1 · Vor den FrankenEin Tal mit langer Geschichte
Wer glaubt, die Geschichte Bischofsheims beginne mit den Franken, unterschätzt das Tal. Der Boden, auf dem die Stadt steht, ist Schwemmland: Der Brehmbach, der heute unter dem Namen „Brehm“ kaum noch erkennbar ist, hat die Terrasse am linken Ufer der Tauber aufgebaut und im Süden eine natürliche Siedlungsgrenze gezogen. Die Altstadt liegt auf zwei Stufen, die man bis heute als „obere“ und „untere“ Stadt unterscheidet; zwischen dem Fuß des Wellenbergs und dem Ufer liegen rund zehn Meter Höhenunterschied. Das Klima ist mild und trocken, es fallen nur 500 bis 700 Millimeter Regen im Jahr, und die Böden aus Löss und Lehm sind fruchtbar. Das alles zog Menschen an, lange vor der Schrift. Dass das Gelände der späteren Unterstadt im frühen Mittelalter deutlicher aus der Flutzone der Tauber herausragte, als die Schäden seit dem 17. und 18. Jahrhundert vermuten lassen, schließt Schneider daraus, dass sich die Aue durch Abschwemmungen von den Hängen in geschichtlicher Zeit um mehr als zwei Meter aufgehöht hat: 1823 bezeugten die , die Tauberwiesen seien in 100 Jahren um sechs bis sieben Schuh gewachsen.1
Die ältesten Spuren sind eiszeitlich: Im „Schlacht“ fand man Teile von Skelett und Stoßzähnen eines Mammuts, auf den früheren „Krautäckern“ eine Knochenspitze der Aurignacien- oder Olschewa-Kultur (zwischen 30 000 und 15 000 v. Chr.) und eine Harpune des Magdalénien (15 000 bis 9000 v. Chr.). Die ersten Bauern, Träger der Bandkeramik (5500 bis 4900 v. Chr.), siedelten auf der Niederterrasse rechts der Tauber. Im Endneolithikum (3400 bis 2300 v. Chr.) ist die Dichte der Funde im Taubertal im süddeutschen Raum bislang unübertroffen: Allein zwischen Königshofen und Hochhausen kennt man 16 Fundstellen der Schnurkeramik, oft nur 600 Meter voneinander entfernt, freilich nur Gräber und keine Siedlungen. Zu den Friedhöfen gehören der von Dittigheim („Stadtschreiber“, 63 Tote in 33 Gräbern), der von Impfingen und der Bestattungsplatz „Wöllerspfad“ bei Königshofen mit rund 75 Toten, das größte bisher erfasste schnurkeramische Gräberfeld Süddeutschlands. Auf dem Stadtgebiet stieß man erstmals 1908/09 auf solche Gräber, als ein Acker am damaligen Nordrand der Stadt zur Gärtnerei umgewandelt wurde.2
Die Bronzezeit hinterließ im Wald „Mosig“ östlich oberhalb der Stadt Grabhügel (um 1500 bis 1300 v. Chr.). Mit der Urnenfelderzeit (ab etwa 1200 v. Chr.) und vor allem der Hallstattzeit verdichten sich die Funde: 38 Fundpunkte auf beiden Seiten des Flusses, darunter eine Nekropole mit 31 Gräbern in der Wolfstalflur (spätes 8. bis erste Hälfte 7. Jahrhundert v. Chr.) und, nur wenige Kilometer entfernt, der Friedhof „Rebhuhn“ bei Impfingen mit fast 200 Gräbern, dem größten untersuchten Friedhof dieser Epoche in Baden-Württemberg. Mit der Latènezeit (ab etwa 450 v. Chr.) treten die Kelten als erste ethnisch fassbare Einwohner auf: Auf den „Fronbrunnenäckern“ an der Straße nach Hochhausen fanden sich zehn Grubenhäuser einer frühlatènezeitlichen Siedlung. Ein sprachliches Erbe der Kelten ist der Flussname: dubron heißt „Wasser“. Die ältesten Belege, tubri(gowe) und dubra(goe) in den Namen des Taubergaus, erklärt Hugo Stang 1955 aus dem Keltischen: Das Wort entspricht walisisch dwfr, kornisch dour und irisch dobur, und der englische Ortsname Dover geht auf keltisch Dubris zurück, den Ort am Wasser; die Endung -a hielt man für einen Plural, die Tauber hieße dann „die Wasser“. Die oft gehörte Deutung „Schwarzwasser“ lehnt er als Verwechslung mit keltisch dubo, schwarz, ab; schon der Sprachforscher Springer (1930) und Schumacher (1931) hatten sie für sachlich unbegründet gehalten. Das ist der Stand von 1955.3
