Grenzsteine Tauberbischofsheim

Begriffe

Wer alte Grenzbeschreibungen liest, stößt auf Wörter und Zeichen, die heute kaum noch geläufig sind. Hier sind die wichtigsten kurz erklärt, jeweils mit einem Hinweis, wo sie auf dieser Website vorkommen.

Schwarzweißfoto eines verwitterten Grenzsteins im Gras. Auf der Vorderseite ein Wappenschild mit Rad, links und rechts davon eingehauene Buchstaben, darunter eine Jahreszahl.
Der Eckstein von 1474 im Brehmbachtal an der Grenze zu Königheim (Stein 94), der älteste datierte Stein, der heute noch auf der Tauberbischofsheimer Gemarkungsgrenze steht: Wappenschild mit Mainzer Rad, zwei große „b“, darunter die Jahreszahl in der Schreibweise des 15. Jahrhunderts. Ältere Aufnahme der Kreisbildstelle Tauberbischofsheim. Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Wertheim, K-LRA 91 Nr. 253, Bild 17, Permalink.
Gemarkung
Das Gebiet, das zu einer Gemeinde gehört, mit allen Feldern, Wiesen und Wäldern. Die Gemarkungsgrenze trennt es vom Gebiet der Nachbargemeinden. Die heutige Gemarkung Tauberbischofsheim ist rund 30 Kilometer lang umgrenzt.
Grenzgang, Grenzbegehung
Die regelmäßige Begehung der Gemarkungsgrenze. Dabei wurde geprüft, ob alle Steine noch vorhanden und unbeschädigt waren; fehlende Steine wurden ersetzt. Begangen wurde meist abschnittsweise: Auf jedem Stück der gemeinsamen Grenze waren die Feldschieder beider Nachbarorte dabei, bei Streit oder Meinungsverschiedenheiten oft auch neutrale Feldschieder einer dritten Gemeinde. Das Ergebnis hielt ein Protokoll fest. Die erhaltenen Protokolle sind die wichtigste Quelle dieser Website, siehe Die Grenzgänge.
Landschieder, Feldschieder
Die Männer, die im Auftrag der Gemeinde die Grenzsteine setzten, überwachten und bei den Grenzgängen prüften; andernorts heißen sie auch Siebener. Einen Stein durften nur die Landschieder beider Nachbarorte gemeinsam setzen. Damit ein heimliches Versetzen auffiel, legten sie unter oder neben den Stein kleine Tonscherben mit eingekerbten Zeichen, die sogenannten Zeugen; wie sie aussahen, war ihr Geheimnis. In Tauberbischofsheim heißen sie in den Akten Landschieder oder Feldschieder; 1845 bat der Feldschied um die Aufnahme eines vierten Mitglieds. Heute gibt es in Baden-Württemberg keine Landschieder mehr; ihre Aufgabe, sich um die historischen Grenzsteine zu kümmern, hat in Tauberbischofsheim ein ehrenamtlicher Grenzsteinbeauftragter übernommen.
Malbaum, Lochbaum, Findling
Die Vorläufer der Grenzsteine. Lange bevor man Steine behauen und setzen ließ, markierte man Grenzen mit Zeichen, die in markante Bäume auf der Grenzlinie eingekerbt wurden (Malbäume oder Lach- bzw. Lochbäume), oder mit großen Findlingen, die zufällig auf der Grenze lagen und ein eingehauenes Kreuz erhielten. Solche Findlinge sind heute sehr selten. Foto eines Findlings mit Kreuz an einer früheren Grenze des Klosters Bronnbach gegen Höhefeld (Foto: Hendrik Beierstettel, bei Google Fotos).
Grenzberichtigung
Eine amtliche Änderung des Grenzverlaufs in einem Abschnitt, etwa um eine Grenze an einen Weg oder Bach anzupassen. Für Tauberbischofsheim sind Grenzberichtigungen aus den Jahren 1887 bis 1893 überliefert.
Dreimärker
Ein Grenzstein an einem Punkt, an dem drei Gemarkungen zusammentreffen. Dreimärker sind oft dreieckig und meist besonders groß; jeder der drei Gemarkungen ist eine Seitenfläche zugewandt. An der Tauberbischofsheimer Grenze sind 14 Dreimärker bekannt; in der Suche lassen sie sich gesondert anzeigen.
Eckstein
Ein Stein an einer Stelle, an der die Grenze ihre Richtung deutlich ändert. Je stärker der Knick, desto früher wurde dort meist ein Stein gesetzt. Die Protokolle heben Ecksteine eigens hervor.
Rute
