Grenzsteine Tauberbischofsheim

So werden verschwundene Steine berechnet

249 der 394 Grenzsteine, die die alten Protokolle nennen, sind heute nicht mehr zu finden. Trotzdem lässt sich für die meisten von ihnen sagen, wo sie gestanden haben müssen. Diese Seite erklärt, wie das geht – mit einem echten Beispiel zum Nachrechnen.

Die Idee

Die Landschieder haben bei ihren Grenzgängen nicht nur beschrieben, wie ein Stein aussah und wo er stand, sondern meist auch, wie weit er vom vorigen Stein entfernt war – in Ruten, einem alten Längenmaß. Steht einer dieser Steine heute noch an seinem Platz, kennt man seine genaue Position. Von ihm aus kann man die überlieferten Abstände entlang der Grenze abtragen, so als ginge man mit dem Maßband die Grenze ab. Wo das Maßband endet, muss der nächste Stein gestanden haben.

In sieben Schritten

  1. Im Gelände: Die gesamte Grenze wurde von 2017 bis 2021 abgegangen. Jeder noch vorhandene Stein wurde fotografiert, mit GPS eingemessen und beschrieben: Inschrift, Zeichen, Größe, Gestein.
  2. Die Grenzlinie: Der Verlauf der Gemarkungsgrenze wurde aus der Deutschen Grundkarte 1:5 000 nachgezeichnet und als Linie in die Karte übernommen. Wo die Grenze später verlegt wurde, braucht es zusätzlich den alten Verlauf.
  3. Im Archiv: Die Protokolle der Grenzgänge von 1569 bis 1893 wurden Stein für Stein abgeschrieben: Nummer, Zeichen, Lagebeschreibung und Abstand zum vorigen Stein.
  4. Übereinstimmungen finden: Welcher Stein im Gelände ist welcher Stein im Protokoll? Das entscheiden Zeichen, Jahreszahl, Lagebeschreibung und Abstände. Nur eindeutige Fälle gelten als sicher. Dieser Schritt ist reine Handarbeit.
  5. Die Tabelle: Für jede Steinposition entsteht eine Zeile mit allen Angaben aus allen Protokollen und dem Befund im Gelände. Die sicher zugeordneten, heute noch am ursprünglichen Platz stehenden Steine sind die Anker.
  6. Die Berechnung: Für jeden fehlenden Stein werden die Abstände des Protokolls vom nächstgelegenen Anker aus entlang der Grenzlinie abgetragen. So entsteht ein berechneter Standort mit einer Angabe, wie sicher er ist.
  7. Die Karte: Alle Steine – gefundene und berechnete – erscheinen auf der Karte der verschwundenen Steine und auf der Karte der Grenzsteine, jeweils mit allen Angaben aus den Quellen.

Ein Beispiel zum Nachrechnen

An der Grenze zu Grünsfeld, auf der Höhe im Wald, stehen heute zwei Steine, die sich sicher zuordnen lassen: Stein 367 mit der Jahreszahl 1769 und Stein 370 mit der Jahreszahl 1815. Der Grenzgang von 1872 nennt zwischen ihnen zwei weitere Steine, die heute fehlen: Stein 368, einen roten viereckigen Waldstein, und Stein 369 – den rätselhaften Stein mit der Jahreszahl 1308, von dem seit Jahrzehnten jede Spur fehlt.

Skizze der Berechnung zwischen Stein 367 und Stein 370 Eine Linie stellt die Grenze dar. Links steht Stein 367, rechts Stein 370, beide heute vorhanden. Von Stein 367 aus werden 53,4 Meter bis zum fehlenden Stein 368 abgetragen, von Stein 370 aus rückwärts 110,6 Meter bis zum fehlenden Stein 369. Zwischen 368 und 369 bleibt ein Rest von 7,5 Metern. Stein 367 steht (1769) 368 fehlt 369 fehlt („1308“) Stein 370 steht (1815) 17 Ruten 8 Fuß = 53,4 m → ← 36 Ruten 8 Fuß 5 Zoll = 110,6 m Protokoll: 20 Ruten 9 Fuß = 62,7 m Rest 7,5 m entlang der Grenzlinie gemessen: 234,2 m

Zeichnung seitlich wischen, um sie ganz zu sehen.

Grün: heute noch stehende Steine (Anker). Weiß: verschwundene Steine, deren Standort berechnet wird. Jeder fehlende Stein wird vom näheren Anker aus bestimmt; die Abweichung zwischen Protokoll und Messung bleibt dazwischen als Rest sichtbar.