Etwa seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. siedelten sich Germanen aus dem Oder-Warthe-Gebiet im keltischen Siedlungsgefüge an, später elbgermanisch-suebische Gruppen aus dem Thüringer Becken. Die bedeutendste Fundstelle auf dem Stadtboden liegt östlich der Tauber an der Bonifatiusstraße („Elektro-Pelz“): Dort kam 1960/61 eine Geschirrdeponierung mit 14 vollständigen Gefäßen der Großromstedter Kultur zutage. Bald nach der Zeitenwende bricht diese Besiedlung ab, vielleicht im Zusammenhang mit der römischen Germanenpolitik der augusteisch-tiberischen Zeit; für das gesamte 1. Jahrhundert n. Chr. fehlen archäologische Belege aus dem Taubertal. Erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts erreichten Siedler des rhein-weser-germanischen Formenkreises den Raum. Der obergermanische Limes lag damals nur rund 25 Kilometer weiter westlich (Miltenberg–Walldürn–Osterburken); die Tongefäße römischer Herkunft, die in den germanischen Siedlungen auftauchen, zeigen, dass man Handel trieb. Das Halsstück einer Amphore wurde beim Bau der evangelischen Kirche gefunden. Nach dem Fall des Limes siedelten seit dem 4. Jahrhundert Alamannen im Maingebiet, kurzzeitig auch Burgunder; ein Doppelkörpergrab von 1826 am Südostrand von Werbach und vier Gräber vom „Hühnerberg“ bei Gerlachsheim (1951 und 1954 entdeckt) bezeugen diese Zeit.4
Eine Randbemerkung zur Forschungsgeschichte: Im 19. Jahrhundert wurde die These vertreten, Tauberbischofsheim sei „aus einem römischen Lager“ hervorgegangen; als Beleg diente angeblich vier Fuß dickes Gemäuer, das bei Grabarbeiten in Gärten auf der rechten Tauberseite zutage getreten sei, sowie angeblich römisches Mauerwerk im Schloss und im Türmersturm. Die moderne Forschung hat das nicht mehr aufgegriffen; römische Funde sind nur Einzelstücke wie das im August 1954 in der Wolfstalflur gefundene Doppeldenar des Aurelian. Die Stadt hat keine römische Vorgängerin.5
Hintergrund
Was 1955 über die Vorgeschichte bekannt war
Bis 1922 war das Taubergebiet nach den Worten Hugo Stangs „der unerforschte weiße Fleck“ auf der Fundkarte. Das änderte sich, als der Heidelberger Prähistoriker Ernst Wahle damals mit planmäßigen Grabungen begann, unterstützt von Gymnasiumsdirektor Rach, Stadtpfarrer Weick, Forstwart Lutz, Konrektor Ziegler und vielen Bürgern, die Zufallsfunde meldeten. Das 1920 gegründete Heimatmuseum baute daraus eine vorgeschichtliche Sammlung auf. Stang, seit 1949 Bezirkspfleger für ur- und frühgeschichtliche Bodendenkmäler, fasste den Stand 1955 in der Festschrift zusammen. Seine Liste ist der Ausgangspunkt für vieles, was heute über die Gemarkung gesagt wird, und sie hat die Schwäche ihrer Entstehung: Gefunden wurde, wo gebaut wurde. Stang räumt selbst ein, dass die Funddichte stark von der Bautätigkeit abhängt und nicht unbedingt die frühere Besiedlung abbildet.6
Sein Urteil über den Ort beruht auf drei Beobachtungen. Erstens war der Platz seit Jahrtausenden bewohnt: Die Funde der Jungsteinzeit, der Bronze- und der Eisenzeit liegen auf beiden Ufern der Tauber, und nach Stang war Tauberbischofsheim um 700 v. Chr. „der am stärksten besiedelte Platz des ganzen Landkreises“, weil die Mündung des Brehmbachs an den Verkehrswegen zwischen Main und Neckar lag. Zweitens ist die Gemarkung mit 2397 Hektar auffallend groß, beidseits der Tauber fast gleich ausgedehnt und natürlich abgerundet; solche Gemarkungen gelten als Merkmal eines alten Ortes. Drittens passen der alamannische und der fränkische Friedhof am Wellenberg zu einem Dorf in unmittelbarer Nähe. Daraus schloss Stang, dass Bischofsheim keine der jüngsten, sondern eher eine der ältesten Ortschaften der Gegend ist und dass der Name erst später auf einen älteren Ort übertragen wurde: Die Verbindung mit „Bischof“ könne frühestens in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts entstanden sein, zur Zeit des Bonifatius. Die Erzählung bei Oechelhaeuser, Chlodwig habe nach der Taufe dem Bischof Remigius von Reims zwei „Bischofsheim“ genannte Orte geschenkt, könne nicht auf die Tauber bezogen werden, da es um 500 an der Tauber noch kein Christentum gab. Dass die Höfe selbst auf dem Schuttkegel von Wellenberg und Sprait unter der heutigen Altstadt lagen, sei wahrscheinlich, aber nicht zu beweisen, weil Siedlungsreste dort im Mittelalter beim Ausheben von Baugruben zerstört wurden; nur bei der Metzgerei Hörner fanden sich frühfränkische Scherben.7
Zwei Vorbehalte gehören dazu. Die Datierungen sind die von 1955; wo Schneider (2005) und die Grabungen seit den 1990er Jahren abweichen, folgt das Kapitel ihnen (Kapitel 1, Abschnitt 3). Und die Aussage, Tauberbischofsheim habe „den einzigen Siedlungsnachweis aus der Zeit der ersten Landnahme der Alamannen“ im badischen Frankenland erbracht, beschreibt den Stand vor siebzig Jahren: Es sind zwei Gräbergruppen am Wellenberg, keine Siedlung.
