Die Grenzgänge
Ein Grenzgang war eine amtliche Begehung der Gemarkungsgrenze. Die Grenze
wurde abgeschritten, jeder Stein aufgesucht und im Protokoll festgehalten, wie er aussah und wo
er stand. Aus Tauberbischofsheim sind solche Protokolle aus mehr als drei Jahrhunderten
erhalten.
Diese Seite stellt die Quellen einzeln vor und zeigt in einer Übersicht, wie viele Steine
jede von ihnen nennt. Wie die Angaben ausgewertet wurden, steht unter
Quellen und Methode.
Vorsicht beim Lesen der Zahlen. Die Tabelle zählt, was in den Protokollen
steht, nicht, was im Gelände stand. Nennt ein Protokoll einen Stein nicht, kann er
verschwunden sein; ebenso gut kann der Schreiber einen Abschnitt übergangen oder mehrere Steine
zusammengefasst haben. Dasselbe gilt für die Zeichen: Ein fehlender Eintrag heißt nur, dass das
Zeichen nicht erwähnt wird. Welche Erklärung im Einzelfall zutrifft, lässt sich oft erst im
Vergleich mit den Nachbarsteinen und dem Befund von 2021 entscheiden. Die Angaben zu jedem
einzelnen Stein finden Sie in seinem Steckbrief.
Einige Beobachtungen lassen sich dennoch ablesen: 70 Steine werden in jedem der
sieben Tauberbischofsheimer Protokolle von 1569 bis 1893 genannt; 33 von ihnen standen 2021
noch am ursprünglichen Platz. Die Protokolle von 1872 und 1887–1893 nennen fast doppelt bzw.
dreimal so viele Steine wie die älteren. 187 Steine tragen laut mindestens einer Quelle eine
eingehauene Jahreszahl.
Die Quellen im Einzelnen
1569, wiederholt 1580
Das älteste Protokoll. Es zählt die Steine, nennt Größe, Farbe und Zeichen (Wappenschild,
Mainzer Rad, „b“, Kreuz auf der Oberseite) sowie das Zeichen auf der Rückseite und beschreibt
die Lage mit wenigen Worten. Abstände zwischen den Steinen enthält es noch nicht.
1608
Der erste Grenzgang mit Abstandsangaben: Die Entfernung zum vorigen Stein ist in Ruten
angegeben (fränkische Werkrute, 3,65 m). Diese Angaben sind die wichtigste Grundlage, um die
Standorte verschwundener Steine zu berechnen.
1683, 1700 und 1749
Drei Grenzgänge nach dem gleichen Muster wie 1608, jeweils mit Zeichen, Rückseite, Abstand
und Lagebeschreibung. Im Vergleich untereinander wird sichtbar, welche Steine hinzukommen und
welche nicht mehr genannt werden.
1784: die Großrinderfelder Grenzbegehung
Ein Protokoll der Nachbargemeinde Großrinderfeld, das sieben Steine an der gemeinsamen
Grenze beschreibt. Es läuft in umgekehrter Richtung; die Abstände gelten deshalb bis zum
nächsten, nicht bis zum vorigen Stein.
1872
Der Grenzgang der badischen Zeit. Er nennt 201 Steine und gibt die Abstände in der neuen
badischen Rute (3,00 m) an.
1887–1893: die Grenzberichtigungen
Die Protokolle der Grenzberichtigungen, bei denen der Grenzverlauf in einzelnen
Abschnitten geändert wurde. Sie nennen mit 351 Steinen die meisten Grenzpunkte aller Quellen,
ebenfalls mit Abständen in badischen Ruten.
2017–2021: die Geländebegehungen
Von 2017 bis 2021 wurde die gesamte Grenze abgesucht; die gefundenen Steine wurden
fotografiert und ihre Position mit GPS eingemessen. Von den 394 Positionen aus den Quellen wurden 142
wiedergefunden; 124 davon stehen noch an ihrem ursprünglichen Platz.
Genaue Archivangaben zu jeder Quelle stehen unter
Quellen und Methode.