#Vorwort.
Vorliegende Geschichte der Stadt Tauberbischofsheim und des Amtsbezirks soll eine populäre Darstellung dessen sein, was davon von allgemeinem Interesse sein dürfte; darum habe ich folgende Grundsätze eingehalten:
- Die alten Urkunden habe ich selten in ihrem weitschweifigen, dem Volk unverständlichen Wortlaut, sondern nur dem Inhalt nach angeführt. Den altertümlichen Wortlaut ließ ich stehen, wo er durch seinen Inhalt oder durch seine Form besonders interessant ist.
- Alle nicht unbedingt nötigen kritischen Erörterungen, die nur für Fachmänner Wert hätten, wurden weggelassen.
- Aus der allgemeinen Welt- und Kulturgeschichte habe ich so viel beigezogen, als nötig schien, um die Lokalgeschichte zu erläutern, zu begründen oder die Darstellung lebendig zu machen und abzurunden.
- der Kleindruck enthält Erklärung oder weitere Ausführung zu dem vorausgehenden oder nachfolgenden Schriftdruck.
Übrigens fließen die Quellen über die hiesige Stadtgeschichte spärlich; denn P. Johann Gamans S. J. (1606-1670), der eine ausführliche Geschichte der Diözese Mainz schreiben wollte, wandte sich an den damaligen P. Guardian des hiesigen Franziskanerklosters mit der Bitte, nach alten Urkunden zu forschen, und sie ihm zur Veröffentlichung zu übersenden. P. Gamans erhielt die Urkunden; das Werk kam aber nicht zustande; die Vorarbeiten gingen bei einem Transport auf dem Main zugrunde; der gerettete Teil wurde in viele Bibliotheken zerstreut, und was an Urkunden hier noch vorSeite 4 · handen war, wurde durch die große Tauberüberschwemmung 1784 vernichtet.
Da die Geschichte von Tauberbischofsheim auch zum großen Teil die des Amtsbezirkes ist, habe ich auch diesen letzteren in die Darstellung aufgenommen und die Lokalgeschichte der einzelnen Orte am Ende des Buches zusammengestellt, so dass das Buch auch für den ganzen Amtsbezirk von Wert sein dürfte.
Endlich, da nichts so sehr geeignet ist, die Hochschätzung und Liebe zur Heimat zu wecken und zu erhalten, als die genaue Kenntnis derselben (denn was man nicht kennt, das liebt man auch nicht), so sei diese „Heimatkunde“ Allen gewidmet, die dem Vaterhaus und der Heimat in den Herzen ihrer Angehörigen oder Pflegebefohlenen ein unvertilgbares Andenken sichern wollen.
Tauberbischofsheim, im März 1895.
Der Verfasser.
#I. Älteste Geschichte des Taubergaues.
#1. Urgeschichte.
Der ganze Taubergau war in der ältesten Zeit ein großer See. Das sieht man jetzt noch an allen Bergen der ganzen Gegend; wo das Gestein zu tage tritt, wie am Geiersberg, am Stein-(Stamm)berg u. s. w. zeigt es weithin ziehende parallele Schichten von Kalksteinen, die im Wasser aufgelöst waren, dann sich, als das Wasser allmählich zurückging, niederschlugen und in der Luft verhärteten. Auch der Talboden ist, wo nicht eigentliche Felsen liegen, fast ganz mit Steingeröll (mit Steinen, die durch den Lauf des Wassers rund gerollt und abgeschliffen sind) bedeckt; sie kommen gleich zum Vorschein, wenn man den Humus oder die Lehmschichte, die oft nur wenige Zentimeter das Geröll bedecken, durchgräbt.
Auch die Hochebenen der benachbarten Gebirge standen ehemals unter Wasser; denn der vortreffliche Krensheimer Stein, der in ansehnlicher Menge gebrochen und viel verwendet wird, ist ein Muschelkalkstein, d. h. er ist gebildet aus den Kalkschalen von Milliarden kleiner Muscheltiere, die ehemals auf dem Grund des großen Wassers lagen. Diese Muschelbestandteile lassen sich jetzt noch leicht mit bloßem Auge unterscheiden. Der Ablauf des Wassers und die Bildung des jetzigen Zustandes geschah allem Anschein nach in der vorhistorischen Zeit, als auch das Rheintal ein großer See war und bevor noch die Erde von Menschen bewohnt war[S005-1].
Später war die Talsohle Sumpf und samt den Bergen mit Wald bewachsen wie die meisten Gegenden des alten Germaniens (Deutschlands).
Die ersten Spuren der Taubergau-Geschichte finden sich schon in vorchristlicher Zeit; da zogen die Helveter (Elweter) von dem Rhöngebirg, und die Cimbrer und Teutonen, zwei nordische Völker, nach Süd-Westen über das Taubertal.[S006-1]
#2. Die Römerherrschaft.
Wenn sich auch im Taubertal nicht solche römische Niederlassungen nachweisen lassen wie in Osterburken, Walldürn und vielen Odenwaldorten, so stand doch um die Zeit vor Christi Geburt auch die Taubergegend unter dem Einfluss des stark befestigten Römerlagers in Osterburken; dieses streckte seinen rechten Flügel bis zur Jaxt in den Neckar, seinen linken bis zum Untermain und unterhielt von da aus die Verbindung über den Hunsrück und Westerwald mit Mainz und dem Niederrhein.
#3. Das Frankenreich.
Um die Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christi Geburt bewohnte der Stamm der Franken die Ufer des Mains, der Tauber, des mittleren und unteren Rheines. Unter dem allgemeinen Namen Franken verstand man eine ganze Reihe von germanischen (altdeutschen) Völkerschaften; zu diesen gehörten die Chamaven, Attuarier, Salier, später auch die gefürchteten kriegstüchtigen Chatten, Cherusker, Sigambrer, Hermunduren u. A.
Was der Name Franken bedeutet, ist heute noch nicht ganz klar; man hält es für wahrscheinlich, dass frank und frei ursprünglich das nämliche bedeutet; andere glauben, dass es von dem keltischen Wort ffrank kommen und soviel als lockig oder behaart besage.
Das Reich der Franken zerfiel in Francia orientalis, Ostfranken, Frankonia, zu beiden Seiten des Mains, dessen Mittelpunkt Würzburg bildete und Francia Rhenensis, Rheinfranken, vornehmlich auf dem linken Ufer des Stromes.
Im Jahre 326 n. Chr. herrschte blutiger Hader in den sog. Freigauen längs dem Taubertal und zwischen dem Oden- und Thüringer Wald wegen Jagd, Fischerei und den Salzquellen. Der Frankenherzog Genebald hatte mit 30,000 Streitern die Aufgabe, die Streitenden auseinander zu halten und die von Osten hereindringenden Slaven und Avaren abzuwehren.[S006-2]
#4. Der Taubergau.
Als der Frankenbund zu dem gallischen Königreich, Großfranken, sich ausgewachsen hatte, behielt Ostfranken, auch Kleinfranken genannt, seine eigene geographische und politische Einteilung in die 4 Gaue: „Wiro (auch Arbo-), Wiso-, Bodo- und Sala-Gewe“; heute noch heißt die Gegend zwischen Tauber und Main „der Gau“ oder „das Gäu“. Unter dem fränkisch-thüringischen Herzog Radulf und seinen Nachkommen, besonders zur Zeit des großfränkischen Reichsverwalters Karl Martell (der Hämmerer) wurde Ostfranken wiederholt in 20-25 Gaue eingeteilt; darunter werden auch der „Dubra-Gewe“ genannt zu beiden Seiten der Tauber; doch waren diese Gaue nicht gar genau abgegrenzt; die Gegend von der Tauberquelle bei Wettringen bis Rothenburg rechnete man zum Mül- oder Mülachgau; die Taubermündung bei Wertheim gehörte bald zum Hardgau, bald zum Waldsazzin; an dem mittleren Lauf der Tauber von Mergentheim bis Bischofsheim lagen östlich der Gollach-, Badenach- und der Gozfeld-Gau; westlich der Weingart-Eiba-Gau, das spätere Bauland des Odenwaldes; so genannt, weil hier der Weinbau dem Anbau der Eibischwurzel gewichen sein soll.
#II. Die ersten Anfänge von Bischofsheim.
#1. Die Heidengräber von Bischofsheim.
Dass die Gegend von Bischofsheim längs der Tauber ein bewohnter Platz war, schon lange bevor dieser den jetzigen Namen erhielt, ergibt sich aus folgenden Gründen:
- Der Flussname „Tauber“ weist nach Förstemann[S007-1] auf das Keltenvolk hin, das die Gegend vor den Franken bewohnte und in Sprache und Lebensgewohnheit von den letzteren sich sehr unterschied.
- Die Steinwerkzeuge, Steinhammer und Steinmeißel, die man 1866 bei Erdarbeiten fand, sind Überreste einer sehr frühen Zeit, in welcher man das Eisen noch nicht herzustellen und zu verarbeiten verstand. Endlich
- Die zahlreichen fränkischen, teilweise vielleicht sogar keltischen Gräberfunde im Moosigwald, beim Bahnübergang (bei der neuenSeite 8 · protestantischen Kirche), bei Impfingen, Schillingstadt, Rosenberg u. s. w. stammen aus den heidnischen Zeiten, bevor die Missionäre sich hier niederließen.
Es ist sehr zu bedauern, dass man s. Z. diesen Ausgrabungen nicht immer die nötige Aufmerksamkeit schenkte. Die Arbeiter, die beim Bahnbau und beim Fundamentgraben in Impfingen beschäftigt waren, erzählten, dass sie ganze Wagen voll „altes Eisen“ ausgegraben und wieder in die Erde verscharrt haben. Das waren höchst interessante alte Waffen und Gerätschaften, die man noch zur Zeit der Völkerwanderung bis zum Jahre 700 oder 800 nach alter heidnischer Sitte mit den Toten begrub.
Die Gräber sind gewöhnlich so geordnet, dass die Füße der Leichen nach Osten, die Köpfe nach Westen liegen und der Verstorbene der aufgehenden Sonne entgegenschaute. In einzelnen Fällen fand man eine Kohlenschichte über den Gebeinen, so dass es den Anschein hat, als ob dieselben wären verbrannt worden, oder als ob man bei ihnen ein Opfer dargebracht habe. Da die Männer alle Jäger und Krieger waren, und da die heidnischen Franken meinten, nach dem Tode führten die Helden ihr Leben mit Jagd und Krieg gerade so weiter wie auf Erden, nur etwas angenehmer und bequemer, wozu man seine irdischen Gerätschaften wieder brauche, gab man den Toten regelmäßig ihre Waffen mit. Solche hat man in Bischofsheim und der Taubergegend ziemlich viele ausgegraben; sie sind alle von Eisen, nämlich: 1) Speerspitzen oder Ger in verschiedenen Formen, langgestreckte bis zu 1 Meter lange, mit vierkantiger, mit Widerhaken versehenen Spitzen, sie heißen „Ango“ und sind dem römischen pilum nachgebildet, andere sind mehr blattförmig. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus († 117 n. Chr.) rühmt die ungeheure Wurfkraft der Deutschen im Speerwerfen; sie warfen dieselben auf 60-150 Schritte! 2) Das Wurfbeil, francisca genannt, weil sich vorzugsweise die Franken desselben bedienten, mit schmaler, zierlich geschweifter Klinge. 3) Die eigentliche Streitaxt, unserer Zimmeraxt ähnlich. 4) Die Spatha, das zweischneidige zum Hieb und Stoß geeignete Langschwert, 80-100 cm lang. 5) Die Hauptwaffe für den Nahkampf war der Sax oder Scramasax, 40-60 cm lang, einschneidig; es war ursprünglich ein großes Messer aus Stein (daher sahs von saxum). Scramasax heißt Wundmesser von scrama; später wurde der Name auf die langen, zweischneidigen Bronzeschwerter übertragen, deren Klinge gegen die Spitze hin geschweift ist. Es ist ein schweres Hiebmesser mit langem Griff, der mit beiden Händen erfaßt wurde; diese Waffe findet sich in den Gräbern am meisten; bisweilen auch eine kleinere Art, 20-30 cm lang, als dolchartiges Messer. Die Griffe dieser Schwerter sind von Holz, Horn, Bein oder Metall; die Scheiden von Holz, oft mit Leder überzogen, auch von Eisen oder Bronze, manchmal mit reichem Beschläg und mit Gold, Edelsteinen oder farbigen Glasflüssen besetzt. 6) Pfeilspitzen. 7) Schilde, rund oder länglich, aus Holz, bisweilen mit Fell oder Leder überzogen; in der Mitte ein geSeite 9 · wölbter, eiserner, manchmal verzierter Schildbuckel. 8) Wehrgehänge, von denen übrigens nur Schnallen und Besatzstücke der Verwesung entronnen sind.
Ferner hat man in den Gräbern gefunden: Schmucksachen: Fibeln (eine Art Schnallen zum Zusammenhalten der Gewänder, Mäntel), Hals- und Armringe, Zierscheiben zum Anhängen, Ohr- und Fingerringe, beinerne Kämme und Münzen. Geräte: Messer, Thongefäße aus schwarzgrauem Thon, auf der Töpferscheibe gefertigt, gut gebrannt mit eingedrückten oder eingeschnittenen, oft hübschen Ornamenten.
Da die Gräber auf der Oberfläche des Bodens oft nicht erkennbar sind, hat man die vorhandenen vielfach nur dem Zufall zu verdanken; es ist möglich, wohl auch wahrscheinlich, dass in der Umgegend von Bischofsheim und in der ganzen Taubergegend noch sehr viele solcher Gräber mit höchst interessanten und merkwürdigen Gerätschaften aus der alten Zeit vorhanden sind.
Alle diese Gräber, die in Bischofsheim und der nächsten Umgebung außerhalb des Kirchenplatzes gefunden wurden, gehören der heidnischen Zeit von der Völkerwanderung bis zur Regierung Kaiser Karl des Großen und seiner Nachfolger an, stammen also aus der Zeit vor dem Jahr 800. Dafür sprechen folgende Gründe:
1) Die Eigentümlichkeit der Gerätschaften;
2) Die Sitte, den Toten Waffen und Geräte mitzugeben, wurde unter den Karolingern aufgehoben;
3) Die Einführung des Christentums in Bischofsheim und in der Taubergegend beginnt erst mit dem hl. Kilian († 688) und dem hl. Bonifazius (722), von da an legte man keine solche Gräber mehr an, sondern beerdigte die Toten nach christlicher Sitte auf dem Friedhof um die vom hl. Bonifazius errichtete Kirche.
#2. Das Heidentum in Bischofsheim und in der Taubergegend.
Die alten Ureinwohner der ganzen Taubergegend waren Heiden, die nicht in Tempeln, sondern an freien Plätzen, unter alten Bäumen oder auf großen Felsblöcken, Opfersteinen, den Heidengöttern Wodan (s. Odin, davon Odinwald) und Thonar, dem Kriegsgott, geopfert haben. Die Opfer bestanden in Schafen, Ziegen, Schweinen, Hühnern, Stieren, bei besonderen Veranlassungen oder Festlichkeiten auch in weißen Pferden, selbst in Menschenopfern; bei dem Krieg um die Salzquellen[S009-1] opferten die Franken ihre Gefangenen den Göttern. Auf dem Weg zwischen Bischofsheim und Dittwar, nicht weit von der Dittwarer Brücke, steht ein Hügel, der mit großen und
kleinen, sehr harten Steinen besäet ist und heute noch der Heidenkessel heißt. Das war in alten Zeiten (bevor 722 der hl. Bonifazius kam) eine heidnische Opferstätte mit einem riesigen Felsblock als Opferstein; letzterer lag noch an seiner Stelle bis in die 60er Jahre dieses Jahrhunderts; leider wurde er beim Eisenbahnbau als Baumaterial zerschlagen und in die Eisenbahnbrücke bei der Rollenmühle eingemauert.
#3. Die 7 Höfe.
Nach der Überlieferung soll Bischofsheim zur Zeit des heiligen Kilian († 689) und des hl. Bonifazius aus 7 Höfen bestanden haben. Das ist schon aus dem Grund wahrscheinlich, weil die meisten Ortsnamen der ganzen Gegend darauf hinweisen, dass die betreffenden Ortschaften aus solchen Höfen hervorgegangen sind, die nach dem vornehmsten Besitzer genannt wurden[S010-1]. So ist Dittigheim ursprünglich das Heim der Dythinc (Tiutinc); Impfingen, in alten Urkunden (1339) Umphenkein genannt, das Heim des Umphinc; Eiersheim, in Urkunden von 1248 Isersheim genannt, das Heim des Iser; Distelhausen, 1333 Tesselhusen genannt, das Haus des Thassilo u. s. w.
Thatsächlich führten auch noch bis in die neuere Zeit einzelne Häuser der Stadt die Namen der Höfe; so der Rehhof (auch Hirschhof genannt) auf dem Marktplatz. Der rote Hof mit der Inschrift:
Dies Haus, das steht in Gottes Hand,
Zum roten Hof bin ich genannt,
der Gelbhof, der Bischofshof, von dem der Ort seinen Namen erhielt, u. s. w. Die Höfe waren Häuser mit Strohdächern; das wird uns bestätigt gelegentlich einer Feuersbrunst, welche zur Zeit der heil. Lioba den Ort verwüstete, von St. Lioba aber gelöscht wurde[S010-2]. Selbstverständlich stammen diese Häuser nicht mehr aus der genannten alten Zeit; die Namen derselben konnten sich aber wohl bei Neubauten auch auf die Nachfolger vererben.
Eine vielfach verbreitete Meinung ist, als ob der größere Teil der Stadt ursprünglich auf dem Brennerberg jenseits der Tauber gestanden habe und dann abgebrannt sei; daher leite auch der Brennerberg seinen Namen her. — Allein das ist nur eine „Volkserklärung“ des Wortes „Brenner“. Gründe lassen sich dafür nicht anführen. Aus der Lebensgeschichte der heil. Lioba
wissen wir zwar, dass ehemals auch jenseits der Tauber Häuser standen, allein das alte St. Lioba-Kloster an der Tauber erstreckte sich mit seinen Klostergebäulichkeiten gegen die Brehmbach[S011-1]; die erste, mindestens aber die 2. und 3. Pfarrkirche standen seit dem Jahre 800 an der jetzigen Stelle, wie aus den Fundamentresten und aus anderen Gründen hervorgeht[S011-2], auch lagen die „7 Höfe“, soweit unsere Kenntnis reicht, alle diesseits der Tauber, also werden wohl einzelne Wohnungen, nicht aber der ganze Ort Biscovesheim oder gar die Stadt jenseits der Tauber gelegen sein.
#III. Die Einführung des Christentums in Bischofsheim und in der Taubergegend.
#1. Der heilige Kilian und seine Schüler in Bischofsheim.
Um das Jahr 685 kam der hl. Bischof Kilian mit seinen Gefährten, den Priestern Kolonat und dem Diakon Totnan nach Würzburg und dem Taubergau[S011-3], um das Evangelium zu predigen; es kostete große Mühe und lange Zeit, die wilden unbändigen Franken den nach ihrer Vorstellung ebenso wilden Heidengöttern zu entreißen und sie unter das Joch des Kreuzes zu beugen. Der hl. Kilian taufte den Herzog Gozbert (einen Enkel des Radulf), der vom König Dagobert zum Herzog von Thüringen und Franken bestellt war. Es ist nicht unbegründete Überlieferung, dass der hl. Kilian auch noch dort, wo die Brehmbach in die Tauber mündet, gepredigt und den Bischofshof erbaute, den 725 des hl. Kilian Nachfolger, der heil. Bonifazius, der hl. Lioba zur Errichtung ihres Frauenklosters übergab.
Als aber St. Kilian den Herzog Gozbert drängte, seine unrechtmäßige Gemahlin Gailana zu entlassen, bestellte diese zwei Mörder, welche den heiligen Bischof samt seinen Gefährten Kolonat und Totnan am 8. Juli 689 erschlugen. Die drei hl. Leiber wurden mit den priesterlichen und bischöflichen Gewändern, mit den hl. Büchern und dem Kreuze am Ort der Unthat verscharrt, damit keine Spur davon Kunde gebe; aber die Mörder starben alle eines unseligen Todes: Gailana verlor den Verstand und starb in Raserei; einer der Mörder, gleichfalls rasend, schrie unaufhörlich: Killena, der Heilige Gottes, brennt mich mit unauslöschlichem Feuer, und zerfleischte sich mit den Zähnen; der andere tötete in der Verzweiflung sich mit dem Schwert. Der hl. Burchard, der vom hl. Bonifazius eingesetzte erste ordentliche Bischof mit dem festen Sitze zu Würzburg, erhob die drei hl. Leiber und ließ sie 743 zuerst in der Kirche auf dem Marienberg beisetzen; 746 wurden sie wieder an die Stelle
des Martyriums gebracht und endlich in dem 752 vollendeten Münster niedergelegt. Jetzt ruhen sie in der St. Kiliansgruft des Neumünsters, wo 1889 unter ungeheuerem Andrange des Volkes und in Anwesenheit mehrerer Bischöfe 8 Tage lang das großartige 1200jährige Jubiläum des Martertodes dieser glorreichen, hochgefeierten Frankenapostel begangen wurde.
#2. Der hl. Bonifazius in Bischofsheim.
Die Saat des Christentums, die vom hl. Kilian war ausgestreut worden, wurde in jenen unruhigen Zeiten indes bald wieder an manchen Orten ganz zertreten, überall aber sehr mit Unkraut gemischt. Da schickte die Vorsehung Gottes den großen Apostel Deutschlands, den größten aller Frankenmissionäre, den heiligen Bonifazius.[S012-1]
#1) Die Jugendzeit.
Bonifazius war geboren zu Kirton in England. Er stammte aus einer vornehmen Familie und hieß ursprünglich Winfried; sein Vater wollte, dass er den Reichtum und das Ansehen seiner Familie zur Geltung bringen solle; der edle Jüngling trachtete aber nach noch höheren und dauerhafteren Gütern und trat als Mönch in das Kloster Nuticelle ein, in dem er seine Studien gemacht hatte; hier erhielt er den Klosternamen Bonifazius (nicht vom Papst wie öfters behauptet wird).[S012-2]
#2) Der Glaubensbote in Friesland.
Nach kurzer Zeit (716) begab er sich nach Friesland, dem heutigen Holland, um dort das Evangelium zu predigen; die Friesen lagen
aber im Krieg mit den Franken, zudem war der Friesenherzog Radbod dem Christentum sehr feindselig, so dass der Heilige nichts ausrichtete und wieder in sein Kloster zurückkehrte, wo er bald zum Abt gewählt wurde.
#3) Die erste Romreise. Der Glaubensbote in Thüringen, Friesland und Franken.
Das Mitleid mit den unglücklichen, unwissenden Heiden ließ dem hl. Bonifazius keine Ruhe; mit Genehmigung des Bischofs legte er seine Abtswürde nieder, reiste 718 zu Papst Gregor II. nach Rom, und erbat sich von ihm die Vollmacht, als Missionär in Deutschland zu predigen. Der Papst schickte ihn zu den Thüringern und Franken; hier fand der Heilige aber so wenig Gehör, dass er sich wieder nach Friesland wandte, wo er dem hl. Willibrord drei Jahre lang half und viele tausend Heiden bekehrte; nun reiste er zum zweiten Mal zu den Thüringern und Franken und an die Ufer der Tauber; er predigte nun das Evangelium mit so außerordentlich gutem Erfolg, dass Tausende sich taufen ließen; viele Kirchen und Kapellen und auch Klöster, wie zu Amöneburg in Hessen, die Bonifazius gründete, gaben der Bekehrung Festigkeit und Bestand. Damals wird wohl der kleine Ort Biskovesheim (Bischofsheim) sein erstes Kirchlein, fast ganz aus Holz gebaut, erhalten haben.
#4) Die zweite Romreise. Bonifazius als Bischof. Die Hilfe der angelsächsischen Missionäre und Klosterfrauen. Die Kirchen in Bischofsheim und im Taubertal.
Im Jahre 722 machte Bonifazius seine zweite Romreise zu Papst Gregor II., um ihm über seine Tätigkeit Bericht zu erstatten. Der Nachfolger Petri war über den guten Erfolg hocherfreut, ließ ihn den Eid der Treue ablegen und erteilte ihm die Bischofsweihe. Bonifazius kehrte nach Deutschland zurück und verdoppelte seinen Eifer. In Geismar (Hessen) stand eine uralte, riesige, dem Kriegsgotte Thonar (Thyr) geweihte Eiche; Bonifazius versammelte dort die Heiden und Christen, predigte von der Nichtigkeit der Götter und versicherte, als Beweis wie unbegründet der heidnische Götterglaube sei, werde er die Thonar-Eiche umhauen; die Heiden zitterten und meinten, der Blitz des Thonar müsse sogleich nieder fahren
und den Frevler zerschmettern; die Eiche fiel unter den Axthieben; der Blitz kam aber nicht, und sehr viele Heiden wurden zweifelhaft an ihren Göttern. Die Axt hatte nicht nur das Thonar-Heiligtum zu Fall gebracht, sondern auch die Wurzel des ebenso alten heidnischen Aberglaubens durchgehauen. Die Götzendiener widerriefen ihre Verwünschungen und stimmten ein in die Lobpreisungen der Christen. Aus dem Holz des heidnischen Heiligtums ließ Bonifazius eine Kirche zu Ehren des hl. Apostels Petrus errichten.
Der Zudrang zum Christentum wurde jetzt so stark, dass Bonifazius für die große Arbeit nicht mehr ausreichte; er ließ deshalb aus seiner Heimat in England Gehilfen des apostolischen Amtes kommen, die fast alle selber wieder als Heilige verehrt werden; so groß war der Tugendeifer in jenen Zeiten. So die Heiligen: Burkard, Megingoz, Lullus, die zwei Brüder Willibald und Wunibald, später Abt in Heidenheim. Für die Erziehung des weiblichen Geschlechtes berief der Heilige eine Anzahl gottbegeisterter Jungfrauen aus England, so seine Verwandte die hl. Lioba, welche mit der hl. Walburg, der hl. Thekla und vielen andern voll Freude über das Meer eilten und in dem Bischofshof zu Biscovesheim ein Klösterchen einrichteten. Nach und nach waren 36 solche opferwillige Seelen aus England allein in dem St. Liobakloster an der Tauber.
Ganz besonders war der Taubergrund die Stätte seines segensreichen Wirkens, da er hier mehr als anderwärts willige, für die Glaubensbotschaft empfängliche Herzen fand. Wie er in Biscovesheim Kirche und Kloster baute, haben wir bereits gehört. Zur Kirche in Lauda legte er den Grundstein[S014-1] und weihte die Kirche zu Oberlauda zu Ehren des hl. Martinus[S014-2]; die St. Martinskirchen zu Königshofen und Schweigern haben gleichfalls ihn zum Gründer; die Pfarrei zu Grünsfeld errichtete er aus den Gütern, die ihm die Grafen Manto und Sigboto übergaben.[S014-3] Mergentheims Kirchengründung wird ihm zugeschrieben; in Bernsfelden zeigt man noch die Stelle, wo er gepredigt hatte.[S014-4] Igersheim hatte eine ehemals von ihm gegründete Kirche auf dem Berg, wo heute noch ein Kreuz den Ort bezeichnet. — Auch in Aschaffenburg baute er 753 eine Kirche zu Ehren des hl. Martinus[S014-5] und die St. Martinskirchen
zu Königheim und Osterburken (die schon 770 von Karlmann an Würzburg vergabt wurden), haben wahrscheinlich ihre Entstehung ihm zu verdanken.
#5) St. Bonifazius als Erzbischof. Die dritte Romreise. Die Ordnung der deutschen Diözesen.
Inzwischen war Papst Gregor II. gestorben und sein Nachfolger, Gregor III., schickte dem hl. Missionär das Pallium[S015-1] als Zeichen der Erhebung zum Erzbischof. Im Jahre 738 machte nun Bonifazius seine 3. Romreise; der Papst ernannte ihn zum Primas von Deutschland und zum päpstlichen Legaten (Gesandten), beauftragte ihn, überall wo es nötig schiene, Bistümer zu errichten und Bischöfe zu weihen, und gebot, nach Möglichkeit Konzilien zu halten, um die Missbräuche, den Aberglauben und das Heidentum zu beseitigen, und die Pflege des christlichen Lebens zu befördern.
So ordnete nun St. Bonifazius im Auftrag des Papstes die Diözesen Würzburg, Eichstädt, Regensburg, Passau, Freising (München), Salzburg, Mainz und besetzte sie mit rechtmäßig geweihten Bischöfen; denn vorher waren hier entweder gar keine Bistümer, oder sie waren nicht genau abgegrenzt, oder sie hatten keine rechtmäßigen Hirten, da die ehemalige Ordnung zerfallen war. — Er selbst nahm seinen Sitz in Mainz.
St. Bonifazius bestellte zu Bischöfen, wenn auch nicht alle zu gleicher Zeit, seine Schüler: den hl. Burkard als Bischof von Würzburg, den hl. Willibald als Bischof von Eichstädt, den hl. Wunibald, dessen Bruder, als Abte von Heidenheim, den hl. Sturmius als Abt von Fulda, den hl. Gregor als Bischof von Utrecht.
Eine Reihe von Konzilien wurde gehalten, so die am 21. April 742 auf der Salzburg an der Saale, Diözese Würzburg[S015-2], zu Liftinä und an anderen Orten, zu denen jeweils die meisten seiner bischöflichen Schüler mit zahlreichen Priestern sich einfanden.
#6) Das Taufgelübde und das Glaubensbekenntnis in Bischofsheim und im Frankenland.
Das Frankenland hatte in seinen Heidengöttern, in seinem Aberglauben, seinen heidnischen Gebräuchen und Gewohnheiten so viel eigentümliches und hing mit einer so beharrlichen Zähigkeit daran, dass der hl. Frankenmissionär wiederholt vom Papst sich besondere Instruktion geben ließ und mit seinen Gehilfen auf den deutschen Konzilien vornehmlich die Frage behandelte, wie die heidnischen Gewohnheiten am sichersten auszurotten seien.
Im 95. Psalm heißt es: „Die Götter der Heiden sind Dämonen“; und der Apostel Paulus hatte in seinem 1. Korintherbrief geschrieben: „Aber was die Heiden opfern, das opfern sie den Teufeln und nicht Gott. Ich will aber nicht, daß ihr Gemeinschaft habt mit den Teufeln. Ihr könnt nicht den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Teufel. Ihr könnt nicht Anteil haben am Tisch des Herrn und am Tisch der Teufel.“[S016-1] Darum war der böse Geist in den Augen des hl. Bonifazius und seiner Gehilfen nicht ein blos geisterhaftes, unsichtbares Wesen, er trat ihnen in den Gestalten der heidnischen Götter fast greifbar entgegen. Es wurde daher auf den deutschen Konzilien verordnet, dass jeder Täufling folgendes Taufgelübde (Abschwörung und Glaubensbekenntnis), ablegen solle. — Dieses Taufgelübde ist nicht nur im allgemeinen, sondern sehr konkret, d. h. bestimmt mit Rücksicht auf die heidnischen Vorstellungen gehalten und ist, obgleich es der Hauptsache nach dasselbe enthält, was heute noch bei jeder Taufe der Täufling (oder seine Paten) widersagen und geloben müssen, sowohl in religiöser wie in sprachlicher Hinsicht hochinteressant. Fragen und Antworten der Abschwörung lauteten:[S016-2]
Forsachistu diabolae? Versagest, widersagest du dem Teufel?
Ec forsacho diabolae. Ich widersage dem Teufel.
End allum diabolgelde? Und aller Teufelsgilde, -Gesellschaft?
End ec forsacho allum diabolgelde. Und ich widersage aller Teufelsgesellschaft.
End allum diaboles werkum? Und allen Teufelswerken?
End ec forsacho allum diaboles werkum end wordum, Thunaer ende Wodan, ende Saxenote ende allum them unholdum, the hira genotas sint. Und ich widersage allen Teufelswerken und Worten, dem Thunar und Wodan und Saxenot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind.
Auf die Abschwörung der drei höchsten heidnischen Götter folgte das Glaubensbekenntnis an die christliche Dreifaltigkeit:
Gelobistu in Got alamehtigan Fadaer? Glaubst du an Gott den allmächtigen Vater?
Ec gelobo in Got alamehtigan Fadaer. Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater.
Gelobistu in Crist, Gotes suno? Glaubst du an Christ, Gottes Sohn?
Ec gelobo in Crist, Gotes suno. Ich glaube an Christ, Gottes Sohn.
Gelobistu in Got, halogan Gast? Glaubst du an Gott, den heil. Geist?
Ec gelobo in halogan Gast. Ich glaube an den heiligen Geist.
#7) Die heidnischen Gebräuche in Bischofsheim und in dem Frankenland zur Zeit des hl. Bonifazius.
Der alte heidnische Götterglaube war aber wie ein tausendjähriger Eichbaum, wie die Thonareiche zu Geismar; mit der Wurzel ausreißen konnte man ihn nicht, dazu war er zu groß, seine Wurzeln zu viel und zu stark; man konnte ihn umhauen, aber aus dem zurückgebliebenen Stumpf wuchsen 100 neue junge Bäumchen; so trieb das Heidentum auch bei denen, die Christen geworden waren, heidnische Gebräuche in neuen Formen. Es wurde deshalb auf den Konzilien ein Verzeichnis jener heidnischen Gebräuche aufgestellt, von denen uns leider nur noch die 30 Überschriften[S017-1] erhalten blieben. Aber auch das, was die Überschriften uns jetzt noch andeuten, gibt uns einen außerordentlich interessanten Einblick in die damaligen heidnischen Zustände. Wir lassen deshalb diese Überschriften mit der notwendigen Erklärung hier folgen:
1) „Die Religionsschändung bei den Gräbern der Toten“ — worin dieselbe bestand, ist nicht mehr deutlich zu ersehen.
2) „Die Religionsschändung bei den Toten, d. i. Dadisas“. — Letzteres Wort kommt von „As“, Azen, essen, also Todesessen, Leichenschmaus, der oft in sehr ärgerlicher Weise gehalten wurde; die Überlebenden hielten Wache bei den Toten, denen man Waffen, Pferde und Schalke (Sclaven) mitgab zur Reise nach Walhalla; die Heiden glaubten, von Walhalla (dem Himmel) zögen die Helden jeden Tag aus zu reicher Jagd oder siegreichem Krieg und brauchten deshalb wie auf Erden Waffen und Diener. Letzteren wurde deshalb mit einem wuchtigen Eisenhammer, Thors (des Kriegsgottes) Hammer genannt, der Schädel zerschmettert und sie so ihrem Walhallareisenden Herren nachgeschickt.[S017-2] Dann wurde ein großes Gastmahl gehalten, man spielte, tanzte und
trank ungeheuere Mengen Meth (Art Bier) aus riesigen Trinkhörnern oder aus den Schädeln erschlagener Feinde. — Solche Feste mögen an dem Opferstein des Heidenkessels (zwischen Bischofsheim und Dittwar[S018-1]) ungezählt viele gehalten worden sein, und wenn dort die Steine reden könnten, würden sie schreckliche Dinge erzählen.
3) „Die schändlichen Feste im Februar“. — In diesem Monat feierte man das Fest der wiederkehrenden Sonne, von dem Jubeln oder Jodeln, das Julfest genannt; dabei wurde unter Mummerei ein Eber geopfert und natürlich auch ein großes Gastmahl und Trinkgelage gehalten. — Von Manchen wird der Name Hornung von jenen Trinkhörnern abgeleitet, die damals reichlich geleert wurden; einen Überrest heidnischer Gebräuche haben wir noch an unserer Fastnacht.
4) „Die Hüttchen, Götterstätten“. — Das waren sehr einfache auf runden hölzernen Pfosten ruhende, mit Stroh bedachte Hütten oder Feldhäuschen, welche die Christen, wie ehemals ihre Väter, vornehmlich an Kreuzwegen errichteten, und in welche sie Götzenbilder stellten. Daselbst hingen sie in Holz geschnitzte Gliedmassen wie Hände, Füße, Augen u. s. w. auf, für welche sie in der Krankheit Genesung ersehnten. Das sollte verhindert werden; auch wollte man die Christen abhalten, mit ihren noch heidnischen Bekannten und Verwandten solche Orte zu besuchen, wo den Heidengöttern Verehrung und Opfer gebracht wurden.
5) „Die Religionsschändungen in den Kirchen“. — Die heidnischen Gebräuche waren den neubekehrten Christen so sehr zur Gewohnheit und zum Bedürfnis geworden, dass sie auch nach der Bekehrung noch oftmals darein zurückfielen und wie ehemals an den Götterstätten, sogar in den (freilich damals noch sehr einfachen und schmucklosen) Kirchen Gastmähler hielten, Tänze aufführten und ihre heidnischen Lieder sangen.
6) „die heil. Orte in den Wäldern, welche Nimiden genannt wurden.“ — Was mit dem Worte „Nimidas“ gemeint ist, wissen wir jetzt nicht mehr.[S018-2]
7) „Die Gebräuche, welche auf den Felsen verrichtet werden“. — Das waren vornehmlich die Opfer von Schafen, Schweinen, Ziegen, Hühnern, Stieren, weißen Pferden, sogar von Menschen.
8) „Die heiligen Opfer des Merkur oder Jupiter.“ — Die Missionäre, denen durch ihre Studien die römischen Heidengötter bekannter und geläufiger als die deutschen waren, nannten den deutschen Wodan Merkur, den Thor — Jupiter.
9) „Das Opfer, welches einem Heiligen dargebracht wird.“ — Die neubekehrten Christen waren oft geneigt, den Heiligen ebenso zu opfern, wie sie einst ihren Göttern geopfert hatten.
10) „Die Anhangzettel und Bänder“[S018-3]. — Ein alter, eingewurzelter Aberglaube der heidnischen Deutschen meinte, Amulete aus Pergament, Holz
oder Metall mit Runen: (einer alten geheimnisvollen Schrift, die vorzugsweise bei den nordischen Völkern vorkam) beschrieben, auch Bänder aus Zeug oder Kräutern seien Zaubermittel gegen Unglück.
11) „Die Opferbrunnen“. — Mit besonderer Vorliebe hatten die heidnischen Deutschen ihre Götterstätten an Quellen verlegt; wo es möglich war, unterlegten die Missionäre den heidnischen Gebräuchen gern christliche Bedeutung und ließen sie dann fortbestehen; so liebten sie, an den heiligen Quellen Tempel des wahren Gottes zu erbauen, wie einst der heilige Missionsbischof Augustinus in England nach Papst Gregors des Großen Anweisung heidnische Tempel in christliche verwandelt hatte.
12) „Zaubereien“. — Gewisse Worte oder Sprüche galten als Zauberformeln, denen man eine geheime Kraft zuschrieb; solche Zauberformeln kamen auch bei den Römern[S019-1] und so ziemlich bei allen heidnischen Völkern vor; sie wurden vornehmlich von alten Weibern praktiziert.
13) „Die Wahrsagereien aus den Vögeln oder Pferden, oder aus dem Miste der Ochsen, oder aus dem Niesen“[S019-2]. — Als vorzüglichster der weissagenden Vögel galt der Rabe des Allvaters Odin, dem er nach heidnischer Meinung von allen Ereignissen Nachricht zutrug. Erschien ein Rabe bei Darbringung des Opfers, so war es angenehm; flog er krächzend von der Linken zur Rechten, so war es ein gutes Zeichen zur Reise; er verkündete aber auch Unglück: setzte er sich auf ein Haus, in dem ein Kranker lag, so starb dieser: flogen zwei Scharen Raben gegen einander, so war der Ausbruch eines Krieges nicht fern. — Auch dem Kukuk schrieb man die Gabe der Weissagung zu, wie dies heute noch an manchen Orten der Volksglaube tut. — Außer den Vögeln galten auch die Pferde als vorbedeutende Tiere; aus ihrem Wiehern und Schnauben, aus ihren Eingeweiden und ihrem Gehirn suchte man die Zukunft zu erkennen.
14) „Die Wahrsager und Loosdeuter.“ — Man warf Baumzweige auf ein ausgespanntes Tuch und glaubte, aus diesen Stäbchen die Zukunft deuten zu können.
15) „Das aus Holz geriebene Nodfyr“. — Vermittels eines Rades rieb man trockene Hölzer an einander und machte so Feuer. Durch dieses ritt oder sprang man und bildete sich ein, dadurch gegen Fieber und andere Übel geschützt zu sein. — Diesem altheidnischen Gebrauch unterlegten die Missionäre christliche Bedeutung und ließen ihn fortbestehen, und so besteht er heute noch an vielen Orten in den christlichen Oster- und Johannisfeuern, als Symbol von Christus, dem Licht der Welt und der Erleuchtung durch das Licht des Evangeliums.
16) „Das Gehirn der Tiere.“ — Es war ganz allgemeiner Gebrauch der Deutschen, bei Tierhäuptern zu opfern; so brachten die Longobarden einen Ziegenkopf als Opfer dar; ferner war es üblich, den Eid bei dem Kopf eines Tieres zu leisten, indem man die Hand darauf legte. Schon 200 Jahre früher hatten Konzilien in Frankreich diesen Gebrauch verboten. Bonifazius ver
ordnete in Gemeinschaft mit den übrigen Bischöfen, dass jeder Eidschwur nur in der Kirche, und nur über Reliquien geleistet werde.
17) „Die heidnische Beobachtung am Herde oder am Anfang eines Dinges.“ — Diese altheidnischen Ansichten sind heute noch nicht vollständig überwunden; heute noch möchte man beim Anfang eines Dinges auch gleich den Ausgang wissen und deutet darauf das Aufsteigen des Rauches, einzelne Tage der Woche; der Freitag gilt als Unglückstag, an dem man nichts wichtiges beginnen dürfe; Voll- und Neumond galten als Glückstage besonders für die Geschäfte des Ackerbaus.
18) „Die ungewissen Orte, Unstätten, die man heilig hält.“
19) „De petendo, quod boni vocant sanctae Mariae“, das ist eine ziemlich rätselhafte Überschrift, deren Deutung nicht klar ist. — Wahrscheinlich waren es abergläubische Gebräuche, welchen die Kirche christliche Bedeutung unterlegte durch die Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt.
20) „Die Feste, die dem Jupiter und Merkur gewidmet sind.“ — Da von den Wochentagen der Dienstag dem Ziu oder Thor (daher heute noch an vielen Orten „Ziestig“), der Mittwoch dem Wodan (Wodanstag) gewidmet war, vermutet man hier außerordentliche Feste.
21) „Das Abnehmen des Mondes, welches „Siege Mond“ genannt wird.“ — Neben den Gewittern fürchtete man vorzüglich die Mondsfinsternisse. Nach heidnischer Vorstellung durcheilte der Mond nur darum so schnell den Himmelsraum, weil er von dem riesigen Wolf Hati verfolgt würde, von dem er auch einmal verschlungen werde. Sobald nun eine (Sonnen- oder) Mondsfinsternis oder Neumond eintrat, gerieten die Heiden in großen Schrecken, weil sie meinten, das Ungeheuer habe schon einen Teil des nicht mehr (ganz) sichtbaren Gestirns verschlungen; sie erhoben deshalb ein unbändiges Geschrei, um den Feind zu verscheuchen und riefen: „Siege Mond!“, um diesem Mut einzuflößen.
22) „Die Ungewitter, Hörner und Löffel.“ — Man glaubte, Sturm und Ungewitter durch großes Getöse mit Hörnern u. s. w. beschwichtigen zu können.
23) „Die Gräben um die Höfe.“ — Die Häuser, eigentlich Höfe, standen alle vereinzelt und wurden mit einem Graben umgeben; damit aber nicht Hexen und Zauberer denselben überschreiten könnten, wurden abergläubische Zeremonien gebraucht.
24) „Das heidnische Zusammenlaufen, welches Frias (Irias) genannt wird, mit zerrissenen Kleidern oder Schuhen.“ — Das Wort Frias (Irias) gehört zu den Wörtern, die man bis jetzt noch nicht genau erklären kann. Man glaubt, es sei damit ein Fest gemeint, das fast in allen Ländern mit Aufzügen und Mummerei gefeiert wurde, also eine Art Faschingsfest zu Ehren der Göttin Freya oder Fria, welche, nachdem sie von ihrem Gatten Freyr verlassen worden war, in der weiten Welt umherlief, ihn zu suchen.
25) „Daß sie alle Toten zu Heiligen machen.“ — Nach der heidnisch-deutschen Vorstellung fahren alle Helden zu Wodan nach Walhalla; so meinten Viele auch nach Annahme des Christentums, dass alle gestorbenen Verwandte und Freunde ohne weiteres in den Himmel kämen; man errichtete ihnen Denkmäler, zündete Nachts vor denselben Lichter an und opferte ihnen Gaben.
26) „Das Götzenbild aus Mehlteig“. — Zu Ehren der Heidengötter buk man Brode in den Gestalten, in denen man sich die betreffenden Götter vorstellte, oder auch in Gestalt der ihnen heiligen Tiere, und legte denselben geheime Kräfte bei. Die Missionäre beseitigten den Aberglauben, unterlegten aber der Sitte eine andere Bedeutung und ließen sie bestehen und so erhielt sie sich bis heute in allen deutschen Ländern.
Odin war der Gott der Jagd, der Zauberer und Todesgott und hatte als solcher ein Horn in der Hand[S021-1]. Darum buk man an den Odinsfesten aus Mehlteig Hörner. Die Missionäre machten daraus Martinshörner[S021-2] (als Sinnbild der 2 Hörner oder Spitzen an der bischöflichen Mitra); doch erhielt sich der Gebrauch und der Name Hörner, Hörnchen für dieses Backwerk in ganz Deutschland; in Freiburg heißen sie Kipfel, in Bischofsheim hat man die Hörnchen doppelt gemacht mit einer Längsfurche, wie bei den Wecken und nannte sie nun nach ihrer Ähnlichkeit „Schafeuter“.
Die Heidengötter Wodan, Freyr, Krodo waren auch Sonnengötter, d. h. solche, unter denen man die Sonne verehrte, da diese der ganzen Natur Leben, Licht und Wärme spendet. Sinnbild dieser Sonnengötter war ein Kreis, Ring oder Rad, das durch vier rechtwinkelige Radspeichen (in Form eines Kreuzes) in 4 Teile geteilt war und die vier Jahreszeiten vorstellte. Solche Sonnenräder buk, aß und opferte man an den Festen der Sonnengötter. Später als durch den Einfluss des Christentums die Bedeutung der Sonnenräder vergessen wurde, stellte man die Speichen nicht mehr rechtwinkelig in das Rad, sondern legte sie wie zwei übergeschlagene Arme auf; daher wurden sie in den alten Klosterverzeichnissen brachiola, Aermchen, genannt; statt brachiolum kommt auch der Ausdruck bracellum Armband vor, davon entstand die Bezeichnung bratzil, brezil, Bretzel.
Auch der „Osterhase“ stammt aus der alten heidnischen Zeit. Das deutet der alte angelsächsische Schriftsteller Beda Venerabilis (geb. 672) an[S021-3]. „Wahrscheinlich ist der Hase das heilige Tier der Frühlingsgöttin Ostara gewesen; in der That haben auch die Germanen den Hasen nicht getötet und nicht gegessen, weil er für ein heiliges Tier galt, heute noch hat er seine Bedeutung; es ist ein weit verbreiteter Glaube, daß ein quer über den Weg des Wanderers springender Hase eine schlimme Vorbedeutung sei und die Mahnung zur Umkehr enthalte, woraus hervorgeht, daß unsere Vorfahren annahmen, der Hase stehe im Dienst einer Gottheit, welche den Menschen warnen wolle, seinem Willen zu folgen“[S021-4]. Der Hase scheint früher ein Vogel gewesen zu sein, den die Göttin in ein 4füßiges Tier verwandelte, darum konnte er am Fest der Göttin, als Erinnerung an seine frühere Eigenschaft, Eier legen. Durch die Missionäre musste er nun zur Verherrlichung des christlichen Osterfestes dienen.
Thor oder Thonar, der Sohn des Odin, galt als Beschützer der Feldfrüchte und als Besieger des Winters; ihn stellte man sich vor, dass er auf
einem von 2 Böcken gezogenen Wagen durch die Wolken fuhr; ihm opferte man im Frühjahr Brote in Gestalt eines springenden Bockes. — Die Brotform des Bockes wurde später verwandelt in die Form des Sternes und des Kreuzes; aber der Name „Springerle“ hat sich erhalten[S022-1]. Die Zubereitung mancher „Götterbrote“ verlegte man von den heidnischen Festen auf christliche und so hießen dieselben nun Nikolausbrote, Christwecken, oder sie hatten neue, wenn auch nicht gerade eigene christliche Namen, doch christliche Bedeutung, z. B. an Weihnachten, Neujahr, Dreikönig.
27) „Die Götzenbilder aus Tuch gemacht.“ — Das waren Puppen, ähnlich den jetzigen, natürlich nur mit dem Unterschied, dass die damaligen als Götzenbilder dienten.
28) „Die Götzenbilder, die man über die Felder trägt.“ — Bei allen Völkern und zu allen Zeiten, auch bei den Römern, Griechen und Chinesen findet sich der Gebrauch, durch die Fluren zu ziehen und dabei ein Götterbild voranzutragen; bei den Deutschen war es vielleicht das Bild des Thor, der Krieg und Ackerbau beschützte. Diese Sitte ließen die Missionäre bestehen als Flurprozessionen, unterlegten ihnen aber eine christliche Bedeutung.
29) „Die hölzernen Hände und Füße nach heidnischem Gebrauch.“ — Die Heiden pflegten vor ihren Götterbildern hölzerne Hände und Füße aufzuhängen, entweder als Dank für die Heilung der genannten kranken Glieder, oder als Bitte um Heilung derselben; wenn jetzt noch an vielen Wallfahrtsorten solche und ähnliche Figuren von Wachs aufgehängt werden im Vertrauen auf den Beistand Gottes und auf die Fürbitte seiner Heiligen, so ist das ein Gebrauch, der nun von dem heidnischen Aberglauben gereinigt ist, weder der Vernunft noch der Offenbarung Gottes widerspricht und nichts von seinem Wert dadurch verliert, dass er von den Heiden abergläubisch missbraucht wurde.
30) „Der Glaube, daß Frauen den Mond bezaubern und die Herzen der Menschen wegnehmen können.“ — Das war eine tiefeingewurzelte heidnische Meinung, die im 16. und 17. Jahrhundert noch einmal mit schrecklicher Gewalt zur Zeit der Hexenprozesse hervorbrechen sollte.
#8) Die Umwandlung heidnischer Gebräuche in christliche Übungen durch die Missionäre.
Man darf aber nicht glauben, als habe der hl. Bonifazius und seine Schüler blindlings alle vorhandenen Volksgebräuche auszurotten gesucht; sondern nach der Anweisung des hl. Papstes Gregor I., des Großen, ließen sie, was nicht dem Wesen nach abergläubisch und widerchristlich war, fortbestehen und legten ihm nur eine neue christliche Bedeutung unter; die Donnereiche, die Bonifazius gefällt hatte, verbrannte er nicht, sondern errichtete ein christliches Bethaus davon.
Die heidnische Verehrung der Bäume benutzte man, indem man in die Baumhöhlen kleine Bilder der Mutter Gottes stellte und dadurch der Andacht die rechte Richtung gab. Als einzelne derselben in späterer Zeit wieder aufgefunden wurden, gaben sie Anlaß zur Erbauung von berühmten Wallfahrtskirchen; möglicherweise gehören die Gnadenbilder zu Maria Retzbach und Maria Buchen dazu; die Feldhäuschen oder Götzenhütten wurden von den Götzenbildern gereinigt, zu Kapellchen des Herrn und seiner Heiligen umgewandelt, und das Volk, das auch an diesen Orten seine Weihegaben als Zeichen der Erhörung aufhing, dankte dadurch nicht mehr den nichtigen Heidengöttern, sondern der Gnade des Herrn und der Fürbitte der Heiligen.
Anstatt zur Frühlingszeit die Götzen im Festzug durch die Felder zu tragen und von ihnen das Gedeihen der Früchte zu erflehen, hielt man jetzt unter Vorantragung des Kreuzes, als des Zeichens der Erlösung, Bitt- und Flurprozessionen.
Wenn die heidnischen Zauberer durch ihre Besprechungen vermeinten, auf allerlei Kräuter einen Segen zu legen, so gab die Kirche jetzt diesen wirklich auch ihre Weihe; und der Gebrauch des Weihwassers beim Gottesdienst ersetzte mit christlicher Bedeutung die heidnische Besprengung mit dem Wasser der Opferbrunnen.
Das war also keine thörichte Vermengung des Christentums mit heidnischen Gebräuchen durch die Missionäre, noch ein blindes Abschaffen dessen, was als nationale Sitte ehrwürdig, durch die Poesie schön und durch den gemütvollen Karakter anziehend und lieblich war, sondern der Ausdruck großer Weisheit. Diese äußeren Zeichen bilden freilich nicht den Kern, die Hauptsache des Christentums, sondern gleichsam nur den Saum seines Kleides, dessen gläubige Berührung die geistige Krankheit der Seele heilt. — Dass die Neubekehrten dies alles nicht sofort begriffen, sondern zeitweilig in ihre alten heidnischen Übungen zurückfielen, oder die kirchlichen Gebräuche missbrauchten, kann man der Kirche nicht zum Vorwurf machen, da sie den Aberglauben des Heidentums zu allen Zeiten bekämpfte.
Es ist leicht zu begreifen, dass auch ein so gewaltiger Mann, wie St. Bonifazius, nicht im stande war, den heidnischen Aberglauben in Franken wie in anderen Gegenden kurzer Hand auszurotten; vielmehr hatten die Bischöfe von Mainz und Würzburg jahrhundertlang zu kämpfen; noch in den Jahren 1219 und 1310 wurden von denselben die abergläubischen heidnischen Gebräuche zu Biscovesheim und vielen anderen Orten der beiden großen Diözesen verboten[S023-1].
#9) Das Ende des hl. Bonifazius.
Im Jahre 745 oder 47 machte der hl. Glaubensbote Mainz zum Mittelpunkt seines bischöflichen Amtes.
In seinem Alter drängte es ihn aber, den Friesen, denen er im Anfange seiner Missionstätigkeit gepredigt hatte, auch am Abend seines Lebens nochmals die Heilsbotschaft zu verkünden. Am Pfingstfeste, am 5. Juni desselben Jahres, erwartete er schon seine Neubekehrten bei Dokkum zur hl. Firmung. — In der Nacht vorher, da er anhaltend in seinem Zelte betete, wurde dieselbe von himmlischem Lichte wunderbar durchstrahlt und ihm von Gott geoffenbart, dass dies ihm seine bevorstehende Verklärung andeuten solle; richtig erschien kurz nach Sonnenaufgang statt der erwarteten Christen eine Schar bewaffneter Heiden, die mit großem Geschrei über den heil. Gottesmann herfielen und ihn mit 52 Genossen ermordeten. Er starb stehend, indem er das Evangelienbuch wie zum Schutz gegen das feindliche Schwert über das Haupt hielt.
Die Mörder nahmen die Habseligkeiten der Erschlagenen, die Bücherkisten und Reliquienkapseln mit in der Meinung, dieselben müssten Gold und Silber entalten, und berauschten sich dann an dem Wein, den sie neben den Speisevorräten auf dem Schiff der Getöteten fanden. (Der hl. Bonifazius war von Mainz aus auf dem Rhein zu Schiff nach Friesland gefahren); noch am selbigen Tag brach über die Teilung der noch nicht gesehenen Beute ein Streit aus, bei dem viele das Leben verloren; die übrigen erlitten am 3. Tag durch die Christen eine vollständige Niederlage, so dass die überlebenden Heiden der Nachbarschaft, die Lehre des hl. Glaubensboten, die sie bei seinen Lebzeiten nicht hören wollten, gleich nach seinem Tod freiwillig annahmen.
Der Leichnam des hl. Bonifazius wurde, wie er es verlangt hatte, nach Fulda gebracht, wo er, durch viele Wunder von Gott verherrlicht, bis auf den heutigen Tag in großer Verehrung steht.
#3) Die hl. Lioba in Tauberbischofsheim.[S024-1]
Nicht geringe Berühmtheit und Bedeutung erlangte die Stadt Tauberbischofsheim dadurch, dass eine große Anzahl hervorragender
heiliger Männer und heiliger Jungfrauen zeitweilig hier gewohnt und gewirkt haben. Die hl. Martyrer Kilian, Kolonat, Totnan und Bonifazius haben wir schon genannt. Von den hl. gottbegeisterten Jungfrauen, welche der hl. Apostel der Deutschen nach Deutschland berief, waren die vornehmsten die heil. Lioba, die hl. Thekla und die hl. Walburga; alle drei waren Verwandte des großen hl. Bonifazius, sie waren alle 3 in dem englischen Kloster Winburn erzogen worden, hatten, wenn auch nicht alle gleichzeitig, die Reise nach Deutschland gemacht und sich alle drei in dem Kloster niedergelassen, welches der hl. Bonifazius 725 aus dem alten Bischofshof zu Biscovesheim an der Tauber für die frommen Jungfrauen eingerichtet hatte. Die hl. Lioba wurde hier die erste Äbtissin und die Meisterin einer großen Anzahl hl. Jungfrauen.
#1) Familie und Heimat der hl. Lioba.
Die hl. Lioba stammte aus einer vornehmen, sehr frommen Familie in England; ihr Vater hieß Dimo, ihre Mutter, eine Verwandte des hl. Bonifazius, Ebba. Die Heilige war das erste und das einzige Kind, das die Eltern erst in den späteren Jahren ihrer Ehe erhielten; das Geburtsjahr ist nicht genau bekannt.
Gleichwie die Geburt vieler berühmter oder heiliger Männer und Frauen durch vorausgehende Anzeichen und Träume vorher verkündigt wurde, so berichtet auch der Biograph über unsere Heilige:
„Während Liobas Eltern schon in vorgerückten Jahren standen und kaum mehr die Geburt eines Kindes zu erwarten hatten, sah Liobas Mutter im Traum, sie habe ein Glöcklein auf dem Schoß, wie man solche in der Kirche braucht, und als sie es aufhob, klang dasselbe mit mächtigem Schall. Nach dem Aufwachen rief Ebba ihre ehemalige Amme, die hochbetagt noch bei ihr im Hause wohnte, und erzählte ihr den Traum. Diese verkündete ihr mit weissagendem Geiste: „Wir werden sehen, daß du noch auf deinem Schoß eine
Tochter wiegen wirst, und wie Anna einst den Samuel darbrachte, dass er Gott alle Tage seines Lebens im Tempel diene, so sollst du diese Tochter von ihrer Kindheit an in den hl. Schriften unterrichten lassen und sie darbringen, damit sie ihr ganzes Leben Gott in heiliger Jungfrauschaft weihe.“ Ebba gelobte dies und erhielt zu ihrer großen Freude noch eine Tochter, die als Truthgeba, die Treue, getauft wurde.
Als das Mädchen heranwuchs, entfaltete es sich an Leib und Seele zu einer so holdseligen, lieblichen Blume, dass man es allgemein Leobgytha, Lioba, die Liebliche, nannte. Diesen Namen behielt die Heilige auch in Deutschland.
#2) Die hl. Lioba im Kloster zu Winburn.
Zur Erfüllung ihres Gelübdes, und da in damaliger Zeit jede höhere Ausbildung nur in Klöstern möglich war, brachte Ebba ihr liebliches Kind in das hochberühmte Kloster Winburn am Stone- oder Stour-Fluss, in der Grafschaft Dorchester, nicht weit von Badburg, der Residenz des angelsächsischen Königreiches Wessex.
Die Äbtissin Tetta war eine ausgezeichnete Frau, berichtet der Biograph Rudolph, „von königlicher Abstammung, aber noch edler durch ihre Tugend und Heiligkeit“, unter deren vortrefflicher Leitung gegen 500 Klosterfrauen Gott dienten.
Lioba erlangte bewunderungswürdige Fertigkeit in der feinern Stickerei kirchlicher Gewänder, im Abschreiben und Ausmalen von Büchern (Miniaturmalerei), eine außerordentlich genaue Kenntnis des Lateinischen, da alle Lehrbücher in dieser Sprache verfaßt waren, der hl. Schrift, der Schriften der hl. Kirchenväter und des Kirchenrechts; denn alle diese Wissenschaften waren damals auch in den Frauenklöstern zu Hause und gehörten zur höheren weiblichen Bildung.
Die natürliche Lieblichkeit der heil. Lioba wurde durch den strahlenden Glanz ihrer Tugend noch anmutiger und übte einen gewinnenden Zauber auf jeden aus, der in ihre Nähe kam. Daher ist es begreiflich, dass die Schwestern von Winburn hocherfreut waren, als die so hochgeschätzte Jungfrau bei ihnen bleiben und den Schleier nehmen wollte.
So demütig und schüchtern die fromme Jungfrau ihrem Tagewerk oblag, muss sie doch damals schon eine Ahnung vor ihrer zukünftigen großen Lebensaufgabe in sich getragen haben.
Es träumte einst Lioba, als ob ein purpurroter, glänzender Faden aus ihrem Munde gehe; als sie ihn herausziehen wollte, nahm er lange kein Ende,
so dass sie ihn zu einem großen Knäuel aufwickelte; so sehr sie sich auch abmühte, kam sie doch nicht zu Ende und die Angst hierüber weckte sie aus dem Schlafe. Die junge Schwester hatte das Gefühl, der Traum habe seine Bedeutung und wurde dadurch sehr im Gemüte ergriffen. Es lebte aber damals im Kloster zu Winburn eine alte Nonne, von der man allgemein die Gabe der Weissagung und einer besonderen Erleuchtung rühmte. So gerne Lioba sie um die Deutung ihres Traumes befragt hätte, getraute sie sich doch aus Schüchternheit nicht, es selber zu tun; vielmehr veranlasste sie eine Mitschwester, dass diese den Traum vortrug, wie wenn sie selbst ihn gehabt hätte. Die erleuchtete Seherin erkannte sogleich, dass die erzählende Schwester nicht ihren eigenen, sondern Liobas Traum vortrage, und fügte auch gleich die Deutung hinzu: „Der Purpurfaden, der aus dem Innern durch den Mund ging, bedeutet die Lehre der Weisheit, die aus Liobas Herzen durch den Mund hervorgehen wird; daß sie den aus diesem Faden gebildeten Knäuel in der Hand hielt, bedeutet, daß sie das, was sie lehrt, selbst ausüben wird. Durch dieses Zeichen hat Gott uns zu erkennen gegeben, daß Lioba einst durch Lehre und Beispiel großen Nutzen stiften werde. Die Erfüllung dieses Traumes wird aber nicht an diesem Orte hier geschehen, sondern bei fremden Nationen, zu denen sie Gott führen wird.“
Die Erfüllung nahte schon mit raschen Schritten.
#3) Brief der hl. Lioba an den hl. Bonifazius.
Während Lioba in der klösterlichen Stille zu Winburn an Geist und Körper sich zu einer herrlichen Blume entfaltete, erfüllte der gewaltige Missionär St. Bonifazius nicht nur Deutschland, sondern auch England mit dem Ruhm seiner apostolischen Wirksamkeit und seiner großartigen Erfolge; und da der große Mann nicht nur mit seinen Amtsbrüdern, sondern auch mit vielen Äbtissinnen und Klosterfrauen in seiner Heimat in lebhaftem Briefwechsel stand in Betreff solcher Fragen, welche die Ehre Gottes und das Heil der Seelen berührten, so konnte es um so weniger auffallen, dass auch die gottbegeisterte hl. Lioba, die an allem Guten so innigen Anteil nahm, mit freudigem Wohlgefallen an ihren hl. Vetter schrieb, um sich seinem Gebet zu empfehlen. Der Brief lautet:
Leobgytha an Bonifazius.
„An Bonifazius, den hochwürdigsten mit der Inful der höchsten Würde versehenen Herrn, der mit mir durch die teuersten Bande der Verwandtschaft verbunden ist, von Leobgytha, der untersten Dienerin Christi, unvergängliches Heil und Gruß!
Ich rufe deine Güte an, dass du eingedenk sein mögest deiner ehemaligen Freundschaft zu meinem Vater Dimo. Seit 8 Jahren ist er dem Lichte dieses Lebens entrissen. Mögest du es nicht versagen, für seine Seele zu beten. Des gleichen empfehle ich dir auch meine Mutter Ebba, die, wie du wohl weißt, mit dir verwandt ist; sie lebt noch, ist aber voller Mühe und durch Körperschwäche niedergebeugt. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern; möge ich, wenn auch dessen nicht ganz würdig, es doch dahin bringen, dass ich dich an Bruders statt habe, da ich auf keinen Menschen so großes Vertrauen setze, als auf dich.
Ich habe dir ein kleines Geschenk beigelegt[S028-1], nicht als ob es deiner würdig wäre, sondern nur, damit du das Andenken an mich bewahrest und es nicht bei der großen Entfernung, die uns trennt, in Vergessenheit gerate. Möge vielmehr für alle Zeiten das Band wahrer Liebe zwischen uns geknüpft sein!
Aber noch mehr als dies liegt mir am Herzen, geliebter Bruder, dass ich durch den Schild deiner Gebete gegen die vergifteten Pfeile des verborgenen Feindes geschützt werden möge.
Auch bitte ich dich, du mögest die mangelhafte Form dieses Briefes selbst verbessern und mir einige freundliche Worte von dir zukommen lassen, da ich mich wahrhaft darnach sehne!
Die folgenden Verse habe ich, entsprechend meinem erlernten Unterricht in der Poetik, zu machen mir Mühe gegeben, nicht als ob ich mir darauf etwas einbilde, sondern um mein schwaches Talent zu üben und weil ich deines Schutzes bedarf. Ich habe diese Kunst durch Eadburga's Unterricht gelernt, welche dabei nicht unterlässt, beständig auch die göttliche Lehre genauer zu lernen und zu lehren.
Lebe wohl und lebe lange in gutem Glück!
Er der Schöpfer der Welt, nicht minder auch Richter des Weltalls,
Und in des Vaters Reich, Er, der da thronet im Lichte.
Christus, dessen Ruhm uns leuchtet in ewiger Herrschaft,
Mögen Gesundheit und Heil dir spenden in dauernder Fülle.“
Welche Antwort der hl. Bonifazius auf diesen demütigen Brief gab, wissen wir nicht; aber wir wissen, dass ihm der Brief Veranlassung gab, sich über seine hl. Base genauer zu erkundigen, und dass das überaus glänzende Lob ihrer Wissenschaft, und Heiligkeit ihn mit dem Verlangen erfüllte, diese schätzbare Kraft dem großen Missionswerk in Deutschland dienstbar zu machen.
#4) Reise der hl. Lioba nach Bischofsheim.
Als die Zahl der Heiden-Bekehrungen so groß wurde, dass der hl. Bonifazius für die umfassende Missionstätigkeit nicht mehr ausreichte, berief er nicht nur Priester als Gehilfen aus England, sondern er schickte auch einen Boten mit einem Brief an die Äbtissin
Tetta in Winburn mit der Bitte, „sie möge ihm die durch Frömmigkeit und gelehrte Bildung berühmte Klosterfrau Lioba (mit einer Anzahl anderer Schwestern) zur Erziehung der weiblichen Jugend und zur Organisierung der Frauenklöster in Deutschland schicken“.
So sehr sich das Kloster geehrt fühlte durch den Antrag des berühmten Missionärs, so bitter empfand man den Verlust in Winburn. Doch gegen den brennenden Eifer für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen mussten alle menschlichen Rücksichten zurücktreten.
Lioba reiste also[S029-1] in Begleitung der heil. Chunihilt, einer Tante des hl. Lullus, späteren Erzbischofs von Mainz, nebst deren Tochter der hl. Berathgit und der hl. Jungfrauen Chunitrut, Thekla und Walburg (Schwester der heil. Willibald und Wunibald) nach Biskofesheim an der Tauber, wo ihnen der heil. Bonifazius den Bischofshof als Kloster anwies.[S029-2]
Das Jahr der Bischofsheimer Klostergründung wird verschieden angegeben; der berühmte Geschichtsschreiber Baronius und mit ihm die meisten Kirchenschriftsteller bezeichnen dafür das Jahr 725 (andere das Jahr 748).
Darüber berichtet St. Liobas Biograph, der Mönch Rudolph, folgendermaßen:[S029-3]
„Als Lioba nach Deutschland kam, wurde sie von Bonifazius mit großer Verehrung empfangen, da er sie nicht bloß als seine Verwandte liebte, sondern auch wegen ihrer Frömmigkeit und gelehrten Bildung, wovon er sich die reichsten Früchte versprach, überaus hoch schätzte. Er errichtete für sie ein Kloster in dem Ort, genannt Bischofsheim, wo sich eine große Anzahl von Dienerinnen Gottes einfand, die nach dem Beispiel dieser ihrer frommen Lehrerin in den Heilswahrheiten unterrichtet wurden und darin solche Fortschritte machten, daß mehrere von ihnen selbst wieder Lehrerinnen Anderer wurden. Es war auch nicht leicht damals ein Frauenkloster in jenen Gegenden, welches nicht Schülerinnen Liobas als Lehrerinnen für sich erbeten hätte.“
#5) Das Frauenkloster in Bischofsheim an der Tauber und nicht in Bischofsheim an der Rhön.
Nahezu 1000 Jahre lang bezeichnete die Überlieferung Bischofsheim an der Tauber als den Aufentaltsort der hl. Lioba. Erst gegen die Mitte dieses Jahrhunderts tauchte die Behauptung auf, das St. Liobakloster habe nicht in Bischofsheim an der Tauber,
sondern in Bischofsheim im Rhöngebirge gestanden; und nachdem einmal die Streitfrage aufgeworfen war, gab es bis in die neuere Zeit Manche, die aus Unkenntnis der Sachlage oder aus übel angebrachtem Lokalpatriotismus für Rhönbischofsheim eintraten; heute gilt der letztere Standpunkt als überwunden.
Da die Frage für jeden Bewohner Tauberbischofsheims und der Umgegend von Wichtigkeit ist, müssen wir diese Frage etwas ausführlicher behandeln.
Der erste, der für Rhönbischofsheim eintrat, war J. Schneider in seiner „Beschreibung des hohen Rhöngebirges“[S030-1] im Jahr 1840; wie unwissend aber der Mann in der St. Lioba-Geschichte war, bekundete er mit folgenden Worten: „In demselben (nämlich Bischofsheim a. d. Rhön) hat in frühester Zeit die hl. Lioba, Schwester (!) des hl. Bonifazius, nachdem sie von Kissingen (!) sich dorthin begeben, einige Zeit gewohnt“. — Die hl. Lioba war aber weder eine Schwester des hl. Bonifazius, noch hat sie in Kissingen gewohnt; so unrichtig diese zwei Sätze sind, so unrichtig ist der dritte, dass sie in Rhönbischofsheim gewohnt habe. — Spätere, die über die hl. Lioba schrieben, haben die Behauptungen Schneiders einfach nachgeschrieben[S030-2]. — Aber die Aufstellung von Rhönbischofsheim für das St. Lioba-Kloster ist unrichtig aus folgenden gewichtigen Gründen:
- Alle alten Abschriften[S030-3] der Vita St. Liobae von dem Fuldaer Mönch Rudolf, nicht lange nach dem Tod der Heiligen, nennen als Ort ihres Klosters Biscofesheim an der Tubbera oder Tubberaha; dass die älteste Handschrift zu Trier diesen Zusatz nicht führt, kann nicht als Einwand erhoben werden, da an der betreffenden Stelle das ganze Blatt ausgeschnitten ist, und so gut der Zusatz in allen übrigen Handschriften steht, konnte er auch in dem ausgeschnittenen Blatt stehen.
- Man hat behauptet, der Name des Flusses Tubbera sei in den genannten Handschriften nicht von dem ersten Schreiber, sondern
von späterer Hand beigefügt worden. — Allein das ist leere Behauptung ohne jeglichen Beweis; denn die angeblichen Gründe sind durchaus nicht stichhaltig. Man sagte: So wie Bonifazius in Fulda ein Mönchskloster errichtete, weil dies in der Mitte der durch ihn bekehrten Völkerschaften lag, so müsse auch das St. Liobakloster, welches für das weibliche Geschlecht eine ähnliche Bedeutung haben sollte wie das Mönchskloster für die Männer, in der Nähe von Fulda gelegen haben; aber das sind ganz willkürliche Annahmen; dass der hl. Bonifazius die Taubergegend sehr zum Mittelpunkt seiner Tätigkeit rechnete, beweisen die vielen Kirchen, die er in zahlreichen Tauberorten gründete[S031-1]. Auch hat der hl. Deutschen-Apostel noch eine Menge von anderen Frauenklöstern gegründet oder ihnen von seinen Schülerinnen Äbtissinnen geschickt, wie z. B. Ochsenfurt, Kitzingen und viele andere, die auch nicht in der Nähe von Fulda lagen.
- Die Gegner von Tauber-Bischofsheim verweisen auf den Bericht vom Mönch Rudolf: „Lioba sei oft mit einigen Mitschwestern nach Fulda gekommen, um dort zu beten, ein solch oftmaliger Besuch lasse sich nur von Rhönbischofsheim aber nicht von Tauberbischofsheim aus bewerkstelligen“. — Aber das ist unrichtig; der Biograph sagt nicht, dass sie oft, sondern nur dass sie bisweilen gekommen sei, um dort zu beten.
Übrigens ist wohl zu bemerken, der nämliche Lebensbeschreiber erzählt auch, dass sie „häufig“ (frequenter) am Hoflager Kaiser Karls des Großen Besuche machte, wofür der Weg nicht kürzer war; zudem waren die Missionäre jener Zeit, auch die Frauen, ganz anders an das Reisen gewöhnt, als unser bequemes Jahrhundert, und man hatte wegen des häufigen Bedarfes mit Ross und Wagen sich besser vorgesehen als heute, wo man mit der Eisenbahn fährt und ein eigenes Fuhrwerk nur ausnahmsweise gebraucht; endlich hatte die Heilige von Tauberbischofsheim aus eine gute Straße und längs des Weges mehrere Frauenklöster, die als Ruhestationen dienen konnten.
- Eine fernere Einwendung besagt: „Emehild, welche 783 ein Kloster zu Milz bei Römhild in der Nähe von Fulda gegründet, gab wegen der häufigen Slaven-Einfälle im Jahr 800 dieses Kloster auf,
übertrug dessen Güter an Fulda und zog sich nach dem von Lioba errichteten Kloster in Bischofsheim zurück[S032-1]; da sie im nördlichen Franken zu Hause war, ihre Schenkung dem benachbarten Fulda machte, so wird sie ihre Sicherheit in dem nahegelegenen Frauenkloster zu Rhönbischofsheim und nicht in dem entfernteren Tauberbischofsheim gesucht haben“. Ob die Urkunde, auf welche diese Einwendung sich stützt, echt oder unecht ist[S032-2], tut für uns gar nichts zur Sache, da wir in jedem Fall gerade auf das Gegenteil schließen. Wenn Ermhild Schutz gegen die räuberischen Slaven-Einfälle suchte, wird das nahegelegene Rhönbischofsheim denselben gerade so sehr ausgesetzt gewesen sein als Milz, während sie in dem fern gelegenen Kloster an der Tauber eher Bergung hoffen konnte; und dass sie ihre Güter in das Mönchskloster zu Fulda vergabte, beweist, dass sie nicht in das nahgelegene Kloster an der Rhön eintrat, sonst hätte sie doch sicher dieselben dahin mitgenommen, sondern in das fernab gelegene Kloster an der Tauber, wohin eine Vergabung nach den damaligen Verhältnissen keinen Wert gehabt hätte.
- Ebensowenig Gewicht als vorstehende Einwendung hat die folgende: Die Nonne Willeswinda[S032-3] begab sich nach Liobas Tod in ein anderes, nicht näher genanntes thüringisches Frauenkloster; es mag dies das (damals noch bestehende) Kloster Milz sein, da unter dessen Schwestern eine den Namen Wileswinda führte, wie aus den Unterschriften der dortigen Nonnen in einer Schenkungsurkunde hervorgeht. Nun sagt man, da die Eltern der Willeswinda in der Nähe von Bischofsheim wohnten, wird das St. Liobakloster wie das neue, Milz, im nördlichen Franken, beim Rhöngebirg gelegen sein, denn es sei doch wahrscheinlich, dass sie in der Nähe ihrer Heimat geblieben und nicht aus dem fernen Kloster an der Tauber über alle Klöster des südlichen Frankens weg sich nach Milz begeben habe. —
Allein da aus Bischofsheim für so ziemlich alle Klöster der ganzen Gegend die trefflichen Schülerinnen der hl. Lioba als Äbtissinnen verlangt wurden, wie der Mönch Rudolf ausdrücklich erzählt, kann es doch gar nicht auffallen, dass Willeswinda als Oberin nach
Milz geschickt wurde; es würde nicht auffallen, wenn die Entfernung von der Heimat noch viel größer gewesen wäre.
- Unsere Gegner berufen sich darauf, dass in Rhönbischofsheim eine alte Ortssage von einem ehemaligen Kloster berichte, während Tauberbischofsheim gar keine solche Überlieferung gehabt und einen Anspruch auf St. Lioba erst erhoben habe, nachdem Surius die Lebensgeschichte der Heiligen herausgegeben hatte (1570); erst die Franziskaner, die 1629 nach Bischofsheim kamen, hätten die Verehrung der hl. Lioba in Aufnahme gebracht. — Allein durch die Ortssage von der Rhön, die nicht einmal den Namen der hl. Lioba nennt, ist noch gar nicht erwiesen, dass dieses das St. Liobakloster gewesen sei, vielmehr spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass jenes eines der alten Beguinenhäuser war, die sich im ganzen Bistum vorfanden. — Tauberbischofsheim aber hatte zu allen Zeiten und lang vor Surius eine ganz bestimmte Überlieferung, dass die hl. Lioba hier und nicht anderswo gewohnt habe. Schon der berühmte Trithemius, der gelehrte Abt von Sponheim († 1515), berichtet vom St. Liobakloster, das zu Tauberbischofsheim[S033-1] bestand, und das, als es teilweise abbrannte, in ein Spital umgewandelt wurde. Auch brauchten die Franziskaner die Verehrung der hl. Lioba nicht erst einzuführen, da ihnen nach dem Wortlaut der Urkunden Erzbischof Anselm Kasimir „das Spital, welches ehemals das St. Lioba-Klösterlein gewesen war, übertrug“. Somit wurde das damals noch vorhandene Gebäude allgemein der berühmten Heiligen zugeschrieben, noch bevor die Franziskaner hierher kamen.
Dass die Verehrung der hl. Lioba zur Zeit der Franziskaner schon längst bekannt war und nicht erst eingeführt wurde, bezeugte der Franziskanerpater Kaspar Liebler, der selber aus Tauberbischofsheim stammte und 1683 ein jetzt noch in vielen Exemplaren vorhandenes Büchlein herausgab: „Leben der heiligen Jungfraw Liobä u. s. w.“ In der Vorrede gibt er drei Gründe an, die ihn bewogen haben, das Leben der hl. Lioba zu beschreiben: „erstlich, weil die hl. Jungfraw Lioba von Alters her eine Inwohnerin meiner Vaterstadt gewesen, zum zweytten, weyl sie biß auff den heutigen Tag alldorten in großer Verehrung gehalten wird, und zum dritten,
sintemalen mich auch die große Lieb, welche ich von Kindheit auf zu ihr getragen, hat inniglich veranlasst, die Feder anzusetzen“.
Nicht minder ist hier noch anzuführen, dass P. Liebler in seinem Lioba-Büchlein erzählt, es stand noch zu seiner Zeit (und bis 1789) bei der Tauberbrücke die uralte St. Leonardikapelle mit einem gleichfalls alten Bildnis der hl. Lioba.
Endlich erzählt der Protestant Lommel in seinen Tauberbildern[S034-1]: Das St. Liobaklösterlein habe in den alten Urkunden[S034-2] „das Klösterlein am Brehmbach“ geheißen, d. h. wo die Brehmbach in die Tauber einmündet.
- Es ist zwar ein Zeichen wohlmeinender Absicht, aber wenig genauer Kenntnis, wenn man die Ansprüche beider Orte, von Bischofsheim an der Rhön und dem an der Tauber zu vereinigen suchte, indem man annahm, so wie die hl. Thekla, Schülerin der hl. Lioba, den Klöstern zu Ochsenfurt und Kitzingen gleichzeitig vorstand, so könne wohl auch die hl. Lioba zwei Klöster desselben Namens, an der Rhön und an der Tauber, geleitet haben[S034-3]. Allein wir brauchen gar keinen Vergleich, da das Recht für Tauberbischofsheim unzweifelhaft ist und auch mehr als 1000 Jahre lang nicht angezweifelt worden ist.
- Wenn einzelne alte Schriftsteller bei Angabe des Ortes den Zusatz „an der Tubberah“ weggelassen haben, so hat dies seinen Grund einfach darin, „daß um jene Zeit in dem ganzen Gebiet Ostfrankens urkundlich kein anderer Flecken dieses Namens als eben Bischofsheim an der Tauber, bekannt ist“[S034-4].
Angesichts solcher Tatsachen darf die Frage als erledigt gelten, dass das St. Liobakloster hier stand und nicht an der Rhön[S034-5].
Wenn wir nun fragen, an welcher Stelle zu Tauberbischofsheim das St. Lioba-Klösterlein gestanden habe, so werden wir antworten, dort, wo später das Franziskanerkloster stand, die heutige Präparandenschule und die Klosterkirche, da der Erzbischof Kasimir den
Franziskanern das „zu einem Spital umgebaute St. Lioba-Kloster“ gab; dort fließt unter dem Gebäude heute noch ein Teil der Brehmbach, und die Tauber, die erst in den 60er Jahren durch die Tauber-Korrektion wieder einen anderen Lauf bekam, floss ehemals in einem Bogen näher gegen die jetzige Stadt; die Tauber wurde erst später weiter nach außen gedämmt[S035-1]. — So konnte das Kloster gut am genannten Ort liegen und doch zugleich von der Tauber und der Brehmbach berührt werden.
#6) Die hl. Lioba als Äbtissin in Bischofsheim.
Unter den Tugenden der hl. Lioba als Äbtissin zu Bischofsheim werden von ihrem Biographen, dem Mönch Rudolf, besonders hervorgehoben, dass sie mit großer Opferwilligkeit sich ihrem Beruf hingab und trotz ihrer Anhänglichkeit an Heimat und Freunde diese ganz vergaß. So liebreich und heiter sie stets von Angesicht gegen Andere sich zeigte, so streng war sie gegen sich selbst; sie genoss nur sehr wenig und gebrauchte bei Tisch ein viel kleineres Becherchen zum Trinken als alle übrigen, weßhalb dasselbe von den Schwestern scherzweise „der Kleine der Lieben“ (parvus dilectae) genannt wurde.