| Fundstelle | Zeit | Befund |
|---|---|---|
| Gärtnerei Horn | Jungsteinzeit, Schnurkeramik (vor etwa 4000 Jahren) | Hockergrab mit schnurverziertem Becher und Flachbeil aus Serpentin, weitere Bestattungen, Kinderskelette |
| Alois-Kachel-Straße (Gewann Burgweg/Krautgärten) | Schnurkeramik, entdeckt 1952 | Zwei Hockerskelette (Mann und Frau) in zwei Metern Tiefe unter Schwemmlöß, Becher und Grünsteinbeil |
| Hof der Schulmöbelfabrik | Schnurkeramik, 1951 | Grobknochige Skelettreste, zwei trapezförmige Steinbeile |
| Gänsflürlein | Schnurkeramik, 1953 | Skelettreste, langer Steinmeißel, kleines Trapezbeil |
| Mosigwald, Ostrand | Älteste Bronzezeit, um 1500 v. Chr.; Grabung 1922 (Wahle) | Grabhügel von 10 Metern Durchmesser und 1 Meter Höhe; zwei Frauen, Radnadel, Arm- und Beinspiralen; um 700 v. Chr. erweitert, fünf weitere Tote |
| Sportplatz Würzburger Straße | Hallstattzeit, entdeckt 1932 | Abfallgruben mit Scherben und Hüttenlehm; darüber Schwemmlöß eines Unwetters |
| Krautgärten (Alois-Kachel-Straße) | Hallstattzeit | Urne mit Leichenbrand, 7,5 Meter vom Hockergrab entfernt |
| Wolfstalflur | Hallstattzeit, etwa 700 bis 500 v. Chr. | Frauenfriedhof mit Flachgräbern, Gewandnadeln mit Klapperblechen; größter geschlossener Fundkomplex der Hallstattzeit in Baden (Stand 1955) |
| Alois-Kachel-Straße und Würzburger Straße | Keltenzeit, 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. | Siedlungsreste, Schale der Spätlatènezeit |
| Dittwar, „Heidenkessel“ | Keltenzeit (vermutet) | Travertinfelsen, nach Stang vielleicht ein keltisches Heiligtum |
| Evangelische Kirche, Wellenberg | Römerzeit | Henkel einer großen römischen Amphore beim Kirchenbau 1893 |
| Wellenberg (Häuser Schwellinger und Scheuermann) | Alamannen, 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. | Zwei Skelette und Scherben (Fußvase um 200 n. Chr.), später 16 Körpergräber; Gräberfeld über 100 Jahre belegt |
| Evangelische Kirche, Wellenberg | Franken, 6. und 7. Jahrhundert | Reihengräberfriedhof; 1893 Gräber mit Schwert, Speerspitzen, Messern, Bronzeschmuck und bunten Tonperlen |
Nach Stang in: Aus der Geschichte einer alten Amtsstadt, 1955, S. 14–79. Die zeitliche Einordnung ist die damalige.
Hintergrund
Der Limes lief zwanzig Kilometer weiter westlich
Als die Römer ihre Herrschaft rechts des Rheins sicherten, blieb das Taubertal knapp außerhalb. Der ältere Odenwaldlimes geht auf Kaiser Trajan um 98 n. Chr. zurück. Später verlegte man die Grenze 15 bis 30 Kilometer nach Osten auf den schnurgeraden „Vorderen Limes“ von Walldürn bis Welzheim, der mehr als 81 Kilometer lang ist.8 Walldürn liegt rund zwanzig Kilometer westlich von Bischofsheim. Römische Kastelle, Straßen und Gutshöfe gab es also im Hinterland des Limes, nicht aber im Taubertal; um 260 gaben die Römer den rechtsrheinischen Streifen ganz auf.
Das erklärt, warum die Forschung die alte Vorstellung, die Stadt sei „aus einem römischen Lager“ hervorgegangen, nicht bestätigen kann. Sie passt auch geografisch nicht: Die Grenze des Reiches lag einen Tagesmarsch entfernt, und die Funde der Eisen- und Kaiserzeit auf dem Stadtboden sind keltisch und germanisch.