Ein altes Längenmaß, dessen Länge je nach Zeit und Gegend stark schwankte. Die Protokolle ab 1608 geben die Abstände zwischen den Steinen in Ruten an. Bis 1749 ist das die fränkische Werkrute, auch Nürnberger Rute genannt, von rund 3,65 Metern (genau 3,647676 m, zwölf Nürnberger Schuh). Dass Bischofsheim mit ihr maß, ist naheliegend: Die Stadt lag an der Geleitstraße, auf der Nürnberger Kaufleute zur Frankfurter Messe zogen, und nahe am würzburgischen Franken. Nachprüfen lässt es sich im Gelände: Der Abstand zweier Steine, die heute noch unversetzt stehen, stimmt mit der Rutenangabe im Protokoll erstaunlich genau überein. In badischer Zeit gilt die neue badische Rute von genau 3,00 Metern, eingeteilt in 10 Fuß zu je 30 Zentimetern und diese in 10 Zoll zu je 3 Zentimetern. Der Grenzgang von 1872 nennt beides: „Distat 17 Ruthen 8 Fuß oder 53 Meter 40 Centimeter“. Umgerechnet in Meter stehen beide Angaben im Steckbrief jedes Steins.
Mainzer Rad
Das Wappen des Erzbistums und Kurfürstentums Mainz: ein silbernes Rad mit sechs Speichen auf rotem Grund. Tauberbischofsheim gehörte bis 1803 zu Kurmainz. Das Rad auf der Bischofsheimer Seite eines Steins zeigt die Landesherrschaft an. Es ist das häufigste Zeichen an dieser Grenze.
Wappen, Wappenschild
Ein eingehauener Schild, oft mit dem Mainzer Rad darin. Die Protokolle unterscheiden, ob ein Stein einen Schild trägt oder nur das Rad.
„b“ für Bischofsheim
Das Zeichen der Stadt, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts schlicht Bischofsheim hieß. Auf den alten Tauberbischofsheimer Grenzsteinen sind um das Mainzer Rad herum meist drei „b“ angeordnet, anfangs klein, später groß geschrieben. Warum drei? Wahrscheinlich aus einem praktischen Grund: Ging ein „b“ verloren, etwa durch einen Pflug, blieben immer noch zwei übrig, die die Bischofsheimer Seite kenntlich machten. Dafür spricht, dass es auch Königheimer Steine mit drei K und Laudaer Steine mit drei L gibt. Der Tauberbischofsheimer Ehrenbürger Hugo Pahl deutete die drei „b“ schelmisch als „Bischemer Bösi Buwe“. Wie viele „b“ ein Stein trägt, hing auch vom Steinmetz und seinem Auftrag ab. Die Protokolle geben die Zahl an; die Suche findet alle Steine mit mindestens einem „b“. Steht in der Spalte „b“ die Angabe „GB“ oder „G.B.“, trägt der Stein diese Buchstaben für „Gemeinde Bischofsheim“ – sie finden sich auf jüngeren Steinen, meist aus dem 19. Jahrhundert. Ausnahmen sind aufschlussreich: Der Eckstein von 1474 trägt auf der Vorderseite nur zwei, dafür besonders große „b“ – das dritte sitzt auf der Seitenfläche. Die Steine von 1490, die das Henkerslehen am Großen Forst begrenzten, tragen nur ein einziges „b“. Die westliche Grenze des Henkerslehens, der Waldrand zum Forst hin, ist zugleich die Gemarkungsgrenze zu Großrinderfeld; ein 1490er-Stein, der dort stand, wurde deshalb bei manchen Grenzbegehungen zugleich als Gemarkungsgrenzstein anerkannt.
Kreuz auf der Oberseite
Ein eingehauenes Kreuz auf dem Kopf des Steins, vor allem bei Steinen aus dem 16. Jahrhundert und früher. Seine Bedeutung ist nicht überliefert. Wahrscheinlich übernahmen die Landschieder das Kreuz von den Findlingen, die man früher mit einem Kreuz als Grenzzeichen kenntlich machte (siehe Malbaum, Lochbaum, Findling): Es zeigte einfach an, dass es sich um einen Grenzstein handelt. Jüngere Steine, schon aus dem 19. Jahrhundert, tragen stattdessen oft eine eingehauene, manchmal abgewinkelte Linie, die den Grenzverlauf zum vorigen und zum nächsten Stein anzeigt.
Rückseite
Die Seite des Steins, die zur Nachbargemarkung zeigt. Dort steht meist das Zeichen des Nachbarorts, oft ein Anfangsbuchstabe. Die Protokolle geben es in der Spalte „Rückseite“ wieder.
Jahreszahl
Viele Steine tragen das Jahr, in dem sie gesetzt wurden. Nennt ein altes Protokoll einen Stein, der heute eine jüngere Jahreszahl trägt, dann wurde an derselben Stelle später ein neuer Stein gesetzt.