Bis in ihr hohes Alter war sie so sehr wissenschaftlicher Beschäftigung ergeben, dass sie nicht nur neben ihren Dienstgeschäften anhaltend studierte, sondern dass sie vor dem Schlafen sich immer etwas aus der heiligen Schrift vorlesen ließ; das ließ sie regelmäßig durch jüngere Schwestern abwechselnd besorgen, um keiner schwer zu fallen; ihre Aufmerksamkeit auf die Lesung war so groß, dass sie, selbst wenn sie zu schlafen schien, nicht einmal eine fehlerhafte Silbe von Seiten der Vorleserin ungerügt hingehen ließ. Manche der Schwestern gestanden später, sie hätten öfters beim Vorlesen die Heilige auf die Probe stellen wollen und absichtlich fehlerhaft gelesen, wenn sie zu sehen glaubten, dass Lioba eingeschlafen sei; sie kamen aber niemals ungerügt davon, und Lioba konnte wohl die Worte des hohen Liedes auf sich anwenden: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach.“
In kurzer Zeit hatte St. Lioba durch ihre Gelehrsamkeit, Heiligkeit, ihre Wunderwerke und ihr herzgewinnendes Benehmen ganze Scharen von Töchtern der vornehmsten Familien an sich gezogen, von denen nicht wenige den Schleier nahmen.
Ja viele auswärtige Klöster glaubten, durch Nichts so sehr in allseitigen Aufschwung zu kommen, als wenn sie Schülerinnen der
Heiligen aus Bischofsheim zu Lehrerinnen oder Äbtissinnen bekämen, und mehr als eine hat mit äußerem Glanz und innerer Heiligkeit den Äbtissinnen-Stab geführt; so die hl. Thekla in Ochsenfurt und Kitzingen, die hl. Walburg in Heidenheim, die selige Willeswinda (von Tauberbischofsheim gebürtig) im Kloster Milz und viele andere.
Obgleich damals jeder Abt und jede Äbtissin selbständig war, und kein Generaloberer die verschiedenen Klöster unter sich hatte, so war doch St. Lioba vom hl. Bonifazius mit einer gewissen Oberaufsicht über die fränkischen und einen Teil der baierischen Frauenklöster betraut; denn ihr Biograph Rudolph berichtet, sie habe mit allem Eifer das begonnene Werk fortgesetzt, die Klöster der Jungfrauen als ihre geistige Führerin besucht (Visitation gehalten) und ihren gegenseitigen Wetteifer zu immer größerer Vollkommenheit angeleitet.
#7) Die Lebensordnung im Benediktinerinnen-Kloster der hl. Lioba zu Bischofsheim.
Die Ordensregel im St. Liobakloster war die des hl. Benedikt, die bis zum Jahr 1000 in ganz Europa wegen ihrer Zweckmäßigkeit so allgemein herrschend war, dass kaum eine andere daneben in Frage kam. Außer der Äbtissin hatte man hier wie in allen andern Klöstern eine zweite Vorsteherin (Praeposita, Pröpstin, Priorin), eine Speisemeisterin (Cellaria) und eine Pförtnerin (Portaria).
Das Tagewerk der Nonnen wurde durch das Beten und Singen der 7 kanonischen Tagzeiten oder des Breviers, Haushaltung, Gartenarbeit, weibliche Handarbeiten, Studium und Lesung, Unterricht und Erziehung der weiblichen Jugend, Bücherabschreiben, Illuminieren derselben (Miniaturmalerei) in regelmäßiger Abwechselung ausgefüllt.
#8) Die Gebetserhörungen und Wunder der hl. Lioba.
Das Ansehen der hl. Lioba gründete sich nicht nur auf ihre Weisheit, Liebenswürdigkeit und Tugend, sondern auch auf die wunderbare Kraft ihres Gebetes, die von den Mitschwestern wie von der Einwohnerschaft zu Bischofsheim erprobt wurde. Darüber berichteten ihre Zeitgenossen dem Biographen Rudolph:
1) Die aufgedeckte Verläumdung. „Es wohnte zu Bischofsheim eine dem Anscheine nach schwache und durch Krankheit fast gelähmte Bettlerin, die sich immer an der Pforte aufhielt und dort Almosen empfing durch Nahrung, Kleidung, und was sie sonst noch brauchte; die Bettlerin war aber weder krank noch lahm, sondern eine arbeitsscheue und dazu noch sehr lasterhafte Heuchlerin, die ihr eigenes Kind nahe beim Kloster in die Tauber warf, wo das Wasser wegen der innerhalb der Klostermauern liegenden Mühle gestaut war. Am folgenden Morgen sah eine Frau, welche dort Wasser holte, den Leichnam des Kindes, erhob ein großes Geschrei und scheute sich nicht, den Verdacht auszusprechen, als ob Jemand aus dem Kloster das Kind umgebracht hätte; die ganze Bevölkerung des Ortes lief zusammen, und der Verdacht blieb bei vielen nicht ohne Wirkung. Die Abtissin versammelte alle Schwestern in der Klosterkirche, wohin auch das Volk strömte und unter Weinen und Seufzen betete sie: „Herr Jesu Christe, König der Jungfrauen, Freund der Reinheit, unbesiegbarer Gott! zeige deine Kraft und erlöse uns von dieser Schmach!“ Als sie geendet hatte, erhob sich plötzlich jene Bettlerin, wie von einem Geiste ergriffen und ganz außer sich, rief den Namen der Äbtissin aus und gestand laut ihr Verbrechen. Das Volk staunte über die schnelle und auffallende Erhörung des Gebetes, die Dienerinnen Gottes weinten vor Freude, und alle priesen einmütig Liobas Verdienst und die Macht des Erlösers. So geschah es, dass der Ruhm des Klosters, welchen der böse Feind hatte schmälern wollen, nur um so heller erglänzte.“
2) Errettung aus Feuersnot. „Als einst Lioba in gewohnter Weise den Unterricht in der hl. Schrift erteilte, brach in dem Ort Feuer aus, welches die mit Strohdächern versehenen Häuser gierig ergriff und, durch den starken Wind getrieben, dem Kloster immer näher kam, so daß nicht nur dem Gebäude, sondern auch Menschen und Tieren Untergang drohte. Das erschreckte Volk erhob ein großes Geschrei und eilte zur Abtissin; sie aber, die stets ruhigen und besonnenen Geistes war, bethätigte dies auch jetzt. Während alle in Verwirrung durch einander irrten, befahl sie, aus der Tauber oberhalb des Eintritts in das Kloster ein Gefäß mit Wasser zu füllen und ihr zu bringen; sie streute dann von dem Salz hinein, welches der hl. Bonifazius geweiht hatte, und von welchem sie immer einen Vorrat hatte, und sprach: „Gehet und schüttet das Wasser in den Fluß, dann soll alles Volk aus dem Fluß Wasser schöpfen und das Feuer damit zu löschen suchen.“ Kaum hatten sie dies getan, so legte sich die Gewalt des Feuers und das Kloster blieb verschont. Das Volk lobte Gott, der durch den Glauben und das Gebet seiner Dienerin Lioba Solches gewirkt hatte.“
3) Schutz gegen Ungewitter. „Einmal wütete ein schreckliches Gewitter zugleich mit einem furchtbaren Sturm. Unter dem Zucken der Blitze, dem Krachen des Donners und dem Brausen der Winde wurde es am hellen Tag Nacht; das Volk eilte, das Vieh schnell nach Hause zu bringen, damit es nicht zu Grund ginge. Als aber der Sturm immer ärger tobte, und die Furcht aufs höchste stieg, eilten die Bewohner des Ortes voll Verzweiflung in die Klosterkirche, um dort das jüngste Gericht zu erwarten, das, wie sie meinten,
jetzt kommen müsse. Während hier die Leute sich durcheinander drängten und schrieen, erschien die hl. Lioba und ermahnte sie zum Gottvertrauen und zum Gebet; da aber Dunkelheit und Sturm, Blitz und Donner noch immer zunahmen und bei dem Wüten der Elemente jeden Augenblick das Gebäude zusammenzukrachen schien, trat die hl. Thekla zur Äbtissin mit den Worten: „O Liebe, Liebe, auf dir beruht die Hoffnung des Volkes. Rufe deine Patronin, die hl. Jungfrau Maria an, daß wir durch ihre Fürbitte aus diesem Sturm gerettet werden!“ Da legte Lioba den Mantel ab, trat vor die Kirchenthüre, machte das Kreuzzeichen und rief die Namen Gottes an. Und sofort zeigte sich das Walten der Gnade, Sturm und Gewitter legten sich und der helle Himmel kam wieder zum Vorschein.“
4) Eine Krankenheilung. „Unter den Jungfrauen des Bischofsheimer Klosters war Willeswinda durch gute Karaktereigenschaften wie durch frommen Lebenswandel gleich ausgezeichnet; da sie aber wegen einer unheilbaren Krankheit nicht im Kloster bleiben konnte, holten sie die Eltern mit Erlaubnis der Abtissin und trugen sie auf einer Tragbahre über die Tauber nach ihrer Wohnung. Da ihre Krankheit sich immer mehr verschlimmerte und ein nahes Ende befürchten ließ, schickten die Eltern zur Abtissin, das Gebet für die scheidende Seele zu erbitten. Zur Freude der Eltern kam die Heilige selber und fand die Verwandten und Nachbaren klagend um das Bett stehen; die Kranke aber mit einem Tuch bedeckt, wie wenn sie schon gestorben wäre; die Heilige segnete einige Tropfen Milch, gab diese in den Mund der Kranken, welche sogleich die Augen aufschlug, zu sprechen anfing und in sieben Tagen sich so erholte, daß sie zu Fuß wieder in das Kloster zurückkehren konnte, aus dem man sie totkrank herausgetragen hatte. Schwester Willeswinda lebte von da noch mehrere Jahre im Kloster zu Bischofsheim und wurde nach St. Liobas Tod, wie viele Schülerinnen dieser Heiligen, (wahrscheinlich als Abtissin) in ein Kloster zu Thüringen, vermutlich nach Milz, versetzt, wo sie zur Zeit des Frankenkönigs Ludwig des Frommen, der 814 zur Regierung kam, eines seligen Todes verschied.“
#9) Die Briefe des hl. Bonifazius an die hl. Lioba und die Schwestern in Bischofsheim.
Wie oft der hl. Bonifazius nach Bischofsheim kam, und wie lang er sich dort jeweils aufhielt, wissen wir nicht, aber das wissen wir gewiss, dass er oft in das Taubertal kam, da er eine große Anzahl St. Martinskirchen daselbst errichtete, die samt den zugehörigen Christengemeinden auch fortbestehen sollten[S038-1]; ferner wissen wir, dass das Klösterlein an der Tauber ihm sehr am Herzen lag, da er wiederholt an die hl. Lioba und auch an deren Mitschwestern schrieb. Der erste Brief beginnt: „Den ehrwürdigen und geliebten
Schwestern Leobgytha, Thekla, Cynehilda, und allen in Christo geliebten Schwestern, welche mit Euch zusammenwohnen, den Gruß der ewigen Liebe;“ dann bittet der Heilige die Schwestern um ihr Gebet, dass ihm der Beistand Gottes zur Glaubensverbreitung nicht fehle und ermahnt zugleich zur Geduld und Ausdauer in den Mühseligkeiten des Lebens unter Hinweisung auf das Beispiel der hl. Apostel und Märtyrer[S039-1]. Ähnlichen Inhalt hatten auch die anderen Briefe.
#10) Abschied des hl. Bonifazius von Lioba; Abreise des Heiligen nach Friesland.
Als der hl. Bonifazius in hohem Alter noch einmal nach Friesland reisen wollte, um dort, wo er vor 40 Jahren als junger Missionär seine apostolische Laufbahn begonnen hatte, dieselbe auch zu schließen, ließ er zuerst seinen Schüler und Nachfolger im erzbischöflichen Amte, den hl. Lullus, zu sich kommen und gab ihm seine letzten Ermahnungen. Dann ließ er aber auch, wie der Mönch Rudolph in Liobas Leben weiter erzählt, auch diese rufen; so wichtig war dem großen Apostel Deutschlands die Aufgabe der heiligen Äbtissin in Bischofsheim und ihre Ober-Leitung der fränkischen Frauenklöster.
„Er ermahnte sie“, erzählt Rudolph, „sie möge das Land, wohin sie ausgewandert sei, nicht verlassen, in Ausführung des gefaßten Vorsatzes nicht ermüden, sondern im Gegenteil das angefangene gute Werk weiter führen! Bei einem solchen dürfe man nicht die Schwäche des Leibes in Betracht ziehen, noch das vorgerückte Lebensalter, noch das schwer zu erreichende Ziel, noch die Schwierigkeit des Gelingens. Kurz sei dieses Lebens Dauer im Vergleich mit der Ewigkeit, und die Leiden der gegenwärtigen Zeit seien ja nicht wert, angeschlagen zu werden, im Vergleich zu der Herrlichkeit, die dereinst uns geoffenbart werde.
Er empfahl Lioba dem Bischof Lullus und den anwesenden älteren Brüdern des Klosters Fulda; auch sei es sein Wille, dass einst nach Liobas Tod ihr Leichnam in demselben Grab beigesetzt werde, wo seine Gebeine ruhen würden, damit diejenigen, welche während ihres Lebens das gleiche Streben im Dienste Christi vereinigte, auch im Tode zusammen die gemeinschaftliche Auferstehung erwarten.“
Darauf ermahnte er sie abermals und eindringlich, doch ja
nicht das Land, in das sie eingewandert sei, zu verlassen, gab ihr zum Abschied als Andenken seine Kapuze (cuculla) und reiste ab.
Beide hatten das richtige Bewußtsein, dass sie in diesem Leben sich nicht mehr sehen würden, und wir dürfen der guten hl. Lioba wohl glauben, dass sie mit schwer bekümmerten Herzen und weinend den ganzen Weg von Fulda nach Bischofsheim zurücklegte, da sie nun fern von der Heimat, in ihrem mühevollen sorgenschweren Lebensberufe und dem verantwortungsvollen Amt ihren geistigen Vater und Hirten, ihren Tröster und Helfer, Freund und Verwandten hatte scheiden sehen. Um das ganze Opfer zu würdigen, welches der große Missionär seiner hl. Verwandten auferlegte, muss man wissen, dass die englischen Glaubensboten jener Zeit alle von einer rührend heißen Vaterlandsliebe zu ihrem Vaterland erfüllt waren, und dass selbst Bonifazius, nachdem er schon viele Jahre in Deutschland gewirkt hatte, den Lieblingswunsch hegte, seinen Lebensabend in dem heimatlichen England beschließen zu können. Erst spät hat er auch diese Hoffnung geopfert. Auch die frommen Jungfrauen sind Menschen gewesen, und ihr Heimweh war nicht geringer als das des großen deutschen Apostels. — Man kann sich fast nicht der Tränen des Mitleids erwehren, wenn man jetzt noch nach 1100 Jahren die Briefe der frommen Jungfrauen liest mit ihren Klagen und ihrer Sehnsucht um die ferne, vom Meer umspülte englische Heimat[S040-1].
#11) Der hl. Lioba letzte Lebensjahre.
Nach dem Abschied vom hl. Bonifazius lebte Lioba etwa noch 25 Jahre lang und leitete mit aller Treue und großem Segen das Kloster zu Bischofsheim und führte die Oberleitung über die fränkischen Frauenklöster.
Schon zu ihren Lebzeiten stand sie bis in die höchsten Regionen in Ansehen. Bischöfe besuchten sie öfters, um ihren scharfen Verstand, ihre gründliche Kenntnis des kanonischen Rechtes und der theologischen Wissenschaft und ihren klugen Rat sich zu Nutzen zu machen. Auch Pipin, der Frankenkönig und seine Söhne Karl und Karlmann suchten ihren Umgang; besonders war es Kaiser Karl der Große, der sie hochschätzte und öfters an seinen Hof kommen
ließ; die Kaiserin Hildegard „liebte sie wie ihr Leben“, sagt der Biograph, und hätte sie gar gern ständig am Hofe behalten; „aber die Heilige fürchtete das Hofleben wie Gift“; dagegen machte sie gerne Gebrauch von der Erlaubnis, das Kloster Fulda besuchen zu dürfen, wo sie nicht nur das Gefühl der Pietät, gegen den dort zur letzten Ruhe bestatteten Martyrer und Freund, den hl. Bonifazius, anzog, sondern auch und vor allem, wo sie jene geistige Auffrischung und Ermunterung fand, deren auch ihr Herz bedürftig war. —
Außer Lioba durfte keine Frau, auch keine Klosterfrau, je das Kloster zu Fulda betreten, und es war nur ihr mit Rücksicht auf ihre großen Verdienste, ihre Freundschaft und Verwandtschaft zu St. Bonifazius gestattet und soll 700 Jahre lang unverbrüchlich als Regel dort so gehalten worden sein, so dass bis zum Jahre 1397 außer ihr keine Frau das Innere der Bonifaziuskirche im Kloster gesehen hat, sogar die Gemahlin des Kaisers Lothar I., welcher 1132 Fulda besuchte, durfte weder in die Hauptkirche (des Klosters) gehen, noch innerhalb der Ringmauern des Klosters wohnen. Als nun dieses Verbot durch den Fürstabt Johann I. aufgehoben wurde, die Kirche aber schon 2 Tage nachher in Flammen aufging, so wollten Alle darin eine Strafe erblicken und zürnten darob dem nachsichtigen Abte.[S041-1]
Den Besuch machte Lioba übrigens in der bescheidensten Form; so oft sie von Bischofsheim nach Fulda kam, ließ sie die jüngeren Schwestern und ihre sonstigen Begleiter in einer dem Kloster benachbarten Wohnung zurück, ging von einer einzigen älteren Nonne begleitet zum Kloster, wo sie nur untertags sich aufhielt, und von wo sie jeweils am Abend zu ihren zurückgelassenen Begleiterinnen zurückkehrte.
#12) Brief des hl. Lullus, Erzbischof von Mainz, an Lioba in Bischofsheim.
Die Betrübnis Liobas beim Abschied von Bonifazius war nicht ohne Grund; sie hatte vorhergesehen, dass schlimme Zeiten über sie kommen würde, wenn der mächtige deutsche Apostel seine schützende Hand nicht mehr über sie und ihr Kloster halten würde. Alle Klöster, die von den Missionären und ihren Schülern um jene
Zeit gegründet wurden, waren in ihren Mitteln und Einkünften sehr beschränkt und auf mancherlei Not und Entbehrung angewiesen; das musste auch Lioba in Bischofsheim fühlen; immerhin war es ein Trost für sie, durch St. Bonifazius dem hl. Lullus, dessen Nachfolger, persönlich empfohlen zu sein. Er tröstete sie auf ihre öfters wiederholten Klagen und ihre Kümmernisse und schließt dann seinen Brief: „Alles was dir am Notwendigen mangelt, zeige uns an durch den Diakon Grundwin, der eben (zu dir) zurückkehrt. Lege ihm auch zugleich ans Herz, daß er nicht ermüde, mich in meinen Arbeiten zu unterstützen, denn es sind verhältnismäßig wenige, welche meine Sorgen teilen wollen.“
#13) Liobas Reise nach Schonersheim und letzter Besuch in Aachen.
So sehr Lioba in Ehren und Ansehen stand und allgemeiner Liebe sich erfreute, musste sie doch auch mit dem zunehmenden Alter dessen Mühe und Last tragen. Wenn sie 725 nach Bischofsheim kam und 780 gestorben ist, so stand sie, (da wir für ihren Aufentalt in Schonersheim 5 Jahre abrechnen müssen) mindestens 50 Jahre dem Bischofsheimer Kloster vor. Ihr Biograph, Rudolph der Mönch, berichtet nun weiter:
„Als Lioba zu hohen Jahren gekommen war, auch alle Klöster, die unter ihrer Sorge standen, sich guter Ordnung erfreuten, zog sie nach dem Rate des Bischofs Lullus nach einem Orte Schonersheim (auch Schornsheim genannt)[S042-1] vier Meilen südlich von Mainz. Dort blieb sie mit den Dienerinnen Gottes und diente dem Herrn mit Gebet und Fasten Tag und Nacht.“
Aus welchen Gründen die Heilige dorthin zog, können wir nicht mehr genau nachweisen; es mögen mehrere sein; einmal mag ihr hohes Alter, sie zählte nahezu 80 Jahre, ihr eine ruhigere Stelle als Bedürfnis auferlegt haben, dann mag auch der Wunsch der Gemahlin Kaiser Karl des Großen, Hildegard, sie dauernd in ihrer Nähe, in der Pfalz, zu wissen, beigetragen haben.
Über den letzten Besuch Liobas bei Hildegard erzählt der Biograph Rudolph: „Als inzwischen König Karl in seinem Palast zu Aachen sich aufhielt, wünschte die Königin sehr, ihre hochbetagte Freundin nochmals zu sehen, bevor sie diese Zeitlichkeit verließe;
obgleich dies für Lioba sehr beschwerlich war, verstand sie sich doch dazu, nach Aachen zu reisen, eingedenk der alten Liebe und Freundschaft, und wurde von der Königin mit der gewohnten freudigen Begrüßung empfangen. Nachdem Lioba die Gründe vernommen hatte, um deren willen sie eingeladen war, bat sie um Erlaubnis, wieder zurückkehren zu dürfen. Obgleich die Königin dringend verlangte, sie möge noch einige Tage bei ihr verweilen, schlug Lioba dies ab. Aber bei ihrem Abschied warf sie sich mit lebhafter Gemütsbewegung der Freundin in die Arme, küßte sie auf Mund, Stirn und Augen und konnte sich aus ihren Umarmungen fast nicht losreißen und verließ sie zuletzt mit den Worten: „Lebe wohl auf ewig, geliebte Frau und Schwester! Lebe wohl du bester Teil meiner Seele! Christus unser Schöpfer und Erlöser möge uns gewähren, daß wir am Tage des Gerichtes uns ohne Beängstigung wiedersehen; in diesem Leben werden wir uns vom heutigen Tage an nicht mehr schauen!“
#14) Tod der hl. Lioba.
Liobas Vorhersagung erfüllte sich schnell. Der Biograph Rudolph berichtet hierüber: „Wenige Tage, nachdem sie ins Kloster Schonersheim zurückkehrt war, fühlte sie sich unwohl, und da sie bei Zunahme der Krankheit den Tag ihres Heimgangs sich nahen sah, ließ sie den ehrwürdigen Priester Torabert zu sich rufen; dieser war von Geburt ein Engländer und stets in der Umgebung Liobas, welcher er mit Anhänglichkeit und Verehrung zugethan war. Sie empfing von ihm die letzte Wegzehrung, den Leib und das Blut Christi, legte die Sterblichkeit ab und gab die Seele, die sie von Gott empfangen hatte, rein und unbefleckt mit seliger Freude wieder zurück. Sie starb am 28. September 779 (oder 780).“[S043-1]
#15) Begräbnis und Ruhestätte der hl. Lioba.
Sobald die Mönche von Fulda das Hinscheiden der Heiligen vernommen, kamen sie, nahmen den Leichnam in Empfang und brachten ihn unter Begleitung vornehmer und edler Personen nach ihrem Kloster; denn ältere Mönche hatten wohl im Gedächtnisse,
wie der hl. Bonifazius anordnete, dass Liobas Gebeine einst zu den seinigen gelegt werden sollten. Weil sie aber sich doch scheuten, das Grab des hl. Mannes zu öffnen, so begruben sie Lioba an die nördliche Seite desjenigen Altars, welchen der hl. Bonifazius selbst zur Ehre unseres Heilandes und seiner 12 Apostel eingeweiht hatte.“[S044-1]
#16) Wunder am Grabe der hl. Lioba.
Das Wunder, welches die Wiege des hl. Kindes bekränzte, dann die Heilige auf ihrem Lebenswege begleitet hatte, streute seine Blumen auch auf ihr Grab.
„Viele, welche vom Glauben beseelt waren, erfuhren bei Liobas Grab göttliche Wohlthaten, von denen ich einige, welche meinem Gedächtnisse jetzt gerade gegenwärtig sind, getreu und nüchtern den Lesern mitteilen will,“ berichtet der Mönch Rudolph:
1) Der Büßer mit dem eisernen Ring. „Es kam ein Mann, dessen einer Arm unmittelbar auf der Haut mit eisernen Ringen umschlossen war und zwar so eng, daß das Fleisch an dem oberen und unteren Rand darüber gewachsen war und dieses eiserne Band fast überdeckte. Dieser Mann nun kam in die Kirche zu Fulda und verrichtete sein Gebet vor einem Altar nach dem andern. Als er vor dem Grab der hl. Lioba betete, trieb eine verborgene Kraft den zusammengenagelten eisernen Reif auseinander, daß er von dem blutenden Arm herabfiel. Da zeigte der Mann laut seine Freude und dankte Gott, daß er ihm, der bis zu diesem Tage seiner Sünden wegen mit diesen eisernen Ringen gebunden war, jetzt um der Verdienste der Heiligen willen Verzeihung gewährt habe.“[S044-2]
Um diese Erzählung zu verstehen, muss man sich an die alte strenge Bußordnung der früheren Jahrhunderte erinnern. Wer schwere Verbrechen, z. B. Mord, begangen, wurde nicht sogleich absolviert, sondern musste zuerst eine 3-10jährige Buße mit strengem Fasten (täglich nur eine Sättigung gestattet nach Sonnenuntergang, und die Speisen durften nur aus dem Pflanzenreich entnommen sein) und großen Wallfahrten üben; zur Verschärfung musste er eng anschließende eiserne Ringe an Armen und Beinen tragen; hatte er den Mord mit einem Schwert begangen, schmiedete man ihm die Reifen aus diesem. Trotzdem Karl der Große derartige Strafen verbot, dauerten sie doch bis zum 11. Jahrhundert fort.
2) Heilung des kranken Spaniers. „Ein kranker Spanier, der an unaufhörlichem Zittern und Schütteln in allen Gliedern litt und vergebens schon viele Wallfahrten unternommen hatte, um an irgend einem Gnadenorte Heilung zu finden, kam nach Fulda; nachdem er am Grab der hl. Lioba gebetet hatte,
kam er in die westliche Krypta, wo der Leib des hl. Märtyrers Bonifazius ruht; dort warf er sich betend auf den Boden. — Dann stand er auf einmal auf ohne Schütteln der Glieder und war geheilt. Auf Befragen erzählte er: er sei außer sich gekommen, da habe er einen Mann mit ehrwürdigen weißen Haaren gesehen und mit einem bischöflichen Gewand angethan und begleitet von einer Jungfrau im Gewand einer Nonne. Diese habe ihn an der Hand genommen und zu dem Bischof geführt, dass er ihn segne. Der Bischof habe über seine (des Kranken) Brust das Kreuzzeichen gemacht; darauf sei ein schwarzer Vogel, wie eine Drossel, aus den Falten seines Kleides geflogen, welcher sich zuerst in ein schwarzes Huhn, dann in die Gestalt eines häßlichen kleinen Mannes verwandelt habe und so zur Krypta hinausgegangen sei!
3) Noch andere Wunder. Auch noch viele andere Wunder hat Gott auf die Fürbitte der hl. Lioba geschehen lassen, welche hier anzuführen ich unterlasse.
Aber diese beiden Vorfälle, von denen sehr viele noch lebende Brüder (des Klosters Fulda) häufig bezeugen, dass sie dieselben selbst gesehen haben, und wobei ich selbst, als sie geschahen, gegenwärtig war, habe ich ihrer Sicherheit wegen hier aufgezeichnet zum Lob und zum Ruhm des Namens unseres Herrn Jesu Christi[S045-1].“
#17) Abbildung und Verehrung der hl. Lioba.
Die hl. Lioba wird abgebildet als Benediktiner-Äbtissin mit dem schwarzen Ordenskleid, Schleier und Stab, zugleich mit einem Buch wegen ihrer Gelehrsamkeit und auf diesem ein kleines Glöcklein als Andeutung auf den prophetischen Traum ihrer Mutter.[S045-2]
Das gläubige Volk ruft die Heilige um ihre Fürbitte besonders zur Heilung kranker Kinder, bei großen Ungewittern, gegen Verläumdung und Krankheit an mit Rücksicht auf die Wunder in ihrem Leben.[S045-3] Darauf beziehen sich auch die Hymnen zu ihrem Lobe.
Weit über Tauberbischofsheim und Fulda hinaus ist der Ruf der hl. Lioba gedrungen, so dass man in vielen Kirchen sich Reliquien derselben zu verschaffen suchte, so schon unter dem hl. Rhabanus Maurus um das Jahr 850 das Kloster Kling (bei Speyer), das Kloster zu Hersfeld, die Kirchen zu Heiligenstadt und Bischofsheim und noch viele andere. Im Jahre 1882 wurde deshalb an vielen Orten der 1100jährige Gedächtnistag ihres Todes mit großem Gepränge begangen.
#18) Hymne zu Ehren der hl. Lioba.[S046-1]
| Lateinischer Text | Deutsche Fassung |
|---|---|
| Ave virgo, deo grata<br>Ex praeclara stirpe nata<br>Lioba amabilis!<br>Ave sonans campanella<br>Fulgens quoque cöli stella,<br>Lioba mirabilis! | Gruß dir, Jungfrau, gotterkor'ne,<br>Aus erlauchtem Stamm geborne,<br>Liebenswürd'ge Lioba!<br>Weit wie Glockenton erschallend,<br>Wie ein Stern am Himmel wallend,<br>Ist dein Name, Lioba! |
| Ave virgo religiosa,<br>Mater quoque gratiosa,<br>Lioba honorabilis.<br>Ave contra tempestates<br>Daemonumque potestates,<br>Lioba spectabilis. | Du der Jungfrau'n reinste Blüte,<br>Und doch Mutter im Gemüte<br>Für die Deinen, Lioba!<br>Schütze uns vor Ungewittern,<br>„Mach Dämonen flieh'n und zittern“,<br>O ehrwürd'ge Lioba! |
| Te amamus, te laudamus,<br>Te, amata, honoramus<br>In hoc loco pariter.<br>Esto nobis advocata<br>Apud Christum virgo grata<br>In hoc mundo jugiter! | Dich zu lieben, dich zu loben,<br>Dich in Ehren hocherhoben,<br>Dies zu tun begehren wir.<br>Bitt für uns an Gottes Throne,<br>Wo du selig weilst zum Lohne,<br>Und beschütz uns für und für. |
#Lob- und Bittgesang zur St. Lioba.[S046-2]
1.
Sankt Lioba, o Jungfrau zart, Aus Engelland von edler Art Du wohlgezierter Gart mit Fleiß, Mit Rosen rot, mit Lilien weiß Bitt für das liebe Vaterland, All Unheil sei durch dich verbannt!
oder
Bitt für dein edles Taubertal Und alle Christen überall!
2.
Dein Leben aller Tugend voll, Gleich wie 'nen Spiegel schau man wohl;
Was Du für Wunder hast getan,
Das Bischofsheim teils zeiget an.
Bitt für das liebe u. s. w.
3.
O Lioba, o Charitas,
Auf dieser Welt warst ohne Hass.
Du liebtest Gott mit treuem Mut
Im Leben als das höchste Gut.
Bitt für u. s. w.
4.
Dem Nächsten auch zu jeder Zeit Mit Lieb' und Treue warst bereit; Der Seelen Heil mit Rat und Tat Thust lieben allzeit früh und spat.
Bitt für u. s. w.
5.
Drum Lioba bist recht genannt, Dein Lieb ist nah und fern bekannt, Aus Engelland der Seelen Lieb Dich zu uns nach Deutschland trieb.
Bitt für u. s. w.
6.
O Lioba, o Charitas,
Treib auch von uns all Neid und Hass;
Erwirb, dass wir zu jeder Stund
Gott lieben aus dem Herzensgrund.
Bitt für u. s. w.
#4) Die Schülerinnen der hl. Lioba in Bischofsheim.
Es ist von jeher das Zeichen eines großen Geistes gewesen, der Umgebung seinen Stempel für Jahrzehnte oder gar für Jahrtausende aufzudrücken und über den Tod hinaus noch wirksam zu sein; darnach war St. Lioba kein kleiner Geist; denn wie die meisten Schüler des hl. Bonifazius als Heilige verehrt wurden und das große Werk des Meisters fortsetzten, so zählte auch die hl. Lioba unter ihren Schülerinnen eine stattliche Anzahl ganz hervorragender heiliger Jungfrauen, die von ihr im Kloster zu Bischofsheim erzogen wurden und dann meist als Äbtissinnen in anderen Klöstern den Feuergeist der hl. Meisterin einheimisch machten.
#1) Die hl. Thekla in Tauberbischofsheim.
Die hl. Thekla gehörte zu den begabtesten und vorzüglichsten Schülerinnen der hl. Lioba in dem Kloster zu Bischofsheim; sie wird von Vielen als eine Schwester des hl. Megingoz angesehen, der dem hl. Burchard im bischöflichen Amt zu Würzburg nachfolgte. Die hl. Thekla war jene Schwester, die bei dem schrecklichen Gewitter die hl. Lioba um ihre Fürbitte beschwor. Nachdem sie längere Zeit unter der Leitung der hl. Lioba und in Freundschaft mit ihr in Bischofsheim zugebracht hatte, wurde sie zuerst als Äbtissin des Klosters in Ochsenfurt, später als solche nach Kitzingen am Main berufen; letzteres war von der hl. Hadeloga, einer Tochter Karl Martells, gegründet und Thekla war deren Nachfolgerin; sie hatte den feurigen Geist ihrer Lehrmeisterin St. Lioba so lebendig in sich aufgenommen, dass sie unter ihren Schwestern „Heilga“, die Heilige, genannt wurde; mit diesem Namen ist sie auch in einem alten Katalog der Äbtissinnen zu Kitzingen aufgeführt.
Das Kloster zu Ochsenfurt hörte bald auf, indem es wahrscheinlich mit Kitzingen vereinigt wurde; letzteres aber gelangte nicht nur durch seinen Reichtum, sondern auch durch sein geistiges Leben zu großem Ansehen. Der Feuergeist der hl. Thekla und der hl. Lioba hat sich in Kitzingen auf Jahrhunderte hinaus erhalten, und das dortige Kloster war eine Pflanzstätte der Bildung und Frömmigkeit für die Töchter aus den angesehensten Familien des fränkischen Adels. Um das Jahr 1156 erschien daselbst die große hl. Hildegard, die Prophetin ihres Jahrhunderts, und predigte mehrmals auf dem Markt vor einer zahllosen Volksmenge.[S048-2]
Bald darauf wurde die hl. Hedwig, spätere Königin von Polen, dem Kloster zur Erziehung übergeben und empfing hier die Anleitung zu ihrer zukünftigen Heiligkeit und Größe. Im Jahre 1227 fand die hl. Elisabeth, eine der lieblichsten Blüten im Garten der Heiligen, mit ihren Kindern hier, bei ihrer Tante, der Äbtissin Mechtild, gastliche Aufnahme. Als ihr Oheim, Bischof Egbert von Bamberg, nach einigen Monaten sie von da abholte, ließ sie von ihren Kindern die 2jährige Sophie zurück, die später selber den Schleier nahm und als Äbtissin in die Fußstapfen der hl. Thekla und Lioba eintrat. Wann die hl. Thekla aus diesem Leben schied, ist nicht genau bekannt; doch ist sicher, dass sie jünger war als St. Lioba und dass sie auch erst nach ihr gestorben ist, da der Biograph Rudolf berichtet, er habe die Lebensgeschichte der hl. Lioba nach den Aufzeichnungen seines Ordensbruders, des Mönches
Magno verfaßt, dem die Nachrichten von ihrem Leben durch die Schülerinnen, die Schwestern Thekla, Agatha, Nona und Coliba erzählt worden seien.[S048-1]
Die Erinnerung daran, dass die hl. Thekla längere Zeit in Tauberbischofsheim gewohnt hat, ist von den alten Zeiten her dadurch festgehalten und ausgedrückt worden, dass eine Holzstatue der Heiligen sich am St. Valentinusaltar befindet.
#2) Die hl. Walburg in Tauberbischofsheim.
#a) Das Leben.
Die hl. Walburg[S049-1] wurde geboren um das Jahr 710 und stammte aus einer Familie von Heiligen in Wessex (England); denn sowohl ihr Vater, König Richard, als ihre beiden Brüder, Willibald und Wunibald, werden als Heilige verehrt.
Ihre Erziehung erhielt sie in dem berühmten Kloster zu Winburn unter der Äbtissin Tetta gemeinschaftlich mit ihren beiden Basen Lioba und Thekla; damals spann sich unter all diesen frommen Seelen jene heilige, geistige Freundschaft, die für Deutschland, besonders für Tauberbischofsheim, auf Jahrhunderte hinaus so segensreich werden sollte. — Unter allen englischen Frauenklöstern war es vorzüglich das der seligen Tetta, welches den hl. Bonifazius in seinem apostolischen Amt mit Gebet und Opfergaben unterstützte; es stellte in jenem geistigen Kreuzzug der Heidenbekehrung nicht nur die Heerführerin unter den Ordensfrauen, sondern auch die meisten Streiterinnen. Nachdem die beiden heiligen Brüder Willibald und Wunibald dem hl. Bonifazius sich angeschlossen hatten, machten sie ihn wohl auch auf ihre Schwester aufmerksam, die nach dem Bericht des Bischofs Philipp, durch ihre feurige Begeisterung noch 30 andere mit sich fortriß, an der Bekehrung der Heiden mitzuarbeiten und nach den fernab und einsam im Urwald gelegenen Ufern der Tauber abzureisen. — Ihre Meerfahrt war kurz; trotzdem kamen sie alle in die höchste Lebensgefahr, da in einem gewaltigen Sturme schon die Schiffer alle Hoffnung aufgaben und daran gingen, die Gerätschaften über Bord zu werfen, um das Fahrzeug zu erleichtern. In dieser Not kniete Walburg zum Gebete nieder, und als sie sich erhob und dem Sturme und den Wogen wie von einer höheren Macht erfüllt, Ruhe gebot, „trat eine so wunderbare Stille
ein, als ob der Friede, der in ihrem Herzen wohnte, sich über das Meer ausgegossen hätte.“ Glücklich erreichten sie das Ufer, setzten zu Land ihre Reise fort und trafen in Mainz den hl. Bonifazius, bei dem sich gerade auch Willibald befunden haben soll.
Mehrere Jahre bewohnte die hl. Walburg mit der hl. Thekla unter der Leitung ihrer Base und Lehrmeisterin, der hl. Lioba, das Kloster zu Bischofsheim in Übung aller christlichen Tugend und Vollkommenheit und ließ sich mit ihnen die Erziehung der weiblichen Jugend angelegen sein. Darnach gründete sie mit Hülfe ihres Bruders Willibald, der inzwischen Bischof von Eichstädt geworden war, in der Nähe von Heidenheim (im bayerischen Rezatkreise, zwischen Gunzenhausen und Oettingen) und mit Unterstützung des hl. Bonifazius ein Frauenkloster, dessen erste hochberühmte und gefeierte Äbtissin sie geworden ist; nicht gar weit davon stand das Männerkloster unter der Leitung ihres anderen Bruders, des hl. Wunibald. So lebten die drei heiligen Geschwister: Bischof, Abt und Äbtissin mehr als zehn Jahre in derselben Gegend zum großen Segen des Landes, bis nach und nach der Tod die Verbindung löste.
#b) Die Wunder.
Im Leben wie im Tod stand die Heilige in großem Ansehen durch ihre Tugenden und ihre Wunderwerke; während sie im Dunkel der Nacht betete, sah man sie hellleuchtend von Licht umgeben; unter vielen andern Wundern berichten ihre Lebensbeschreiber:
Einer totkranken Jungfrau auf dem benachbarten Edelhof wollte sie in der Nacht noch eilig Hülfe bringen; als der Hausherr so spät noch jemand gehen hörte, ließ er schnell und voll Besorgnis für den Gast seine Diener hinauseilen, damit derselbe nicht von den Wache haltenden, großen Wolfshunden zerrissen würde; aber die Hunde, die sonst wütend jeden Fremden zur Nachtzeit anfielen, hatten die Heilige gegen alle Erwartung ruhig ziehen lassen; darum gilt sie auch als Patronin gegen den Biß wütender Hunde. Dem kranken Mädchen erflehte St. Walburg augenblickliche, wunderbare Genesung.
Gegen Ende ihres Lebens erfuhr sie noch eine gar große Freude; ihr Bruder, der hl. Abt Wunibald, der schon seit 16 Jahren zur ewigen Ruhe eingegangen war, leuchtete dergestalt im Glanz seiner Heiligkeit und Wunder, dass dessen Reliquien feierlich aus dem Grab erhoben wurden. St. Walburg durfte sie küssen, durfte die bei der feierlichen Erhebung geschehenen Wunder sehen
und sich der Versicherung erfreuen, einen solch liebreichen und mächtigen Bruder als Fürbitter im Himmel zu haben.
#c) Der Tod.
Nach der unvordenklichen Überlieferung des Klosters St. Walburg zu Eichstädt starb die Heilige am 25. Februar, an einem Donnerstag, weshalb man dort bis heute an diesem Wochentag die St. Walburgs-Andacht hält. Da nur im Jahr 779 der 25. Februar und der Donnerstag zusammenfielen, wird das Jahr 779 auch das Todesjahr sein. Als ihre Seele nach Oben gestiegen, erzählt ihr Biograph, Bischof Philipp, da erschien Vielen ihre irdische Hülle von einer solchen Glorie umflossen, als ob sie bereits wirklich das Kleid der Unsterblichkeit angezogen hätte. In dem wundersüßen Geruch, der von ihr ausging, erkannte man den Duft der Jungfräulichkeit. — Ihr Bruder Willibald bereitete ihr das Grab neben Wunibald. So begrub ein heiliger Bruder und Bischof eine heilige Schwester und Äbtissin neben dem Grab eines heiligen Bruders und Abtes.
Als der Leib der Heiligen in die Kirche getragen wurde, sollen alle Kerzen und Lampen wie von unsichtbarer Hand angezündet worden sein.
Ihr Fest feiert die Kirche am 1. Mai.
#d) Die Verehrung.
Wie bei so vielen Heiligen ist auch bei St. Walburgis mit dem Tod ihre Geschichte nicht abgeschlossen.
Fast 100 Jahre nach St. Walburgis Hinscheiden war die Klosterkirche zu Heidenheim, in welcher die Gebeine der Heiligen ruhten, ziemlich in Verfall geraten. Darauf hatte der damalige Bischof von Eichstädt, Otgar, einen merkwürdigen Traum; es erschien ihm nämlich die hl. Walburg, machte ihm Vorwürfe, dass er durch seine Fahrlässigkeit das Grab, in welchem ihr Leichnam der Auferstehung entgegenharre, entweihen ließ, und verkündete ihm zur Bestätigung seines Unrechtes das Eintreffen eines Zeichens. Am folgenden Morgen früh kam schon der Küster des Klosters von Heidenheim als Bote zum Bischof nach Eichstädt mit der Meldung: Heute Nacht ist die ganze Nordwand der Kirche, auf welche tags darauf das Dach gesetzt werden sollte, unter entsetzlichem Krachen eingestürzt. Gewarnt durch die schnelle Erfüllung seines Traumes
berief Otgar seinen Klerus zusammen, besuchte das Grab der Heiligen, ließ die Kirche wieder herstellen, weihte sie nochmals ein; dann ließ er die Reliquien der Heiligen in großer Feierlichkeit erheben und nach Eichstädt bringen, wo sie in der vom hl. Willibald gegründeten Klosterkirche, die zugleich Kathedralkirche war, beigesetzt wurden. Die hl. Walburg wird abgebildet mit einem (oder zwei) Ölfläschchen auf einem Buch, das sie in der Hand trägt, da seit jenem Ereignis (893) höchst merkwürdigerweise kristallhelle Öltropfen wie Tauperlen aus ihren Gebeinen herabträufeln.
Sehr zahlreich sind die Kirchen, die zu Ehren der hl. Walburg erbaut wurden in ganz Deutschland, Holland, Frankreich und England. Tauberbischofsheim hat von alten Zeiten her eine überlebensgroße kunstreich gearbeitete Holz-Statue der Heiligen am St. Valentinusaltar stehen.
Im Jahr 893 wurde ein Teil der St. Walburgreliquien in das neu errichtete Benediktinerinnenkloster zu Monheim gebracht, wo indessen 1542 durch Pfalzgraf Ottheinrich der katholische Gottesdienst mit Gewalt unterdrückt wurde; von dieser Zeit an verschwand jede Spur der dort aufbewahrten Reliquien. Die Einen glauben, sie seien damals vernichtet, andere, sie seien an einem verborgenen Ort vergraben worden, von wo sie wieder zum Vorschein kommen könnten. Als 1615 der katholische Glaube in Monheim wieder eingeführt wurde, lebte auch die Verehrung der hl. Walburg wieder auf.
Der Rest der St. Walburgreliquien war in Eichstädt verblieben; das Benediktinerinnenkloster, das mit der Übertragung der Reliquien von Heidenheim dort errichtet worden war, aber nach und nach in Verfall geriet, wurde 1035 unter dem Namen Abtei St. Walburg wieder erneuert. Die Reliquien, die 1040 in einem steinernen Sarg unter dem Hochaltar waren beigesetzt worden, blieben beim Umbau der jetzigen Kirche 1631 unverrückt stehen.
#e) Das Öl der hl. Walburg.
Dieser Steinsarg ist es, durch dessen Boden das kristallhelle Öl aus den Gebeinen der hl. Walburg dringt und in erbsengroßen Perlen in die darunter gestellten goldenen Schalen tropft. Die Wissenschaft ist bis jetzt nicht imstande, diese Erscheinung nach den bekannten Naturgesetzen zu erklären, wie namhafte Vertreter derselben ausdrücklich bekannt haben.[S052-1]
Obgleich die Kirche sich nicht darüber ausgesprochen hat, jedem Katholiken also freisteht, davon zu halten, was er will, betrachtet das gläubige katholische Volk diesen Ölfluss als etwas Wunderbares aus folgenden Gründen:
- Der Steinsarg kann nicht als ein sog. schweißtreibender Stein betrachtet werden, da die eichstädter Steine überhaupt nicht feuchte, sondern trockene Steine sind, und da nur an einer Stelle das Öl zum Vorschein kommt, während der übrige Stein und auch die Traglager, die doch aus demselben Material sind, trocken bleiben.
- Der Ölfluss währt nicht das ganze Jahr, sondern nur vom Oktober bis Ende Februar, und zwar gewöhnlich vom 12. Oktober, dem Jahrestag der Reliquien-Beisetzung, bis zum 25. Februar, dem Gedächtnistag des Todes der Heiligen. Während dieser Zeit hört der Ölfluss auch bei strengster Winterkälte nicht auf, und außerhalb dieser Zeit bleibt der Stein unter jedem Witterungswechsel trocken.
- Ein Aufhören des regelmäßigen Ölflusses wurde beobachtet, wenn große Verbrechen begangen wurden; so, als einmal der Küster von St. Walburg durch Räuber tödlich verwundet und die Kirche in Folge dieses Blutvergießens entweiht wurde; erst als das Gotteshaus wieder eingeweiht wurde, begann das Öl von neuem zu fließen. — Ein andermal stand der Ölfluss stille, als die Stadt Eichstädt wegen Misshandlung des Bischofs Friedrich II. von Parsberg mit dem Kirchenbann belegt war. — Als der Bischof das Interdikt wieder aufhob und mit der ganzen Bürgerschaft einen Bittgang nach St. Walburg veranstaltete, fing während der hl. Messe das Öl wieder an zu fließen und zwar so reichlich, dass man einen halben Krug damit füllen konnte.
- Ein Ölfluss zu außerordentlichen Zeiten wurde bei außerordentlichen, freudigen Ereignissen beobachtet. Als man am 7. Juli 1835 das Altarbehältnis für angekommene Fremde öffnete, träufelte das Öl so reichlich, dass sich die ganze Schale füllte. Niemand wusste die Ausnahme zu erklären. Da traf nach einigen Tagen die Genehmigung zur Wiedererrichtung des zur Zeit der Säkularisation 1803 aufgehobenen Walburgisklosters ein; sie trug das Datum: 7. Juli 1835.
- Wird das Öl bei der Wegnahme nicht ehrerbietig behandelt, so verduftet es in den Gläsern, andernfalls lässt es sich viele Jahre lang aufbewahren, ohne die geringste Minderung zu erfahren. Als man im Jahr 1615 in Monheim die Fundamente zu der heutigen Kirche grub, stieß man auf eine Krypta, in deren Altar sich ein Glas mit noch kristallhellem Walburgisöl fand, und das nach dem Zeugnis des beiliegenden Zettels bei 300 Jahre alt war.
- Durch Anwendung des St. Walburgisöles sind viele höchst merkwürdige Heilungen und Gebetserhörungen erfolgt, die sich mit Worten nicht wegstreiten, aber auf natürliche Weise auch nicht erklären lassen.[S053-1]
#5) Die übrigen seligen Jungfrauen im Kloster der hl. Lioba zu Tauberbischofsheim.
Außer den genannten heiligen Blumen im Garten Gottes zu Bischofsheim blühte noch manche jungfräuliche Seele zur Ehre Gottes, wie uns die alten Urkunden berichten. Daher gehören die selige Willeswinda von Bischofsheim selber, später Äbtissin im Kloster Milz bei Fulda, von der wir oben[S054-1] wiederholt Erwähnung getan; ferner die seligen Jungfrauen Agatha, Coliba, Nanna, die dem ersten Geschichtschreiber von St. Liobas Leben, dem Mönch Magno, mündlichen Bericht erstattet haben, Chunitrud, die selige Witwe Chunihild, deren Tochter Berathgit und noch manche Andere.
#6) Die heiligen Bischöfe Burkart, Megingoz, Willibald und der heilige Abt Wunibald in Tauberbischofsheim.
Die alten Berichte melden einstimmig, dass viele durch Eifer und Heiligkeit ausgezeichnete Bischöfe die gotterleuchtete hl. Äbtissin Lioba zu Tauberbischofsheim, die 725-775, also 50 Jahre lang hier ihres Amtes waltete, besucht und die Angelegenheiten ihrer Diözesen mit ihr beraten haben; es liegt in der Natur der Sache, dass die Bischöfe von Würzburg, in deren Sprengel Bischofsheim damals lag, der hl. Burkart und dessen Nachfolger, der hl. Megingoz, öfters dahin kamen; manche andere, deren Namen wir aus Mangel an schriftlichen Urkunden nicht nachweisen können, mögen sich gleichfalls eingefunden haben.
Da die hl. Walburg viele Jahre lang im Kloster zu Bischofsheim Schülerin der hl. Lioba war, so ist bei der großen Liebe und Anhänglichkeit, welche die drei Geschwister zu einander verband, und bei dem sehr lebhaften Verkehr, den die Klöster an der Tauber und am Main mit denen in Bayern unterhielten, und bei den fast unaufhörlichen Reisen der Missionäre, wohl begründet, dass auch die hl. Brüder, Bischof Willibald von Eichstädt und Abt Wunibald von Heidenheim ihre Schwester St. Walburg und ihre Base St. Lioba an der Tauber besucht und sich zeitweilig im Kloster zu Biscovesheim aufgehalten haben.
#IV. Geschichte der Stadt vor dem Bauernkrieg.
#1) Politische Verfassung des Taubergaues und Frankenlandes zur Zeit der Karolinger (800-900) und später.
Über jedem Gau, also auch über dem Taubergau, stand ein Gravio, comes „Grave“; die Grafen waren anfangs in Ehren ergraute, volkserwählte Richter und Gauvorsteher, später vom König bestätigte, lebenslängliche und erbliche Reichsbeamte. Jeder Gau zerfiel wieder in kleinere Bezirke, in Hundrede, Centenen oder Capitularien, diese wieder seit der Völkerwanderung in Dekanien.
Über den Centenen stand der Centenarius, Zentgraf, über der Dekanie das Zehnthaupt, Dekanus. Alle diese übten auch die Gerichtsbarkeit. Vor das Grafengericht kamen die wichtigsten Dinge: Raub, Mord, Brandstiftung, Verstümmelung, Diebstahl u. a., ferner die Streitigkeiten über Grundeigentum und Leibeigene; minder wichtige Angelegenheiten behandelte der Zentgraf, geringfügige Sachen wurden an die Dekanie verwiesen.
Als Grafen im Taubergau traten frühzeitig auf: im Norden die Grafen von Wertheim, im Süden die von Rothenburg. Beide waren Seiten-Verwandte der fränkisch-thüringischen Herzogsfamilie des Radulf, aber auch noch verwandt mit dem Kaiserhaus Karls des Großen; sie hießen gleichfalls öfters in den Urkunden „Herzoge“ und wurden die Stammväter der deutschen Kaiser Konrad I. und Konrad II.
In der Mitte des Gaues regierten minder mächtige Herren, darunter die von Elz, Brauneck, Dalberg, Ridern, Grumbach, Stetenberg und Hohinloch. Letztere haben bis in unsere Zeit ihr Besitztum an der oberen Tauber unter wenig verändertem Namen (Hohenlohe) erhalten. Die meisten dieser Adelsgeschlechter sind mit Wappen und Namen verewigt an den Grabdenkmälern auf der Südseite der Pfarrkirche zu Bischofsheim.
Die alte Zentordnung bestand in Bischofsheim bis nach dem Bauernkrieg, dann wurde sie zur Strafe entzogen.[S055-1]
#2) Bischofsheim unter Würzburg und Mainz.
Im Jahr 800 kommt der Ort Biscovesheim schon in den Urkunden vor und gehörte, wie fast die ganze Taubergegend, in das Bistum Würzburg. Etwa um das Jahr 900 bildete es aber schon einen Bestandteil des Bistums Mainz; bei diesem blieb es auch durch alle Jahrhunderte bis zur Säkularisation 1803; heute noch steht das kurfürstlich mainzische Schloss (jetzt Schulhaus) mit den Wirtschaftsgebäuden, dieselben sind abgebildet auf dem Umschlag dieses Buches.
#3) Bischofsheim als Wittum von Jutta.
Im Jahr 911 erhielt Jutta, die Mutter von Kaiser Ludwig dem Kind, nach damals sehr häufig vorkommendem Gebrauch, die Einkünfte des Ortes von Erzbischof Hatto I. als Wittum zur lebenslänglichen Nutznießung. Nach Jutta's Tod kam aber Bischofsheim nicht wieder sogleich an den Eigentümer (das Erzstift Mainz, von dem es Jutta erhalten hatte), sondern es blieb in den Händen der Könige, die an dem schön gelegenen und wohlhabenden Ort Wohlgefallen fanden, bis endlich Erzbischof Wilhelm denselben von Kaiser Otto I. zurück erhielt und auch von Otto II. 978 die Bestätigung der Zurückgabe erwirkte.
#4) Bischofsheim zur Zeit der Hunnen und Magyaren.
Seit 901 verging während 50 Jahren kaum ein Jahr, in dem die Nachkommen der Hunnen aus Ungarn nicht ihre Raubzüge nach Deutschland, besonders nach Bayern und Franken, gemacht und diese Länder in schrecklichster Weise verwüstet hätten.
Auf dem Burgberg bei Gamburg[S056-1] hauste eine Schar derselben, in Rothenburg an der oberen Tauber eine andere[S056-2], und Bischofsheim hatte mit der mittleren Taubergegend zu leiden, was Barbarei und viehmäßige Wildheit einer Landschaft nur Greuelvolles aufbürden können, berichten die Würzburger Chronisten.[S056-3] Der Chronist Regino von Prüm (um 910) sagt von den Ungarn, „daß sie nicht wie Menschen, sondern wie das Vieh leben, Menschenblut trinken und rohes Fleisch essen“, wenn auch ihre Roheit nicht mehr gar so arg war als die ihrer hunnischen Vorfahren. In unabsehbaren Schwärmen, oft 100,000
Mann stark, brachen sie in Bayern und Franken ein; wie der Blitz flogen sie mit ihren flinken Rossen daher und zerstampften jeden Grashalm auf dem Feld; tausend flammende Dörfer, hunderttausende von Leichen und Bäche von Blut bezeichneten ihren Weg.
Wie lange Bischofsheim während der oben genannten 50 Jahre durch diese Ungarnherrschaft zu leiden hatte, ist nicht bekannt, doch hätte ein Tag genügt, zu verderben, was 100 Jahre nicht mehr gut machen konnten.
Im Jahr 910 eroberten sie Würzburg[S057-1], während das Landvolk in Todesangst flüchtig die Burgen und festen Plätze zu erreichen suchte. — 912 zerstörten sie auch die Veste Rothenburg und eine Anzahl Schlösser an der Tauber, wo sie zwischen Finsterlohe und Schonach ihr Lager hatten.
#5) Die Stadt zur Zeit der Judenverfolgungen; das Judenrecht.[S057-2]
#1) Ausbreitung und Verfolgung der Juden.
Frühzeitig hatten sich die Juden im Frankenland niedergelassen und waren zu Reichtum und Einfluss gelangt; aber hier wie allerwärts mussten sie von Zeit zu Zeit mancherlei Anfeindung erleiden, teils aus eigener Verschuldung durch Christenhaß, Betrug und Wucher, teils auch durch Neid und Missgunst. Besonders stark wurde die Verfolgung zur Zeit der Kreuzzüge um das Jahr 1095, indem man sie als die ärgsten Feinde der Christen betrachtete und ihnen außer den schon genannten Vergehen Krankheiten, die das Land verheerten, zur Last legte und behauptete, sie hätten die Brunnen vergiftet. Im Jahr 1096 wurden in den Gebieten von Köln, Mainz mit Tauberbischofsheim, Worms und Speier die Juden überfallen und nicht weniger als 5000 derselben getötet. Damit war die Volkswut in Bischofsheim und im Frankenland noch nicht gestillt; etwa 50 Jahre später wiederholten sich dieselben Gräueltaten. Im Jahre 1146 berührte der große hl. Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux auf seiner Reise nach Würzburg, wo er die Fürsten zum
Kreuzzug gegen die Sarazenen aufrufen wollte, auch das Gebiet von Bischofsheim, und seiner wunderbaren, überwältigenden Beredsamkeit war es zu verdanken, dass die unchristliche Verfolgung im Frankenland nachließ.
#2) Absonderung durch Wohnung und Kleidung. Verpfändung.
Die Juden wurden in ihrem Eigentum und in Ausübung ihrer Religion geschützt; doch durfte jeweils nur eine bestimmte Anzahl derselben in einer Stadt sich aufhalten; sie hießen allgemein, auch in den bischofsheimer Akten, Schutzjuden, waren aber von Kriegsdienst und allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und mussten an ihrer Kleidung kenntlich sein; Männer wie Frauen mussten nämlich an ihrem Oberkleid eine handbreite runde Scheibe von blauem Tuch vorn und rückwärts tragen, zeitweilig auch einen gelben Ringel[S058-1], durften nur in besonders bezeichneten Stadtvierteln oder Gassen (Judenviertel, Judengasse) wohnen und mussten ihren Schutz noch durch viele, oft willkürliche Abgaben erkaufen, resp. sich erhalten. Solche jährliche Abgaben der Juden wurden dann auch als Lehen vergeben, verkauft oder verpfändet, wie z. B. Kaiser Karl IV. die Abgaben der Juden in der Stadt Frankfurt um 15,200 Pfund Heller verpfändete. — Ähnliches hat man zu verstehen, wenn von Verpfänden, Verkaufen u. s. w. der Juden im deutschen Reich oftmals die Rede ist.
#3) Judenfrevel.
In der Zeit von 1291-1300 und darüber hinaus erhob sich aber in Bischofsheim und in der ganzen Taubergegend eine neue große Judenverfolgung. Die Juden hatten nämlich in Lauda und an mehreren Tauberorten das hl. Sakrament verunehrt. Eine Bildertafel in der hl. Blutkapelle zu Lauda besagt darüber folgendes:
„In dieser gassen wo Vor fünfhundert Jahren Viele Juden gewohnt, und derentwegen auch die Judengassen genannt worden, Hat Ein gottloser Jud Eine christen Frau mit Versprechung Vielen Geldes beredet, wann sie zum heiligen Abendmahl gehe, solle sie die heil. Hostie wieder aus dem Mund herausfallen lassen und ihme zu Haus tragen, welches dann geschehen, der gottlose Jud aber, als sie Ihm solche gebracht auf seinen Tisch gelegt, und mit Einem Messer darein gestochen, daraus dann das blut Reichlich geflossen; als nun der Jud das Erschröckliche Wunderzeichen gesehen, ist er häftig darüber
Erschrocken und die Heil. hostien hinter seinem haus Begraben, und alle Nacht Ein helles Licht sich daselbst hat sehen Lassen, welches, da die Nachbarn gewahr geworden, Haben sie gebührenden Orthen angezeigt, darauf nachgesucht, die heil. hostien gefunden, und da an das Ort, wo das Judenhaus gestanden, diese Kapellen erbaut worden; wie dann das geschehene Wunderzeichen Genugsam Erweiset eine von Rom Anno 1300 Gegebene und Annoch vorhandene Bulla, Worin sonderbar gemeldet wird, dass allda der Leichnam des herrn sei gefunden worden und ist diese Kapellen daherr Eingewiehen zu Ehren des Hochwürdigsten Sakraments des Altars; sonsten wird sie zwar nicht Unbillig auch genannt zum Heil. blut, Weilen selbiges Wunderbahrlich aus der boshafter weis durchstochenen Hostien herausgeflossen: mehr kann Ihr billig der name zur heil. hostien um dieses zugetragenen wunder werks willen auch gegeben werden!“
Ähnliche Vergehen wurden zu selbiger Zeit den Juden auch in Iphofen 1291, Röttingen 1299, Deckendorf an d. Donau (in Bayern) 1337 und an anderen Orten zugeschrieben.
In Iphofen, so berichten zwei dortige Pfarrherren aus alten Schriften, hatten sie sich geweihte Hostien zu verschaffen gewußt, dieselben durchstochen und zerschnitten, worauf Blut herausgeflossen sei, und ein heller Lichtglanz, wie von einem mächtigen Brande, die Wächter und Nachbarn aufgeschreckt und aufmerksam machte. Die Juden gestanden, dass sie die Hostien aus Angst in das geheime Gemach geworfen hätten; dort fand man dieselben, aufgefangen vom Gewebe einer Spinne. Die Juden büßten ihren Frevel mit dem Tode; an Stelle des Judenhauses wurde wie in Lauda eine Kapelle gebaut, die, von Fürstbischof Julius zur Pfarrkirche erweitert, ein nicht geringerer Wallfahrtsort wurde als Walldürn. Iphofen bekam in Folge dieser Geschichte Stadtrecht; und heute noch zeigt man in der Pfarrkirche den Ort, wo die hl. Hostien hingeworfen wurden. — Ferner wurden von den Juden noch andere Frevel berichtet: In Fulda hätten sie 5 Christenkinder getötet und ihr Blut in gepichten Säcken aufgefangen; auch sonst glaubte man, dass sie von Zeit zu Zeit Christenkinder rauben, sie töten und das Blut derselben zu ihren Ceremonien verwenden. Durch alle diese und viele andere Dinge wurde das Volk in Bischofsheim wie im ganzen Frankenland grenzenlos empört, es fiel über die Juden her, verbrannte deren Häuser und erschlug eine so große Anzahl der verhassten Israeliten,
dass es schien, als ob die ganze Judenschaft im Frankenland ausgerottet werden sollte; in Mergentheim wurden viele auf öffentlichen Plätzen verbrannt. Doch blieb immer noch eine große Anzahl übrig, während aber auch die Abneigung gegen dieselben unter der Asche fortglimmte.
#4) Neue Verfolgung. Die Marienkapelle in Würzburg.
Im Jahr 1348 zog die Pest, der schwarze Tod genannt, durch ganz Deutschland und mähte Hunderttausende wie Grashalme. Daran mussten natürlich wieder die Juden schuld sein (wie 300 Jahre später die Hexen!), was diesen eine neue Verfolgung zuzog. 12,000 Juden wurden damals im Bistum Mainz allein geschlachtet, an diesen stellte auch Bischofsheim seinen Anteil, wenn auch die genaue Zahl hier aus den Urkunden nicht zu ersehen ist.
Die Erbitterung und die Judenverfolgung im ganzen Frankenland war so arg, dass die Juden in Würzburg aus Verzweiflung sich mit Weib und Kind und Hab und Gut in ihre Häuser einschlossen und diese selbst anzündeten, so stand am Dienstag nach dem weißen Sonntag in der Frühe der ganze ausgedehnte Judenplatz samt der Synagoge in Flammen; alle Häuser samt den Bewohnern wurden vom Feuer verzehrt. — An dieser Stelle ließ Fürstbischof Gerhard v. Schwarzenburg eine Muttergotteskapelle errichten, die aber bald wieder abgebrochen wurde, um einer größeren Platz zu machen; zu dieser wurde am 16. Mai 1377 der Grundstein gelegt; 1479 wurde sie unter Fürstbischof Rudolph II. v. Scherenberg eingeweiht. — Das ist die berühmte, herrliche Marienkapelle auf dem grünen Markt in Würzburg. Sie steht auf einem geschichtlich höchst merkwürdigen, mit Blut und Tränen getränkten Boden.
Die Kirche hat indes solche Gewalttätigkeiten, auch den Juden gegenüber, nie gebilligt und nach Möglichkeit abgewehrt.
#5) Judenwucher.
Doch die Juden hatten Nichts durch die Geschichte gelernt; kaum hatten sie einen Augenblick Ruhe, so fing das alte wucherische Treiben von Neuem an, und der „Judenwucher“ bildete die stehende Frage auf allen Reichstagen; einmal um das andere mal entstanden wieder Judenkrawalle, wenn diese auch nicht mehr gerade so blutig waren wie in den früheren Jahrhunderten; welches die Stimmung in Bischofsheim und Mergentheim war, beweist das Edikt, das sich der Deutschordensmeister in Mergentheim, Walther von Bronberg, bei Kaiser Ferdinand auswirkte:
„Daß von nun an Jude noch Jüdin der Unterthanen des Deutschordens weder auf Pferd, Kleinod, Kleider, noch auf andere fremde oder liegende Güter oder sonst in keiner anderer Weis noch Weg auf Wucher ohne der Herrschaft Vorwissen, Erlaub oder Bewilligung nicht leihen, auch kein Jud oder Jüdin des Ordens Unterthanen um einige Schulden weder am kaiserlichen Hofgericht in Rotweil noch andern fremden Gerichten fürfordern, klagen, noch auf solche der Juden Klag gerichtet, geurteilt noch gehandelt werden solle.“
#6) Die Juden im Schwedenkrieg. Plünderung der Juden.
Im Jahr 1631 kam Gustav Adolf mit seinen Schweden nach Würzburg und die Taubergegend, nach Bischofsheim und Königheim; während der 3jährigen Occupation wurde das reiche Land bis zur Blutleere ausgesaugt und ausgeplündert.[S061-1] Die entsetzliche Not benutzten nun die fränkischen Juden herzlos zu eigener Bereicherung; sie kauften die geraubten silbernen Kirchengeräte und den Raub aus den Bürgerhäusern von den schwedischen Soldaten um ein Spottgeld, erwarben mit Wucher und einer Handvoll schlechter „Heckenmünzen, Kipper- und Wipperthaler“, die nicht 1/6 von dem wert waren, als was sie gelten mussten[S061-2] die Grundstücke der verarmten Leute, und beuteten die christlichen Privaten wie ganze Gemeinden durch wucherische Darlehen auf das maßloseste aus. Im Schwedenlager verkaufte man trotz des großen Viehmangels eine Kuh für einen Reichstaler, ein Schaf für etliche Pfennige. Nicht ohne Behagen hatte die Schwedenregierung gesehen, wie die Juden das Mark des Volkes an sich gezogen hatten und reich geworden waren; sie ließ zuerst ein genaues Verzeichnis der ganzen Judenschaft im Frankenland anfertigen und denselben den gemessenen Befehl zustellen, „daß alle Juden am 20. April 1632 sich in Würzburg einzufinden hätten, weil ihnen ein Vorhalt gemacht werden solle.“ Dieser „Vorhalt“ bestand in einem riesigen Zwangsanleihen ohne jede Aussicht auf Rückzahlung und in einer außerordentlichen, hohen Kriegssteuer.
#7) Judenschutz und Judenobrigkeit.
Nach dem 30jährigen Krieg besserten sich auch die Verhältnisse der Juden, obgleich sie bis in die neuere Zeit noch vielen Ausnahmegesetzen unterworfen waren. Sie erhielten zunächst ihre eigene, neue Judenordnung und dadurch die Bürgschaft eines fortdauernden, gesetzlichen Schutzes, was trotz aller immer noch großen Geldopfer von hervorragender Wichtigkeit war.
Die gesamte Judenschaft des Frankenlandes wurde in 7 Distrikte eingeteilt; derselben wurde freie Religionsübung und eine eigene Gerichtsbarkeit verliehen. Die Verwaltung dieser Gerichtsbarkeit wurde übertragen für das ganze Land: dem Oberrabbiner, Unterrabbiner, den Landesvorgängern und
den Landesdeputierten. Für die einzelnen Ortschaften: den Ortsvorgängern und Ortsdeputierten. Zugleich wurde ein sog. Fürstliches Judenamt errichtet.
Der Oberrabbiner war das Haupt der Judenschaft und übte sowohl in Ritual- als Justizsachen über die jüdischen Schutzverwandten ganz allein und unumschränkt die Gerichtsbarkeit in erster Instanz aus. Er hatte alle Trauungen zu verrichten, welche er jedoch auch einem Andern übertragen konnte, die Judenstudenten zu prüfen, und zur Übernahme von Vorsänger- und Schlächterstellen zu qualifizieren, bei allen Teilungen in Folge von Sterbfällen gegenwärtig zu sein, das Inventar zu bewerkstelligen und die Erben zu bezeichnen; ferner das Witwen- und Waisenwesen zu überwachen, die Vormünder zu bestellen, die Vormundschaftsrechnungen abzuhören und das deßfallsige Absolutorium zu erteilen; endlich bei Erledigung jüdischer Sponsalien- und Ehe-Klagsachen, welche sämtlich dem Fürstbischöflichen Konsistorium vorbehalten waren, mitzuwirken.
Der Unterrabbiner war nur der Stellvertreter und zugleich Aktuar des Oberrabbiners.
Die Landesvorgänger (je einer in einem Judendistrikt, also 7 an der Zahl) hatten das Interesse der Judenschaft nach jeder Hinsicht zu wahren, den Oberrabbiner auf dessen jeweiliges Verlangen in der Justizverwaltung zu unterstützen, für Beischaffung der der Judenschaft obliegenden Zahlungen Sorge zu tragen, bei Abschließung von Verträgen im Namen der gesamten Judenschaft mitzuwirken, die in den einzelnen Distrikten vorkommenden Judenhändel zu schlichten u. s. w.; sie hatten keinen Gehalt, wohl aber Diäten aus der allgemeinen Judenkasse, wenn sie in Angelegenheiten der Judenschaft amteten.
Die Landesdeputierten, deren jeweils 8 waren, deshalb gewöhnlich die Achter genannt, hatten die Diensthandlungen der Landesvorgänger zu prüfen, besonders in Betreff der Einnahmen und Ausgaben, wurden jedoch von letzteren häufig ins Schlepptau genommen und zu bloßen Ja-Herren gemacht.
Was bei den christlichen Gemeinden die Bürgermeister und Schultheißen waren und sind, das waren in den fränkischen Judengemeinden (in jenen Orten, wo kein Landesvorgänger wohnte,) die sog. Ortsvorgänger; diese hatten die Ortspolizei zu handhaben, insbesondere über die Ordnung in den Synagogen zu wachen, jedes Jahr einen sog. Pfleger zur Einnahme des Ortsalmosens und der Gemeindebeiträge und zur Besorgung der Gemeindeausgaben (also einen Gemeinderechner) zu bestellen. Das Pflegamt wechselte alljährlich in den Judengemeinden und durfte bei Strafvermeidung nicht abgelehnt werden; das Amt war aber sehr missfällig, weil der jeweilige Pfleger, wenn die Gemeindekasse ohne Inhalt war, ohne alle Ansprüche auf Zinsen, Vorschüsse leisten und den Ersatz derselben abwarten musste.
Die Ortsdeputierten hatten die Kontrolle über die Ortsvorgänger zu führen.
Das neu errichtete Judenamt war die zweite Instanz in allen Angelegenheiten der Judenschaft, die Oberbehörde, an welche in allen Entscheidungen des Oberrabbiners appelliert werden konnte, und von welcher sodann die weitere
Instanz an die Fürstbischöfliche Regierung, als letzte Instanz, stattfand. Das Judenamt hatte über alle jüdischen Behörden des Landes die Oberaufsicht und demselben mussten jeweils die allgemeinen Angelegenheiten der Judenschaft zur Kenntnis gebracht werden; dasselbe hatte alle Landes- und Ortsdeputationen zu bestätigen, über die eingegangenen Gesuche um Erteilung von Schutzbriefen jährlich zweimal, (in den Monaten Januar und Juli) an das Fürstbischöfliche Kabinet Bericht zu erstatten.
#8) Judenabgaben.
Vornehmlich wurden im Jahr 1691 genaue Bestimmungen über den Judenschutz erlassen durch Fürstbischof Johann Gottfried II., aus dem Geschlechte der Guttenberg. Diese galten zunächst für das Würzburger Gebiet; da aber die Fürstbischöfe von Würzburg oft gleichzeitig auch Fürsterzbischöfe von Mainz waren, wurden solche Verordnungen, die sich als nützlich erwiesen, wie die vorliegende auf beide Diözesen ausgedehnt und somit auch für Bischofsheim maß— gebend. Andere Länder hatten ähnliche Bestimmungen; die fränkischen von Würzburg und Mainz galten als die mildesten und humansten.
Indes mussten die Juden dafür ansehnliche Gebühren zahlen und zwar: 12 Dukaten an den Fürstbischof, 30 Gulden zum Arbeitshaus, 4 Dukaten an den Judenamtmann, 1 Dukat an den Judenaktuar, 1 Dukat an die fürsterz— bischöfliche geheime Kanzlei, 1 Dukat an den fürstbischöflichen Kammerdiener, 1 Dukat an die Landesvorgänger und 1 fl. 55 kr. an die Kanzleidiener.
Die Erteilung eines solchen Schutzbriefes war Reservat des Fürstbischofs, d. h. konnte nur von diesem ausgestellt werden; war aber der bischöfliche Stuhl durch Todesfall erledigt, so war auch der Schutzbrief erloschen, konnte gegen eine neue Zahlung vom Domkapitel interimistisch ausgestellt werden und war dann etwas wohlfeiler. Mit dem Amtsantritt eines jeden neuen Fürstbischofs war aber auch die Lösung eines neuen Schutzbriefs mit entsprechender Zahlung für jeden Juden, der den Schutz begehrte, erforderlich; überdies musste die gesamte Judenschaft dem Neugewählten ihre goldene Gratulation mit 1000 Dukaten darbringen. Hatte der Jude seinen Schutzbrief bezahlt, so hatte er sich gleichsam in den Schutz und in mancherlei Berechtigungen eingekauft; nun kamen noch die „jährlichen geringeren“ Abgaben; für den Aufentalt in einer Stadt wie Lauda und Bischofsheim musste der „Schutzjude“, das ist die gewöhnliche Bezeichnung, jährlich 11 Gulden, in einem Dorf wie Dittigheim 10 Gulden bezahlen; für die „Versicherung des Friedens“, um gegen böswillige Nachbarn geschützt zu werden,
zahlten die Schutzjuden vierteljährlich 186 Gulden an die fürst— bischöfliche Hofkammer. — Die übrigen Abgaben, Grund- und Häusersteuer zahlten sie wie die Christen.
Unter solchen Umständen war es den Juden ein Schrecken, wenn der Landesherr starb, und wenn sein Nachfolger gewählt wurde.
Indes zahlten die Juden mit Gemütsruhe ihren Schutz und trösteten sich wohl mit dem Gedanken: das Geld werden wir doch einbringen; es ist Euch nur geliehen, nicht geschenkt.
Die Freude, den Neujahrstag zu erleben, wurde der fränkischen Judenschaft erheblich gemindert dadurch, dass alle fürstlichen Landes— vorgänger sich zu Würzburg (und anderwärts ähnlich) in der Residenz des Fürstbischofs zur Audienz mussten anmelden lassen. Zur fest— gesetzten Stunde hatten sie in ihren schwarzen Mänteln im Kammer— dienerzimmer zu erscheinen, und dem Fürstbischof ihren Neujahrs-Glück— wunsch mit 275 Vereinstalern darzubringen; die gleiche Verpflichtung der Gratulation mit 275 Talern lag den Vorgängern der ritterschaft— lichen Judenschaft ob; auch den übrigen Hof-Herren mussten sie das „Neujahr anwünschen“, wozu der Betrag von 872 fl. 27 kr. erfordert wurde; da die Juden keinen Weinhandel treiben, aber auch keinen von Nichtjuden gekelterten Wein trinken durften, mussten sie sich die Verleihung eines sog. Koscherbriefs mit neuen Gebühren erkaufen; dadurch wurde dem Inhaber gestattet, im Herbst Weintrauben zum eigenen Gebrauch und zum Keltern zu kaufen, „um nicht allein auf das, wenn auch immerhin ausgezeichnete, fränkische Brunnenwasser angewiesen zu sein, zumal man damals die wunderbare Heilkraft des kalten Wassers im Gegensatz zum Wein und Bier noch nicht so gründlich kannte, wie in unseren glücklichen Tagen.“ !) Für den Koscherbrief zahlte der Jude jährlich: 20 Dukaten an das fürst— bischöfliche Kabinet, 10 an den Judenamtmann nebst 16 Gulden an dessen Aktuar und 2 Dukaten an die geheime Kanzlei. — Den Juden ist somit in Bischofsheim und dem weinreichen Frankenland auch in guten Jahrgängen der Wein ziemlich sauer geworden, und in andern Gegenden mögen sie noch mehr sich an den rein gehaltenen, taxfreien „Laufenburger“ gehalten haben.
1) Meinte der gute alte Dr. Rombach.
9) In der neuren Seit.
Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts mussten sich die Juden in Bischofsheim und in der ganzen Taubergegend viele Einschrän— kungen und Belästigungen gefallen lassen; bei hoher Strafe durfte keiner den Kirchhof, d. h. den Platz um die Kirche betreten !); an Sonn- und Feiertagen sollten sie unter dem Gottesdienst sich nicht auf der Straße sehen lassen, nicht einmal das Haus verlassen.?) Wenn ein Christ in Bischofsheim einem Juden begegnete und zu letzterem sagte: „Jud mach mores?)“, musste dieser seine Kopfbedeckung abnehmen.“)
In neurer Zeit wurden in den meisten Ländern die beschränken— den Judengesetze aufgehoben, so dass dieselben nur noch historischen Wert haben.
#6. Die Hungersnot von 1145 und 1312.
Da die Verkehrsmittel bis in die neuere Zeit ohne Eisenbahnen, Dampfschiffe u. s. w. nur stets mangelhafte waren, konnte dem Misswachs einer Gegend nur schwer abgeholfen werden; Teurung, Hungersnot und Krankheiten traten darum ziemlich oft und sehr verderblich auf; derartige Hungerjahre berichten die Chroniken von Bischofsheim und Franken über die Jahre 1145 und 1312; im letztern ließ Bischof Andreas von Würzburg Getreide aus Sizilien kommen und austeilen.
Ähnliche schreckliche Not herrschte in Bischofsheim später wieder in den Jahren 1530, 1628, 1635 u. s. w.
#7. Stadtrecht und Verpfändungen.
Gegen das Jahr 1200 hatten die Herzöge von Schwaben die Vogtei von Bischofsheim an sich gebracht; aber im April 1237 hob Kaiser Friedrich II. diese auf und erteilte der Gemeinde das Stadt—
1) So erzählte mündlich noch der alte 1 Meßner Gg. Schnupp aus eigener Anschauung: Einem Juden war eine Kuh auf den Kirchplatz gelaufen, und da die Juden denselben nicht betreten durften, habe er ihm (dem damaligen Knaben Schnupp) und seinen Kameraden Geld gegeben, dass sie ihm das Tier wieder heranstrieben. ö
2) Protocollum eccl. par. episc. im Pfarrarchiv an vielen Stellen.
3) Von Morah hebr. — Angst.
4) Wenn weiter erzählt wird, „der Jud habe die Mütze zwischen den Beinen hindurchziehen und dann wieder aufsetzen „müssen“, so scheint mir das weniger Gebot, als vielmehr Ausdruck der Verachtung von Seiten der Juden gegen die Christen gewesen zu sein.
recht, wodurch sie eine der ersten Städte des ganzen Taubergaues wurde und gab sie dem Erzbistum Mainz unter Erzbischof Sieg— fried III. zurück.!) Mit dem Stadtrecht erhielt die Gemeinde die Befugnis, die Stadt zu befestigen, also Mauern, Türme und Tore anzulegen, und die notwendigen Anstalten zur Verteidigung zu treffen. Höchst wahrscheinlich wurden damals die jetzt noch stehenden Stadtmauern und Türme gebaut. Die Stadtbürger erhielten das Recht, zunftmäßiges Gewerbe zu treiben und innerhalb der städtischen Bannmeile jeden nachteiligen Gewerbebetrieb zu unter— sagen. — Ferner erhielt die Stadt das Recht, Markt abzuhalten (was den Dörfern verboten war), Handel zu treiben, „zu mulzen (malzen) und zu brawen.“
Der Erzbischof und die Kurfürsten von Mainz fanden sich, wie viele Könige und Kaiser damaliger Zeit, öfters in Geldnot; darum verpfändete 1401 Kurfürst Johann II. die Stadt an Friedrich von Riedern um 1100 Gulden. (der Geldwert war aber damals bedeutend höher als jetzt?), löste sie indes bald wieder ein.
1467 —70 war die Stadt von Kurfürst Adolf II. dem erz— bischöflichen Coadjutor zur Nutznießung überlassen und nachher bis 1482 an den Grafen von Rieneck verpfändet.
#8. Die Wehranstalten von Bischofsheim und den Städten
des Bezirks.
#a) Die Stadtbefestigung.
Bei der alten pulverlosen Art der Kriegführung war eine Hauptsorge aller Städte eine starke Stadtmauer mit Toren, Türmen und Wassergräben; darum wurde auch Bischofsheim wohl damit versehen, und die 21 Türme, die auf dem Stadtplan verzeichnet sind, gaben den wohlhabenden Bürgern eine behäbige Sicherheit.
#b) Die Mauer- und Turmgeschütze.
1. In der ersten Zeit nach Befestigung der Stadt (4237 wird man wohl hier wie allerwärts riesige Armbruste (Kata— pulten und Ballisten nannte man sie noch aus den Römerzeiten) gebraucht haben; sie hatten stählerne Bogen, wurden mit Hilfe einer Winde gespannt und dienten noch lang nach Erfindung des Schieß—
1) Trithemius Chronic. Hirsaug.
2) Siehe Seite 75, Geldwert.
pulvers und selbst nach Verbesserung der Hackenbüchsen zur Ver— teidigung der Stadtmauern und Türme.!)