2 · Das Land und die FrankenWie man ein Tal in Besitz nimmt
Das Taubertal ist eine Landschaft aus Muschelkalk und Lösslehm, milde Hänge für den Wein, breite Talwiesen, flache Höhenrücken. Zur Vorgeschichte vgl. auch Hugo Stang, dessen Aufsatz in der Festschrift von 1955 die vorgeschichtliche Besiedlung zusammenfasst, und Ogiermanns Münztafel mit dem Aurelian-Fund.9
Mit den Franken setzt die Überlieferung ein. Die Alamannen, die zuvor im Maingebiet gesiedelt hatten, verloren nach 496 bis 506 gegen den Frankenkönig Chlodwig; ab 529 bis 534 gehörten die Mainlande ganz zum Frankenreich. Danach begann, was die Forschung den fränkischen Landesausbau nennt: Die Könige und ihre Gefolgsleute setzten Höfe und Siedlungen planmäßig in das Land, sicherten Furten und Straßen und legten die Grenzen der fest, die oft bis heute gelten. Die Gemarkung von Bischofsheim misst 2398 Hektar, die des Nachbarn Königheim 2402. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall: Beide gehen auf die Zuteilungen dieser Jahrzehnte zurück.10
Auch der Name des Flusses stammt aus dieser Zeit und aus noch früherer: Der Geograph von Ravenna nennt die Tauber um 700 „Dubra“, ein keltisches Wort für „Wasser“. Die Landschaft hieß seit dem 8. Jahrhundert („Tubrigowe“; die aus Fulda nennen ihn zwischen 750 und 779, das Jahr 769 ist die bekannteste Angabe). Die Grafen dieses Gaues sind seit 807 bekannt, damals ein Audulf, ein Vertrauter Karls des Großen; der letzte, den die Quellen nennen, ist Hezilo im Jahr 1054. Bischofsheim, Miltenberg und Wertheim waren die Hauptorte des unteren Taubergaus; die Grenze zum oberen Gau lief beim Marbacher Graben.11
3 · Gräber und GrubenWas die Archäologie sagt
Wer genauer wissen will, wann und wo die ersten Franken im Tal lebten, muss den Spaten fragen. Er antwortet an drei Stellen. Am unteren Wellenberg, dort, wo heute die evangelische Kirche und ihr Pfarrhaus stehen, fanden sich Gräber aus dem 6. und der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts, weitere bis etwa 700. Wenige hundert Meter weiter lag in Dittigheim das große , das nach der Flur „Stadtschreiber“ heißt: 561 Bestattungen, belegt vom ersten Drittel des 6. bis ins frühe 8. Jahrhundert, am Ende erkennbar christlich geprägt. Man fand dort unter anderem eine Münze mit Kreuz und ein Brustkreuz aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Wer hier begraben wurde, lebte also, als das Christentum noch jung und keineswegs selbstverständlich war.12
Die dritte Fundstelle liegt auf der anderen Seite der Tauber. Östlich des Flusses, dort, wo heute Kapellenstraße, Duderstädter Allee und die Alte Wertheimer Straße verlaufen, haben Archäologen Siedlungsreste gefunden: Gruben, Pfostenlöcher, Feuerstellen, ein Grubenhaus. Grabungen in der Kapellenstraße 1994 datieren sie in die zweite Hälfte des 6. und das späte 7. Jahrhundert; eine karolingische Riemenzunge ist der jüngste Fund. Dann bricht die Besiedlung dort ab, und der Ort erscheint erst wieder am anderen Ufer, unterhalb des Wellenbergs, auf der Terrasse, auf der später die Stadt entsteht. Das Gelände östlich der Tauber wird erst im späten 19. Jahrhundert wieder bebaut.13
Man darf das nicht überlesen. Der Ort „Bischofsheim“, den die schriftlichen Quellen später nennen, war nicht die erste Siedlung an dieser Stelle. Er war das Ergebnis einer Verlagerung: weg vom Ostufer, hin zu einem Gelände, in dem kirchliche und herrschaftliche Einrichtungen standen. Was die Menschen dazu brachte, ist unbekannt. Der archäologische Befund passt aber zu einer Zeit, in der ein und eine Kirche den Siedlungskern festlegten.
Begriffe
Wie liest man ein Gräberfeld?
- Reihengräber
- Friedhöfe der Merowingerzeit, in denen die Toten in Reihen, meist mit dem Gesicht nach Osten, bestattet wurden. Beigaben (Waffen, Schmuck, Gefäße) erlauben es, Gräber auf wenige Jahrzehnte genau zu datieren.
- Beigaben und Glaube
- Je christlicher ein Friedhof wird, desto weniger Beigaben enthält er. Kreuze auf Münzen und Brustkreuze gelten als Zeichen früher Christen.
- Landesausbau
- Die planmäßige Anlage von Siedlungen durch die fränkischen Könige und Adligen, vor allem im 6. und 7. Jahrhundert.
4 · Straßen und FurtenWarum hier?
Einen Ort an der Tauber gab es nicht zufällig. Die frühmittelalterlichen Königsstraßen, die von Speyer und Worms nach Würzburg und weiter nach Osten führten, mussten den Fluss irgendwo queren, und eine ihrer Möglichkeiten lag bei Bischofsheim. Die Geschichtsforschung hat zwei Wege rekonstruiert: eine nördliche Straße von Speyer über Wiesloch, Mosbach und die Höhen des Baulandes nach Bischofsheim, und eine zweite über Amorbach und Külsheim. Von hier aus ging es nach Würzburg über Großrinderfeld oder über Gerchsheim und Kist. Dass die Straßen in dieser Gegend eine Rolle spielten, folgern die Forscher auch aus Bodenfunden, die einen vorgeschichtlichen Weg vom Main über Bischofsheim nach Rothenburg belegen sollen.14
Diese Wege verliefen nicht dort, wo wir sie heute vermuten. Fernwege folgten im Mittelalter den Höhenrücken, den Wasserscheiden, weil man dort bei Regen nicht im Schlamm versank; erst für die Nacht stieg man ins Tal ab. Bis heute sind solche Wege im Gelände zu erkennen, als , die sich im Lauf der Jahrhunderte durch Räder, Zugtiere und Regen in den Boden gegraben haben: bei Großrinderfeld, am Teufelsloch, im Wald zwischen Großrinderfeld und Gerchsheim. Sie entstanden nie absichtlich, sondern weil jede Spur zu tief wurde und man daneben eine neue anlegte. So entstand ein „Fächer“ von Wegen, nie die eine Straße.15


Den Verlauf der alten Straße auf Karten und im Gelände, mit Hohlwegen und Stationen, zeigt das Projekt Der Verkehrsweg Würzburg–Miltenberg auf beierstettel.de.