Die Website gibt alle Jahreszahlen so wieder, wie sie im Protokoll stehen. Das heißt nicht, dass sie stimmen: Auch die Landschieder konnten sich verlesen. Das Protokoll von 1749 nennt bei Stein 370 die Jahreszahl 1224 – gesetzt wurde der Stein aber erst 1724, die 7 wurde als 2 gelesen. Ob der benachbarte „1308er“ (Stein 369) wirklich so alt ist oder aus der Reihe der Steine von 1508 stammt, ist offen. Solche Zweifel lassen sich nicht beweisen, nur abwägen: Behauene Grenzsteine waren vor 1400 selten; Grenzen wurden damals eher mit Findlingen, die ein eingehauenes Kreuz erhielten, mit markierten Bäumen („Lochbäumen“) oder entlang natürlicher Linien wie Gräben gekennzeichnet.

Auch die Schreibweise der Ziffern hilft bei der Datierung. Im 15. Jahrhundert sah eine 4 aus wie eine unten offene 8 und eine 7 wie ein Dach (^); so ist die Jahreszahl auf dem Eckstein von 1474 geschrieben. Auf den Steinen des Henkerslehens stehen über den Ziffern von 1490 kleine hochgestellte o – ein Überbleibsel der römischen Zahlschrift („millesimo quadringentesimo nonagesimo“).

Größe und Farbe
Die Protokolle unterscheiden große und kleine, hohe und alte Steine sowie rote und weiße. Rot steht für Buntsandstein, weiß für Kalkstein. Die ältesten behauenen Steine der Gegend sind aus Buntsandstein, weil er sich gut bearbeiten lässt.
Steinnummern
Jeder Grenzgang hat die Steine neu durchgezählt, und die Begehungen 2017–2021 brachten eine eigene Zählung hinzu. Diese Website gibt jeder Steinposition eine feste laufende Nummer entlang der Grenze (Stein 1 bis 394). Die Nummern aus den einzelnen Protokollen stehen im Steckbrief.
Sicherheitsklassen A bis D
Auf der Karte ist jeder Standort mit einer Klasse versehen: A – der Stein steht, bei den Begehungen mit GPS eingemessen, an seinem ursprünglichen Platz; B – der Standort ist aus den Abstandsangaben plausibel berechnet; C – die Abstandsangaben widersprechen sich oder reichen nur von einer Seite; D – der Standort lässt sich nur auf einen Grenzabschnitt eingrenzen. Wie die Berechnung funktioniert, steht unter So wird gerechnet.