2. Im Jahr 1344 berief Kurfürst Heinrich III. einen „Feuer— schützen“ zu sich nach Aschaffenburg und bemühte sich sehr um die Einführung der Feuerwaffen in seinen Städten; da gab es „Knall— röhren, Schlüsselbüchsen, eiserne Büchsen und Hackenbüchsen.“ Letztere erlangten große Verbreitung; ihren Namen hatten sie davon, dass sie mittelst eines Hackens (eines am Schaft vorstehenden Holzes) auf einem leichten Bock ruhten. Damit schoss man Kugeln von 4 Lot.
3. Der Doppelhacken war doppelt so stark als die Hacken— büchse, ruhte auch auf einem stärkeren Bock und schoss Kugel von 8 Lot.
4. Die Feldschlange, auch Falkonete genannt, war unsern jetzigen Kanonen ähnlich, hatte aber ein längeres Rohr und schoss eine Eisenkugel von 7— 8 Pfund.
Die Basteien, Stadttürme und Letzen (O die an den Stadt— mauern und Befestigungen angebrachten Erker) waren mit Hacken— büchsen und Doppelhacken besetzt. Die Geschütze waren in Friedens— wie in Kriegszeiten beständig geladen und wurden nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zu Freuden-, Alarm-, Signalschüssen, bei kirchlichen und weltlichen Festlichkeiten gebraucht. War das Geschütze lange geladen, wurde es losgeschossen, gereinigt und wieder geladen.
#c) Kriegsdienst und Bewaffnung der Bürger.
In den kleinen Städten galt als wesentliche Verpflichtung der Bürger, zum Schutz der Stadt die Waffen zu führen. Vom Waffen dienst war, wenn die Stadt in Fehde lebte, Niemand frei, selbst die Schöffen, welche im Frieden Wacht- und Frohndfreiheit genossen, waren hierzu verbunden: „wann die Stadt großen onfrieden hatte, weil zu solcher Zyt jedermann schuldig ist, das beste zu thun augen— blicklich“?). Zur Bewaffnung der Bürger gehörten:
1) Der Harnisch, bestehend aus einer Sturmhaube (S Helm von
Eisenblech) und einer Rückenbedeckung von demselben Metall; das musste jeder Bürger haben.
1) In Miltenberg bis 1550. Madler, Gesch. d. St. Miltenb. 2) Rechtsbuch v. Miltenberg 1346 S. 15. b. Madler 1. c. 57.
2) Spieße und zwar kurze, Hellebarden, 2—3 Meter lang und lange
Spieße, 3z— 5 Meter lang; beide waren von starkem Holz, oben mit scharfen Eisenspitzen beschlagen, teils mit, großenteils ohne Widerhacken. Unter den Spitzen waren, wie bei den Hellebarden, zuweilen Beile und Schlaghämmer angebracht.
3) Der Morgenstern, Streitkolben, war eine mit vielen Eisenspitzen rundum beschlagene 10—12 om. dicke hölzerne Kugel an einem 2—3 Meter langen Schaft.
4) Die Schwerter wurden teils mit einer, teils mit beiden Händen geführt, waren zweischneidig und 1—2 Meter lang.
#Die Sebastianus-Schützen in Tauberbischofsheim und
im Bezirk.
So sehr den Städten eine sachkundige Verteidigung oblag, so sehr musste ihnen auch daran gelegen sein, die Bürger zu sicheren Schützen einzuüben. Da die Städte förmlich mit einander wett— eiferten, die besten Schützen zu haben, übte man von Magistrats— wegen besondere Freigebigkeit gegen die Büchsen- und Armbrust— schützen. Es bestand hier die Sebastianusbruderschaft; das war in damaliger Zeit nicht nur ein religiöser Gebetsverein, sondern die städtische Schützengesellschaft (wie sie zum Teil noch jetzt in Werbach existiert), die nicht nur hier große Schützenfeste mit Preisschießen veranstaltete, sondern zum Besuch solcher Feste fast jedes Jahr auch andere Städte besuchte.
Solche Schützenfeste waren in Bischofsheim, bei denen jedesmal auch die Schützen von Miltenberg erschienen, in den Jahren 1521, 1524, 1567, 15761) — Schützenfeste in benachbarten Städten, bei denen die von Bischofsheim sich einfanden, waren: 1475 zu Würzburg, 1488 zu Aschaffenburg, 1514 zu Wertheim, 1524 zu Wertheim und Mergentheim, 1534 zu Aschaffenburg, 1535 zu Grünsfeld, 1551 zu Würzburg und Wertheim, 1555 zu Freudenberg und Mergentheim, 1566 zu Wertheim, 1572 zu Külsheim, 1578 zu Würzburg, 1580 zu Lohr, 1613 zu Freudenberg, 1576 zu Aschaffenburg.
Alljährlich auf Sebastians-Schützenfest erhielten die Schützen freie Bewirtung, auch wurden ihnen für das öffentliche Schießen die Scheiben bezahlt, Pulver angekauft und unter sie verteilt.?)
Jeden Sonn- und Feiertag wurde nach dem Frühgottesdienst das Scheibenschießen mit der Armbrust, der Büchse, Muskete, er—
1) Ohne Zweifel noch viele andere, die wir aus Mangel an Urkunden nicht mehr nachweisen können. — Obige Angaben finden sich in den Stadt- rechnungen von Miltenberg. N
2) Madler 1. c. 88.
öffnet und das ganze Jahr damit fortgefahren; es war dies ein Hauptvergnügen aller waffenfähigen Bürger und deren Söhne. — So lieferten die Städte die vortrefflichsten Schützen, mit denen man bei Ausbruch eines Krieges sehr wohl rechnen konnte und musste.
Durch die große Veränderung des ganzen Kriegswesens seit dem 30jährigen Krieg verloren auch alle diese Wehranstalten nach und nach ihre Bedeutung.
#9. Bischofsheim im Neun-Städte-Bund.
Seit dem 13. Jahrhundert hatten die deutschen Städte immer mehr an Bedeutung gewonnen, und je größer die allgemeine Un— sicherheit und Gesetzlosigkeit in Deutschland wurde durch die unauf— hörlichen Kriege, desto mehr schlossen sich die Städte aneinander und bildeten zuletzt einen Städte-Bund, der über ganz Deutschland sich erstreckte und dem sogar der Kaiser und andere Fürsten beitraten; er löste sich zwar teilweise auf, bildete aber neu eine Anzahl kleinerer Bündnisse; zu diesen gehörte der Neun-Städte-Bund unter den obererzstiftischen Städten: Bischofsheim, Külsheim, Buchen, Düren, Aschaffenburg, Krautheim, Ballenberg, Miltenberg und Amorbach.)
Zweck des Bundes war: gemeinsame Sicherheit, gleiche Ver— teidigung und gemeinschaftliche Beratung in wichtigen Angelegen— heiten; er bildete den 3. Stand der mainzer Landstände und genoss daher großes Ansehen. Gemäß dieser Verpflichtung stellten sich die 9 Bundesstädte wechselseitig ihre bewaffneten Mannschaften und unterstützten sich in ihren Plänen durch Rat und Tat.
Nach dem Bauernkrieg, 1527, hob Kurfürst Albert den Neun— Städtebund auf, weil er an der Empörung teilgenommen hatte?), doch war er seit 200 Jahren so sehr ins Volk gewachsen, dass lange Zeit verging, bis die alte Zusammengehörigkeit über— wunden war.
1) Geschichte des Kurfürsten Diether v. Isenburg 1790 II 230. Stadtbuch von Miltenberg 1346. — Madler, Geschichte der Stadt Miltenberg S. 78. Es scheint aber der Neun-Städte-Bund nicht immer dieselben Städte umfaßt zu haben, da die Aufzählung zu verschiedenen Zeiten Variationen aufweist. Zeit— weilig werden statt Krautheim und Ballenberg Dieburg und Seligenstadt ge— nannt. Siehe später die Kapitel über die Ortsbeschreibungen der Städte Krautheim und Ballenberg.
2) Siehe das Kapitel: Die neue Stadtorduung von 1527.
#10. Die Burgen und die Raubritter bei Bischofsheim
und im Frankenland.
Die öffentliche Ordnung und Sicherheit ließ im ganzen Mittel— alter sehr viel zu wünschen übrig; weder der Kaiser noch die einzelnen Landesfürsten waren im Stand, alle Gewaltthat, Raub und Mord zu verhindern; darum hatte nahezu jede Stadt und jeder freie Mann das Waffenrecht; darum war Bischofsheim wie alle Städte wohl befestigt, hatte sein eigenes Geschütz, und sogar die Bauern gingen häufig bewaffnet. Die adeligen Familien ver— legten ihre Wohnsitze, ihre Schlösser und Burgen, solang man das Schießpulver noch nicht kannte, gern auf hohe Berge und Felsen und machten sie durch Mauern, Wall und Graben noch mehr unzu— gänglich. Auf diesen Burgen saßen die Ritter, viele als durchaus ehrenhafte, fromme und wackere Männer, manche aber auch wie die Raubvögel, die von dort aus den Wanderern, besonders aber den reichen Kaufleuten auflauerten, während diese damals in Ermange— lung eines anderweitigen Verkehrs, karawanenartig sich in größerer Zahl vereinigten und ihre Waren transportierten.
Zum Schutz gegen die Raubritter pflegten die Kaufleute über— dies von den Landesregierungen gegen besondere, gute Bezahlung eine Anzahl Schützen, manchmal 50—100 sich zu erbitten, die den Zug begleiten und verteidigen mussten. Bischofsheim bildete den Kreuzungspunkt solcher „Geleitstraßen“, wie man sie nannte, von Walldürn nach Würzburg und von Wertheim nach Mergentheim und Rothenburg an der Tauber.)
Zogen die Raubritter ins Feld auf Beute, so war ihr Grundsatz:
„Reiten und Rauben ist keine Schande, das thun die Besten im Lande“.
Das war aber falsch; denn diejenigen, welche auszogen zu Reiten und Rauben, gehörten nicht zu den besten, sondern bildeten auch damals das ver— haßte und verachtete Räubergesindel wie heute noch. Ferner galt den Raub— rittern folgender Spruch als „Edelmannslehre“:
Willst du dich erneren, du junger edelmann,
) Diese „Geleitsstraßen“ und Wechselstationen, an welchen die würz⸗ burgischen, wertheimer, mainzer u. a. Reiter ihre geleiteten Kaufleute den Reitern des nächsten Landesherrn ablieferten, werden in den zahlreichen Ver⸗ ordnungen des Protocollum generale v. 1617 im Archiv des Bezirksamtes zu Tauberbischofsheim oft angeführt.
folg du meiner lere,
sitz uf, drab zum bau!
halt dich zu dem grünen wald,
wenn der bur ins holz fert,
so renn in freislich an! (frech, keck) derwüsch in bi den kragen,
erfrew das herze din,
nimm im was er habe,
span us die pferdelin sin!
bis (S sei) frisch und darzu unverzagt, wann er nummen pfenning hat,
so riss im d' gurgel ab.!)
Die Bauern hatten aber auch ihre Regeln gegen die Raubritter
und sangen: hangen, raden, koppen, stecken en is gheyn sunde, wer dat nicht, wy en behelden neit in dem Munde! d. h. hängen, rädern, köpfen, stecken ist keine Sünde, wäre das nicht, wir behielten Nichts in dem Munde. 2)
Nicht nur Geld und Geldeswert nahmen sie den Kaufleuten und Wanderern ab, auch möglichst angesehene und reiche Personen suchten sie niederzuwerfen, schleppten sie in die Räuberhöhlen ihrer Burgen, warfen sie dort in das zisternenartig tiefe Burgverließ, wo sie oft in grauenhaftem Elend schmachteten, bis ihre Familien das riesige, verlangte Lösegeld zahlten.
Über die Ritterburgen bei Bischofsheim haben wir gar keine schriftlichen Nachrichten; wir sind in dem Bericht über dieselben auf das angewiesen, was wir jetzt noch sehen und auf das, was die Sage uns meldet.
Solche Ritterburgen bestanden in Bischofsheim aus alter Zeit drei oder vier; nämlich auf dem Edelberg, in der Wolftalsflur, im Hadmarshellen und noch eine auf dem Höhberg; von letzterer berichtet eine Urkunde aus Grünsfeld: der Turm auf dem Höhberg war so hoch, dass der Wächter auf dem Turm des Schalksberges bei Grünsfeld ihn mit freiem Auge sehen konnte.)
Alle vier waren Burgen der kleineren Art; sie bestanden aus der Umfassungsmauer, dem Burghof und dem Berchfriet, dem hohen,
1) Uhland; den höchst interessanten Bericht über das Treiben und die Erstürmung eines solchen Raubnestes siehe unten Boxberg, unter den Ort— schaften des Amtsbezirks. — 2) De laude Saxoniae 212 14. — 3) Siehe später: Die Ortsbeschreibung von Grünsfeld. N
starken, steinernen Turm, in welchem der Palas, Rittersaal und die Kemmenaten, Kammern, in den verschiedenen Stockwerken sich be— fanden; das ergibt sich aus den jetzt noch vorhandenen Überresten. Ob alle vier Raubritterburgen waren, wissen wir nicht.
Die Burg im Hardmarshellen soll aber eine solche gewesen sei. Die Sage meldet darüber: Zur Zeit des Kaisers Rudolf von Habsburg um 1250, der sichs zur besonderen Aufgabe gestellt hatte, die Raubnester zu zerstören, hauste daselbst der Raubritter Hadumar; Kaiser Rudolf wollte die Felsenburg durch die aufgebotene Maunschaft brechen; sie war aber so fest, dass Hadumar die Angreifer jedesmal mit blutigen Köpfen zurückschickte, so oft sie einen Sturm unternahmen; darum zog man vor, die Burg zu belagern und durch Hunger zur Übergabe zu zwingen, so geschah es auch. Das Raubuest wurde endlich erobert und so gründlich zerstört, dass jetzt kaum noch Spuren zu erkennen sind; es hieß von da au die Stelle: des Hadumars helle, d. h. des Hadumars Vergänglichkeit, Untergang.!) Daraus wurde der Name Hadmars— hellen; die offizielle Schreibung machte daraus volksetymologisch: „Hartmanns Elend“. Der Weg vom Hadmarshellen gegen die Stadt (unterhalb des Monumentes) heißt heute noch Burgweg.
Die übrigen Burgen sind auch schon lang zerstört; wann und wie, wissen wir nicht; vielleicht im Jahr 1212. Damals wurde Kaiser Otto IV. von Braunschweig von Papst Innozenz III. mit dem Bann belegt, weil jener, um seine Macht zu vergrößern, die der Kirche gehörigen Güter widerrechtlich wegnahm. Da der Erz— bischof Siegfried von Mainz im Auftrag des Papstes die Exkommuni— kation des Kaisers in Deutschland verkündete, ließ Otto IV. seinen Bruder, den Pfalzgrafen Heinrich, in die mainzer Länder einfallen. Dieser hauste mit solcher Wut, dass von allen Schlössern nicht ein ein einziges unzerstört blieb.?) — Manche wurden wieder aufgebaut. Am längsten hielt sich die Burg am Edelberg; der hohe Turm, der Berchfriet, stand etwa 3 Stockwerke hoch bis in die 30er Jahre dieses Jahrhunderts; dann brachen bischofsheimer Einwohner die Mauern ab und bauten mit den Steinen ihre Scheuern, Ställe, Gartenmauern u. s. w. Die Gegend auf der (linken) Nordseite des Edelbergs heißt heute noch Schlossberg, fälschlich bei manchen Schlossersberg. Die Burg auf dem Edelberg soll durch einen unter— irdischen Gang mit der Burg am Tannenwald in Verbindung ge— standen haben; der unterirdische Gang laufe gegen das Monument
1) Helle v. mhd. hele, haele — Vergänglichkeit. Siehe später das
Kapitel über den Dialekt in Bischofsheim und im Frankenland. 2) Gropp, Historia Amorb. 21. (Madler J. c. 99.)
der württemberger Soldaten und sei noch vorhanden, nur verschüttet; thatsächlich versichern auch Arbeiter, im Weinberg Bestandteile eines solchen Ganges gefunden und wieder verschüttet zu haben.
Auch die entfernter liegenden Raubschlösser wurden von der Stadt Bischofsheim aus, die eine Art Waffenplatz bildete, angegriffen! ), so die Raubschlösser Wachbach, Dörzbach, Sachsenflur, Rosenberg?) u. s. w.
Im Jahr 1444 marschierte von hier aus Bischof Gottfried II., denn die Bischöfe früherer Zeit waren auch Kriegsherren, die ge— wappnet in Stahl und Eisen den Kaiser in den Krieg begleiteten, auch selber, wenn nötig, den „reisigen Zug“ anführten; Gottfried war ein geborener Graf v. Limpurg und zog gegen das Schloss Werberg bei Buch a. Ahorn, eroberte es und ließ die verwegenen Raubgesellen Krafft, Heiligenberg und Nikolaus Kohler mit der ganzen Besatzung aufhängen.)
Auch sonst hielt sich dieser Herr gern in dem freundlichen Tauberstädtchen auf und starb daselbst am 1. April 1455.
Fast jeder Ort im ganzen Frankenland hatte einen Edelsitz, eine Burg oder gar mehrere. Die Geschichte dieser Burgen wird mit der betreffenden Ortsgeschichte erzählt werden.
#11. Die Stadt zur Zeit des schwarzen Todes 13001500.
Neben der Pfarrkirche steht die Kapelle zu Ehren des hl. Sebastian, der seit alter Zeit vornehmlich als Patron gegen Pest und ansteckende Krankheit verehrt wird. Die Kapelle trägt die In— schrift: „als man zalt 1474 in der kristenheyt, ist der erst Stein gelegt worden“. Der Altar dieser Kapelle ist der Verehrung des hl. Erzengels Michael geweiht“), den die Kirche als Patron eines seligen Todes und gnädigen Gerichtes anruft. Wiederholt waren von 1300 — 1500 schreckliche Epidemieen durch ganz Deutschland gezogen und hatten manche Gemeinden nahezu zum Aussterben ge— bracht; den schwarzen Tod nannte man die Pest von den schwarzen Beulen an den Kranken; die Pest war so giftig, dass nur wenige Befallene mit dem Leben davon kamen; kaum fand sich Jemand, nicht einmal um schweres Geld, der die Kranken hätte pflegen oder 1) Lommel, Tauberbilder S. 13.
2) Lommel 1. o. — 3) 1. e. 4) Siehe später das Kapitel: Die alte Gottesdienstordnung von 1617.
gar die Toten begraben mögen; alle Ordnung ging aus den Fugen. Die Chroniken melden darüber: „1473 groß sterbung . . .; zu Prag starben mehr als 20,000 Menschen. Im Jahr 1483 Sommer und Herbst groß pestilenzia am Rhein, Sachsen u. s. w. Dieser sterbunge gleich war nicht gehört; der dritte mensch blieb kaum in Polen lebendig; in Breslau starben über 30,000 menschen, des— gleichen in Köln . . . .; im Herbst 1484 hub es in Danzig an zu sterben; im Jahr 1495 konnte dort wegen großer sterbung keine Rathswahl stattfinden. Die Pestilenzia war do in vielen landen und zog sich von einem land ins ander 3 jor lang. 1495 war ein großes landsterben fast durch die ganze deutsche nation“ !). — In Königshofen blieben nur 7 Bürger am Leben?), und es war damals eine Festung mit Vorstädten und viel größer als heute.
Auch in Bischofsheim hatte man wiederholt „große sterbung“ und hoffte durch die Fürbitte des hl. Sebastian, dem man die Kapelle baute, von dem schrecklichen Gast bewahrt oder erlöst zu werden.
In Folge der großen „sterbung“ hatte die Stadt nicht nur ein eigenes Leprosenhaus für Aussätzige und Pestkranke jenseits der Taubers), sondern auch einen eigenen Leprosenfriedhof“) errichtet.
#12. Die mainzischen Münzstätten zu Bischofsheim an der Tauber5) und Miltenberg am Main.
Im Jahre 1388 errichtete Erzbischof Adolph I. hier eine Münzstätte, in welcher die unten näher beschriebenen Münzen geprägt wurden.
Auch sein Nachfolger Konrad II. ließ die Münzen daselbst schlagen.
Im Jahr 1404 befahl Johann II. hier silberne Hohlpfennige zu prägen; „mit seinem Zeichen mit Namen mytten, mit einem rade und usswendig des rades eynes zum schlagen.“
Dieser Pfennig war nur einseitig mit dem mainzer Rad, ein Hohl— pfennig, hatte ein Gewicht von 0,02 Loth. Er wurde vom erzbischöflichen Münzmeister Daniel Hummel in Bischofsheim geschlagen.
Jener obige unter Erzbischof Adolph 1388 durch N. Kugeln geschlagene,
1) Janssen, Gesch. des deutsch. Volkes J 304.
2) Realschematism. der Erzd. Freib. 212. — Siehe später das Kapitel: Die Ortsbeschreibung von Königshofen.
3) Siehe den Stadtplan.
4) Siehe später das Kapitel über den Peters⸗Friedhof und den Leprosen— friedhof, dessen Einweihung 1572 ein Bildstock, der noch vor kurzem an der Peterskirche stand, erzählte. Über die St. Sebastianiuskapelle siehe später.
5) Coppe: Beschreibung der mainzer Münzen des Mittelalters S. 111. 116. 167. 168.
hatte auf der Aversseite das mainzer Rad mit der Umschrift: MONETA. 1 W. . . . Reversseite: Der nassauische Löwe in einem Herzschilde. Umschrift: BISCHOFSH' †. Ein Pfennig.
Die hierauf bezügliche Urkunde!) besagt: „Wir Adolph u. s. w. bekennen etc. daß wir durch nutz und besten willen unseres Lands eine muntze haben und slagen wolen in unsrer Stadt Bischofsheim mit namen einen Pfennig, mit unserm Zeichen; derselben gein uff das Loid XXVII und nit me gewerde, und soll die gewogen Mark besten (bestehen) mit zehen Loden silbers und die andern sess Loid sollen mit Kopper zu gesetzt werden und die munze zu schlogen und zu verlegen in unser stadt zu Bischofsheim u. s. w.
Eine andere Münze trug die Aversseite wie obige. Reversseite mit: † BISCHOFESHEIM. Die Münze von Konrad II. hatte auf der Aversseite das mainzer Rad. Die Umschrift: [?unsicher: MONC. TA. B. ]. — Reversseite: das weins⸗ bergische Wappen im Herzschilde. Umschrift: B* CONRADI. Ein Pfennig (ist Bischofsheim).
#13. Münzen und Geldwährung in Bischofsheim und im
Frankenland vor dem Bauernkrieg.
Münz⸗ und Maßeinteilung (Längen- wie Hohlmaße) hatten in früheren Zeiten eine so große Verschiedenheit in den einzelnen Ländern, ja Städten derselben Gegend, dass es zum Verzweifeln hätte sein müssen, hätten Handel und Verkehr eine solche Aus— dehnung gehabt wie heute. Nicht nur jedes Land, sondern fast jede größere Stadt hatte ihre eigenen Münzen, eigenes Maß und Gewicht.
Über Münz, Maß und Gewicht der frühesten Zeiten in Bischofsheim und Frankenland haben wir keinerlei Nachrichten mehr. Vor dem Bauernkrieg etwa um das Jahr 1500 galten in Bischofsheim folgende Münzen 2):
Ein Gulden (Goldgulden) galt 21 thuroni oder thurnes.
Der thurnes, auch thuronus hatte seinen Namen von grossus Turonensis, Groschen von Tours; das war eine alte Silbermünze, die zuerst 1104 zu Tours, einer Stadt in Frankreich, geschlagen wurde und sich auch in Deutschland bis nach dem Bauernkrieg erhielt.?)
Der Turnes — 12 Denarii oder Pfennig.
Der würzburger Schilling, (solidus Herbipolensis) galt 9 nürnberger
gangbare Pfennig.
Der Pfennig — 2 Heller; letztere hatten ihren Namen von der Stadt Schwäbisch Hall, wo sie zuerst geprägt wurden; sie waren die kleinste Silber— münze und wurden um jene Zeit meist gewogen, daher heißt es in Urkunden häufig z. B. ein Pfund Heller.
1) Würdtwein. dipl. p. 224. Nr. X C. N 2) Pergamenturkunde Vierenkorns, Pfr. in Distelhausen v. J. 1515. 3) Lexer Mittelhochd. Hdwörterb. II Sp. 1585.
In dem „Dorffsbuch“ (zinsbuch— und Gültbuch) des Spitals, „verneuert durch Mich. Wilhelm Zeitbössen, der Zeit Spittalsmeister, den 1. Aug. Anno 1607 findet sich folgende Angabe: 1 fl. — XX turnes; 1 tr. (turnes) thunt XIj Altpfennig; IIIj tr. für 1 Gans, Ij tr. für 1 Fastnachtshuhn; 6 B (Schilling) für j Becher öhl, 1 B thunt 6 Pf.; 1 Pfund Unschlitt ist 2 tr.“
Das „Güld- und Grundzinsbuch“ !) von Distelhausen bemerkt für die Bischofsheimer Zinse: „Ein Thurnuß ist Ein beagle, Groschen oder 3 schlechte Creutzer; thun also obige 16 Thurnuß 1½ Rthlr. 3 schlechte Creutzer.
Ein Ort oder Ortsgulden — 1½ fl. — Unter Ort versteht man?) meist den vierten Teil einer Münze, weil die damals deckigen Münzen durch ein Kreuz in 4 Orte geteilt waren; darum bedeutet Ortstaler oder Reichsort 1/4 Reichstaler.
Ortskronen = kaiserliche 1/2 Kronen.
Ein Corner = 9 lot Silber; = 25 Stinger Pfenning, ein halbes Lot Silber, Regensburger Gewichts.
#14. Geldwert und Arbeitslöhne in Bischofsheim und dem
Frankenland vor dem Bauernkrieg.
Durch die große Überschwemmung der Tauber vom Jahr 1784 wurde auch das alte Rathaus, in dem sich noch viele alte Urkunden befanden, in Schaden gebracht. Die vom Wasser durch— geweichten Papiere und Pergamentstücke wurden als wertlos weg— geworfen; darunter befanden sich auch Quittungen aus den Jahren 1400 — 1500, die zum Teil gerettet wurden.
Daraus sowie aus andern Berichten, Stadtrechnungen u. dgl. geht hervor, dass das Geld einen viel höheren Wert hatte als jetzt, teilweise den 20fachen, teilweise sogar den 100fachen Wert vom jetzigen, wie aus den Kostenberechnungen erhellt.
Den Maurern, Zimmerleuten, Dachdeckern wurde ein Taglohn von 2 1/2-3 Pfennig ausgezahlt; die Ohm Bier kostete damals 22 Pf.; die Elle wollen Tuch 5, eine Messe (Mäßchen) 1 Pf.; — ein Pfund Bratwurst kostete 1 Pf.; ein fetter Ochs 4 Gulden3); in Sachsen sogar nur 3 Gulden4); — als man in Bischofsheim die Sebastianuskapelle baute, im Jahr 1474, betrug der Taglohn in Süddeutschland den Wert von 5—6 Pfund des besten Fleisches; der Taglöhner konnte sich für seinen Lohn täglich ein Pfund Fleisch oder 7 Eier, dazu ein Viertel Erbsen, eine Maß Wein und das nötige Brot dazu verschaffen und erübrigte noch dazu die Hälfte der Einnahme für Wohnung,
1) Pfarrarchiv zu Distelhaus. Nr. VI ad C. S. 105 — 2) Lexer J. o.
3) Janssen, Gesch. d. deutsch. Volkes I. 314—321.
4) J. c. 319.
Kleidung und sonstige Bedürfnisse.!) — Ein paar gewöhnliche Schuhe kosteten 2—3 Groschen, ein Schaf 4 Groschen, 25 Stockfische gleichfalls 4 Groschen, ein Klafter Brennholz nebst Fuhrlohn 5 Groschen.?)
Wenn der Amtskeller (kurfürstl. Rentmeister) in Bischofsheim einen Knecht nach Frankfurt schickte, gab er ihm zwei „weißpfenning“ — Silber⸗Groschen mit; damit konnte der Knecht sehr wohl seine Reise, seine Zehrung, sein Übernachten und die zahlreichen Brücken— und Weggelder unterwegs bestreiten und noch etwas erübrigt nach Hause bringen.
Das waren noch „gute Zeiten“. Mit dem Jahrhundert des Bauernkriegs (1525) ging es aber rasch abwärts.
#15. Der Wohlstand in Bischofsheim und Franken vor dem
Bauernkrieg.
Wir können uns kaum mehr eine rechte Vorstellung machen, wie sehr vor Anfang des 16. Jahrhunderts Reichtum und Wohl— stand der Stadt Bischofsheim und des Frankenlandes blühten.
Im Jahr 1438 reiste der russische Metropolit Isidor mit einem Gefolge von mehr als 100 Personen geistlichen und weltlichen Standes auf seiner Reise zum Florenzer Konzil durch das Frankenland, da war, berichtet einer seiner Begleiter, „das Staunen groß. Die blühenden Städte mit ihren ge— räumigen schönen Häusern, . .. der lebhafte Gewerbefleiß und die vielen Werke edler Kunst, die Würde der Magistrate, der Stolz der Bürgerschaft und der Adel der Ritter ... rissen zu blinder Bewunderung hin.“)
Der Weinstock war eine reiche Quelle des Wohlstandes; die alten Urkunden melden, dass damals der Weinbau viel umfangreicher betrieben wurde als heute; viele Bergabhänge in der Umgebung von Bischofsheim, die jetzt mit andern Gewächsen angepflanzt oder gar unfruchtbare Oeden sind, standen damals aufs beste mit Reben bewachsen, und der Tauberwein, der weit berühmt war, wurde in großen Mengen verschickt; schon um das Jahr 1100 wird die Aus— fuhr des Weins von Bischofsheim nach Bayern, Sachsen und weiter. hin erwähnt. Zeitweilig hatte man so viel Wein, dass man ihn kaum anzubringen wusste. Auf den Wörthwiesen und auch im Gänsflur wurden Tische aufgestellt und an Sonn- und Feiertag
1) Burkard Zink, Chronik der deutsch. Städte 5. 438. 2) Janssen J. c. 3) Karamsin Gesch. V. 228.
Nachmittagen Wein ausgeschenkt, den man nicht nach dem Maß, sondern nach der Zeit des Trinkens bezahlte. Nach dem Brand im Jahr 1892 neben dem Gymnasium fand man einen Stein mit der In— schrift: „Gebaut 1585; das Fuder Wein kostet 4 Gulden; hat wänig wert; die Maurer haben das Vieh mit Wein getränkt und den Mörtel zum Hausbau damit angemacht.“ Nach Beendigung des Bauernkriegs berichtet der Chronikschreiber Heinrich Müller !): „Noch bei Gedenken meines Vaters, der ein Bawersmann war, hat man viel anders gegessen als jetzt. Da waren jeden Tag Fleisch und Speisen im Ueberfluß, und auf Kirmessen und anderen Gastereyen, da bersteten die Tische von all dem, was sie trugen; da trank man Weyn, als were es Wasser; da aß und nahm man mit, so viel man wollte; denn da war Reychthum und Ueberfluß. Das ist jetzt anders worden.“
Die Fürstbischöfe von Mainz hatten in Bischofsheim ihren Keller (Rentmeister) und ihre großen Oeconomiegebäude, die mit ihren riesigen Kellern und Speichern ringsum den Türmersturm am Schulplatz heute noch stehen. Für Verköstigung der zahlreichen Dienstboten und Taglöhner galt die „Mainzer und Erbacher Ordnung“, von welcher der Schenk Erasmus zu Erbach im Odenwald 1483 schrieb: „Alle Taglöhner, die gedungen sint, sowie die Fron— leute sollen gemeynlich, als auch die Knechte und Magde, jeden Tag erhalten zweymal Fleisch und Zukost und eyne halbe kleine Krause ( Krug) Weyns, usgenommen die Fasttage, da sollen sie Fische haben und sunst narhafte Speisen. Auch soll man eynem jeden, der in der Woche gearbeit, den Sunn— oder Feyertags gütlich tun nach der Meß und Predig. Sie sollen haben Brod und Fleisch genugsam und einen halben, großen Krausen Weyns: an den Hochziten (hier S Hauptfesten) auch Bratnes genuugsam. Auch soll man ihnen mitgeben nach Haus einen großen Leib Brod und von Fleisch soviel als zwei in eynem Ymbs essen können.“
Wie die Nahrung war auch die Kleidung eine reichliche, ja luxuriöse. Als im Jahr 1476 von Bischofsheim, Lauda, Werbach und allen Tauberorten die Leute zum Pfeiferhans nach Niklas— hausen 2) wallfahrteten, hatten sie Geld in Menge, kostbare Gewänder und Kleinodien. An einem Tag, berichtet der Chronist Stolle), seien 70,000 versammelt gewesen; die meisten Bauern brachten Wachskerzen (zum Opfern) mit, die manchmal so groß waren, dass 3 bis 4 Männer kaum eine derselben tragen konnten. Der Pauker eiferte
1) Curieuse Nachrichten 19. . . 2) Siehe später das Kapitel: Der Pfeiferhans von Niklashausen. 3) De arte impressoria, Ende.
„gegen den Luxus der hoffärtigen Kleider, goldenen Halsgeschmeide, seidenen Gewänder und spitzigen Schnabelschuhe.“ — Nicht nur die vornehmen Herren und städtischen Würdeträger, sondern selbst ge— wöhnliche Bürger trugen Perlen auf ihren Hüten, an ihren Wämsen, Hosen, Röcken und Mänteln, goldene Ringe an den Fingern, mit Silber beschlagene Gürtel, Messer und Schwerter, selbst Gürtel von reinem Gold oder Silber; ihre Kleider waren mit Silber und Gold gestickt, die Stoffe von Sammt, Damascat (Damast) oder Atlas.!)
Gegen den übertriebenen Luxus gab der Magistrat von Regensburg 1485 folgende interessante Verordnung?), die den Reichthum mehr kennzeichnet und beweist als alle Worte: „Den vornehmen Bürgersfrauen und Jungfrauen sei erlaubt: 8 Röcke, 6 lange Mäntel, 3 Tanzkleider und einen geflügelten Rock mit nicht mehr als 3 Aermeln von Sammet, Damascat oder anderer Seiden; 2 Haargebinde von Perlen zu je 12 Gulden an Wert;), ein Kränz— lein von Gold und Perlen, doch nicht über 5 Gulden; Schleier je einen, nicht über 8 Gulden und nicht als 3 Schleier für eine Person, auch zur Leiste in keinen mehr eingewirkt als eine Unze (= 2 Lot) Goldes; seidene Fransen an den Kleidern, aber keine Fransen von Perlen oder Gold, ein Goller (Collier, Halsband) von Perlen aber nicht über 5 Gulden an Wert; eine Perlenbrust nicht über 12 Gulden an Wert; ein Breis von 2 Reihen Perlen um den Aermel, das Loth zu 5 Gulden; ein golden Kettlein mit Gehäng zu 15, ein Halsband zu 20 Gulden; außer dem Braut- oder Ehering keine andere Ringe über 24 Gulden an Preis; Paternoster (g Rosenkranz) 3 oder 4, aber nicht über 10 Gulden; Gürtel von Seide odergoldenen Börtlein nicht mehr als drei.“ — Diese Verordnung galt zunächst freilich für die Stadt Regensburg; dass die Verhält— nisse in Bischofsheim, das überall dabei war und mitmachte, ähnlich oder doch nicht sehr verschieden waren, geht daraus hervor, wie der Pfeiferhans in Niklashausen gegen den übertriebeuen Luxus eiferte. Auch der berühmte Prediger Geiler von Kaisersberg tadelte diesen Aufwand, „denn manche Bürgers— frau trage an Kleidern und Kleinodien auf ein mal über 300 oder 400 Gulden an Wert, und habe in ihren Schränken zu ihrem Körperschmuck oft für mehr als 3000 Gulden. — Das waren ungeheure Summen nach dem Geldwert der damaligen Zeit.“)
Das Alles ist durch die Verheerung des Bauernkriegs (1525) arg verschlechtert worden. Der 30jährige Krieg brachte aber nicht nur über unser Frankenland, sondern über das ganze deutsche Reich eine so totale Verarmung, dass heutzutage solche Verordnungen, wie die obige, nicht mehr nötig sind.
1) Janssen Gesch. des deutschen Volkes 1. — 2) Gemeiner, Chronik III 679—684 * Für 12 Gulden konnte man aber damals drei fette Ochsen kaufen! Vergl. Janssen J. e. Siehe oben S. 76 — ) Vergl. Maurer, Städte⸗ verfassung III. 81—86.
#V. Die Stadt und der Amtsbezirk im Bauernkrieg 1525.
#1. Die Ursachen des Bauernkriegs.
Das Jahr 1525 gilt mit Recht als ein Unglücksjahr für die Stadt Bischofsheim wie für das ganze Frankenland; es brach nämlich in diesem Jahre der Bauernkrieg los, der mit erbitterter Heftigkeit „und unmenschlicher Furchtbarkeit“ geführt wurde. Auch Bischofs— heim spielte darin seine Rolle. Die Stadt hatte sich frühzeitig auf die Seite der Bauern gestellt; und den von Wertheim und Niklas— hausen bis Rothenburg an der Tauber hin- und herziehenden Bauern— scharen lag es so am Weg, dass nicht nur die Stadt, sondern alle Felder ober- und unterhalb derselben Lagerplätze und Schlachtfelder wurden und die Stadt viel unter dem Kriegsgetümmel zu leiden hatte.
Fragen wir nach den Ursachen des verheerenden Krieges, so sind das mehrere und zwar wirtschaftliche, politische und religiöse.
a) Wirtschaftliche Gründe. Der Reichtum?) hatte zu einer maßlosen Ueppigkeit und Genußsucht geführt; diese wurden ein „fressend Gift in Stadt und Land, unter Edlen und Unedlen, Handwerkern und Bauern. Alle ernsten Beobachter der Zeit betrachten den wachsenden Luxus, die Genußsucht, die in offenen Tabernen (Wirtschaften) und auf Festen und Banketten oft wahrhaft viehmäßige Trunkenheit und Schwelgerei als das allen Ständen hoch und niedrig eigentümliche mit jedem Jahr bösere Uebel, aus der Unzufriedenheit mit dem angeborenen Stand, Uebervorteilung des Nebenmenschen, Neid, Haß, Ungehorsam, Aufruhr und Empörung hervorgehen müssen“ ). Die niederen Stände suchten es den höheren gleich zu tun; „darum lernten die „Jungen
schon Müßiggang, Unmäßigkeit und andere Laster“ und die Folge davon war eine erschreckende Verarmung breiter Volksschichten.
Mit dem zunehmenden Luxus aller Stände in Nahrung und Kleidung bildete sich ein maßloser Großwucher durch die zahlreichen Aufkaufs- und
1) Selbstverständlich erzählen wir hier nicht den Verlauf des Krieges in ganz Deutschland, sondern nur soweit er die Stadt Tauberbischofsheim und den Amtsbezirk berührt. — Die hier berichteten Tatsachen stützen sich vor⸗ nehmlich auf die Beschreibung des Zeitgenossen Lorenz Fries, welcher im Jahr 1525 Sekretär des Bischofs von Würzburg war und das weitläufige, aber interessante Werk: „Geschichte des Bauernkriegs in Ostfranken“ geschrieben hat. Es ist ganz mit dem buchstäblichen altertümlichen Wortlaut des Originals gedruckt in der Thein'schen Druckerei zu Würzburg 1883.
2) Siehe Seite 76.
3) Janssen, Gesch. d. deutsch. Volkes II. 413.
Handelsgesellschaften, welche dem „armen Mann“ auf dem Land die Bodenerzeugnisse zu den niedrigsten Preisen abdrückten, die Nahrungsbedürf— nisse in großen Massen aufhäuften und eine künstliche Teurung erhielten, während das Geld von Jahr zu Jahr im Werte sank, die Arbeitslöhne aber nicht erhöht, sondern verringert wurden.“
Dazu kam noch die allgemeine Betrügerei und Übervorteilung durch alle Stände; das Landvolk war zum großen Teil allmählich in die Leibeigen— schaft der Fürsten geraten, musste Steuern und Abgaben aller Art, Land— schatzungen und Vogtsteuern, Lehen- und Bodenzinse, Todesfall- und Erbschatz— gebühren, Kauf- und Sterbdrittel entrichten, Frohndienste leisten durch Feld und Wald und geriet so in Armut und Schulden.
Dazu kam der Übelstand häufiger Verpfändungen, indem die Bauern— schaften gleich den Städten als Unterpfandstücke für die Schulden ihrer Herren dienen mussten; so gingen sie von dem einen Besitz in den andern über, was oft genug mit vielen Belästigungen, Einbußen und Bedrückungen verbunden war, so dass manche Gemeinde, trotz ihrer sonstigen Not, den letzten Heller aufbot, um sich zu Gunsten ihres Herrn aus den verhassten Händen seiner Schuldgläubiger loszukaufen.
All dem suchte man abzuhelfen durch eine großartige Revolution. Wenige Aufständische waren, die nur ihr altes Recht an den Gemeindegütern, ihr altes Gericht und Erleichterung der Bürden verlangten; „mehr wollten nicht mehr dienen und Herren sein; weitaus die allermeisten aber wollten Alles teilen, Geld und Gut, Felder, Wiesen und Wälder mit den Reichen gemein haben.“!)
b) Religiöse Gründe. Seit Beginn der religiösen Neuerungen 1517 wurde alle angestammte kirchliche Autorität planmäßig untergraben. Der gesamte Klerus, vom Papst angefangen bis zum letzten Mönch, sowie jede Vorschrift und fromme Übung der Kirche wurde in der rohesten Weise be— schimpft und verhöhnt; in den Trinkstuben, in den Bädern, auf dem Markte, auf freiem Feld zogen zahlreiche Leute los gegen die Pfaffen, „die Diener Luzifers, des höllischen Drachen“ 2). In tausenden der blutigsten Brand- und Lästerschriften, die von den Neuerern unter das Volk geschleudert wurden, suchte man den frommen Christenglauben zu zerstören und dem Volk begreiflich zu machen, dass es seit vielen Jahrhunderten von den geistlichen Obern ab— sichtlich irregeführt worden sei; so kam man notwendig bald dahin, auch die gesamte weltliche, mit der kirchlichen damals verwachsene Ordnung als eine, auf bewußte Ausbeutung der niederen Volksklassen abzielende, zu verschreien und deren Umsturz als Gebot göttlicher Gerechtigkeit zu verlangen.)
c) Politische Gründe. Mit der religiösen Autorität war auch die weltliche untergraben und unhaltbar gemacht; darum erschienen tausende von
1) Janssen II I. o.
2) Auszüge aus Pred. u. Flugschriften b. Hagen 2. u. Bauer Deutschl. in 1517-25.
3) Janssen 1. c.
Flugblättern „zur Abschaffung der Obrigkeit“, darunter ein anonymer Aufruf: „an die Versammlung gemeiner Bauernschaft“, von dem Janssen !) sagt, dass er zu den furchtbarsten revolutionären Flugschriften gehöre, die jemals in Deutsch— land erschienen sind.
Unter solchen Umständen war es keineswegs zu verwundern, dass eine weitgehende Unzufriedenheit, ein dumpfer Unmut weithin in deutschen Landen und nicht zum wenigsten in Bischofsheim und in allen Ortschaften des Taubergaues wie Feuer unter der Asche glimmte. Es brauchte nur einen Windstoß, dass die Flamme der Empörung mächtig zum Himmel aufschlug. ö
#2. Das Vorspiel in Niklashausen.
Schon im Jahr 1494 singt Sebastian Brant in seinem „Narren⸗
schiff“, einem Spottgedicht über die Thorheiten seiner Zeit: Von der Kapelle und der Klusen des Sackpfeifers zu Niklashusen.
Zwischen Bischofsheim und Wertheim, oberhalb Gamburgs liegt am rechten Ufer der Tauber das Dörflein Niklashausen, das heute noch ein reizendes, gotisches Kirchlein besitzt; dort war eine viel besuchte Wallfahrt zu einem Bild der hl. Jungfrau, bei dem aus Bischofsheim wie aus allen Tauberorten „sich in den be— trübten armseligen Zeiten viele Pilger einfanden.“
Im Jahr 1476 erhielt diese Wallfahrt aber eine ganz neue Richtung. Es erschien ein armer Hirtenjunge aus dem Ort Helm— stadt, namens Johann Böhm (auch Böhaimb); da er mit einer Sackpfeife und einer kleinen Handtrommel sich den kärglichen Lebens— unterhalt erwarb, hieß er der Pauker oder der Pfeiferhänsle.
Am Sonntag Lätare (4. Fastensonntag) 1476 war die Wall⸗ fahrt besonders stark besucht; da machte er vor der Kirche ein Feuer an, verbrannte Pauke und Pfeife und erklärte, ihm sei die Mutter Gottes erschienen und habe ihm befohlen, von nun an statt zu üppigen Tänzen aufzuspielen, den Leuten zu predigen, sie sollten alle Hoffart, goldenen Schmuck, seidene Kleider und Bänder, Schnabel⸗ schuhe u. s. w. ablegen, nach Niklashausen wallfahrten und dort um Vergebung der Sünden beten.
1) J. c. II. S. 453, wo auch ein großer Teil dieses äußerst wilden und aufreizenden Flugblattes abgedruckt ist.
Ferner solle er predigen, es dürfe kein Kaiser, kein Papst, keine weltliche oder geistliche Herrschaft, keine Leibeigenschaft, Frohn, Steuer, Zehnt und Zollstätte mehr sein; jeder dürfe frei jagen und fischen. Wie man sieht, waren religiöse, politische und wirtschaftliche (sociale) Fragen, Wahrheiten und hussitische Irrtümer mit einander gemengt; da er bei der allgemeinen Unzufriedenheit das mit großer Begeisterung über die wirtschaftlichen Notstände aussprach, was Alle insgeheim dachten, fand er einen unerhörten Zulauf. Nicht nur aus dem Taubertal, sondern auch von der Jaxt, vom Kocher, vom Main, aus dem Bauland und dem Odenwald strömten Wallfahrer herbei, um den neuen Propheten zu sehen und zu hören, so dass trotz der damals mangelhaften Verkehrsmittel an manchen Tagen 30—40,000 Pilger und Neugierige seinen Worten lauschten. Land- und Stadtgemeinden sandten durch eigene Abgeordnete Ehrengaben; die einzelnen Wallfahrer brachten Wachskerzen, Gold- und Silbermünzen; und wer keinen Zehrpfennig besaß, wurde auf den bloßen Gruß als „Bruder“ oder „Schwester“ in den Dörfern unterwegs unentgeltlich bewirtet oder auch als Gast von den Gefährten erhalten.
Der Pfeiferhans predigte alle Sonn- und Feiertage und an Wochentagen, so oft eine größere Anzahl Pilger es erwartete. Dabei stand er auf einer umgestürzten Weinkufe, während hinter ihm ein Hussite (der von manchen als der Ortspfarrer angesehen wird) ihm Worte zuflüsterte.[S083-1] Heute noch erinnern die „Marketendergärten“ in Niklashausen an den Platz, auf dem zahlreiche Wirte und Krämer mit ihren Buden die Bedürfnisse der Wallfahrer besorgten.
So ging es bis Juli 1476; am 13. gebot der Pauker von seiner Kufe herab, auf den Margarethentag (20. Juli) solle die ganze Mannschaft wohlbewaffnet, aber ohne Weiber und Kinder sich wieder einfinden; er werde dann nur drei Worte sprechen.
Der Fürstbischof von Würzburg, Rudolf II., Ritter v. Scherenberg, hatte anfangs durch gütige Belehrung und Ermahnung das bedenkliche Treiben zu Niklashausen zu beseitigen gesucht; als er
aber den Waffenruf des Paukers „auf den nächsten Samstag“ erfuhr und wohl nicht mit Unrecht vermutete, es werde die (später im Bauernkrieg aus dem Heerlager von Markolsheim ausgegebene) Losung sein, „Auf nach Würzburg“, schickte in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag eine Reiterschar aus dem westlichen Festungsthor Würzburgs mit dem Auftrag, den Pauker noch vor Tagesanbruch im Bett zu ergreifen, ihn auf ein mitgeführtes, lediges Pferd zu binden und ihn auf dem kürzesten Wege nach der würzburger Feste zu bringen. Unbemerkt kamen die Reiter in das Dorf und hatten den Pfeiferhans schon auf ihren flinken Rossen, als durch den Hufschlag mehrere Nachbaren und Wallfahrer erwachten; letztere zählten im ganzen in jener Nacht nicht weniger als 4000; doch waren sie nicht bewaffnet, weil die Bewaffneten erst am folgenden Tag kommen sollten. Allein die Reiter führten so scharfe Hiebe und verschwanden so schnell wieder, dass nur eines ihrer Pferde einen Heugabelstich erhielt.
Richtig kamen am folgenden Tage etwa 30,000 bewaffnete Männer aus dem ganzen Taubergau und waren über die Gefangennahme des „Propheten“ nicht wenig erstaunt; die meisten verliefen sich; etwa 10,000 blieben noch zurück; diesen beteuerte ein Bauer lügenhaft: es habe ihm die hl. Dreifaltigkeit in letzter Nacht geoffenbart, man solle mit brennenden Wachskerzen vor das Thor der würzburger Feste ziehen, diese werde von selbst aufspringen und den Gefangenen herauslassen. Merkwürdigerweise glaubten die 10,000 dieser fabelhaften Prophezeihung, wählten die beiden Ritter von Thunfeld, Vater und Sohn, zu Hauptleuten, verteilten die im Kirchlein noch vorhandenen 400 Kerzen unter die Vorhut und marschierten gen Würzburg. Vor Sonnenuntergang lagerten sie dicht vor dem Liebfrauenberg auf der höchberger Landstraße.
Der Fürstbischof hatte die Bauern erwartet, das Wallgeschütz laden und alle gegen einen etwaigen Angriff nötigen Vorkehrungen treffen lassen. Der bischöfliche Marschall Gebsattel, aus dem oberen Taubergrund, erschien und fragte die vordersten Reihen nach ihrem Begehren: „Herausgabe des heiligen Jünglings oder Sturm“! schrien die Bauern und warfen nach ihm mit Steinen, dass der Marschall sich eiligst aus dem Staub machte. Mehr Ansehen als Gebsattel hatte der zweite Parlamentär des Bischofs, Konrad v.
Hutten, der nun vor dem Thor erschien und die Menge warnte, mutwillig mit ihrem Leben zu spielen; sie sollen sofort nach Hause gehen; der Pfeiferhans könne nicht freigelassen, sondern müsse nach Recht und Urteil bestraft werden. Viele Bauern aus dem Main- und Taubergrund kehrten um; da einige zögerten, machte die bischöfliche Reiterei einen Ausfall, wobei 12 Bauern das Leben einbüßten; andere hatten sich in die Kirche zu Waldbüttelbrunn geflüchtet, wo sie ergriffen und in das Gefängnis des Liebfrauenberges abgeführt wurden. Bischof Rudolf ließ sie Urfehde (Verzicht auf Rache für erlittene Feindschaft) schwören und dann nach Haus gehen; nur zwei behielt man: den Bauer, der bei des Paukers Verhaftung das Reitpferd gestochen und denjenigen, der die Erscheinung der hl. Dreifaltigkeit gehabt zu haben vorgab.
Beide wurden auf dem Schottenanger, an dem noch bis in die neuere Zeit mitten im Weg stehenden Rundstein enthauptet. Der Pfeiferhans wurde an derselben Stelle verbrannt, nachdem er ein Marienlied gesungen und ein dreimaliges Wehegeschrei ausgestoßen hatte.[S085-1]
Immer noch hatte der Pfeifenhans großen Anhang; viele ließen es sich nicht nehmen, in allerlei Verkleidungen der Hinrichtung zuzusehen, und erwarteten nichts Anderes, als dass die angefachte Flamme nicht ihren Heiligen, sondern dessen Henker und Richter verzehren würde.
Von den vielen adeligen Gönnern des Pfeifers wurde keiner gestraft; nur die Ritter von Thunfeld mussten ihre Güter in Oberschwarzach am Steigerwald dem Hochstift Würzburg lehenspflichtig machen.
Doch war dies nur ein mattes Vorspiel von dem, was 50 Jahre später im Bauernkrieg geschehen sollte.
#3. Weitere Schicksale der alten Wallfahrtskirche und des Gnadenbildes der hl. Mutter Gottes zu Niklashausen.
Die Kirche zu Niklashausen wurde durch den Bischof von Würzburg mit dem Interdikt belegt, d. h. es durfte kein Gottesdienst mehr darin gehalten werden, und Alle wurden mit dem Bann be-
droht, die dahin wallfahrten würden; so hörte mit Neujahr 1477 das Wallfahren nach Niklashausen auf.
Die Kirche sollte sogar auf Befehl des Bischofs niedergerissen werden, doch wurde am 10. Okt. 1477 dieser Befehl auf Bitte der Gemeinde und ihrer Fürsprecher zurückgenommen; indes das Interdikt blieb noch längere Zeit in Kraft, bis es gleichfalls aufgehoben wurde.
Das Gnadenbild ist spurlos verschwunden; vielleicht ist es in den folgenden Wirren der Glaubensneuerung und des Bauernkriegs zerstört worden; doch ist dies nirgends gemeldet, und wäre es nicht unmöglich, dass es sich wieder vorfände.
Über die alte Wallfahrtskirche, deren Geschichte noch heute höchst interessant ist, wegen der ehrwürdigen Muttergotteswallfahrt, wegen der Pfeiferhans-Geschichte, die sich daran knüpft und wegen der merkwürdigen Bauart ihrer Nachfolgerin, findet sich folgender Bericht in einer Inschrift am Chor der Kirche.
Am 16. Juli 1518 erlaubte der Erzbischof von Mainz, in dessen Diözese damals die Kirche gehörte, auf Bitte der armen Gemeinde von Niklashausen für die baufällig gewordene, wahrscheinlich romanische Kirche eine Kollekte in der Diözese Mainz und verkündete einen Ablaß für die Beisteuer zu einem Neubau.
1519 wurde der Grundstein zu diesem Neubau gelegt, das bezeugt der Grabstein des 1. Baumeisters: Anno Dmi 1519 uf Montag nach Maria gepurt ist entleupt worden der erbar und vest phillip eucharius von Stetenberg, dem got genad amen und ist anhebender baumeister diss hauss. hat auch den ersten stein helfen legen.
Um den Ablaß zu gewinnen, kamen viele Steinmetzen, manche der berühmtesten aus weiter Ferne, und arbeiteten um Gotteslohn an dem Bau. — Heute noch tragen fast alle Quader der Strebepfeiler am Langhaus wie am Chor höchst interessante Steinmetzzeichen.
Das Langhaus kam noch unter Dach, aber der schöne Chor nur bis zur Wölbung und der Turm bis zum 2. Stock; so blieb der Bau nun 300 Jahre lang; die Gemeinde war frühzeitig durch die Grafen von Wertheim dem Protestantismus zugeführt worden und hatte kein Interesse mehr an dem herrlichen Chor. Man schloss den Chorbogen mit einer Lehmwand, machte aber dadurch die Kirche so dunkel, dass von 1627—1850 die nach einander angestellten 21
protestantischen Geistlichen wiederholt daran dachten, Chor und Turm abzubrechen; doch ließ man es glücklicherweise beim Alten.
1850 wurde durch milde und Staatsbeiträge ermöglicht, den Chorabschluß zu entfernen, den Chor zu wölben und den Turm um ein Stockwerk zu erhöhen.
#4. Die Versammlung in Unterschüpf.
Die allgemeine Unzufriedenheit war durch das Auftreten der „Reformatoren“ seit 1517 nicht wenig geschürt worden; eine Menge Flug- und Brandschriften überschwemmte das Taubertal und vermengten die religiöse Bewegung mit den wirtschaftlichen (socialen) Interessen; öffentlich und im geheimen redeten Hoch und Nieder über das neue Reich der Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe und machte Pläne zu dessen Verwirklichung.
Als man in Rothenburg erfuhr, die Bauern im Allgäu hätten sich gegen die österreichische Regierung empört, ein Bündnis mit der Stadt Kempten geschlossen und am 5. März 1525 einen allgemeinen Bundestag abgehalten, erhoben sich die Bauern und Handwerker in einer ganzen Reihe Ortschaften der oberen Tauber. „Am Freitag nach Okuli (24. März) meldete der Amtmann Georg von Rosenberg dem Bischof von Würzburg, daß die Rotenburger Bauern sich gegen ihre Obrigkeit zusammen rottieren, es wäre ihre Absicht, keinen Herrn mehr zu haben, sich der Zehnt, Steuern, Gült, Zölle, Handlon, Besthaupt, Zins, Frohne und Diensten zu entledigen,[S087-1]“ — „auch daß sie in kürze nach Würzburg kommen, die Pfaffen, Mönche und Nonnen daselbst verjagen und ihre Güter einnehmen wollen“. Am 26. März, der auf einen Sonntag fiel, brach der Aufstand auch an der mittleren Tauber los.
Einer der ersten, die zur neuen Lehre Luthers übertraten, war der ehemalige würzburger Augustiner, P. Ambrosius Süß, der um diese Zeit die Pfarrei Waldmannshofen verwaltete. Es war in der ganzen Gegend bekannt geworden, er werde am genannten Tage in der Kirche zu Unterschüpf über die Rechte des Bauernstandes predigen. Das war zu interessant, als dass nicht eine große Anzahl Bauern aus allen Ortschaften der mittleren Taubergegend sich hätten einfinden sollen; manche der Erschienenen aber, wie Georg Metzler,
Wirt zu Ballenberg, wußten schon mehr als der große Haufe und kamen mit noch weitergehenden Plänen als denen der Neugierde. Er war schon lang mit den Häuptern des Aufstandes an der oberen Tauber bekannt und in deren Absichten eingeweiht; seit geraumer Zeit hatte er die Besucher seiner Wirtschaft auf die großen Dinge aufmerksam gemacht, die nächstens kommen würden und in möglichst vielen Ortschaften Anhänger geworben. Einen Teil derselben versammelte er an jenem Sonntag früh in Oberschüpf, wo er den Bundschuh, das Zeichen der aufständischen Bauern, auf das fürstbischöflich würzburgische Amthaus aufpflanzte; dann marschierte man mit Trommel und Fahne nach Unterschüpf, wo die ganze männliche Einwohnerschaft ebenfalls in Reihe und Glied unter Anführung des Adam Hofmann den Zug erwartete. Der Augustiner predigte über die Bedrückung des Bauernstandes und der Handwerker und forderte die Zuhörer auf, das Beispiel der freien Schweizer nachzuahmen, das unerträgliche Joch abzuschütteln und in den Bund „der neuen evangelischen Lehre einzutreten.“
#5. Die Ausdehnung des Aufstandes im Taubertal.
Die Predigt hatte gezündet wie ein Feuerfunken im Pulverfaß; in allen Ortschaften des Taubertales besprach man schon am 2. Tag das Ereignis, und ganze Haufen bewaffneter Scharen schwärmten bienenartig von der Brehm und Grün, der Balbach, Schüpf und Umpfer und den übrigen Tauberbächen nach Mergentheim, wohin schon am Sonntag, 2. April, Metzler die von der Jaxt, Seckach, Kirnau und dem Kocher herbeigeströmten Schwärme versammelt hatte; von ihren Leinwand-Kitteln nannte man sie den „hellen Haufen“. In Mergentheim vereinigten sie sich mit den dortigen „evangelischen Brüdern“, die von Büttner, Hasenbart, Kolbenschlag und Morstatt geführt wurden und dem Deutschherrenorden daselbst ihre Unterthanentreue aufkündigten.
Gleichzeitig, während dies an der mittleren Tauber geschah, rissen die Bauern in Rothenburg, an der oberen Tauber, die Herrschaft an sich; nach ihrer Kleidung hießen sie die schwarze Schar und wurden von dem Ritter Florian Geyer mit den Leutnanten Vogel, Ickelsheimer und Wölkner angeführt; ihnen hatten sich teils aus Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen, teils aus
Kriegs- und Beutelust viele Reisige der benachbarten Burgen in vollständiger Rüstung angeschlossen und sich auf die so ziemlich in ganz Deutschland von allen Bauernbündnissen angenommenen 12 Bundesartikel verpflichten lassen.[S089-1] Man zog sofort nach dem Kloster Schäftersheim, das 1162 vom rothenburger Grafen Friedrich erbaut und 1172 von Kaiser Friedrich Barbarossa mit einem Gnadenbrief beschenkt worden war; die reiche Abtei mit ihren Vorräten an Lebensmitteln wurde geplündert, die armen Nonnen mussten nach „ausgestandenem Mutwillen und Kurzweil“ fliehen und zusehen, wie die Rauch- und Feuersäulen den Untergang ihres Gotteshauses verkündeten.
Im Lager zu Schäftersheim vereinigten sich die aufständischen Bauern aus dem oberen und mittleren Taubertal und nun marschierte man gegen das Kloster Schöntal, wo sich am 4. April die Schandthaten von Schäftersheim wiederholten, doch wurde das Kloster nicht ganz niedergebrannt.
#6. Die Zuchtlosigkeit der Aufständischen; die Belagerung von Tauberbischofsheim.
„Nun waren die Bauern darauf bedacht, die Tauber hinab — gen Bischofsheim zu ziehen und das Bundisch geschütz, so daselbst steht, zu ihren Handen zu pringen[S089-2]“. Wie es bei diesem Zug unterwegs herging, berichtet der Augenzeuge, Sekretär Fries: „Da die Obrigkeit den Bauern dermaßen zusah, mehrte sich der Haufen täglich; es ward ihnen auch der Mut je länger desto größer; wohin sie kamen, fielen sie in die Klöster, Pfaffenhäuser, der Obrigkeit Kasten und Keller, schlempten und dempten, so lang was da war; und sonderlich gefiel ihnen diese neue Bruderschaft wohl, daß sie zu
essen, zechen und trinken hätten und Nichts dafür zu geben durften. Trunkener, voller, ungeschickter Leute hat man kaum mehr bey einander gesehen die Zeit dieser Entpörung durchaus, also dass ich nit wissen mag, ob solche der Bauern Handlung, wenn sie sich nur vor dem Brand und Blutvergießen entalten hetten, ain Vastnachtspiel oder ain krieg genennt werden mögte — — und ob man es mehr ain Bauernkrieg oder Weinkrieg nennen sollte.“ —
Die Bauern wollten das Geschütz von Bischofsheim mit Gewalt holen und die Einwohner zwingen, sich ihnen anzuschließen; so sehr aber die Bischofsheimer auch dazu geneigt waren, und so sehr sie auch später die Bauernsache verfochten, — zwingen ließ sie sich nicht; die Bauern verlegten sich nun auf eine regelrechte Belagerung der Stadt. Aber die Stadtmauern waren fest, die Verteidigung in gutem Stand, und da die Angreifer nur kleine Geschütze, aber „kein Mauerbrechiges Geschütz“ mit sich führten, richteten die Aufständischen Nichts aus und mussten ohne Erfolg wieder abziehen.[S090-1]
#7. Das Schloss zu Oberlauda.
Bei der Taufkapelle der Pfarrkirche zu Tauberbischofsheim steht ein prächtiges Grabdenkmal der Familie von Riedern aus dem Jahr 1623, die in der Stadt ansässig und begütert war. 1525 war Ritter Philipp v. Riedern fürstbischöflich würzburgischer Amtmann in Lauda und Burgvogt des ½ Stunde weiter westlich gelegenen Schlosses Oberlauda. Am Charfreitag, 14. April, in aller Frühe kamen die Bauern vor Lauda, wo der Amtmann sich eben mit Siegmund von Zobel und Erasmus von Fechenbach aufhielt. Da die Stadt schon Miene machte, den Bauern die Tore zu öffnen und sie als Freunde zu empfangen, warfen die drei Ritter sich auf ihre Pferde und sprengten nach Oberlauda, wo man in dem wohlbefestigten Schloss mit der tapfern Besatzung besseren Widerstand leisten konnte. Die Bauern eilten ihnen aber auf dem Fuße nach; schon morgens 8 Uhr verlangten sie die Übergabe des Schlosses; da diese nicht erfolgte, schleuderten sie Feuerbrände in das Gebäude und zündeten es an; auch das Holzdach des massiven Turmes, in welchen sich die Ritter zurückgezogen hatten, fing Feuer; trotzdem ergaben sich die Tapferen nicht; sie schossen
aus den Schießscharten des Erdgeschosses und fügten den Angreifern großen Schaden zu. Über den weiteren Verlauf berichtet der Augenzeuge des Bauernkriegs Lorenz Fries[S091-1]: Da alles Holzwerk des ganzen Turmes ausbrannte, ward es auch bei den Bauern für ein besonder groß Wunder geacht, wie es doch möglich war, dass sie unten im Turm nicht erstickten, da sie die ganze Nacht darin lagen und Feuers halber nicht heraus, noch die Bauern zu ihnen hinein kommen mochten.
Aber auf den andern Tag, den Osterabend, am 15. April, da sie keine Rettung sahen, schrieen sie zu den Bauern um Gnade. Die wollten ihnen aber nicht willfahren, sondern es nahmen die Bauern, was sie im Schloss fanden, zogen des Amtmanns Frau und ihre Kinder ganz aus bis auf die Hemden und stießen sie barfuß und barhaupt hinweg in das Elend, nahmen auch alle übrigen, die sie noch im Schloss fanden, banden ihnen die Hände auf den Rücken und führten sie nach Lauda vor die Hauptleute in das Lager.
Den Bauern folgte die betrübte Frau mit ihren kleinen Kindern nach, kam vor die Hauptleute, bat sie „um Gotteswillen mit großem Klagen und Weinen, daß sie ihren und ihrer Kinder Hauswirt und Vater ledig lassen und heimgeben; dann wollte sie alles andere gern verschmerzen.“ Aber die unbarmherzigen Bauern wollten das nicht tun, sondern der ganze Haufen schrie und begehrte endlich, dass man sie durch die Spieße jagen solle. — Das geschah am nördlichen Ende von Lauda, dort wo jetzt noch ein 1515 errichteter Bildstock mit dem Bild des Nährvaters Joseph steht. Dagegen waren nur die Hauptleute und besonders der Büchsenmacher Kunz Bayr, der eben von Bischofsheim zurückkam, wohin man ihn geschickt hatte, um die dortigen Wall-Büchsen zu holen. Die Hauptleute beantragten, wenn sich die Gefangenen mit ihnen verbrüdern, sollte man sie auf Urfehde freilassen.
Als aber solches von dem großen Haufen nicht angenommen werden sollte, trat Kunz Bayr hervor und redete zu der Versammlung folgendermaßen:
„Es were nit on, dise gefangenen leute hetten wider ir christlich versammlung gehandelt und sich also schwer vergessen, derwegen sie wol straf verdient heten. Das sie aber mit dem leben solten gestraft werden, darzu konte er keineswegs raten; dan (denn) sie bekenten, das sie geirret, wolten
auch diese christlich ainigung gern annemen. so sehen sie hier die bekumert arme fraue, die unerzogene, klaine, unschuldige kindlein, welche umb ires hauswirts und vaters erledigung durch gots willen cläglich schrihen und wainten. ob sie hierin das erbieten der gefangenen nit annemen wolten, solten sie doch den jammer und elend der betrubten Frauen und kinder zu herzen furen und nit so schnel sein, diejenigen umzupringen, die der almechtig got in dem feur und hitze sonderlich behutt hette; dann wann sein gotlich gnad die nit wunderbarlich in diser prunst erhalten hette, wisten on zweyfel alle wol, das es nit moglich gewest, das sie lebendig pliben sein mogten. Dieweil ihnen dan got das leben gegont hette, was wolten sie sich dan zeyhen (verziehen, besinnen), das sie inen das nemen wolten. Darumb, welcher unter inen den armen gefangenen das gonen wolte, der solte ain Finger ufrecken.“[S092-1]
„Also ward, daß man sie leben lassen sollte, durch Kunz Bayr zuwegen gebracht.“ Am folgenden Tag wurden die armen Gefangenen gebunden mit gen Markolsheim geführt, wo die Bauern ihr Lager geschlagen hatten.
Wiewohl aber die Versammlung sie des Lebens versicherte, waren doch „vil unruige, arge und ungeschickte tolpel im Haufen. als balt die gezecht hatten, wie sie dann sunst nichts anders thetten, liefen sie über die gefangenen, zupften, stießen, hönten und schmäheten sie so übel, das sie lieber erlich tot dann also lebendig gewesen.“ Da aber die Hauptleute sahen, dass sie es zu arg zu machen wollten, und befürchteten, wenn man noch länger zusehen würde, könnten die Gefangenen darunter zugrunde gehen, ließen sie diese auf einen Wagen binden und nach Mergentheim führen, wo sie in den Turm gelegt und bis an den Pfingsttag (4. Juni) gehalten wurden.
Die arme Frau, die gern ihren Mann los gemacht, lief den Hauptleuten nach mit Weinen und Flehen, konnte aber keine andere Antwort erhalten, als
„sie solte ihrem Bischofe zu Wirtzburg, in des Dienst ihr Man gefangen worden, schreyben, das er zu den bauern in ir christlich ainigung trette und ain Bruder mit inen wurt. so das geschehe, solte ir der man und das genommen gut wider zugestelt werden, wa nit, dorft sie sich kainer gnad zu inen versehen, sonder wolten sie iren man zu ainem unterpfand bey inen behalten.“
Das Alles schrieb die Frau dem Bischof und bat,
„das er sie, ire kinder und sonderlich iren man, der seinethalben in dise not kommen were, gnediglich zu bedenken und bey der versamlung zum besten handeln wolte, damit gnad erlangt und die gefangenen bey leben gelasen wurden.“
Darauf gab der Bischof folgende Antwort:
„Wir haben eur schreyben, wes die ufrurigen bauern gegen unsern lieben getreuen Philipsen von Riedern, euch und andere in unserm floß Lauden fürgenommen, seines inhaltes mit besonderm gnedigen mitleide vernomen. und habt euch on zweyvel selbst überzeugt, das uns zu inen, der Bauern zu tretten und dermaßen mit inen zu handeln, nit gepuren oder gelegen sein will. so achten wir auch: daß sie uns weder zu lieb noch zu laid nichts anders hierin fürnemen, dann (als) was der rechten kriegsleut art, sit und gewohnheit ist, sonder wollen uns versehen, wa (ob) sie christen und gut evangelisch sein, wie sie sich (dessen) berumen, das sie dermaßen gegen gefangene nit handlen sollen. wa (wenn) sie darüber, des wir uns doch nit versehen (wie wir nicht erwarten), gegen inen nichts ungebürliches fürnemen, und sich zutragen, das wir etliche aus inen fangen, wolten wir es gein denselbigen dergestalt auch halten. Datum, montags nach Ostern 17. April 1525.“
Dazu macht der Sekretär des Bischofs von Würzburg folgende Bemerkung:
„Dise Antwort ist bedechtlich also von dem Bischowe gestelt worden, nit allain der Frauen, sondern mehr der Bauern halber, uf das sie sich (wa inen der Brief gewiesen) taraus erinern solten, was inen, in solchem (Fall) zu thun, wol anstünde.“ —
„Es ist nun gleich den Reitern zu Au geschrieben und befohlen worden, mit Fleiß zu achten, ob sie jemand aus den Bauern fangen möchten, um die Ritter dagegen auswechseln zu können“; das geschah aber nicht, und die Gefangenen mussten zu Mergentheim im Turm liegen bis nach der Schlacht von Königshofen.
#8. Die Blutthat zu Weinsberg.[S093-1]
Am nämlichen Charfreitag 1525, an dem das Schloss zu Oberlauda unterging, rückte das Bauernheer vor das württembergische Städtchen Weinsberg, welches von dem tapfern Grafen Helferich von Helfenstein mannhaft verteidigt wurde; Metzler und Jäcklein Rohrbach stürmten gegen das untere Thor, während Florian Geyer mit einem Teil seiner schwarzen Schaar die aus der Hohenstauferzeit berühmte Feste Weibertreu erstieg, deren Verteidiger erschlug und in die innere Stadt eindrang; die Adeligen ahnten, was ihnen bevorstand, warfen sich auf die Pferde und suchten in rasender Eile durch das obere Thor zu entkommen; aber die Bürger verrammelten das Thor, da sie, wie die Chronik schreibt, „die Zeche nicht allein zahlen“ wollten.
Geyer ließ ausrufen, wer von den Bürgern nicht das Los der Ritterschaft teilen wollen, solle augenblicklich die Waffen wegwerfen und in die Häuser fliehen.
Inzwischen war auch der „helle Haufen“ der Odenwälder bei dem untern Thor durch eine verborgene Pforte in die Stadt gedrungen und brüllte: „was Stiefel und Sporn trägt, muß sterben!“ Viele der vornehmsten Familien und mehrere Priester wurden niedergestochen. Viele hatten sich in die Kirche geflüchtet; diesen band man die Hände auf den Rücken und führte sie auf die Wiese vor dem Thor, wo sich der Kriegsrat, mit dem Pfarrverweser Leiz (oder Lenz) von Winzenhofen als Schreiber, versammelte. Man beriet nicht lange und entschied: „man solle Keinem des Adels, keinem Pfaffen, Mönch noch Müßiggänger das Leben lassen.“ Auch mit der Ausführung dieses Blutgerichtes zögert man nicht; sogleich bildete der odenwälder Führer Hans Winter die Spießgasse. Helfenstein bot 30 000 Gulden, eine unerhörte Summe nach damaligem Geldwert, für sein Leben. „Nicht um alles Geld!“ war die Antwort. Seine Frau, eine Tochter des Kaisers Max, flehte in höchster Todesangst kniend, ihr Kind auf dem Arm um das Leben ihres Mannes; man stieß sie zurück, und da sie zwei, dreimal wiederkehrte, warf man sie gebunden auf einen Leiterwagen und führte sie unter dem Hohn der Bürgers- und Bauernfrauen nach Heilbronn.
Melchior Nonnenmacher, ehemals Helfensteins Spielmann, riss diesem den Federhut vom Kopfe, setzte ihn sich selber auf und höhnte „ich habe dir oft aufspielen müssen zu deinen üppigen Tafeln, jetzt pfeife ich dir zu einem andern Tanz.“
Nun begann ein wildes, schreckliches Getümmel mit Trommelwirbel, gellendem Tönen der Pfeifen und Trompeten und rasendem Geschrei der Menge; der Graf und seine noch lebenden Ritter und Reisigen wurden durch die Spießgasse gejagt und niedergestochen.
Die Raserei war so arg, dass die Bauern, die hinter der Spießgasse standen, noch die Leichname zerfleischten und schändeten. Am schmählichsten trieb es die „schwarze Hofmännin von Böckingen“; das war ein altes Hexenweib, welches das Bauernheer vor Weinsberg „behext“ hatte, um es „kugel- und stichfest“ zu machen und nun dem toten Grafen das Messer in den Leib stach und mit dem
herausquellenden Fett und Blut sich die Schuhe schmierte. Das war die Osterfeier vom Ostersonntag, den 16. April 1525.[S095-1]
#9. Der Bauernführer Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand.
Um diese Zeit erkannten die Bauern, dass ihnen kriegserfahrene sachkundige Männer not tun, wenn ihr Erfolg sicher sein solle; daher drängten sie den Ritter Götz von Berlichingen, die Führung des Odenwälder Haufens als Hauptmann zu übernehmen.
Götz war 1480 geboren zu Jaxthausen; er war ein streitbarer Mann, der zuerst beim Kurfürst von Brandenburg und später im landshuter Erbfolgekrieg Kriegsdienst nahm. Vor Landshut verlor er seine rechte Hand, die ihm darnach durch eine künstliche, eiserne ersetzt wurde, weshalb er gewöhnlich der Ritter mit der eisernen Hand genannt wird; später lebte er auf seiner Burg zu Jaxthausen, lag aber fast in beständiger Fehde mit den Burg-Rittern am Kocher und den Reichsstädten am Neckar und war einer der erfahrensten und umsichtigsten Raubritter. Seinem Einfluss hatte man es zu verdanken, dass die adeligen Schlösser nicht alle verbrannt und viele Gefangenen am Leben erhalten wurden, wiewohl die Bauern ihn, da er mit ihrer Grausamkeit nicht übereinstimmte, vielfach mit großem Misstrauen beobachteten und einigemale durch die Spieße jagen wollten. Trotz alldem spielte er eine sehr zweideutige Rolle[S095-2]; er wollte von den Bauern nicht geschädigt werden; aber auch mit den Fürsten es nicht verderben; ungeachtet seines Widerstrebens nahm er die Hauptmannschaft an, plünderte anfangs Mai mit seinem Haufen die Benediktinerabtei Amorbach, und nahm für sich den Löwenanteil an dem sacrilegiösen Raub: den silbernen Abtstab mit einem ganz
silbernen Madonna-Bild, eine reichgeschmückte Inful mit 20 silbernen Knöpfen, vielen Edelsteinen und Zierraten, ein schweres silbernes Reliquiarium, eine kostbare silberne Monstranz, zwei wertvolle silberne Kelche und noch vieles Andere; viele Schandthaten von ihm und seinem Haufen behauptete später gegen ihn die Anklageschrift der Bischöfe von Mainz und Würzburg und des Abtes von Amorbach mit den eidlichen Aussagen der Beschädigten und Beraubten; er blieb bei den Bauern trotz der von ihnen verübten Gräuelthaten, obgleich er gestand, dass er zeitweilig sich von ihnen hätte trennen können. — Mit den Fürsten stand er aber auch im geheimen Einverständnis, und als er merkte, dass die Bauern dem übermächtigen Fürstenbund nicht widerstehen könnten, ließ er sie bei Adolzfurt heimlich im stich und ergab sich einem Dietrich Spät, einem Anführer des schwäbischen Bundes. Nach mehreren Jahren Haft wurde er wieder begnadigt, focht noch in Ungarn und Frankreich, starb 1562 und wurde im Kloster Schöntal begraben.
#10. Tauberbischofsheim muss dem Bauernbund huldigen.
Vielleicht am meisten war der Ritter mit der eisernen Hand dem Bauernführer Ritter Geyer zuwider, der wenig mit ihm zu tun haben wollte und ihm aus dem Weg ging. In den letzten Tagen des April 1525 nahm Geyer Buchen, Walldürn und Külsheim für die Aufständischen in Pflicht. Vornehmlich war es ihm um Tauberbischofsheim zu tun, welches den natürlichen Mittelpunkt der mittleren Tauberorte bildete; die Stadt hatte an der seitherigen Bewegung Anteil genommen, ihre Mannschaften gestellt und zwar von „Ratswegen“; jetzt musste sie auch in aller Form dem Bauernbund huldigen und die 12 Artikel beschwören. Man nahm um so weniger Anstand, als auch am 6. Mai Abgeordnete des mainzer Erzbistums-Verwesers Wilhelm von Straßburg zu Miltenberg die Artikel unterschrieben.
#11. Bischofsheim im Maimonat 1525.
Der Maimonat 1525 war für Würzburg und das Taubertal kein Wonnemonat; das Glück des Bauernheeres erreichte in diesem Monat seine Höhe, aber auch den Anfang des Niederganges.
Seit Anfang Mai belagerten die Bauern die stärkste Festung des Frankenlandes, den Liebfrauenberg in Würzburg, aber vergebens
und hatten in 10 Tagen schon 400 Mann verloren. Zwischen der bischöflichen Besatzung des Liebfrauenbergs und dem würzburger Bischof, der sich nach Heidelberg geflüchtet hatte, gingen Boten hin und her; die meisten kamen aber nicht weiter als bis Bischofsheim, wo die Bürger scharfe Wacht hielten, die Boten auffingen und in den Turm bei der Tauberbrücke warfen.[S097-1]
„Am 7. Mai, einem Sonntag, lagen die Bauern von der Jagst, dem Neckarthal und Odenwald zu Bischofsheim an der Tauber und haben das bocksbergisch und ander mehr gut geschütz zu sich genommen an der Zahl bis an die 6000 Bauern.“[S097-2]
Am 14. Mai schickte man vom Hauptquartier der Belagerungsmannschaft vor Würzburg nach Bischofsheim und ließ sagen, „wir haben noch mangel an geschos und dieweyl ir noch trey stück geschütz von quartaunen und notschlangen habt, ist unser freuntlich bite, ir wollet uns solch geschütz sampt seinem gefes, raderen und andere zugehorungen zusenden ... Die Büchsen sind den Bauern geliehen und nach gestillter entpörung durch die Bundstende geteilt worden“;[S097-3]
d. h. die bischofsheimer Kanonen sind nach der Schlacht von Königshofen mit dem ganzen Bauernlager in die Hände der Fürsten gefallen und wurden nicht mehr zurückgegeben.
Bei alldem blieb die bischofsheimer Mannschaft nicht zu Hause, sondern beteiligte sich wacker an allen Unternehmungen des Bauernheeres; der Bauernführer Joh. Bütner von Volkach berichtete am 17. Mai an seine Landsleute: „Die von Mergentheim, Lauden und Bischofsheim haben erobert Bocksberg und Swaigern, auch ausgebrannt, wollen die Mauern in Grund abbrechen.“[S097-4]
Die Bischofsheimer zogen aber wieder von „Bocksberg und Swaigern“ ab, und die von Lauda meldeten die Eroberung der zwei Schlösser den Hauptleuten (vor Würzburg) und erhielten von diesen folgenden Auftrag: „Lieben brüder. ewr schreiben haben wir vernommen, daß ihr Swaigern und Boxberg erobert habt. (nun) ist unser ernstlich bevelhe, ihr wollet prechen und verprennen ... dergleichen in der stat Boxberg (alle übrigen) schedlich heuser, (die) dem adel zustendig befunden werden.“[S097-5]
„Also schrieben die von Lauda nach Bischofsheim mit dem
Begehr, ihnen zur Verbrennung der gemeldeten schädlichen Häuser (weiter) behilflich zu sein“; erhielten aber von Bischofsheim folgende Absage:
„Lieben brüder. Wir haben ewr schreiben vernommen, weren auch willens gewesen, euch nit zu verlassen. aber es ist uns nechste (letzten) Mittwoch (17. Mai) spat ain schrift von den obersten hauptleuten zukommen ... ernstlich gebietend ... eylends gein Weinsperg zu ziehen, ... derhalben wir uf heut (18. Mai) etliche unsere gesante in das lager gen Wirtzburg abgefertigt .. .. und bitten (auch), ir wollet uns verstendigen lassen, ob ihr dohin gein Weinsperg, gleich wie wir auch, gefordert seyd oder nit.“[S098-1] Datum in eyl. Donnerstag nach Cantate (18. Mai 1525)“.
Als die schwäbischen Bauern am Freitag nach Jubilate (12. Mai) zwischen Böblingen und Sindelfingen geschlagen waren, liefen Boten und meldeten es den Bauern vor Würzburg. Diese wollten es anfangs nicht glauben; als sie aber von einem andern fürstlichen Boten, der zu Bischofsheim an der Tauber gefangen wurde, sowie durch Briefe das Gleiche erfuhren, machten sie sich auf, um gegen den heranrückenden Fürstenbund zu ziehen.