5 · Bonifatius und LiobaEine Gründung, die man nicht findet
Dann tritt die Kirche auf, und mit ihr die berühmteste Geschichte, die Bischofsheim zu erzählen hat. Bonifatius, der angelsächsische Missionar, den Papst Gregor II. 722 zum Missionsbischof ohne festen Sitz geweiht hatte, gründete im Frankenreich Klöster, die Stützpunkte seiner Mission sein sollten: Amöneburg, Fritzlar, Ohrdruf, später Fulda. Für Frauen entstanden Gründungen in Kitzingen, Ochsenfurt, Zellingen und, so die Überlieferung, in Bischofsheim. Zur berief er eine Verwandte, die um 710 in Wessex geborene Lioba, die in Wimborne erzogen worden war und ihm geschrieben hatte.16
Das Gründungsjahr, das die Stadt feiert, ist 735. Es ist das Referenzdatum der 1200-Jahr-Feier von 1955, die eigentlich schon 1935 hätte stattfinden sollen und, wie Schneider schreibt, „aus politischen Gründen unterblieb“; und es ist die Grundlage der 1250-Jahr-Feier 2005, bei der die heilige Lioba von Robert Zollitsch zur Schirmherrin der Stadt erhoben wurde. Die Quellenlage freilich ist dünner, als es die Feste vermuten lassen. Schneider setzt die Gründung „um 735, vielleicht erst nach 737/38“; Gehrig/Müller nennen 735 als Zeit, aber verweisen darauf, dass das Bistum Würzburg erst 741/42 entstand und der Untere Taubergau in der Schenkung Karlmanns an das neue Bistum nicht vorkommt – er gehörte also vermutlich weiterhin zu Mainz.17
Wichtiger noch: Es gibt aus der Zeit selbst keinen Bericht. Alles, was wir von Lioba und ihrem in Bischofsheim wissen, stammt aus der Lebensbeschreibung, die der Fuldaer Mönch Rudolf um 836, also über hundert Jahre später, im Auftrag des Abtes Hrabanus Maurus schrieb, gestützt auf die Erinnerungen von Liobas Schülerinnen. Rudolf nennt den Ort „Biscofesheim“ an der „Tuberaha“; es ist die erste Erwähnung des Ortsnamens überhaupt. Er erzählt, dass die Nonnen in Bischofsheim lebten, dass durch den Ort ein Fluss floss und das Kloster eine Mühle hatte, dass die Schwestern Lioba einst zu einer kranken Mitschwester riefen, die man über die Tauber in das Haus ihrer Eltern getragen hatte. Dass Lioba später aus dem Kloster wegzog, in den späten 770er Jahren, und 782 in Schornsheim bei Mainz starb, ist ebenfalls aus dieser Quelle bekannt; 838 brachte man ihre Gebeine auf den Petersberg bei Fulda.18
Es ist ein schöner, bildhafter Text, und er hat einen Haken: Nirgends steht, dass das „Biscofesheim“ der Vita das Bischofsheim an der Tauber ist. Die Mehrzahl der Stadtgeschichtsschreiber, von Berberich bis Schneider, gehen von der Tauber aus; Berberich führt in einem langen Kapitel die Gründe an: alte Abschriften, die den Fluss nennen, die Nachbarschaft zu Fulda, die Tradition seit Trithemius 1515. Eine Gegenpartei, vor allem Rhöner Lokalforscher des 19. Jahrhunderts, möchte das Kloster in Bischofsheim in der Rhön sehen. Der Streit ist nicht entschieden, aber in der neueren Stadtgeschichte nicht mehr strittig: Man nimmt an, dass die Vita die Stadt an der Tauber meint, hält das aber nicht für bewiesen.19

6 · Wo stand das Kloster?Das Schweigen des Bodens
Wo das Kloster lag, ist ungeklärt, und der Boden gibt keine Antwort. Die Vita nennt einen Fluss, der mitten durch Ort und Kloster fließe; die ältere Tradition suchte es dort, wo später das und das Franziskanerkloster standen, am Brehmbach. Eine Grabung im Bereich der Liobakirche im Jahr 1966, die vorzeitig abgebrochen werden musste, fand keine Baubefunde; die ältesten Funde dort sind gelbtonige Drehscheibenware des 9. und 10. Jahrhunderts, nach Schneider „nachklösterlich“. Beim Abbruch der alten Martinskirche 1910 untersuchte niemand den Untergrund. Eine Vermutung über eine Holzkirche des frühen 8. Jahrhunderts und einen Steinbau um 800, die in älteren Kirchenführern steht, ist laut Schneider „durch nichts begründet“.20
Eine Spur aus der Lebensbeschreibung selbst greift Anton Ullrich 1955 auf, in der Nachfolge Berberichs. Der Fuldaer Mönch Rudolf erzählt von der Nonne Willeswinda, die schwer krank war und deren Eltern sie mit Erlaubnis der Äbtissin auf einer Trage über die Tauber nach Hause holten; sie wurde gesund und kehrte ins Kloster zurück. Daraus folgert die Festschrift, das Kloster habe tatsächlich an der Tauber gelegen, und Stang meint, das Elternhaus könne nicht auf den Wiesen Richtung Dittigheim gestanden haben, weil diese Überschwemmungsgebiet waren, sondern müsse jenseits der Tauber gelegen haben, an der Würzburger Straße, in den Krautgärten oder an der Schlacht. Das sind Überlegungen, keine Befunde; die Vita sagt nichts über Flurnamen.21
