Die Protokolle
Alles auf dieser Website beruht auf handschriftlichen Akten: den
Gemarkungsumgehungsbüchern, in denen die Tauberbischofsheimer Feldschieder über drei
Jahrhunderte festhielten, welche Steine sie auf ihren Grenzgängen vorfanden. Bevor man mit
ihnen rechnen konnte, mussten sie gelesen werden – Seite für Seite, Wort für Wort.
Die Bücher liegen im Stadtarchiv Tauberbischofsheim, dazu kommen Protokolle im
Generallandesarchiv Karlsruhe und im Staatsarchiv Würzburg. Alle Seiten wurden fotografiert und
von Hand transkribiert, in einer Kurrentschrift, die oft im Gelände und in Eile geschrieben wurde.
Diese Abschriften sind das Fundament, auf dem der Datensatz, die Karten und die Berechnung der
verschwundenen Steine stehen.
Die Kurrentschrift der Protokolle musste erst erlernt werden. An manchen Büchern dauerte die
Abschrift mehr als zwei Wochen, jeden Abend drei bis vier Stunden; in der Anfangszeit kostete die
Beschreibung eines einzigen Steins nicht selten eine Stunde. Allein die Abschrift des Grenzgangs
von 1872 umfasst 62 Seiten. Automatische Handschriftenerkennung half kaum: Für die
wechselnden Hände der Feldschieder gibt es kein ausreichend trainiertes Modell.
Wie die Protokolle zusammen gelesen werden, zeigt am besten ein einzelner Stein. An der Grenze
zu Grünsfeld, auf der Höhe im Wald, stand der sogenannte „1308er“
(Stein 369). Drei Grenzgänge beschreiben ihn, jeder in einer
anderen Handschrift. Links das Original, rechts die Abschrift.
Was die Protokolle über das Alter verraten. Die Zahl 1308 wäre die älteste
Jahreszahl auf einem Grenzstein weit und breit. Die Protokolle selbst liefern ein Gegenargument:
1608 und 1683 trägt die Grünsfelder Seite das Wappen der Landgrafen von Leuchtenberg. Grünsfeld
kam aber erst 1502/03 als würzburgisches Lehen an die Leuchtenberger; 1308 gehörte es den Grafen
von Rieneck
(Wikipedia: Grünsfeld). Ein Stein mit
leuchtenbergischem Wappen und „Jahrzahl beiderseits“ passt deshalb weit besser ins Jahr 1508 – zu
der Reihe von Steinen, die 1508 an der Grenze gesetzt wurden. Ganz ausschließen lässt sich eine
andere Erklärung nicht: Wappen auf Grenzsteinen wurden nach einem Herrschaftswechsel mitunter
nachträglich umgearbeitet. So ließ das Fürstenhaus Leiningen zwischen 1803 und 1806 auf vielen
Waldgrenzsteinen im früheren kurmainzischen Forst über das „CM“ für Chur-Mainz einfach ein „FL“
hauen. Mehr dazu im Artikel
„Ein alter Stein gibt Rätsel auf“.
Auch die Abstände erzählen etwas: 1608 sind es 99 Ruten bis zum vorigen Stein, 1683 nur noch 91
und 1872 gut 20. Die Stelle ist dieselbe – aber zwischen den Grenzgängen wurden weitere Steine
gesetzt, und jeder Abstand misst nur bis zum jeweils vorigen Stein. Genau diese Verdichtung der
Grenze lässt sich Protokoll für Protokoll nachverfolgen.
Dazu kommen die Großrinderfelder Grenzbegehung von 1784 (Generallandesarchiv
Karlsruhe, 229 Nr. 35161 a), die Landschiederbücher von 1860 bis 1919 und weitere Akten; alle
Signaturen stehen unter Quellen und Methode. Abbildungen mit
Genehmigung der Archive.