In den letzten Tagen des Maimonats schickte darum das Hauptquartier von Würzburg fast täglich Briefe nach Bischofsheim, Lauda und an alle Städte des Taubertals mit dem „ernsten bevelhe, mit erinnerung des aidts, so ein jeder zu uns und gemeinen hellen haufen getan, ihr wollet in eurem ampt und umbliegenden flecken den andern man wol gerüst mit buchsen und langen spiesen ufmanen und uns die eylends gen Crautheim zuschicken.“[S098-2]
Auf dieses Schreiben hin sammelten sich aus Bischofsheim, Lauda, dem Odenwald und dem Gau viele Mannschaften, welche wegen Feldarbeiten und häuslicher Geschäfte waren beurlaubt worden. Der Aufstand erreichte dadurch seinen Höhepunkt, von dem er aber sehr schnell herabstürzen sollte.
#12. Die Verwüstungen im Taubertal und in den Seitentälern durch den Bauernkrieg.
Es verging fast kein Tag, an welchem nicht eine Stadt, ein Dorf, eine Burg, ein Kloster gebrandschatzt oder mehr oder weniger
zerstört wurde; etwa 3 Monate dauerte im Taubertal der Aufstand und die Feuer- und Rauchsäulen, die oft qualvollen Hinrichtungen durch die aufgeregten Bauernhaufen, bezeichneten täglich den Weg, den die Heerführer einschlugen; nicht weniger als 292 Schlösser, 52 Klöster und Ortschaften der Taubergegend fielen in der kurzen Zeit den Bauern zum Opfer.
Der Graf von Wertheim hatte es anfangs mit der evangelischen Bauernbrüderschaft gehalten und die 12 Artikel beschworen; als er aber merkte, dass man ihn verdächtige, geriet er sehr in Wut, so dass er das Bauernlager bei Höchberg mit seinen Mannen plötzlich verließ und über seine eigenen Dörfer an der unteren Tauber mit Feuer und Schwert herfiel.
Die Liebfrauenbergs-Festung zu Würzburg litt allmählich große Not. Aus Mangel an Wasser, denn das meiste war ihnen verdorben, mussten sie das Brot mit Wein anmachen, was ihnen widerstand; trotzdem hielt sich die Festung; die Stadt am Fuße des Berges aber ergab sich den Bauern, und diese hausten hier wie an allen Orten, an denen sie einfielen; der Augenzeuge Fries[S099-1] berichtet: . . „sie waren allzeit vol, triben vil Unzucht (Unfug) mit Worten und Werken, ließen sich nachmittag, wenn sie bezecht waren, auch vor mittag von nymant regieren, und obwol man ihnen die .. Artikel vorgehalten, auch den ungestümen, mutwilligen buben zu ainer scheu in der stat Würzburg trey galgen ufrichten lassen, ain uf dem fischmarkt, ain uf dem Judenblatz und ain hinter dem thum, dannoch, wenn sie getrunken hatten, ware alle Zucht verloren, achteten der Galgen gar nit, sonder sagten, sie wollten die munchen, pfaffen und ire gesind daran henken.“
#13. Das Bauernlager in Krautheim.
Der Bauernaufstand erstreckte sich nicht nur über das Taubertal, sondern so ziemlich über ganz Deutschland bis nach Bayern, Österreich, Ungarn, Kroatien und die Karpathen; den Rhein hinab durch Elsaß-Lothringen, Hessen. Nachdem die Bauern durch den fürstlichen Feldhauptmann Georg Truchseß von Waldburg bei Leipheim (Württemberg) und am 12. Mai bei Böblingen bis zur Vernichtung geschlagen worden, vereinigten der Fürstenhauptmann Georg
Truchseß, die Kurfürsten von Trier und der Pfalz, der Herzog von Baiern und der Bischof von Würzburg ihre Heere und zogen in Eilmärschen nach Franken. Da stellte Wendel Hipler, die Seele des fränkischen Bauernheeres, den Antrag, dass man nur 4000 Mann zur Beobachtung und Belagerung des Frauenberges zurücklassen und zu Krautheim ein festes Lager von 20,000 Mann errichten solle. Die Bergfeste konnte durch das Bauern-Geschütz noch erheblich verstärkt werden und dann weithin den Taubergrund und Mittelmain beherrschen; die ganze Vorderseite des Lagers wurde überdies durch eine Linie von Burgen und festen Städtchen der Grafen von Hohenlohe gedeckt, welche diese, dem an sie ergangenen Befehl gemäß, mit Mannschaft, Geschütz und Mundvorrat reichlich versehen hatten. Das Lager zu Krautheim musste auch dem zweifelhaften Grafen von Hohenlohe den Abfall unmöglich machen und die feindselige Stadt Hall in Respekt erhalten.
Hiplers Antrag wurde ausgeführt, aber in viel kleinerem Maßstab. Am 23. Mai zogen 7—8000 Mann Odenwälder und Neckarthäler vom fränkischen Haufen aus Würzburg nach Krautheim unter Anführung des Metzler von Ballenberg und des Götz von Berlichingen, hielten sich jedoch nur zwei Tage daselbst auf und marschierten gegen Oehringen und Möckmühl; unterwegs machte sich Götz aus dem Staube; da kamen sie so nahe an Neckarsulm,
„daß sie die Nachtlicht und feur im Bundischen läger daselbst gesehen und nachdem (= da) das pfälzgravisch und bundisch Kriegsvolk hin und wieder (= da und dort) ein jeder seines Gefallens zerstrait und weyt auseinanderlägen und vast an allen Orten feur hetten, mainten die Bauern, es wäre noch so vill Volks da. Darumb ruckten sie aus schrecken wieder hinter sich und flohen zerstrait uf Oringen, Ballenberg u. s. w. doch den merer tail gein Crautheim.“[S100-1]
Kaum hatten die Bauern Oehringen wieder verlassen, um über Sindringen und Forchtenbach das Lager von Krautheim zu erreichen, erschien daselbst der Truchseß von Waldburg mit dem Bundesheer; sogleich ließ er ihnen mit 600 reisigen Kriegsknechten nachjagen.
Da die Bauern durch einen Achsenbruch an einem ihrer Geschütze waren aufgehalten worden, hatten sie erst den Kocher überschritten, als die Reisigen schon nach Forchtenbach kamen und ihnen bis an
die Krautheimer Steige nacheilten, wo sie bereits den Nachtrab der Bauern erblickten; doch gelang es letzteren noch die schützenden Stadtmauern zu erreichen; Ross und Reiter der Kriegsknechte waren aber erschöpft. Zudem brach der Abend herein, so dass die Führer für ratsamer hielten, von einem Angriff abzusehen und sich nach Forchtenbach zurückzuziehen; sie ließen aber dem Truchseß nach Oehringen melden, die Bauern liegen 5—6000 Mann stark in Krautheim, es scheine zweckmäßig, sie mit dem ganzen Heer anzugreifen.
Dem Fürstenhauptmann schien es indessen gewagt, durch die steilen und oft engen Bergschluchten, sowie über die langen Steigen mit dem ganzen Heer und besonders mit dem schweren Geschütz vorzurücken, und kommandierte seine ganze Macht über Möckmühl nach Königshofen.
Die Bauern meinten, „dieweyl die reytern, so ihnen nachgejagt, wieder abzögen, der Bund flöhe sie; darumb trosteten sie sich“,[S101-1] und der Hauptmann Johann Bütner schrieb an seine Landsleute nach Volkach: „jetzt sind die an der Tauber alle mit macht uf, auch die 9 stete uf dem Otenwald.“[S101-2]
#14. Die Entscheidungsschlacht von Königshofen am Samstag vor Pfingsten, 3. Juni 1525.
Am 2. Juni abends erschien die Vorhut des Fürstenheeres bei Sachsenflur; das Bauernheer, das eben am Abkochen war, ließ das Essen stehen, eilte auf den Turmberg (mit dem heute noch stehenden Wartturm) bei Königshofen und richtete sich zur Schlacht; voran stellte man das Geschütz, in den Rücken die Gepäckwagen. Schon am 28. Mai hatte Götz von Berlichingen, der die Übermacht des anrückenden Fürstenheeres aus sicherer Botschaft kannte und ahnte, was kommen würde, mit 10 Gleichgesinnten, teils Stückmeistern, teils Säckelwarten (Artillerieoffizieren und Zahlmeistern), das Bauernlager in Adolzfurt verlassen. Jetzt merkte man auch, dass die übrigen Stückmeister gleichfalls fast alle verschwunden waren, da sie am vorhergehenden Tag ihren rückständigen Sold verlangt, aber nicht erhalten hatten. Denn das Geld, welches die Stadt Mergentheim auf Samstag, 3. Juni, morgen zu schicken versprochen hatte,
war ausgeblieben. So mussten einzelne Geschütze von ungeübten Händen bedient werden und verursachten dem Feind, der am Mehlberg auf dem linken Tauberufer stand, keinen nennenswerten Schaden.
Nun rückte das vereinigte Fürstenheer unter dem Feldherrn von Truchseß vor.
Die kurpfälzer Reiterei unter dem Marschall von Habern sollte unterhalb Könighofens über die Tauber gehen, wurde aber durch einige Schüsse der Bauern zum Stehen gebracht. Das würzburger Reitergeschwader unter Frowin von Hutten fand oberhalb des Städtchens eine Furt über den Fluss und gewann unversehrt das rechte Ufer; es sprengte seitwärts vom Turmberg die Höhe hinan, wohin die Geschütze der Bauern nicht reichten, und das ganze Fußvolk mit dem Feldhauptmann rückte rasch nach. Nun erkannten die Bauern mit Schrecken, dass ihre Sache verloren sei; viele flohen in wilder Hast; Metzler und andere Führer schnitten die Stränge der besten Artilleriepferde ab, warfen sich auf die Pferde und entkamen meist; einige Fähnlein durchbrachen die Wagenburg, um ostwärts nach dem ochsenfurter Gau sich zu retten; die übrigen hielten aber stand; ein gräßliches Morden geschah im Gehölz von Hof Sailtheim und Deubach. „Absitzen“ kommandierten die Marschälle und die Reiter mit ihren langen Schwertern und das Fußvolk[S102-1] der Lanzknechte mit den langen Spießen drangen unwiderstehlich auf die Bauern ein, „da wurde es wie mit einer Schweinhatz gehalten. Sie (die Bauern) warfen die Wehre von ihnen; die so die Wehre behielten, wußten nit, wie sie diese gebrauchen sollten; sondern fliehen war ihre beste Wehr: ist ein ganz elend Gejagd daraus worden. Viele sind von den Fußknechten erstochen, viele von den Bäumen mit den Handrohren herabgeschossen, viele von den Reutern an die Spieß gefaßt und von den Pferden zertreten worden, deren bei 1300 gewesen“[S102-2]; so ging das Morden fort, bis die Nacht ein Ende machte. Das „evangelische Heer“ der Bauern war bis zur Vernichtung geschlagen; 4000 der letzteren bedeckten tot das Schlachtfeld[S102-3], darunter 300
Bürger von Königshofen, die ganze waffenfähige Bürgerschaft der Stadt, von der nur 15 Greise oder Kranke zurückgeblieben waren; auch von Lauda und von Tauberbischofsheim waren die meisten Bürger umgekommen. „Nach vollendter sachen und erlangtem sieg, zogen die Fürsten, hauptleut und alles kriegsvolk uff die Wallstadt mit freuden und leichtem Gemut, da bliesen zu den heerbaucken alle trommeter uf und als die Wallstadt besichtigt worden, zohe (zog) das heere hinab in den Flecken Königshofen, darin lagen die fürsten und raysigen zum theil, die übrigen außwendig in einem schönen Wiesengrund an der Tauber.“[S103-1]
Die Reiterei setzte die Verfolgung der Flüchtlinge noch fort bis zum Morgen des 4. Juni; links vom Wege aus Marbach nach Messelhausen stand bis in die 70er Jahre noch ein Bildstock, welcher zu Füßen des kreuztragenden Jesus einen gefesselten toten Bauern zeigte, und etwa 100 Schritte vom Gerlachsheimer Chausseehaus links von der Landstraße nach Königshofen steht ein halbversunkener Feldstein mit 3 Gekreuzigten, das sind Gedenksteine, welche nach 300 Jahren noch an dies schreckliche Ereignis von Königshofen erinnern.
#15. Die Enthauptungen bei der Brücke in Lauda.
Noch am Samstag, dem Abend des Schlachtages von Königshofen, „hat Heintz Truchseß, würzburgischer Marschall die stat Lauden von des bunds wegen gevordert und als sich die zu Gnaden und ungnaben ergeben, eingenommen und zwee burgern darinnen sampt dem (lutherischen) pfarrherrn Lienhart Beys enthaupten lassen.“[S103-2] Das geschah auf der Wiese des rechten Tauberufers neben der Brücke, dort wo jetzt ein Bildstock steht mit der Jahrzahl 1625; den ließen die Einwohner 100 Jahre nach dem Ereignis zur Erinnerung an die alten harten Zeiten errichten. „Aber volgend uf mitwochen nach Alexii, ist er, der Bischove, in aigner personn von Rottingen doselbst hingeritten und am volgenden Donnerstag (20. Juli) die burgern samt denjenigen aus dem ampte zu newen pflichten angenommen.
Do sind enthaupt worden: Hans Mengelein. Wolff Eckart.
Hans Wirsing von Oberlauden. Hans Seytz Aera von Heckvelt. Hans Ludell Hans Ruger von Buthert (Bütthart).“[S104-1]
#16. Die Enthauptungen in Tauberbischofsheim und Grünsfeld.
Während die würzburger Chronik von L. Fries in dem Bericht über Lauda[S104-2] nur die Enthauptungen von Mergentheim und Lauda erwähnt, berichtet die wertheimer Handschrift[S104-3] ausdrücklich: dass weil „leut und pferd mud (müd) und viel darunter wundt waren, (diese) den volgenden Tag (Pfingstsonntag) still lagen; doch wurden die flecken Grünßfeld und Bischofsheim daselbst und an der Tauber liegend, eingenommen, gestraft und der hauptsecher ein gut teil mit dem schwert gericht.“
Diese Hinrichtungen geschahen wie in Lauda durch einen der Kommandanten des Fürstenheeres, den würzburgischen Marschall Hainz Truchseß, der den Vorteil des Siegs von Königshofen gleich ausnutzen und den übrigen Städten und Dörfern, die noch am Aufstand sich beteiligten, ein blutig-schreckliches Exempel statuieren wollte.
Wo diese Hinrichtungen in Bischofsheim stattgefunden haben, ist in den alten Urkunden nicht angegeben; wahrscheinlich ist es auf dem Markplatz geschehen; da aber am Tag vorher die meisten von der bischofsheimer Mannschaft in der Schlacht bei Königshofen gefallen waren, „so daß nur der minder teil wider zu hauß gekert“[S104-4] und nun die plötzliche Eroberung der Stadt und die unerwartete Hinrichtung von einem „gut teil der hauptsecher“ folgte, kann man sich wohl vorstellen, wie der Schrecken gleich einem Gewitter über der ganzen Stadt lag. Das war der blutige Pfingstsonntag von 1525, welcher der Bevölkerung lang im Gedächtnis blieb.
#17. Niederlagen der Bauern in Sulzdorf und Ingolstadt.
Die gräßliche Niederlage der Bauern bei Königshofen wurde noch am nämlichen Abend, dem Samstag vor Pfingsten, dem Bauernlager vor Würzburg durch mehrere Boten bekannt; trotzdem glaubten die Bauern diesen nicht, sondern einem andern, der gegen Abend heranritt und hoch und teuer versicherte, ihre Brüder seien gar nicht geschlagen, sondern „liegen noch auf dem Berg und warten ihrer Hilfe gegen die Bundischen.“ Nachts 9 Uhr brachen darum die Bauern heimlich auf, damit die in der Festung nichts davon merken sollten, blieben in Heidingsfeld über nacht und marschierten am Pfingstsonntag (4. Juni) „die staig hinaus uf Königshoven zu, hatten sich auch zusammen verbunden, das sie der bundischen kainen leben lasen, sondern die reuter henken und den fuesknechten die hels abschneiden wollten.“ So stießen sie gegen Sulzdorf auf das Fürstenheer. Nach kurzem Gefecht „da gaben die Bauern die flucht und da der platz, daruf sie standen, weyt und eben was (war), volgten ihnen die geraisigen nach, bis ihr ob den 5000 erschlagen wurden. Das Veld lag allenthalben vol; man sagt auch, das die strasen uf Ochsenfurt zu bis uf ayn viertail meyl wegs an die stat mit Bauern gezetelt gelegen waren.“[S105-1]
Etwa 200 unter Geyer entkamen an den Main, 800 erreichten das nahe bei Sulzdorf gelegene Dorf Ingolstadt, wo sie in den Ruinen des 1439 zerstörten Raubschlosses der Ritter von Elm sich so gut als möglich verschanzten. Die Lucken der großenteils noch erhaltenen Ringmauer verstopften sie mit Steinen und Rasen, und weil alles Geschütz bei Sulzdorf war eingebüßt worden, stellten sich die Büchsenschützen an die Schießscharten; allein das schwere Geschütz der Fürstlichen warf die dünne Mauer nieder; der Feldhauptmann ließ die Reiter absitzen und sturmlaufen und trotz heldenmütiger Gegenwehr fielen alle 800.
Von diesen erzählt als Augenzeuge der später berühmt gewordene Schärtlin von Burtenbach, ein Hauptmann im fürstlichen Heer: „in einer Kirch nit wait davon haben wir bis 200 verbrannt. Etlich ließen sich in der Wagenburg erstechen, knurrten wie die Säu; etliche steckten die Köpfe in die Erde, vermeinten, man sehe sie nicht; auch etlich huben die Händ vor die Augen, die andern gen Himmel, Gnad begehrend. Und war ein solch Morden und Würgen ohne allen Widerstand, als wenn ein Haufe Wölfe unter einen
Haufen Gänse oder Schafe fällt; stach ein Reuter allein 10 oder mehr Bauern, die bei einander stunden, deren sich keiner wehrte.“[S106-1]
Sieben Mergentheimer verloren auf eigentümliche Art ihr Leben.
Geheimschreiber Fries erzählt als Augenzeuge: diese 7 meinten, durch die Flucht sich retten zu können und eilten in das Gebüsch des Giebelstädter Schlossweihers. Beim Anblick der nachsetzenden Reiter baten sie kniefällig um Gnade; diese jedoch, welche nicht gleich durch Gesträuch und Sumpf kommen konnten, riefen ihnen zu, Allen dürften sie nicht das Leben schenken, wohl aber jenem, der die andern umbrißige. Da erstach ein hinterlistiger Bursche rasch durch Rückenstiche „seiner bruder, der bauern, bey funfe; als er aber an den 6. kame, wöret sich derselbig gegen ime, derwegen sie von den weren zu ringen kamen, und als sie sich wol mit einander gemengelt und erzogen, vielen sie mit einander herab in den Wassergraben und ersoffen bede.“[S106-2] Eine Bestätigung erhielt dieser Bericht in neuerer Zeit dadurch, dass man bei Reinigung des giebelstädter Schlossweihers zwei eng verschlungene, mit Schlamm und Moos ausgefüllte männliche Skelette fand.
#18. Die Beendigung des Bauernkriegs in der Tauber und Frankengegend.
Durch die fürchterlichen Niederlagen der Bauern in Königshofen, Sulzdorf und Ingolstadt war der Aufstand gebrochen; auch die Stadt Würzburg, die in den Händen der Bauern war, wurde ohne sonderlichen Widerstand vom Fürstenheer eingenommen.
Die Bürger und Bauern wurden versammelt und an 3 Orten aufgestellt; die ortsangesessenen Bürger auf dem Markt, die Fremden aus dem Bezirk Würzburg und von anderen Orten vor der Marienkapelle, die übrigen am Rennwegplatz. Georg Truchseß, der Hauptmann des Fürstenheeres, hielt an den drei Orten und in Gegenwart der Fürsten, Grafen und Herren den Bürgern ihren Abfall vor, worauf sie alle kniefällig um Gnade flehten. Der Hauptmann ließ sodann die Aergsten herausnehmen und ohne weitere Umstände vor den Augen der Übrigen enthaupten; so starben am ersten Tag 76 (ein anderer Augenzeuge, Fries[S106-3] zählt sogar 215); darunter ein Bürger von Karlstadt, namens Schrautenbacher; der bot 2000 Gulden für sein Leben (nach dem damaligen Geldwert eine hohe Summe); es half ihm nichts. Die Übrigen mussten alle diesem
schrecklichen Schauspiel zusehen und während mehrerer Stunden volle Todesangst ausstehen, da ja keiner wusste, ob auch er an die Reihe komme, doch wurden sie nachher entlassen. Am andern Tag wurde der Stadt aufgelegt, alle Wehr und Harnisch aufs Schloss zu bringen.[S107-1] — Später wurde durch den Landesherrn und Bischof in den einzelnen Städten noch besonderes Gericht gehalten, und diejenigen, die als Häupter oder Meistbeteiligte des Aufstandes sich schuldig gemacht hatten, wie in Würzburg, Mergentheim, Lauda u. s. w. „durch Enthauptung mit dem Schwerte bezahlt.“
#19. Die Bestrafung von Tauberbischofsheim nach Beendigung des Krieges.
Die Hinrichtungen in den einzelnen Ortschaften unmittelbar nach der Königshofer Schlacht waren kurzer hand durch den würzburgischen Marschall verhängt worden und bildeten nur das Vorspiel zu der eigentlichen Bestrafung, die 2—3 Wochen später der Bischof von Würzburg und die übrigen Landesfürsten vollzogen. Man erwartete deshalb in Bischofsheim mit Entsetzen, ob nicht auch hier ein weiterer Teil der Einwohnerschaft für die Beteiligung am Aufstand „mit dem Schwerte bezalt“ würde.
Durch die Menschenfreundlichkeit des mainzer Erzbistumsverwesers Wilhelm von Straßburg (des Landesherrn) kam die Stadt ohne fernere Enthauptung davon. Doch musste sie sich gefallen lassen, dass 1527 Erzbischof Albrecht ihr das Recht der Selbstverwaltung entzog.
#VI. Bischofsheim zur Zeit der „Reformation“. Zustände und Einrichtungen im 16. und 17. Jahrhundert.
#1. Die neue Stadtordnung von 1527.[S107-1]
Die Urkunde, mit welcher der Landesherr 1527 die alte Bischofsheimer Stadtordnung aufhob und eine neue einführte, ist
in vielen Stücken so interessant, dass wir einzelne Teile hier wörtlich wiedergeben wollen.
„Die Stadt Bischofsheim ... als sie sich gegen Uns Ungehorsamblich aufgeworfen und embört — derhalben sie aller ihrer privilegen, Begnadigung, Freyheit, auch Amptgerichts und Rath wie sie Alles bisher von unsern Vorfahren gehabt und geübt .. . entsetzt und priviert.“
„Alle hoch und nieder Gerichtsbarkeit geschieht durch den Kurfürst und seine Stellvertreter.“
§ 2.
„Nachdem unsre Unterthan von den 9 Stedten[S108-1] (deren dann Bischofsheimb aine gewest), bißher sonderlich Verbündtnus und Ainigung miteinander gehabt, Versammlung gemacht und Ratschläge ihres Gefallens, — Uns und unserm Stift zuwider verfaßt haben, — . .. sollen diese Verbündtnis hiemit aufgehoben und abgethan sein, — darzu die 9 Stedt nicht mehr wie bisher genannt werden, sondern jede Statt ein abgesonderter Flecken für sich sein und bleiben, auch sich der Ordnung, wie wir einer jeden Stadt insonderheit geben werden, hinfürder halden.“
§ 7.
„Und nachdem wir und unsere Vorfahren bis anhero zur Versehung unserer Kellerey zu Bischofsheim ainen Keller (Rentmeister) und zur Versehung unseres Zenthgerichts daselbst ainen Zentgraven und Zentbütel neben unserm Amtmann .. . gehabt, wollen wir, das die(selben) nachmalen zu Bischofsheim sein und alles thun, was ihr Pflicht ausweißt.“ —
§ 9.
„Es darf kein Gericht gehalten werden ohne Gegenwart des Amtmanns, Kellers und Zentgrafen.“
„Ordnen, setzen wir und wollen, daß 12 zu rats- und Gerichtspersonen, die eins erbar verstendigen Wesens sind, aus der Burgerschaft genommen werden; die sollen neben unserm Amtmann, Keller und Zentgrafen zu Rat und Gericht gehen, wenn sie erfordert werden.“
§ 11.
„Und sind dies die 12, die wir zu Rat- und stadtgerichtspersonen obvermeldetermaßen verordnet haben: Heintz (= Heinrich) Lesch. Claus Schmidt. Hans Crafft. Caspar Schweickart. Heintz Hoffmann. Claus Liebler. Eberhard Dömer. Bernhard Block. Mülich = Mühling[S108-2] der Alt. Georg Vogel. Hans Mülich, der Beck. Endres Eichorn.“
„Die ernannten 12 sollen sich auch ehrlicher und statlicher Ordnung,
Handels und Wandels befleißen, damit sie in dem stant, zu dem sie erfordert werden, auch ehrlich gehalten werden.“
§ 15.
„Und begeben sich, daß derselben Zwölfer Einer oder mehr mit tot abgehen oder sonst mit Schwachheit oder aber ihres leibs dermaßen beladen wären, daß sie dem Rat oder Gericht nicht mehr für sein könnten, ... als dann sollen der Zentgraf drey ehrliche, geschickte personen aus der Gemeinde erwelen und dieselben uns oder unseren Nachfolgern anzaygen .. .. und durch den Amtmann eingesetzt werden.“
§ 21.
„Unser Meynung (= Absicht) ist, daß alle Gefelle von Geschoß, Bethe, Wegeld, Ungeld, Rent, Gült, Zinß und Bußen, deßgleichen alle Accidentalien, Sigelgeld und Anderes nicht ausgenommen, in der Stadt Bischofsheim und derselben Feldern und Wäldern . . . . zur Unterhaltung unserer Stadt Bischofsheim und sonst nirgends hin gewent ... werden.“
§ 23.
„Damit die obvermeldeten 12 Rats- und Gerichts Personen sich Versäumnus ihrer eigenen Geschäfte nit zu beclagen wüßten, . . ordnen wir .., daß zu jedem Rats- und Gerichtstag yedem .. (außer der Malefiz und peinlichen Handlung)[S109-1] 12 Pfennig von obvermeldeten Gefellen entricht werden sollen.“
§ 24.
„Malefiz und peinliche Sachen sollen nach der Reichsordnung, wie zu Wormbs beschlossen, gehandelt werden.“
§ 29.
„Kleine Hendel, Schulden, und was sich täglich zutragt und früher durch das Bürgermeisterampt gerichtet worden ist, nunmehr, da das Bürgermeisteramt abgethan, — werden durch die zwee Rentmeister verwesen.“
§ 32.
„Keine Bruderschaft darf Versammlung halten ohne Bevelch und wissen des Amtmanns oder Kellers, desgleichen vorige Freyheiten mit nichten gebrauchen.“
§ 35.
„Mit den Schlüsseln zu den Thoren soll es dermaßen gehalten werden, daß hiefür zween fromme, ehrliche und redliche Burger, welche darüber vereydigt sein, verordent werden; die sollen die Thor alle Morgens zu rechter Zeit auf, desgleichen des Nachts vornehmblich schließen und yederzeit die Schlüssel bey den Amptleuten in unser Kellerei zu holen und ihnen alle Abend überantworten. . .. und niemanden, er hab dann sonderlich Fug und Ursach, nach Beschließung der Thor aus oder einlassen.“
§ 36.
„Dieweilen (die) unsere (Unterthanen) von Bischofsheim durch ihren bewiesenen Ungehorsam der bischofsheimer bach, darin zu fischen neben anderen Freyheiten verwirkt haben, behalten wir uns dieselbe bevor.“
§ 39.
„Die Versehung unsres Hospitals soll hinfürder bey unserm Amtmann und Keller stehen.“
§ 63.
„Die lutherischen Prediger sollen an keinem Ort der stat Bischofsheim mer zugelassen werden.“
§ 68.
„Es soll keine Gasterey gestattet sein[S110-1] bei Hochzeit und Kindtauf, nit mer als 6 Gäste“!
§ 70.
„Im Sommer soll es abends nach 8 Uhr, im Winter nach 7 Uhr nit mehr gestattet werden, im Wirtshaus zu sein.“
§ 74.
„Es wird verboten .. ., insbesondere sich der breiten Kriegischen, Lanzknechtischen Kleider zu enthalten.“[S110-2]
§ 75
verbietet den Wucher und den groben Missstand, dass Manche ihre Güter gegen eine gering bemessene jährliche Rente hingaben; diese haben dann Nichts mehr gearbeitet, haben das Geld verbraucht und dadurch viele Familien in großen Notstand gebracht.
„Gegeben zu Aschaffenburg (dem damals gewöhnlichen Aufenthaltsort der Mainzer Erzbischöfe) auf Donnerstag nach Invocabit (1. Fastensonntag) 1527.“
Eine ähnliche Stadtordnung erhielten Krautheim, Ballenberg, Buchen, Miltenberg[S110-3] und auch die übrigen zum Städtebund gehörigen Städte.
#2. Die „Reformation“ in Bischofsheim.
Wie man in der Beteiligung am evangelischen Bauernbund sieht, war die Stadt von der Glaubensneuerung nicht ganz verschont geblieben. Pfarrer Christoph Scriptoris (Schreiber)[S110-4], seit 1513 hier, hatte sich zur Zeit des Bauernkriegs der neuen Lehre ange-
schlossen und für seine Person die „Reformation“ eingeführt. Doch war darum der katholische Gottesdienst nicht abgeschafft, da ja die Stadt eine größere Anzahl Geistliche hatte, soviel nämlich als Altäre in der Pfarrkirche standen, und das waren damals 9, wenn auch nicht alle ständig in Bischofsheim anwesend waren.[S111-1] Übrigens haben sich wie in Lauda und anderen Orten auch noch andere lutherische Prediger damals in Bischofsheim niedergelassen. Darum verordnete der Kurfürst in § 63 der neuen Stadtordnung, dass die lutherischen Prediger sich nicht mehr in der Stadt aufhalten dürfen.[S111-2] Indessen darf man nicht behaupten, dass Bischofsheim der „Reformation“ besonders zugethan gewesen sei, da ja Viele aus politischen und wirtschaftlichen Gründen, wie auch aus Zwang sich der Bauernsache, die unstreitig auch manche Berechtigung hatte, anschlossen.
Als die Schweden 1631 nach Bischofsheim kamen, richtete der damalige Amtmann Velten Heinrich Rüdt von Bödigheim und Collenberg „im Namen der evangelischen Beamten“ das Gesuch „an die königlich schwedische Regierung zu Mainz“, um den „Ehrwürdigen hochgelehrten Bartholmäus Reichardt von Memmingen, Cantitatus theologiae zu Tübingen als evangelischen Prediger zu erhalten, damit unser Gegenteil nicht vermeinen sollte, daß Unsere Confession und Lehr in publico sich nicht dörffte sehen oder hören lassen, sondern für ein Winkhell-Lehr sie es halten möchten.“[S111-3] Das wurde genehmigt; der „hochgelehrte“ Herr wurde angestellt; aber bald zeigte sich, dass man sich doch verrechnet hatte; Amtmann Rüdt musste an die „königl. schwed. Regierung“ melden, dass der neue lutherische Pfarrer „nit allein wenig examiniert, ... und ob er wohl anfangs schlechter dona zum Predigen erscheinen lassen, auch mehrenteils nur uff die Papisten fulminiert, womit er sie dann zeitlich vorttrieben . . .; man solle ihn an ein Gymnasium thun“.[S111-4] — Auch die Nachfolger waren nicht im stand, unter der Einwohner-
schaft Anhang zu werben; es fiel darum den Erzbischöfen von Mainz, sobald die Schweden abgezogen waren, nicht sehr schwer, die Reinheit des katholischen Glaubens in Bischofsheim wieder herzustellen, so dass die Stadt von jeher eine „Hochburg des katholischen Glaubens im Tauberthal“ gewesen ist. Erst in neuerer Zeit wurde aus Beamten und Eingewanderten eine protestantische Gemeinde gebildet. Bis 1888 kam zeitweilig der prot. Pfarrer von Wenkheim hierher, um Gottesdienst zu halten, seither wohnt hier ein eigener protest. „Pastorationsgeistlicher“. Anfangs wurde der protestant. Gottesdienst in der Peterskirche gehalten, seit 1880 in der Klosterkirche; 1894 fing man an, eine eigene prot. Kirche zu bauen.
#3. Die Stadt und der Bezirk in den Kriegen der „Reformationszeit.“
Im Jahr 1546—47 tobte der schmalkaldische Krieg (so genannt, weil die protestantischen Fürsten zu Schmalkaden am Thüringerwald ein Bündnis gegen den Kaiser geschlossen hatten). Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg im Dienst des Kurfürsten Moritz von Sachsen drang nach Franken in das ganze Tauber- und Maingebiet und behandelte diese Gegenden als eroberte Länder. Die Städte Krautheim, Königshofen, Bischofsheim, Külsheim, Amorbach, Neudenau und Miltenberg wurden von demselben überfallen und ihnen schweres Lösegeld auferlegt, weil sie, ihrem Kurfürsten getreu, dem kaiserlichen General Hanstein beigestanden waren.[S112-1]
1553 schickten die obererzstiftischen Städte (zu denen Bischofsheim gehörte) auf städtische Rechnung bewaffnete Bürger als Besatzung nach Mainz zum Schutz gegen den drohenden Krieg; desgleichen 1583 auf Befehl des Kurfürsten Wolfgang und abermal 1591 auf Befehl des Vicedom von Aschaffenburg, da um jene Zeit eine außerordentliche Menge herrenloses Gesindel, verabschiedete Soldaten u. s. w. die Gegend von Mainz unsicher machten.[S112-2]
#4. Zent- (Gerichts-) Ordnung von Tauberbischofsheim und Lauda vom Jahr 1594 und 1668.
#1. Der Amts- und Gerichtsbezirk Tauberbischofsheim.
Wir haben oben[S112-3] gesehen, dass nach alter deutscher Sitte jeder Gau in Zentschaften zerfiel, die unter ihren Zentgrafen ihre
Gerichtsbarkeit hatten, sogar in Fragen über Leben und Tod, die jetzt allgemein dem Landesfürsten allein reserviert sind.
Zum Amts- und Gerichtsbezirk Tauberbischofsheim gehörten 1668[S113-1]:
| Ordn.-Zahl | Orte | Rechtsstand / Bemerkung | Besitzstätten (Haushaltungen.) | Männer | Weiber | Söhne | Töchter | Steueranschlag quartaliter fl. |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | T.-Bischofsheim | frei | 327 | 289 | 329 | 340 | 372 | 480 |
| 2 | Königshofen | frei; nur wenig Leibeig. | 198 | 191 | 189 | 218 | 258 | 320 |
| 3 | Dittwar | wenig Leibeig.; Zent gehört nach Grünsfeld u. Stift Würzburg | 80 | 80 | 85 | 100 | 92 | 68 |
| 4 | Königheim | Leibeigene | 267 | 285 | 319 | 418 | 355 | 322 |
| 5 | Dienstadt | Etliche Leibeigene; dem kurfürstl. Mainzisch. Hospital mit der Vogtei gehörig | 47 | 45 | 50 | 50 | 45 | 43 |
| 6 | Hochhausen | Leibeigene | 108 | 105 | 111 | 138 | 127 | 116 |
| 7 | Werbach | Leibeigene; ist dem Stift Würzburg auf 6 Jahre verpfändet | 138 | 132 | 143 | 156 | 168 | 223 |
| 8 | Werbachhausen | Leibeigene | 35 | 30 | 35 | 40 | 42 | 52 |
| 9 | Brunntal | Leibeigene | 19 | 22 | 24 | 16 | 28 | 27 |
| 10 | Großrinderfeld | frei; nur wenig Leibeig. | 86 | 85 | 90 | 107 | 94 | 110 |
| 11 | Schönfeld | frei; nur wenig Leibeig.; die Zent gehört nach Grünsfeld zu Stift Würzburg | 30 | 27 | 30 | 33 | 39 | 46 |
| 12 | Poppenhausen | frei | 16 | 16 | 15 | 25 | 20 | 26 |
| Summa | — | 1351 | 1307 | 1420 | 1641 | 1640 | 1833 |
In das Amt Tauberbischofsheim gehörten noch folgende Ortschaften mit der Zent:
Gerchsheim (die Vogtei gehört zu Grünsfeld nach Würzburg.) Brehmen „ „ „ den Grafen von Heckfeld. Buch am Ahorn „ „ „ „ „ „ Wertheim. Oberaltertheim „ „ „ „ „ „ Castell. Die Kohlenmühl b. Unteraltertheim (die Vogtei gehört dem Grafen Wolfgang v. Giebelstadt.) Rohrensee, ein seit 100 oder mehr Jahren verödeter Weiler, gehört mit Zent und Vogtei zu Mainz.
#5. Zentgesetze von Tauberbischofsheim und Lauda vom Jahr 1594.
Die vollständig genaue Zentordnung von Tauberbischofsheim haben wir nicht mehr, wohl aber diejenige von Lauda, aus dem Jahr 1594[S114-1] und einen Teil der von Ballenberg. Da die Verhältnisse an beiden erstgenannten Orten nicht sehr verschieden, der Kurfürst von Mainz öfters auch gleichzeitig Fürstbischof von Würzburg war, wird die Gesetzgebung und die Zent- oder Gerichtsordnung auch in Bischofsheim nicht viel anders gewesen sein als die von Lauda. Wir geben die interessantesten Stücke im Auszug:
1. Wahl der Zentschöffen: Vom Schultheißen werden den Zentgrafen vier Männer vorgeschlagen, von denen dieser einen mit Wissen des Amtmanns wählt.
2. Amt, Pflicht und Belohnung des Zentgrafen: Er bekommt Bann und Gewalt über Leib, Blut und Gut; er und die Schöffen bekommen die Hälfte der Buße.
3. Amt und Pflicht der Zentschöffen: Wenn sie nicht verhindert sind, müssen sie gleich kommen, andernfalls dieses anzeigen; dann müssen sie ihr Urteil abgeben nach ihrem Eid.
4. Schöffeneid: Der Schöffe gelobt, ohne Rücksicht nur nach Gerechtigkeit sein Amt zu verwalten, so wie er sich beim jüngsten Gericht verantworten muss.
5. Lohn der Zentschöffen: Bei kleinen Strafen unter 5 Gulden ein halbdritteil. Zentschreiber soll der Stadtschreiber von Lauda sein; er hat 2 Bücher zu führen, in dem einen die peinlichen, im andern die gemeinen Zentsachen.
6. Der Zentknecht hat zu Gericht zu fordern die Schöffen und Parteien, die Gefangenen einzulegen und zu verwahren.
- Als Vertreter dürfen auch die Schöffen nach alter Übung gebraucht werden.
8. Vor das gemeine Zentgericht kommen: Mord, Diebstahl, Raub, Notzucht, sodomitische Sünde, Blutschande, Kuppelei, Ehebruch, Gotteslästerung, Befehdung, Brandstiftung, Falschmünzerei, Verräterei, Zauberei, Aufruhr, Betrug mit Maß und Gewicht, freventliche Verrückung der Marksteine, fließende Wunden, Trennung und andere gefährliche Verletzung, Schmähungen und Injurien.
9. Verkündigung des Gerichtstages. Der Landknecht hat denselben vier Tage zuvor zu verkünden, dann den Missetäter aus dem Gefängnis in eine andere, etwa feine Stube, jedoch in Banden und Ketten, zu bringen und ihn dort zur Buße zu ermahnen; er hat den Pfarrer zu benachrichtigen, dass dieser kommt und den Übeltäter vorbereitet.
10. Art der Verkündigung: Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Ortes; folgendermaßen:
„Höret Ir, höret Jung und Alten, Biß N. wird man Halsgericht halten Zu Lauda (Bischofsheim) über ein gefangne Person Die gros Uebelthat gethon. Zu solchem Rechtstag sollt Ir kommen. Und zur Wehr han mitgenommen Zenthio, Zenthio, Zenthio.“
11. Vor-Zent. „Vor dem eigentlichen Gerichtstag wird ein oder 2 Tage zuvor eine Vorbereitung der Schöffen gehalten, um womöglich über das Urteil sich zu einigen, damit am Gerichtstage selbst nicht allzu große Hindernisse entstehen.“
12. Die „peinliche Untersuchung“; die „peinliche Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karl V. Eine gerichtliche Untersuchung wurde in früheren Zeiten nicht angestellt wie jetzt mit Gefängnis, Zeugenaussagen, Fragen und Antworten; wo das Geständnis fehlte oder dem Richter nicht ausreichend erschien, hatte er das Recht, „das Geständnis durch die Folter zu erzwingen.“ So war es auch Übung bei der Zent- oder Gerichtsordnung in Bischofsheim wie allerwärts im ganzen deutschen Reich. Schon seit Mitte des 14. Jahrhunderts kam der gerichtliche Gebrauch der Folter vor[S115-1], aber erst seit dem Ausgang des 15. und im Laufe des 16. Jahrhunderts erfolgte die furchtbare Ausbildung derselben. Das Foltern ward jetzt von den Untersuchungsrichtern wie eine besondere Wissenschaft und Kunst betrieben.
Auf den Reichstagen zu Augsburg und Regensburg 1530 und 1552 sowie auch zu Worms erließ Kaiser Karl V. ein neues Strafgesetzbuch, um der eingerissenen Willkür zu steuern. Dieses hieß „die peinliche Halsgerichtsordnung“ oder nach ihrem Urheber die „Carolina“. Darin wird die Folter als ein rechtmäßiges Mittel zur Erforschung der Wahrheit vorgeschrieben. — Trotzdem war dies dem verwilderten Sinn nicht genug und fast allentalben im ganzen Reiche gingen die Gerichte in Anwendung der Folter weit über die „Carolina“ hinaus.[S115-2]
13. Arten der Folter. Das „mildeste“ Mittel, Geständnisse oder den Beweis der Schuld zu erpressen, waren die „Daumschrauben oder Daumenstöcke“, kleine eiserne Pressen, zwischen welchen die Daumen gequetscht wurden; ärger waren schon die „spanischen Stiefel“, größere Pressen zur Quetschung der Schienbeine und Waden; um den Schmerz zu erhöhen, befand sich auf der Innenseite der Presse ein eingekerbtes Brett, das beim Zuschrauben sich auf das Schienbein legte und schrecklich auf den Knochen drückte. Noch schrecklicher war der 3. Grad, „die Leiter“, an der mittels Winden die Arme und Beine ausgezogen und alle Glieder ausgereckt wurden. „In der Regel
wurde der Verurteilte an den auf dem Rücken zusammengebundenen Händen in die Höhe gezogen und seine Füße mit Gewichtstücken beschwert, deren größere oder geringere Schwere den Foltergrad verminderte oder verstärkte.“[S116-1]
Wenn man durch solche Marter noch kein genügendes Geständnis erlangen konnte, so schritt man zum 4. Grad, das war der „gespickte Hase“, eine hölzerne mit Pflöcken versehene Walze, die im Rücken des an der Leiter Aufgezogenen gedreht wurde und ihre Pflöcke in den Rückgrat drückte.
Auch pflegte man spitzige Kienhölzer unter die Nägel an alle 10 Finger zu stecken und dieselben unterwärts anzuzünden.
Bei solcher „Untersuchung“ war es darum gar keine Seltenheit, dass ganz Unschuldige sich als schuldig bekannten, weil sie glaubten, einen kurzen Tod leichter als solch lange Folterqualen ertragen zu können.
Hatte man die Untersuchung geschlossen, so folgte das Urteil, für welches das Zentbuch folgenden Wortlaut vorschrieb:
14. Form der Urteile. „Zu der peinlichen Rechtfertigung .. .. wider N. N. beklagten .. .. erkennen die Richter des peinlichen Zentgerichtes . . . .. . nach genauer Untersuchung und eigenem bekenntnis des Beklagten, daß der Beklagte mit seiner Uebelthaten ... Leib und Leben verwirkt habe, auch darumben:
mit der Ketten und Strang am Galgen, mit dem Schwert, mit dem Rad durch Zerstoßung seiner Glieder dass er folgends darauf gelegt werde, mit dem Feuer, mit dem Wasser, durch lebendig begraben und Pfählen[S116-2], durch seinen ganzen Leib in 4 Stück, die folgends (nachher) uf die 4 gemeinen Straßen zu henken, geteilt,
vom Leben zum Tod gericht und gestraft, oder mit Ruten gestrichen und des Lands verwiesen.“
15. Taxordnung für das hochnotpeinliche Halsgericht von 1756. Vorstehende Zentgerichtsordnung bestand bis in die neuere Zeit; noch im Jahr 1756 erließ Bischof Adam Friedrich von Würzburg für das Herzogtum Franken folgende Taxordnung für das „hochnotpeinliche Halsgericht“: Von derselben Art war die Taxordnung, die in Bischofsheim und im Kurfürstentum Mainz gebraucht wurde: „Für Ohrenabschneiden werden dem Stockmeister (Gerichtsdiener) gezahlt 2 lb. 6 Pf.; einen Delinquenten mit glühenden Zangen zwicken, für jeden Brand 2 lb. 12 Pf.; für einen Fuß Pflaster das einer torquierten (gefolterten) Person gegeben wird 1 lb. 3 Pf. — Für das Radbrechen 3 fl. — Den Körper auf das Rad flechten 1 fl. — Einen Scheiterhaufen zu schichten 3 fl., Holz und Stroh hiezu liefern die Centunterthanen. — Den Delinquenten auf die Richtstätte schleifen 3 fl. — Einen Delinquenten zu vierteilen 5 fl. — Für Brandmarken und Auspeitschen in der Residenz Nichts, aber für die Kohlen und Salben 3 Pf. Dem Totengräber, welcher bei der Hinausschleifung dem Delinquenten das Kreuz, das auf sein Grab kommt, voranträgt, 12 Pf. — Für die gewöhnliche Mahlzeit der Gerichtspersonen und Schöpfen (Schöffen) beim Hinrichten 21 fl.“ —
#6. Der Hexenturm und die Zeit der Hexenprozesse in Bischofsheim.
#1. Der Hexenturm.
Dort, wo die Klostergasse den Grabenumgang schneidet[S117-1], stand ehemals der Hexenturm, ein starkes, mauerfestes Bauwerk, in welchem die gefangenen „Hexen“ unter sorgfältiger Bewachung verwahrt wurden. Wie alle Städte, hat auch Bischofsheim seinen Anteil an der Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert geleistet.
#2. Lehre der Kirche über die Möglichkeit der Hexerei
Seitdem die Welt steht, hat sie schon viele Thorheiten gesehen, aber so grauenhaft ist wohl noch kein Wahn aufgetreten als der Hexenglaube, der in den natürlichsten Vorgängen nur Zauberei und Teufelsbündnis sah.
Seit den ältesten Zeiten des Christentums betrachtete man die Hexerei als ein Bündnis mit dem bösen Geist, um mit dessen Hilfe übermenschliche Dinge zu vollbringen, besonders dem Nebenmenschen zu schaden.
Die angesehensten Lehrer der Kirche, St. Augustinus und St. Thomas von Aquin wiesen darauf hin, wie im alten und neuen Testament die Existenz
der bösen Geister ausdrücklich gelehrt wird, wie diese durch Zulassung Gottes bald größeren, bald geringeren Einfluss auf die Menschen ausüben, „daß diese Wahrheit zu den Sätzen des geoffenbarten Glaubens gehöre und daß weder die Möglichkeit noch auch die Wirklichkeit eines solchen Verkehrs in Abrede gestellt werden könne“[S118-1]. Schon König Saul wollte durch die Hexe von Endor den Propheten Samuel erscheinen lassen[S118-2]; der Apostelfürst Petrus trat gegen den Zauberer Simon auf[S118-3]; und Paulus schlug den Zauberer Elymas mit Blindheit[S118-4]. „Uebereinstimmend betrachteten die Kirchenväter die Dämonen als Anstifter der Hexerei und lehrten: der Mensch könne deren Einflüsterungen im Glauben kräftigen Widerstand leisten; die Heilsmittel der Kirche, die Sakramente und Sakramentalien seien ihm in seinem Kampf zur Hilfe, zum Schutz und zum Trost. Anderseits könne er aber auch den Einwirkungen des Teufels nachgeben, sich freiwillig in dessen Dienst stellen und durch eine förmliche Abschwörung des christlichen Glaubens und einen völligen Abfall von Gott mit dem bösen Feind gleichsam einen Bund aufrichten. Ein solcher Abfall von Gott und eine solche Hingebung an die Mächte und das Reich des Teufels, die bis zur Anbetung desselben sich steigern können, galt als die schlimmste Häresie, Irrlehre, und Gottlosigkeit.“[S118-5]
Daraus, dass die Kirche die Hexerei als möglich annimmt[S118-6], folgt aber noch lange nicht, dass sie das öftere Vorkommen wirklicher Fälle für wahrscheinlich oder gar für wirklich hält; gerade so wie es unsinnig wäre, aus der Möglichkeit, dass es Mörder gibt, anzunehmen, dass in jeder Gemeinde Mörder, oder gar viele seien, und als ob alle Krankheiten durch Gift und alle Todesfälle durch Mord verursacht würden.
#3. Volksglaube über die Macht und Tätigkeit der Hexen.
Während weder im Heidentum noch in christlichen Ländern der Glaube an die Existenz der Hexen je ganz fehlte, drang doch etwa um das Jahr 1500 in alle europäischen Länder mit unwiderstehlicher Gewalt die Meinung, als ob so ziemlich alles Ungewöhn-
liche, Glück und Unglück durch gottlose Menschen mit Hülfe des Teufels bewirkt werde: Ansteckende Krankheiten unter Menschen und Tieren, Sturm- und Feuersbrünste, Gewitter und Hagel, Reichtum, Sinnestäuschungen, Liebesleid und Eifersucht. Man glaubte, Hexen und Hexenmeister schließen einen Bund mit dem Teufel, übergeben ihm Seele und Seligkeit und erhielten dafür übernatürliche Macht und geheimnisvolle Mittel, so dass sie den Elementen gebieten, das Wetter machen, Schätze heben, Menschen, Tieren und Früchten allerlei Schaden zufügen, sich selber verwandeln, ihre Leidenschaften: Ehrgeiz, Habsucht und sinnliche Lust befriedigen könnten. Die meisten Hexen gehörten dem weiblichen Geschlecht an, das, wie man meinte, für solche Teufelsverbindungen besonders empfänglich sei; auch war man des Glaubens, dass alle Hexen durch ein eigenes Zeichen, das Hexenmal, einander kenntlich seien, auch dass sie sich zu ihren Zaubereien einer eigenen Hexensalbe aus Kinder-, Tier- und Pflanzenfett bedienen und zu gewissen Zeiten auf Besen, Gabeln und Tieren durch die Luft reiten. Dabei dürften sie den Namen Jesus nicht aussprechen, weil sie sonst unfehlbar aus der Luft auf die Erde niederstürzten; auch das Geläute geweihter Glocken hemme ihren Weg, weil sie bei solchem Läuten da, wo sie gerade sind, niedergesetzt würden; sie müssten daher ihren Ausflug zwischen dem Abend- und Morgenläuten vollbracht haben. Als Versammlungsorte derselben galten die Kreuzwege (Kreuzungspunkte zweier Straßen), besonders aber große Steine auf Hügeln oder Bergen, z. B. der Heidenkessel zwischen Bischofsheim und Dittwar, der Kandelstein bei Freiburg; die Galgensteige und „die lange Weide“ bei Lauda, die Kirchenplätze in Oberlauda und Königshofen[S119-1] u. s. w. Dort hielten sie ihren Hexensabbat; dabei müsse jede Hexe dem Teufel zuerst Rechenschaft geben über alles Übel, das sie seit der letzten Zusammenkunft verübt hat; diejenige, die wenig oder gar keinen Schaden gestiftet habe, erhalte Schläge; dann folge Anbetung des Beelzebub und schändlich wilde Ausschweifung. Trotz des Essens und Trinkens seien die Hexen des morgens überaus hungrig, dabei müde und schwindelig und daran leicht zu erkennen.
#4. Die Verfolgung der Hexen. Hexenprozesse.
Da die Existenz des Hexenwesens im 16. und 17. Jahrhundert von Niemand angezweifelt wurde, war es sehr selbstverständlich, dass die staatliche Gesetzgebung dagegen einschritt; und da bei dem damals außerordentlich strengen Criminalrecht[S119-2] die Folter
angewendet und viele Vergehen mit dem Tod bestraft wurden, die jetzt nur durch Gefängnis geahndet werden, da ferner die häufige Todesstrafe noch durch Verbrennen, Vierteilen und Pfählen verschärft wurde, kann es nicht wundern, dass auch den Hexen gegenüber ungemein scharfe Maßregeln in Anwendung kamen.
Durch Einführung der „peinlichen Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karl V. von 1532 wurde an Stelle des deutschen Rechtes das byzantisch-römische eingebürgert, welches die Zauberei als gemeines, todeswürdiges Verbrechen bezeichnet, bei dessen Verfolgung die Gefangennahme, auch ohne Beweis auf bloßen Verdacht hin gestattet, und der Schuldbeweis nicht in die Überführung durch Zeugen, sondern in das Bekenntnis des Beschuldigten gesetzt wurde. Das Bekenntnis konnte durch die Tortur (Folter) erzwungen werden[S120-1], die den Hexen gegenüber ärger und grausamer angewendet wurde als gegen andere Verbrecher, indem man oft noch über das hinausging, was die „peinliche Halsgerichtsordnung“ gestattete.
Der Augenzeuge Meyfarth[S120-2] berichtet: „Obschon es anderwärts nicht gebräuchlich ist, einen Verbrecher über eine Stunde in der Marter zu lassen, so ist es doch in Deutschland soweit gekommen, die Peinigung durch einen Tag, durch Tag und Nacht, durch zwei, drei, vier, fünf und mehr Tage und Nächte zu wiederholen, weil der Henker nicht aufhört zu quälen, der Richter es nicht vergißt, von neuem zu befehlen. Ich habe in meiner Jugend baumstarke Männer gesehen, welche von der Leiter kamen und sagten, sie wollten lieber zehnmal sterben, als einmal die Leiter besteigen. Doch war diese Tortur nicht der 20. Teil der heute im Hexenprozeß üblichen Marter.“
Mit diesem Verfahren konnte man natürlich fast bei Allen jedes beliebige Geständnis erzwingen, da die armen Leute lieber Alles, auch das Unmögliche, gestanden, und lieber den Tod erlitten, als lange solch unmenschliche Qualen zu ertragen. Und da in den meisten Fällen mit besonderer Gier nach Mitschuldigen gefragt wurde, so nannten die Unglücklichen, nur um Ruhe zu bekommen, eine Anzahl Namen, gegen die nun als Hexen das nämliche Verfahren eingeleitet wurde, so dass aus jedem Scheiterhaufen 2—10 neue Hexen entstanden.
#5. Große Zahl der Hexenbrände.
So nahm die Hexenverfolgung eine maßlose Ausdehnung in ganz Europa; in protestantischen Ländern nach dem Zeugnis des
damals hochangesehenen protestantischen Gelehrten Thommasius[S121-1] sogar noch mehr als in katholischen Gegenden. — Als in Folge der kalten Jahrgänge 1626 und 1628 Misswachs und Teuerung Bischofsheim und die Taubergegend heimsuchten, glaubte das Volk, daran seien die Hexen schuld und verschärfte die schon seit 1580 bestehende Verfolgung derselben.
#6. Hexenbrände in Wertheim.
In der Grafschaft Wertheim forderte der Hexenwahn 80 Opfer, die verbrannt wurden; von zweien hat sich das in vieler Hinsicht interessante Urteil vorgefunden, das wir hier anführen:
„Urtel[S121-2] zwoer Hexen, die den 23. Juli 1630 allhie zu Wertheim, Stadt, verbrandt worden.
Uff gegenwärtiger, obrigkeitlichen, Amptshalber angenommener auß genugsamen redlichen Anzeigungen in verhafft gezogener, gut und peinlich gefragter zwoer Weibspersonen eigene beständige, zu verschiedenen malen wiederholte, gerichtliche Bekanntnus ... Erkennen die hochwohlgeborenen unsere gnädigen Grafen und Herren zu Löwenstein Wertheim zu recht:
dass sie beede wegen Vergessung ihres Glaubens, absagung der H. Hochgelobten Dreifaltigkeit, hingegen angerichter Bündnus und Vermischung mit dem laidigen Sathau, Besuchung der teufflichen Dänz und Zusammenkunfften, Vergifftung und ertötung der Menschen, sonderlich aber Agnes, weiland Lorentz Köhlers hinderlassene Witib, wegen gotteslästerlicher Misbrauchung der H. Sacramenten, gebraucht — und ihrer Schnur (Schwiegertochter) beygebrachten Gifts, ertötung eines unmündigen Kinds, Junggesellens, Und Mithilf zweer anderer Männer, Ausgrabung etlicher Kinder, Umbringung etlichen Viehes, understandenen Wetter- und reiffenmachens, Katharina Peter Wormuts zu bettingen Weib aber wegen eugenen Ehmanns vergifft- und Ermordung. — jene zwar aus gnaden, diese aus verdienst nach Ausweiß gemeiner, beschriebener geist- und weltlicher recht, sondern aber der peinlichen Halsgerichtsordnung, andern zum abscheulichen Exempel und ihnen selbst zur wohlverdienten Straff mit dem Schwert vom Leben zum dodt hinzurichten und hernach ihre leiber zu Aschen zu verbrennen seyen, wie dann hochgedachten Ihrer Gnaden (die Grafen v. Löwenstein-Wertheim) diese beede Weibspersohnen hiemit Craft dieser Urthel dazu condemniren und verdammen als von rechtswegen. Publicatum. Wertheim 23. July 1630.“
#7. Hexenbrände in den Gebieten von Würzburg und Mainz.
In dieser Zeit wurden in Bamberg allein, wie wir aktenmäßig nachweisen können, 285 Personen verbrannt, es sollen aber
600 gewesen sein; in den Gebieten von Bischofsheim und Würzburg mehr als 900 Personen, darunter sogar 19 Geistliche; denn auch diese wurden nicht geschont, wenn Jemand Verdacht gegen sie erhob. Der berühmte (protestantische) Jurist Carpzow, der Gesetzgeber Sachsens, soll nicht weniger als 20,000 Todesurteile bestätigt haben.
Im Erzstift Mainz scheinen die Hexenbrände früher angefangen zu haben als in allen andern geistlichen Gebieten. Seit dem Jahr 1593 geriet der ganze mainzische Odenwald, Buchen und Walldürn, die Tauber- und Maingegend mit Bischofsheim und Aschaffenburg in „wilde Bewegung zur Ausrottung alles teuflichen Geschmeißes“ und bewirkte eine Hexenverfolgung. „Der Kurfürst von Mainz, Adam v. Bicken, hat seit 1601 mit großem Ernst angefangen, den abscheulichen Gräuel der Zauberei und Hexerei auszurotten und hat zu Aschaffenburg und anderen Orten etlich viel Personen, so mit solchem Laster behaftet, mit dem feuer strafen und hinrichten lassen.“[S122-1]
Zu Gerolzhofen bei Würzburg wurden in einem Jahr 90 Hexen verbrannt.[S122-2] Im Jahr 1602 wurde die Steinbachin aus Marbach als Hexe „mit Feuer vertötet.“[S122-3] Im Jahr 1603 erschien in Frankfurt a. M. „Eine wahrhaftige Zeitung von etlichen Hexen oder Unholden, welche man kürzlich im Stift Mainz . . .. verbrannt, was Uebles sie gestiftet und bekannt haben.“[S122-4] Aus dem Jahr 1612 meldeten die Jesuiten aus Aschaffenburg, dass „die furchtbaren Schaaren der Hexen hier Alles mit Schrecken erfüllen; der Kurfürst habe ein 3tägiges Fasten ausgeschrieben und eine feierliche Prozession gehalten zur Abwendung der Hexengräuel.“[S122-5]
#8. Die Hexen in Buchen, in den Ämtern Boxberg, Krautheim und in Ballenberg.
In Buchen richtete die Bürgerschaft an den Kurfürsten ein vom Schreiber des Freiherrn Hans v. Rüdt verfaßte Bittschrift: „Es wolle die liebe von Gott eingesetzte und von Gott mit scharfem Verstand begabte Obrigkeit eine heilsame Strafe verordnen gegen die dem leidigen Satan fürsichtig ergebenen Zauberer.“ Zum Beweis dafür, dass solche in großer Menge vorhanden, wurde angeführt: Ein Thorwart habe in der Vorstadt ein Springen, Tanzen und Getümmel vernommen, wie wenn alle Häfen zerschmissen würden, worauf ein gräulicher Platzregen erfolgt sei; ferner habe ein Bürger, der um Mitternacht aus einem Wirtshaus gekommen, Alles um sich herum tanzen sehen
und „eine merkliche Anzahl teuflichen Zaubergesindels in Menschengestalt, schwarz angethan, auf der Gasse herum tanzen und springen bemerkt, und sei das vom leidigen Satan wider alles Verbot geistlicher und weltlicher Obrigkeit mit seinen untergebenen teuflischen Instrumente zu keinem andern Ende gerichtet, denn sein Reich durch solche verdammliche Freude zu erheben.“
Sofort folgten darauf Einziehungen und Folterungen von „Hexen“. Eine derselben wurde angeschuldigt, sie habe einen Geigenbogen in eine Kuh hineingezaubert. Wer nicht gestehen wolle, „gegen diejenigen solle mit Schrauben und Daumeisen angefangen und mit den andern Instrumenten fortgefahren werden“, befahlen die Räte zu Mainz. Als der Oberamtmann eines Tages nach Mainz berichtete, er habe wieder 5 verbrennen lassen, wurde er von den Räten, obgleich er nicht einmal die Namen der Unglücklichen nannte, wegen seines Eifers belobt.[S123-1]
Ähnlich verfuhr man mit den Hexen in Ballenberg[S123-2] und in den Ämtern Boxberg[S123-3] und Krautheim.[S123-4]
#9. Hexen in Lauda, Bischofsheim, Marbach, Gerlachsheim, Königshofen. Prozess in Lauda.
Im April 1603 wurde in Lauda die Ofenmacherin als Hexe eingezogen, sie war damals 53 Jahre alt, und da sie ein Geständnis verweigerte, weil sie mit Wahrheit keines machen konnte, wurde sie 10 Wochen lang mit allerlei Drangsal gepeinigt; am 23. Juni wurde sie wieder vorgeführt; gegenwärtig waren H. Schliederer, Dr. Meyer, Hofschultheiß u. s. w. Man spannte sie auf die Leiter[S123-5] und unter den Schmerzen bekannte sie, sie sei mit der Schultheißin im gemeinen Holz bei Lauda gewesen, um Holz zu sammeln, und habe mit ihr getanzt, wo ein schwarzer Mann mit der Pfeife gespielt und dann auch mit der Schultheißin getanzt habe; sie habe bereits 6 Jahre Gott und allen Heiligen im Himmel abgeschworen. Sie sei ganz arm und ohne Brot gewesen und hätte geweint, da sei der Böse gekommen in einem schönen grünen Kleid, der habe sich Federkiel genannt und ihr versprochen, wenn sie sein Eigentum sein wolle, wolle er ihr Geld geben, habe ihr auch einen Vierbätzner gegeben, wofür sie sich Brot gekauft habe. In diesem Jahr hätte sie zur Fastenzeit einen Hexentanz in der langen Weide mitgemacht, wobei sie zwar Wein, aber kein Brot gehabt hätten. Viele Leute seien gegenwärtig gewesen, und zwar die Marg. Kannengießer und ihre an den Schäfer verheiratete Tochter Ottilie zu Lauda, des Pfarrers Magd Margareth, die alte Schultheißin, die alte Heckerin, Hemeleins Else, die Marg. Schubart, eine Beckin aus Königshofen, samt etlichen andern von Königshofen, von denen man 4 bereits verbrannt habe.
Auf diese Aussage setzte man mit der Tortur aus, und sie bekannte
weiter, dass beim 2. Tanz an der Galgensteig die Vorigen gleichfalls gegenwärtig gewesen wären, dass sie auf einer Gabel dahin gefahren, und dass sie eine Hexensalbe in einem kleinen hölzernen Büchslein erhalten habe. Das Ammenfräulein habe solche verfertigt; dazu habe sie ein ungetauftes Kind, des Alberti Tochter-Kind, aus dem Kirchhof ausgegraben, in ein altes Tuch gewickelt und zu Hause gesotten; aus dem Fett sei die Salbe gemacht worden. Auf dem Tanz des verflossenen Jahres in der Fasten hätte sie (die Ofenmacherin) ein Kieselwetter gemacht, in dem sie in des Teufels Namen Kornähren, Weinaugen, Birn- und Apfelknospen in das Wasser geworfen habe.
Beim 3. Hexentanz zu Königshofen unter der Linde, lang nach der Fasten, fuhr sie fort, hätte ein Pfeifer auf einem Katzenschwanz gepfiffen und hätte man den Wein in ledernen Flaschen beigebracht, auch mehrere Vögelein auf den Tisch gesetzt.
Beim 4. Hexentanz zu Oberlauda unter der Linde bei der Kirche hätten die Margareth Kannengießer mit ihrer Tochter Ottilia, des Pfarrers Magd und die Ammenfrau von Marbach und Lauda, welche beide in Lauda bereits verbrannt worden, geleuchtet, wobei der Böse ihr gesagt, sie solle 3mal in des Teufels Namen ausspeien und Gott und seinen Heiligen absagen; das habe sie auch in der Kirche und beim Grasen getan.
Hierauf wurde sie wieder auf die Folter gebracht, und sie bekannte weiter, sie habe das hl. Sakrament (von der hl. Communion) dem Bösen zur Verunehrung überbracht, drei von ihren Kindern auf Geheiß des Ammenfräuleins mit der Hexensalbe gesalbt, wodurch dieselben lahm geworden seien; die alte Wirtin zu Marbach, die Strohschneiderin zu Kützbrunn, die Ammenfrau und die Walburg seien gleichfalls Hexen; die letztere sei ihre Gevatterin und sei auch mit ihr gefahren; doch möge man die genannten Personen selber fragen, ob es wahr sei. Damit beschloss man die Untersuchung am Vormittag.
Am Nachmittag wurde die Ofenmacherin wieder vorgeführt, behauptete aber nun, sie habe den angegebenen Weibern unrecht getan, Gott nie abgesagt und wisse von der ganzen Hexerei gar nichts, als dass sie die Urteile bei den Hexenprozessen in Königshofen und Tauberbischofsheim habe vorlesen hören.
Mit diesem Widerruf unzufrieden, spannte man sie wieder auf die Folter und der Schmerz zwang sie zu folgendem Geständnis: Der Knecht des Mundhauser, Schinder-Kaspar genannt, habe das von dem Schmieds Margaretlein ausgegrabene Kind zugerichtet; 16 Kinder seien ausgegraben worden, sie und die Ammenfrau haben solche gesotten und aus dem darauf gestandenen Fett Hexensalbe verfertigt; sie sei oft durch den Schlot zum Tanz gefahren, wo der Pfeifer mitten in der Linde saß und den Tanz:
„Pfeifen wir den Firletanz den Burlebanz u. s. w.“
gepfiffen habe. Dass sie solches vorhin geleugnet, dies hätte ihr der böse Geist mit dem grünen Kleid befohlen. Bei einem Tanz seien gegen 300 gewesen. Dabei müssten die Armen stets leuchten, sie dürften auch niemals mit
den Reichen fahren. Heute Mittag sei der böse Feind zu ihr gekommen und habe sie so arg geschlagen, dass sie in Ohnmacht gefallen sei; sie wolle aber dessen ohngeacht alles geständig sein und bleiben.
Am 26. Juni wurde sie wieder ins Verhör gezogen; ihre Aussage stimmte mit der vorigen überein, nur setzte sie noch bei, dass die Absage Gottes mit den Worten geschehen sei: „In Teufels Namen verschwöre und widersage ich Gott und allen seinen Heiligen.“ Wenn die Weiber Wetter machen wollten, klopften sie mit Schlüsseln. Der Schultheißin, die in Lauda gefangen sitze, habe sie unrecht getan und nur wegen Schmerzen der Folter habe sie jene genannt; auch sei der Teufel nicht zu ihr ins Gefängnis gekommen.
Als man sie am 1. Juli nochmals im Rathaus verhörte, erklärte sie, Alles nur wegen der Tortur bekannt zu haben und gestand nun Nichts mehr; sie habe keinen Teufel, sei unschuldig und wolle darauf sterben und sich ein Glied vom andern stückweis abnehmen lassen. Was sie von Andern bekannt habe, gründe sich nur auf die Sage der Leute; sie habe gedacht, wenn sie ausgeführt werde, wolle sie ihre Aussagen gegen die genannten Weiber widerrufen; sie selber vermöge wahrlich nichts Böses zu tun, und was sie ausgesagt habe, sei aus großer Marter geschehen; wenn sie eine Hexe wäre, wollte sie gerne sich verbrennen lassen und sterben; die Herren sollten nur ihr Leib und Seel nicht beschweren.
Diese Aussage war gegen alle Erwartung der Untersuchungskommission.
Sogleich wurde daher die Angeschuldigte gebunden und auf die Folter gespannt; die Schmerzen waren so arg, dass sie zu jedem Geständnis, wie die Kommission es wünschte, bereit war. Die arme Frau bekannte, eine Hexe zu sein; sie habe vor 3 Jahren dem blinden Lienlein ein braunes Pferd mit der Hexensalbe über den Rücken gesalbt, woran es gestorben, und ihm auch ein Schwein, dem Becken Dörlein aber eine Geis umgebracht und dem Hexentanz zu Königshofen beigewohnt; dort sei auch die Pfaffenbeckin, die Schreinerin, gegen 5 allbereits verbrannte Weiber zu Königshofen, einige Weiber aus Gerlachsheim, zwei bereits verbrannte Weiber aus Tauberbischofsheim, im Ganzen gegen 50 Personen gegenwärtig gewesen. Den Wein habe man in ledernen Flaschen herbeigebracht, Vögel, den Spatzen ähnlich, aufgetischt, Kuchen und Weck genossen, sie selbst habe damals geleuchtet. Bei dem Tanzen in „der langen Weide“ habe sie von der Hexensalbe ins Wasser geworfen und dadurch einen Rauch und ein Kieselwetter verursacht; auch sei in der Walpurgisnacht (1. Mai) der Wein erfroren; sie wisse aber Niemand von Lauda, der dabei gewesen außer den Weibern von Königshofen, Gerlachsheim und Bischofsheim.
Im Tanz auf dem Geisberg oder Galgensteig, wo der Tisch unter dem Galgen gestanden, habe sie mehrmals geleuchtet, der Pfeifer habe auf einem Katzenschwanz gepfiffen und man habe über Bäume und Dornhecken hinweg getanzt. Auch sei sie bei dem Hexentanz in Oberlauda und Königshofen gewesen. Mit ihren Kindern habe sie Nichts verrichtet, bei der Absagung Gottes dreimal ausgespieen, in Teufels Namen Gott und seinen Heiligen entsagt und 4 Batzen an halben Batzenstücken erhalten, wofür sie sich zwei Laib Brot
gekauft. Sie habe in dieser Ostern das hl. Sakrament in ihre Hülle fallen lassen und solches auf der Wiese am Gerlachsheimer Weg dem bösen Geist gegeben, welcher solches mit einem Messerlein gestupft habe; auch im vorigen Jahr habe sie ein Gleiches dem Bösen gegen Pfingsten gegeben; damals sei beim Stupfen Blut herausgeflossen.
Nach diesem Bekenntnis ließ man mit der Tortur nach, und nun sagte sie, sie wisse von der Strohschneiderin, Beckin, Schreinerin, den 3 zu Königshofen und Lauda verbrannten Weibern, von der Kannengießerin, Brönnfleckin und der alten Schultheißin nichts anderes, als was man allgemein von ihnen erzähle. Damit wurde die Untersuchung des Vormittags geschlossen.
Nachmittags wurde sie von demselben Gerichtspersonal wieder vorgefordert und gefragt, ob sie bei ihrer vorigen Aussage stehen bleibe. Sie erwiderte, sie und die Kannengießerin seien solche Weiber. Letztere sei 8 Tage nach Ostern das erste mal beim Hexentanz zu Königshofen gewesen, wo auch 2 Weiber aus Tauberbischofsheim anwesend waren, welche sie aber nicht kenne, weil man beim Tanzen keine mit ihrem Taufnamen, sondern von dem Orte benenne, wo sie her sei. Die Kannengießerin sei auch in der Walpurgisnacht beim Hexentanz an „der langen Weide“ gewesen, wo sie Salbe in die Tauber geworfen und dadurch ein Kieselwetter am Nachmittag verursacht habe. Auch habe damals ein Weib aus Bischofsheim großen Schaden verursacht dadurch, dass sie ein Häfelein, so am Feuer stand, umwarf. Von „der langen Weide“ sei sie mit der Kannengießerin zum Tanz auf den Geisberg gefahren, wo Wein, Kuchen, kleine Vögel, doch ohne Salz, genossen worden. Von da sei sie nach Oberlauda unter die Linde zum Tanz gefahren; dieses Tanzen sei aber vom gewöhnlichen Tanzen durch Springen und Hüpfen sehr verschieden. Die Gänse von Lienleins Weib habe sie auch umgebracht. Der Kannengießerin wolle sie Alles, was sie von ihr gesagt, unter die Augen sagen. Wenn sie aber bisher geleugnet, so sei es geschehen, weil sie meinte, dadurch heutlassen zu werden und wieder nach Haus zu kommen. Nun wurde das Nachmittags-Verhör geschlossen.
Am 14. Juli wurden die Ofenmacherin und die Strohschneiderin zugleich vor Gericht gestellt, um aus der Gegenüberstellung zu hören, ob die Aussage der ersten gegen die Strohschneiderin sich bestätige. Die Ofenmacherin versicherte, als sie 1/2 Jahr lang in Küttelsbrunn (Kützbrunn) das Vieh gehütet, sei die Strohschneiderin zu ihr gekommen und habe sie eingeladen, mit ihr zum Hexentanz nach Königshofen zu fahren, sie habe jedoch sich nicht darauf eingelassen; so sei nun die Strohschneiderin allein auf den Tanz nach Königshofen gefahren, wo sie dieselbe angetroffen habe: sie wolle darauf sterben, dass die Strohschneiderin ein solches Weib (eine Hexe) sei.
Damit endete die Untersuchung. Die Ofenmacherin wurde als Hexe verurteilt und lebendig verbrannt. Der ganze Hexenprozeß zeigt aber, wie man durch die Tortur Geständnisse erzwingen und mit Beinschrauben, Zug und Leiter selbst die unschuldigsten Menschen zu Hexen machen konnte.[S126-1]
#10. Schuld und Unschuld der Hexen.
So wie diejenigen ganz neben das Ziel schossen, welche angeblich alle Hexerei für baare Münze und Teufelsbündnis annahmen, so würden aber auch diejenigen irren, die meinten, es seien alle Hexen und in jeder Hinsicht unschuldig gewesen; die Frage, ob und wie weit wirkliche Bündnisse mit dem bösen Geist vorkamen, lassen wir zunächst ganz dahin gestellt.[S127-1]
Mit den religiösen Wirren des 16. Jahrhunderts und dem Bauernkrieg war eine so arge sittliche Verwilderung in ganz Deutschland eingerissen, dass Luther selber mit harten Worten klagt über die allgemeine Herrschaft von Geiz, Wucher, Zorn, Neid, Völlerei, Überhandnehmen von Gotteslästerung und Sittenlosigkeit und der protestantische Superintendent Andreas Musculus schreibt: „Sodoma und Gomorrha sind Kinderspiel gegen die jetzt umlaufende Sittenlosigkeit.“[S127-2] Damit nahmen Diebstahl, Raub, Mord, Brandstiftung und ruchlose Anschläge gegen das allgemeine Wohl in schrecklichem Maße überhand; der allgemein herrschende Aberglaube, wornach alle diese Dinge auf Anstiften des Teufels geschehen, drückten dem gesamten Verbrecherwesen den Charakter des Dämonischen auf. Selten hat die Giftmischerei verbunden mit den wüstesten abergläubischen Formeln so geblüht, wie in dieser Zeit. Zaubertränke, Zauberformeln, Beschwörungen, Verwünschungen, Anrufungen des Teufels, Verträge mit dem Teufel spielten massenhaft in die verbrecherischen Taten hinein, welche gegen Leib und Leben des Nächsten unternommen wurden.[S127-3]
Viele, die zu anderen Zeiten und unter andern Verhältnissen wegen natürlicher Verbrechen wären abgeurteilt und gestraft worden, wurden jetzt wegen Hexerei und Teufelsbündnis in Untersuchung gezogen.[S127-4]
So handelte es sich bei vielen Hexenprozessen, wenn auch nicht um eigentliche Hexen, doch keineswegs um lauter Unschuldige, die lediglich dem Hexenwahn und der Hexenfurcht zum Opfer fielen.
Trotzdem war aber die Zahl der ganz Unschuldigen erschreckend groß.
In vielen Fällen wurden Geisteskranke, die an Wahngebilden des Gesichtes oder des Gehörs litten, als Hexen verbrannt. Denn das, was sie über Hexerei von Jugend auf gehört hatten, bildeten sie sich ein und erzählten es vor Gericht, als hätten sie es selbst mitgemacht und hatten, da man für solche noch wenig Verständnis besaß, „gestanden“. In gleicher Weise wurden auch andere Kranke, Epileptische, mit hysterischen Krämpfen Behaftete, Nachtwandler und Nachtwandlerinnen als Zauberer und Hexenmeister vor Gericht gezogen.
Aber auch die niederträchtigen Leidenschaften der Menschen, Habsucht, Neid, Rachsucht, Verläumdung, Blutgier und Mordlust stempelten viele zu Hexen, die dann auf einfache Beschuldigung oder Anzeige hin in „peinliche Untersuchung“ genommen wurden.
#11. Die Verteidiger der Hexen.
Der erste und eifrigste Bekämpfer der Hexenprozesse war der berühmte Jesuitenpater Friedrich Spee, der sich lange in der Gegend von Bischofsheim, vorzüglich in Würzburg, aufhielt und als Beichtvater von wohl mehr als 1000 zum Tode verurteilten Hexen, die er alle zum letzten Gang begleitete, eine Sachkenntnis besaß, wie kein zweiter; er gestand, dass man ohne groben Unverstand die Möglichkeit eines Bundes mit dem Dämon nicht leugnen könne, da viele Geständnisse auch ohne Folter und ohne Drohung von solchen, die allen gerichtlichen Nachforschungen unbekannt blieben und entgingen, vorliegen, dass aber nahezu Alle, deren qualvollen Tod er mitansehen musste, unschuldig gewesen seien; ihm nagte das gräßliche Unglück der unschuldigen Hexen so arg am Herzen, dass frühzeitig sein Haar schneeweiß sich bleichte; er war der erste, der es wagte, dem grauenvollen Aberglauben entgegenzutreten; das tat er nicht nur auf die Gefahr hin, selber für einen Hexenmeister gehalten zu werden, den Richtern gegenüber, sondern auch in einer eigenen Schrift: Cautio criminalis, die in ganz Deutschland unerhörtes Aufsehen machte. Bald schlossen sich ihm andere an, so sein Ordensgenosse Tanner, und viele andere; später kamen auch noch viele protestantische Schriftsteller und die trüben Wogen dieses entsetzlichen Wahnes verliefen sich allmählich; doch wurde noch 1749 Maria Renate in Würzburg als Hexe hingerichtet; als letzte Hexenver-
brennung in Europa geschah die eines 17jährigen Mädchens im protestantischen Kanton Glarus 1783.
#7. Zunftordnungen von Bischofsheim und dem Amtsbezirk.
#1. Allgemeine Zunftregeln.
Seit vielen Jahrhunderten war in Tauberbischofsheim und dessen Bezirk das Zunftwesen geordnet wie in allen Städten des deutschen Reiches. Wenn wir jetzt auch nicht mehr alle damaligen Zunftvorschriften rechtfertigen wollen, so hatten sie doch vieles, um dessen willen man sie heute noch wohl beneiden dürfte.
„Jede Stadt bildete in allen Lebensbeziehungen eine selbständige, in sich abgeschlossene Genossenschaft, welche die Gesamtheit ihrer Angehörigen als eine Familie im Großen ansah, für deren Wohlfahrt sie nicht weniger zu sorgen habe als jeder Hausvater für die Seinigen. Diese Sorge galt als unverbrüchliche Pflicht und erstreckte sich nicht allein auf das geistige, sondern auch auf das leibliche Leben. Zu diesem Zweck regelte die Obrigkeit im Interesse des gemeinen Nutzens und Frommens nach den eigentümlichen Verhältnissen jeder Stadt die gesamte Erzeugung, Verteilung und Verwendung der Güter, sowie deren Preise und Absatz. Um jedem einzelnen Bewohner innerhalb der städtischen Bannmeile alle notwendigen Waren für Nahrung, Kleidung und Wohnung in Bereitschaft zu legen, wirkte man dahin, daß jede gewerbliche Arbeit in der Stadt vertreten sei, und zog, so lang dies nicht der Fall, aus fremden Städten unter besonderen Vergünstigungen Handwerker herbei. Dagegen waren nun auch, um den Unterhalt der städtischen Arbeiter zu sichern, die Bürger gehalten, nur bei diesen, nicht bei auswärtigen, ihre Bestellungen und Einkäufe zu machen. Den gewerblichen Arbeitern wurde somit der ausschließliche Gewerbetrieb und der Absatz ihrer Erzeugnisse innerhalb der städtischen Bannmeile als Recht zugesprochen; sie erhielten ein Recht auf Arbeit. Die Arbeit sollte ein bleibendes Besitztum sein und wie das Grundeigentum einen sicheren Ertrag abwerfen; ihre Befugnisse durften daher von Niemand verkümmert werden.“[S129-1]
Arbeit und Religion waren derart mit einander verbunden, dass jede Zunft den Charakter einer religiösen Körperschaft hatte;
die Zunftgenossen sollten als Brüder in jeder Not einander zu Hülfe sein, den Erkrankten oder Verarmten aus der Zunftkasse milde Gaben reichen, die verarmten Gestorbenen auf Kosten der Zunft beerdigen, sich der Witwen und Waisen annehmen, aber auch die übrigen Armen brüderlich bedenken.[S130-1]
Die Beschaffung des Rohstoffes geschah nicht durch den Einzelnen, sondern durch die Zunft, entweder durch besondere damit betraute Genossen und zu gleichen Teilen nach dem Bedürfnis unter die einzelnen verteilt, oder es wurden Einkaufsplätze oder bestimmte Einkaufszeiten festgesetzt, so dass allen Zunftverwandten die Möglichkeit geboten wurde, dasselbe Material zu gleicher Zeit anzukaufen. Wer Gelegenheit zu einem größeren Kauf fand, musste der Zunft Mitteilung machen, so dass jeder nach Belieben sich daran beteiligen konnten; oder er musste nach dem Kauf im Großen einen Teil zum Kostenpreis den Brüdern ablassen, denn alle sollten „sich gleichmäßig ernähren können und der Vorteil der ärmeren Art sollte gewahrt werden.“[S130-2]
Um die Produktionskosten für Alle gleich zu machen, bestimmte die Zunft den Arbeitslohn der Gesellen und überhaupt das ganze Verhältnis zwischen den Meistern und Gehilfen. Keiner durfte einen Lehrjungen oder Gesellen annehmen, der einem Mitbruder mit Unrecht entlaufen oder mit Recht von diesem entlassen war, oder der sich gegen das Handwerk oder gegen die gute Sitte vergangen hatte, noch durfte einer dem Zunftgenossen einen Arbeiter abwendig machen.[S130-3]
Aus demselben Grund wurde von Zunftwegen bestimmt, wie viel Lehrlingen und Gesellen jeder Meister halten, und dass er deren Arbeitskräfte nicht übermäßig anstrengen durfte.