Auch ein oft genannter Fund bringt keine Lösung: das „Tauberbischofsheimer Kapitell“ aus rotem Sandstein, karolingisch, heute im Landschaftsmuseum. Es wurde, wie der Museumsleiter Otmar Bischof 1970 feststellte, für die Basilika des Abtes Ratgar in Fulda gearbeitet und von den Franziskanern nach Bischofsheim gebracht; es gehört also nicht zum Liobakloster, sondern zur späteren Geschichte der Liobaverehrung.22
Dass das Kloster im Lauf des 9. Jahrhunderts verschwand, nimmt die Forschung an, Schneider spätestens in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, Gehrig/Müller schon bald nach Liobas Tod. Eine gefälschte Urkunde im Codex Eberhardi (um 1160) lässt zwar noch um 799/800 eine Nonne Emhild von Milz „in loco Biscofesheim“ Zuflucht suchen; sie zeigt, dass man im 12. Jahrhundert von dem Ort wusste, beweist aber nichts. 1515 schreibt der Abt Johannes Trithemius lakonisch, vom Kloster sei nichts mehr übrig. Wenn die mittelalterlichen Bischofsheimer sich an Lioba erinnerten, dann taten sie es so leise, dass keine Urkunde davon spricht.23
7 · Die wiedergefundene HeiligeWie Lioba zur Stadtpatronin wurde
Dieser letzte Punkt verdient Aufmerksamkeit. Wilhelm Ogiermann, dessen Festschrift 1955 das Lioba-Jubiläum feierte, hat in den mittelalterlichen Urkunden der Stadt „nicht ein einziges Mal“ einen Hinweis auf Lioba gefunden: Keine Stiftung gedenkt ihrer, und die Gottesdienstordnung, die der Pfarrer Appelius und der Rektor Jakob Adel 1612 aufzeichneten, kennt nicht einmal ihren Namen.24
Dann geht es schnell. 1618 lässt der Amtmann Caspar Lerch von Dürmstein die Leonhardskapelle jenseits der Tauberbrücke wiederherstellen und einen zu Ehren der Lioba errichten, „welche einst am Ort des neuen Spitals fromme Nonne war“. 1629 holt man in die Stadt; sie machen die Heilige zur Patronin ihres Hauses. Ab 1636 nennt die kurfürstliche Bestätigung das Spital, das man den Mönchen überlässt, „das Klösterlein der hl. Lioba“. 1655 kommen aus Fulda, 1661 ein Stück vom Kiefer aus Mainz, am 28. September 1661 feiert die Stadt ein großes Liobafest. 1656/57 wird die neue Klosterkirche der Franziskaner der Dreifaltigkeit, der Lioba und der Elisabeth geweiht.25
Einordnung
Eine Heilige, die man nicht verloren hatte
Für die Frage, wie alt die Liobaverehrung in Bischofsheim ist, gibt es zwei mögliche Antworten, und die Quellen sprechen für die weniger bequeme: Sie ist nicht mittelalterlich, sondern ein Werk der . Die Franziskaner, die 1629 in eine Stadt kamen, in der es ein Spital, eine und keine Ordensniederlassung gab, brauchten eine Legitimation für ihre Ansiedlung. Ein Kloster der heiligen Lioba auf der Stelle des Spitals war dafür ideal: Es machte aus einem Neubau eine Wiederherstellung.
Das muss kein Betrug gewesen sein. Wahrscheinlich glaubten die Mönche, was sie schrieben, und die Tradition, dass das Frauenkloster der Vita hier gestanden habe, ist älter als die Franziskaner – sie reicht zu Trithemius zurück. Aber die Verehrung, die wir heute sehen, den mit der Heiligen neben dem heiligen Martin, das Fest, die Schirmherrschaft von 2005, hat eine Geschichte von vierhundert Jahren, nicht von zwölfhundert. Wer das sagt, nimmt Lioba nichts weg. Er erklärt nur, warum es so lange dauerte, bis sie in Bischofsheim ankam.
Hintergrund
Lioba in der Stadt: Reliquien, Altäre, Lieder
Anton Ullrich, der Stadtpfarrer, der 1955 die Festschrift-Kapitel über das Christentum und Lioba schrieb, hat die Spuren der Verehrung vor Ort zusammengetragen. Er stützt sich dabei auf Berberich und das Liobabüchlein des Paters Kaspar Liebler von 1683. Bemerkenswert sind darin vor allem Spuren, die älter sind als die Franziskaner. Der Name „Klösterlein der heiligen Lioba“, den die Mainzer Urkunde vom 8. März 1636 für das Spitalgebäude gebraucht, ist für Ullrich eine, wenn auch schwache, Lioba-Tradition am Ort. Auch die Leonhardskapelle jenseits der Tauberbrücke habe nach Liebler ein altes Liobabild getragen; der Pater Hermann Barlo nennt sie 1704 „Heiligtum der hl. Lioba und des hl. Leonhard“. Die Kapelle wurde, so Ullrich, 1789 abgebrochen (andere Quellen nennen 1784 oder 1798; vgl. Kapitel 13), der Verbleib des Bildes ist unbekannt. Der Valentinusaltar der Martinskirche, 1756 in Karlstadt am Main geschnitzt, stellt neben der heiligen Walburga und der heiligen Thekla zwei Gefährtinnen Liobas dar.
