-Burg“ (die Sage vom „Brennerbrand“ lässt den „roten Hofbauern“ von dort ins Taubertal ziehen): Dort, auf dem Brenner, habe ein sagenhafter Raubritter Hadumar gehaust; ein „Burgweg“ und die Flur „Burggärten“ führen zur „Hadermannshelle“, der Halde dieser Burg. Urkundlich belegt ist nichts, und Gehrig/Müller halten es für möglich, dass es sich um eine freie Burg des Niederadels handelte, die nie Lehen wurde und deshalb in keiner Lehensurkunde auftaucht, oder um eine Sage. Berberichs weitere „Burgen“ auf Edelberg, Höhberg und im Wolfstal waren, so Gehrig/Müller, nur Warttürme, die das Mainzer Jurisdiktionalbuch von 1670 als „B. Wart“ (Bischofsheimer Warte) verzeichnet; vom Höhberg konnte man Feuerzeichen zum Grünsfelder Turm auf dem Schalksberg geben. Der Turm im Wolfstal ist 1578 mit einem Weinberg erstmals genannt. Berberich hielt die Anlagen dagegen für Raubritterburgen und schrieb, der Turm am Edelberg habe noch „bis in die 30er Jahre“ des 19. Jahrhunderts drei Stockwerke hoch gestanden, bis Bürger die Mauern abbrachen und mit den Steinen Scheunen, Ställe und Gartenmauern bauten; ein unterirdischer Gang soll die Edelberg-Burg mit einer Burg am Tannenwald verbunden haben. Die Überlieferung lässt sich weder belegen noch widerlegen.12
Nach 1237 geht es schnell. Das nächste Kapitel erzählt, wie das Dorf in den folgenden Jahrzehnten zur Stadt wurde, ohne dass jemand die Urkunde dazu aufbewahrt hätte.