Interessant ist die Zunft- und Gewerbeordnung, welche 1617 der kurmainzische Amtmann Caspar Lerch von und zu Dürmstein in Tauberbischofsheim „von newem hat auffrichten“ lassen. Wir geben die interessantesten Punkte im Wortlaut:[S130-4]
#2. Die Metzgerordnung.
„Metzgerordnung durch Woledlen Gestrengen Caspar Lerch von und zu Dürmstein, curf. Mayntz. Ambtmann allhie zu Bischofsheim auffgerichtt und auß altem herbringen hiehero verfaßt, Im Jahr Christi 1617.
Erstlich sollen sich die Metzger alle Jahr um Mittfasten um ein Satz bieten und sich demgemäß verhalten bei Straf (d. h. den Preis aufstellen und einhalten.)
Zum andern solle sie vornämlich in die österlich Zeit, aber auch andern Zeiten, auf Einkauf guter polnischer oder ungarischer Ochsen samt Mastschwein an Weihnacht befleißen.
Zum dritt sollen sie weder innerhalb noch außerhalb der Wochenmärkte ohne vorhergegangene Besichtigung und Genehmigung der verordneten Schätzer (Fleischbeschauer) kein Rindfleisch aushauen.
Zum vierten sollen sie kein Fleisch in ihren Häusern, sondern alles unter offener Fahne verkaufen.
Zum sechsten: Die Spätling und Lämmer vierteilsweis oder überhaupt mit den In- und Beigehörungen zu verkaufen, ist den Metzgern nicht länger erlaubt als bis Laurenzi (10. August); aber nach Laurenzi sollen sie es pfundweise unter der Schranne und nicht in den Häusern aushauen bei 2 Taler Straf.
Zum siebenten sollen die Metzger alle Jahr zwischen Jakobi (25. Juli) und Bartholmäi (24. Aug.) gute Hämmel in die Stadt bringen, welche nach Besichtigung ihnen, wie es Herkommen ist, geschätzt werden sollen; sie sollen kein Hammelfleisch länger feil haben noch verkaufen als jährlich bis auf Andräs-Tag (30. Nov.) bei der Buß nach amtlicher Willkür.
Zum achten sollen sie keine Schaf noch Hämmel, welche sie in die Stadt gebracht, und welche sie mit besondrer Vergünstigung der Stadt auf die Stadt-Weide treiben durften, an andern Orten verkaufen bei Straf von 10 fl.“
#3. Fleischtaxe der Metzgerordnung verfaßt den 3. Nov. 1599.
„1 Pfund Rind- oder Ochsenfleisch um 12 Pfg.
1 „ Schmal Rindfleisch nach Erkenntnis der Schätzer.
1 „ Schweinefleisch unausgeschellt 11 Pfg.
1 „ „ ausgeschellt 10 „
1 „ Kalbfleisch 9 „
1 Kalbskopf, ein Gekröse und ein Gelüng 18 „ (Eingeweide.)
1 Pfund Hammelfleisch 9 „
1 „ Schaffleisch 8 „
1 Hammel- oder Schafskopf 9 „
1 Hammelsgelüng 9 „
Wenn die Metzger oder ihre Weiber diese Ordnung in einem oder mehreren Stücken übertreten, sollen sie dem Churfürsten von Mainz mit 5 fl. und der Stadt mit 20 fl. zur Buße verfallen sein.“
#4. Die Kannengießer-Ordnung[S132-1] vom 10. März 1612 verbessert.
„Die Kannengießer sollen ihre Arbeit auf die Nürnberger Prob richten, also unter 100 Pfd. Zinn nicht mehr als 10 Pfd. Blei nehmen; vom Pfd. alten Zinns zu verarbeiten, nicht mehr als 20 Pfg. rechnen; zu diesem Zweck sind ihnen schon von der Stadt die eigens dazu verfertigten Stempel zugestellt worden. Auf keinem Markt des Amts Bischofsheim darf Jemand ihres Handwerks, der diese Probe nicht gebraucht, neben ihnen feil haben.“
#5. Brodtaxe von 1595.
„Verzeichnis, wie die Becken zu Bischofsheim an der Tauber das Rucken- (Roggen-)brod backen und verkaufen sollen; abgerechnet vor Johan Rairen, geschworenen Ratschreiber am 1. Aug. 1595.
Roggenbrod Gewicht und Taxe. Semmel-Gewicht und Taxa.
Wenn man 1 Malter, d. i. 177 3/16 Pfd. oder 177 Pfd. und 6 Loth ausgebackenes Brod kauft um fl., so soll 1 Laib Roggenbrod um 16 Pfg. wiegen Pfd.
| fl. | Pfd. |
|---|---|
| 1 | 11 1/4 |
| 1 1/4 | 9 |
| 1 1/2 | 7 1/2 |
| 1 3/4 | 6 3/4 |
| 2 | 5 5/8 |
| 3 | 3 3/4 |
| 4 | 2 13/16 |
| 5 | 2 1/4 |
| 6 | 1 7/8 |
| 7 | 1 17/28 |
| 8 | 1 13/32.“ |
#6. Bäckerordnung von 1614.
„Aufgerichtet von Casp. Lerch, Kurf. Mainzisch. Amtmann zu Bischofsheim.
Erstlich sollen sich die Becken alljährlich um Mittfasten beim Rat angeben und des Satzes (d. Taxordnung) gewärtig sein und versprechen, die Stadt mit Brod gut zu versorgen. Wer der Fahrlässigkeit überwiesen wird, dessen Handwerk soll niedergelegt und er auch nach Gepühr gestraft werden.
Item Welcher Beck das Weiß- oder Schwarzbrod nicht nach dem Gewicht und nach der Bäckerordnung herstellt, dem soll es durch den Stockmeister (= Gefangenwärter) oder Brodwieger zur Straf und zum Genuss der Armen weggenommen werden. Gleiche Strafe soll den treffen, der zwar genügendes Gewicht liefert, aber das Brod nicht ausgebacken hat.
Item Es sollen die Becken Roggenbrod, zwei Zwölfer Laib und etliche Semmel für 4 Pfg. Wert backen.
Item Es sollen jede Woche 2 Becken abwechselnd unter dem Rathaus täglich Weiß- und Roggenbrod feil haben unter Straf „jedesmales zehn Cornes“ (à 25 Oetinger Pfennig).“
#7. Zunftordnungen der Schuhmacher und der übrigen Zünfte in der Stadt und im ganzen Amtsbezirk Tauberbischofsheim vom Jahr 1696.
Im Jahr 1750 existierten in Bischofsheim folgende Zünfte:[S133-1] Bäcker, Sattler, Büttner, Schuhmacher, Hafner, Weber, Gerber, Maurer, Schmiede, Schneider, Seiler, Bader, Metzger. Im Jahr 1696 erhielten die Schuhmacher von Stadt und Amt eine eigene neue Zunftordnung und nicht lange darnach auch die übrigen Zünfte.[S133-2]
Da der genaue Wortlaut eines solchen Zunftbriefes interessant und lehrreich ist für die damaligen Verhältnisse, geben wir hier wenigstens einen, den der Schuhmacherzunft, ausführlich und genau. Die übrigen Zunftbriefe sind der Hauptsache nach diesem ähnlich.
#Zunftordnung der Schuhmacher von 1696.
Wir Lotharius Frantz Von Gottes Gnaden, des Heyligen Stuels zu Maintz Erzbischof, des Heyl. Römischen Reichs durch Germanien Ertzkantzler und Churfürst, auch Bischoff zu Bamberg ꝛc. Fügen hiemit Jedermenniglichen zu Wissen, als Uns Unsere Bürger und Underthanen des Schumacher Handwercks in Unserer Statt Bischofsheim ahn der Tauber undt dem gantzen Ambt, underthänigst zu Vernehmen gegeben, Was gestalten Sie auß mangel Einer Zunftordnung, nicht allein für sich selber in der Nahrung bißhero merklich beeinträchtigt, undt verkürzt, sondern auch Ihre Kinder, undt andere, so etwa Bey Ihnen das Schumacher Handwerck erlernnt, in frembden Zünftigen Orthen ahn Ihrem Fortkommen allerdings gestecket und verhindert, deßgleichen wohlerfahrene Schuknecht abgewendet würden, Sich in Ihre Werkstätt zu setzten, oder wohl gar in der Statt undt Ambt häußlich niederzulassen: Mit angehoffter gehorsamster Bitt, Wir als der Landtsfürst gnädigst geruhen wolten, Sie undt Ihre Nachkommen mit einer Zunftordnung zu begnaden, dass Wir solche Ihre Zimbliche Bitt in Churfürstl. Gnaden angesehene, und aus Landtsfürstlicher Hoher Macht und gewalt, auch zu Befürderung, sowohl des gemeinen nutzens als Ihres, und Unserer Unterthanen Besseren auskommens, denenselben diese hernach Beschriebene Zunftordnung gnädigst ertheilt undt gegeben haben, geben und ertheilen Ihnen allen sowohl in der Statt, alß dem Ambt Bischofsheim, dieselbe hiemit undt in Craft dieses, also undt dergestalt, dass Sie undt Ihre Nachkommen solchen articuln und puncten alles Ihres Inbalts, Bey Vermeidung derer darin hin- undt wider Bemelter straffen, auch da nötig, andern schärfern einsehens, gehorsamblich geleben undt Nachkommen
sollen, wobey Wir Jedoch Uns undt Unsere Nachkommen ahm Ertz Stifft Maintz, hiemit ausdrücklich Vorbehalten, dieselbe Befindender nothdurft nach zu mehren, zu mindern oder gantz wieder uffzuheben. Wir dan auch dardurch Uns and Unserm Ertz Stift ahn schuldigen Jährlichen Zenten, Steuer, geschoß, auch andern Rechten undt Gerechtigkeiten zumalen nichts Begeben haben wollen, deßgleichen ahn allen jeden Strafgeldern, soviel deren der Zunft hierin zugelassen seindt, Uns und Unserm Ertz Stift jederzeit die helfte zu Unserer Kellerei Bischofsheim geliefert werden solle, undt lauten solche Zunftarticul, wie folget.
Erstlich soll Jährlich Gott dem Allmächtigen, Seiner hochgelobten und gebenedeyten Jungfräulichen Mutter Mariä, undt allen lieben heiligen zu Ehren, den andern Tag nach Philippi und Jacobi, wan es kein Sonntag ist, in Unserer Pfarrkirchen zu Bischofsheim, sowohl für die Lebendige alß abgestorbene Meistern solchen handtwerks, Ein Ambt der Heyl. Mess gehalten werden, wobey ein Jeder Meister fleißig erscheinen, und in die Zunftladen Sechs pfennig geben. Da Er aber endweder Leibsschwachheit oder anderer ohnvermeidlicher geschäften halben nicht erscheinen könte, Solle er sich vorhin Bey denen geschwornen Meistern gebührend entschuldigen, undt nichstoweniger durch jemandt dern seinigen obgemelte Sechs pfennig zur Laden einlegen lassen, Wiedrigen fallß aber ein halb pfundt Wachs zum Gottesdienst verfallen sein;
Zum Andern, Welche nuhn und hinführo in diese Schuhmacher Zunft zu kommen begehren werden, dieselbe undt sonderlich die frembde, so in Unserem Ambt Bischofsheim nicht gebohren, sollen zuvorderst wahrhaffte, schriftliche schein fürlegen, oder doch sonsten glaubhaffte Zeugnus Beybringen, dass Sie Ehrlich gebohren, Sich auch biß dahin Ehrlich undt fromb verhalten haben, deßgleichen, dass Sie keiner anderen Herrschaft, alß Uns undt Unserem Ertz Stifft der Zeit mit ayden, pflichten, oder Diensten zugethan oder leibaigen seyen: Welchem nach, wan solche schein undt hienach folgende Meisterstück sich richtig Befunden, dieselbe alßdann zur Zunft angenohmen undt eingeschrieben werden sollen, welches dan auch von denen Weibspersonen, die sich in das handtwerk verheyrathen undt also die Zunfft erlangen wollen, Ihrer Ehelichen geburth, wohlverhaltenes, undt ledig Brieffen halben zu verstehen, dass Sie Nemblichen dergleichen Vor- undt Ufflegen, oder wenigst mit glaubhafften Zeugen beweisen sollen.
Ebenmeßig undt zum Dritten Sollen dieselbe, welche Meister werden werden wollen, durch Brieffliche glaubwürdige Schein oder sonst wahrhaffte gezeugenus darthun, dass Sie vorhin solches Schumacher handtwerk Bey einem redtlichen Meister undt uffs wenigst zwey Jahr lang, Ehrlich undt gantz außgelernet, und außgedienet, und dan nach denenselben Drey Jahrlang dem Handtwerckh Bey Zünfftigen Meistern in Stätten undt Flecken nachgezogen undt gearbeitet haben.
Zum Vierten Soll Ein jeder, der meister will werden, Er seye inheimbisch oder frembd, Ein Meisters Sohn oder Keiner, oder welche deren Töchter
oder Wittiben Heyrathen, zuvor diese Meisterstückh ohnelagbar machen undt fertigen, Nemblichen: Ein paar guter Leuther Stieffeln, Ein paar guter Bürgerliches Manns- undt Ein paar Weiber-, Sodann ein paar guter Bauerschue, wie Jeder Zeit in der Statt undt Ambt der mode undt manier zu tragen sein würdt, über welche Stückh die Verordnete Vier Schaumeister, ob sie recht undt tauglich gnug gemacht seyen, zu erkennen haben sollen; Jedoch dass Keine partheylichkeit dabey geübet undt getrieben; da aber der ahngehende Meister sich deshalben zu beschweren vermeinen wollte, alßdan von Unseren Beambten, die Erkantnus Vier andern ohnpartheyische alt Meistern des Schuemacherhandhwercks zu Bischoffsheimb uffgetragen, undt in deme allem, denen jungen meistern zu schaden undt nachtheil Keine arglist gebraucht werden solle.
Zum Fünfften, wan die obgemelte Stückh von denen Verordneten Vier Schaw- oder denen andern nachgesetzten Altmeistern für gut erkannt worden, So solle derselbe nach entrichtung des hernachbestimbten Zunfft- undt einschreibgeldts, auch lederne Eymers, zu einem Zunfftbruder undt ins Handtwerkh uff- undt angenohmen, auch desselben Nahmen, undt wo er gebürtig, in das Zunfftbuch eingeschrieben werden, die gefertigte Meisterstück aber, demselben jungen Meister zu Verhütung seines weideren Schadens verbleiben.
Zum Sechsten, Solle ein solcher Junger Meister, entweder alßbaldt oder längstens inner vier wochen, da er ins Handtwerckh angenohmen, ergebenst einen billigen Einschreibgeldt zu Zunftgeldt erlegen; wan er ein frembder und ausländer ist, Fünf Gülden; Ein Meisters Sohn aber, da er sich verheyrathet, undt auch Meister werden will, oder welcher Eines Meisters Wittib oder Tochter zur Ehe nimmt, nur die Helfft, Nemblich drittenhalben Gülden entrichten, von welchem Zunfttgeldt Uns Jedesmahls in Unsere Kellerey Bischofsheim, der halbe Teil geliefert, der andere halbe Teil aber zu nutzen der Zunfft angewendet, undt mit nichten Verzecht werden solle.
Zum Siebenden, Soll auch ein Jeder Junger Meister, wer der ist, alßbaldt ins Handtwerckh geben, einen newen und guten ledernen Eymer, den man in feuersnöthen könne gebrauchen.
Zum Achten, sollen sich alle und Jede Handtwerckhsmeister befleißen, dass Sie Jedermänniglichen umb Sein Geldt mit guter Unverwürflich- undt aufrichtiger arbeith Versorgen, fürnemblich aber sich hüten, dass Sie Kein altes oder Verbrantes leder, noch auch einige Schäfften oder andere Unzuläßige Brandtsohlen mit einflicken undt für New Verkauffen, Bey straff, so offt sichs begibt, Eines Reichstalers, auch uff Befinden, noch scharpfferen einsehens: worüber dan die geschworenen Schaumeistern, in der Zeit gute und unpartheyische Uffsicht pflegen, undt darin Bey doppelter straff niemandt übersehen sollen.
Zum Neunten. Welcher meister einen Lehr Jungen uffdingen will, der soll zuvor Ein gantzes Jahr Meister gewesen sein, Keinen Jungen aber zu Lernen ahnnehmen, welcher Unehelich geboren, oder sonst eines öffentlichen Lasters bezüchtiget were: Deßwegen dan des Jungen Beyständte, sonderlich, da er ein außländer, genugsamen beweis zu erstatten hätten. Es soll auch solche Uffdingung bey indes orths Zunfft- und Zweyen ältesten Meistern be-
schehen undt des Jungen Tauff- undt Zunahmen, wo Er gebürtig, undt wer seine Eltern, dem Zunfftbuch mit Jahr undt Tag richtig eingeschrieben: Der Zunfft Ein Gülden undt für einschreibgeldt fünff albus, sonst aber weiteres nicht, durch den Jungen, oder seine Beyständt entrichtet werden: Wegen des Lehrgeldts, weil wegen Veränderlicher läuffen undt Zeiten nicht wohl ein gewisses für all Zeit zu Verordnen, mag sich ein ieder meister mit Seinem Lehr Jungen, oder dessen Beyständten deshalben, nach billigen möglichen Dingen, undt ohne gefehrde jedesmahle vergleichen.
Zum Zehenden soll ein jeder Lehr Jung, welcher Lehrgeldt gibt, zwey Jahr lang, andere aber, die Keines bezahlen Können, drei Jahr zu Lernen schuldig, die Meister aber Verbunden sein, Ihre Lehr Jungen also güthlich zu halten, undt trewlich zu underweisen, damit vorderist der Meister ehr undt Danck darvon tragen, die Jungen aber Keine befugte Ursach haben mögen sich zu beclagen, oder gar hinweg zu lauffen, welches fallß, wan der Meister schuldig befunden würde, derselb ein solches zu verbessern bey willkührlicher straff angehalten werden; Wann aber die Jung ohne genugsambe Ursachen, (worüber das Handwerck, auch da nötig, in des orths Schultheißen, rath undt gerichten, oder gar Unsere Beambten zu erkennen), darvon gegangen, derselb des bezahlten Lehrgeldts, wofern sich anderst nicht verglichen würde, verlustiget sein solle.
Zum Eilfften, Wan ein Meister, ehe der Lehr Jung das Handwerckh völlig ausgelernet hatte, mit Todt abgehen oder sonst untüchtig werde mögte, solle die Wittib, undt das Handtwerckh alsbaldt verfügen, dass der Jung entweder mit einem guten Schue Knecht bei der Wittib, oder einem andern guten Meister versorget werde; da dan nit allein der Wittib, wie auch sonste allezeit, wan Sie das Handtwerckh fort treiben will, mit einem solchen ihre annehmblichen Knecht ahn Handt gegangen werden solle, Sondern auch dieselbe, da es Ihre Gelegenheit nicht were, mit dem andern meister sich des etwa vorhin empfangenen oder noch Unbezahlten Lehrgeldts halben wirdt wissen zu vergleichen.
Zum Zwölfften, Da nun also der Lehr Jung seine Lehrzeit überstandte, solle dessen Meister demselben wiederumb vor indes orths Zunfft- undt Zweyen ältesten Meistern los undt ledig sprechen, auch solches dem Zunfftbuch ebenmeßig einschreiben laßen, Er der meister aber, Seinen Mittmeistern Ein Viertel wein zu vertrinken bezahlen: Wan auch herunechst ein solcher Schue Knecht von seiner Wanderschafft kommt, undt einen Lehrbriff begehret, soll Ihme derselb under des Handtwerckhs Insiegel undt deren geschworenen Meistern nahmens Underschrift umb erträgliche Gebühr mitgetheilet werde.
Zum Dreizehenden, Solle nit allein ein jedweder Meister, welcher einen Jungen redlich aufgelehrnt und denselben losgesprochen, macht haben, also gleich einen andern zu lehrnen undt ufzudingen: sondern auch der bisherige missbrauch, wie lang nemblich ein Schumacher Knecht, so Meister zu werden Verlanget, im- oder andern orths gearbeitet haben müße, gäntzlich ufgehoben sein, also dass ein Jeder, welcher sein Schuemacherhandtwerck wohl verstehet, undt im übrigen, lauth dieser ordnung geschickt undt tauglich Befunden wirdt,
ohne weigerlich, undt ohne Underschied der frembden undt einheimbischen Zur Zunft eingenohmen werden sollen.
Zum Vierzehenden, Soll allwegen der Jüngste Meister, so in die Zunft Kommet, des Handtwerckhs Knecht sein, alles was Ihme Von Unser- oder der Zunft wegen zu Verrichten anbefohlen würdt, trewlich außrichten, absonderlich auch uf alle Sonn- undt Festtage des Handtwercks Kertzen in der Kirch, wo solche gebräuchlich, zu rechter Zeit anzünden, undt nach dem Ambt der Heyl. Mess wider auslöschen, Bey straf Sechs pfenning in die Büchse zu geben, da er ein- undt anders fürsätzlich wird underlaßen; auch solle er dabey also lang verpleiben, biß ein anderer in die Zunft wirdt ankommen undt ihn ablösen undt erledigen.
Zum Fünffzehenden, Soll ein jedweder Zunftgenoß alle frohnfasten Sechs pfenning in die Zunftladen geben, welches geldt, die Zunft- oder Bruder-Meister, dem Handtwerckh zu nutzen ufheben undt verrechnen sollen: da auch sonsten einer des Schuemacher Handtwercks vor die Laden gehet, etwas ahnzupringen undt zu begehren, soll derselb denen vier geschworene Meister für ihre Bemüh- und öffnung der Laden, ein Viertel Wein bezahlen.
Zum Sechszehenden, Sollen die gesambte Meistern des Handtwerckhs, nit allein zween Zunft- oder Brudermeister under sich erwöhlen, die dann zwey Jahr darahn sein sollen, also wan der ältere abgehet ein Jüngerer nachfolge, sondern auch einmahl im Jahr, doch mit Vorwissen undt in bey sein Eines oder andern unserer beamten, Einen Zunftdag dessen Sie Sich zu vergleichen, in unserer Stadt Bischofsheim halten, da dan vorderist diese articul ofentlich zu verlesen, undt ein jeder, worin dargegen gehandelt sein mögte, doch ohne Hass oder Neydt, auch bey doppeler straff, was der schuldige verwürkt, anzeigen, undt Keinem durch die Finger sehe, daraus die Übertretungen mit gewisser Buß belegt, undt alle Mängel gebessert und abgestellet, was auch bloße Handtwercksirrungen waren, in der güte beygelegt werden sollen: Es soll auch Kein Meister, es verhindere ihn dan Leibsschwachheit, oder anderer ohn vermeidliche Ursache, die jedoch bey denen Zunftmeistern beweißlich ahnzuzeigen, von solchem Zunfttag außpleiben, bey straff Eines Gulden.
Zum Siebenzehenden, Wer auch sonst bey Einem Herrn- oder Meistergebott vorsetzlich nicht erscheinet, der soll wegen verachteten Herrngebotts Ein halben gülden, undt wegen eines Meister gebottes Ein orthsgülden zur Straff erlegen.
Zum Achtzehenden, Soll ein jeder Zunftgenoß, so wohl bey denen Jahrtägen, alß andern gebotten und handtwerckhs versamblungen, sich aller Erbarkeit und Bescheidenheit gegen seine mitmeister befleißen, Keiner den andern spotten, lügen straffen, noch mit höhnischen wortten, werken oder Gebehrden angreifen, schelten oder schmehen, Ein ieder seinen sitz oder platz in der Ordnung wie Sie zur Zunft aufgenohmen worden, nehmen, ohne Erlaubnis der Zunftmeister nicht reden, noch Keinem andern in die redt fallen, die seinige bescheidentlich vorbringen, undt demnach stillschweigen biß er weiter gefragt werde: desgleichen vor geendichtem Jahrtag oder gebott, ohne erheb-
liche Ursachen und vergünstigung davon nicht abweichen. Wenigers nicht Sie sich alles Vollsaufens, fluchens undt schwehrens, wie auch hader undt Zanks durchauß entalten, alles bey straff nach erkanntnus ihnen zugeordneten Beambten oder Rahtsgenossen, halb uns, undt halb dem Handtwerckh zuerlegen: Was aber sehr groben injurien, schelt- und schmachwortt, wie auch hohn, Gotteslästerungen oder andere harte Verbrechen seindt, die sollen nach befinden endweder ahn uns selbst gebracht, oder von unsern Beambten der gebühr abgestrafft, undt die davon schuldige straffgelder uns allein verrechnet werden.
Zum Neunzehenden, Soll Keinem Meister erlaubt sein, weder für sich selbst, oder durch sein gesindt, uff einen Sonn- und feyertag, in- oder außer seinem hauß die geringste arbeith zu fertigen, sondern solche Täg der gebühr geheiliget werden, bey straff eines, oder auch mehr gülden, nach gestalt des übertretens, wovon die helfft zum Gottesdienst in der Pfarrkirch anzuwenden, die andere helfft wie andere straffen zu vertheilen.
Zum Zwanzigsten, Sollen Sie uff Sonn- undt feyertägen Ihre läden weiters nicht offen halten, alß zu nötigem Tageslicht würd erfordert, zumahl aber Keine schuh öffentlich aussetzen oder aufhencken bey ebenmeßiger straff, wie in nechst vorstehendem articul vermeldet, deßgleichen pleibt auch verbotten, uff die Sonn- und feyertäg schue in andere flecken oder Dörfer tragen oder führen zu lassen, umb selbige zu verkaufen, es sey dann ein Kirchweyh oder Jahrmarkh, bey straff nach Erkanntnus unserer Beambten.
Zum Ein und Zwantzigsten, Sollen sowohl uff den Wochen- alß Jahr-Märcken in unserer Statt Bischoffsheim die Meister umb die Ständte losen, Undt Keiner mehr alß einen standt von vier oder fünff Werckschuh haben, inzwischen aber Keinen schragen Vor seinem haus oder sonst anderstwo uffstellen, Um schue darauff oder darin zu verkaufen. So soll auch Keiner den andern der Kauffleuth, wan Sie Seinem Standt Vorbey, abrueffen; oder bey andern abwendig machen, alles bey straff eines halben gülden, so offt in ein- oder anderem dargegen würd gehandelt.
Zum Zwey und Zwantzigsten, Wan Leder, Hanff oder Bech zum VerKauff in Unsere Statt Bischoffsheimb gebracht würdt, soll der Jüngste Meister Verbunden sein, solches allen und ieden meistern in der Statt anzusagen, da dan Keiner dem andern in seinen Kauff tretten, oder durch mehr biethen Ihnen darin Verhindern solle, bey straff Zwey gülden; Wan aber der erstere davon abgestanden were, mag der andere alß dan Kauffen; Wofern aber von etlichen oder allen Meistern insgesamt ein gemeiner Kauff getroffen würde, solle alles in gleiche Teil gelegt, Undt darüber geloset, auch die Meister im Ambt, wan Sie selbst gegenwertig, oder einen andern ohne gefehrde bevollmächtiget hatten, mit zugelassen werden.
Zum Drey und Zwantzigsten, Soll bey straff fünff gülden, kein Störer oder Stümpeler im gantzen Ambt geduldet, sondern auffgetrieben undt aufgeschafft: Desgleichen Keinem außländischen meister mit schuhen zum haußiren oder inländischen meistern zu verhandlen Verstattet werden, Bey Verlust der arbeith.
Zum Vier und Zwantzigsten, Soll einem Jeden Meister erlaubt sein,
Einen gedingte oder Ungedingte Schue Knecht benebens einen Lehr Junge zu setzen, das Ungedingte Gesindt aber lenger nicht alß Vierzehne Tag zu behalten; welcher aber einen lenger uffhaltet, der soll für ieden Tag einen halben gülden verwürckt haben.
Zum Fünff und Zwantzigsten, Welcher Schueknecht, wan er gedingt ist, Uffpochet, Undt gegen des Meisters willen, auch ohne genugsame Ursachen, worüber das Handtwerckh zu erkennen, auß dem Ziel außtritt, derselb solle zur Straff zween gülden Verlohren haben, welcher auch ohne seines Meisters Verwilligung einen gantzen Tag muthwilliger weiß spaziren gehen oder über nacht auspleiben würd, demselben solle der Meister den halben Wochenlohn abziehen, Undt solches nicht übersehen, bey Straff eines halben gülden: Wan ein schuhKnecht einen andern, der einen gedingten Meister hatt, mit sich nacher Hauß pringet, bey ihme zu schlaffen, solle ein jedwer von Beeden ein orthsgülden Zur straff erlegen.
Zum Sechs und Zwantzigsten, solle Kein Meister dem andern seine Kunde oder gesindt arglistiger weiß abwendig machen, Verführen, undt ahn sich Ziehen, Bey straff, so viel den Kunden ahnlanget Drey gülden: denen Knechten aber, so dergestalt abgespannet worden, oder Zwischem dem Ziel, ohne gnügsame Ursach Urlaub genohmen, soll Kein anderer Meister, gegen des Vorigen guten Willen einige Arbeith geben, Bey straff nach Erkantnus.
Zum Sieben und Zwantzigsten, Soll jedoch niemandts Verbotten sein, sein leder bereithen undt schuh machen zu lassen, wo er will, doch dass der Vorige Meister, seines etwa noch ohnbezahlten lohns halber Völlig Befriedigt seye, wozu einem jedem fürterliche hülff solle geleistet werden.
Zum Acht und Zwantzigsten undt Letzten, fallß auch sich einige weitere fäll, entweder das gemeine wesen, oder das Handtwerckh betref sich Begeben mögten, worüber in dieser Ordung keine fürsehung beschehen, sollen die erstere durch Unsere Beambten Untersucht, erwogen undt nach befinden erörtert, oder ahn Uns oder Unsere Regierung zu Maintz gebracht: die Handtwerckssachen aber, durch das Handtwerckh selbst, jedoch auch wo nötig, mit genehmhaltung Unserer Beambten geschlichtet Undt richtig gemacht werden.
Dessen zu wahren Urkundt haben wir Unser Churfurstl. Cantzlei-secret Insiegel dieser Ordnung anhangen lassen, So geben zu St.-Martinsburg in Unser Residenz Statt Maintz den Zwey undt Zwanzigsten Monatstag February, Im Jahre nach Christi Jesu Seeligmachenden geburth Ein Tausent Sechs Hundert, Sechs Undt Neuntzig. L. S.“
#8. Verfall des Zunftwesens.
Die Blütezeit des Gewerbewesens fällt in die Zeit von etwa 1400-1500. Leider vermochten die Zünfte sich nicht länger auf der Höhe zu erhalten; seit 1500 ging es rasch abwärts. Ursachen waren viele.
Aeußere Ursachen waren die veränderten Zeitverhältnisse: Der Bauernkrieg mit seinen religiösen, politischen und wirtschaft-
lichen Bestrebungen, die zahlreichen Kriege der Städte, Ritterschaften und Länder; der fortwährend stärker werdende Verfall des Handels durch die immer zahlreicheren Zollstätten an Stadt-Toren, Brücken, Wegen, durch die Verschlechterung der Münzen,[S140-1] die Geldentwertung und immer größere Unsicherheit des Verkehrs.
Innere Ursachen lagen in den Leidenschaften der Menschen: Während die Zunftgesetze waren errichtet worden, um die Arbeit Aller zu schützen und erwerbsfähig zu machen, wurde jetzt der Egoismus, der Eigennutz herrschend. Die Zunftmeister verwandelten die Zünfte in förmliche Versorgungs- und Bereicherungsanstalten für eine bestimmte Anzahl von Meistersfamilien innerhalb der betreffenden Stadt; die Zahl der Meister wurde bedeutend beschränkt und den Gesellen fast unmöglich gemacht, das Meisterrecht zu erlangen, so dass schier nur Meisterssöhne oder solche, die Meisterswitwen oder Meisterstöchter heirateten, selbständig werden konnten.
Als solche Bedingungen wurden vielfach vorgeschrieben: Wer Meister werden wolle, müsse an demselben Ort geboren sein, müsse seine Lehrzeit, die nicht selten auf 5-6 Jahre ausgedehnt wurde, in der betreffenden Stadt zugebracht haben, müsse ein Meisterhaus und einen Verkaufsladen haben. Das Meisterstück wurde immer schwieriger und kostspieliger gemacht,[S140-2] oft wurden so seltsame Arbeiten gefordert, dass sie nicht verwertet werden, sondern nur als Schaustück für die Zunftstube oder das Meisterhaus dienen konnten. Endlich hatte der Meister-Kandidat so viel für die Zunftkasse, für
Essen und Trinken der Meister zu zahlen, dass bedürftige Gesellen auf das Meisterwerden verzichteten.[S141-1]
Die Meister trafen vielfach Vereinbarungen, durch welche sie den Preis der Waren maßlos in die Höhe trieben und dadurch das Publikum schädigten. Deshalb wurden allmählich von den Stadtobrigkeiten die Zunftgesetze durchbrochen und auch fremden Meistern der Waren-Verkauf gestattet.
#8. Die Verpflichtungen der Stadtbeamten von Tauberbischofsheim im Jahr 1614.
Wie Amtmann Lerch die Zunftordnungen erneuerte, so auch die Verpflichtungen der Stadtbeamten; wir heben hier die des Ratsdieners als von allgemeinem Interesse heraus:[S141-2]
„Was der Ratsdiener geloben muß:
Item sich in der rechten Zeit mit gutem Wein, jedoch mit Vorwissen und Versuchung der Rentmeister Brod und Käs versehen; Geschirr und anderes sauber und reinlich halten und in der rechten Zeit der Stuben ordentlich in Achtung nehmen.
Item auf den Ratsstuben an Wein, Brot und Käs einen gebilligten Verdienst nehmen.
Item alle Abend zu den Toren gehen, zu besichtigen, ob sie recht verschlossen, ingleichen des Morgens, ob die Thorhüter vorhalten.
Für seine Besoldung soll er jährlich haben:
3 Malter Korn.
8 fl. an Geld.
1 fl. an den Mantel.
1 fl. von einem Kaufgericht.
2 Pfg. von einem Inheimischen zu gebieten (vorzuladen.)
4 Pfg. von einem Ausländischen.
1 Laub Holz.
1 fl. von einem neuen Bürger anzunehmen.
1 Stücklein Wiesen zwischen der Tauber und Bach.
1 Garten am Schäfers Löhlein.
Soll von der Beth, Vormundschaftsrechnung, Verehrung der Wirte, auch von den Kundschaften abzuhören und andere dergleichen seiner Angebuhr wie von alters Herkommen fähig sein.“
#9. Tauberbischofsheim und der Bezirk in den merkwürdigen Jahren 1628-30.
„Nichts Neues unter der Sonne“, sprach schon der weise Salomo; und wenn in unseren Tagen der Landmann oft sich wundert und klagt über die höchst seltsame, unregelmäßige und schädliche Witterung kann man mit Fug und Recht sagen: „Ist Alles schon dagewesen.“ In hohem Grad merkwürdig war die Witterung des Jahres 1628. Davon meldet uns eine alte Chronik über Tauberbischofsheim[S142-1] und das Taubertal:
„2 Tag vor dem newen Johr hat es gedondert, gekisselt und das Erdreich geschmückt als wann es mitten in den Hundstagen wär.
Den 9. Martii hatt es eyn großen Schnehe gelegt; daruff es so kalt worden, dass Eyß im Main und in der Tauber gegangen.
Umb Johanni hat der Weinstock allererst angefangen zu blühen; dabei war es so kalt, dass viel Leut eynheytzen müssen; hatt der Weinstock über 5 Wochen geblühet biß in die Hundstag.
Zu End der Hundstag hat man allererst angefangen, die Frucht uf dem Veldt abzuschneyden, also dass man um Matthäustag (21. Spt.) noch gersten und kleinen Dinkel im Velt gesehen. Die guten Velter haben an allerley Frücht ziemblichen Vorrat getragen; aber die kalten Velter und waß sumpfig, hat nichts geben wegen kalten und stetigen Regenwetters. Die Wiesen haben sehr viel Futterung geben.
Im September haben noch Bäum und Rosenhecken geblüht und hat man noch zaitige Erdbeeren funden.
Wegen der kalten Weinblut hat der Weinstock ziemblich gerisen und abgefallen; doch an teils orten ist noch genugsam daranbliben, aber wegen der Feuchtigkeit und kelt nicht recht wachsen wollen.
Den 9. Septemb. fiel ein grosse kelt ein, also dass die Drauben an Stöcken im Frankenland und Daubergrund in ebenen und kalten Veltern in 2 Nachten vast alle erfroren, und funde man der Zeit noch wenige zeitige Behr; gedenkt keinem Mann, dass so eine spete Ehren gewesen; galt das Malter Korn 3 fl. 3 Orth (1 Orth 15 kr.) der Dinkel 2 fl. 1 Orth; der Leib Brod 2 1/2 Turnes (1 Turnes = 15 Pfennig), das bahr flecken 20 Pfennig.
Den 15. Septembris ist ein groß Wetter gewesen, hatt an vilen Orten grossen schaden getan; Kisel geworffen, dass 4 ein Pfund gewogen mit spitzigen Zacken; schlug der 27ger Wein, der doch ziemblich gering, sehr auf, galt ein Fuder 100 fl. und darüber.
Den 16. Oktober erfrören die Trauben abermals.
Den 20. Oktober besahe man die Berg und wurde der herbst Freitags hernach angestellt, der den 12. Novembris ein endt gehabt. In Summa der Wein wurdt sehr sauer, und gar wenig, ließ sich nicht mosten und war sehr armselig; Gott erbarm's; galt der Eimer Most vom Biet 4 Reichsdaler.
Umb Weihnachten wahr es so warm, dass man schlüsselblumen uff den Wiesen funden und auch gedondert, die Kirschbäum blüth gehabt.
Anno 1629 wurdt ziemblich viel Wein und guth.
Anno 1630 wurdt ein voller Herbst, der Wein guth, dass großer Mangel an fassen; Kaufften die Leut uff den Dörffern alle böse Fass in der Stadt auff und verderbten viel Wein damit; galt ein Eymerfaß ein halber Reichdaler, war nit zu bekommen, gab man den 28r Wein umb Gotts willen, wehr es begehrt.“
#10. Die Bauern in Bischofsheim und Umgebung vor dem 30jährigen Krieg (Schwedenkrieg).[S143-1]
Die Stellung der Bauern war allmählich eine sehr verschiedene und ungleiche geworden. Es gab völlig freie Bauern, welche ihre Güter bewirtschafteten ohne irgend einem Zins oder einer Abgabe unterworfen zu sein. Ihnen zunächst standen diejenigen Bauern, welche zwar persönlich frei waren, aber keinen eigenen Grundbesitz, sondern Pachtgüter bauten. Andere besaßen zwar freies Eigentum, mussten aber einen Grundzins (census) zahlen. Wieder Andere besaßen nur ein erbliches Nutznießungsrecht. Nicht wenige waren aber auch eigentlich leibeigen und mussten eine Menge Abgaben leisten, die sich zum teil bis heute erhalten haben. Daher gehört vor allem der Frohndienst, zu dem übrigens auch viele freie Bauern verpflichtet waren, und der darin bestand, dass jede Arbeit,
die vom Herrn angewiesen wurde, teils umsonst, teils um Lohn (Zwangsdienst) übernommen werden musste, wobei oft der Herr noch ein Züchtigungsrecht hatte. (Dienstzwang.)
Ferner hatte jeder mündige Unfreie eine jährliche Abgabe (den Leibzins) an seinen Herrn zu zahlen. Wenn ein Gutsinhaber (leibeigener Bauer) starb, so war er in seinem Testamentier- und Schenkungsrecht mancherlei Beschränkung unterworfen und dem Gutsherrn musste ein Teil des Mobiliarnachlasses als Sterbfall, Todfall, Besthaupt, gewöhnlich das beste Stück Vieh, aber auch Gewand, ausgeliefert werden; und der Nachfolger des Bauern, dem das Gut durch Erbschaft oder freie Verleihung des Herrn zukam, musste dem letzteren dafür abermals eine Abgabe, das Handlehen, leisten, anfangs in Naturalien, später aber, und zwar immer höher, in Geld.
Hatte der Nachfolger das Gut übernommen, so musste eine Anzahl jährlicher Zinse ihn erinnern, dass er kein eigenes, sondern nur geliehenes Eigentum bewirtschafte; eine sehr beliebte Forderung waren die Hühner, die bei vielen Gelegenheiten geliefert werden mussten; daher gehörten die Fastnachts-, Martins-, Hals-, Haupt- und Leibhühner; wurde die Abgabe in Geld entrichtet, hieß sie Leibgeld, Leibpfenning u. s. w. Die Schutzherrlichkeit musste anerkannt werden durch Vogt-, Rauch-, Gau- und Herdhühner; die Erlaubnis, im Wald Holz, Laub und Streu zu sammeln, zu grasen und zu weiden durch Holz-, Laub- und Weidhühner; für jeden mündig gewordenen Sohn bis zu dessen Verheiratung mussten Bubenhühner oder der Geldwert geliefert werden; zur Verheiratung war die Einwillung des Gutsherrn mit neuen Abgaben zu erkaufen. Dazu kamen der große und der kleine Zehnte, der Blutzehnte, und die „Beden“ (in den bischofsheimer Urkunden häufig genannt) oder Geldsteuern. Das waren ursprünglich Zahlungen des Landvolks an den Adel, dafür, dass dieser die Heerbannspflicht, den Kriegsdienst, allein übernahm; später wurde diese ursprüngliche Bedeutung der Bede vergessen und die Landesherren forderten diese allmählich als allgemeine Beihilfe für alle Ausgaben, die sie zu machen hatten; so, wenn der Junker wehrhaft gemacht, der Herr aus der Gefangenschaft erlöst, das gnädige Fräulein ausgestattet, eine unnütze Fehde unternommen, fürstlichen Besuchern Hoffeste gegeben werden sollten u. s. w. In späterer
Zeit machte auch das Reich seine Ansprüche durch die Reichssteuern, den sog. gemeinen Pfenning, so dass seit dem 30jährigen Krieg die Verarmung des Landvolkes bis auf den heutigen Tag nicht nachgelassen hat.
#VII. Die Stadt im 30jährigen Krieg und im Schwedenkrieg 1618-1648.[S145-1]
#1. Grund und Ursachen des Schwedenkriegs.
Zu Anfang des 17. Jahrhunderts hatten die Macht und der Reichtum Deutschlands den Neid der Nachbarvölker wachgerufen; diese zeigten sich in der Wahl ihrer Mittel, das blühende Reich zu demütigen, nicht wählerisch. Die Könige von Frankreich und Schweden suchten unter sehr nichtigen Vorwänden Deutschland in Krieg zu verwickeln und den Raub im großen Maßstab zu betreiben; sie reichten sich die Hand über dem unglücklichen Land, und 30 Jahre war dasselbe der Tummelplatz zügelloser Söldnerscharen, die das ehemals so reiche Land zur Wüste machten.
#2. Teuerung im Schwedenkrieg.
Zum Jahre 1624 schreibt die Chronik (Mscpt. v. 1785 in Privatbesitz): „war alles erschrecklich theuer, indem für den Eimer (Wein) zu Königshofen 20 fl., für ein Kuhe und 1 zweiräderiger Wagen 225 fl., für 4 Schweine 65 fl., für 10 Schafe und 6 Lämmer 80 fl., das Malter Hafer 5 fl., für eine junge Ganß 1 fl. gezahlt. Hiegegen hat anfangs der Thaler 10 fl., ein Königsorth pro 36 Batzen, ein Ducat 7 fl. 12 kr., der Orth 1 fl. zu schaden ausgegeben werden müssen.“
Zu 1640, dass die „französische, schwedische und andern Völker die Früchte vom Speicher, die Pferde von der Straße hinweggenommen, die Felder verheert haben und keine Gülten und Zehnten erhalten sind.“ (Vergl. den Geldwert von damals S. 76.)
Über dieses ganze Kapitel siehe:
#3. Die Schweden in Bischofsheim und im Taubertal.
1630 kamen die Schweden unter ihrem König Gustav Adolf nach Deutschland und 1631 waren sie schon im Taubertal. Nach der Schlacht bei Leipzig (oder Breitenfeld), 17. Sept. 1631, erschien Gustav Adolf mit seinem Heere vor Würzburg und eroberte es mit Sturm. Der kaiserl. General Tilly, einer der vortrefflichsten katholischen Feldherren aller Zeiten, stellte sich ihm entgegen und marschierte über Miltenberg, Amorbach nach Külsheim, wo er am 28. Okt. anlangte; konnte aber nicht verhindern, dass schon am 19. Nov. Gustav Adolf vor Bischofsheim, von Würzburg aus, anrückte und die Stadt einnahm.[S146-1] Die Schweden verbrannten einen Teil von Buchen, sowie von Königheim, an letzterem Ort auch die Kirche; im gleichen Jahr setzten sie sich in Bischofsheim fest, wo sie eine eigene Behörde bestellten, die mit der königlich schwedischen Regierung zu Mainz in Verbindung stand.[S146-2] Gleichzeitig standen schwedische Regimenter in Würzburg, brandschatzten und misshandelten bis 1635 die Stadt Bischofsheim, alle Ortschaften des Taubertals und des ganzen Frankenlandes in schrecklicher Weise. Dazu kamen die vielen Durchmärsche der Kriegsvölker das Taubertal hinab und hinauf, sowie zwischen Würzburg und Heidelberg, so dass 1634 und 35 in Bischofsheim und dem ganzen Frankenland bis weit hinein nach Württemberg, Baiern, Hessen und Elsaß eine fürchterliche Hungersnot entstand.[S146-3]
#4. Wie der prot. Pfarrer Steuber als Augenzeuge die Schrecken des Schwedenkriegs schildert.
Dieses Kapitel ist so schrecklich, dass ich, um nicht den Anschein zu haben, als wolle ich übertreiben oder einseitig die Sache darstellen, nur das anführen will, was ein Augenzeuge, der protestantische Pfarrer Steuber zu Marburg (in Hessen), also nicht weit von Bischofsheim entfernt, in seiner Leichenpredigt am 19. Okt. 1635 in der Elisabethenkirche sprach:[S146-4]
„Es sind zwar zuvor in Deutschland auch Kriege gewesen, aber so schwere, wie jetzo nicht (30jähriger Krieg) .... Es sind zwar zuvor mehrmals Kriege in Deutschland gewesen, aber so grausam
ist es nicht hergegangen. Kein Mensch ist sicher auf den Straßen, kein Bauer auf dem Felde, niemand in den Dörfern, niemand in den Städten, niemand hinter seinen vier Wänden, niemand in den Hospitälern, Siechen- und Armenhäusern, nicht in Klöstern und Kirchen, die doch sonst nach dem Völkerrechte zu schonen sind. Barbarisch geht man mit den Leuten um; man prügelt sie, man röstet sie am Feuer, man hängt sie auf im Rauche und lässt sie hängen, bis sie schwarz werden, worüber etliche von Sinnen kommen, viele aber um ihr Leben. Man schraubet ihnen die Finger auf die Hahnen ihrer Röhren (Flinten), bis das Blut unter den Nägeln hervorspritzt. Alles zu dem Ende, damit die Soldaten erfahren, wo irgend etwas an Geld oder Gut vergraben und verborgen liegt, wodurch sie alles Vermögen der Leute auspressen, sie an Leib und Leben verderben.“
„Zudem haben sie Frauen, Jungfrauen, Eheweiber, alte 80jährige Hospitalweiber, Mägdlein von 10, 11 und 12 Jahren in Gegenwart ihrer Ehemänner und anderer ehrlicher Leute schändlich mißhandelt. Haben viel unschuldiges Blut, welches nicht ihrer Gegenpartei anhängig gewesen (also nicht nur das Blut der Katholiken, sondern auch der Protestanten), auf den Straßen und in den Häusern vergossen, haben die um Schonung ihres Lebens fußfällig weinenden Frauen und unmündigen, ja in der Wiege liegenden Kinder, ihren Artikelsbriefen zuwider, tyrannisch niedergehauen und jämmerlich zermetzget. Da ist jedermann „Feind“ gewesen, der nur etwas hatte (ohne Unterschied der Religion); der arme Bettler, wenn er ein Stück Brod oder ein paar Pfennige gehabt, die er sich erbettelte, ist angegriffen und ihm solches abgenommen worden. Kein Ort ist so heilig gewesen, den man nicht beraubt oder an welchem man nicht Schande getrieben. Man hat Kirchenzierrate, Patene, Kelche, woraus das Blut unseres Herrn Jesu Christi dargereicht wird (auch nach protestantischem Abendmahlgebrauch), Kirchengewänder, Mildestiftungsgelder, sonntägliche Kollekten von Almosen, Altartücher, Chorhemde, das Blei von den Dächern, die Pfeifen aus den Orgeln, silberne und vergoldete Bilder, Lichter, Leuchter und was man nur in den Kirchen, Klöstern und Klausen hat finden können, weggenommen, so dass man wohl sagen mag, sie haben unserm Herrn und Gott das Gold von den Füßen ab-
geschabt. Wie man mit den Christen beider Konfessionen verfahren, welche man niedergeworfen und ihnen aus Mistpfützen den Suder, Seifenlauge und andere garstige Wasser in den Hals bei zwei, drei oder vier Maßen eingegossen und solches einen „schwedischen Trunk“ genennet, ist kläglich anzuhören und viel erbärmlicher anzusehen gewesen.“
„Wie man Dörfer, Schlösser, Städte ausgeplündert, verheert, versengt und verbrennt hat, das lehrt der Augenschein, so zwar, daß unser edles Vaterland, welches zuvor ein irdisches, wohlbewohntes Paradies gewesen, jetzt ohne Thränen nicht mehr kann durchwandert werden. Wo man hinkommt, in welches Land man seinen Fuß setzt, sei es in Schwaben, Franken, Bayern, in Elsaß, Pfalz oder Hessenland, in Westfalen, Braunschweig, Sachsen, Pommern u. s. w.: Deutschland ist so öde gemacht, daß jetzt Städte, worin sechs-, sieben- und mehr hundert Bürger gelebt, nur von 100, 150 und 200 Bürgern bewohnt werden, sind noch mehr Feuerstätten darinnen, so sind es arme, verlassene Witwen oder von anderswo vertriebene Leute; die übrigen Häuser stehen leer, fallen ein oder werden wüste. Auf den Dörfern steht's noch schlimmer. In denselben sieht man oft meilenweit keinen Hund, keine Katze, geschweige einen Menschen. In einem Dorfe, so vorher hundert und mehr Häuser hatte, gewahrt man in einem (derselben) zeitweise Rauch. Wenn man hinzukommt, ist irgend ein armer, vertriebener, vor Hunger schwarzer Bettelmann, der sich beim Feuer wärmet oder zusammengesuchte Wurzeln und Gras mit bloßem Wasser siedet zur Stillung seines Hungers. Die übrigen Häuser haben keine Thüren, keine Oefen, keine Fenster, kein Dach, keine Wände mehr; meistenteils sind sie eingefallen und liegen auf einem Haufen.“
„Es sind zuvor mehrmals Kriege in Deutschland gewesen, in welchen viel Raubens vorgegangen; jetzt aber will es kein Ende nehmen. Unser Geld, Kleider, Speisen, Pferde, Kühe, Ochsen, Ziegen,
Hühner, Gänse u. s. w. sind hinweg. Da die Pferde und Ochsen hinweggangen, musste das Feld zur Wüste werden. Einer und der andere spannten Kuh und Esel an, und pflügten ein wenig; da auch diese hinweggenommen wurden, griffen die Leute zu ihren Händen, hackten das Land und brachten noch etwas unter die Erde; aber es dauerte nicht lange, und sie konnten bei der Hacke und dem Karste nicht mehr sicher sein. Sie wurden teils erschlagen, teils ihrer Hacke, Karst, Schüppe und Spaten beraubt; das liebe Brot entging ihnen; sie hielten sich so lange, als sie konnten und litten großen Hunger. Als sie ausgehungert waren, fingen sie an, auszuwandern und wollten in einem andern Lande ein Stück Brot suchen. Sie erlagen teils aus Mattigkeit auf dem Wege, teils wurden die Länder, wo noch etwas war, überschwemmt, so dass sie auch da nicht genug bekommen konnten, um ihr kümmerliches Leben zu fristen. Etliche, welche so viel bekamen, haben sich übergessen; haben die Natur, welche vieler Speise entwöhnt und den Magen und die Gedärme, welche eingeschrumpft, überladen, und so sterben müssen. Wieder andere sind aus Mangel an Kleidung vor Kälte erfroren.“
... „Wenn man einem Pfälzer, Rheinländer, Wetterauer 2c. 2c., welche viel besseres Land für Früchte und Wein haben, als wir, in Hessen vor Jahren gesagt hätte, daß sie noch nach Hessen würden betteln gehen, so würde ein solcher höhnisch gesagt haben:
„Im Lande zu Hessen, ist wenig zu fressen.“
Sie würden sich dahin geäußert haben, dass sie eher alle Länder ausgehen würden, ehe sie hier ihre Nahrung suchen wollten. Doch ist dies geschehen und kann es auch uns geschehen.“
„Es sind viele Kriege in Deutschland gewesen; man wird aber nicht finden, daß solche Gelderpressungen vorgegangen. Die armen Leute sollen geben und haben nichts zu geben; sie müssen geben und niemand ist, der ihnen leihen, niemand, der ihre Güter kaufen will; niemand, der ihre Güter umsonst anzunehmen begehrte der Kriegsbeschwerung wegen; daher so viele Eigentümer, die ihre Prachthöfe brach liegen lassen. Wo soll das hinaus?“
„Die meisten Leute sind mehr schuldig, als sie an Habe liegender Güter und Fahrnisse besitzen. Gleichwohl müssen und sollen sie fort und fort geben; wollen sie oder können sie nicht, siehe, die Exekution ist fertig. Man legt ihnen Preßsoldaten in's Haus, bis er's zuwege bringt; er bekomme es, wie er wolle; er mache es wie er wolle. Allhier ist gerade Geduld von Nöten.“ (Hebr. 10, 36.)
„Dazu kommt nun die Teuerung aller Lebensmittel. Die armen Leute, so Brot kaufen müssen, gehen ganz matt herum; sie
sind nicht bleich, sondern schwarz vor Hunger, gehen an Stöcken, als ob sie gleich umfallen wollten. O, dass es Gott erbarme! Sie werden genötigt, die Wurzeln zu suchen und sie in bloßem Wasser zu sieden, damit sie nur den Hunger stillen mögen. Sie brechen das Gras aus der Erde, sieden es, schlucken es ein wie die Kühe. O, dass es Gott erbarm! Hunde, Katzen, Esel, Pferde, vor denen sonst die Menschen einen Abscheu haben, essen sie mit großer Begierde und könnens nicht mehr haben; denn Hunde und Katzen sind alle aufgefressen, Esel und Pferde gestorben oder hinweggetrieben. O, dass Gott erbarm! Wenn es noch dabei bliebe! Aber es ist soweit gekommen, dass wenn totes Aas, sei es Hund, Pferde oder sonst etwas anderes, hinausgefahren wird, die armen Leute darüber herfallen. Wirft man einen toten Hund auf die Gasse, wird er aufgehoben, gekocht und gegessen. Auch die hingeworfenen, stinkenden, voll Würmer liegenden Häute werde gegessen. Soweit ist es gekommen. O, dass Gott erbarm! Sogar dahin ist es gekommen, dass hie und da Leute ermordet und aufgefressen worden sind, auch Kinder von ihren eigenen Eltern, Eltern von ihren Kindern, Frauen von ihrer Magd. Selbst ein Reitersmann ist nicht sicher, wenn er nicht fünf Pferde oder mehr bei sich hat,“ (d. h. wenn nicht fünf Reiter beisammen sind, die sich gegenseitig schützen.)
So der protestantische Pfarrer Johann Steuber in seiner Leichenpredigt am 19. Okt. 1635 in der Elisabethenkirche zu Marburg. Man glaubt Schilderungen eines Flavius Josephus über die Belagerung und Zerstörung Jerusalems zu hören, wenn man diese Beschreibungen der Gräuelthaten der schwedischen Soldaten vernimmt. Sollten die protestantischen Prediger ein Interesse daran gehabt haben, ihre „Glaubensgenossen“ schlimmer zu schildern, als sie waren? Sie konnten es nicht, selbst wenn sie gewollt hätten, da ihre Zuhörer als Augen- und Ohrenzeugen auch ihre Richter sein mussten.
#5. Beschwerde des Herzogs v. Braunschweig bei dem Schwedenkönig.
Dass die schwedischen Soldaten nicht erst nach Gustav Adolf's Tod, sondern auch vorher solche Gräuelthaten ausübten, das bezeugt ein Brief des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig im
Jahre 1632 an den Schwedenkönig, der in sein Land eingebrochen war.
„.... Meine Landsleute entfliehen in die Städte oder Einöden und bauen dort das Elend. Sie werden von der undisziplinirten Soldateska gleich wilden Tieren gejagt, gemartet und erschossen. Die Weibsbilder werden schändlich mishandelt, die Kirchen beraubt, überall solche Unthaten verübt, daß sich die Sonne davor entsetzen und verdunkeln möchte. Die Soldaten reiten und gehen durch die Getreidefelder, ob sich etwa dort verjagte Menschen verborgen, und dann hilft kein Weinen, kein Flehen, kein Klagen. Zwischen Neustadt am Rübenberg, Hammeln, Hannover, Braunschweig sind die Dörfer menschenleer.“
Selbst der protestantischen Stadt Nürnberg ließ der Schwedenkönig ankündigen: „Wenn ihr euch .... nicht nach meinem Willen entschließet .... so werde ich die Stadt und ihre Unterthanen mit Schwert, Mord und Brand wie die ärgsten Feinde verfolgen und die Bürger und Einwohner, wo ich sie finde, niederwerfen, ihre Güter preis machen.“
So hatte er vorher wirklich in der Stadt Würzburg, im Main- und Taubertal und in Tauberbischofsheim gehaust.
Zwar erließ er einigemal Verordnungen, welche das Mordbrennen verboten; aber seine Soldaten wußten, dass es nicht sehr ernst gemeint war, und dass sie sich ungestraft darüber hinwegsetzen durften.
#6. Jetzige Erinnerung des Volkes an die Schweden.
Wie schlimm die Schweden bei uns hausten, beweist der Umstand, dass heute noch nach mehr als 200 Jahren die Erinnerung daran in vielen Gegenden lebhaft ist, und der Name des schwedischen Kanzlers Ochsenstern als Schreckmittel für die Kinder gilt; heute lehrt die Mutter an vielen Orten ihre Kinder:
Bet', Kinder, bet'! Morgen kommt der Schwed', Morgen kommt der Ochsenstern, Der wird Euch Kinder beten lern.
#7. Drangsal der Stadt und des Bezirks durch andere Truppen.
Übrigens mussten die Stadt und der Bezirk auch von andern Truppen mancherlei ertragen. Im Januar 1643 rückten hessen-
kasselische Truppen vor Miltenberg. Auf die Anfrage beim Kurfürsten von Mainz, ob man sich wehren solle oder nicht, befahl dieser, dass man vom Feind „salvaquart (Schutzwache) einnehmen“ und sich nicht wehren, sondern brandschatzen lassen soll; ebenso riet ein Schreiben des Kellers von Wertheim nach dem Beispiel der Bischofsheimer.[S152-1] Wie es mit dieser Einnahme von Bischofsheim ergangen, ist aus den Urkunden nicht zu ersehen; wenn es aber hier geschah wie in Miltenberg, so hausten auch die Hessen auf schwedische Art, „sehr übel gegen die Bürgerschaft; eine allgemeine Plünderung folgte, wobei die Bürger nicht nur ihr bewegliches Eigentum, und viele ihr Leben, sondern auch die Kirchen ihre Schätze und die Stadt einen großen Teil des Geschützes verlor.“[S152-2]
#8. Aufwand für Reisen der Herrschaft.
Welchen Aufwand die regierenden Herren jener Zeit ganz allgemein auf Kosten ihrer Unterthanen machten, beweist folgender den Städten und Ortschaften des Bischofsheimer Bezirks zugegangener
August 1628:
„Förrier-Bettull.
Des Hochwürdigsten Fürsten undt Herrn, Herrn Georg Fridrichs Ertzbischoven Zur Meintz, des Heyligen Römischen Reichs durch Germanien Ertz-Cantzlers undt Churfürsten undt Bischoven Zur Wormbs, Unsres gnädigsten Herrn, uff die Huldigung nacher dem Odenwaldt im Augusto Anno 1628.
Personen hatten diese bei sich:
| Personen | Bezeichnung | Pferde |
|---|---|---|
| 1 | Ihre Churfürstlichen Gnaden | |
| 3 | Herr Dhombsänger | 1 |
| 3 | Herr Cantzler | |
| 3 | Herr Vicedomb | 2 |
| 4 | Herr Ambtmann Zue Lohr Forst- undt Jägermeister | 4 |
| 3 | Herr Ambtmann Zue Diepurg | 3 |
| 3 | Herr Marschall | 2 |
| 2 | Herr Stallmeister | 2 |
| 3 | Friedrich von Hutten | 3 |
| Kamer Junckern | ||
| 3 | Herr Rüdt von Collenberg | 3 |
| 3 | Herr Friderich von Säckingen | 3 |
| Hoff-Junckern | ||
| 2 | Herr Langwiedt | 2 |
| 2 | Herr Fürbringen | 2 |
| Personen | Bezeichnung | Pferde |
|---|---|---|
| Räth undt Kamer | ||
| 2 | Herr Kamerschreiber | |
| 2 | Herr Leib-Medicus | |
| 2 | Herr Hof-Caplan | |
| 2 | Herr Secretarius Johann Adam Werle | |
| 2 | Cantzlisten | |
| 3 | Camerdiener | 1 |
| 5 | Camer Jungen | 5 |
| 1 | Cappellendiener | |
| 1 | Leib Barbierer | |
| 2 | Laqueien | |
| Hoffgesindt | ||
| 2 | Haushoffmeister | 2 |
| 2 | Küchenmeister | 2 |
| 1 | Forier | 1 |
| 2 | Trompeter | 2 |
| 9 | Einspenniger | 9 |
| 1 | Hoffmetzler | 1 |
| 1 | Hoffvischer | 1 |
| 1 | Futterschreiber | |
| 1 | Mundtschenk | |
| 1 | Mundtkoch | |
| 2 | Silberdiener | |
| 1 | Nähtschenk | |
| 1 | Speißer | |
| 2 | Sahlknecht | |
| 1 | Jahrschmid | |
| 1 | Mundtkochsknecht | |
| 1 | Zehrgeber | |
| 1 | Backmeister | |
| 2 | Knecht uff die Nähtseiten | |
| 1 | Gesindtkoch | |
| 4 | Jungen | |
| 1 | Pfördtner | |
| Marrstall | ||
| 1 | Sattelknecht | 1 |
| 1 | Schmidt | 1 |
| 3 | Jungen | 3 |
| Kutschen undt Wägen | ||
| 3 | Leibkutschen | 6 |
| 3 | Herr Dombsängerskutsche | 6 |
| 3 | Nähtkutschen | 6 |
| 3 | Camerwagen | 6 |
| Personen | Bezeichnung | Pferde |
|---|---|---|
| 3 | Silberwagen | 6 |
| 3 | Rollwagen | 6 |
| 3 | Rollwagen | 6 |
| 3 | Küchenwagen | 6 |
| 3 | Proviantenwagen | 6 |
| 128 | Personen. Summa. | 110 Pferdt.[S154-1] |
#9. Huldigungsfeierlichkeiten.
Wie die Huldigungen im Bischofsheimer Bezirk gehalten wurden, berichtet folgende Urkunde:
„Huldigungs-Actus
geschehen zu Bischofsheim an der Tauber den 6. Mai 1673.
Den 5. Mai 1673 Seindt Ihre Churfürstliche Gnaden, Mein gnädigster Herr zu Mainz mit dem ganzen Hofstaat abendß um 6 Uhr zu Bischofsheim ankommen. Wo selbsten beim Steinen Creutz im Königheimer Weg die Herren Ober-Amtmann, Keller, Centhgrafen, Raht zu gedachtem Bischofsheim und Ich unterschriebener Sr. Churfürstlichen Gnaden, nachdem Sie von drey Jungfrauen mit einem schönen Krantz aus vergolden Roßmarin und einem Schnuptuch, Worauf Seiner Churf. Gnaden Wappen künstlich gestickt, Vorher beschenkt, Unterthänigst empfangen, undt durch den StattSchreiber complimentirt haben. Nachgehents seint Seine Churfürstliche Gnaden biß an das Stattthor,[S154-2] woselbst bey selbygem Steinern Creutz der Pfarrer zu Bischofsheim sampt der benachbarten Clerisey mit einem silbern Creutz unter dem Himmell denselben in die Pfarrkirche geführt und nach gemußiziertem De Teum laudamus, Vor der Kirch dahier Wider zur Kutsche gesetzen undt in dass Schloss gefahren unter Lösung des Geschützes. Dasselbst der Rat abermahl auffgewart und Wein undt Haber Verehrt hat. Den andern Tag früh umb 9 Uhr hat Herr Oberamtmann und Keller zu Bischofsheim, Ich und die Centgrafen wie auch Schultheiß zu Königshofen in Ihrer Churfürstl. eigen Zimmer nach einer durch Herrn Cantzler geführten Vorrede dass gewöhnliche Juramentum, so von H. Hoffelt, dem Geheimen Secretario, vorgelesen worden, abgelegt. Worauf Seine Churfürstliche Gnaden in die meß und fernerhin nacher der Linden an der Tauber, auf welchem Platz alle denen Ämtern Bischofsheim und Külsheim angehörige Vogteiliche und Centhbare Unterthanen (wovon die Würzburgischen ausblieben) schon versammelt, vorgefahren, sich daselbst Wie auch HH. Domprobst Graf von Hatzfeld, Ingel- und Buebenheimb alle Domkapitularen zu Mainz niedergesetzt, und darauf die Handtreue von allen Unterthanen genohmen, worauf Ihnen die Eide von dem geheimen Sekretär vorgelesen und von ihnen repetirt worden. Demnach (hat) Ihre Churfürstl. Gnaden Jedem Unterthanen ein halb Maß Wein ufreichen, und sich wider
ins Schloss fahren lassen. NB. Der Rat zu Külsheim hatte auch sollen mit Wein und haber ufwarten.
Georg Ferdinand Andlauer,
Keller (Rentmeister) zu Külsheim.“[S155-1]
#VIII. Die Stadt in den Kriegszeiten von 1700-1815.
#1. Einquartierung und Armeelieferung.
Nach dem 30jährigen Krieg hatte das Frankenland und die Stadt Bischofsheim etwa 50 Jahre erträglich Ruhe, während benachbarte Gegenden wie die Pfalz 1689 noch in schrecklicher Weise durch den französischen General Melac verwüstet wurden.
Kaum aber hatte die Stadt einigermaßen aufgeathmet und sich erholt, brachen über Deutschland neue Kriegszeiten herein, die über 100 Jahre dauerten.
Die großen Verkehrsstraßen längs des Mains und längs der Tauber, von Frankfurt über Bischofsheim nach Mergentheim und Rothenburg o. T., von Bamberg und Würzburg über Bischofsheim nach Heidelberg brachten 100 Jahre lang ungeheure Mengen der durchziehenden Truppenmassen von befreundeten wie feindlichen Heeren; wenn auch Bischofsheim und die Taubergegend während dieser Zeit nicht eigentlich den Kriegsschauplatz bildeten, auf dem Schlachten geliefert wurden, so litt die Stadt mit der ganzen Umgegend durch die drückende Last der riesigen Einquartierungen und maßlosen Requisitionen. War ein Regiment abgezogen, kam ein neues; hatte man dem einen Lebensbedarf an Fleisch, Brod, Wein, sowie Heu- und Strohvorräte und die vorhandenen Kassen abgeliefert, so kam ein zweites Regiment, ja ein 3. und 4., ein 5., 6. und 7., mit den nämlichen Ansprüchen.
Im spanischen Erbfolgekrieg, 1701-1714, marschierten französische, englische, bayerische und kaiserliche Truppen durch das Frankenland; im 7jährigen Krieg 1756-1763 waren es preußische, russische und österreichische Regimenter; der bayerische Erbfolgekrieg, 1778-1779, brachte wieder die Österreicher.
1792-1797 herrschte schon wieder Krieg zwischen Frankreich auf der einen und Österreich und Preußen auf der andern Seite. Seit Januar 1793 hielt man Betstunden wegen der Kriegsnot; von anfang der Fastenzeit waren die kaiserlichen Soldaten in Bischofsheim einquartiert.
Am 20. Juni 1792 wurde dem Amt Külsheim (und jedenfalls auch Bischofsheim) und den Schultheißen die Auflage gemacht, die Geleitsstraße von Bischofsheim und den Hottenlochsweg über Külsheim nach Hundheim die Hohle hindurch gut herzurichten, weil die Reichs Insignien zur Kaiserkrönung von Nürnberg nach Frankfurt hier durch kämen.[S156-1]
Der Sommer 1793 war so heiß und trocken, dass die Gemeinde am 16. August einen Bittgang auf den Steinberg veranstaltete, um Regen zu erlangen. Dabei wurden die Lieder gesungen, die jetzt wieder in dem neuen Gesangbuch, dem Magnificat, stehen: O Ihr Freund Gottes[S156-2] und Kommt her, ihr Kreaturen all.[S156-3] Das Jahr 1795 aber war sehr nass und regnerisch, darum hielt die Gemeinde am 10. Juli eine Bittprozession auf den Steinberg, um günstiges Erntewetter zu erflehen.
Die Franzosen drangen unter ihren Generalen Jourdan und Moreau in Süddeutschland ein und zwangen Baden, Württemberg und Bayern Waffenstillstände abzuschließen. Erzherzog Karl von Österreich, Bruder des Kaisers Franz, rückte gegen Jourdan vor und schlug ihn im September 1796 bei Würzburg. Wie die Bevölkerung von Bischofsheim und der Taubergegend nicht nur durch die unaufhörlichen Armeelieferungen bis zur Verarmung ausgesaugt, sondern auch durch die mit fremdem Vieh eingeschleppten Viehseuchen zu leiden hatte, beweisen folgende Urkunden:
#2. Die große Viehseuche von 1796.
Eine Urkunde im Gemeindearchiv zu Ripperg (b. Miltenberg berichtet): „In dieser harten und betrübten Kriegszeit zwischen dem Haus Oesterreich und Frankreich so kamen am 7. September 1796 eine große Menge Oesterreicher, teils Husaren, teils Ulanen hier durch und brachten einen Trieb Ochsen. Diese Ochsen brachten in
das Bamberger Land, in das Würzburger-, in das Khurmainzer-Land die leidige Viehseuch mit, so dass zu Großrinderfeld, Bischofsheim, Königheim, Neunkirchen, Riegelbach, Freudenberg, Miltenberg und Amorbach in diesen Städten und Dörfern fast alles Rindvieh an der leidigen Seuche ist weggefallen, diese Seuche ist so giftig, dass das Vieh Abends gesund, Morgens tot. Die Gemeinde beschloss deshalb das St. Wendelsfest (20. Okt.) jährlich als Festtag zu feiern.“
In der gleichen Angelegenheit schreibt auch das Verkündbuch von Tauberbischofsheim „1796 hat die Bürgerschaft verlobt, wegen der Viehseuche das Fest des hl. Wendelini den 20. Okt. hochfeierlich zu begehen. Weil aber der Erzb. Konsens (Erlaubnis) noch nicht da, wurde das Engelamt mit Pauken und Trompeten gemacht, nachmittags Betstund“ - „Zweimal sind wir auf den Steinberg, einmal nach Dittwar gewallt wegen der Viehseuch“.
#3. „Die Vermünzung des entbehrlichen Kirchensilbers“.
Am 6. Nov. 1794 erging folgende Verordnung vom Erzbischöflichen Ordinariat zu Mainz[S157-1] an die Dekanate zu Tauberbischofsheim und an den übrigen Orten des Erzstiftes Mainz: „Es wäre sämtlichen Stiftern, Prälaturen, Klöstern und andern geistlichen Körperschaften ungesäumt bekannt zu machen, die Churfürstliche Armierungs-Conferenz bestehe wiederholt und nachdrucksamst auf der Ablieferung des entbehrlichen Kirchensilbers und das Vikariat (in Mainz) müsse vorhalten, daß sie ganz mißliebige Maßregeln zu erwarten haben, wenn sie jenem Ansinnen in Zeit von 8 Tagen nicht nachkommen.“
Höchst wahrscheinlich sind bei dieser Gelegenheit[S157-2] manche der alten kostbaren Gerätschaften, über deren Verbleib keine Nachricht vorliegt, abgeliefert und „vermünzt“ worden. Die Kriegsunruhen spiegeln sich auch in den Kirchenbüchern, da eine Menge Verordnungen über Kriegssteuern, über die Seelsorge der fremden Soldaten und ihrer Angehörigen u. s. w. mitgeteilt ist. In andern
sonst sehr genau geführten Büchern[S158-1] fehlen 5 Jahre lang alle Einträge.
#4. Die Kriege zwischen Rußland, Frankreich, Österreich und Preußen 1799-1801 und 1806-1807.
In den Jahren 1799-1801 hatten die Franzosen, Russen und Österreicher mit einander Krieg geführt. Während dieser Zeit war die Stadt voller Kriegsvölker und voller Einquartierung. Charakteristisch dafür ist folgender Beschluß der Synodalen (etwa = Kirchenrat): „Die Kinder, welche aus eigener Schuld die Christenlehre nicht besuchen, werden mit einer Kirchenstrafe von 8 Kreuzer belegt, die durch einen Husaren jedesmal exequiert werden sollen, weil dermalen kein Polizeidiener vorhanden ist und hätte der Husar die Hälfte dieser verfallenen Strafe zu beziehen für seine Bemühung.“
Der Krieg wurde beendigt durch den „ewigen“ Frieden von Preßburg; dieser hielt aber nicht einmal ein Jahr, und schon wieder ertönte das Taubertal von dem Schmettern der Kriegstrompeten. Frankreich mit dem Rheinbund, zu dem so ziemlich alle deutschen Staaten gehörten außer Preußen und Österreich, standen gegen Preußen und Rußland. Der Krieg dauerte „nur“ etwa ein Jahr; aber Bischofsheim und das Taubertal mussten einen großen Teil der Zeche zahlen; da das preußische Heer sich in Thüringen unter der Anführung des alten Herzogs von Braunschweig zusammenzog, rückten die übrigen Kriegsvölker dahin nach.
Wie es in Bischofsheim zuging, berichtet 1805 Stadtpfarrer Kunkel:[S158-2] durch die von den Franzosen eingetriebenen Lieferungen
an Geld und Lebensmittel für Mannschaft und Pferde war die Stadtkasse ausgeschöpft; „im Auftrag des Justizamtes kamen die Ratsherren zum Pfarrer mit der Bitte, in dieser Geldklemmen-Zeit alles vorrätige Kirchengeld, 800 Gulden, als städtisches Anlehen vorzuschießen.“ Bald darnach berichtet Pfarrer Kunkel weiter vom Jahr 1806: „Französische Regimenter marschieren durch die Stadt und requirieren Brod, Wein, Haber, Heu, Stroh. Die Stadt hat 80,000 Gulden Schulden und muß täglich drei Tafeln für die französischen Generäle stellen.“
#5. Der Bildstock am Zimmerplatz als Retter der Stadt 1806.[S159-1]
Bei dem unaufhörlichen Fouragieren (Auftreiben von Lebensmitteln für Mannschaft und Pferde) wurde ein französischer Soldat (der wahrscheinlich ungebührlich genug sich betragen hatte) in Bischofsheim ermordet. Der französische General war darüber so sehr erbittert, dass er die Stadt zur Strafe niederzubrennen befahl. Bevor der Befehl ausgeführt wurde, erfuhr er, dass an der Ecke des Zimmerplatzes, hart an dem Weg, der nach Külsheim führt, ein Bildstock stehe mit dem französischen Königswappen, nämlich den drei Lilien. Er wunderte sich, dass in Deutschland solche französische Erinnerungen seien, überzeugte sich aber durch den Augenschein, dass richtig dort in dem Bildstock das Lilienwappen der französischen Könige stehe und hatte daran so großes Wohlgefallen, dass er den Brandbefehl zurücknahm. So hat also der Bildstock die Stadt vor dem Untergang bewahrt.
Nun aber, wie kommt das französische Wappen nach Tauberbischofsheim? Es ist eigentlich gar kein französisches Wappen, sondern das Wappen der alten, gut deutschen Familie von Dalberg, wie dies sehr deutlich aus dem Grabdenkmal an der Südseite der Pfarrkirche hervorgeht, wo das nämliche Wappen mit der Bezeichnung „Dalberg“ angegeben ist. Zufällig hatte, wenn man das Zufall nennen will, dem eine ganze Stadt die Erhaltung verdankt, die Familie von Dalberg drei Lilien im Wappen wie die französischen Könige, und so meinte der General, das wäre französisch.
Der Bildstock, aus Stein, trägt als Hauptfigur in Relief Christus am Kreuz mit Maria und Johannes, darunter in der Mitte das Wappen und die Inschrift: „Gott zu Lob Und Ehren, auch alle, die Vorübergehen zur Andacht Und Danksagung des Unschuldigen Leiden Jesu Christi hat der Erbare Jüngling Heinrich Eberhardt Stockmeister, Seligen Herr Caspar Stockmeister Selig, Des Rats Allhie hinterlassener Sohn, Dis Bild alhero Verschaft, Welcher dann auch Nach Großer Leibs Schwagheit ist in Gott Seliglich Entschlafen. Im Jahr 1626 den 29. Dezember Seines Alters Gewest Achtzehn Jahr, dem Gott genedig Sein wolle. Amen.“
#6. Der französisch-österreichische Krieg 1809. Der französisch-russische Krieg 1812. Der große Freiheitskrieg 1813 und 1814.
In den drei gewaltigen Kriegen von 1809, 1812 und 1814 wurde das Taubertal mit Bischofsheim fast nicht frei von Truppen-
märschen, Einquartierungen und Requisitionen. Auf der Seite des Franzosenkaisers standen bis 1813 immer die Rheinbunds-Fürsten, also mit Baden und Württemberg fast alle übrigen deutschen Staaten, da sie gezwungen waren und nicht anders konnten; auf jeder Seite standen ungeheure Truppenmassen von je etwa 200 000 Mann, also fast eine halbe Million Soldaten unter den Waffen und lieferten eine ganze Reihe von schrecklich mörderischen Schlachten, so 1809 die blutige Schlacht bei Aspern, wo Napoleon von Erzherzog Karl geschlagen wurde, und bei Wagram, wo Napoleon siegte. Es folgte der französisch-russische Krieg von 1812, in dem auch von Bischofsheim eine Anzahl Bürgerssöhne für den französischen Eroberer auf den Eisfeldern von Rußland und bei dem schrecklichen Übergang über den Berezinafluss (von 26.-28. Nov.), wo die Brücke brach, mit Tausenden der deutschen Brüder in den eisigen Fluten umkamen.
Erst nach der großen Völkerschlacht bei Leipzig am 16., 18. und 19. Oktober 1813, in welcher sich auch die Rheinbundstaaten, also alle deutschen Länder mit Gewalt von ihrem französischen Tyrannen Napoleon losrissen, wurde dessen Heer bis zur Vernichtung geschlagen; Europa war erlöst und die Truppen zogen zum letzten Mal durch Bischofsheim und die Tauberstraßen. Die letzte Erhebung Napoleons, der 1815 nochmals in Frankreich erschien und die Herrschaft an sich riss, dauerte nur wenige Monate und berührte die Taubergegend nicht mehr.
Wie sehr die Stadt durch die beständigen Kriege und häufigen Kriegskontributionen finanziell zerrüttet wurde, geht daraus hervor, dass sie Jahre lang manche Schulden nicht mehr zahlen konnte,[S160-1] und dass sie sogar von Privaten in Impfingen die verhältnismäßig kleine Summe von 400 Gulden zu leihen suchte.[S160-2]
Während dieser Truppenmärsche lagerten sich die Mannschaften, die nicht einquartiert werden konnten, meist auf den Tauberwiesen ober- und unterhalb der Stadt.
#IX. Die kirchliche und politische Zugehörigkeit der Stadt.
Wie wir oben gesehen haben, gehörten von 725 an die Stadt wie die meisten Tauberorte zum Bistum Würzburg.
Zu Anfang des 10. Jahrhunderts stand sie kirchlich wie politisch im Besitz der Erzbischöfe von Mainz.
Die Erzdiözese Mainz bestand nach dem 30jährigen Krieg aus 3 Commissariaten (= Archidiakonaten oder geistlichen Amtsbezirken): Amöneburg, Aschaffenburg und Fritzlar. In das Commissariat Aschaffenburg gehörten die 4 Landkapitel: Montadt, Lohr, Rutgau und Taubergau (mit Bischofsheim); daher führen viele Urkunden die Unter- oder Überschrift: Commissariat Aschaffenburg.
Bei der Säkularisation der Kurfürstentümer Mainz, Köln und Trier im Jahr 1801 wurde das Kurfürstentum Mainz aufgehoben und das Erzbistum nach Regensburg verlegt; die Erlasse der Kirchenbehörde führten darum 1801-1821 die Ortsbezeichnung: Erzbischöflich Regensburgisches Vikariat Aschaffenburg.
1821 errichtete Papst Pius VII. das Erzbistum Freiburg, und Bischofsheim wurde mit allen in Baden liegenden Teilen auswärtiger Bistümer dem neuen Erzbistum zugeteilt.
Im Jahr 1804 kam das bisherige kurfürstlich mainzische Oberamt Bischofsheim politisch an die fürstliche Standesherrschaft Leiningen und mit dieser 1806 an das Großherzogtum Baden.
#X. Die Schlacht von Tauberbischofsheim. 1866.[S161-1]
#1. Grund und erster Verlauf des Krieges.