Die ersten Reliquien sollten 1631 aus Fulda geholt werden; der Dreißigjährige Krieg verhinderte es. Erst auf wiederholte Bitten bekam Pater Burvenich Reliquien samt Echtheitsattest, datiert auf den 1. Mai 1655. Er trug sie über Hammelburg nach Werbach, las dort die Messe zu Ehren der Heiligen und schickte einen Boten nach Bischofsheim. Der zog mit Pfarrer Tilman Zilch, Johann Schweikard von Sickingen und dem Rat in einer mit Musik nach Impfingen, nahm die Reliquien in Empfang und trug sie auf einer kleinen, verzierten Bahre zur Pfarrkirche, wo ein Hochamt mit Predigt des Franziskaners Michael Gobelius stattfand; dann brachte die Prozession sie in die Franziskanerkirche des alten Spitals. Ullrich selbst vermutet, die Urkunde sei einige Wochen vorher ausgestellt, aber mit dem Datum des feierlichen Empfangs versehen worden. Das Stück vom Unterkiefer, das Johann Philipp schenkte, trägt ein Attest vom 26. September 1661. Die kleine „Liobaglocke“ im Dachstuhl der Klosterkirche trägt die Inschrift „1630“ und war ursprünglich eine Marienglocke, wie Ullrich schreibt, die der Mainzer Rentamtmann gießen ließ.26
Die Lieder haben eine eigene Geschichte. Der lateinische Hymnus „Ave virgo, Deo grata“ mit seiner alten deutschen Übersetzung („Ave, Jungfrau, gotterkoren“) steht schon im Liobabüchlein von 1683, die Verfasser sind unbekannt. Das neuere „Gaude, Virgo, gloriosa“ dichtete Anna Henner 1949 zum Liobatag und mischte absichtlich Deutsch und Latein als Anspielung auf die Sprache zu Liobas Zeit.27
Ein Blick in das 20. Jahrhundert, nur als Stichworte: 1930 der Liobaaltar von Professor Buscher, 1936 das 1100-jährige Jubiläum und ein neues Liobakloster, 1946 ein Hirtenschreiben des Erzbischofs Gröber, das die Stadt „zu einer Art Wallfahrtsstätte“ machen wollte, 1948 die Wiedereröffnung der Klosterkirche, 1952 das päpstlich genehmigte Messformular, 1954 der Liobabrunnen und die Umbenennung der Pfarrgasse in Liobastraße und des Kirchplatzes in Liobaplatz.28
8 · Der NameWas „Bischofsheim“ heißt
Bleibt der Name. „Bischofsheim“ bedeutet, wie das Wort sagt, das Heim des Bischofs: einen Hof, der einem Bischof gehörte. Wer dieser Bischof war, ist umstritten. Die ältere Forschung dachte an Bonifatius selbst, an einen Hof, den ihm der fränkische Hausmeier Karl Martell zugewiesen habe; Ogiermann hielt das für „mit Sicherheit anzunehmen“ und gestand zugleich ein, einen direkten urkundlichen Beleg, dass Bonifatius je hier war, habe er nicht gefunden. Man hat auch an die Bischöfe von Mainz oder Würzburg gedacht. Dass die Gegend im 8. Jahrhundert unter Mainzer Einfluss stand, nehmen die meisten an. Gewiss ist nur, dass der Ort 836 unter diesem Namen genannt wird und dass sein Name seither fast unverändert blieb. Dass der Name im 19. Jahrhundert um die Tauber ergänzt wurde, geschah vermutlich zur Unterscheidung von anderen Orten gleichen Namens; seit den 1830er und 1840er Jahren heißt die Stadt Tauberbischofsheim.29
Der Name lebt in der Mundart weiter, die man in der Stadt „Büschemerisch“ nennt. Sie gehört zum Taubergründer Dialekt im ostfränkischen Sprachraum, einem Übergangs- und Mischgebiet: Von der rheinfränkischen Nachbarschaft trennt sie die p-Linie, und man sagt in der Stadt noch „host“, im benachbarten Dittigheim aber schon „hoscht“, in Großrinderfeld „Naawel“ statt „Näwel“. Schriftlich festgehalten haben sie Josef Dürr in „Schleh unn Hoasselnüss“ (zuerst 1919, Neuauflage 1967 mit neuer Schreibweise) und Hugo Pahl in den „Bischemer Bösi Buwe“; Otto Heilig legte Grammatik und Wörterbuch des Taubergründer Dialekts in Lautschrift vor. Die westliche Vorstadt heißt auf Büschemerisch „Voorschd“, der Stadtgraben „Groawe“, und das Mühlbachviertel „Kloa-Venedich“.30
Was an der Stelle der und der Kirche stand, war um 800 ein Herrenhof (eine villa), ein Dorf oder eine Gruppe von Gehöften um einen Fronhof, vielleicht ein Kloster, das schon wieder verschwand, sicher aber eine Kirche – denn das Martinspatrozinium der Pfarrkirche gilt als Hinweis auf ein sehr hohes Alter, auch wenn sich der erste Bau weder nach Zeit noch nach Gestalt bestimmen lässt. Schneider rechnet mit mindestens zwei Vorgängerbauten der heutigen Kirche.31