Die Rechnung

Abschnitt laut Protokoll 1872WortlautMeter
Stein 367 → Stein 368Distat 17 Ruthen 8 Fuß oder 53 Meter 40 Centimeter53,4
Stein 368 → Stein 369Distat 20 Ruthen 9 Fuß oder 62 Meter 70 Centimeter62,7
Stein 369 → Stein 370Distat 36 Ruthen 8 Fuß 5 Zoll110,55
Summe laut Protokoll226,7
Heute gemessen, Stein 367 bis 370 entlang der Grenzlinie234,2
Unterschied7,5 (3 %)

Eine badische Rute hat 10 Fuß zu 30 cm, ein Fuß 10 Zoll zu 3 cm; die Landschieder von 1872 schrieben den Meterwert oft gleich dazu. Sie haben also auf fast 250 Metern Waldgrenze nur 7,5 Meter weniger gemessen als das GPS heute. Für die Berechnung heißt das:

Die Karte führt diese Rechnung für alle Grenzgänge und alle fehlenden Steine durch. Liegen für denselben Stein Werte aus mehreren Protokollen vor, wird der verlässlichste übernommen.

Wie genau haben die Landschieder gemessen?

Das lässt sich überprüfen: Wo zwei direkt benachbarte Steine heute noch unversetzt stehen, kann man den Abstand im Protokoll mit dem Abstand zwischen den GPS-Punkten vergleichen. Das ist an der Tauberbischofsheimer Grenze bei 109 Steinpaaren möglich.

GrenzgangSteineRuten (R), Fuß (F) ProtokollGPS heuteAbweichung
16831 → 22694,9 m95,7 m0,8 m
1749191 → 1922591,2 m91,1 m0,1 m
187259 → 6076 R 4 F229,2 m228,0 m1,2 m
187261 → 6247 R 9 F143,7 m143,9 m0,2 m
1887–1893213 → 21425 R 2 F75,6 m75,7 m0,1 m
1887–1893232 → 23349 R 9 F149,7 m150,6 m0,9 m
1749194 → 19534124,1 m83,9 m40,2 m
1872376 → 37772 R 7 F218,1 m119,6 m98,5 m

Das Bild ist gemischt, und das gehört zur Wahrheit: Bei 36 der 109 Paare liegt die Abweichung unter 5 Metern, bei elf sogar unter einem Meter – bei Messungen mit Kette oder Messrute vor Jahrhunderten eine erstaunliche Leistung. Im Mittel (Median) beträgt die Abweichung aber rund 9 Meter, und einzelne Paare weichen um fast 100 Meter ab. Mögliche Gründe:

Paare mit großer Abweichung sind deshalb selbst ein Befund. Weichen zwei Steine um 100 Meter oder mehr von der Protokollangabe ab, kann das auch bedeuten, dass die Grenze zwischen ihnen früher anders verlief – durch eine Grenzberichtigung, zu der noch kein Protokoll gefunden wurde oder keines mehr existiert. Beweisen lässt sich das ohne Akten nicht; es sei denn, abseits der heutigen Grenze fände sich ein alter Grenzstein. Solche Stellen zeigen, wo es sich lohnt, genauer hinzusehen. Für die Berechnung bedeuten sie, dass nicht jeder berechnete Standort gleich verlässlich ist – deshalb die Sicherheitsklassen.

Bewährt im Gelände

Dass die Berechnung im Gelände taugt, ist bereits erwiesen. Mit Hilfe der Karte wurden zwei Steine wiedergefunden, die als verschollen galten: einer am steilen Hang des Fahrentalgrabens, einer im hangigen Wald bei den ehemaligen Dienstadter Weinbergen an der Grenze zu Dienstadt. Die Karte hatte ihre Standorte auf etwa zweieinhalb Meter genau vorhergesagt, so dass gezielt gesucht werden konnte. Beide lagen umgestürzt knapp unter der Erdoberfläche; sie wurden wieder aufgerichtet. Im Frühjahr und Sommer ruht die Suche wegen des Bewuchses, im Winter geht sie weiter.

Was die Sicherheitsklassen bedeuten

KlasseBedeutungFür die Suche im Gelände
AStein steht, per GPS eingemessenDer Stein ist da.
BStandort aus einer stimmigen Abstandskette berechnetSuche lohnt sich im Umkreis weniger Meter.
CAbstände widersprechen sich oder reichen nur von einer SeiteGrößeren Bereich absuchen.
DNur der Grenzabschnitt ist bekanntHinweis auf den Abschnitt, kein Punkt.

Was die Berechnung nicht kann

Ein berechneter Standort ist ein Suchhinweis, kein Befund. Er gilt nur, wenn die Grenze seit dem Protokoll nicht verlegt wurde. Wo sie verlegt wurde – bei Tauberbischofsheim etwa 1887 im Abschnitt zwischen Hänglein und Bösehof und in den 1980er-Jahren am Industriegebiet an der A 81 –, rechnet die Karte mit dem alten Verlauf oder gar nicht. Mehr dazu unter Quellen und Methode.

Mitsuchen erwünscht. Jeder wiedergefundene Stein wird zu einem neuen Anker und macht die Berechnung seiner Nachbarn genauer. Wer bei einem berechneten Standort einen Stein oder ein Bruchstück findet, meldet das bitte an mail [at] beierstettel.de. Grabungen bitte nur in Absprache mit dem Grenzsteinbeauftragten der Stadt. Grenzsteine sind Kleindenkmale; wer sie entfernt oder versetzt, macht sich strafbar.