Neben Österreich war bis zum Jahr 1866 allmählich auch Preußen in Deutschland zu einer Großmacht herangewachsen, welche den Vorrang Oesterreichs nicht mehr anerkennen wollte. Zwischen beiden
herrschten schon seit mehreren Jahren Spannung, Neid und Eifersucht, und es war vorauszusehen, dass es über kurz oder lang zum ernstlichen Bruch kommen müsse.
Die Veranlassung zum Krieg bestand darin, dass Preußen und Österreich sich um die Zukunft von Schleswig-Holstein nicht einigen konnten. Österreich verlangte, dass der Erbprinz von Augustenburg Regent des Landes werde; Preußen aber wollte Schleswig-Holstein sich dienstbar machen, indem die Armee und mehrere Festungen preußisch werden sollten.
Bei Königgrätz in Böhmen trafen sich die beiden Heere, 204,000 Preußen gegen 206,000 Österreicher und über 500 Kanonen, in einer fürchterlichen Schlacht. Die Österreicher wurden geschlagen und dadurch der Krieg in der Hauptsache entschieden. Preußen konnte nun mit seiner Übermacht die mit Österreich verbündeten deutschen Heere von Norden und Osten gleichzeitig angreifen.
Dass die verbündeten deutschen Staaten nach dieser Entscheidung noch die preußische Armee angreifen würden, war nicht mehr zu erwarten; es handelte sich nur noch darum, die süddeutschen Staaten zu verteidigen, wenn die Preußen die Mainlinie überschreiten würden.
Letzteres geschah; am 16. Juli stand General Vogel v. Falkenstein mit der 53,000 Mann starken preußischen Mainarmee in Frankfurt, während die Verfolgung des 8. Bundesarmeekorps dem General v. Manteuffel übertragen wurde.
#2. Das Kriegslager in Tauberbischofsheim.
Am 18. Juli wurde es schon im Taubertal lebendig, obgleich damals noch Niemand ahnte, dass der Kriegsschauplatz sollte hierher verlegt werden.
Am Nachmittag kam unerwartet eine halbe Schwadron bayerischer Cheveauxlegers unter Lieutenant Hartmann von Heidingsfeld hierher, bezog über Nacht Quartier und marschierte am folgenden Morgen weiter gegen Walldürn; viele Einwohner freuten sich über den seltenen, imposanten Anblick der prächtigen Reiterei und dachten nicht daran, dass sie in kurzem mehr kriegerisches Leben sehen sollten, als ihnen lieb sei.
Freitag, den 19. Juli, früh morgens rückte eine österreichische Brigade hier ein und bezog sogleich ihr Biwak bei der TauberSeite 163 · brücke auf den Wiesen gegen Impfingen; die Mannschaften des Train wurden einquartiert, und Stadt und Umgegend hatten das Aussehen eines großen Kriegslagers; ein buntes Gewimmel von Soldaten der verschiedenen österreichischen Nationalitäten belebten das Tal: Deutsch-Österreicher, Kroaten, Böhmen, Polen und Italiener; da dachte man nicht an Krieg und Tod, sondern an Leben und Unterhaltung; während große Scharen gruppenweise plaudernd um ihre Lagerfeuer saßen und rauchten, vergnügten sich andere mit Musik, Tanz und fröhlichen Liedern; es war wohl selbstverständlich, dass fast die halbe Stadt über die Tauberbrücke zu diesem interessanten Schauspiel wandelte, und dass manche aus dem jüngeren Volk sich nicht zweimal einladen ließen, an Gesang und Tanz teilzunehmen. Die Österreicher hatten eine ganze Herde ungarischer Ochsen mit riesigen 1-1½ Meter langen, geraden Hörnern mitgebracht; täglich schlachteten sie unterhalb der Taubergärten je 10-12 Stück dieser prächtigen Tiere und verkauften Kopf und Hals derselben, woran sich oftmals noch 15-20 Pfund Fleisch befanden, an Privatpersonen um 6 Kreuzer.
#3. Der Kriegsrat in Tauberbischofsheim.
Am 20. Juli trafen sich der Verabredung gemäß die Höchstkommandierenden des 7. (bayerischen) und des 8. (bundesstaatlichen) Armeekorps in Tauberbischofsheim: Prinz Karl von Bayern, Prinz Alexander von Hessen und Generallieutenant v. d. Tann zu einem Kriegsrat über die zu treffenden Maßregeln.
Wie das Feldzugsjournal des Prinzen Alexander berichtet, wurde beschlossen: „Das 7. und 8. Armeekorps zu vereinigen und schon am folgenden Tag, am 21. Juli, solle die vereinigte Armee (wenn nicht die gesamten feindlichen Streitkräfte dem 8. Armeekorps nachrücken), durch den Spessart marschieren, sich Aschaffenburgs (das schon am 14. der preußische General v. Göbel erstürmt hatte) bemächtigen und dann die preußische Mainarmee bei Frankfurt und Hanau angreifen.“
Die Prinzen begaben sich wieder in ihre Hauptquartiere; Prinz Karl nach Würzburg, Prinz Alexander nach Walldürn.
#4. Ankunft und Durchmarsch der Heeresmassen.
Am 20. Juli zogen die Österreicher wieder weiter nach GerSeite 164 · lachsheim; gleich nach ihnen rückten große Abteilungen Truppen aus fast allen Bundesstaaten hier ein, die zum Teil hier einquartiert wurden, aber meist nach einer kurzen Rast wieder weiter zogen gegen Würzburg.
So kamen Badener, Württemberger, Kurhessen, Weimarer, Hessen-Darmstädter samt dem Generalstab des ganzen 8. Armeekorps; dazu der Train mit Küchen-, Wein- und Delikatessenwagen, deren Vorräte man aus den hiesigen Conditoreien und andern Geschäften ergänzte, und die eine endlose Reihe durch die ganze Hauptstraße bis zur Vorstadt hinaus bildeten. Ein Teil der Württemberger biwakierte hinter dem Eisenbahndamm und auf der Gänsflur zwischen der Brehmbach und der Königheimer Straße. Das sonst so stille, friedliche Städtchen hatte einen ungemein lebhaften, kriegerischen Charakter, und allerwärts hatte man vollauf zu tun, um die von dem angestrengten Marsch durch den Odenwald müden und hungrigen Soldaten zu verpflegen.
#5. Ankunft des Königs von Württemberg. Die Gefechte von Hundheim, Werbach und Hochhausen.
Sonntag, den 22. Juli, kam der König von Württemberg in die Stadt und wurde von der Mannschaft wie von der Bevölkerung mit Jubel empfangen. Den ganzen Tag herrschte festliche Freude; wie bei einer Kirchweihe hörte man in allen Straßen, in allen Wirtschaften und von den Biwouaks her Singen, Jubilieren und Musizieren. - Und doch standen die Preußen bereits in Amorbach.
Montag, den 23. Juli, wurde die Stimmung schon ernster. Prinz Alexander erhielt die Nachricht, dass die Preußen bereits ihre Vorposten nach Walldürn vorgeschoben hätten.
Ein Teil der Preußen folgte den Bundestruppen über Amorbach - Walldürn - Hardheim, während die Hauptmacht den Weg über Miltenberg - Eichenbühl - Neunkirchen und Hundheim verfolgte. Hier in Hundheim, Werbach und Hochhausen war es schon zu scharfen Gefechten gekommen.
#6. Die Vorbereitung zur Schlacht von Tauberbischofsheim.
In der Nacht vom 23./24. Juli wurde im Hauptquartier zu Bischofsheim beschlossen, ein Gefecht aufzunehmen. Der Armeebefehl lautete: „Das Armeekorps sammelt sich in einer concentrierten Seite 165 · Stellung, um bereit zu sein, entweder dem von Miltenberg und Walldürn vorrückenden Feind entgegenzutreten oder eine Operation in seine Flanke auszuführen. In der Stellung auf dem rechten Tauberufer ist die erste Division als Vorhut, die zweite und vierte als Schlachtkorps und die dritte als Reserve zu betrachten. Von der kgl. bayer. Armee wird eine Division gegen Wertheim, eine Reiterbrigade gegen Altertheim disponiert.“
Dienstag, den 24. Juli, von früh morgens an marschierten die Truppenkörper des 8. Armeekorps, die in Würzburg sich mit dem 7. vereinigen sollten, weiter gegen Großrinderfeld und Würzburg, auch der Generalstab rückte nach. Nur die in der Stadt liegenden württembergischen Regimenter sollten bleiben, und zwar sollte die Brigade Baumbach auf dem rechten Tauberufer Gefechtsstellung einnehmen, das 2. Inf.-Regiment von der Brigade Fischer sollte die Stadt besetzen.
Morgens nach 9 Uhr erschienen die ersten preußischen Husaren von Königheim her bei den Mühlen. Das 2. württembergische Infanterie-Regiment besetzte sogleich den Eisenbahndamm, überdies wurden zwei Geschütze der 6. leichten Fußbatterie dort aufgeführt, welche einen großen Teil der Königheimer Straße beherrschen konnten. Der Besitzer der Rollenmühle (beim Eisenbahndamm) musste das Haus offen halten, Fenster, Türen und Tore aushängen, so dass die Mannschaft, wenn nötig, sich sogleich darin festsetzen könnte; endlich hatten die Württemberger auf dem Steinbergsweg sowie in den Weingeländen desselben sich aufgestellt und bis zum Wellenberg eine Kette gezogen.
Die Hauptsache hatte man aber ganz übersehen; der preußische General v. Manteuffel und alle Sachkundigen verwunderten sich nicht wenig, dass das Kommando des 8. Armeekorps unterlassen hatte, die Höhen des linken Tauberufers und besonders den wichtigsten Punkt, den Höhberg, zu besetzen, von dem man aus das ganze Brehmbachtal und die Stadt beherrschen konnte; die Preußen machten sich diese Unterlassung sofort zu Nutzen und um 11 Uhr sah man schon die preußischen Pickelhauben aus dem Höhbergswald herausblinken.
Um das rasche Vordringen des Feindes aufzuhalten, war an mehreren Stellen die königheimer Straße durch Barrikaden von Seite 166 · Fuhrwerken, Stein-, Holz- und Sandwägen verrammelt, so bei der 2. Mühle, am Fuß des Steinbergs und bei den ersten Häusern der Stadt; überdies waren hier alle Fenster mit je 6 Mann besetzt.
#7. Die Erstürmung der Stadt.
Kurz nach 11 Uhr sprengten schon preußische Husaren herbei, wurden aber vom Eisenbahndamm aus mit einem scharfen Feuer empfangen; inzwischen rückte auch die Infanterie vor, desgleichen eine Kompagnie Detmolder Infanterie und ein nachgeschobenes Bataillon Preußen; diese durchbrachen die württemberger Postenkette vom Steinberg und Wellenberg und nötigten diese, sowie die die auf dem Eisenbahndamm postierten Württemberger zum Rückzug. Ein Teil der letzteren zog längs des Eisenbahndamms gegen den Friedhof.
Während dessen hatte aber auch schon eine Abteilung Preußen den Wellenberg erstiegen, die Höhe des linken Tauberufers, den Sprat und Wolftalsberg, sowie den Friedhof besetzt, waren durch die Gärten in die Stadt gedrungen und empfingen die anrückenden Württemberger mit so heftigem Gewehrfeuer, dass diese sich zurückziehen mussten; dagegen wurde auch der Friedhof durch die württembergische Artillerie vom Brennerberg und Heimberg aus heftig beschossen.
Allmählich zogen die Preußen Verstärkung herbei und drangen im Sturmschritt in die Stadt; die Offiziere an der Spitze, marschierten die Kolonnen, dicht an die Häuser sich drängend und nach allen Seiten umherspähend; das düstere Sturmschlagen der Trommeln, dumpfe Hurrahrufen der Mannschaften, das Knattern der Gewehre, das Dröhnen der Kanonen, das Prasseln der getroffenen Ziegeldächer, das Einschlagen der Kugeln und die fortdauernde Lebensgefahr bewirkten eine Spannung und nervöse Aufregung, die keiner, der sie mitgemacht hat, leicht vergessen wird.
Die Sturmkolonne war die Brigade Wrangel, etwa 2900 Mann, die mit 6002 Mann ausgezogen war, aber durch die Gefechte von Hammelburg, Kissingen und Aschaffenburg schon mehr als die Hälfte verloren hatte.
Die Württemberger am Eisenbahndamm wie in der Stadt mussten zurückweichen; sie flohen teils mitten durch die Stadt, teils Seite 167 · (vom Eisenbahndamm) durch die Taubhausgärten, teils entlang dem Spital und den Grabenanlagen gegen die Tauberbrücke.
#8. Der Kampf um die Tauberbrücke.
Die Preußen, welche die Verfolgung über die Brücke fortsetzen wollten, wurden von dem in den jenseitigen Gärten stehenden 2. Infanterie-Regiment mit einem so mörderischen Gewehrfeuer empfangen, dass sie rechts und links vom Wege abbiegen und Deckung suchen mussten; sie fanden solche in der Vertiefung des Tauberbettes, in den Wassergräben gegen Dittigheim und Impfingen und schickten von da den Fliehenden ein verheerendes Feuer nach. Die regellose Flucht der geschlagenen Württemberger trieb die eiligen Massen gegen Großrinderfeld; doch bewegten sich die Fuhrwerke nur langsam voran; bei der Rectorskapelle zerriss eine Granate einen Fouragewagen, zerschmetterte die Pferde und verursachte eine kurze Stockung und viele Nachzügler, die nicht so eilig von der Stelle kamen, wurden durch die preußischen Kugeln niedergestreckt.
Doch sammelten sich die Flüchtigen wieder und kehrten in geschlossenen Reihen zurück, um die Stadt wieder zu nehmen, aus der sie eben geworfen worden waren; fünfmal stürmten die tapferen Württemberger gegen die Brücke und wollten den Übergang erzwingen, aber die preußischen Zündnadelgewehre, die in diesem Feldzug zum erstenmal gebraucht wurden, spieen Tod und Verderben; fünfmal wurden die Tapferen mit großem Verlust zurückgeworfen, trotzdem sie nicht ins Handgemenge kamen, ja ihre Feinde nicht einmal sahen, da diese in den Bach- und Kanalvertiefungen sich deckten.
Aber auch die Preußen ermangelten nicht des Todes verachtenden Mutes; dreimal versuchten sie mit Hurrah den Sturm über die Brücke, wurden aber ebenso oft durch mörderische Salven von Gewehrfeuer und Granaten der Württemberger empfangen und mit schweren Verlusten zurückgeworfen.
Über diesen Brückenkampf sind mancherlei unrichtige Darstellungen gegeben worden; insbesondere ist es ganz falsch, als ob die Preußen keine oder nur wenige Leute verloren hätten. Ein zuverlässiger Augenzeuge, der den Kampf um die Brücke von Anfang bis zu Ende aus nächster Nähe mit angesehen hat, erzählt darüber:
„Beim ersten Ansturm der Preußen drangen etwa 150-160 Mann bis mitten auf die Brücke, da krachten die Salven der Württemberger, und die ganze Sturmkolonne stürzte niedergeschmettert zu Boden, wie wenn gegen eine Reihe Kartenhäuschen geblasen wird und alle Karten umfallen; die meisten waren tot, manche schwer verwundet, nur 4 Mann eilten unverletzt zurück. - Sogleich rückten andere nach, welche vorsichtig die Verwundeten und auch einen Teil der Toten wegtrugen und hinter die damalige Gerberei Knecht schafften. Der ganze Boden war mit Blut bedeckt, darum hieben geschäftig preußische Soldaten mit ihren Faschinenmessern belaubte Zweige von den Bäumen und kehrten damit den Straßenstaub über das Blut, wohl deshalb, daß die nachrückenden Mannschaften nicht stutzig würden.
Es folgte der zweite Sturmlauf der Preußen mit ebenso vielen Leuten; aber auch diese wurden niedergeschmettert und nur 7 kehrten zurück. Auch jetzt wurde wieder das Blut mit Staub überdeckt.
Ebenso ging es bei dem dritten Sturm, von dem nur 5 Mann unverletzt zurückkamen.
Die Württemberger hatten eine gute Aufstellung und eine nahezu ebene Flugbahn für ihre Geschosse und daher kam auch deren fürchterliche Wirkung.“
Als die Preußen die Unmöglichkeit einsahen, über die Tauberbrücke zu kommen, versuchten sie es unter derselben; sie durchwateten die seichte Tauber oberhalb und unterhalb der Brücke, gelangten, durch den oberhalb der Brücke einmündenden Kanal geschützt, auf die Straße und zogen dann längs der Ziegelhütte, trotz mancherlei Verluste, den Lorenziberg hinauf; die Lippe-Detmolder, die sofort die Lorenzikapelle besetzten und so den Württembergern in die Flanke kamen, eröffneten nun ein mörderisches Feuer auf ihre Gegner in dem gegenüberliegenden Hohlweg und an der würzburger Straße. Mann an Mann fielen hier die tapferen württemberger und bedeckten mit zerschmetterten Gliedern weithin den Boden.
#9. Der Artilleriekampf.
Während alldessen war aber auch die Artillerie von beiden Seiten nicht müßig gestanden. Die Preußen hatten ihre Geschütze auf den Anhöhen des linken Tauberufers, auf den Wellenberg, den Weg Seite 169 · am Berg oberhalb des Friedhofs und auf den Wolftalsberg aufgefahren und donnerten mit 16 Kanonen.
Die Württemberger hatten 18 Kanonen auf den Anhöhen des rechten Tauberufers, auf dem Heimberg und zwei Batterien Reserveartillerie auf dem Brennerberg aufgepflanzt.
Schon um 1 1/2 Uhr nachmittags begann das Artilleriefeuer mit aller Heftigkeit; gleich auf den ersten Schuss der württembergischen Artillerie flog ein preußischer Pulverwagen, krachend und Verderben ringsum verbreitend, in die Luft; die Preußen mussten fühlen und auch zugestehen, dass die württemberger Artillerie vortrefflich schoss; besonders günstig waren zwei Kanonen der 6. leichten Fußbatterie gestellt und unterhielten ein höchst nachdrückliches Feuer gegen alle preußischen Positionen: gegen den anfänglich stark besetzten Friedhof, die Tauberbrücke und gegen die feindliche Artillerie selber. Obgleich letztere nur mit glatten Geschützen versehen war, reichte sie doch nach den Aufzeichnungen in dem Feldzugsjournal des Prinzen Alexander bis ins zweite Treffen; nach 1 1/2 Stunden waren mehrere preußische Geschütze demoliert und endlich die ganze preußische Batterie zum Schweigen gebracht; dafür mussten aber jene württemberger Geschütze, die am Berg oberhalb Impfingen standen, vor den Oldenburger 16 Kanonen sich zurückziehen.
#10. Die Stadt während der Schlacht.
Dass der Schrecken in der Stadt während dieser angstvollen Stunden nicht klein war, lässt sich leicht denken; von allen Seiten stand die Stadt im Feuer; 16 preußische Feuerschlünde spieen unter unaufhörlichem Donner Blitz und Hagel, Feuer und Kugeln von den linken Anhöhen der Tauber; von rechts, vom Brenner und Heimberg krachten die 18 Kanonen der Württemberger, Granaten platzten in der Luft oder durch Aufschlagen am Boden mit schrecklichem Getöse, und zerrissen von oben die Dächer, von unten die Mauern der Häuser, und unaufhörlich klirrte das Rasseln der Ziegel von den Dächern, dazu kam noch das Knattern des Gewehrfeuers, der Lärm der Trommeln, die Signale der Kommando's. Fast alle Einwohner hatten sich in Todesangst in die Keller geflüchtet, doch wußten sie, dass sie auch hier nicht außer aller Gefahr seien, da ja Seite 170 · leicht das grobe Geschütz die dünnen Kellergewölbe durchschlagen konnte; auch konnten die Häuser durch die Geschosse in Brand geraten, wie dies mehrmals geschehen ist, mit der jetzigen Wirtschaft zur Traube jenseits der Tauberbrücke, dem Haus der Kinder Treu in der Eichgasse und der Scheuer des Gerbermeisters Knecht; letztere hatte viermal Feuer gefangen, wurde aber jedesmal durch die darin postierten Preußen gelöscht.
Nur wenige Waghälse, bei denen die Neugierde größer war als die Furcht, getrauten sich, aus den Häusern herauszutreten.[S170-1]
Die ärgste und schrecklichste Gefahr wußten die Leute in ihren Kellerverstecken aber gar nicht; die erfuhr man erst nachher. Es war nämlich schon beschlossene Sache, dass in der folgenden Nacht die Stadt nicht durch die Feinde, sondern von den eigenen Bundesgenossen in Brand geschossen werden solle, um die Preußen daraus zu vertreiben. Das wäre nun freilich ein gründliches, aber gar teures Mittel gewesen; der Divisionskommandant ließ sich, wie man sagt, durch die eindringlichen Vorstellungen des Generals v. Faber davon abbringen in Erwägung: „daß Tauberbischofsheim zu einem befreundeten Nachbarstaat gehöre, und daß das Niederbrennen der Stadt gar nicht einmal absolut notwendig sei“, da die Preußen sich einfach hinter die Berge gezogen hätten.
Gegen 6 Uhr abends verstummte allmählich das Bombardement. Auf der Hauptstraße in der unteren Stadt lagen die Gewehrkugeln so dicht wie die Schlossen nach einem Hagelschlag. Die neuen großen, preußischen Heeresmassen, die nun anrückten, zwangen die Einwohner, aus den Kellern zu steigen und die Verpflegung der ermüdeten, hungrigen Soldaten zu übernehmen.
#11. Das Schlachtfeld am Abend.
Es war selbstverständlich, dass die erste Sorge nach Beendigung der Schlacht den vielen gefallenen und verwundeten Soldaten galt;
nicht bloß die Neugierde führte einen großen Teil der Einwohner auf das blutgetränkte Schlachtfeld, sondern auch das Mitleid; das war ein herzbrechender Anblick! Da lagen sie einzeln und in ganzen Gruppen, diese einst so mutigen, kräftigen Männer, die ausgezogen waren als die Hoffnung und Freude ihrer Eltern und Freunde und jetzt als blutüberströmte Leichname mit schmerzverzerrten Gesichtern, mit zerschmetterten Köpfen, durchschossener Brust und gebrochenen Gliedern auf dem zerstampften Boden lagen. Doch hatten sie den Schmerz überstanden; wohl noch tiefer bohrte sich in das Gemüt das Hören und Sehen der zahlreichen Verwundeten, das Aechzen und Stöhnen der Sterbenden. Die in der Stadt Verwundeten wurden noch während des Gefechtes in den nächsten Häusern geborgen und verpflegt und nachher in das Spital gebracht; aber in der Nähe der Tauberbrücke, auf der Landstraße gegen Würzburg, zu beiden Seiten derselben in den Fruchtfeldern und an der Rektorskapelle lag eine Menge toter und verwundeter Soldaten; auch am Lorenziberg und an der Lorenzikapelle fanden sich einige, da hier ein Teil der Preußen postiert war.
Bald waren alle verfügbaren Räumlichkeiten mit Verwundeten überfüllt: das erst vor kurzem neugebaute sowie das alte Spital, die Krankensäle, sogar die Gänge, das Rentamtsgebäude (jetzt Buchhandlung Lang), ein Flügel des Klostergebäudes und die Schulhäuser; da war kein Unterschied zwischen Freund und Feind, und die Verwundeten wie die Aerzte rühmten die Opferwilligkeit der Einwohnerschaft, die aus jedem Hause trotz der eigenen großen Bedürfnisse den Lazarethen Speisen und Getränke in ausgiebiger Menge schickte und mit großer Hingebung sich am Krankendienste beteiligte; besonders aber verdienen die barmherzigen Schwestern des Spitals mit ihrer ausgezeichneten Vorsteherin, Schwester Marie, auf denen die größte Last und am längsten lag, das Lob einer wirklich heldenmütigen Berufstreue. Auch eine Anzahl Privatwohnungen hatte Verwundete aufgenommen.
#12. Das Begräbnis.
Die Leichname der Gefallenen wurden meist an Ort und Stelle in den Feldern, wo sie lagen, beerdigt; gegenüber der Rektorskapelle, wo die meisten Württemberger gefallen waren, hatte man ein riesiges Grab gegraben und 68 Mann darin zur letzten Ruhe gebettet.
Mehrere gefallene württembergische Offiziere wurden von ihren Kameraden aus dem Gefecht getragen, nach Großrinderfeld mitgenommen und dort beerdigt.
Die Zahl der gefallenen Württemberger betrug nach amtlichen Angaben 8 Offiziere und 231 Soldaten; verwundet blieben in der Stadt zurück 433 Mann.
Die Preußen begruben ihre Toten so schnell, dass man gar nie vollständig und genau erfahren hat, wie viele es gewesen sind. - Schon die Zahl derjenigen, die unser Gewährsmann und Augenzeuge an der Tauberbrücke hat fallen sehen, ist mehr denn 20mal so groß, als die Zahl, die gewöhnlich angegeben wird. - Der Totengräber Hanfmann wollte am Abend noch in die Peterskirche, die er zu beaufsichtigen hatte, um Angelus zu läuten; er durfte nicht hinein, denn die ganze Kapelle lag voll Toter. Ein Knecht aus der Rollenmühle musste mit seinem Gespann nachts noch einen Wagen voll Toter begleiten; man band ihm die Augen zu, dass er nicht sah, was er auf dem Wagen hatte, noch wohin er fuhr; der ganze Wagen war aber morgens, als er wieder nach Hause kam, voll Blut. - Ein Mann von Dittigheim hatte übernommen, am Weg gegen Hochhausen ein großes Wasserloch neben der Tauber mit Erde auszufüllen; er hatte damit angefangen, als die Schlacht anfing; da stellte er natürlich die Arbeit ein und eilte nach Hause; als er wieder zurückkam, war das ganze Loch ausgefüllt und schön mit Erde gedeckt.
#13. Die Beschädigungen in der Stadt.
Viele Häuser hatten durch die Beschießung arg gelitten; Kanonenkugeln, Kartätschen, Granaten zerstörten nicht nur in der untern Stadt, wo bei der Tauberbrücke der Kampf am meisten wütete, sondern auch in der oberen Stadt viele Dächer und Mauern, auch Wohnungen und Möbel; im Ganzen zählte man 76 beschädigte Häuser.
Die Tauberbrücke, deren Holzpfosten, Geländer und Steinpfeiler, trugen schwere Spuren der angeprallten Kanonenkugeln; Latten und Pfosten der dortigen städtischen Anlagen lagen zerfetzt und zerschossen und legten in zahlreichen Rinnen Zeugnis ab von der Menge der durch dieselben geschossenen Gewehrkugeln und von der Heftigkeit des Feuers.
Mit dem Hause jenseits der Tauber verbrannte eine Kuh; in einem Stalle diesseits der Tauber schlug eine Granate einer andern Kuh die beiden Hinterfüße ab; auch einige Einwohner wurden verletzt. Nach Angaben der Kölner Zeitung verschossen die Preußen hier 72,930 Patronen; da zwei Bataillone im Gefecht beteiligt waren, kamen also auf den Mann etwa 20-37, bei andern 65 Schüsse.
In Anbetracht, dass die Württemberger in größerer Anzahl im Feuer standen, wird man nicht fehl gehen mit der Annahme, dass sie mindestens ebensoviel verschossen; darnach kämen also auf das hiesige Gefecht etwa 145-150,000 Gewehrschüsse.
#14. Die Zeit nach der Schlacht.
Am Abend des Schlachttages rückte ein preußisches Infanterie-Regiment, das gegen die sehr anständige Haltung der übrigen preußischen Soldaten sehr unvorteilhaft abstand, in die Stadt. Diese Mannschaften brachen die Keller auf, raubten den Wein und ließen, nachdem sie betrunken waren, den Wein aus den Fässern laufen; überdies raubten und stahlen sie aus den Wohnungen ihrer Quartiergeber und anderer Leute, was sie erwischen konnten, so dass die Bürger den Offizieren ihre Not klagten. Noch in der Nacht ließ der Kommandeur den Generalmarsch schlagen, das Regiment musste antreten und wurde auf die Wörthwiese geführt, wo es die Nacht über biwakierte.
Der folgende Tag brachte noch weitere Truppenmassen, die aber meist auf der Hauptstraße bivuakierten, so dass man kaum in Mitten der Straße Platz fand, um hindurchgehen zu können.
Die Einquartierungen hörten jetzt noch nicht auf, sondern dauerten noch fort, und die Anforderungen der siegreichen Feinde waren nicht gering.
Als Beispiel dessen, was man dem Amtsbezirk auferlegte, nur eines: Am 28. Juli kam von der Feld-Intendantur der kgl. preuß. Division von Fließ folgendes Requisitionsschreiben: „Dem Großh. Bad. Bezirksamte Bischofsheim wird hierdurch auf Befehl des Herrn Generals v. Fließ aufgegeben, zur Verpflegung der Division v. Fließ zum 31. Juli früh 9 Uhr, 12,000 Laib Brot à 5-6 Pfund, 80 fette Ochsen, 10 fette Schweine, 50 fette Hämmel, 12 Ztr. gebrannten Kaffee, 12 Ztr. Salz, 1400 Ztr. Hafer, 240 Eimer gutes Bier, 2000 Flaschen vorzüglichen Wein für Offiziere, 246 Seite 174 · Eimer guten Landwein, 16,000 sehr gute Cigarren für Offiziere, 340,000 gute Cigarren, 400 Ztr. Kartoffel von diesem Jahr, 60 Ztr. Speck nach Greußenheim einzuliefern. Im Fall die obigen Einlieferungen nicht in dem ganzen ausgeschriebenen Umfang erfolgen, hat der Amtsbezirk eine harte Geldstrafe zu gewärtigen, außerdem wird gegen die betreffenden Ortschaften nach der Strenge der Kriegsgesetze verfahren werden. Schließlich wird dem Bezirksamte aufgegeben, die Transporte unter Begleitung zuverlässiger Führer die Tour über Werbach, Neubrunn, Helmstadt, Uettingen nach Greußenheim dirigieren zu lassen. Reichenberg, den 28. Juli 1866. Feld-Intendantur der Kgl. Preuß. Division von Fließ. v. Schwerer.“
#15. Das württembergische Kriegerdenkmal.
Über dem Massengrab gegenüber der Rektorskapelle, wo der Kampf so arg gewütet hatte, ließ König Karl von Württemberg seinen Helden ein imposantes, 30 Fuß hohes Denkmal aus rotem Sandstein errichten und die Namen der Gefallenen in Bronzeplatten darauf anbringen; das Grab wurde pietätsvoll mit Blumen bepflanzt, mit einem Gitter versehen, die Umgebung durch Anlagen von Strauchwerk zu einem freundlich anziehenden Platz gemacht, den zu besuchen, nicht leicht ein Fremder unterlässt.
Am 24. Juli 1867, dem ersten Jahrestag der Schlacht, wurde das Denkmal mit großer Feierlichkeit eingeweiht.
#XI. Der Volksdialekt (die Mundart) und die Flurnamen von Tauberbischofsheim und dem Frankenland.
Es hat eine Zeit gegeben, in welcher man den Dialekt, die Mundart des Volkes, sehr geringschätzig, als bäuerisch, ungebildet, roh, betrachtete, als eine Sprache, die durch Verderbnis und mangelhafte Aussprache des Hochdeutschen entstanden sei. - Das ist gegenwärtig ein vollständig überwundener Standpunkt.
Die große Menge des Volkes, namentlich des Bauernstandes, hat einen sehr konservativen Charakter, d. h. mit großer Zähigkeit Seite 175 · hängt das Volk an seinen althergebrachten Grundsätzen und Gebräuchen. So ist es z. B. mit der Kleidung und mit der Sprache; während alle übrigen Stände die alte Volkstracht verlassen und die Modekleidung angenommen haben, hat der Bauernstand am längsten seine altfränkische Volkstracht bewahrt, an vielen Orten trägt er sie heute noch. So ist auch die Sprache der Gebildeten in einer unaufhörlichen, teilweise sehr raschen Entwicklung, Umbildung und Veränderung, in einem ständigen Flusse begriffen; liest man ein Buch, das vor 100-200 Jahren geschrieben wurde, wundert man sich über die seltsamen, altertümlichen Ausdrücke; was vor 5-600 Jahren oder gar noch früher in Deutschland geschrieben wurde, kann Einer gar nicht lesen noch verstehen, der nicht eigene Studien darüber gemacht hat. Manche Wörter der früheren Zeit sind aus der jetzigen Sprache ganz verschwunden; andere haben ihre Bedeutung vollständig geändert.
Die Umgangssprache des Volkes aber ist viel mehr konservativ, ändert sich weniger und langsamer. Der Dialekt enthält jetzt noch eine Menge Wörter und Ausdrücke, die aus dem Mittelhochdeutschen oder Altdeutschen herstammen, während sie aus der (neu-)hochdeutschen Schriftsprache ganz verschwunden sind.
Darum hat man in neuerer Zeit die Dialektforschung zum Gegenstand einer eigenen Wissenschaft gemacht, welche nachweist, wie die alte deutsche Sprache beschaffen war, und wie nach bestimmten Lautgesetzen allmählich die Veränderung vor sich ging. So hat man jetzt viele gelehrte Werke über die altdeutschen Flurnamen, Orts- und Eigennamen.[S175-1] Und wie man gegenwärtig sogar von Seiten der Regierung die altfränkische, ehemals verspottete Volkstracht wieder zur Geltung zu bringen sucht, so mag vielleicht auch eine Zeit kommen, in welcher man die verachtete Bauern- und Volkssprache als ein Denkmal alter, tausendjähriger Sitte und Kultur hegen und pflegen wird.
Der bischofsheimer Dialekt und der Umgegend ist der ostfränkische.[S175-2]
Hier sollen nur einige Flurnamen erklärt werden, die von der hochdeutschen Schreibweise abweichen.
Das „Appenthal“ von dem Althochdeutschen apa[S176-1] Wasser, Fluss, bedeutet ein wasserreiches Tal.[S176-2]
Das „Bödemle“ von Boden, mit der Verkleinerungssilbe le, bedeutet ein kleines Grundstück.[S176-3]
Der „Gützberg“ von dem mittelhochdeutschen güzz = gießen, rinnen, ein Berg, an dem zeitweilig das Wasser herunter gießt, rinnt.[S176-4]
„Hadmarshelle“, (offiz. Hartmanns Elend). Helle v. mhd. = hael, hele schlüpfrig, glatt, schnell vorübergehend, vergänglich, adj. u. sbst.[S176-5] - Hadmarshelle also = Hadumars Vergänglichkeit (Untergang)[S176-6].
Der „Hamberg = Heimberg“, eigentlich Hainberg, (hain = ein kleiner Wald) = ein bewaldeter Berg.
Das „Hottenloch“ hat seinen Namen aus zwei Gründen:
1. Schon im Mittelhochdeutschen kommt der Fuhrmannsruf „hott“ an die Zugtiere vor, wenn sie rechts gehen sollen; und loch bedeutet eine Bodenvertiefung; Hottenloch ist also der Weg mit einer Bodenvertiefung, zu dem die Zugtiere (von der Stadt aus) rechts gehen müssen.[S176-7]
2. Otto ist ein Eigenname, der schon früh vorkommt; H. bedeutet darnach das Grundstück des Otto neben der Bodenvertiefung.
Leite (althochd. hlite, mittelhochd. lite) heißt Hügel oder Bergabhang[S176-8] und kommt in Tauberbischofsheim mit folgenden Zusammensetzungen vor:
Brehmenleite. - brehmen = (mittelhochd.) brehem, brehen = Glanz; brehmenleite ist also ein Bergabhang nach der Seite 177 · Seite, wo am Mittag die Sonne glänzt, also nach der Südseite. (Nach Krieger vom mhd. brame, breme = Brombeere.)
Brauchenleite. - Brache oder Bräche vom althochd. brehhan = brechen; brauchenleite ist also ein Bergabhang mit umgebrochenem, gepflügtem Boden.
Galgenleite = der Bergabhang, an dem der Galgen stand.
Lenzenleite = ein Bergabhang, der nicht auf der Sommerseite, auch nicht auf der Winterseite, sondern auf der Ost- (Frühlings-) seite liegt.
Das „Löhle“ hat seinen Namen aus zwei Gründen:[S177-1]
- Löhle = althochd. loh = lucus, Hain = ein kleiner Wald.
2. Löhle vom althochd. loh, Loch, Vertiefung mit der Verkleinerungssilbe. - Beide Bedeutungen treffen heute noch beim Löhle zu.
Das „Menthal“ von dem mhd. mene = Fuhrwerk, besonders Frohnfuhre[S177-2], bedeutet ein Tal, zu dem man mit dem Fuhrwerk fährt, oder an dem Frohnfuhren geleistet werden mussten. - Der Name mag damit zusammenhängen, dass am Mental, wo heute noch der beste Wein wächst, ehemals Herrschaftsgüter waren; für diese wie für Grabarbeiten am Geiersberg daneben mögen die Frohnfuhren erfordert worden sein.
Das „Moosi“ hat mit Moses Nichts zu tun, sondern kommt vom (mhd.) mosec = mosic = moosig, sumpfig, morastig; thatsächlich hat das „Moosi“ heute noch viele sumpfige, morastige Stellen; die richtige Bezeichnung wäre also Moosig (= Wald).
Die „Schlacht“ hat ihren Namen nicht von einer Schlacht, die dort geliefert wurde (wie man sehr häufig die volksetymologische Erklärung hören kann), sondern aus zwei anderen Gründen:
1. = Holzschlag, weil dort der Wald, ganz oder teilweise geschlagen, gehauen wurde.[S177-3]
2. Schlacht = Schlucht = mhd. sluiht, sluht, slaht, weil dort der Weg teilweise eine schluchtartige Vertiefung hat.[S177-4]
Der „Spreit, Sprat“ von spreiten, ausbreiten, also ebene Fläche, Hochebene.
Die „Taubs“ von dem Taubenhaus, das wohl ehemals dort gestanden ist und einer der hier ansäßigen Herrschaftsfamilie gehörte.
Der „Wellenberg“ vom mittelhochdeutschen Welle = rund, also ein runder Berg.[S178-1]
Die „Wört“-Wiese v. ahd. Warid, Werid = erhöhtes Land vom Wasser umgeben, also Insel oder Halbinsel.[S178-2]
#XII. Umgebung der Stadt.
#1. Der Türmersturm auf dem Schulplatz und die 20 Türme der befestigten Stadt Tauberbischofsheim.
Der Türmersturm ist einer der 20 Wart- und Festungstürme, die bis in die 30 und 40er Jahre dieses Jahrhunderts die alte Stadt schmückten; er hat seinen Namen davon, dass bis in die neuere Zeit ein Türmer auf demselben als Feuerwächter angestellt war. Es muss in alten Zeiten Bischofsheim einen so imposanten, großartigen Eindruck gemacht haben, wie jetzt noch die herrliche Stadt Rothenburg an der Tauber, welche ihr mittelalterliches Festungskleid nicht abgelegt hat, und heute noch alljährlich darum das Ziel von vielen tausend Reisenden bildet. - Der Platz rings um den Türmersturm war ehemals nicht so hoch wie jetzt, sondern so tief als die Gärten zu beiden Seiten; der Platz war durch Mauern nach allen Seiten geschlossen und hieß der Reh- oder Hirschgraben, weil zeitweilig dergleichen Wild darin gehegt wurde.
Begreiflicher Weise legte die geschlossene Stadtmauer dem gesteigerten Verkehr der Neuzeit und der Bequemlichkeit viele Hindernisse; so kam es, dass nach und nach in den 40er Jahren die meisten dieser 20 Türme abgebrochen und durch den Mauergürtel Straßen geführt wurden.
Im Jahr 1848 gehörte der Türmersturm samt Schulhaus (damals noch leiningisches und früher mainzisches Amthaus) dem Fürsten von Leiningen. Der Turm war aber allmählich sehr verwahrlost; denn die Taglöhner der Nachbarschaft, die im Winter Holz brauchten, stiegen hinauf und sägten die Balken heraus, so
dass der Turm arg beschädigt wurde und die Nachbarsleute Einsturz befürchteten, wenn ein starker Sturm käme; letztere stellten daher den Antrag, dass auch der Türmersturm abgebrochen werden solle.
Der Fürst von Leiningen wollte den Turm nicht unterhalten, noch weniger wieder baulich herstellen und ordnete Tagfahrt zur Versteigerung an, die Schreiber Böhm als Stellvertreter des Rentamtmanns halten sollte. Schieferdecker Neckermann von Distelhausen wollte den Turm ersteigern.
Der alte Zugelder, ein richtiger 48er, der heute noch jedem Bischofsheimer als ein gewalttätiges, räsonierendes Original bekannt ist, hatte aber mit einer Anzahl Gesinnungsgenossen verabredet, „wir leidens nicht und ihr sollt mir secundieren.“ Er fuhr die zur Versteigerung Versammelten in seiner mehr als kräftigen Sprache an: „Ich schmeiß euch herunter, daß ihr den Hals brecht! Hat die Stadt nicht mehr so viel Geld, den Türmersturm zu erhalten! Was ziert denn die Stadt anders als ihre Türme! Wir haben 20 Türme gehabt und jetzt noch den einzigen, und den wollt ihr noch niederlegen! Ist das nicht eine Schande! Der erste, der an dem Turm was macht, den schlag ich nieder!“ Zugelder gestand übrigens dem Verfasser: „Das hab ich natürlich nur so gesagt, ich hätte keinem was gethan.“ - Die zahlreich erschienenen Gesinnungsgenossen schrieen dazu Beifall, stampften und tobten. - Der Schreiber sagte: Unter solchen Umständen kann ich keine Versteigerung halten; das muss ich zuerst nach Amorbach berichten. - Und so blieb der Turm stehen. Im Jahr 1850 kaufte die Stadt den ganzen Platz samt dem Turm und dazu das leiningische Rentamtsgebäude um 12,000 Gulden.
Von den Namen der übrigen Türme ist noch bekannt, dass der an der Klostergasse der Hexenturm war[S179-1], der an der Tauberbrücke Gefängnisturm hieß; letzterer stand noch bis in die 50er Jahre, hatte mehrere Zellen für die Gefangenen und eine Wohnung für den Gefangenwärter; der Turm beim Rathaus (jetzt Volks Brauerei) hieß der Schneckenturm, und war gleichfalls einer der höchsten Haupttürme; der Stadtgraben heißt an jener Stelle heute noch der Schneckengraben und mehrere Nachbarsleute versichern, öfters ganz merkwürdiges, helles Licht gesehen zu haben, das andere gleichzeitig,
trotz allen Forschens und aller Aufmerksamkeit nicht zu erkennen vermochten.
Oberhalb der Mariahilf-Kapelle führte über den dort vorbeiziehenden alten Stadtgraben eine Brücke mit dem Standbild des hl. Johannes v. Nepomuck, welches jetzt über dem Portal der Pfarrkirche steht. - Die Brücke steht heute noch, liegt aber unter der Straße und bildet einen Teil des Kellers[S180-1]. Der Keller selber wird gebildet aus einem Teil des alten Stadtgrabens und zieht sich quer über die Straße.
Oberhalb der Brücke stand von 1612-1812, also gerade 200 Jahre, ein schönes im Renaissancestil gebautes Stadtthor, welches ehemals den Ein- und Ausgang zur eigentlichen Stadt bildete; die weiter hinaus liegenden Häuser kamen erst später hinzu und heißen heute noch Vorstadt. Neben dem Thor stand ein Turm mit einem eigenen Thorwart, der zugleich die Maria-Hilf-Kapelle zu besorgen hatte. Dieses Stadtthor wurde 1812 abgebrochen und an die Rollenmühle versetzt, wo es heute noch den Schmuck des ganzen Anwesens bildet. Es trägt auf der einen Seite die Inschrift: „Caspar Lerch von Dürmstein, churfürstl. Mainzischer Amptmann allhie 1612.“ - Auf der andern Seite: „Paul Erstenberger, Amptskeller, Bernhard Baier, Wolf Müller, dieser Stadt Rentmaistern.“
#2. Die Tauber, die Hochwasser und die Erhöhung des Taubertals.
Die Tauber hieß in den ältesten Zeiten, aus denen schriftliche Aufzeichnungen über die Gegend uns Kunde geben, also vor 1100 bis 1200 Jahren: Dubra, Tubera, Tubar, Tuberis.[S180-2] Diesen Namen erklären einige, wie Förstemann[S180-3] als keltisch, d. h. er stamme noch von dem Volke der Kelten, welche viel früher als die Franken das Land bewohnt haben.[S180-4] - Andere sind der Meinung, er bedeute so viel als „Tober“, weil der Fluss zu manchen Zeiten gar kein unschuldiges Wässerlein ist, sondern nach starken Regengüssen als mächtiger Strom mit gewaltigem Getöse daherrauscht und große Überschwemmungen verursacht. Die Tauber entspringt im Taubersee bei Michelbach an der bayerisch-württembergischen
Grenze, hat eine Länge von 130 km und liegt an der Quelle 440, bei Tauberbischofsheim etwa 170, an der Mündung bei Wertheim 132 Meter hoch über dem Meere.
Man wollte ehemals die Tauber schiffbar machen; die Grafen Poppo und Rudolf von Wertheim versprachen 1244 dem Kloster Bronnbach, die Tauberfahrt bis zur Mündung zu ermöglichen und einen Leinpfad von hinlänglicher Breite für Menschen und Vieh herzustellen (d. h. einen schmalen Weg am Ufer, auf dem die Schiffe bei der Bergfahrt gegen die Strömung gezogen werden könnten); die Ausführung musste aber unterbleiben, da in Teilbach und Wertheim, wo damals schon Mühlen bestanden, große und teure Schleußen hätten errichtet werden müssen.[S181-1]
Dass die Tauber ein „Tober“ sei, hat sie bei vielen Überschwemmungen bewiesen. So kam 1732 am Michelstag das Wasser so reißend schnell, dass nur wenig zum Schutz geschehen konnte, und 5 Menschen in ihren eigenen Wohnungen ertranken[S181-2]; das Wasser reichte in der Klosterkirche bis an den Tabernakel und bedeckte die Straßen bis zur Pfarrkirche; die churfürstliche Hospitalverwaltung zeigte an, dass in ihren Kellern etwa 30 Fuder Wein, 171er, 1720er, 1722er, 27er, 29er und 31er mit einem Schaden von 2312 Gulden zu Grund gegangen seien „vndt doch keine Gnadt oder Nachlaß (von Steuern) erhalten.“[S181-3]
Ähnliche Überschwemmungen werden aus den Jahren 1729, 1738, 1739, 1784 und 1845 gemeldet, noch frühere können wir nur aus Mangel an Urkunden nicht nachweisen.
Indes hat auch die Tauber nicht immer den ganzen gegenwärtigen Lauf gehabt; noch bis 1866 lief sie in zahlreichen Krümmungen bis nahe an den dittigheimer Fußpfad; dann wurde der Tauberlauf auf der ganzen bischofsheimer Gemarkung reguliert.
Aber auch früher schon suchte die Stadt wiederholt durch Dämme sich der Zudringlichkeit des Flusses zu verwehren und drängte ihn immer weiter hinaus gegen den Lorenz- und Brennerberg; auf dem Plan von 1790 sind noch die alten Tauberdämme, die gleichzeitig mit der Stadtbefestigung (nach 1237) angelegt wurden, verzeichnet.
Das ganze Taubertal ist ehemals viel tiefer, und die OrtSeite 182 · schaften längs desselben sind viel höher gelegen als jetzt. Es ist eine allgemein bestätigte Tatsache, dass Regen und Schnee seit Jahrtausenden alljährlich einen Teil der Erde von den Gebirgen ins Tal schwemmen; die Gesteine, die auf den Gebirgshöhen allmählich von der fortgeschwemmten Erde entblößt werden, verwittern unter dem Einfluss der Witterung und werden gleichfalls zu Tal geflößt; dadurch werden die Berge niederer, die Täler höher und breiter. Das haben die Neubauten in der unteren Stadt und die Tauberregulierung 1866 überraschend bestätigt. Bei einem Neubau stieß man dort unter dem Keller auf ein Gewölbe, das ehemals wasserfrei gewesen sein musste, nun aber unter Wasser stand. Als man das neue Tauberbett grub, fand man in den Tauberwiesen oft 4-6 Grenzsteine über einander und dazwischen die allmählich gebildeten Schichten von Erde, Sand, Lehm u. s. w. Mitten im alten Tauberbett fand man einen regelrecht gesetzten Grenzstein, 8 Fuß tiefer als die umgebenden Tauberwiesen. Daraus geht hervor, dass die Tauber auch schon vor dem Jahr 1866 ihren Lauf geändert, und dass das Tal sich um ein ganz beträchtliches mit der Zeit erhöht hat.
Die ehemalige, alte Tauberbrücke war in 7 schwerfälligen, steinernen Bogen gewölbt und stand schon 1613, da sie in dem Liobabüchlein von P. Caspar Liebler[S182-1] erwähnt wird; wahrscheinlich ist auch sie zur Zeit der Stadtbefestigung 1237 mit den Dämmen u. s. w. gebaut worden[S182-2]; ohne Zweifel hat man sie dem damaligen Bedürfnis gemäß groß und hoch genug gebaut; durch die Erhöhung des Tales kam sie aber nach und nach so tief in den Boden, dass sogar beim gewöhnlichen Wasserstand dieser den Scheitel der Gewölbjoche beinahe streifte. Darum wurde sie 1847 abgebrochen und durch eine neue Holzbrücke mit steinernen Pfeilern ersetzt, letztere aber auf den massiven Fundamenten der alten Brücke errichtet. Die steinerne Muttergottesstatue, die auf der alten Brücke stand, lag 1847-77 auf dem alten Peterskirchhof, wurde dann neu gefaßt und in das kleine Gärtchen neben der Sakristei versetzt, wo sie jetzt wieder in Ehren steht wie früher.
#3. Die alten Richtplätze von Tauberbischofsheim.
Noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wurden manche VerSeite 183 · gehen mit dem Tod bestraft, die jetzt nicht mehr so schwer angerechnet werden. Darum war ehemals auch die Todesstrafe viel häufiger als heute, und jede größere Gemeinde hatte ihren eigenen Richtplatz und ihren eigenen Scharfrichter oder Henker; Bischofsheim hatte zwei Richtplätze, das Galgenfeld am Büchelbergsteig oberhalb der Lorenzikapelle, wo noch bis in die 30ger Jahre der Platz einen aufgerichteten Pfahl trug und öde und unangebaut lag; ferner den Richtplatz am Sprat, dort wo der Tannenwald anfängt, hier geschahen die Enthauptungen. An der alten Straße nach Würzburg, wo der 2. Berg anfängt, liegt die Viertelspitze, auch Vierspitze genannt; sie soll ihren Namen daher haben, dass dort von solchen Verbrechern, die nach der alten Gerichtsordnung, auch noch nach der alten laudaer (und bischofsheimer) „Centh-Ordnung“ von 1594 waren gevierteilt worden, ein Viertel zum abschreckenden Beispiel sei aufgehängt worden.[S183-1]
Die letzte Hinrichtung in Bischofsheim geschah am 10. November 1820. - Die Geschichte ist für jeden Ortskundigen so sehr interessant, dass wir sie hier einigermaßen ausführlich geben wollen:
#4. Die letzte Hinrichtung in Tauberbischofsheim 10. Nov. 1820.
Nach Berichten von Augenzeugen und gerichtlichen Urkunden.[S183-2]
#1. Die Liebschaft.
„Das ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie ewig neu“,
sagt ein alter Spruch über die Leidenschaft der Menschen und über die Veranlassung zu manchem Verbrechen. Zwei junge Leute in Königheim wollten einander heiraten; die Eltern des Mädchens gaben es aber nicht zu, weil der Bursche zu wenig Vermögen besaß; der Bursche, Andreas Geier, musste inzwischen als Soldat nach Karlsruhe und die Eltern des Mädchens beeilten sich, dieses während der Abwesenheit des Andres an den Mann zu bringen und dachten, ist es einmal verheiratet, so ist Ruhe. Es kam aber anders.
Ein junger Müller, Stephan Trabold, hatte das Wohlgefallen der Eltern des Mädchens gefunden, und dieses war schließlich auch damit einverstanden, ihn zu nehmen und so machten die zwei zusammen Hochzeit.
Nun kam der Andres als schmucker Soldat in Urlaub; da aber die Leidenschaft blind macht, so stand bald in beiden die Liebschaft in noch größeren Flammen als vorher und die junge Frau wollte jetzt um jeden Preis den schönen Soldaten haben. Die Müllerin hatte eine junge Magd, Anna Seite 184 · Maria Hilbert von Dittwar; dieser versprach die Frau ein neues Kleid, dafür musste sie die Botschaften hin- und hertragen und versprechen, dass sie mithelfe, den Mann zu beseitigen.
#2. Die Mordpläne.
Eines Tags war der junge Müller Trabold in Geschäften nach Walldürn gefahren; da sagte seine Frau zum Andres: Du gehst hinaus an die Weikerstetter Steige, und wenn er kommt, so schießest du ihn tot; der Soldat versprach es und stellte sich auf die Lauer; als er aber den Müller ruhig und guter Dinge vorbeifahren sah, getraute er sich nicht, ihn zu töten; der Müller kam heim.
Die Frau war über den Andres sehr erbost, dass er das Verbrechen nicht ausgeführt hatte und machte nun einen zweiten Plan: der Soldat solle den Müller im Bett totschießen; aber dem Andres grauste davor; er konnte es sich nicht über sich gewinnen, so etwas zu tun. Es zeigte sich aber auch hier, dass der alte Goethe recht hat:
Und geht es zu des Teufels Haus,
das Weib hat tausend Schritt voraus.
#3. Der Mord.
So standen die drei, die Müllerin, der Andres und die dicke Magd bei dem schlafenden Müller und stritten, was zu tun sei; da nahm die Magd eine Holzaxt und schlug dem Müller so stark auf den Kopf, dass er aus dem Bett heraus fiel; doch wollte er sich noch gegen seine Mörder wehren, aber das gottlose Mädchen schlug drauf los, bis der Mann sich nicht mehr rührte.
Nun hatte aber die junge Frau Angst, der Mann könne noch nicht ganz tot sein, sie verlangte nun vom Andres: „Schieß ihn mit dem Pistol vollends tot.“ Aber der Andres wollte auch jetzt Nichts davon wissen. Da höhnte ihn die Frau: „Bist du ein Soldat und kannst nicht einmal Einen totschießen!“ Endlich ließ er sich überreden und schoss den Müller „zur Vorsorge“ durch die Brust.
#4. Die Gefangennahme.
Die Mörderbande musste natürlich darauf gefaßt sein, dass man sie zur Rechenschaft ziehe. Um den Verdacht von sich abzuwälzen, ließen die Drei nun das Vieh, die Pferde, Rinder, Schweine los, liefen von der Mühle in das Dorf nach Königheim und schrieen: „Räuber, Räuber, Mörder, Mörder sind dagewesen und haben den Müller erschlagen.“ Begreiflicherweise erfaßte eine große Aufregung über die Unthat das ganze Dorf; es dauerte aber nicht lang, so kam man dem wahren Sachverhalt auf die Spur. Der Amtmann kam nach Königheim und ließ zuerst den Soldaten zu sich in den obern Stock des Sternenwirtshauses rufen; nach einigem Leugnen gestand er das Verbrechen; dann gestanden auch die zwei Weiber. Sofort wurden die drei nach Tauberbischofsheim transportiert. Damals hatte die Stadt noch ihre Ringmauern mit den vielen Türmen; in der Nähe der Tauberbrücke, wo jetzt die Seite 185 · Brauerei Hammel steht, stand der Gefängnisturm, dort wurden die Gefangenen einquartiert.
#5. Die Verurteilung.
Nachdem die Voruntersuchung abgeschlossen war, wurden die drei Übeltäter an das Oberhofgericht nach Mannheim geliefert, wo sie zum Tod durch Enthauptung verurteilt wurden.
Darüber ging dem Stadtrat in Tauberbischofsheim folgende Verordnung von der Hofgerichtskommission zu:
„Großh. Bad. Gerichtskommission.
J. U. S.
gegen
Andreas Geier von Königheim, die Stephan Traboldische Ehefrau von da und die ledige Anna Maria Hilbert von Dittwar.
wegen Ermordung des Stephan Trabold von Königheim betr.
Wird Großh. Stadtrate dahier folgendes zur Nachachtung eröffnet:
1. bis nächsten Montag den 6. d. nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr werden unter sicherer Eskorte von Külsheim[S185-1] die 3 Delinquenten dahier eintreffen, und sogleich in hiesigem Criminal-Gefängnis in engen Gewahrsam gebracht werden. Stadtrath hat an den hiesigen Zenththurm eine Wache von 12 Mann mit einem Korporal oder Unterofficier aufzustellen und ebenso die Nacht durch eine gleichstarke Bürgerwache auf dem hiesigen Rathaus anzuordnen, welche die Nacht durch patrouillirt, Ruhe und Ordnung erhaltet, auch die allenfalls verdächtig scheinenden Fremden nach Umständen unter fürsorglichen Gewahrsam verbringt. Die Wache an dem Zenththurm muss besonders dafür instruirt werden, dass sich Niemand auch von außen dem Gefängnisse nähert und den Maleficanten jede Entweichung oder sonstigen Gewaltstreich von außen unmöglich gemacht wird.
2. Dienstag den 7. i. d. morgens 9 Uhr wird den 3 Verbrechern in der Amtsstube dahier das Urtheil verkündigt werden, wobei folgendes zu beachten ist:
a) Um 8 Uhr in der Frühe müssen 50 bewaffnete Bürger von hier unter Anführung des Lieutenants Reuter ausrücken, die Hälfte von der Mannschaft wird am Eingange des hiesigen Amtshauses zur Abhaltung der andrängenden Volksmenge aufgestellt, und die übrigen 25 Mann aber müssen in 2 Abtheilungen die Maleficanten vom Zenththurm abholen und in das Amthaus transportiren.
b) Bei der Urteilspublication haben als Urkundspersonen in feierlicher Kleidung und mit schwarzen Mänteln zu erscheinen der Oberbürgermeister Schröck und der Stadtrath Weigand, die um halb 9 Uhr sich auf der Amtsstube einfinden müssen.
3. Die feierliche Publication des Urteils selbst geschiehet Freytag den Seite 186 · 10. i. d. frühe 9 Uhr auf dem hiesigen Marktplatze, so dass das Geschäft um 10 Uhr geendigt und um 11 Uhr die Hinrichtung auf dem hiezu bestimmten Gerichtsplatze rechts der Chaussee gegen Külsheim und den sogenannten Streck auf dem dort zu errichtenden Schaffotte bestimmt vor sich gehen kann.
4. Dieser feierlichen Handlung hat der gesamte hiesige Stadtrat als Urkundsperson beizuwohnen; Derselbe hat sich daher an diesem Tage morgens frühe 8 Uhr in anständiger Kleidung mit zeckigen Hüten und mit schwarzen Mänteln auf dem hiesigen Rathhause zu versammeln und um halb 9 Uhr sich in geschlossener Ordnung 2 und 2 von dem Rathhause auf den auf dem Marktplatze zubereiteten Platz zu verfügen, und allda die für sie bereitstehenden Sitze einzunehmen. Inzwischen wird der Beamte mit dem Amtsschreiber und dem Physicus ebenfalls eintreffen und die für selbige frey gelassenen Sitze einnehmen.
5. Alsdann werden die 3 armen Sünder, welchen inzwischen ihre Todtenkleider anzuziehen sind, durch ein Commando von 50 bewaffneten Bürgern von dem Zenththurme unter dem Commando des Lieutenants Reuter mit Beigebung eines militärischen Commandos abgeholt, vor das Gericht geführt und selbige auf die aufgestellte 3 Sitze unter Assistenz der Gefangenwärter niedergesetzt, jedem derselben wird ein Geistlicher, den sich dieselben selbst zu wählen haben, gleich anfangs nach der ersten Urtheils-Verkündigung beigegeben, die dann auch dieselben am 10. d. vor das Gericht und auf den Richtplatz zu begleiten haben.
Alsdann wird das Urtheil feierlich verkündigt, der Stab gebrochen, die armen Sünder den Nachrichtern übergeben, und das weitere, wie unten näher vorkommt, besorgt werden.
6. Während der Urtheilspublikation haltet das dahier einrückende Militär den Kreis offen, und diesem schließen sich die bewaffneten Bürger, welche die Gefangenen abgeholt haben, zu gleichem Zwecke an.
7. Um die armen Sünder nach der Urtheilspublication auf den Richtplatz zu führen, müssen 3 zweispännige Wägen mit Sitzen für die Delinquenten, die sie begleitenden Geistlichen, und die Knechte des Nachrichters an dem Marktplatze in der sogenannten Armengasse in Bereitschaft stehen.
- Der Zug auf dem Richtplatz gehet in folgender Ordnung vor:
a) Der Bezirksinspektor Friedel mit 2 berittenen Zollgardisten führt den Zug an.
b) Dann folgt in der 1. Chaise der die Exekution leitende Beamte mit dem Amtsschreiber und Physicus; zu beiden Seiten des Wagens gehen die Amtsdiener;
c) in der 2. Chaise folgt der Oberbürgermeister mit 2 Rathsverwandten, und so die übrige Stadtrathsglieder in soviel Chaisen, als zu deren Aufnahme erforderlich sind. Neben den Chaisen des hiesigen Stadtrathes gehen zu beiden Seiten die Amtsdiener.
9. Diesem Zug folgen die Wagen, auf welchem die armen Sünder, die sie begleitenden Geistlichen, sowie die Gehülfen des Nachrichters ihre Plätze Seite 187 · einnehmen, und werden dieserwegen durch ein militärisches Commando die übrigen Polizeygardisten begleitet.
10. Der Richtplatz muss mit 400 bewaffneten Bürgern morgens früh 8 Uhr unter Anführung des Bezirksinspektors Brunner besetzt und von diesen der Kreis um das Schaffot geschlossen werden. Beim Eintreffen des Gerichts und Stadtraths nimmt dasselbe die für sie zubereitete Plätze seitwärts des Blutgerichts ein und erwartet sitzend die Ankunft der Delinquenten, welcher Sitz durch die Amts- und Gerichtsdiener an den ihnen angewiesenen Plätzen gedeckt wird.
11. Das die Armen-Sünder escortirende Militär und Bürgercommando bildet zur rechten und linken Seite an der Stiege des Blutgerichts Spalier und hält den Andrang derjenigen Menschen zurück, denen der Eingang auf die Blutbühne nicht gestattet ist, während die reitenden Zollgardisten die polizeiliche Aufsicht auf dem Richtplatze bei den Zuschauern handhaben.
12. Nach vollzogener Exekution wird das Gericht und der Stadtrath in nemlicher Ordnung vom Richtplatze abziehen und darf niemand zur Vermeidung jeden Unglücks vorfahren oder gehen, sondern muss sich dem Zug bis in die Stadt anschließen.
13. Auf dem Richtplatze bleibt ein Bürgercommando von 12 Mann so lange zurück, bis die Gerichteten daselbst beerdigt sein werden, und die aufgestellte Zentmannschaft darf erst alsdann ihren Posten verlassen, wenn die Volksmenge abgezogen ist. Der sie anführende B. Inspektor Brunner wird mit der bewaffneten Mannschaft dahier einrücken, selbige bei der Sonne aufstellen, wo dann augenblicklich das weitere wegen ihrer Entlassung nach Hauß verfügt werden wird.
14. Da es bei so seltenen Ereignissen öfters der Fall ist, dass sich Raub- und Lumpengesindel in die Orte einschleichen, um Einbrüche, Diebstähle und Feueranlegungen zu bewirken, um daraus Vortheile zu ziehen, so verdient die Handhabung der öffentl. Sicherheit ein vorzügliches Augenmerk, besonders, wo Mittwoch und Donnerstag vor der Exekution Krämer- und Viehmarkt dahier abgehalten wird. Man versiehet sich daher zu dem hiesigen Stadtrathe, derselbe werde
a) Montags den 6. d. und die folgenden Tage bis nach vollzogener Hinrichtung eine starke Bürgerwache aufstellen, welche zu allen Zeiten des Tags und in der Nacht patrouilliren, was auch denen dahier einrückenden Gardisten noch sonders aufgelegt werden wird. Die Tore und Eingänge der Stadt müssen mit starken Bürgerwachen versehen werden.
b) auch die Häuser der Beamten und all derjenigen, welche öffentl. Kassen haben, insbesondere die g. Gefällverwaltung, die Grsh. Postverwaltung, das Rentamt, die Kirche, das Hospital und Beneficiat, sowie die Wohnung des Oberbürgermeisters eine tüchtige Bürgerwache erhalten, und derjenige Bürger, der zum Wachdienst beordert und auf seinem Posten nicht erscheint, verfällt in eine unnachläßliche Strafe von 5 fl. nebst Haftung für allen aus seiner Dienstnachlässigkeit entstehenden Schaden.
Da es übrigens im höchsten Grade unschicklich ist, dass am Tage der Exekution und auch den folgenden Tage Tanzbelustigungen abgehalten werden, so wird Gsh. Bezirksamt jedes derartige Gesuch abweisen.
Man versiehet sich zur Tätigkeit des Gsh. Stadtraths, dass derselbe dieser unserer Anordnung auf das pünktlichste nachkommen werde.
Bischofsheim, d. 3. Nov. 1820.
Ortallo. Schmitt.
Nachträglich wird dem g. Stadtrathe eröffnet, dass bis nächsten Montag 13 Gardisten und bis nächsten Donnerstag d. 9. ein Offizier mit 50 Mann dahier eintreffen werden, welche gehörig einzuquartieren sind.
Ortallo.
Bey der den 10. d. vor sich gehenden Hinrichtung findet man sich veranlasst, folgendes zu verordnen:
1.
Auf den Straßen dürfen am Tage der Hinrichtung weder Chaisen noch Wägen, da wo der Zug hinaus- und auch von dem Richtplatze wieder hereingeht, aufgestellt sein.
2.
Bey Abführung der Delinquenten auf den Richtplatz müssen letztere unmittelbar mit ihrer Bedeckung nach den Wagen des hiesigen Stadtraths fahren, und dürfen nur diejenigen Chaisen einrücken, welche den Beamten einen schriftlichen Erlaubnißschein aufweisen.
3.
Erwartet man von dem zuschauenden Publikum ein stilles und ruhiges Betragen.
4.
Die Zuschauer dürfen sich nicht an die das Viereck um die Richtbühne bildende Mannschaft andrängen oder sich gar in den Kreis selbst eindrängen, ansonsten sie sich der Ausweisung und nach Umständen persönlicher Arretirung aussetzen.
5.
Die Zuschauer, die auf Wägen oder zu Pferde auf den Richtplatz kommen, müssen sich von dem Stande der Fußgänger entfernt halten, und in einem ihnen angewiesen werdenden Platze auffahren.
6.
Bey schwerster Strafe ist das Vorfahren oder Vorsprengen mit Pferden im Hin- und Zurückweg auf den Richtplatz verboten, auch niemanden erlaubt, nach der Exekution eher abzufahren, als bis das Gericht mit dem Stadtrath und denen in den Zug eingetheilten Chaisen vorerst abgefahren sein wird.
Der Stadtrath hat diese Verfügung öffentlich verkünden, auch an den Toren und in den Wirtshäusern anheften zu lassen, und sich im übrigen nach der erlassenen Verfügung vom 3. d. M. genau zu benehmen.
Bischofsheim, den 8. November 1820.
Ortallo. Schmitt.
Beschluß.
Es hat Polizeidiener Engert obige Verordnung durch die Schell öffentlich bekannt zu machen und auf die Befolgung genau zu sehen.
Schreck.
Die zum Zug auf den 10. Nov. bestimmten Chaisen sind in folgender Ordnung eingeschickt und die Nr. abgegeben.
Nr. 1.
Der Kutscher des Herrn Bezirksamtmann Ortallo.
Nr. 2.
Der Kutscher des Herrn Dokter Schlecht. A. Mainhard.
Nr. 3.
Der Kutscher des Oberbürgermeisters Schreck.
Nr. 4.
Der Kutscher der zweiten Chaise der Stadtrath Sonn. Baumann.
Nr. 5.
Der Kutscher der dritten Chaise, der Stadtrath Weber.
Nr. 6.
Der Kutscher für die Geistlichen Herren zum Nachhause fahren. G. C. Zubrod.“
#6. Die Hinrichtung.
Am 10. November, Freitags in der Frühe waren der ganze Marktplatz und die anstoßenden Gassen voller Menschen; die Gefangenen wurden herbeigeführt und dort wo das Kreuz steht, wurde ihnen nochmals das Todesurteil vorgelesen, dann der Stab über sie gebrochen mit den Worten: „Jetzt ist keine Gnade mehr: Gott sei euch gnädig“. Alle drei hoben die Stücke des zerbrochenen Stabes, die der Richter ihnen vor die Füße geworfen, auf und küßten dieselben, zum Zeichen, dass sie die Strafe für gerecht halten und auch zur Sühnung ihres Frevels willig annehmen. Da mögen wohl wenige Augen thränenlos gewesen sein, so sehr hatte die schrecklich-ernste Feierlichkeit, so kurz sie war, die Gemüter angegriffen.
Die Übeltäter wurden auf einen Wagen gesetzt, Stadtpfarrer Kunkel von Tauberbischofsheim, der sie zu ihrem letzten Gang vorbereitet hatte, setzte sich im Ornat zu ihnen und der Zug kam in Bewegung.
Nun strömte eine wahre Völkerwanderung nach dem Hottenlochsweg und dem Sprat zum Blutgerüste; es war eine unabsehbare Menschenmenge zu Fuß, zu Ross und Wagen; alle wollten den schrecklichen Hergang sehen.
Auf dem Sprat war das Schafott aufgeschlagen, eine etwas erhöhte Tribüne, so groß wie ein mäßig großes Zimmer, mit einer Schutzgallerie versehen; vom Tannenwald her führte eine kleine Stiege hinauf, das Gerüste schaute gegen den Höhberg; eine Viertelstunde lang ließ man den Verurteilten auf dem Blutgerüst Zeit zum Beten; während dessen füllte sich die weite Hochebene mit der ungeheuren Menschenmenge; es summte und wogte wie vor einem riesigen Bienenschwarm. Die Verurteilten wurden gefragt, ob Jemand noch Etwas zu sagen hätte, da trat Andres vor; sogleich entstand Seite 190 · eine atemlose Stille; jeder wollte hören, was derselbe in der letzten Viertelstunde seines Lebens als das wichtigste noch zu sagen habe. Er sprach nicht viel, aber ergreifende Worte: Die jungen Leute sollen an ihm ein abschreckendes Beispiel nehmen, wohin der Mensch komme, wenn er sich von blinder Leidenschaft regieren lasse; er bitte Alle wegen seines schlechten Beispiels um Verzeihung. Da erhob sich unter der Zuschauermenge ein großes Weinen und Schluchzen.
Der Andres wurde nun auf den Stuhl gesetzt, mit dem Leib an die Lehne angeschnallt, die Hände mit dem Rosenkranz und die Füße wurden festgebunden, der Hals entblößt und die Augen verbunden. Der Scharfrichter Schwarz von Tauberbischofsheim, Vater des späteren Tierarztes, war ehemals ein Freund zum Andres gewesen und wurde von diesem gebeten, seine Sache recht zu machen; so nahmen die zwei Freunde einen ergreifenden Abschied; der Scharfrichter ergriff das lange, gerade, zweischneidige Schwert, ein dritter Mann fasste den Soldaten am Schopf.
Als die Zuschauermenge sah, dass nun blutiger Ernst werde, bemächtigte sich eine unwillkürliche Panik, ein namenloser Schrecken einer großen Zahl. Mehr als die Hälfte, besonders Frauen und Kinder konnte den schrecklichen Hergang nicht mit ansehen; weinend, heulend, schreiend, mit den Händen in der Luft gestikulierend sprangen sie nach allen Seiten auseinander und den Berg herunter. Um so tapferer hielten die Übrigen stand.
Der Scharfrichter erhob mit beiden Händen das breite Richtschwert, holte aus und hieb dem Verbrecher den Hals durch, und während das Blut aus dem Rumpf hoch in die Höhe schoss, steckte er das abgeschlagene Haupt auf einen Spieß.
Die zwei verurteilten Weiber mussten den ganzen Hergang mit ansehen.
Nun kam die Magd an die Reihe, die aber wie die Müllerin nicht vom Bischofsheimer Scharfrichter, sondern durch Scharfrichter Schönbein von Uissigheim enthauptet wurde.
Die Frau war durch die zwei Enthauptungen, die sie hatte mit ansehen müssen, vor Schrecken und Entsetzen halb tot; sie vermochte fast keinen Schritt mehr zu machen und zitterte am ganzen Körper; als das Haupt vom Rumpfe getrennt war, schoss das Blut nicht in die Höhe wie bei den zwei andern, sondern quoll nur von der Seite herab. Nach jeder Enthauptung hatte man den betreffenden Leichnam durch eine Öffnung im Boden des Blutgerüstes herunter gelassen; gleich nach der Hinrichtung wurden alle drei auf dem Richtplatz beerdigt, und noch lange Zeit waren die Grabhügel sichtbar, unter denen die Hingerichteten ihr Vergehen büßten.
#XIII. Die ehemaligen Klöster in Tauberbischofsheim.
#1. Das Kloster der hl. Lioba.[S191-1]
So lang die hl. Lioba lebte, leuchtete ihr Kloster durch den Glanz und das Ansehen der hl. Stifterin und ersten Äbtissin weit hinaus in die fränkischen Gaue und hatte bei der stets wachsenden Anzahl der Schwestern und der Zöglinge auch einen ganz ansehnlichen Umfang. Aber mit dem Weggang der Heiligen erlosch allmählich der Glanz, es nahm ab an Zahl und Bedeutung der Bewohner.
Der berühmte Abt Trithemius v. Sponheim († 1515, sein Grabdenkmal ist an der Neumünsterkirche in Würzburg) behauptete, das St. Liobakloster sei sehr früh eingegangen, so dass zu seiner Zeit keine Spur mehr vorhanden gewesen sei; allein hierin war der gelehrte Mann, der über Bischofsheim nur vom Hörensagen schrieb, wenn auch nicht ganz im Irrtum, doch auch nicht vollständig im Recht; denn noch vorhandene Urkunden[S191-2] berichten: Das Kloster brannte später teilweise ab, teils zerfiel es, und man wandelte es in ein Spital um; aber auch so kam es fast vollständig ins Abwesen, und die Einkünfte gingen nahezu alle verloren; darum stifteten 1350 Frau Elsbeth Ruckerin, Witwe des Bürgers Liphart am Markt zu Bischofsheim und Sibylla Siberin einen neuen Fond.[S191-3] Das alte Klostergebäude war aber noch erhalten und soweit brauchbar, dass 1636 die Franziskaner, welche in der Stadt sich niedergelassen hatten, den Erzbischof Anselm Kasimir von Mainz baten, ihnen das „Spital, welches ehemals das Klösterlein der hl. Lioba gewesen war“, zu übergeben[S191-4], was auch geschehen ist. Der Hergang soll behandelt werden im folgenden Kapitel.
#2. Das (ehemalige) Franziskanerkloster.[S192-1]
#1. Die erste Niederlassung.
Der Franziskaner-Pater Adam Burvenich, Lektor der Theologie (Professor) im Konvent Heidelberg, kam einmal nach Bischofsheim an der Tauber. Der Amtmann daselbst, Johann Suicard (Schweikart) von Sickingen, tat nun an ihn die unverhoffte Frage, ob denn Bischofsheim nicht das Glück zuteil werden könne, zur Ehre Gottes und zum Nutzen der Seelen den seraphischen (Franziskaner-) Orden da festen Fuß fassen zu sehen. Bald darauf ließen sich auch der Ortspfarrer Georg Federle, der Magistrat und die ganze Bürgerschaft vernehmen; es bat der Magistrat am 12. Juni 1629 den mainzer Churfürsten Gg. Friedr. v. Greifenklau, der damals krank lag, um eine Niederlassung der Brüder in Bischofsheim. Der Fürst erteilte die Erlaubnis dazu mündlich. Die Brüder trafen daraufhin am 15. Juli 1629 zu Bischofsheim ein, mit größter Freude von der ganzen Stadt empfangen. Anfangs bewohnten sie die Behausung des Stadtsacellans (= kaplans), die leer stand und hielten vom Jahr 1629-36 ihren Gottesdienst in der Sebastianuskapelle.[S192-2] Bald aber erhielten sie die Kaplanei selbst, die schon seit einiger Zeit ledig war, und der mainzer Domprobst Anton Walbott von Bassenheim bestätigte sie darin. Ihre Niederlassung erlangte die schriftliche Bestätigung durch den mainzer Churfürsten Anselm Kasimir vom Wambolt zu Umstadt.
Am 8. März 1636 übertrug derselbe Churfürst den Brüdern das alte St. Lioba-Klösterlein, welches man in ein Spital umgestaltet hatte, mit der dazu gehörigen Elisabethenkapelle in Verbindung mit einigen Dienstleistungen. Am 23. April nahmen sie davon feierlichen Besitz, und am 31. Mai bestätigte sie darin der Landesherr aufs neue.
Auf dem Provinzialkapitel zu Köln am 30. April 1637 wurde die bisherige Residenz der Brüder in einen Konvent unter dem Titel „zur hl. Jungfrau Lioba“ verwandelt und ihm als erster Guardianus Fr. Adam Streit beigegeben.
#2. Erbauung der neuen Klosterkirche.
Die St. Elisabethkapelle des Hospitals war schon längst vom Zahn der Zeit zernagt, alt, unansehnlich, baufällig geworden und
für die Tätigkeit der Franziskanerpatres längst zu klein; deshalb baute man 1656 die neue Klosterkirche, die bis zur Kloster-Aufhebung dem privaten und öffentlichen Gottesdienst durch das Kloster diente.[S193-1]
#3. Die Patres im Dienste der Pestkranken.
Als 1665-66 im Rheingau die Pest wütete, wurden 3 Patres von hier durch den Churfürsten Philipp von Schönborn zum Dienst der Pestkranken dorthin geschickt, wo sie sich großes Lob erwarben.
#4. Die Errichtung der Klosterschule. Anfang des Gymnasiums.
Seit 1688 hatten die Patres eine eigene Klosterschule, Pädagogium oder Studentat, wie man es nannte, aus dem das heutige Gymnasium hervorwuchs. Auch hatten sie wenigstens zeitweilig eine theologische Schule.[S193-2]
#5. Die Erbauung des neuen Klosters.
Da das Kloster sichtlich aufblühte, reichte die enge Wohnung den Brüdern nicht mehr aus, weshalb 1719 mit dem Bau eines neuen Klosters begonnen wurde. In wenigen Jahren war der Bau vollendet.[S193-3]
Im Keller des linken Klosterflügels befand sich zur Bestattung der verstorbenen Brüder eine eigene Gruft, wo die Gebeine und viele Totenköpfe bis 1864 waren; dann wurden dieselben auf den neuen Friedhof verbracht.
#6. Die Verdienste des Klosters.
Etwa 200 Jahre haben die Franziskanerpatres in der hiesigen Stadt zum Segen gewirkt. Außer der Seelsorge in Predigt, Beichtstuhl, Krankendienst und dem Unterricht durch ihr Gymnasium hatten sie eine nicht geringe Arbeit an der zu allen Zeiten vorhandenen sozialen Frage in Unterstützung der Armen und Notleidenden.
#7. Die Aufhebung des Klosters.
Als durch den kirchen- und klosterfeindlichen Geist im Jahr 1803 die meisten Klöster aufgehoben wurden, setzte man auch den bischofsheimer Franziskanerconvent auf den Aussterbeetat, d. h. es
wurde ihm verboten, neue Mitglieder aufzunehmen, so dass die vorhandenen allmählich aussterben mussten.
Die Franziskaner zählten im September 1816 5 Patres: (der P. Guardian, Leo Raps); 7 Laienbrüder; das Gymnasium hatte 40 Studenten.
Im Jahr 1823[S194-1] wurde ein Teil des Klostergebäudes der Stadt zugesprochen dafür, dass sie, nebst andern Bedingungen, auch die Baupflicht für die Klosterkirche übernehme.
Am 13. August desselben Jahres 1823[S194-2] wurde das Kloster aufgehoben, die „Effekten“ versteigert, die Bibliothek und die Paramente dem Gymnasium vorbehalten.
Das Klostergebäude wurde geschätzt zu 8-9000 fl., für die Klosterfahrnisse wurden 1700 fl. erlöst[S194-3]; der Franziskaner-Laienbruder Eucharius Greulich erhielt[S194-4] zu seiner Pension (wie viel ist nicht angegeben) 12 fl., die freie Wohnung und die Aufsicht über das Gymnasiums-(= Kloster-) Gebäude.
„Die bewerteten Bilder: Christum am Kreuz, den hl. Franziskus und die Mutter Gottes darstellend, hat man nicht unter die Versteigerungsobjekte genommen, sondern sie in dem Refectorium, an ihrem alten Platz belassen, ebenso den im Kreuzgang den auf der Abendseite befindlichen Altar, den befestigte man an der Wand.“ Die andern Stücke wurden versteigert.
Die Bücher in dem Schrank mit der Aufschrift: „Die Zölle“ wurden als wertvoll bezeichnet und unter „scharfen Verschluß“ genommen.[S194-5]
In dem Klostergebäude wurde die Klosterschule als „Pädagogium“, später als Gymnasium weiter geführt.[S194-6]
Am 16. Mai 1862 brannte ein Teil der Klostergebäudes ab; es wurde wieder aufgebaut und der neu errichteten Lehrerpräparandenschule übergeben, während für das Gymnasium ein Neubau in der Vorstadt errichtet wurde.
#XIV. Die Kirchen und Kapellen von Bischofsheim.
#1. Die Pfarrkirche.
#a) Das Bauwerk.
Dass die Pfarrkirche eine sehr abwechslungsreiche Geschichte hinter sich haben müsse, sieht auch ein Geschichts-Unkundiger dem
Bauwerk an, da es aus ganz verschiedenartigen Bestandteilen besteht: Der viereckige, schwere Turm mit den spitzbogigen, schmalen Fenstern und der Zwiebelkuppel, der gotische Chor mit den Spitzbogen-Fenstern, das Langhaus mit den breitgesprengten Rund- und Spitzbogen, die ungleichen Seitenschiffe weisen auf sehr verschiedene Bauperioden. Und doch ist die jetzt stehende Pfarrkirche nicht die erste, sondern schon die dritte Pfarrkirche von Bischofsheim.
Die erste Pfarrkirche war eine Holzkirche, die vom heil. Kilian († 689) oder vom hl. Bonifazius wohl um das Jahr 722[S195-1] gebaut wurde, wie so ziemlich alle Kirchen, die von den angelsächsischen Missionären aus Holz gebaut wurden. Die Holzkirche musste aber bald dem Zahn der Zeit erliegen unter dem Einfluss der Witterung oder auch des Feuers, dessen man sich in jenen alten Zeiten, wenn es einmal um sich griff, fast nicht erwehren konnte; doch dauerte sie 1½ hundert Jahre. Man baute also
die zweite Pfarrkirche und zwar von Stein; das geschah wohl noch in der Karolinger-Zeit, also etwa um das Jahr 800, als schon viele steinerne Kirchen, auch die alte Kirche von Oberlauda[S195-2], gebaut wurden. Es besteht die nicht unbegründete Vermutung, dass dieselbe an demselben Platze stand, wo das Langhaus der jetzigen 3. Pfarrkirche steht, und dass sie etwa die Größe des jetzigen Langhauses hatte, soweit die Rundbogen gehen (also ohne den jetzigen Chor, ohne Seitenschiff und ohne den Teil, den jetzt die Spitzbogen des Schiffes einnehmen).