Man erzählt sich in der Stadt noch eine zweite Gründungsgeschichte: von den „Sieben Höfen“, aus denen Bischofsheim hervorgegangen sein soll, dem Rehhof, dem Roten, dem Gelben Hof, dem Bischofshof. Die Forschung hat sie geprüft und für jung befunden: Sie ist nicht älter als das 19. Jahrhundert, die Hausnamen sind nur bis zum späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit belegt.32
Quellenkritik
Was die Sagen erzählen – und was man ihnen nicht glauben darf
Über hundert Sagen und Geistergeschichten, in der Mundart „Spuksen“ genannt, kennt man für die Gemarkung; die meisten spielen in der Flur, nur einige in der Innenstadt, einige erzählen die Entstehung des Ortes. Gesammelt haben sie Julius Berberich (1895), Ludwig Sütterlin (1896), Karl Hofmann (1911), Josef Dürr (1919), Johannes Künzig (1923), der Lehrer Karl Werr (handschriftlich 1936), Hugo Pahl („Bischemer Bösi Buwe“, 1955) und Peter Assion (1972); Hans Werner fasste die des Taubergrundes 1982 in „Zwischen Tag und Dunkel“ zusammen.
Eine Riesensage erzählt, Riesen seien durchs Brehmbachtal gekommen, hätten sich auf Büchelberg und Edelberg niedergelassen und Ochsen verlangt; als die Stadt das verweigerte, hätten sie Felsbrocken geworfen, die Lioba abwehrte. Die Liobasagen sind kleine Wundergeschichten: Lioba deckt eine Bettlerin auf, die ihr Kind in den Brehmbach warf; sie heilt das jüngste Kind des „roten Hofbauern“, sie beschwichtigt einen Sturm und löscht einen Brand, indem sie Salzwasser in die Tauber gießt und frisches Wasser holen lässt. Die Sage von den sieben Höfen lässt den roten Hofbauern nach dem „Brennerbrand“ ins Taubertal ziehen; jeder seiner sieben Söhne bekommt einen Hof – der des Erstgeborenen heißt Biscovesheim, die anderen Gelb-, Reh-, Hirsch-, Silber- und Hochhof. Sie ist, wie Schneider festgestellt hat, nicht älter als das 19. Jahrhundert; die Hausnamen sind nur bis zur frühen Neuzeit belegt.
Vorsicht ist aus einem Grund geboten, den Wohlfarth sauber herausgearbeitet hat: Bei den späteren Sammlungen wurden Flurnamen und Ortsangaben hinzugefügt oder verändert. Der Lehrer Karl Werr etwa verortete das erste Kloster Liobas am Brehmbach, während die ältere Fassung nur von einem „gestauten Bach“ spricht, was eher an den Mühlkanal denken lässt; bei Dürrs Gedicht „Der erlöste Geist“ nennt Werr den Fichtengraben, den Dürr nicht kennt. Sagen sind deshalb Quellen für das, was man sich erzählte, nicht für das, was geschah, und zugleich für das, was man am Ort sehen wollte.33
Quellenkritik
Was wir wissen – und was nicht
Sicher: Franken siedeln seit dem 6. Jahrhundert im Tal; es gibt Gräber, Siedlungsspuren und eine Verlagerung der Siedlung vom Ost- ans Westufer. 836 wird „Biscofesheim“ genannt.
Wahrscheinlich: Die Vita der Lioba meint das Bischofsheim an der Tauber; ein Frauenkloster bestand dort im 8. Jahrhundert und ging im 9. Jahrhundert ein.
Unsicher bis unbelegt: Gründungsjahr 735; Lage des Klosters; Mitwirkung des Bonifatius; Zugehörigkeit zu Mainz vor 741/42; alles, was über die Vita hinausgeht.
Zur Gründungsdatierung im Einzelnen
Berberich nennt 725 (nach Baronius) oder 748, Ogiermann und Schneider 735, Gehrig/Müller 741/42 als Zeitraum der Bistumsgründung Würzburg. Die Jubiläen 1955 und 2005 stützen sich auf das Referenzjahr 735. Rudolf von Fulda schrieb um 836; die Vita beruht auf Aufzeichnungen des Mönchs Mago aus der Zeit um 830/31 und auf Berichten von Schülerinnen Liobas.
Das nächste Kapitel führt in die Zeit, in der dieser fränkische Hof in den Besitz einer Königin kam und wieder an die Kirche zurückfiel: in das 10. Jahrhundert, die Ungarnzeit und die Jahrzehnte der Staufer.
Wie „Bischofsheim“ in der Mundart klingt, zeigt der kleine Bischemerisch-Übersetzer auf beierstettel.de.