Aus dieser 2. Kirche stammt das St. Martinus-Relief aus Stein, das neben der Sakristeithüre in die Chorwand eingemauert ist.[S195-3] Ferner stammen aus dieser Zeit noch die Fundamentsteine, die an verschiedenen Stellen, wie bei den letzten Rundbogenpfeilern, höchst merkwürdig aus dem Boden hervorstehen. Da diese Kirche an Größe und Gestalt eine kleine, niedere, finstere Dorfkirche war, wurde sie, als der Ort im Jahr 1237 Stadtrecht, größeren Umfang und größere Bedeutung erlangt hatte, zum größten Teil niedergelegt und ersetzt durch
die dritte Pfarrkirche. Die spätgotischen Formen im Chor, im Langhaus und an den nördlichen 2 Seitenschiffen, sowie die
Gewölbe im Chor und dem äußeren nördlichen Seitenschiff machen das unzweifelhaft. Der Neubau geschah zwischen 1300 und 1400; 1448 war er vollendet, da das steinerne Sakramentshäuschen diese Jahrzahl trägt.[S196-1]
Ebenso unzweifelhaft ist, dass die jetzige Kirche anfangs weder die gegenwärtige Länge noch die Breite hatte. Anfangs führte die Kirche auch auf der Nordseite ein so schmales Schiff wie auf der Südseite jetzt noch und hatte keine Kapellen.
Das hohe Satteldach deckte das Mittelschiff auf der Nordseite gerade so wie heute noch auf der Südseite, und jedes der schmalen Seitenschiffe hatten sein eigenes (Pult-) Dach, wie die Südseite heute noch. Das sieht man sehr deutlich auf dem Kirchenspeicher, wo die alten Dachbalken samt den Nägeln für die Dachsparren liegen wie vor 500 Jahren.
Ungefähr um das Jahr 1500 wurde die Kirche vergrößert und zwar nach der Länge, indem die spitzbogigen Joche beim Haupteingang angefügt wurden; das ergibt sich zweifellos aus der unvollkommenen Mauerverbindung bei den letzten Rundbogenpfeilern, aus dem Dachgestühl, welches für die neuen Joche ganz selbständig, frei vom Dachstuhl der alten Joche, dasteht, und aus der veränderten Bauart. Der Pfeiler beim Grabdenkmal der Familie von Riedern bestätigt dies durch die Inschrift 1510.
Wohl gleichzeitig damit wurde auch eine Vergrößerung nach der Breite bewirkt, indem man das Kapellenschiff auf der Nordseite anfügte. Da die Kapellen gewölbt wurden, erlangten sie auch eine beträchtliche Höhe, und so war es nicht mehr möglich, den beiden nördlichen Seitenschiffen ein eigenes (Pult-) Dach zu geben, es wäre zu flach geworden; man ließ deshalb das hohe Dach des Mittelschiffes über dieselben herabgehen, obgleich dadurch die Fenster der (nördlichen) Hochwand eingebüßt wurden, da sie nun in den Speicher münden. Der Beweis dafür liegt in der Construction des Dachgebälks, das für diese beiden nördlichen Seitenschiffe ganz selbständig durchgeführt ist, während das alte Dachgebälk noch vollständig darunter liegt.
Um für die neue dunkle Kirche Licht zu schaffen, brach man in allen Seitenschiffen und an der südlichen Oberwand die schmalen,
gotischen Fenster aus und ersetzte sie durch große, stillose, teilweise quadratische Fenster; dies geschah wohl bei der großen Kirchenrestauration um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. So ist nun die Kirche hell, macht aber den Eindruck arger Flickerei und großer Unregelmäßigkeit.
#b) Die Altäre und Benefizien der Pfarrkirche.[S197-1]
Um das Jahr 1400 bestanden in der Pfarrkirche 5 Altäre, von denen jeder seine eigene Stiftung (Benefizium) und seinen eigenen Geistlichen hatte; die Kirche hatte also so viele Geistliche als Altäre, wenn sie auch nicht alle ständig in Bischofsheim wohnten. Diese Altäre waren: St. Margareta, Peter und Paul, Muttergottesaltar, der St. Katharinen- und Nikolaus-Altar, der Andreas- und Apollonia-Altar. Um 1500 waren es acht und 1664 neun Altäre, nämlich:
- Der Hochaltar zu Ehren des hl. Martinus.
2. Der St. Stephansaltar inmitten der Treppenstufen zwischen Chor und Schiff; er hieß auch Schleieraltar, weil hier ein Schleier der hl. Jungfrau aufbewahrt wurde.[S197-2]
3. Der St. Katharinenaltar an dem Chorbogen der Evangelienseite, wo jetzt der Muttergottesaltar steht.
4. Der St. Peter- und Paulsaltar neben dem vorhergehenden, wo jetzt der St. Valentinusaltar steht.
- Der St. Annaaltar, der dritte in der Reihe, wo er heute noch sich befindet.
- Der hl. Kreuzaltar in der mittleren Seitenkapelle an seinem heutigen Platz.
7. Der St. Margaretenaltar in der ersten Seitenkapelle vom Eingang her, wo jetzt der Taufstein steht; auf diesem war noch ein viel verehrtes Bild des hl. Valentinus aufgestellt.
8. Der Muttergottesaltar an dem Chorbogen der Epistelseite, wo jetzt der St. Martinusaltar steht.
9. Der St. Andreas- und Nikolausaltar in der Ecke daneben, heute Herz-Jesu-Altar.
#c) Geschichte der Altäre und ihrer Stiftungen.
Wie oben gesagt, hatten die Altäre der Pfarrkirche früher eine
ganz andere Bedeutung als heute, wo sie kaum mehr als zum Schmuck der Kirche und zum Gebrauch an einzelnen sehr wenigen Tagen des Jahres dienen. Jeder Altar hatte seine eigene Stiftung (oder sein Benefizium), die einem eigenen Geistlichen übertragen wurde; der Inhaber einer solchen Altarstiftung hieß Altarista, musste zu bestimmten Stunden des Tages oder an gewissen Tagen der Woche an seinem Altar die hl. Messe lesen; er wohnte aber nicht immer hier; so z. B. war 200 Jahre lang der jeweilige Pfarrer von Distelhausen Altarista (Inhaber) des Peter- und Pauls-Altars; 1445 war der Pfarrer und Dekan Hartung von Königheim Altarista vom St. Margarethen-Altar.
Aus den jetzt noch vorhandenen Pfarrbüchern geht hervor, dass der Gottesdienst bis zu Anfang dieses Jahrhunderts an allen Altären mit einem für unsere Zeiten ganz unerhörten Reichtum und mit großer Mannigfaltigkeit von Feierlichkeiten gehalten worden ist.[S198-1]
#1. Der Hochaltar
war ehemals dem Bau der Kirche entsprechend ein gotisches Werk und muss nach den wenigen noch vorhandenen Andeutungen prächtig gewesen sein.
1731 wurde er abgebrochen und musste einem im Zopfstil errichteten weichen.
Wie dieser beschaffen war, besagt der Vertrag, den Pfarrer Specht mit Kunstschreiner Eickmann von Würzburg abschloss; letzterer verpflichtete sich: „einen hohen Altar zu stellen, Architekturgemäß, nach proportion der Höhe und Breite des Chors; den Altahr und 6 säulen mit abgekröpften Galauen von guten dürren Thannen; den doppelten Tabernakul aber von gutem Aichenholz mit 6 säulen in Conformität des Altahrs mit darauf stehendem Pelikan, daß untere Teil für das Ciborium mit einer, das obere für die Monstranz mit 2 Thüren; inmitten deß Altahrs .. .. den 3 Statuen Jesu, Maria, Joseph mit sauberer Bildtarbeith, rechter Hand der Muttergottes die Statue des heyl. Georgii mit dem Lindtwurm und spieß, linker Hand deß heyl. Josephs die statüa, deß heyl. Johannis Nepomuceni. Architektur und proportionsmäßig über die Vormahls 3 gemahlten Statuen der heylige Geist mit Strahlen, dann über solchen Gott Vatter in der Glory, auff die Vortern Bögen beyderseyths einen wohlgestallten Engel, oben auff den Altahr die statua deß heyl. Laurentij mit auf der seythen 2 stehendten blumen Krüg, die Capitale Corinthica ahn allen orthen erforderliche Zierrathen.“ - Er ragte bis zur Decke und war aus so starkem Holze gebaut, dass man 1846 ihn nur mit sehr großer Mühe abbrechen konnte.
Der neue Hochaltar wurde 1846 von Kunstschreiner Barth in Würzburg gebaut und von Bildhauer Seitz in Külsheim gefaßt; dazu verwandte man die Reliefs von dem sog. Samstags- (oder Muttergottes-) Altar[S199-1], der damals dort stand, wo heute der Taufstein steht.
#Die Kunstwerke am Hochaltar.
Über dem Tabernakel, am Altaraufsatz, befindet sich als Relief der sog. Stammbaum Mariä, die Wurzel Jesse, aus welcher das Reis mit der Blume des Erlösers hervorsprießt (nach Isaias, 11). Der Stammbaum zeigt ganz die spätgotische Manier des trockenen, dürren Astwerkes; die Gesichter dieser und auch der übrigen Reliefs haben wenig religiösen Ausdruck, sondern sind nach der Natur gezeichnete, ehrsame Bürgersleute; in dieser Hinsicht aber zeigen sie Kraft und Leben.
Darüber erhebt sich der Tod Mariä, gleichfalls ein Relief, eine im ganzen Mittelalter sehr beliebte und häufige Darstellung; alle Apostel sind nach der Überlieferung anwesend und beten mit der sterbenden Mutter des Herrn; dass zwei Apostel aus dem Buch beten, darf nicht auffallen, da auf mittelalterlichen Bildern die Apostel meistens als Sinnbild-Abzeichen ihres Lehramtes das Apostelbuch tragen.
Schon 1837, als man für mittelalterliche Kunst noch fast gar kein Interesse hatte, machte Fr. Jos. Mone auf die Bedeutung dieses und der übrigen Reliefs nachdrücklich aufmerksam: „Zwei Kunstwerke müssen hiezu noch bemerkt werden, nämlich zwei Altäre zu Düren und Tauberbischofsheim .. .. Der andere Altar (zu Tauberbischofsheim) ist ein Relief ... von Alter und Nachlässigkeit schwarz und zersprungen[S199-2] und nach der schlechten Vorsorge zu schließen jetzt von der Stadt gar nicht beachtet. Ich habe jedoch jede Komposition und Ausführung des Schnitzwerkes vortrefflich gefunden. Zwar reicht dieser Altar (d. h. diese Reliefs) nicht an die hohe Vollendung, wie man zu Wimpfen in der Stadtkirche einen sieht, den ich dem schönsten dieser Art beizähle, was mir je unter die Augen gekommen ist; aber er steht doch auf einer so hohen Stufe der Kunst, daß eine sorgfältige Reinigung und bessere Erhaltung sehr zu wünschen ist.“
Vielfach werden jetzt noch die Reliefs dem berühmtesten fränkischen Bildhauer Till Riemenschneider aus Würzburg zugeschrieben; doch mit Unrecht. Professor Dr. Weber, wohl gegenwärtig der beste Kenner der Riemenschneider-
schen Werke, urteilt über die Reliefs[S200-1]: „Der Tod Mariä ist ein schönes Werk von hohem Kunstwert; aber auf den Künstler zu schließen, ist schwer, denn die Werkstätten richteten oft die Ausführung nach dem Wunsch und Geschmack der Besteller. Ich halte jedoch das Kunstwerk nicht für eine Arbeit Riemenschneiders. Entspricht auch der Gegenstand und seine Anordnung dem Geiste des würzburger Meisters, die Art der Ausführung dürfte ihm jedoch nicht eigen sein. Haare (Riemenschneider liebt nicht lange, stränenartige, sondern seine Haare sind gelockt oder wellenförmig) und Hände weisen auf einen andern Künstler hin; auch finden sich die Gesichtsbildungen in Werken Tills nicht wieder, während er sonst die gleichen Vorbilder nahm.“
Ähnlichen Charakter wie der Tod Mariä tragen die zwei, rechts und links stehenden Reliefs: Maria Verkündigung und die Geburt Christi.
Zu beiden Seiten des Tabernakels und des Stammbaumes Mariä finden sich vier Ölgemälde (ehemals die Außenseiten von zwei Flügeln des alten Flügelaltars). Eines trägt die Jahrzahl 1517, also aus der Zeit des berühmtesten deutschen Malers Albrecht Dürer und in Auffassung diesem verwandt, doch in Form und Farbe so sehr von diesem verschieden, dass sie ihm nicht zugeschrieben werden können; es sind ungemein andächtige, liebliche Bilder mit folgendem Inhalt[S200-2] nach der im ganzen Mittelalter sehr häufig vorkommenden Legende:
1. St. Joachim will im Tempel zu Jerusalem ein Opfer darbringen, wird aber, da er kinderlos ist, und dies im alten Testament als eine große Schande und Strafe Gottes galt, vom Hohepriester Issachar abgewiesen.
2. St. Joachim geht traurig auf das Feld zu seiner Herde und betet; dort wird ihm durch einen Engel geoffenbart, dass er noch in seinem Alter ein Kind erhalten werde.
3. St. Joachim und seine Gemahlin St. Anna, der eine ähnliche Offenbarung war zuteil geworden, treffen sich vor der Tempelpforte, erzählen einander ihre Erscheinung und trösten sich gegenseitig.
4. Maria, das Kind der Verheißung, wird mit 3 Jahren im Tempel Gott aufgeopfert (Maria Opferung).
Auf der Leuchterbank des Altars, zu beiden Seiten des Tabernakels, knieen zwei leuchtertragende Engel, reizend schöne, andächtige Figuren; in lieblichem, ehrfurchtsvollem Ausdruck des Gesichtes, in Haltung des Körpers, in zierlichem Faltenwurf des
Gewandes gehören sie zum wundervollsten, was man an Engelsfiguren sehen kann und sind des großen Meisters Riemenschneider, von dem sie unzweifelhaft herstammen, würdig; sie haben auch ganz unzweifelhafte Ähnlichkeit mit zwei Engeln an einem Grabstein von Riemenschneider im Dom zu Würzburg und mit solchen an einem Seitenaltar in der Jakobskirche zu Rothenburg a. T.
Leider sind von diesen schönen Figuren gegenwärtig nur die Nachbildungen hier; die Originalien befinden sich jetzt in der kleinen Kapelle auf dem Wolferstetter Hof bei Külsheim.
#2. Der ehemalige St. Stephans- oder Schleieraltar
wurde zwischen 1499 und 1514 durch hiesige Bürger oder von hier stammenden Geistlichen gestiftet und stand an der jetzigen Communionbank, inmitten der Stufen; er war noch 1723 der schönste und beliebteste von allen Altären; denn der kurmainzische Rentmeister Fleischmann berichtet um diese Zeit: „Der liebfrawen schleyeraltar ist im völligen floor und der schönste in der Kirchen, und wird fast täglich darauf Gottesdienst gehalten.“ Über den hier aufbewahrten Schleier der hl. Muttergottes schrieb Pfarrer Remscheidt[S201-1] 1665 in einem Briefe[S201-2]: „Endlich, was noch am meisten Wert hat, befindet sich auf dem St. Stephansaltar mit den dazu gehörigen (Siegeln und) Urkunden der Schleier der hl. Jungfrau Maria, mit dem sie die Thränen und den Schweiß (sich) trocknete bei dem Leiden unseres Herrn Jesu Christi; man hat ihn in einem Brustbild unserer lieben Frau unlängst gefunden mit Reliquien vom hl. Valentin und der hl. Walburg ... Die Farbe des Schleiers sieht aus, als wäre er von Nesselgarn oder Baumwolle; seine Länge beträgt 3½, seine Breite 3/4 Ellen. Daß er übrigens in großem Wert und Ansehen gestanden und bei den feierlichen Prozessionen von den Jungfrauen mitgetragen wurde, bezeugen alle Ratsherren und glaubwürdige Bürger und haben dies bei der am 1. Juli 1660 darüber vorgenommenen Prüfung und Untersuchung bestätigt. Ueber diesen hl. Schleier erwarte ich in großer Sehnsucht mit der ganzen Bevölkerung ein Dekret von dem hochwürdigsten Erzbischöflichen Vikariat (= Ordinariat), um mit desto größerem Ansehen und größerer Zuversicht seine Würde und seinen Wert dem Volke auseinander setzen zu
können; auch soll dadurch verhütet werden, dass im Laufe der Zeit sein Andenken in Vergessenheit gerate.“ Welche Antwort von der Erzbischöflichen Kirchenbehörde auf den Bericht des Stadtpfarrers Remscheidt ergangen ist, lässt sich aus den Urkunden nicht mehr nachweisen. Dass kein ungünstiger Bescheid erfolgte, geht schon daraus hervor, dass der Schleier von da noch gegen 150 Jahre in Verehrung stand.
#Die Maria-Schmerz-Andacht.
1734 stiftete Dr. Anton Wüst, Domherr in Eichstädt, ein Amt, das jährlich auf den Schmerzenfreitag am Schleieraltar gehalten wurde.
1743 machte er eine zweite Stiftung, wornach überdies an demselben Tag von morgens 5-12 Uhr, die Zeit des Amtes ausgenommen, vor ausgesetztem hochwürdigstem Gut Betstunden gehalten werden.
Da der Altar die Aussicht auf den Hochaltar hinderte und auch sonst im Wege stand, wurde er (wohl 1751[S202-1]) an den Chorbogen der Epistelseite (jetzt St. Martinsaltar) versetzt, 1760[S202-2] wurde er auch da wieder abgebrochen, der Schleier im St. Anna-Altar aufbewahrt und die Maria-Schmerzbetstunden hier eingerichtet. Seit Anfang dieses Jahrhunderts ist der Schleier leider nicht mehr vorhanden; es ist gänzlich unbekannt, wohin er gekommen ist. Vielleicht hat ihn die damals herrschende Aufklärungssucht als nicht mehr zeitgemäß beseitigt. In neuerer Zeit werden die Maria-Schmerzbetstunden am Schmerzenfreitag (vor Palmsonntag) immer noch unter sehr großer Beteiligung des Volkes abgehalten.
#Der Grafenstuhl.[S202-3]
An Stelle des abgebrochenen St. Stephans- und Schleieraltars baute man eine „prächtige, von allen Seiten durch Fenster geschlossene“ Loge für den mainzischen Oberamtmann Franz Conrad Graf v. Stadion, von dem der Kasten den Namen Grafenstuhl führte; er war 27' lang, 14' breit, war mit Spiegelscheiben, Tapeten und in grünem Tuch gepolsterten Knie- und Sitzbänken versehen, fasste höchstens 10 Personen, versperrte viel Raum, hinderte einem großen Teil der Kirchenbesucher die Aussicht in den Chor und war einSeite 203 ·
Hohn auf alle Schönheit und Ordnung der Kirche. Es war darum nur zu verwundern, dass erst Pfarrer Kunkel 1799, der die wieder „gänzlich verdumpfte und verwahrloste Kirche“ herstellen wollte, beim Erzb. Commissariat beantragte, den ärgerlichen Stuhl und das ihm gegenüberstehende Epitaphium (Grabmal Alexanders v. Riedern) entfernen zu dürfen; er wollte dafür 6 andere Bänke und an den Pfeiler die Kanzel anbringen lassen. Mit Nachdruck widersetzte sich diesem Vorhaben der damalige kurfürstlich mainzische Amtsvogt Harrich, dessen Familie den Grafenstuhl benutzte; er behauptete, Graf Stadion habe den Stuhl auf seine Kosten aufstellen lassen, und die Honoratiorenfrauen und -töchter müssten durch die Beseitigung desselben die gewohnten Plätze verlieren. Obgleich der Pfarrer nachwies, dass der leidige Stuhl wider Willen und trotz des Widerstandes Pfarrer Hubands und auch auf Kosten der Kirche errichtet worden, wurde die Entfernung erst im Jahre 1806 unter der Leiningischen Regierung genehmigt. Bei dieser Gelegenheit wurde die bisher im Bogen verlaufende Communionbank gerade gestellt.
#3. Der ehemalige St. Katharinenaltar.
Schon frühzeitig stand die hl. Jungfrau und Martyrin Katharina, eine der 14 hl. Nothelfer, hier hoch in Ehren und hatte einen eigenen Altar an dem Chorbogen der Evangelienseite; wahrscheinlich 1751 bei der großen Restaurierung der Pfarrkirche wurde er beseitigt und durch einen neuen Muttergottesaltar ersetzt, an der Stelle, wo letzterer heute noch steht.
#4. Der St. Peter- und Paulsaltar und der St. Valentinusaltar.
Es befand sich früher neben dem Chorbogen der Evangelienseite der Altar zu Ehren der hl. Apostel Petrus und Paulus, wurde aber durch den St. Valentinusaltar, der heute noch steht, verdrängt; wann, lässt sich aus Mangel an Urkunden nicht sagen; doch war 1738 letzterer schon vorhanden; der jetzige St. Valentinusaltar, ein Muster von maßlosem Roccocco, doch in seiner Art trefflich ausgeführt, wurde 1756 in Karlstadt a. M. geschnitzt und trägt außer der Statue des Heiligen noch die der hl. Margareta, Walburgis, Ottilia und Thekla. - Heute noch ist St. Valentinus neben St. Sebastian, Stadtpatron, und jedes Jahr wird sein Fest gefeiert.
Ein Breve Pius VII. vom 23. März 1819 verlieh für ewige Zeiten allen Gläubigen, die nach würdiger Beicht und Kommunion an den Festtagen der heiligen Valentinus und Sebastianus oder an einem andern vom Bischof zu bestimmenden Tag die Pfarrkirche oder die Sebastianuskapelle in Bischofsheim, Diözese RegensburgSeite 204 · (dahin gehörte[S204-1] vorübergehend die Stadt), besuchten, einen vollkommenen Ablaß. - Dieser Ablaß gilt also heute noch.[S204-2]
#5. Der St. Anna-Altar
war von jeher an seiner jetzigen Stelle; doch war der alte St. Anna-Altar ein gotischer und der jetzige ist nicht mehr der ursprüngliche; wahrscheinlich geschah die Veränderung bei der großen Kirchenrestauration 1751-1760. Von 1760-1800 diente er als Schleieraltar.[S204-3]
#6. Der hl. Kreuz-Altar
hat wie der vorhergehende seine Stelle nie gewechselt und stand immer in der mittleren Kapelle des nördlichen Seitenschiffes. Der alte gotische Altar wurde durch den jetzigen geschmacklosen Roccoccoaltar verdrängt; das geschah vielleicht um 1751-1760 bei der großen Veränderung, doch wurde der kostbarste Teil des alten Altares in den neuen aufgenommen, nämlich:
#Die berühmten Altarbilder von Matthias Grünewald aus Aschaffenburg.
Ursprünglich war es eine Holztafel, die auf beiden Seiten bemalt war, also zwei Gemälde enthielt: die Kreuztragung und Christus am Kreuz. Die Tafel hatte an einer Seitenkante unten und oben je einen eisernen Zapfen, an denen man die Tafel wie eine Türe drehen konnte; sollte die Rückseite sichtbar werden, so drehte man die Tafel, so dass sie zum Altar einen rechten Winkel bildete, schob sie mittels der Zapfen in der eisernen Rinne (die heute noch sichtbar ist) auf die andere Seite und drehte die Tafel wieder an die Wand. Das mit Umständlichkeiten verbundene Drehen geschah aber so selten, dass in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts kaum jemand von dem Gemälde der Rückseite Kenntnis hatte; 400 Jahre lang hatte das Bild den hl. Kreuzaltar geschmückt und die Andächtigen erbaut; allmählich war aber die Holztafel schadhaft geworden, die Bilder hatten ihre Frische und Lebendigkeit verloren und waren unansehnlich geworden; so wurden sie 1876 verkauft und
kamen in die Gemäldegallerie Habich nach Kassel, wo man ihren Wert erkannte und sie zur Wiederherstellung nach München schickte. Professor Hauser, Maler und Konservator der alten Pinakothek (Gemäldesammlung) daselbst, ließ die Tafel sägen, so dass jetzt zwei Gemäldetafeln entstanden, die nun sorgfältig aufgefrischt wurden. Die Größe beträgt 195×150 cm. In ihrer leuchtenden Farbenpracht (besonders des Gekreuzigten) und in ihrer schrecklich schönen lebensvollen Naturwahrheit erregten sie berechtigtes Aufsehen, um so mehr, als von Meister Grünewald nur ganz wenige Gemälde erhalten sind.
Die Kirchenbehörde wie die Staatsregierung erhielten Kenntnis davon und veranlaßten, dass die Bilder wieder in ihre Heimat zurückgebracht wurden. Zur Zeit hängen sie im Pfarrhaus; das Kruzifixbild sollte aber wieder in einen eigenen neuen Kreuzaltar eingesetzt und das andere an der Wand der Taufkapelle angebracht werden.
Das Bild des Gekreuzigten mit Maria und Johannes wurde auf 30,000 M. geschätzt; es ist von einer überwältigenden Naturwahrheit, die den namenlosen Schmerz in der ungeheuren Dornenkrone, in den leidensvollen Gesichtern, in den gebogenen Kreuzesarmen, den krampfhaft verzogenen Gliedern auf gräßliche Weise zum Ausdruck bringt. Wer das ergreifende Bild einmal gesehen hat, wird es nicht leicht vergessen. Die photographische Abbildung gibt nur eine sehr mangelhafte Vorstellung von der eindringlichen Kraft des Originals. Das andere, die Kreuztragung Jesu, auf etwa 7000 M. geschätzt, ist, wenn immerhin lebendig, doch gegen das vorhergehende ruhiger gehalten. Angesehene Kunstmaler, die aus München u. a. O. kamen, die berühmten Gemälde zu sehen, bewunderten unter Anderem vornehmlich die Farbentechnik, „da man jetzt gar nicht mehr imstande sei, diese Farbentöne von grün, gelb, rot u. s. w. hervorzubringen.“
Meister Matthias Grünewald lebte um 1500, war also ein Zeitgenosse des Albrecht Dürer; er gehörte der oberrheinisch-elsässischen Schule an; über seine Lebensgeschichte ist sehr wenig bekannt, nur soviel ist sicher, dass er zu Mainz tätig war. Von seinen wenigen, erhaltenen Werken ist noch eines in der Stiftskirche zu Aschaffenburg, ein anderes im Museum zu Kolmar.
#Das Speer'sche Stipendium.
In den Fond des Kreuzaltars ist ein eigenes Stipendium, das „Speer'sche“ gestiftet, dessen Inhaber jetzt noch jährlich am Fronleichnams- und Maria Heimsuchungstag für die 2 großen Prozessionen einen Evangeliumsaltar auf seine Kosten aufrichten und verzieren lassen muss.
#Die Kreuzpartikel.
Die hiesige Pfarrkirche hat eine echte Kreuzpartikel, d. h. ein zuverlässig richtiges Teilchen vom hl. Kreuz, an welchem Christus gestorben ist und die Welt erlöst hat. Damit wird alljährlich von Kreuzerfindung bis Kreuzerhöhung der Wettersegen gegeben.
Diese Partikel gehört eigentlich in einen Tabernakel, der am Kreuzaltar stehen sollte; darüber meldet eine alte Urkunde[S206-1] folgendes: „Nachdem eine hiesige fromme Jungfraw, nahmens Maria Anna Wüstin, hiesigen Benefiziat-Verwalters Tochter, sich mit einem zu Loreto in Italien wohnenden Herrn Kaufmann Hornung, von Königshofen ad Tuberam gebürtig, vereheligt, obige ein kleinen ab Episcopo Lauretano cum approbatione (d. h. vom Bischof zu Loreto als echt beurkundet) gegebenen Creütz-Particul hierher in unsere Pfarrkirchen verehrt, auch a Rmo suffragano Moguntino recognosciert (d. h. die Urkunden vom Weihbischof zu Mainz als richtig anerkannt), dem Volk pro Veneratione (zur Verehrung) zu exponieren erlaubet, als hat man selbigen (im Jahr 1743) in eine im fewer verguldete kleine Monstranz einfassen lassen, welche einfassung 28 fl. gekostet. Dazu ist auch ein kleiner, besagte Creutz-Monstranz einfassender, am Creutzaltar nunmehro stehender Tabernacul verfertigt und illuminieret worden.“ - Der Kreuzaltar-Tabernakel ist nicht mehr vorhanden.
#7. Der ehemalige St. Margareta-Altar.
Die hl. Jungfrau und Martyrin Margareta (eine der 14 hl. Nothelfer) war ehemals 2. Patronin der Pfarrkirche;[S206-2] ihr Fest wurde noch im vorigen Jahrhundert mit großer Feierlichkeit begangen. Der St. Margareta-Altar stand an der ersten Seitenkapelle, wo jetzt der Taufstein steht; 1733 wurde er bei der beginnenden Renovierung abgebrochen und durch den Altar U. l. Fr., den sog. Samstagsaltar, ersetzt; ehemals stand an dem St. Margareten-Altar eine Statue des hl. Valentin: jetzt steht von dem Altar der hl. Margareta noch eine Statue am St. Valentinusaltar, und die Erinnerung, dass die Heilige ehemals zweite Patronin der Pfarrkirche war, ist ganz untergegangen.
#8. Der Muttergottes- oder Samstags-Altar
hat wohl alle Veränderungen in der Kirche mitgemacht; so oft eine größere Arbeit geschah, wollte man an diesem Altar verbessern; 1664 stand er noch an der Epistelseite; er hieß auch Salve-Altar,[S206-3]
weil 1479 Pfarrer Schieppel und Junker Philipp von Riedern im Verein mit mehreren hiesigen Bürgern für denselben eine Vesper- und Salve-Andacht gestiftet hatten; sie wurde am 21. Mai desselben Jahres durch Erzbischof Diether von Mainz bestätigt und erhielt sich fast 400 Jahre lang bis gegen 1850. Im Jahr 1502 wurde durch den Pfarrer Johannes Jakobi und die Altaristen zu Bischofsheim eine neue Stiftung für diesen Altar gemacht; es wurde nämlich die Muttergottes-Bruderschaft gegründet, deren wichtigste Statuten folgende waren: „Jedes Mitglied hat beim Eintritt einen Goldgulden zu zahlen. An allen Tagen von Maria Himmelfahrt bis Maria Geburt wird täglich und jeden Samstag das ganze Jahr hindurch am genannten Altar ein Amt gesungen. Deshalb hieß der Altar auch der Samstags-Altar. Zweimal jährlich, am Montag nach Maria Himmelfahrt und Maria Lichtmeß werden eine Totenfeier für die verstorbenen Brüder und Schwestern, hierauf eine Prozession, darnach ein Amt zu Ehren U. l. Fr. gehalten und unter diesem die Namen der Verstorbenen von der Kanzel verkündet. Mitglieder, welche an den Bruderschaftstagen nicht erscheinen, zahlen 1½ Albus (= Weißpfennig; der Weißpfennig galt damals 10 Pfennig) Strafe; jedes anwesende Mitglied gewinnt 40 Tage Ablaß.“[S207-1]
Die Bruderschaft erlangte großen Einfluss in der Gemeinde und erwirkte, dass ein neuer Mutter Gottes-Altar gebaut wurde, der den alten an Schönheit und Kostbarkeit übertreffen sollte; ohne Zweifel bezahlte ihn die Bruderschaft und rettete ihn auch vor dem Untergang, als im vorigen Jahrhundert alle alten Altäre abgebrochen und durch Roccoco-(Zopf-) Altäre ersetzt wurden. Man brachte ihn zuerst an den Chorbogen der Evangelienseite,[S207-2] wo er den St. Katharinenaltar verdrängte; dann, 1733, setzte man ihn in die (jetzige) Taufkapelle, wo man den Margaretenaltar abgebrochen hatte. An den nun freien Chorbogen stellte man einen neuen Marien-Altar[S207-3] (im Rococcostil) mit einem (geringwertigen) Ölgemälde: Maria mit dem Jesuskind. Der alte Maria Bruder-
schafts-Altar in der Margareten- (oder Tauf-) Kapelle war ein gotischer Flügelaltar, der geschlossen in der Mitte, unten als Predella das Hochrelief, der Stammbaum Mariä aus der Wurzel Jesse und darüber die 4 oben (S. 200) angeführten Ölgemälde; geöffnet die 3 übrigen Reliefs[S208-1] zeigte, und zwar in der Mitte den Tod Mariä, auf den Flügeln rechts und links die Verkündigung und die Geburt Christi. Die übrigen Gemälde und Reliefs, die ehemals noch zu diesem Altar gehörten, sind spurlos verschwunden.
1846 wurden die Bildwerke in den neuen Hochaltar versetzt, der Samstagsaltar abgebrochen; an des letzteren Stelle kam der Taufstein, der bisher in dem schmalen Raum zwischen den 2 Altären am Chorbogen der Evangelienseite gestanden hatte.
#9. Der St. Andreas und Nikolaus-Altar; jetzt Herz Jesu-Altar.
Der Altar der Heiligen Andreas, Nikolaus und Apollonia befand sich jederzeit in der Ecke beim Chorbogen an der Epistelseite und trug in der Mitte die Statue des hl. Nikolaus und zu beiden Seiten die der hl. Laurentius und Stephanus, welche wohl beim Abbruch des Stephansaltars hierher kamen; der Altar geriet aber so sehr in Verfall, dass er kaum mehr gerechnet wurde; mit Genehmigung der Kirchenbehörde wurden die 3 Statuen an die südliche Wand gestellt und der gotische Herz Jesu-Altar an seine Stelle gebracht. Die Statue des hl. Papstes und Märtyrers Urbanus, die man aus der Peterskirche hierher versetzte, ist von dem berühmten Bildhauer Riemenschneider.
Die Figur trägt ganz die eigentümlichen Merkmale dieses Meisters: den ausdrucksvollen, edeln und lebendigen Kopf, die schiefe auf der Seite eingezogene Haltung und den zierlichen Faltenwurf. Es ist eines der besten Werke des kunstreichen Bürgermeisters von Würzburg. St. Urbanus ist Patron des Weinbaues und wird heute noch in der ganzen Gegend viel verehrt. (In Dittigheim ist große Prozession an seinem Feste, 25. Mai.)
#d. Die noch übrigen Kunstwerke der Pfarrkirche.
#1. Die 2 Sakramentshäuschen.
Rechts und links vom Hochaltar stehen zwei Sakramentshäuschen; das sind reich verzierte Türmchen, in denen vor der Zeit des Konzils von Trient (1645-63), als die Altäre noch keine Tabernakel hatten, das hl. Sakrament aufbewahrt wurde. Durch
das Konzil von Trient wurde verordnet, dass in Zukunft das hochwürdige Gut nur auf dem Altar und zwar in einem Tabernakel aufbewahrt werden dürfe.
Seither diente das alte Sakramentshäuschen auf der Evangelienseite in der Charwoche zur Aufbewahrung des hl. Sakramentes.
Die prächtige gotische Minuskel-Inschrift am Sockel ist leider arg beschädigt; doch ist noch deutlich zu lesen: „1448 sein bawmeister gewesen dis werks conradus stol, conradus heimburg, ... d hot gemacht meister Dietrich ... eb von münster.“ Darüber stehen die Wappen des mainzer Domkapitels und des Erzbischofs Dietrich (zu Erbach) von Mainz. Stol wird auch genannt in der Inschrift der großen Glocke von 1448 magister civium, Heimburg magister fabricae.[S209-1]
Den Sockel, auf dem sich das Türmchen erhebt, bildet ein Ungeheuer, ehemals wohl ein Löwe, oder ein Drache; die Figur ist jetzt an Kopf und Leib sehr abgerundet und undeutlich geworden, da sie hart an der Türe zum Glockenhaus und beim Ausgang aus den Chorstühlen sich befindet und durch das Ausstreifen der Ein- und Ausgehenden seit 400 Jahren nicht geschont wurde. Der Drache ist eine Anspielung auf Ps. 40. 13 „auf Schlangen und Basilisken wirst du wandeln und treten auf Löwen und Drachen“ und zugleich eine Andeutung, dass der im Sakramentshäuschen unter Brotsgestalt gegenwärtige Christus der Herr und König der Welt ist.
Die Architektur (Bauart) des Sakramentshäuschens ist sehr reich und fein gegliedert, doch verraten die zahlreichen Figuren eine minder kunstfertige Hand. Das Thürchen, ein sehr bewundertes, kunstreich geschmiedetes Gitter, ist eingefaßt und überwölbt von einem geschweiften Bogen (Karnies oder Eselsrücken); auf zierlichen hohen Säulchen stehen rechts und links Propheten mit Spruchbändern und weisen auf die Psalm- und Prophetenstellen (1 Ms. 14, 18. Mal. 1, 10. Ps. 109 u. s. w.), durch welche schon im alten Bund das hl. Sakrament angedeutet wurde. - Über dem Thürchen ist das leidensvolle Haupt Christi, links an der Kante steht gleichfalls auf einem hohen dünnen Säulchen die schmerzhafte Mutter Maria, auf der Kante rechts der leidende, gegeißelte Christus zur Andeutung an Christi Wort: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ und an das Kirchengebet, dass wir im hl. Sakrament das Andenken des Leidens Christi erneuern. Der kleine Baldachin (Thronhimmel) über der schmerzhaften Mutter bildet (wie sehr häufig in allen mittelalterlichen Verzierungen) zugleich den Sockel für die darüber stehende Figur, die hl. Barbara mit dem Kelch und der Hostie; auf der rechten Seite über der Christusfigur steht die hl. Katharina von Alexandrien mit ihren Marterwerkzeugen: Schwert und Rad; beide sind Märtyrerjungfrauen aus der Zeit des Kaisers Diokletian (300 n. Chr.) und gehören unter die im Frankenland hoch verehrten 14 hl. Nothelfer; sie stehen hier als Patrone der Andacht zum hl. Sakrament und als Hinweisung auf das vinum germinans virgines (im
Kirchengebet), dass es der Wein ist, aus dem die Jungfrauen entsprossen, d. h. dass aus dem würdigen Genusse die heldenmütige Opferwilligkeit entsproßt, wie sie die zwei heiligen Märtyrerjungfrauen an den Tag gelegt haben.
Neben dem Haupt Christi über dem Thürchen schweben rauchfaßschwingende Engel.
Ähnlich wie die Vorderseite sind die Nebenseiten rechts und links behandelt: unter einem geschweiften Bogen stehen auf langgestielten Postamenten Propheten; statt des Thürchens steht auf der linken Seite in der Mitte der Apostel Paulus, auf der rechten Seite St. Petrus, als die zwei vornehmsten Apostel, die uns das Geheimnis des Leibes und Blutes Christi mit Nachdruck verkündet haben. - Unter den Propheten auf der rechten Seite steht der Apostel Andreas, kennbar an seinem schiefen Kreuz; er ist hier dargestellt, weil auch er ein machtvoller Zeuge von der Lehre der Apostel über das hl. Sakrament ist. Er wurde nämlich vom Stattalter Aegeas in Paträ (Griechenland) ans Kreuz geschlagen; zwei Tage hing er daran lebend und predigte von demselben herab der zahlreich versammelten Volksmenge so eindringlich und überzeugend, dass die Ältesten das Martertum des Apostels als Augenzeugen aufzeichneten und diesen Brief an die vornehmsten Christengemeinden der damaligen Zeit schickten; dieser Brief wurde mehrere Jahrhunderte lang ähnlich wie die hl. Schriften beim Gottesdienst vorgelesen; in diesem Brief schreiben die Ältesten, wie der hl. Apostel noch vom Kreuz herab dem Stattalter das Rätsel aufgab: „Täglich opfere ich dem Herrn ein Lamm, welches von allen genossen wird und dennoch unversehrt und lebend bleibt. Die Lösung könne er aber nur erfahren, wenn er Christ werde.“ Denn in jenen Zeiten wurden solche Lehren, von denen man fürchten konnte, sie würden von den Heiden nicht verstanden und verunehrt, als Geheimlehren behandelt und nur den Christen mitgeteilt; daher gehörte die Lehre vom hl. Altarsakrament und von der hh. Dreifaltigkeit. In dem obersten Türmchen steht der Kirchenpatron St. Martinus hoch zu Pferd!
Das Sakramentshäuschen auf der Epistelseite ist erst ganz neuen Ursprungs und wurde von Pfarrer Binz nur „der Symmetrie wegen“ hergestellt, es enthält einige Verzierungen durch Krabben und Bögen, aber keine Figuren und trägt die Inschrift: „Errichtet 1848 durch Pfeifer in Wertheim“; ohne besondere Bedeutung.
#2. Die 4 Tafeln aus der Peterskirche.
Von dem alten, kleinen, spätgotischen Flügelaltar der Peterskirche[S210-1] wurden die 2 Flügel zu Wandschrankthüren verwendet und so von dem allgemeinen Untergang, als man die alten Altäre verzopfte, gerettet. Die 2 Flügel sind außen und innen bemalt; sie werden jetzt bei der Restauration zersägt (ähnlich wie
die Tafel vom Kreuzaltar), so dass sie 4 Einzelbilder entalten und sollen in die Pfarrkirche kommen; von Außen tragen die 2 Flügel die Bilder der hl. Petrus und Paulus, von innen die Bilder der Stifterfamilie, und zwar auf dem einen Flügel die männlichen Glieder, 10 Personen, darunter einen Geistlichen, auf dem andern die weiblichen Glieder, darunter 3 mit dem Frauenschleier.
Jeder Person ist ein Spruchband beigegeben, welches bei den männlichen folgende Inschriften enthält:
Domine ne in furore tuo arguas me neque in ira tua corripias me. (O Herr, richte mich nicht in deinem Grimme und in deinem Zorne strafe mich nicht.)
O Domine Jhesu criste adoro te in cruce pendentem, (coronam) In capite portantem deprecor te, ut tua crux liberet m(e). (O Herr Jesu Christe, ich bete dich am Kreuze hängend an; ich bitte dich, der du die (Dornen-) Krone auf dem Haupte trägst, dass dein Kreuz mich erlöse.)
O Domine Jhesu criste adoro te In cruce vulner(atum, felle et aceto potatum), deprecor te, ut vulnera tua sint remedium animae (meae). (O Herr Jesu Christe, ich bete dich an, der du am Kreuze verwundet und mit Essig und Galle getränkt wurdest; ich bitte dich, dass deine Wunden ein Heilmittel für meine Seele seien.)
O Domine Jhesu criste, adoro te desc(h)endentem ad infer(orum) captivos, deprecor te, ne permittas me ibidem (manere?) (O Herr Jesu Christe, ich bete dich an, der du zu den Gefangenen der Unterwelt hinabgestiegen bist und bitte dich, laß mich dort nicht lange bleiben.)
O Domine Jhesu xpe (christe) adoro te asc(h)endentem in cölum, sed(entem) ad dexteram patris omnipotentis miserere mei. (O Herr Jesu Christe, ich bete dich an, der du in den Himmel hinaufgefahren bist und zur Rechten des allmächtigen Vaters sitzest, erbarme dich meiner.)
Miserere mei deus secundum magnam misericordiam tuam. (Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit.)
In nomine tuo salvum me fac et In virtute tua Iudica me. (In deinem Namen rette mich, und in deiner Kraft richte mich.)
(Ihe)su criste rogo te propter illam amaritudinem passionis tue (ae), quam pro me sustinuisti, maxime tunc, quum nobilissima anima tua egressa est de corpore tuo. Miserere animae meae in egressu suo. (Jesu Christe, ich bitte dich um jener Bitterkeit deines Leidens willen, welche du für mich erduldet hast, besonders als deine edle Seele aus deinem Leibe schied, erbarme dich meiner Seele bei ihrem Hinscheiden.)
(Jhesu cri)ste adoro te in sepulcro positum, mirrha et aromatibus conditum deprecor, (ut tua) mors sit vita mea. (Jesu Christe, ich bete dich an, der du ins Grab gelegt und mit Mirrhen und Gewürzen einbalsamiert wurdest und bitte dich, dass dein Tod mein Leben sei.)
Jhesu criste, pastor bone, Iustos conserva, peccatores Iustifica et omnibus fidelibus (christian)is miserere et propitius esto mi(c)hi miserrimo pecca- Seite 212 · tori. (Jesu Christe, guter Hirte, erhalte die Gerechten, heilige die Sünder, erbarme dich aller Christgläubigen und sei mir ärmsten Sünder gnädig.)
Die teilweise zerstörten Sprüche an den Bildern der Mutter und der Töchter lauten:
„O Gott mein schöpffer und erlösser .... Ach nit das du eß warst, wie wert die ....
O du hocher reichtum, wie scheinist du so in G...
O sonnen glantze, ein ewiges licht, wie (bist du so) gar erloschen.
O flissender bronnen der ewigkeit, wie bist du so gar ersigen. O weysser lerer der menschen, wie bistu so gar geswigen.
O wunne wuniglich, wie ist dein augesicht so Jemerclich).
O Gott mein schöpffer vnd erlösser In meyner sele, wie bist du für mich Jemerlichen gemartert vnd getottet, biß vns allen gnedig vnd barmherzig.)“
Der Inhalt weist auf ein Mittelstück des Altars hin, das vom Leiden und Sterben Christi handelte; Text und Bilder eigneten sich darum vorzüglich für den Altar der Friedhofkapelle. Um die Altarflügel dem Schrank anzupassen, wurden sie oben abgeschnitten und verloren dadurch einzelne Silben oder Wörter der Sprüche. Die Bilder sind auf Leinwand gemalt, auf Holz aufgeleimt und jetzt noch 102×50 cm. groß.
Herr Professor Dr. Kölitz in Karlsruhe schreibt über dieselben[S212-1]: „Die Bilder sind spätgotisch, nicht gerade von einem hervorragenden Meister und dürften etwa kurz vor 1500 zu setzen sein. An einen bestimmten Meister erinnern sie nicht. Der ganze Altar scheint, wie die Gesichter der Stifter mit den starken inneren Conturen andeuten, ziemlich übermalt zu sein. Der Ausdruck der Gesichter ist ernst und würdig, doch wenig individuell, mehr conventionell; besser sind schon die beiden Heiligen, deren Hände ebenfalls genauer durchgearbeitet sind. Der Faltenwurf macht einen nicht allzu knitterigen, ruhigen Eindruck. Das Arrangement ist das der mittelalterlichen Stifterbilder überhaupt; originell ist nur die Anlage der Schriftbänder, da sie sonst meist horizontal angeordnet sind, oder überhaupt ganz fehlen.“ - Doch haben die Gesichter einen viel mehr frischen und anmutigen Ausdruck und zeigen viel größere Feinheit als die photographischen Nachbildungen erwarten ließen.
#3. Das Ölgemälde auf der Südwand.
Etwa aus derselben Zeit wie die Ölgemälde des Hochaltars d. h. etwa aus dem Jahr 1517 stammt ein auf Holz gemaltes Bild, Christus am Kreuz mit Maria und Johannes, an der südlichen Seitenwand. Er ist ruhig gehalten mit mageren Figuren, wie man sie damals an allen religiösen Darstellungen liebte, um das geistige Übergewicht über das Leibliche auszudrücken.
#4. Das Kruzifix von Riemenschneider in der Sakristei.
Ganz ähnlich dem gemalten Bild ist auch das in Holz ge-
schnittene Kruzifixbild in der Sakristei über der Türe, das seit etwa 300 Jahren jährlich am Charfreitag bei der Enthüllung des Kreuzes gebraucht wird. Es ist eine Arbeit von Riemenschneider († 1531); auf den ersten Anblick hart und steif, wie viele der mittelalterlichen Bilder, bei genauerem Ansehen aber durch das ausdrucksvolle Gesicht und die ganze Körperhaltung von ergreifender Wirkung.
#5. Das Steinrelief des hl. Martinus im Chor.
Im Chor der Kirche neben der Sakristeithüre befindet sich an der Wand das aus Stein gehauene Reliefbild des hl. Martinus zu Pferd, der einem Armen seinen halben Mantel darreicht. Ross und Reiter sind ungemein roh und ungelenk, die Gesichter hart und ausdruckslos, die Arme und Füße steif; das Werk ist aber gleichwohl dadurch interessant, dass es aus dem 9.-10. Jahrhundert stammt. Allem Anschein nach befand es sich in der zweiten hiesigen Pfarrkirche,[S213-1] wurde bei dem gotischen Neubau des Chors in diesen verbracht und hat alle die vielen Veränderungen der Kirche überdauert.
#6. Die Elfenbeintafel mit dem Bild des hl. Sebastian von Veit Stoß.
In der Schatzkammer der Sakristei findet sich als Relief auf einer Elfenbeintafel das Bild des hl. Sebastian, das mit Recht die Aufmerksamkeit aller Kunstverständigen auf sich zieht; die genaue anatomische Zeichnung des Körpers, die naturwahre Haltung der hängenden und liegenden Gestalt, das Schwinden des Lebens, die durch das Hängen, Liegen und den Pfeilschuß bewirkte Anspannung der Muskulatur und die sonstige virtuose Ausführung machen die Tafel zu einem Meisterwerk; es wird dem berühmten Bildhauer Veit Stoß,[S213-2] der zeitweilig in Nürnberg und Krakau lebte und einer der vornehmsten Bildhauer des ganzen Mittelalters war, zugeschrieben.
#2. Die Silberschätze der Pfarrkirche.
1. Zu den kostbaren Inventarstücken der Sakristei gehört heute noch die große silberne, vergoldete Monstranz mit dem Gold-
schmiedstempel von Augsburg, dem Pinienzapfen, an verschiedenen Stellen; sie ist reich im Roccoccostil gearbeitet und trägt als Verzierung Trauben, deren Beeren aus Rubinen (roten Edelsteinen) und Perlen gebildet sind. Dieselbe wurde 1784 angeschafft und kostete 478 fl. 10 kr. (heute wohl mehr als 1000 M. wert).[S214-1]
2. An den hohen Festtagen werden die silbernen Leuchter mit dem silbernen Kruzifix gebraucht; sie sind eine Stiftung des Amtsphysikus Moser aus dem Jahr 1719.
3. Von Wert ist noch der große Roccocco-Speisekelch aus dem Jahr 1700, der etwa 800-1000 Hostien faßt.
#8. Die ehemaligen Kostbarkeiten der Pfarrkirche
waren nicht gering. Im Jahr 1749 wurden[S214-2] eine Anzahl Kelche, Patenen, Meßkännchen, Kruzifixe und andere silberne Gegenstände nach Augsburg geschickt und dort umgeschmolzen; wenn sie so alt waren, als das gleich zu nennende Ciborium, so waren sie von sehr hohem Wert. Besonders ist hier hervorzuheben das Ciborium, der Speisekelch von 1211.
Darüber sagt die Rechnung von 1749[S214-3]: „Ferner das mit obigem Silberwerk von Herrn Pfarrer ebenfalls schon dem Schmelztigel gewidmet gewesene, thurmförmige Ciborium antiquissimum, welches nach der darauf stehenden Umschrift Friz, genannt Ziber und seine rechtmäßige Ehefrau Eva aus Ehrfurcht gegen das hl. Sakrament anno 1211 am Tage der unbefleckten Jungfraw Maria gekauft haben und in hiesiger Pfarrei allschon 570 Jahr lang gedient, zum ewigen Beweis des Bischofsheimer alten Christentums aus Befehl der Obern ausbessern, new vergolden und die alte oben herumstehende sehr unkündbare Schrift unten am Rand des Fußes deutlich umstechen zu lassen, dem Mergentheimer Hofgoldschmied zahlt l. Schein 4 fl. 24 kr.“
Dieses hochinteressante, kostbare Ciborium ist spurlos verschwunden; wahrscheinlich ist es 1794 als „entbehrlich vermünzt“ worden.[S214-4]
#e. Die Krypten, unterirdische Begräbnisstätten, in der Pfarrkirche.
Wie meistens in den älteren Kirchen, so wurden auch in Bischofsheim hervorragenden Persönlichkeiten oder Familien innerhalb der Pfarrkirche Begräbnisstätten bewilligt. Viele Grabdenkmäler, die jetzt außerhalb der Kirche stehen, standen ehemals darinnen.
Pfarrer Severus[S215-1] berichtet, dass er im Chor die Grabsteine des hiesigen Pfarrers Hartmuod († 1398) und vieler anderer Priester gesehen und die Inschriften abgeschrieben habe. Das prächtigste Denkmal ist das des Alexander v. Riedern vom Jahr 1623, früher am ersten Pfeiler der Evangelienseite, jetzt beim Taufstein. Die zwei vorderen Viertel der Kirche (von der Kommunionbank an) sind unter den Bänken und dem Holzbelag mit großen Steinplatten belegt, unter denen allem Anschein nach sich eine gemauerte Gruft, Krypta, befindet. Eine andere Krypta liegt unter der Sakristei, von wo aus eine Treppe hinunterführt. Es wäre nicht unmöglich, dass sich auch unter dem Chor, wo zu den Zeiten des Severus († 1779) noch viele Grabsteine den Boden deckten, eine dritte große Krypta befände.
#f. Die Glocken der Pfarrkirche.
Aus dem Jahr 1448, in welchem das Sakramenthäuschen aufgerichtet wurde, stammt die große oder Marien-Glocke, deren prächtiger, vollklingend singender Ton von allen Sachverständigen bewundert wird.
Sie trägt die Inschrift: Anno Dmi. MICCCCXLVIII in profesto s. Kiliani completum est hoc opus sub magistris civium Conrado Stoll, Endres Putner et Petro Gedemer et magistro fabricae conrado heimburg. A et O, d. h. im Jahr des Herrn 1448 am Vorabend des St. Kiliansfestes ist dieses Werk vollendet worden unter den Bürgermeistern Konrad Stoll, Andres Putner und Peter Gedemer und dem Werkmeister Konrad Heimburg. (A u. O sind der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabetes als Anspielung auf die geheime Offenbarung Johannes, wo Christus spricht: „ich bin das A u. das O, der Anfang und das Ende.“)
„Maria heiß ich, sturm wetter stör ich, Jacob stempfel goß mich.“
2. Die Evangelien- (11 Uhr-) Glocke, ohne Jahrzahl trägt die Namen der 4 Evangelisten: Markus, Lucas, Matthäus, Johannes und den Vers:
Surgite, concinite bona cantica consona vitae (d. h. Erhebet Euch; lasset zusammenklingen fromme Lieder, übereinstimmend mit einem tugendhaften Lebenswandel.)
- Auf der Salve-Glocke, die zum Angelus-Läuten dient, steht:
Anno Dmi MCCCCXLVIII (1448) completum est hoc opus in vigilia assumptionis Mariae (d. h. vollendet in der Vigil von Maria Himmelfahrt.)
- Auf der kleinsten Glocke steht die Schrift:
„Christopf, Glockengießer zu Nürnberg goß mich, Zu Gottes Dienst gehere ich. Als Johann Schweickhard Erzbischof war im 1615 Jahr, das Amt verwalt zu Bischofsheim Caspar Lerch von und zu Dürmstein Ward gemacht diese Glocke zu Ehr Gott und seinem himmlischen Heer.“
#g. Die alte Gottesdienstordnung in Bischofsheim von 1612.
Im Pfarrarchiv findet sich ein höchst merkwürdiges Buch, das mit der Hand sehr sauber, zum Teil höchst zierlich, geschrieben ist, es führt den Titel: Ephemeris ecclesiastica u. s. w., d. h. Kirchliches Tagbuch, entaltend die besonderen Gebräuche der Bischofsheimer Pfarrei, wie dieselben durch den löblichen und frommen Gebrauch der Vorfahren eingeführt wurden; jetzt aber auf Anordnung des kurfürstl. Mainzischen Amtmanns Kaspar Lerch von Dürmstein, des h. Herrn Pfarrers Appelius, des Amtskellers Paul Erstenberger, des Zentgrafen Joh. Schraud .... verbessert und vervollständigt durch mich M. Jak. Adel, Rektor der städtischen Schulen 1612.“[S216-1]
In diesem Buch ist in Form eines Kalenders auf die einzelnen Feste und Zeiten des Kirchenjahres die aus alter Zeit übliche Gottesdienstordnung in lateinischer Sprache eingetragen. Wir ersehen daraus, dass man ehemals einen erstaunlichen Reichtum von kirchlichen Feierlichkeiten, Ceremonien und religiösen Übungen hatte, die dem ganzen christlichen Leben einen ungemein großen Reiz der Frische und Lebendigkeit gaben, aber auch eine große Kraft und Innigkeit des Glaubens und große Opferwilligkeit der religiösen Gesinnung, ohne welche diese Gottesdienstordnung nicht möglich gewesen wäre.
Wir wollen hier nur die vornehmsten anführen, so weit sie von den jetzigen Gebräuchen abweichen.
„1. Januar.
Die Beschneidung des Herrn, Neujahr. Das Fest wird von allen Christen aufs feierlichste begangen. Morgens früh um 5 Uhr läuten die Glocken zu den Vigilien (Nachtwachen) mit Metten und Laudes. - Wenn
das Fest auf einen Donnerstag fällt, wird nach den Laudes und nach der Prozession mit dem hochwürdigen Gut das Amt zu Ehren der hl. Jungfrau Maria gesungen. In der Nachmittagsvesper (die lateinisch gesungen wird) singt der Lehrer am Schlusse die Lieder vom Kind Jesu.
20. Januar St. Fabian und Sebastian. Es ist heute das allgemeine Gebet für die Brüder und Schwestern der Sebastianusbruderschaft. Die erste Messe wird für die Verstorbenen gehalten, die zweite vom hl. Sebastian in der Sebastianuskapelle. - Umgang mit dem hochw. Gut über den Markt; dabei wird die Allerheiligen-Litanei gesungen.
2. Februar, Maria Lichtmeß. Um 5 Uhr läutets zu den Metten. Kerzenweihe und Umgang (Prozession).
Aschermittwoch. Dieser Tag wurde seit alter Zeit hoch in Ehren gehalten, so dass er mit Recht Caput jejunii, Großer Anfang des Fastens genannt wird. Die Neuerer aber, die alle Übung der guten Werke verworfen, haben diesen Tage beinahe zu einem Tag der Schlemmerei und Trunkenheit gemacht.
Zuerst wird in der Kirche das Brevier gebetet (und gesungen), gegen Ende (sub mediam nonam) wird zum Hauptgottesdienst geläutet, dann ist die Aschenweihe, es folgt der Introitus Exaudi nos mit der (Allerheiligen-) Litanei und Umgang (um die Kirche); nachher das Lied Media vita (In Mitten in des Lebenszeit Sind wir mit Tod umfangen)[S217-1], die hl. Messe, die Austeilung der Asche.
An allen güldenen Sonntagen (Sonntagen nach den Quatemberwochen) wird nach der Vesper das Gebet für die armen Seelen gehalten mit einer vollständigen Vigil und am folgenden Morgen mit dem Seelenamt.
Am Mittwoch nach Sonntag Oculi (3. Fastensonntag) wird die Vorfeier des Kapitelsfestes oder der Priesterbruderschaft im Taubergau gehalten. Nach der Vesper fällt das Completorium aus, statt dessen wird die Vigil für die armen Seelen gesungen; besonders aber geschieht ein Gedächtnis des Herrn Hch. Bruno, ehemaligen Kapitelsdekans. Nachdem hierauf die Gebete verrichtet sind, geht man in Prozession zum Beinhaus (ossarium = das untere Stockwerk der Sebastianuskapelle), wo wir den Psalm Miserere mit den dazu gehörigen Gebeten sprechen; dann geht man zur Pfarrkirche zurück, wo in gewohnter Weise (die tägliche) Salve-Andacht zur hl. Jungfrau Maria gehalten wird.
Am Donnerstag nach Sonntag Oculi wird nach hergebrachter Art das Kapitelsfest begangen. Um 7 Uhr morgens läutet man zum Gottesdienst. Der Dekan singt mit den Brüdern die Armenseelenvigil, nachher beginnt das Seelenamt. Nach der Wandlung geschieht in der Kirche ein Umgang mit dem hochwürdigen Gut[S217-2]; darauf folgt das Engelamt; nach der Wandlung stimmt der Lehrer die Antiphon und der Dekan die Versikel und die Gebete von der hl. Dreifaltigkeit an; der Lehrer und der Dekan singen
sodann die Versikel und Gebete um Vergebung der Sünden, worauf die Prozession mit dem hochwürdigen Gut unter dem lauten und festlichen Gesang der (Allerheiligen-) Litanei sich (außen) um die Kirche bewegt. Sobald man zurückgekehrt ist, wird ein Hochamt von dem Festtag[S218-1] gesungen und unter demselben durch einen der Kapitularen eine Predigt an das Volk gehalten.
Die Andacht am Schmerzenfreitag steht noch nicht in der Ephemeris, weil jene erst 1735 gestiftet wurde.
Palmsonntag. Wenn um 6 Uhr die Matutin gebetet ist, läutet man zum Gottesdienst. Es werden die Palmen geweiht und der Lehrer stimmt das Responsorium an: „Cum appropinquaret, als der Herr näher kam“[S218-2]; während nun die feierliche Prozession um die Kirche zieht, führen die Stadtdiener, Schröter genannt, das Bild des Erlösers, der auf dem Esel sitzt, mit bis an das Haus der Herren von Riedern; dort wird auf dem (Peters-) Friedhof in gewohnter Weise das Schauspiel aufgeführt, wie unser gütiger Heiland in Jerusalem einzog. - Nachdem Alles fromm und gut abgelaufen, zieht man in Prozession zur Pfarrkirche zurück unter der Antiphon „Ingrediente Domino, als der Herr einzog“[S218-3]; während dessen tragen der Pfarrer und der Kaplan das mit einem Meßgewand (Casula) verhüllte Kruzifix bis zur Sakristei. Heute ist nur eine kurze Predigt wegen der gemeinschaftlichen Kommunion, an der etwa 500 Pfarrangehörige teilnehmen.
Am Char-Mittwoch läutet es um 4 Uhr morgens zur Beicht, desgleichen am Mittag nach 12 Uhr; zum Hauptgottesdienst um halb neun Uhr; zu den Metten, die gesungen werden, wie sie im Brevier vorgeschrieben sind, um halb fünf Uhr nachmittags.
Am Gründonnerstag ist der Gottesdienst um 1/2 7 Uhr mit einer halbstündigen Predigt und Ostercommunion. Um 11 Uhr wird das Zeichen gegeben zur Waschung der Altäre. Der Pfarrer oder ein anderer Priester beginnt in herkömmlicher Weise die Altäre zu waschen; zuerst den Hochaltar, dann den St. Michaelsaltar in der Sakristei, dann die Altäre der Muttergottes, des hl. Nikolaus, des hl. Stephan, der hl. Katharina, Petrus und Paulus, St. Anna, vom hl. Kreuz und St. Margareta. Der Lehrer singt dazu jeweils Responsorium oder Antiphon von dem betreffenden (Altarheiligen), der Pfarrer fügt den Vers und das Gebet hinzu. Wenn alle Altäre in der Pfarrkirche gewaschen sind, steigt man in die Sebastianuskapelle über dem Beinhaus, dann in das Schloss (jetzt Schulhaus), wo (in dem gotischen Erker) der St. Maria Magdalena-Altar steht; von da zieht man (in Prozession) nach der Peterskirche (auf dem Friedhof) außerhalb der Stadtmauer, nach St. Leonardi (jenseits der Tauber) und nach der St. Elisabethkapelle im Spital. Wenn Alles dies vollendet ist, nimmt der Pfarrer mit den Priestern und dem Lehrer eine Erfrischung von Brod und Wein.
Am Charfreitag wird früh nach 5 oder um 1/2 6 Uhr das Zeichen ge-
geben, worauf der Pfarrer oder der Prediger über die Leidensgeschichte Jesu predigt zwei oder drei Stunden lang, so dass um 9 Uhr die Predigt zu Ende geht und der übrige Gottesdienst nach dem Meßbuch gehalten wird. - In dem Verkündbuch von 1791 heißt es: „um 1/2 2 Uhr ist Prozession um die Stadt, wobei die Figur des kreuztragenden Heilandes mit getragen wird.“
Am Charsamstag geschieht alle Feierlichkeit nach dem Ritual, nur dass vor der Feuerweihe die Litanei und die 7 Bußpsalmen gebetet und gesungen werden.
Am hohen Osterfest. Heute Nacht um 11 Uhr weckt der Meßner den Pfarrer mit seiner Geistlichkeit, die sobald sie in die Kirche kommen, vor dem hl. Grab den 3. Psalm mit den dazu gehörigen Gebeten beten; hierauf erheben sie das Cruzifix vom hl. Grab und tragen es unter Gesang in die Sakristei: nun zieht die Prozession mit Knaben, Fahnen und Fackeln singend dreimal außen um die Kirche, indem jedesmal, so oft man an dem Hauptthor vorbeikommt, Pfarrer und Kaplan mit der Kreuzstange an das Thor stoßen und singen: Attollite portas principes vestras u. s. w., d. h. öffnet, ihr Fürsten, eure Tore. Beim 3. mal wird das Thor geöffnet, und die Prozession zieht in die Kirche mit dem Lobgesang: „Christ ist erstanden“; sobald die Priester zum hl. Grab gelangt sind, folgt das kleine (Oster-) Schauspiel der zwei Engel in weißen Gewändern, welche die weinenden Frauen trösten mit dem frommen Gesang: „Ihr sucht den Herrn Jesum Christ“[S219-1]. Nach dem Lobgesang Te Deum zieht man zum Chor und singt mit der Matutin das Lob der göttlichen Majestät.
Zum Hochamt läutet es zwischen 6 und 7 Uhr. Die Predigt dauert eine halbe Stunde. Nach dem Mittagessen wird die Non gesungen und darauf die Nachmittagspredigt gehalten. Um 3 Uhr ist (lateinische) Vesper; während des letzten Psalmes zieht der Pfarrer mit den Fahnen, dem hl. Öl und der Osterkerze um den Taufstein. Den Schluss bildet die tägliche Salve-Andacht zur hl. Mutter Gottes mit dem Lobgesang: Regina cöli, Freu dich, du Himmelskönigin.
Am Ostermontag ist der Gottesdienst um 7 Uhr mit Predigt durch den Pfarrer. Umgang (um die Kirche) und Vesper wie gestern.
Am Osterdienstag ist der Gottesdienst, wenn gepredigt wird, um 7 Uhr; andernfalls um 8 Uhr. Umgang ist heute nicht.
Markustag, 25. April. Heute geht die Bittprozession nach Distelhausen. Um 5 Uhr besorgt der Meßner das Festgeläute, worauf der Pfarrer oder ein anderer Priester Meßopfer und Litanei verrichtet; hierauf zieht man in feierlicher Prozession nach dem genannten Schloss (Distelhausen); dort wird in der St. Markuskirche das Hochamt zu Ehren des hl. Markus gesungen und vom bischofsheimer Pfarrer gepredigt. Nachdem noch der Lehrer mit seinen Schülern beim dortigen Pfarrer das Frühstück genommen, zieht man unter Litaneigesang zur Wolfgangskapelle, wo der bischofsheimer Pfarrer sich einen Stellvertreter bestellt, der zu Ehren dieses Heiligen oder zu Ehren der
hl. Mutter Gottes ein Amt hält. Auf dem Rückweg besucht man unter Gebet und Gesang die Kirche in Dietigheim (Dittigheim).“[S220-1]
Von diesem Fest an, welches als vollständiger Feiertag begangen wird, liest jeden Freitag früh 6 Uhr (bis Peter und Paul) der Kaplan die hl. Messe in der Peterskirche.
Kreuzauffindung am 3. Mai ist vollständiger Feiertag; Titularfest (= Patrozinum) vom Kreuzaltar mit Predigt.“
Bemerkung des Schreibers Adel: „Da mehrere Blätter der alten Handschrift nämlich über die Zeit vom 13. Mai bis 3. Juni verloren gingen, und folglich in derselben keinerlei Mitteilung sich findet über die feierlichen Bittprozessionen noch über die im Chor gebräuchlichen Ceremonien von Christi Himmelfahrt, hielt ich es für zweckmäßig, mich auf das zu besinnen, was ich von meiner Kindheit her, vornehmlich aber, seitdem mir in meiner Vaterstadt Bischofsheim das Amt der Schule und der Leitung des Kirchenchors übertragen ist, weiß, in dieses Tagebuch niederzuschreiben und vor dem Ungemach der Zeiten zu retten.
Die Bittwoche wird nämlich folgendermaßen gehalten:
Am Montag vor Christi Himmelfahrt geht die Bittprozession nach Kennigkhen (Königheim), und zwar zuerst unter Litaneigesang und Gebet in die Muttergotteskapelle und dann in die Pfarrkirche, wo durch den Ortspfarrer oder einen andern Priester Amt und Predigt gehalten werden; darauf zieht die Prozession unter Gebet und Gesang mit (Kreuz und Fahnen) den Siegeszeichen des Erlösers, fromm und gottesfürchtig[S220-2] nach Hause.
Am Dienstag wallt man nach Werbach; unterwegs grüßt in der Kirche zu Impfingen die fromme Schaar mit Litanei, Gebet und dem Gesang „Regina coeli, Freue dich du Himmelskönigin“ die hl. Jungfrau und pilgert dann weiter, um ihre Aufgabe in Werbach zu vollenden. Wie in Impfingen zieht man auch hier mit Litaneigesang durch das Dorf in die Kirche, von wo aus man nach Amt und Predigt wieder auf die Rückkehr nach Bischofsheim bedacht ist.
Mittwoch, Vigil von Christi Himmelfahrt. Auf dieselbe Art wie an den übrigen Bitttagen wallfahrtet man heute nach Dittigheim, wo Amt und Predigt gehalten werden; nach der Rückkehr in die Pfarrkirche zu Bischofsheim wohnen alle frommen Pilger einem hochfeierlichen Amt (doch ohne Predigt) an und werden dann im Namen Gottes nach Hause entlassen.
Das hohe Fest Christi Himmelfahrt. Am frühen Morgen wird die Matutin gesungen; beim Hochamt findet Predigt und Umgang mit dem hochwürdigen Gut statt. Nachmittags wird die Non gesungen, worauf die
Prozession bis mitten in die Kirche geht unter dem Gesang Ite in orbem (Gehet in die Welt); nachdem der Hymnus festum nunc celebre (Ihr Christen herzlich euch erfreut!)[S221-1] gesungen ist, wird die Himmelfahrt Christi dargestellt, während der Pfarrer dreimal die Antiphon anstimmt: Ascendo ad patrem meum et patrem vestrum (ich fahre auf zu meinem Vater und euerm Vater) und der Chor jeweils antwortet: Deum meum et Deum vestrum. Alleluia! (Zu meinem Gott und zu euerm Gott.) Sobald das Bild des im Triumph auffahrenden Christus in die Höhe gezogen ist, kehrt man zum Chor zurück mit dem Lied in der Volkssprache: „Christ fuhr gen Himmel“ (heißt jetzt: heut ist gefahren Gottes Sohn.[S221-2]) Darauf folgt sogleich die Nachmittagspredigt und lateinische Vesper, welch letztere die ganze Oktav hindurch nach Vorschrift des mainzer Breviers gehalten wird.
25. Mai St. Urban, Papst und Märtyrer; heute (und in jedem Vierteljahr einmal) ist das Jahresgedächtnis (Seelenamt) für die Häckerzunft, (das war die Urbanus- oder Weinbauernbruderschaft.)[S221-3]
Das hochheilige Pfingstfest. Nachdem in der Frühe die Matutin gebetet (und gesungen) ist, läutet man um 3/4 7 Uhr zum Hochamt, das mit sakramentalischem Umgang und mit Predigt durch den Pfarrer hochfestlich begangen wird. - Am Nachmittag wird die Non gesungen und dann eine Prozession bis mitten in die Kirche geführt unter Absingen der Antiphon: Apparuerunt Apostolis (es erschienen den Aposteln) und des Hymnus Veni creator Spiritus (Komm Schöpfer Geist[S221-4]); während dessen lassen zwei Knaben das Bild des hl. Geistes, eine Taube, von der Decke mit dem dreimaligen Gesang der Antiphon: Accipite spiritum sanctum (empfanget den hl. Geist), worauf jedesmal der Chor antwortet: quorum remiseritis peccata, remittuntur eis (wem ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen); der Pfarrer und der Kaplan nehmen das Bild in Empfang und tragen es zum Hochaltar, während das deutsche Lied gesungen wird: „Nun bitten wir den heiligen Geist“[S221-5]; und sogleich folgt die Predigt.
Nachmittags 3 Uhr läutet es zur Vesper, nach welcher mit Gebet und Gesang eine Prozession zum Taufstein geht. Während dieselbe in den Chor zurückzieht, singt man Veni sancte Spiritus (Komm hl. Geist ganz gnadenreich[S221-6]) und zum Schluss die Salve-Andacht zur hl. Mutter Gottes.
Pfingstmontag hat Prozession, Hochamt mit Predigt und am Nachmittag Vesper mit Prozession zum Taufstein wie gestern.
Pfingstdienstag wird gleichfalls feierlich gehalten wie die zwei vorhergehenden Tage, doch ohne Umgang und ohne Taufsteinprozession.
Dreifaltigkeitssonntag. Früh morgens werden die Metten gebetet. Vor dem Hochamt findet ein Umgang mit dem hochw. Gut statt und eine Predigt durch den Pfarrer.
Nach der Vesper und am folgenden Morgen früh wird das allgemeine Gebet für die Abgestorbenen verrichtet, wie oben (S. 217) angegeben wurde.
Fronleichnamsfest. Am Vorabend beginnt die Oktav dieses hohen Festes, die täglich mit Vesper und Completorium begangen wird.
Zu den Metten, die während der ganzen Oktav täglich gesungen werden, läutet man in der Frühe um 4 1/4 Uhr. Nach einer kleinen Pause läutet man zur Prim und Terz, nach deren Schluss zieht sogleich die Prozession mit dem hochw. Gut um die ganze Stadt; nachdem man durch das obere Stadtthor am Peterskirchhof angekommen ist, wird das Evangelium nach Matthäus gesungen mit dem Angesicht gegen die Stadt gewendet. Das Evangelium nach Markus zwischen den zwei Stadtthoren, das nach Lukas am Obstgarten, das nach Johannes bei der Schlossbrücke. Unter dem Gesang Te Deum laudamus zieht man zur Pfarrkirche, wo noch ein Umgang stattfindet und nach Austeilung des Weihwassers Hochamt mit Predigt durch den Pfarrer gehalten wird; sobald gleich darauf die Sext gesungen ist, wird das hochw. Gut in den Tabernakel zurückgestellt. - Am Nachmittag, wenn man die Non gesungen, hat der Prediger noch das Wort Gottes zu verkündigen.
Sonntag nach Fronleichnam: Prozession nach Walldürn.[S222-1]
21. Juni. St. Alban, Märtyrer. Im Jahr 1551 wurde der Peterskirchhof erweitert und eingeweiht durch den Weihbischof von Mainz.[S222-2]
Fest Johannes des Täufers, 24. Juni. Feiertag. In der Frühe werden die Metten gesungen; beim Hochamt ist Umgang mit dem hochw. Gut. Die Diener der Kirche speisen heute mit den Zehntmännern.
Nota: Am Sonntag vor Peter und Paul 1598 hat der Weihbischof von Mainz in der Pfarrkirche 756 Personen gefirmt.
Peter und Paul, 29. Juni. Patronsfest der Peterskirche außerhalb der Stadtmauer, wo am Vorabend feierliche (lateinische) Vesper und heute früh um 6 Uhr ein Hochamt gehalten wird. Der übrige Hauptgottesdienst ist aber in der Pfarrkirche.
Maria Heimsuchung, 2. Juli, wird gehalten wie Fronleichnam mit Prozession und Gesang der kirchlichen Tagzeiten während der Oktave.
St. Margareta, Jungfrau und Martyrin, 13. Juli, zweite Patronin der Pfarrkirche; das Fest wird feierlich[S222-3] gehalten, jedoch ohne Predigt. Ein
Zusatz von späterer Hand sagt: Musikalisches Amt am St. Valentinusaltar, wo ein Bild der hl. Margareta steht.
Nota: Am Sonntag nach St. Margaretentag wird das Fest der Kirchweihe der Pfarrkirche festlich begangen mit Metten-Gesang wie an den Hauptfesten.
Maria Magdalena, 22. Juli. Heute ist Kirchweihe und Patrozinium in der Schlosskapelle unseres hochwürdigsten Herrn Erzbischofs (jetzt Schulhaus neben dem Türmersturm), wo am Vorabend feierliche (lateinische) Vesper und am Festtag früh um 6 Uhr ein Hochamt gehalten wird. - Der Pfarrer, die übrigen Priester, der Lehrer und der Meßner speisen heute beim Amts-Keller (des hochwürdigsten Herrn Erzbischofs).
Die Altaristen (Inhaber der Altarbenefizien in der Pfarrkirche[S223-1]) haben die ganze Woche abwechselnd hier die hl. Messe zu lesen.
Fest des hl. Apostels Jakobus, 25. Juli. Kirchenpatronsfest in Dienstadt, wohin nach alter Sitte der Pfarrer oder Kaplan sich begiebt mit dem Lehrer und Meßner, um dort Hochamt und Predigt zu halten. - Eine spätere Hand schrieb dazu die Bemerkung: „Das galt früher, da Dienstadt noch als Filial zu unserer Kirche gehörte; seitdem es aber Filial zu Königheim ist, hört das auf.“
Fest der hl. Mutter Anna, 26. Juli. Heute wird das Jahresgedächtnis der Verstorbenen aus der St. Anna-Bruderschaft mit einem Seelenamt und zwar am mittleren (Stephans-) Altar; ein Hochamt zu Ehren der hl. Anna am St. Anna-Altar, und wenn St. Annatag auf einen Donnerstag fällt, noch ein drittes (das Engel-) Amt gehalten.
Petri Kettenfeier, 1. August. Patrozinium in der Peterskirche außerhalb der Stadtmauer mit (lateinischer) Vesper am Vorabend und Amt oder hl. Messe in der Frühe.
Christi Verklärung, 6. Aug. Heute wird mit neuem Wein consecriert, wenn solcher zu haben ist, zum Gedächtnis der Verklärung Christi.
St. Laurentius, 10. Aug. Da die Lorenzikapelle erst 1723 gebaut wurde,[S223-2] hat die ältere Ephemeris, das kirchliche Tagbuch, keine besondere Feierlichkeit vorgeschrieben. Ein späterer Eintrag und die späteren Verkündbücher von 1746 und nachher besagen: „Heute wird der Gottesdienst in der St. Lorenzikapelle gehalten, um halb 7 Uhr frühe Metten und Frühmesse; um 8 Uhr sakramentale Prozession nach der Kapelle mit der Allerheiligenlitanei, musikalisches Amt, Predigt und Segen, bei der Rückkehr die Lieder: Nun lobet Gott auf hohem Thron[S223-3] und O ihr Freund Gottes.[S223-4] - Nachmittags 2 Uhr Vesper in besagter Kapelle.“
Maria Himmelfahrt, 15. Aug. Die ganze Oktav hindurch werden die kirchlichen Tagzeiten gesungen.
Montag nach Maria Himmelfahrt ist das Jahresgedächtnis (Seelenamt) der Muttergottes-Bruderschaft; wenn möglich, sind zwei Ämter; das zweite zu Ehren von Maria Himmelfahrt mit sakramentalischem Umgang.
Am Sonntag vor St. Bartholomäus oder nach St. Rochus ist die Spitalkirchweihe[S224-1] mit feierlicher Vesper am Vorabend in der Franziskanerkirche und Hochamt am Feste morgens 8 Uhr.
Maria Geburt, 8. Sept. wird die ganze Oktav hindurch festlich begangen mit den 7 kirchlichen Tagzeiten und morgens sakramentalischem Umgang.
Das Schutzengelfest, 1. Sonnt. im Sept. wird zwar im „kirchl. bischofsh. Tagbuch“ nicht besonders hervorgehoben, gleichwohl noch 1749 hochfeierlich „mit Geschütz“ gefeiert; denn die Rechnung besagt, dass die „Stadtconstabler an jenem Fest mit Geschütz die Kreutz vom Stadtturm zum Teil herunter geschossen haben.“
Kreuzerhöhung, 14. Sept. ist Titularfest am Altar des Predigers, wo auch das Hochamt gehalten wird.
Erzengel Michael, 29. Sept. Ist Kirchweihe der Sebastianus-Kapelle über dem Beinhaus; am Vorabend wird daselbst (lat.) Kirchweihvesper mit Anrufung des hl. Michael gesungen. Die Predigt am Fest wird in der Pfarrkirche, das Hochamt aber in der Kapelle gehalten.
Am Sonntag nach St. Burchard, 11. Okt. ist Kirchweihe der Jakobskirche in Dienstadt, wird gehalten wie am Patrozinium (25. Juli).
Am Montag darauf ist das Jahresgedächtnis (Seelenamt) aller Stifter dieser Kirche mit zwei Opfern.
Nota: Etwa um die Zeit von St. Lukas, 18. Okt. wird wenigstens die (Herbst) Synode gefeiert, welche der Pfarrer dreimal verkündigen muss. Der Pfarrer mit den Altaristen,[S224-2] dem Lehrer und dem Meßner gehen bei dem Archipresbyter zu Tisch. Hierauf treten die Beisitzer der Synode zusammen; auch der Pfarrer sitzt dabei mit den Räten; wenn alles aufs genaueste untersucht ist, geht der Pfarrer nach Hause.
Allerheiligen, 1. Nov. Alles geschieht heute mit großer Feierlichkeit, auch mit Absingen der Metten. Zur Vesper läutet man um 2½ Uhr. Nach der Allerheiligen-Vesper folgt die Totenvigil und hierauf ein dreimaliger Umgang mit Rauchfaß und Weihwasser. Wenn die Priester das 1. Mal in das Beinhaus (unt. Stock der Sebastianuskapelle) treten, singen die Priester: Miserere mei Deus (Erbarme dich meiner, o Gott); das 3. Mal den Psalm
de profundis (aus der Tiefe) mit den Gebeten. Nach der Rückkehr zum Gotteshaus singt man die tägliche Salve-Andacht zur hl. Mutter Gottes.
Allerseelen, 2. Nov. Etwa um 5 Uhr früh läutet man zum Gottesdienst, der mit einem Umgang um die Pfarrkirche beginnt. Nach dem Evangelium des Seelenamts predigt der Pfarrer über das Fegfeuer.
Ein zweites Amt wird noch gesungen zu Ehren der hl. Mutter Gottes.
St. Leonhard, 6. Nov. Patrozinium der St. Leonardikapelle jenseits der Tauber[S225-1] mit einem Amt morgens zwischen 6 und 7 Uhr.
St. Martin, Bischof, 11. Nov. Ist Patrozinium der Pfarrkirche. Alles wird hochfesttäglich gehalten; es werden die Metten gesungen und beim Hochamt ein Umgang mit dem hochw. Gut gehalten.
St. Elisabeth, 19. Nov. Ist Spitalkirchweihe,[S225-2] hat am Vorabend (lat.) Vesper und am Festtag morgens ein Hochamt.
Maria Opferung, 21. Nov. wird gleichfalls festlich begangen, es werden die Metten gesungen und beim Amt ein Umgang mit dem Allerheiligsten gehalten.
St. Katharina, Jungfrau und Martyrin, 25. Nov. Das Amt wird am St. Katharinenaltar gehalten.
St. Nikolaus, Bischof, 6. Dezemb. Patrozinium am St. Nikolausaltar, wo auch das Amt gehalten wird.
Maria Empfängnis, 8. Dez. Es wird heute Alles so gehalten wie an Maria Opferung (21. Nov.)
Weihnachten, 25. Dez. Das Fest der gnadenreichen Geburt unseres Herrn ist mit der höchsten Feierlichkeit zu halten. In der hochheiligen Nacht weckt der Meßner den Pfarrer um 11 Uhr. Die Metten und alles Übrige wird nach Vorschrift des Breviers und des Meßbuches gehalten. Zur Hirtenmesse läutet man um 6 Uhr, zum Hochamt um 7 Uhr oder etwas später. In der Vesper singt der Lehrer nach hergebrachter Übung die Lieder vom Jesukind.[S225-3]
St. Stephan, 26. Dez. Patrozinium des mittleren Altars, wo auch das Hochamt gehalten wird, doch ohne Umgang. Vesper wie gestern.[S225-4]
Johannes, Evangelist, 27. Dez. Auch heute noch wird Alles feierlich als Feiertag gehalten. Nach der Predigt weiht einer der Priester Wein, der vor dem Altar oder beim Taufstein aufgestellt ist, und nach dem Gottesdienst dem Volk und der Schuljugend zum Trinken dargereicht wird.
#Tägliche und wöchentliche Nachmittagsandachten.
1. Die tägliche Salve-Andacht.[S226-1] Im Jahr 1479 stiftete Pfarrer Schippel von Bischofsheim im Verein mit mehreren andern die tägliche Salve-Andacht; es wurde jeweils um 1/2 4 Uhr das Salve Regina resp. die der Festzeit entsprechende Marianische Schlußantiphon von einem Priester gesungen im Verein mit dem Schulrektor und den Schulkindern, die nach Beendigung des Unterrichts gemeinsam zur Kirche gingen; das war noch 1849 in Übung.
2. Die „Tenebrä“, eine Andacht zu Ehren des bitteren Leidens Christi, die jeden Freitag in der Pfarrkirche gehalten wurde;[S226-2] sie hat ihren Namen von den Anfangsworten des Gebetes tenebrae factae sunt (es sind Finsternisse entstanden). Die Stiftung stammte aus dem Jahr 1501, ist aber jetzt ganz eingegangen, es blieb nichts mehr übrig als das „Todesangst-Christi-Läuten“ am Freitag 11 Uhr wie allerwärts.
3. Das Samstagsamt[S226-3] zu Ehren der hl. Mutter Gottes an allen Samstagen des ganzen Jahres und von Maria Himmelfahrt bis Maria Geburt täglich am Salve-Altar (auch Samstagsaltar genannt); gestiftet 1502.
4. Die „Absolve“, eine Armenseelenandacht;[S226-4] sie hat ihren Namen von den Anfangsworten eines Gebetes für die Abgestorbenen und bestand in einem Umgang, der jeden Sonntag nach der Vesper mit Prozession um die Kirche, dem alten Friedhof der Stadt und mit Gebet für die Verstorbenen gehalten wurde; die Andacht war noch 1750 in Übung.
Die Armenseelen-Andacht[S226-5] mit Segen wurde eingeführt 1747 und durch freiwillige Beiträge fundiert.
#Bruderschaften.
- Die Sebastianusbruderschaft und
2. Die St. Anna-Bruderschaft werden als längst bestehende in dem „bischofsheimer kirchlichen Tagebuch“ von 1612 erwähnt.
3. Die marianische Bruderschaft, gestiftet 1502 und durch Erzbischof Berthold von Mainz bestätigt.[S226-6]
4. Am St. Blasiustag wurde die Bruderschaft des ewigen Rosenkranzes gehalten.[S226-7]
5. Die Häcker-(Weinbauern-)Bruderschaft; für die ehemaligen Mitglieder werden jetzt noch zahlreiche Jahrtagstiftungen gehalten.
Alle diese Bruderschaften sind längst eingegangen.
#h. Verzeichnis der Pfarrer von Tauberbischofsheim.
Im bischofsheimer Jahrtagbuch von 1612 werden von 3 Pfarrern nur die Namen ohne Angabe der Amtsjahre oder des Todestages angeführt; diese sind:
Joh. Schellen, Pfarrer und Dekan,
Wilh. Ripert,
Peter Liebhard.
Die folgenden Namen sind teils den Aufzeichnungen des Pfarrers Severus[S227-1] von Königheim und Walldürn († 1779), teils anderweitigen jeweils angegebenen Urkunden entnommen.
1317 Pfarrer Konrad, Dekan.[S227-2]
1354 Emich v. Lorch,[S227-3] Domherr in Mainz, resignierte auf die Pfarrei zu Gunsten seines Nachfolgers.
1354 Lutherus oder Lotharius de Buches, Domherr zu Mainz und Probst in Aschaffenburg.
1368 Johann Schellin, Dekan des Kapitels Taubergau.[S227-4]
1398 † Heinrich Hartmut. (Dessen Grabstein wurde von Pf. Schott wieder aufgefunden.)
1420 Heinrich Bemann.[S227-5]
1449 Johann Herttungs, Dekan des Kapitels Taubergau, Keller zu B.[S227-6]
1485 Ort. Lippler.
1502-1513 Johannes Jacobi.
Johannes Nicolaus.
1513 Christoph Scriptoris (Schreiber), führte zeitweilig die „Reformation“ ein und stand in Verbindung mit Karlstadt.[S227-7]
1538 † Johannes Fuchs.
1541 N. N. (der Name unleserlich).[S227-8]
1542 Matthias Beatus Dymerius (= Diemer).
1554 Paulus Jog.
1562 Heinrich Mündlein, Dekan und Keller in Tb.
1565 Andreas Beger.
1567 Joh. Hauk von Königheim.
1579 Mich. Lannins, aus dem Prämonstratenser Orden zu Oberzell bei Würzburg.[S227-9]
1589-1593 M. Christian Hartung, Magister der Philosophie, hatte einen Sprachfehler und legte deshalb sein Amt nieder.
1593-1600 Jacob Molitor v. Dieburg, gewann viele Irrgläubige wieder für die Kirche; † 1618 als Pfarrer von Niederulm.
1602-1607 Theodor Flach.[S227-10]
1607-13 Phil. Appel, veranlasste die Abfassung der Ephemeris d. h. das kirchliche bischofsheimer Tagbuch, durch das uns viele wichtige Mitteilungen erhalten wurden.[S227-11] † als Frühmesser in Heidingsfeld 1626.
1613-28 Johann Scherpf von Koblenz, Dekan. † als Pfarrer und Dekan in Lohr.
1628-1632 Georg Federle, Dr. theol., früher und nach der Notiz im Taufbuch v. J. 1628 S. 181 gleichzeitig noch Pfarrer in Werbach. Er wird gerühmt im Kapitelsbuch: „Ein Vater der Armen, ein Hammer der Irrlehren, Einführer des Franziskanerordens in T.-B., geschmückt mit großer Beredtsamkeit, voll des Eifers und aller christlichen Tugenden.“
1632-37 Christian Felgenhauer, Dekan, ein tüchtiger Mann; kam von hier als Pfarrer nach Grünsfeld, wurde aber nach kaum 3 Jahren durch die Gewalttätigkeit und Verläumdung der Andersgläubigen vertrieben, ging nach Betingen und wurde von schwedischen Soldaten auf einer Wiese erstochen.[S228-1]
1637-38 Friedrich Orthenbach, war nur ein Jahr hier Pfarrer und ging nach Aschaffenburg.
1638 Adam Streit, Franziskaner-Guardian, hatte zeitweilig die Pfarrgeschäfte zu besorgen.
1638-41 M. Joh. Blankenberger, Dekan.
1641-47 Caspar Hemmerlein, gebürtig aus T.-B., „ein gelehrter und angesehener Herr“, Prior am Cistercienserkloster in Bronnbach, später Pfr. in Tauberbischofsheim.[S228-2]
1647-51 Gg. Sprigel v. Heidelberg, früher Pf. in Heppenheim, 1651 in Lohr.
1651-64 Tilman Zilch, Dekan; unter ihm wurde die Klosterkirche erbaut; kam als Regens nach Neuß (Preußen).
1664-67 Joh. Remscheid, lic. theol., kam von hier nach Köln.
1667-1702 Bernhard Helfferich v. Buchen, (früher Pfr. in Hollerbach und Schönfeld), Dekan, machte reiche Stiftungen in die Kirchen zu Dittwar und Werbachhausen.
1702-1706 Joh. Wilh. Ihm (früher Prediger an der St. Bartholom. Kirche in Frankfurt a. M.), ging von hier als Pf. nach Großwallstadt.
1706-26 Jakob Dott v. Koblenz, ein frommer Mann, starb plötzlich an einem Schlagfluss auf den Tauberwiesen während des Spazierganges mit seinem Vikar Aquilin Och; hatte aber an demselben Tag die hl. Sakramente empfangen.
1727-29 Joh. Ad. Faulhaber v. Königheim, Doctor theol., Hofmeister der Grafen v. Schönborn; zuletzt Stadtpfarrer ad St. Emeranum in Mainz.
1729-46 Seb. Specht v. Königheim, „durch Frömmigkeit und Beredtsamkeit gleich ausgezeichnet“, von Einheimischen und Auswärtigen gequält, starb an einem Fieber, das er sich beim Versehen eines Kranken zugezogen hatte.
1746-55 Ferd. Bingemer v. Buchen, Domherr zu Mainz, später Pfr. in Eichenbühl, zuletzt in Mainz.
1755-63 Nic. Jos. Huband v. Lohr,[S228-3] „ein lobwürdiger Herr, besorgt für den Schmuck des Gotteshauses.“
1763-97 Christoph Lottermann, Dekan, „der sich um die ganze Pfarrei so große Verdienste erwarb, daß alle kommenden Zeiten ihn in Ehren halten sollten.“[S229-1]
1798-1829 Mich. Jos. Kunkel, Dekan, vorher Pfr. in Distelhausen, war der letzte Pfarrer in Tauberbischofsheim, welcher die Pfarrgüter in Selbstbewirtschaftung betrieb; resignierte auf die Pfarrei 1829 und starb bei seinen Verwandten, Färber Reidel im Rehhof am Markt 24. Okt. 1830.
1829-49 Joh. Binz v. Ettenheim, früher Cooperator zu St. Martin in Freiburg, Professor in Offenburg. Dann in Tauberbischofsheim Pfr., Direktor des Pädagogiums, Ephorus des Gymnasiums und Dekan; † als Pfr. von Rothenfels bei Gernsbach; stand in großem Ansehen durch sein Wissen und seine Frömmigkeit.
1849-70 Dr. Karl Rombach, nicht nur in Theologie, sondern auch Philosophie und Naturwissenschaften wohl bewandert, besaß prächtige Sammlungen von Münzen u. Mineralien, ein gewandter Redner, persönlicher Freund des Generalvikars Wessenberg in Konstanz; aber in dem großen Kirchenstreit 1853 entschieden und treu auf Seite des Erzbischofs Hermann, wurde deshalb eingekerkert und bildet eine Hauptfigur in dem damals in allen Häusern verbreiteten und mit Leidenschaft gelesenen satyrischen Gedicht: „Die Priesterfängerei in der Wallachei“, musste wegen Asthma auf seine Pfarrei resignieren und † 11. Sept. 1873.
1870-92 Joh. Ad. Schott, Pfarrverweser, dann Pfarrer, erbaute das neue Pfarrhaus neben dem Spital; restaurierte die meisten Kirchen und Kapellen, sammelte viele alte Urkunden, die auch in dieser Beschreibung Verwendung fanden u. ging von hier als Pfarrer nach Unzhurst b. Bühl.
1892 Rudolf Freidhof v. Gerlachsheim.
#2. Die St. Lioba-, Kloster- oder Gymnasiumskirche.
#a) Die alte Spitalkapelle.
Von alten Zeiten her existierte die Spitalkapelle zu Ehren der hl. Elisabeth, sie gehörte ursprünglich zum St. Liobakloster, denn die Urkunden[S229-2] besagen ausdrücklich: „Die Franziskaner bekommen das alte St. Liobakloster samt der dazu gehörigen St. Elisabethkapelle.“
Doch kann die damals, 1629, existierende nicht das alte von St. Lioba 725 gebaute Kirchlein gewesen sein, da St. Elisabeth erst 1231 gestorben ist, sondern es wird bei dem Klosterbrand[S229-3]
die alte Kapelle auch zerstört (da die alten Kirchen meist aus Holz gebaut waren) und zu Ehren der hl. Elisabeth neu aufgebaut worden sein.
#b. Die neue Lioba-, Kloster- oder Gymnasiumskirche.
Aber auch diese 2. Kirche wurde allmählich den Bedürfnissen zu klein und durch Alter schadhaft, deshalb wurde sie 1655 abgebrochen und die jetzige zu Ehren der hl. Lioba und der hl. Elisabeth gebaut und zwar ganz aus freiwilligen Beiträgen der Bürger.
Im März 1656 begab sich der Franziskaner-Guardian von Bischofsheim zu Philipp von Schönborn, dem Erzbischof v. Mainz und Bischof von Würzburg, der sich damals in Würzburg aufhielt und bat ihn, den Grundstein zum neuen Gotteshause legen und weihen zu wollen. Der Erzbischof ernannte den damaligen Stadtpfarrer von Bischofsheim, Joh. Tillmann Zilch, und den Oberamtmann Schweikard, Freiherrn von Sickingen, Herrn zu Gamberg (Gamburg) zu seinen Stellvertretern. Am 25. März legte man höchst feierlich in Anwesenheit einer großen Menschenmenge aus der Stadt, Dittigheim, Impfingen, Hochhausen und dem ganzen Taubertal den Grundstein; außer einigen kleineren Reliquien der hl. Lioba und anderen Heiligtümern wurde eine ausführliche Gedenkschrift in denselben niedergelegt, die folgendermaßen lautet:
„Im Nahmen der Allerheiligsten unzertheilten Dreyfalltigkeit, deß Allmechtigen Gottes, Vater, Sohn und heiligen Geists, Amen. Im Jahr des Menschlichen Heyls 1656, den 25. Tag des Monats Martii, welcher geheiligt ist der Verkündigung der Gebährerin Gottes vnd Jungfraw Mariä, als den Römischen Stuhl besasse Alexander VII. und das Römische Reich regierte Ferdinandus III. auß dem Hauß Oestreich, unter dem Ertzbischoff und Churfürsten zu Mayntz, Bischoff zu Würtzburg, aus dem hochadeligen Geschlechte von Schönborn, unserm allseits Gnädigsten Patronen dieser Kirch, legte den ersten Grundstein mit den gebührlichen Kirchen-Ceremonien der Wohlehrwürdige Herr Joannes Tillmann Zilch, dießer Stadt Pfarrer, auß Commißion gesagter Ihr Hoch-Churfürstl. Gnaden, als in dem Orden des H. Vatters Francisci, der Köllnischen Provintz Minister Provincial der Hochwürdige P. Engelbertus Broich; der Stadt und dem Ambt vorstunde der Hoch-Wol-Edelgebohren Herr Joannes Suicardus, Freiherr von Sickingen; Churfürstlicher Mayntzischer Kellerherr (Rentmeister) Joannes Jakobus Kurtzrock; Centgraff Herr Joannes Michael Otto; Rentmeister der Stadt, Herr Michael Süß und Herr Georgius Bayer, zu Ehren des Allerhöchsten Gottes zu Glory der Allerseligsten und unbefleckten Jungfraw Mariä, des Seraphischen heiligen Vatters Francisci und der heiligen Jungfraw Liobä, dieser Kirchen Patronin.“
Die allgemeine Teilnahme am Bau dieses Gotteshauses war so groß, dass schon am 2. August desselben Jahres 1656, obgleich die Bedachung noch nicht vollendet war, das Portiunculafest darin gefeiert werden konnte. Am 14. Oktober 1657[S231-1] wurde die neue Klosterkirche durch den würzburger Weihbischof Johann Melchior Söllner im Auftrag des Erzbischofs von Mainz, der durch Alter und Körperschwäche verhindert war, zu Ehren der hl. Dreifaltigkeit der hl. Jungfrau Lioba und der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen, eingeweiht. Nach gleichzeitigen Berichten muss die Feier unter einer beispiellosen Beteiligung des Volkes aus allen Ortschaften der Taubergegend, so dass der anstoßende weite Marktplatz und die Straßen das Gedränge nicht fassen konnten, und einem unbeschreiblichen Jubel stattgefunden haben. Am Nachmittag des Festes und am darauffolgenden Tag erteilte der Weihbischof in der neu geweihten Kirche 435 Personen die hl. Firmung.
Auch innerlich an Altären, kirchlichen Gewändern und Gerätschaften wurde das Gotteshaus reichlich ausgestattet und bis zur Aufhebung des Franziskanerklosters der Gottesdienst höchst feierlich und erbaulich abgehalten, auch die Spendung der hl. Sakramente in den zahlreichen Beichtstühlen besorgt.
Bei Aufhebung des Klosters 1823 ging die Kirche in den Besitz der Stadt über[S231-2] und die kostbaren Geräte wurden zum großen Teil verschleudert; die Kirche selber wird seither für den Gottesdienst des Gymnasiums gebraucht. Am 16. Mai 1862 wurde sie durch den Brand des alten Gymnasiums schwer geschädigt, nachher aber zur Not wieder hergestellt.
Obgleich die Klosterkirche zunächst zu Ehren der hl. Lioba gebaut und geweiht wurde, so ist doch bedauerlicher Weise das Andenken der berühmten Ortsheiligen ganz auf die Seite geschoben und wird nicht einmal ihr Fest in besonderer Weise gefeiert. Die Erinnerung an die Patronin der früheren Spitalkirche, die hl. Elisabeth, die laut Einweihungsurkunde jetzt nur zweite Patronin ist, war aber so stark, dass deren Fest nach wie vorher als Hauptfest gefeiert wurde und heute noch gefeiert wird. Es ist daher am 19. November, am Fest der hl. Elisabeth in der Klosterkirche feierliches Kirchen-Patronsfest; Kirchweihe nennt man dies im Tauber-
tal, und das St. Elisabeth-Patrozinium heißt Spitalkirchweihe, obgleich der Ausdruck Kirchweihe nicht richtig ist; denn die Einweihung der jetzigen Klosterkirche geschah am 14. Oktober 1657; es besteht in feierlicher Segens-Vesper am Vorabend und feierlichem Hochamt mit Segen am Festtag selber.[S232-1]
In ganz gleicher Weise wird in der Klosterkirche das St. Rochusfest (16. Aug.) mit Vigil-Vesper und Hochamt begangen. - St. Rochus ist nämlich an sehr vielen Orten Spitalpatron und war ehemals auch hier; jetzt noch feiert die Überlieferung sein Fest, wie ehemals, als die Vorgängerin der jetzigen Klosterkirche, die alte St. Elisabeth-Spitalkapelle, noch ein Bestandteil des Spitals war; doch findet sich die Erinnerung an seine frühere Verehrung auch noch durch eine Holzstatue am St. Anna-Altar verkörpert. Auch St. Rochusfest heißt Spitalkirchweihe.
Die alte St. Elisabethkapelle und das Spital hatten bis in dieses Jahrhundert vollständig getrennte Vermögensverwaltung; jetzt sind die beiderseitigen Vermögen verschmolzen und die oben genannten kirchlichen Feierlichkeiten an St. Elisabeth und St. Rochus werden als Stiftung vom Hospitalfond honoriert.
#c) Die Reliquien der hl. Lioba in der St. Lioba- oder Klosterkirche.[S232-2]
Im Jahr 1613 öffnete man das Grab der hl. Lioba in Fulda wieder einmal, fand aber nur verhältnismäßig wenige Reste, sei es, dass durch die Zeit, durch Krieg, Brand, Umbau der Kirche Beschädigung und Verluste herbeigeführt wurden, sei es, dass die Mitteilung an viele Kirchen sie so sehr vermindert hatten. Solche Verteilungen geschahen schon viele durch den hl. Rhabanus (um das Jahr 850).
Kaum waren die mindern Brüder 1629 in der Stadt eingezogen, als sie sich schon bemühten, die Verehrung der hl. Lioba wieder emporzubringen, und zu diesem Zweck beglaubigte Reliquien der Heiligen zu erwerben; der damalige Guardian, P. Adam Burvenich reiste 1631 in dieser Absicht zum Fürstbischof Joh. Bernhard Schenk v. Schweinsberg nach Fulda; allein da wegen des damals
durch ganz Deutschland tobenden 30jährigen Krieges alle Kirchenschätze und Heiligtümer aus Fulda geflüchtet worden waren, musste man den guten P. Guardian auf spätere Zeiten vertrösten. Als nun 1665 derselbe bei Gelegenheit einer Visitationsreise wieder nach Fulda kam, erneuerte er seine Bitte beim damaligen Fürstbischof Joachim v. Grafenegg, der sofort den Prior des berühmten Salvator-Klosters in Fulda, P. Plazidius Braum, beauftragte, vom Schulterblatt der hl. Lioba eine Partikel abzulösen und dem P. Guardian zu übergeben. Nachdem am 25. April die Priorin Maria Salome Flaumer in Gegenwart des P. Burvenich und seiner Begleiter mittels einer kleinen eisernen Säge die Hälfte vom Schulterblatt der Heiligen abgelöst hatte, wurde die Reliquie ihm nebst einer Urkunde über die Echtheit durch P. Braun übergeben. Zu dieser legte am folgenden Tag der Fürstbischof einen andern Teil von den St. Lioba-Reliquien, den er in seinem Residenz-Schloss aufbewahrt hatte, und stellte auch darüber eine eigenhändig unterzeichnete Urkunde aus. Voll Freude eilte der gute P. Guardian nach Bischofsheim, wo das mitgebrachte Heiligtum am 1. Mai 1655 von der gesamten damals zahlreichen Geistlichkeit und dem Volk mit großem Jubel empfangen und in feierlicher Prozession in die Franziskanerkirche des Spitals geleitet wurde.
Zu diesen Reliquien kam 1661 noch eine neue; der Erzbischof und Kurfürst Joh. Philipp hatte solche Partikel, nämlich das „Kief“, die Kinnlade der Heiligen, von Freiherrn Joh. Val. v. Sietzig als Geschenk erhalten; P. Burvenich erfuhr dies und urteilte nicht ohne Grund, dass dieses Heiligtum in Bischofsheim besser am Platze sei als anderswo, und eilte nach Würzburg, wo der Erzbischof sich eben aufhielt. Als man ihm versprach, gelegentlich von Mainz aus ihm die Reliquien zu schicken, gedachte er, lieber den sicheren Teil zu wählen und holte sie selber in Mainz ab. Am 26. September 1661 kam er nach Bischofsheim und wurde damit vom Franziskanerkonvent feierlich empfangen. Das gleich darauf (28. September) folgende Fest der hl. Lioba wurde hochfeierlich begangen mit einer großartigen Prozession, in welcher alle bis jetzt erhaltenen St. Lioba-Reliquien mitgetragen wurden; sodann wurden dieselben dem Volke zum Küssen dargereicht.
Leider sind von den einst so hoch verehrten Reliquien nur
wenige, ganz kleine Teilchen am Hochaltar der Klosterkirche und an der Wand der Mariahilfkapelle in verglastem Kästchen vorhanden; alles Übrige ist (wie der Muttergottesschleier vom St. Annaaltar) spurlos verschwunden.
#d) Die Stationsandacht in der Klosterkirche.[S234-1]
Am 18. Mai 1806[S234-2] war die Stadt durch die beständigen Kriegslasten und den Aufwand für die durchmarschierenden Heere in großer Geldnot. Da lieh sie von Katharina und Magdalena Kuhn in Impfingen ein Kapital von 400 fl. zu 5%, wovon die Zinsen jährlich den P. P. Franziskanern zur Abhaltung des Kreuzweges an den Sonn- und Feiertagen verabfolgt werden sollen.
Der Amtmann meinte, „nach Aufhebung des Klosters, könne die Kreuzwegandacht auch durch den Gymnasiumsdiener gehalten werden“, und so geschieht es auch noch heute.
#3. Die St. Sebastianuskapelle.
Eines der allermerkwürdigsten Gebäude der ganzen Stadt und Umgegend ist die St. Sebastianuskapelle im spätgotischen Stil des 15. Jahrhunderts. Die Kapelle wurde gebaut zu der Zeit, als der Pfeiferhans von Niklashausen das ganze Taubertal in Flammen setzte,[S234-3] und als die Stadt wiederholt „von der großen sterbung“, der Pest, war heimgesucht worden.[S234-4] Die Stadt hatte jenseits der Tauber ein eigenes Leprosen-(Pestkranken-)Haus bauen müssen und wollte nun auch zu Ehren des hl. Sebastian, der vornehmlich als Patron gegen die Pest und ansteckende Krankheiten angerufen wird, ein eigenes Gotteshaus haben. - Doch wird die Kapelle auch der Sebastianus-Schützengesellschaft, die seiner Zeit hier in großer Blüte stand, gedient haben.[S234-5] - Die Kapelle ist reich verziert an Turm, Fenstern und Pfeilern.
Der Pfeiler neben der Treppe trägt die Inschrift: Gnotosolidos. - Der Ausdruck ist schon verschieden erklärt worden: - Gnotos (= cognitos) solidos = Entrichtet die Euch bekannten Scherflein zum Besten der Notleidenden, Kranken, Armen u. s. w. Oder auch Gnoto (= cognito) soli Deo = dem erkannten, allein wahren Gott.
Zwischen dem 1. und 2. Pfeiler (links) steht die Inschrift: „Lob und ere allein der hailigen trivaltickeit. Als man zalt MCCCCLXXIIII (1474) in der kristenheyt Off sant Apollinaristag wart der erst stein gelegt. Gott geb allen das ewige leben, die ir hilff und stewer darzu thun oder geben.“ - Zwischen den 2 Fenstern steht die Schrift: „Trost Gott alle gläubige sele.“
Über dem Hauptportal zeigt der Thürbogen (Tympanon) in einem Relief das jüngste Gericht. Die drei Strebepfeiler tragen heute noch höchst zierliche Doppelbaldachinen, unter denen ehemals je 2 Figuren (also 6) standen; leider sind sie ausgebrochen. Der Zahn der Zeit, der Unverstand und die Bosheit der Menschen haben an dem herrlichen Bauwerk seit 400 Jahren vieles zerstört.
Der Bau ist ursprünglich als Kirchhofkapelle (da bis nach 1500 der Platz um die Pfarrkirche in weitem Bogen durch eine Mauer umgeben war und als Kirchhof[S235-1] benutzt wurde), angelegt und zwar zweistöckig; im unteren Stockwerck mit dem Eingang von der Seite war das Ossarium, Beinhaus, oben die Kapelle mit einem Altar zu Ehren des hl. Erzengels Michael,[S235-2] zwei Emporbühnen übereinander und dem Eingang von der Treppe aus.
Der Bau ist gegenwärtig arg vernachläßigt. Die Kapelle (oben) enthält nur ein armseliges verzopftes Altärchen, der untere Teil hat ein herrliches Palmettengewölbe, d. h. (wie im großartigen Refektorium des Klosters zu Maulbronn), eine Säule in der Mitte, von der aus die Gewölberippen sich strahlenförmig nach allen Seiten ausbreiten; die Gewölbekappen sind mit der ursprünglichen Pflanzenornamentik aus dem 15. Jahrhundert geschmückt. Dieser prächtige Raum, der jedem kunstverständigen Beschauer den Ausruf der Bewunderung ausruft, diente bis 1894 als Holzremise; das gotische Thürbeschläg am Ossarium ist noch das alte aus der Zeit der Erbauung. Der Bau ist Eigentum der Stadt, die mit Restauration nicht warten sollte, bis die Zerstörung sich nicht mehr aufhalten lässt.
Ursprünglich hatte das Beinhaus (der untere Stock) ein Fenster, dort, wo jetzt die Treppe ist, die Spuren sind heute noch deutlich sichtbar; die Treppe lief nicht wie jetzt an der Kapellenwand, sondern am Nachbarshaus hinauf; dieses Fenster sollte bei der Restauration wieder hergestellt werden, da sonst das Beinhaus dunkel bleibt, oder
ein neues Fenster ausgebrochen und die Kapelle beschädigt werden müsste.
Von 1629-1636 hielten die Franziskaner in dieser Kapelle ihren Gottesdienst. Gegenwärtig wird höchstens am St. Sebastianustag (20. Jan.) eine hl. Messe gelesen. Das gläubige Volk hält aber an diesem Tag jetzt noch seine Andacht darin, betet und singt bis zum späten Abend wie in alten Zeiten.
#4. Die St. Peterskirche
auf dem Kirchhof neben dem Spital wurde laut Inschrift über der Türe 1584 gebaut und feierlich eingeweiht, was an den konsekrierten Altarsteinen zu ersehen ist; das ist um so mehr auffallend, als manche Pfarrkirchen der Nachbarschaft, z. B. Hochhausen, nicht konsekriert sind und nicht einen einzigen konsekrierten Altarstein haben.
Da Jesus zu Petrus gesagt hat: „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreichs geben,“ wird Petrus mit den Himmelsschlüsseln abgebildet und als Patron eines seligen Todes geehrt. Deshalb ist er auch häufig, wie hier, Patron der Gottesackerkapellen.
Dazu kam noch, dass der damalige Bürgermeister Peter Erstenberger, der die Kapelle ganz oder zum großen Teil auf seine Kosten bauen ließ, seinen Namensheiligen dadurch ehren wollte. Das Andenken an den Erbauer ist verewigt durch dessen Grabstein, der rechts von der Türe (außen) in die Wand eingemauert ist, mit dem Petrus-(Fischer-) Sinnbild als Wappen, den drei zierlich verschlungenen Fischen.
Die Kapelle ist im Zopfstil gebaut und hat eine interessante, in Stucco (Gyps) ausgeführte Decke. Das merkwürdigste darin ist die alte, wohl frühgotische, Madona aus Stein an der Südwand. Die Haltung der Figur, der Ausdruck des Gesichtes, der Faltenwurf des Gewandes weisen auf das 12.-13. Jahrhundert als Zeit der Entstehung hin. Darnach würde die Figur aus den Zeiten der Erbauung der Pfarrkirche stammen und von dort in die Peterskirche verbracht worden sein. Sie trägt noch starke Spuren der ehemaligen Vergoldung und Bemalung.
Über den Gottesdienst in der St. Peterskirche S. 222.
#5. Die Mariahilfkapelle
ist, so wie sie jetzt steht, ein Bau wohl aus dem vorigen Jahrhundert; sie ist zum Teil an die alte Stadtmauer angebaut und hat darum von der Westseite sehr dicke, im übrigen sehr dünne Mauern. Das jetzige romanische Altärchen stammt aus dem Jahr 1883 und enthält ein Gnadenbild „Maria hilf“, das von vielen Gläubigen, oft aus weiter Ferne, häufig besucht wird; es ist ein freundliches Kapellchen, dem man bei aller Einfachheit anmerkt, dass es Liebling der Einwohner ist.
Im Jahre 1809 kamen wiederholte Anfragen von der Großh. Bad. Landesvogtei Wertheim[S237-1] an das Pfarramt in Tauberbischofsheim, „welche Kapellen zur Zeit nicht benützt werden, welches ihr Fond sei, und welche darum entbehrlich und aufzulösen seien.“ Pfarrer und Bürger haben sich immer sehr warm um ihre Mariahilfkapelle gewehrt und erklärt, dass dieselbe ohne „größere Sensation und Aufregung“ in der Gemeinde nicht „aufgelöst“ werden könne. - So blieb sie erhalten.
#6. Die St. Lorenzkapelle.
Auf dem Weg gegen Grünsfeld steht die St. Lorenzkapelle aus dem vorigen Jahrhundert. Die Einweihung geschah am 10. Aug. 1723 unter sehr großer Beteiligung des Volkes. Bei dieser Einweihung trug sich ein höchst merkwürdiges Ereignis zu, über welches eine Urkunde in den Pfarrakten[S237-2] folgendermaßen berichtet:
„Im Jahr Christi 1723, den 10. Augusti deß Morgens früh zwischen 8 und 9 Uhr, am Tage des heyl. Ertzmartirers Laurentii, welcher in der ganzen christ-katholischen Kirchen hochfeyerlich gehalten würd, als Herr Landdekan des ehrwürdigen Capituls Taubergau vnd Pfarrer zu Königheimb Laurentius Seger die Capell Sancti Laurentii ... auf Commission Ihrer Hochwürden Gnaden des Bischoffen zu Maintz einwiehen ... ist ein offenbarlich Geschrey unter dem Volckh sowohl der Stadt Bischofsheimb als Könnigheimb entsprung, als sollte sich die Bildnus des heyl. Laurentii, welches oben am Altar festgestanden, auf seinem Orth erhoben haben, vnd nach völlig abgesungener Lytaney von allen heyl. Gottes eine Dankh-Reverenz gegen Herrn Dekan vnd sambtlicheß Volckh gemacht.
Dass dies nun nicht ein ... aus Andacht gefaßter Meinung seye, sondern wahrhaft im Werkh selbsten geschehen, hat Simon Dürr, ein Burger zu Bischofsheimb, welcher die Capell aus seinen Kosten gebaut, von mir Ends
bemeldten begehrt, die Bischofsheimer pfarrkinder, welche das obgewolte Wunder gesehen, abzuhören, was sie mit eygenen Augen gesehen, nicht allein mit wahrheit reden sollen, sondern auch, wann es von nöthen mit einem Eydtschwur bekräftigen, dass dem also sey.
Diesem nach ist zum ersten erschienenen der hochehrbare vnd weise Herr Johann Georg Crafft, der Statt Renthmeister und der hohen Kirchen Organist, welcher deponiert, wie folgt:
Herr Johann Georg Chrafft, Renthmeister des Rats vnd Organist zu Bischofsheimb attestiert, dass er unter dem heyl. Gebet bei weyhung der Capellen auff dem St. Laurentiitag gesehen habe, dass sich die auff dem Altar stehende Bildnuß des heyl. Laurentii, Martyrers umb die Hälffte aus seinem Stand auff dem Altar herausgehoben, sich niedergebogen vnd wieder in seinen Platz gestellet, wo es zuvor gestanden vnd anjetzo noch stehet.“
Wörtlich gleichlautend ist das Protokoll der gleichfalls erschienenen: „Joh. Mich. Schäffner deß Raths allhier, Conrad Faydt, Burger zu Bischofsheimb, Johann Michael Landmann von Distelhausen und Studiosus der Rhetorika.“ Diese Zeugnisse werden folgendermaßen (mit Insigel) beglaubigt: „Daß der vier hiernechst angesetzter Zeugen Bekanntnuß, welche sie alle schriftlich von sich gegeben hatten, mit derselbigen mündlich Aussag gentzlich gleichlautend übereinkommen, thut hiermit ans der vor mir erschienener und auff ihr Gewissen angehaltener Munds und handtrew attestieren. Bischofsheimb ahn der Tauber den 14. 7bris (September) 1723. Joannes Jacobus Dott, parochus Episcopiensis et v. Capituli Definitor primarius.“
In ganz gleicher Weise bezeugen den nämlichen Vorgang bei der Kapellenweihe „Caspar Häring, Burger aus Königheimb, Martin Nartz, Maurer und Valentin Walz, Bürgermeister zu Königheimb.“ Diese Zeugnisse sind mit Insigel und Unterschrift beglaubigt von „Laurentius Seger p. A. Capitul. Decanus et parochus. Königheimb d. 14. Novembris 1723.“
1748 brauchte die Kapelle schon eine gründliche Erneuerung, welche durch „Hanß Michel Fröhling Burger und Dungermeister“ bewerkstelligt wurde; 1892 erhielt sie unter Stadtpfarrer Schott ihre jetzige Gestalt und den neuen Altar mit Eisengitter.
#7. Die Rektorskapelle
gegenüber dem Soldaten-Monument mit einem Bild der schmerzhaften Mutter Gottes; sie soll ihren Namen davon haben, dass noch zu Anfang dieses Jahrhunderts der Schulrektor der Stadt jeden Samstag mit einer Anzahl Kinder sich dort einfand, mit denen er mehrere Muttergotteslieder sang; sie trägt an einer Säule die Inschrift:
Anno Christi 1626 Jahr
Uff Maria Geburt gar
Ist Jesu und Maria zu ehren
Von Kaspar Liebler und Jacob Trefs
Wohnend beide Burger in dieser Stadt
Bischofsheim dieses Werk gesatzt.“
1892 wurde sie aus freiwilligen Beiträgen gründlich wieder hergestellt.
#8. Die ehemalige St. Leonhardikapelle
stand an dem ersten Pfeiler der Tauberbrücke gegen Großrinderfeld; das große Hochwasser von 1798 nahm die ohnehin schon baufällige Kapelle so sehr mit, dass sie abgebrochen werden musste. Der alte Stadtrat Rincker, der von Würzburg kam, geriet durch das plötzliche, große Wasser in arge Not; er machte das Versprechen, wenn er glücklich nach Hause komme, wolle er die St. Leonhardikapelle wieder herstellen lassen; da letzteres nicht mehr möglich war, ließ er das große steinerne Kreuz jenseits der Tauber errichten und zwar ursprünglich dort, wo jetzt die neue Straße nach Großrinderfeld anfängt; als man 1890 diese neue Straße anlegte, versetzte man das Kreuz an seinen jetzigen Ort, wo die alte Straße von Großrinderfeld und Impfingen sich treffen.
#9. Der Ölberg.
Am Steinbergsweg, gegenüber dem Knabenkonvikt steht in einer hübschen Allee von Kastanienbäumen die Ölbergskapelle mit den über lebensgroßen in Stein gehauenen Figuren Christi und der 3 Apostel: Petrus, Jakobus und Johannes (und dem Engel); diese Ölbergsgruppe (ohne den Kapellenbau) ist jedenfalls ungefähr um das Jahr 1500 gefertigt worden, da sie schon in einer Pergamenturkunde des hiesigen Hospitals vom 8. Mai 1514 erwähnt wird; dafür sprechen auch der Gesichtsausdruck und der Faltenwurf der Figuren und insbesondere das Buch, das Jakobus in einem Buchsack trägt; (es ist also dies nicht etwa ein Geldbeutel, den sonst nur Judas zu führen pflegt). Vor Erfindung der Buchdruckerkunst (1540) als man alle Bücher noch einzeln mit der Hand abschreiben musste und dieselben noch sehr teuer waren (auch noch kurze Zeit nachher), pflegte man die Bücher in einem oft kunstvoll verzierten Buchsack aufzubewahren und zu tragen, wie man dies
noch auf vielen alten Bildern sehen kann; später hörte dieser Gebrauch auf, da durch die Buchdruckerei jedes Buch gleich in vielen 1000 Exemplaren auf einmal gedruckt werden konnte, und darum die Bücher keinen so hohen Wert mehr hatten.
Die Ölsbergsgruppe stand anfangs auf dem Kirchhof bei der Pfarrkirche an der Südwestseite, wo jetzt der Kirchplatz gegen die Pfarrgasse und gegen das neue Spital geht. Über eine Ausbesserung an jener Stelle im Jahr 1734 meldet das hiesige Pfarrarchiv[S240-1]: „Joh. Mich. Schäffner, Rathsherr und Weinhändler allhier, hat den aufm Kirchhoff stehenden Oelberg von newem aufrichten und in gegenwärtigen Stand stellen lassen, welches zum wenigsten 100 Thlr. solle gekostet haben“; eine zweite Ausbesserung erwähnt die Rechnung[S240-2]: „1719 Maurer Staud für hergestellten Oelberg lt. Accord 40 fl.“
Im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts war das Werk wieder arg zerfallen und unansehnlich geworden und, da es überdies den Verkehr hinderte, wurde es 1854 abgebrochen, an den jetzigen Ort versetzt und weiß angestrichen. Zu besserem Schutze der durch Alter und Darstellung ehrwürdigen Figuren hatte man für sie eine eigene, halbrunde nach Osten offene Kapelle gebaut.
Im Jahr 1893 wurde die Gruppe, die seither flach auf dem Boden stand, auf einen hübschen Sockel von Felsgestein erhoben und durch Kunstmaler Rauth von Heidelberg samt der Kapelle höchst geschmackvoll gefaßt und erneuert. Dabei fanden sich an den Figuren zahlreiche Spuren der früheren kostbaren Vergoldung und Bemalung.
Der gegenüber an der Brehmbach wohnende Sägmüller hat die Verpflichtung, die in der Kapelle hängende Lampe instand zu halten und jeden Donnerstag abend anzuzünden.
#10. Die Maria Schmerz-Stationen.
Vom Ölberg an ziehen sich längs dem Wallfahrtsweg zur Maria Schmerz-Kapelle auf dem Steinberg die Stationen der 7 Schmerzen Mariä.
Über die Entstehung derselben berichtet die alte Inschrift an der 1.
Station beim Ölberg: „Zu Ehren der schmerzhaften Mutter Gottes hat Anna Maria Zieglerin dise Bildnusen aufrichten lassen 1772.“
Da die ursprünglichen Bilder und auch die später in die Nischen geklebten Stationsbilder des Kreuzwegs längst verwittert waren, wurden 1893 die Steinnischen der Stationen neu hergestellt, mit den prächtigen Gemälden von Kunstmaler Rauth geschmückt, mit starken, neuen Drahtgittern versehen und bei Gelegenheit der Firmung durch den hochwürdigsten Herrn Weihbischof Dr. Knecht am 7. Juni 1894 feierlich eingeweiht.
Maria Schmerz-Stationen sind es folgende sieben:
- Die Weissagung des Simeon.
- Die Flucht nach Egypten.
- Der Verlust des 12jährigen Jesus im Tempel.
- Die Begegnung Mariä mit Jesus unter dem Kreuze.
- Maria unter dem Kreuz.
- Die Kreuzabnahme.
- Die Grablegung.
#11. Die Maria Schmerz-Kapelle auf dem Steinberg.
Die Maria Schmerz-Kapelle wurde 1773 von dem damaligen Amtskeller (Rentmeister) Winterfeld[S241-1] erbaut und enthält ein viel verehrtes Gnadenbild der schmerzhaften Mutter Maria mit dem Leichnam Christi auf dem Schoße. So betonte ein Bericht in den Pfarrakten[S241-2] vom Jahr 1827, da man auch diese Kapelle wie die übrigen als „entbehrlich auflösen“ wollte. Woher das Gnadenbild gekommen, ist in den Urkunden nirgends angegeben; es mag wohl aus einer damals „aufgelösten“ älteren Wallfahrtskirche hergenommen worden sein und hat deshalb um so größere Ehrwürdigkeit.
Die Kapelle steht auf der Höhe des Steinberges in feierlicher, stiller, einsamer Ruhe; als Feldkapelle bleibt sie Tag und Nacht offen und wird von sehr vielen Wallfahrern aus Nah und Fern, besonders an Sonn- und Feiertagen und den Festen der schmerzhaften Mutter Gottes häufig besucht. Selbst an Werktagen wird man selten die Kapelle betreten, ohne einen oder mehrere Beter daselbst zu finden. An manchen Tagen wird hier Gottesdienst gehalten, zu dem, wenn die Witterung einigermaßen günstig ist, so viele Andächtige sich einfinden, dass das Gotteshaus bei weitem
nicht ausreicht, und viele auf dem geräumigen Vorplatz und dem breiten Zufahrtsweg stehen oder knieen müssen.
Als die hiesige Klosterschule in ein Pädagogium umgewandelt wurde, und man ratlos nach Mitteln suchte, um die Ausgaben für dasselbe zu bestreiten,[S242-1] übergab man die Steinbergskapelle samt ihrem Opfer dem Pädagogium.[S242-2] Letzteres und auch noch später das Gymnasium hielten zu gewissen Zeiten daselbst feierlichen Gottesdienst; dieses hat aber gegenwärtig aufgehört und die Kapelle ist Eigentum der Stadt.
#XV. Die Kreuze und Bildstöcke in Bischofsheim.
#1. Das Missionskreuz an der Außenwand vom Chor der Pfarrkirche
stammt mit den 2 über lebensgroßen Figuren Maria und Johannes aus dem vorigen Jahrhundert. Die ganze Gruppe ist auch vom künstlerischen Standpunkt aus durchaus nicht gering, Köpfe und Haltung sind edel, würdevoll und erbaulich gehalten.
#2. Das Missionskreuz auf dem Marktplatz.
Auf dem Marktplatz stand seit 1720 ein hölzernes Missionskreuz, das verwittert war und durch ein neues, steinernes ersetzt werden sollte. Beim Abbrechen (1887) fand man folgende Urkunde, die auch in das neue Kreuz wieder eingefügt wurde:
„Dieses crux sancta missionis (dieses hl. Missionskreuz) wurde aufgerichtet im Jahr 1720 und die Staffeley mit Fassung 1722; die Erneuerung durch milde Beiträge im J. 1821, und die Aufrichtung den 27. April auf einen Freytag. Die hier beiliegenden Reliquien sind die nämlichen noch, die 1720 diesem hl. Kreuze eingelegt wurden. Unter denen Gutthätern, durch deren Beiträge dieses hl. Kreutz erneuert wurden, war ein Enkel des ersten Gutthäters v. J. 1722, Wilh. Bögners, welcher den Namen seines Großvaters, Wilhelm, hatte. Die Sammlung der Beiträge geschah durch Narcissus Eppt, von T.-B. gebürtig, es war der letzte Stadtkaplan aus dem Franziskanerorden. Die Erneuerung des Kreuzes geschah durch Gg. Anton Weigand, die Einweihung durch Stadtkaplan Eppt.“
Dann wird in der Urkunde Mitteilung gemacht über die landwirtschaftlichen Verhältnisse jenes Jahres 1821:
„In diesem Jahr war aller Handel und Verkehr ganz gelähmt; das Malter Korn wurde um 4 fl. und noch billiger verkauft und so nach Verhältnis alle Sorten Getreide und Lebensmittel, z. B. Rindfleisch zu 5 Kreuzer; Kalbfleisch 4 Kreuzer; 10 Eier 4 Kr.; das Wunderbare hiebei ist, daß einige Jahre früher ein außerordentlicher Mangel und Theuerung in allen Lebensmitteln herrschte, so wurde z. B. im J. 1817 das Malter Korn zu 30 Gulden und der Eimer Wein zu 50-60 Gulden verkauft, und in diesem 1821 Jahr, obschon das Jahr 1820 ein Wein-Mißjahr war, wird der gute 1819er Wein zu 10 Gulden verkauft.“
Zum Schluss heißt es in der Urkunde:
„So lang das alte hl. Kreuz aufgericht, wurde die hiesige Stadtgemarkung von schadenden Hochgewittern bewahrt, welches unser Heiland und Erlöser zur Verherrlichung seines allerheiligsten Namens für jetzt und Zukunft nach seiner unendlichen Barmherzigkeit auch verleihen wolle. Amen.“
Im Jahr 1887 ließ aus freiwilligen Beiträgen Stadtpfarrer Schott ein neues steinernes Kreuz an Stelle des alten um 820 Mk. durch Bildhauer Ziegler in Tauberbischofsheim anfertigen und aufrichten; in die Fundamente wurden die Treppensteine und der Sockel des alten Kreuzes eingemauert und in den Stamm des neuen Kreuzes die oben genannten Reliquien und Urkunden wieder eingefügt; endlich, Freitag, den 6. Mai 1887, am letzten Tag der hier gehaltenen Firmung, wurde das Kreuz durch Se. Exzellenz den hochwürdigsten Herrn Erzbischof, Dr. Joh. Christian Roos von Freiburg, feierlich unter großer Beteiligung der hiesigen Einwohnerschaft und der umliegenden Gemeinden eingeweiht. - An Fronleichnam und Maria Heimsuchung ist hier ein Prozessionsaltar und Station.
#3. Das Feldkreuz bei der Tauberbrücke,
jetzt an der Stelle, wo die Straßen von Impfingen und Großrinderfeld zusammenstoßen, ist die Erinnerung an die ehemalige St. Leonhardikapelle an der Tauberbrücke.[S243-1]
Einer unserer deutschen Dichter sagt:
„Die Stelle, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht. -
Nach 1000 Jahren sprießt dort noch Segen.“ -
Noch viel mehr gilt in der kath. Kirche jedes Gotteshaus und vornehmlich die Stelle des Altars, wo das hl. Opfer dargebracht wird, als ein heiliger und gesegneter Ort; wenn nun aus irgend einem Grund eine Kirche abgebrochen wird, soll wo möglich wenigstens ein Kreuz an der Stelle, wo der Hochaltar stand, die Erinnerung daran der Nachwelt verkünden.
So steht heute noch ein verwittertes Feldkreuz auf einem Acker beim Gerlachsheimer Bahnhof (wenn man von Distelhausen nach Gerlachsheim geht, links) mit der Inschrift: „St. Veitskirchlein“, zum Andenken an die Kapelle, die gleich im Anfang des Bauernkriegs (April 1525) zerstört wurde.
Als die St. Leonhardikapelle nach dem Hochwasser 1798 wegen Baufälligkeit abgetragen wurde, ließ Stadtrat Rincker infolge seines Gelübdes das große Steinkreuz errichten.
Eine merkwürdige Sage, die man in Bischofsheim häufig erzählen hört, knüpft sich an diesen Ort. Es soll nämlich bei der Steinbergskapelle, am sog. Fuhrmannsloch, ein Bauer wegen seines Fuhrwerks ganz fürchterlich geflucht haben; da habe sich die Erde aufgethan und den Flucher samt seinem Fuhrwerk verschlungen. In seiner Todesangst habe er für den Fall, dass er ohne Schaden davonkäme, Besserung und eine Kapelle versprochen; dann sei er mit samt seinem Fuhrwerk an dem Ort der späteren Leonhardskapelle und dieses Feldkreuzes wieder aus dem Boden hervorgekommen. Das ist wahrscheinlich eine der sog. Volks-Etymologien, mit denen das Volk unverständliche Namen und Ausdrücke zu erklären sucht. - Am Markustag (25. April) ist hier eine Station der Flurprozession.
#4. Die sonstigen Bildstöcke in der Gemarkung und im Amtsbezirk.
Den Bildstock an der Ecke des Zimmerplatzes und der Külsheimer Straße, dem die Stadt ihre Erhaltung verdankt, haben wir bereits erwähnt.[S244-1]
An allen Straßen und Feldwegen der ganzen Gemarkung, stehen so viele teils einfache Kreuze, teils mehr oder weniger kunstvolle steinerne Bildstöcke, bald in ganzer Figur, bald in Relief mit der hl. Dreifaltigkeit, mit Christus, Maria, den 14 Nothelfern u. s. w. dass Fremde sich nicht wenig erstaunen und den gläubig frommen Sinn der Bevölkerung bewundern.
Obgleich viele dieser Bildstöcke durch den Standort, durch die Art der Ausführung oder durch die symbolischen (sinnbildlichen) Zeichen und Buchstaben andeuten, dass sie Merksteine für irgend
ein Ereignis, Glück oder Unglück sein sollen, so können wir doch aus Mangel an schriftlichen Aufzeichnungen oder beglaubigten Überlieferungen bei den meisten nur Vermutungen aufstellen.
So steht im Brauchenleiden ein Steinkreuz mit dem Küfershammer (Büttnersklüpfel), mit dem da ein Mord geschehen sei, also ein sog. Mordkreuz; ein anderes mit einer Pflugschar, weil dort einem Knaben, der vom Pflug, auf dem er saß, herunterfiel, der Kopf abgerissen wurde. (Links von diesem Kreuz stand der Galgen.) Ähnliche Steinkreuze oder Bildstöcke finden sich in allen Gemeinden des Amtsbezirks; manchmal fast an jedem Weg.
#XVI. Die vier Friedhöfe von Bischofsheim.
Einen eigentümlichen ernsten Eindruck macht dem Bischofsheimer ein Gang über die vier Friedhöfe seiner Heimat.
Seit mehr als 1½ tausend Jahren wohnen hier die Menschen, und die Jahrhunderte sind gegangen mit Leid und Freud; all die welthistorischen Ereignisse in Krieg und Frieden sind über die Stadt und die Gegend hinweggezogen, all die vielen 1000 Vorfahren haben hier gelebt, sich abgemüht und schließlich dem allgemeinen Gesetz der Natur ihren Tribut gezahlt und die Toten da zur Erde gebettet.
Der erste Friedhof war der in der Heidenzeit, bevor der hl. Kilian und der hl. Bonifazius das Christentum gebracht haben; wie wir aus den Ausgrabungen und Gräberfunden ersehen, lag derselbe an der Stelle, wo jetzt die protestantische Kirche steht. Wohl gleichzeitig mit diesem gebrauchte man die Stätte (der Heidengräber) im Moosigwald.[S245-1]
Der zweite Friedhof war der, den nach altchristlicher Sitte der hl. Kilian († 689) oder der hl. Bonifazius († 755) um das zuerst erbaute Holzkirchlein, wo auch die heutige Pfarrkirche steht, anlegte; so wie das älteste Kirchlein nur aus Holz gebaut war, so war der rings herum angelegte Kirchhof zum Schutz gegen Tiere nur mit einer Holzeinfriedigung versehen. Als man später die Pfarrkirche von Stein aufführte, wurde auch der Kirch- oder Friedhof mit einer Mauer umzogen. Er diente
bis etwa 1450 oder 1500, also gegen 800 Jahre seiner Bestimmung; durch die Menge der hier begrabenen Leichname wurde allmählich der Boden so hoch, dass man an einzelnen Türen beim Eintritt in die Pfarrkirche eine Stufe hinabsteigen muss, obgleich man um mehrere Fuß die Erde um die Kirche abgehoben und die Platten tiefer gelegt hat.[S246-1] Von diesem zweiten Friedhof stehen heute noch mehrere höchst interessante Grabsteine an der äußeren Umfassungsmauer, am Chor der Kirche.
Als diese Begräbnisstätte doch für die vergrößerte Stadt nicht mehr ausreichte, legte man den 3. Friedhof, den St. Peters-Friedhof, außerhalb der Stadtmauer an etwa um das Jahr 1450 oder 1500. Aber auch dieser musste schon 1551 vergrößert werden,[S246-2] wie das „bischofsheimer kirchliche Tagbuch vom Jahr 1612“ berichtet und am 21. Juni 1551 wurde die Erweiterung eingeweiht. Im Jahr 1584 baute man noch eine Kapelle zu Ehren des hl. Apostels Petrus (der den Himmelsschlüssel trägt und als Patron eines seligen Todes geehrt wird) mitten auf den Friedhof, der davon seither den Namen „der Peter“ führt.[S246-3]
Außen am Chor dieser Kapelle stand ehemals ein steinerner Bildstock,[S246-4] dessen lateinische Inschrift besagte: „Dieser Ort wurde 1572 zu Ehren des hl. Johannes des Täufers und des hl. Pankratius eingeweiht.“ Das kann sich natürlich nicht auf diesen Friedhof beziehen, sondern betrifft höchst wahrscheinlich den alten kleinen Friedhof des Leprosenhauses (für den damals sehr häufig vorkommenden, arg ansteckenden Aussatz[S246-5] und andere ansteckende Krankheiten), jenseits der Tauber, wie aus dem alten Stadtplan zu ersehen ist; als das Leprosenhaus niedergelegt wurde,[S246-6] überbrachte man den Bildstock an den damals im Gebrauch befindlichen Peterskirchhof. Dieser war aber zu jener Zeit viel größer als jetzt, da er sich über die später angelegte Schmiederstraße und viele nun überbaute Grundstücke erstreckte.
Auf dem Peterskirchhof standen bis in die letzte Zeit noch die Grabdenkmäler von vielen in der Geschichte von Bischofsheim hervorragenden Männern. So beim Eingang der Grabstein des kurmainzischen Amtmanns Kaspar Lerch von und zu Dürmstein,[S247-1] der Stein ist aber leider jetzt verschwunden.[S247-2]
Der Grabstein des bischofsheimer Bürgermeisters Peter Erstenberger † 1543.[S247-3]
Der Stein des im Grafenstuhlstreit[S247-4] genannten mainzischen Amtmanns Harrich[S247-5] † 1826.
Indes die Länge der Zeit, die anwachsende Bevölkerung und die Gewalt des Todes füllten auch den dritten Kirchhof, der ohnedies die Ausdehnung der Stadt hinderte, und man legte am Weg nach Hochhausen im Jahr 1856
den 4. großen Friedhof an, der am Kirchweihfest desselben Jahres durch Stadtpfarrer Dr. Rombach eingeweiht wurde.
Das erzählt sich Alles sehr rasch und leicht, aber welcher Kummer, welche Sorgen, welche Hoffnungen und vereitelte Bestrebungen der Menschen und welche Gottesgerichte decken die 4 Friedhöfe mit ihren vielen tausend Gräbern und 1½ tausend Jahren!
#XVII. Die Anstalten.
#1. Das Hospital.
#1. Entstehung des Hospitals.
Bereits im 13. Jahrhundert wird das Spital in den Urkunden erwähnt.[S247-6] Vielfach umstritten wird aber die Frage, ob das jetzige
aus dem in ein Spital verwandelten St. Liobakloster hervorgegangen, oder ob es eine davon verschiedene, ganz neue Stiftung sei. Nach den uns jetzt bekannten Urkunden halten wir das erste für wahrscheinlich aus folgenden Gründen:
1. Wie wir oben gesehen,[S248-1] wurde das St. Liobakloster mit der Zeit in ein Spital verwandelt.
2. Dieses Klosterspital kam zwar mit der Zeit ins Abwesen, das Einkommen ging zum größten Teil verloren, aber die Gebäude blieben; denn die Franziskaner bekamen einen Teil derselben.[S248-2]
3. Spitalverwalter Müller[S248-3] schrieb 1746: „Zum Eigentum des Spitals gehören .... ein Wohnhaus für arme Pfründner, deren zu dieser Zeit 12 Portionen sind, welches vor Zeiten ein Nonnenkloster der hl. Liobä gewesen, anno 1739 aber in hon. St. Rochi sambt dem Kalterhaus ganz new erbaut worden ...“
4. Die St. Elisabethkapelle, die den Franziskanern übergeben wurde, war die Kapelle des früheren und späteren Spitals; deshalb werden heute noch die alten Stiftungen und die „Spitalkirchweihe“ jener Kapelle vom jetzigen Spital gehalten und zwar in der Kloster- oder Gymnasiumskirche,[S248-4] der Nachfolgerin jener Spitalkapelle.
Daraus geht hervor, dass das jetzige Spital nur eine Fortsetzung des alten St. Lioba-Kloster-Spitals ist.
#2. Erneuerung durch neue Stiftungen.
Da die Einkünfte des alten Klosterspitals nahezu ganz verloren gingen, erwarben sich zwei fromme Frauen[S248-5] das Verdienst, den völligen Untergang verhütet zu haben; Elsbeth Ruckerin, Witwe des Bürgers Liephart am Markt, und Sibylla Siberin stifteten 1350 einen neuen Fond in das Spital, welchem 1354 durch eine Urkunde Kaiser Karls VII.[S248-6] Steuerfreiheit bewilligt wurde. Durch gute Verwaltung, Ankauf und Schenkung wuchsen die Besitzungen des Spitals nun so rasch, dass schon 1367 Erzbischof Gerlach von
Mainz verordnete, es dürfe keine Güter in Bischofsheim mehr kaufen, müsse die ihm daselbst künftig geschenkten veräußern und die in seinem Besitz befindlichen versteuern.[S249-1]
Das Spital besaß damals beträchtliche Grundstücke, Waldungen, Gerichtsbarkeiten, Gülten, Zehnten, Zinsen in weitem Umkreis, so in Uissigheim, Dienstadt, Eiersheim, Dittigheim, Buch a. Ahorn, Boxberg u. s. w., wurde sogar 1403 „Herr von Dienstadt in Wald und Dorf.“[S249-2]
#3. Abermals kritische Zeiten.
Im Jahr 1490 kam das Spital aus unbekannten Ursachen abermals in so schlimme Not, dass Erzbischof Berthold von Mainz einen eigenen Hirtenbrief erließ, in welchem er sagte, das Spital sei in seinen Gebäulichkeiten, in seinen Einkünften, wie in seiner Kapelle so weit herabgekommen, dass dessen gänzlicher Ruin bevorstehe, wenn die Gläubigen nicht helfen. Das Hospital sei eine „fromme Anstalt zum Unterhalt für die Armen“; die Gläubigen sollten eine Beisteuer leisten, dafür sei ihnen ein Ablaß von 40 Tagen gewährt.[S249-3]
Allmählich hob sich nun das Hospitalvermögen bis auf 10,000 Gulden, für die Zeiten des 15. und 16. Jahrhunderts eine ganz bedeutende Summe; im Schwedenkrieg ging aber durch Teuerung und Brandschatzung, da, wie der Spitalmeister zum Jahr 1640 berichtet,[S249-4] „die französischen, schwedischen und andern Kriegsvölker die Früchte vom Speicher, die Pferde von der Straße weggenommen und die Felder verheert haben“, der Kapitalstock wieder zurück, jedoch seit dem Jahr 1700 begann er, dank seiner umsichtigen Verwaltung, sich anhaltend zu heben.
Die Güter betrugen zu Anfang des vorigen Jahrhunderts 34 Morgen „gemeines Zinsfeld“, welche, verpachtet, einen Naturalpacht von 271¼ Malter Hafer einbrachten.
#4. Häuser des Spitals.
Im Lauf der mehr als 1000 Jahre seines Bestandes hat das Spital verschiedene Häuser zu seinen Zwecken verwendet, nämlich:
1. Die Gebäude des alten St. Lioba-Klosters, nach dem Berichte des Spitalmeisters Müller von 1746:[S250-1] Das war das Armenspital in der Klostergasse, 1739 „in honorem St. Rochi new erbaut.“
2. Das Reichenspital am Markt, 1622 von Keller (Rentmeister) Joh. Mich. Dühmig zu Walldürn um 2350 fl. erkauft.[S250-2] Von diesem schreibt Spitalmeister Müller 1746, „ein Wohnhaus für die dermaligen aus 12 Portionen bestehenden Reichen Pfründner und einem zeitlichen (d. h. zu jener Zeit existierenden) Hospitalmeister in hon. St. Elisabethae renoviert anno 1738.
3. „War auch ein altes Haus in der Armengasse, dabei mit einem Garten, worin ehevor die armen Pfründner gewesen, ist anno 1752 verkauft worden.“[S250-3]
4. Das neue Spitalgebäude an der Schmiederstraße, gebaut 1866. - Siehe den Stadtplan v. 1790 mit den späteren Einträgen.
#5. Das Reichen- und das Armenspital.
In der Zeit zwischen 1585-1608 kommt in den Urkunden zum erstenmal der Unterschied zwischen Reichen- und Armenspital, reichen und armen Pfründnern vor und erhielt sich bis 1866, wo mit dem Bau des neuen Spitals beide Spitäler vereinigt wurden. Zum Bericht über das Jahr 1613 unter dem Spitalmeister Schraudt findet sich die Bemerkung, dass „kein Reicher unter 400 fl., kein armer Pfründner unter 150 fl. eine Pfründe erhalte“,[S250-4] so dass je nach der Einzahlung eine mehr oder minder reichliche Verpflegung stattfand. Doch wurden auf Befehl des Erzbischofs von Mainz, Johann Philipp, seit 1667 „auch arme Pfründner aus kurfürstlichen Gnaden aufgenommen.“[S250-5]
Die Zahl der Pfründner war sehr verschieden; in einzelnen Jahrgängen 3-12 reiche und ebensoviel arme Pfründner.
#6. Bewirtschaftung des Vermögens.
1791 wurden die Hospitalgüter von 138 Morgen in Erbbestand gegeben, aber schon 1805 „wegen Liederlichkeit der Erbbeständer“ wieder selbst übernommen.
Von 1792-1800 vermehrten sich die Kapitalien um das doppelte, bis auf 50,000 fl.; 1825 stiegen sie auf 61,760 fl., 1845 auf 97,950 fl. Das Liegenschaftsvermögen betrug 54,343 fl., die Grundgefälle betrugen 340 fl., die Fahrnisse 554 fl.
Außer der Pfründner-Verpflegung hatte der Spitalfond noch mancherlei Lasten zu tragen.
Dahin gehörten: eine ständige Schatzung von jährlich 50 fl. an die kurfürstlich mainzische Hofkammer, seit 1790 ein Gehalt in Geld und Frucht an den Schullehrer zu Dienstadt, 1811 an die Erben des † Amtsphysikus Colin zu Amorbach den Besoldungsrückstand von 782 fl. 36 Kr., an Dr. med. Chelius zu seiner medizinischen Ausbildung 25 fl.
#7. Verköstigung und Verpflegung der Pfründner und Kranken.
Seit alten Zeiten war das Spital ein Pfründnerhaus, d. h. eine Anstalt, in welcher alte, gebrechliche, arbeitsunfähige Personen verpflegt wurden, von eigentlicher Krankenpflege ist nirgends die Rede. In der Stadtordnung[S251-1] von 1527 wurde durch Kurfürst Albrecht eine unmittelbare Aufsichtsbehörde für das Spital bestellt. Bis zum Jahr 1701 besorgte der Verwalter auch die Verköstigung der Pfründner. Nach altem Herkommen speiste er mit den Pfründnern, doch war diese Gewohnheit schon 1660 eingegangen. Die reichen Pfründner erhielten ihre Verköstigung im Spital, die armen Pfründner statt der Kost Geld und Naturalbezüge. Im Jahr 1693 wurde von Kurfürst Anselm Franz eine neue vollständige „Spitalordnung oder Verwaltungsinstruktion“ gegeben, die aber durch die veränderten Verhältnisse größtenteils außer Kraft kam.
1701 hob man die Selbstadministration im Spital und damit auch die Verköstigung der reichen Pfründner auf, indem man diesen wöchentlich 40 kr. und Naturalien verabreichte; die bescheidene Vergütung wurde später erhöht, so dass im Jahr 1839 diese Ausgaben samt dem Kochholz sich auf 1768 fl. beliefen. Auch diese
Maßregel wurde wieder abgeändert und den Pfründnern die Kost im Spital wieder verabreicht, erst durch pachtweise Übernahme von Gastwirten, seit 1. Sept. 1859, also nach 158 Jahren wieder durch Selbstbereitung im Spitale und seit 1865 durch barmherzige Schwestern aus dem Orden des hl. Vinzenz v. Paul (Mutterhaus in Freiburg).
Am 1. Juli 1850 wurde mit Genehmigung der damaligen Kreisregierung (v. 3. Sept. 1837) der Pfründer-Anstalt des Spitals eine weitere erfolg- und segensreiche Aufgabe gegeben, nämlich die eines Krankenhauses zunächst für Dienstboten und Handwerksgesellen. Dessen erste Einrichtung im Betrag von 353 fl. 16 kr. trugen hälftig die Gemeindekasse und der Hospitalfond; die weitere Unterhaltung lag letzterem allein ob.
Durch die neuere Gesetzgebung über Krankenversicherung hat das Spital als Krankenhaus eine große Bedeutung weit über die Kreise der Dienstboten und Handwerker hinaus erhalten.
#8. Vermögensstand des Spitals im Jahr 1894.
Nach der Rechnung vom 1. Januar 1894 beträgt der Vermögensstand mit Grundstücken, Fahrnissen und häusl. Inventar: 420,112 M. Davon fallen
- auf das Spitalgebäude nach Brandversicherung 56,290 M.
- Grundstücke auf den Gemarkungen Bischofsheim, Dittigheim, Werbach 101,970 M.
3. Waldungen auf den Gemarkungen Bischofsheim, Brehmen Eubigheim und Großrinderfeld 27,465 M.
- Kapitalien: 204,905 M.
5. Fahrnisinventar: Die chirurg. Instrumenten, innere Einrichtung des Spitals 15150 M.
Der jährliche Aufwand des Spitals für Unterhaltung, Kost, Heizung, Krankenverpflegung u. s. w. beträgt 118,000 Mark.
Etwa 1000 Mark werden jährlich zur Sicherung und Verbesserung des Grundstockes angelegt.
#9. Stiftungen des Spitals.
Mit dem Hospitalvermögen sind im Lauf der Zeit einige Stiftungen vereinigt worden und jetzt noch in Kraft zum Zweck der Armenunterstützung, zum Teil auch zur Abhaltung von einzelnen Gottesdiensten. Diese sind:
- Die Radische Stiftung, von Fritz Fuger 1494 gestiftet, zahlt jetzt jeweils
einer armen Person in Quartalsraten 6 fl. = 10,28 M., überdies erhalten 7 Personen alle 14 Tage 2 Laib Brot. - Warum die Stiftung „Radische“ heißt, ist nicht bekannt. Früher erhielten die berechtigten Personen allwöchentlich Brot und Wein; beides wurde auf ein Tischlein in der Hospitalkirche niedergelegt.
2. Die Elisabeth-Stiftung. Nach einer Stiftung aus älterer Zeit erhält die Geistlichkeit und der Musikchor für Abhaltung des feierlichen Gottesdienstes am Fest der hl. Elisabeth (19. Nov.) mit Vigil-Vesper und Hochamt am Fest etwa 16,30 M. Ursprünglich waren es, wie bei allen Stiftungen Naturalien in Frucht (1½ Malter Dinkel) und Wein (½ Eimer).
Elisabeth Armbruster, Amtsschreiberswitwe, stiftete 1828 ein Kapital von 53 fl. 28 Kr., wovon den Pfründnern im Spital der Zinsengenuß zufällt mit 4,80 M.
3. Am Rochusfest, sog. Spitalkirchweihe am 16. Aug., erhalten seit 1844 die Hausarmen, d. h. Pfründner, Brot und Wein. Zusammen 25,03 M. (trifft den Einzelnen jetzt 1,14 M.)
Die (Bediensteten) am Gottesdienst bei der Vesper (Vorabend) und Hochamt mitwirken, erhalten: Geistlichen 4,71 M., Kaplan 2,75 M. - Organist 8,32 M. - Meßner 1,66. - 6 Musikanten 4,414 M. - 2 Sängerinnen 2,28. - Dem Calcant 1,37. - Dem Spitaldiener 0,86 M. Die Ministranten 1,72.
4. Die Seeber- oder Salve Regina-Stiftung von Sibylle Seeber und Robert Eckert von hier für einen Jahrtag.
5. Die Rincker'sche Stiftung gibt auf Johannitag (24. Juni) 4 fl. 24 Kr. = 7,45 M. den Pfründnern des Spitals. Die Hausarmen der Stadt erhalten je nach Bedürftigkeit die Miete bezahlt; 1894 sind es 36 Familien, denen ca. 1500 M. für Miete verausgabt wurden.
#10. Die Spitalverwaltung,
wie sie durch Ministerialbeschluß vom 17. Nov. 1853 Nr. 24,211 eingerichtet wurde, gliedert sich in mehrere Organe; diese sind
1. Der städtische Verwaltungsrat, dem die Aufsicht über die Durchführung des Statuts obliegt; dazu gehören
a) der jeweilige Oberamtmann oder bei dessen Verhinderung sein Stellvertreter als Vorsitzender;
b) der Bürgermeister als Vertreter der Gemeinde;
c) der Bezirksarzt (jetzt Medizinalrat) für die Leitung des Krankendienstes;
d) der kathol. Stadtpfarrer;
e) drei auf Lebensdauer gewählte Stadtbürger;[S253-1] wird ein Er-
satzmann nötig, so wird er von den noch vorhandenen Mitgliedern vorgeschlagen und vom Großh. Verwaltungshof in Karlsruhe genehmigt.
2. Der Spitalverwalter (Spitalrechner) für die ökonomische Haus- und Vermögensverwaltung.
3. Der Großherzogliche Verwaltungshof in Karlsruhe als höhere Instanz für die Verwaltung und für Revision der Rechnungen.
#11. Jetziges Statut des Hospitals.[S254-1]
„Oberster, leitender Grundsatz ist die Maxime: Wer gesund und arbeitsfähig ist, der ist weder zur Aufnahme in das Hospital, noch für Unterstützung aus dem Hospitalfond geeignet.
I. Zur Aufnahme in das Spital eignen sich im allgemeinen nur Personen aus hiesiger Gemeinde, welche wegen ihres vorgerückten Alters und ihrer sonstigen Verhältnisse nicht mehr fähig sind, sich selbst fortzubringen oder zu ernähren.
Die Aufnahme in das Spital kann teils unentgeltlich, teils gegen ganze oder entsprechende Vergütung geschehen.
a. Zur Aufnahme unentgeltlich eignen sich nur solche Personen, welche gänzlich vermögenslos, gebrechlich und arbeitsunfähig sind.
b. Gegen ganze Vergütung können solche Personen in das Spital aufgenommen werden, welche wegen körperlicher Leiden oder hohen Alters nicht mehr imstande sind, ihren Unterhalt sich zu verschaffen, oder deren anderweitige Verhältnisse hiezu nicht geeignet sind, welche Personen aber noch hinlängliches eigentümliches Vermögen besitzen, um die Kosten der Verpflegung bezahlen zu können, zumal, wenn dieses Vermögen lachenden Erben zufallen würde.
c. Gegen entsprechende Vergütung sind aufzunehmen jene für das Spital geeignete Personen, welche zwar noch etwas Vermögen besitzen, das jedoch nicht zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes hinlänglich ist, welches Vermögen sodann gleichsam als Beitrag von Seiten der zu Verpflegenden zu betrachten und als solcher bei ihrer Aufnahme dem Fonde zu überlassen ist. Unter besonderen Umständen ist als Bedingung der Aufnahme festzusetzen und hiefür Vorsorge zu treffen, dass das vorhandene Vermögen erst nach dem Ableben des Pfründners dem Hospital zufalle.
II. Unterstützungen aus dem Hospitalfond können:
a. im Allgemeinen nur an solche bürgerliche Personen abgegeben werden, welche nicht in der Lage sind, ihren Unterhalt aus eigenem Vermögen sich zu verschaffen oder zu anstrengenden Arbeiten nicht mehr fähig sind. Besitzen solche Personen noch eigenes Vermögen, an welches dritte keinen
Anspruch haben, so ist die Unterstützung an die Bedingung zu knüpfen, dass nach dem Ableben jenes Vermögen dem Hospitalfonde zufalle.
b. Arme und elternlose Kinder, ferner solche Kinder, deren Eltern zwar noch leben, aber nicht im Stande sind, für ihr Fortkommen zu sorgen, können teilweise oder ganz, jeweils nach den Umständen, das erforderliche Lehrgeld zur Erlernung eines Handwerks oder die Mittel zur anderweitigen Versorgung aus dem Hospital erhalten.
Den Spitalpfründnern selbst ist jeweils bei ihrer Aufnahme die Bedingung zu stellen, dass sie nach Möglichkeit häusliche Arbeiten im Spitale zu verrichten haben.
III. Ferner können in zweiter Reihe Angehörige aus den Landorten des ehemals kurfürstlich Mainzischen Oberamtes Tauberbischofsheim und zwar:
Dienstadt, Königheim mit Weikerstetten,
Dittwar, Königshofen,
Eiersheim, Schönfeld,
Gissigheim, Uissigheim,
Großrinderfeld, Werbach und
Heckfeld, Werbachhausen,
Hochhausen,
gutthatsweise zu ermäßigten Preisen in das Spital aufgenommen oder aus dem Fonde unterstützt werden.“
#12. Die Aufnahme in das Spital.
1. Wer in einer Arbeiter- oder Krankenversicherung ist, kann im Krankheitsfall von jedem behandelnden Arzte, der von der Verbandskasse aufgestellt ist, zur Behandlung und Verpflegung in das Spital eingewiesen werden.
2. Wenn Privatkranke im Spital untergebracht werden sollen, muss zuerst eine Anfrage an den leitenden Hospitalarzt, (= Bezirksarzt, jetzt Medizinalrat) gerichtet werden; wofern Platz vorhanden ist und nicht ein außerordentliches Hindernis obwaltet, wird die Aufnahme gegen Entrichtung der in folgender Nummer zu erwähnenden Vergütung nicht verweigert.
#13. Vergütung,
die für Krankenpflege an das Spital zu leisten ist, nach dem Stand von 1895:
a. von dem Bezirksverband für gemeinsame Krankenversicherung Tauberbischofsheim pro Kopf 1,20 M.
b. von der Betriebskrankenkasse der Großh. Eisenbahn in Lauda 1,20. (Wird, da Lauda nun ein eigenes, gut eingerichtetes Spital besitzt, nicht mehr vorkommen.)
c. Privatkranke (die auf eigene Kosten aufgenommen sein wollen) und Armenverbände zahlen pro Tag und Kopf 1,50-3,00 M.
Diese Pflegegelder gelten für ärztliche Behandlung, Verpflegung und Heilung; die Medikamente, Kosten für Operationen, welche nicht von den Spitalärzten vorgenommen werden, Auslagen für Kleidung und Verluste durch gewaltsame Zerstörung sind besonders zu zahlen.
Über die Aufnahme und über die Versagung der Aufnahme in das Spital entscheidet auf Grund des Gutachtens des Spitalarztes der städtische Verwaltungsrat.
Der Verwaltungsrat entscheidet mit Rücksicht auf die dem Spital erwachsenen Kosten und auf die sonstigen Verhältnisse (Bedürftigkeit) in jedem einzelnen Fall das Pflegegeld.
Die Verbescheidung etwaiger Gesuche um gutthatsweisen, ganzen oder teilweisen Nachlaß der Verpflegungskosten bleibt im einzelnen Fall dem Großherz. Verwaltungshof (in Karlsruhe) vorbehalten.
#14. Ärztliche Behandlung.
Mit Erlaß des Großh. Verwaltungsrates (zuletzt April 1887) wurde genehmigt, 1) dass die ärztlichen Funktionen im Spital vom 1. April 1887 an durch zwei Aerzte ausgeübt werden, wovon der eine chirurgische Fälle behandelt, der andere die übrige Heilkunde ausübt und dieser letztere mit der Oberleitung betraut wurde;
2) dass diese beiden Aerzte im Verhinderungsfall des einen oder andern sich gegenseitig zu vertreten haben.
#2. Das Gymnasium.
#1. Die Klosterschule „Studentat.“
Viele Jahrhunderte, bevor es dem Staat oder irgend einer Regierung einfiel, Anstalten für Unterricht, Erziehung oder Krankenpflege einzurichten, hat die katholische Kirche als liebevolle Mutter der Völker auch den irdischen und leiblichen Bedürfnissen der Menschen Sorge getragen und Schulen, Erziehungs- und Krankenhäuser gegründet. Besonders waren es die Klöster, die darauf bedacht waren; ja, in der ganzen alten Zeit, durch das ganze Mittelalter bis weit in die neue Zeit herein gab es kaum andere öffentliche Schulen als Kloster- und Domschulen.
Im Jahr 1629 waren die Franziskaner nach Bischofsheim
gekommen und hatten erst notdürftig und ärmlich sich eingerichtet, so war schon eine ihrer ersten Sorgen die Gründung einer Studienanstalt, und 1688 war dieselbe trotz des unsäglichen Elendes nach dem eben erst ausgestandenen 30jährigen Krieg in vollem Gang;[S257-1] man nannte diese Schule damals Pädagogium oder Studentat, später Gymnasium. Die Unterrichtsgegenstände waren der Hauptsache nach die des Gymnasiums.
#2. Bemühungen, das Gymnasium zu dotieren und zu erhalten.
Da seit 1803 die meisten Klöster in Deutschland aufgehoben wurden, machte man sich 1807 auch in Bischofsheim darauf gefaßt, dass es die Franziskaner zu gewärtigen hätten und suchte nun für diesen Fall die Studienanstalt zu erhalten.[S257-2]
Ein Fond war nicht vorhanden; die Professoren bezogen je 20 Gulden jährliches Honorar; das war natürlich nur möglich dadurch, dass die Professoren Ordensmänner waren, die ihren Lebensunterhalt vom Kloster empfingen.
Die eigentlichen Professoren waren damals P. Konstantin Lauinger und P. Johann Baumann, der eine für Rede- und Dichtkunst, der andere für Grammatik. Die übrigen Lehrgegenstände wurden durch die übrigen Klosterherren besorgt.
Um für Erhaltung der Studienanstalt die nötigen Geldmittel zu beschaffen, wusste man keinen Ausweg, als den Antrag, die kirchlichen Fonds und Stiftungen beizuziehen und die Kaplaneistelle, die seither durch die Franziskaner besorgt wurde, mit dem Gymnasium zu vereinigen.[S257-3]
Am 25. Okt. 1814 berichtet Amtmann Weber, dass der Klostervorstand „ein in jeder Hinsicht sehr tüchtiges Subjekt und daß P. Konstantin seinen Posten trefflich ausfüllt, er soll daher bei Aufhebung des Klosters als „weltlich geistlicher Professor“ beibehalten, statt des Kaplans aber noch ein anderer „weltlich, geistlicher Professor“ angestellt werden, „um den eingewurzelten Geist des Mönchthums, welcher auf die hiesige Volksklasse so schädlich eingewirkt, auszurotten.“
Am 16. Aug. 1818 bestand das Kloster aus folgenden Personen: P. Guardian Leo Raps, Professor P. Lauinger, Kaplan P. Eppt und 7 Laienbrüdern.
Das Bezirksamt machte den Vorschlag: Der Main- und Tauberkreis zähle 95,382 Einwohner, darunter 65,000 Katholiken; darum sei es billig, dass nicht nur die Stadt, sondern auch der Kreis und die Fonde der auswärtigen Orte zur Unterhaltung des Gymnasiums beitragen; darum solle u. a. der Kreis 800 fl., die Kirche in Walldürn 200 fl., das Spital in Hardheim 100 fl., das Mühling'sche Almosen in Königheim 100 fl., die Kirche in Lauda 100 fl., das Spital in Lauda 100 fl. beitragen.
Das Gymnasium laborierte immer mehr an der Schwindsucht, da nicht nur die Geldunterstützungen sehr kärgliche waren, sondern auch die Lehrkräfte durch das Aussterben der Franziskaner, die hier keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen durften, immer geringer und schließlich ganz unzureichend wurden. Im Jahr 1820/21 musste in Ermangelung anderer Lehrkräfte ein Theologiestudent, Eckert, die Stelle des kranken Lauinger versehen.
Als der Landständische Abg. Steinam höheren Ortes nachwies, wie die Zustände am Gymnasium nicht mehr haltbar seien und dringende Abhilfe erheischten, forderte das Ministerium am 8. März 1821[S258-1] höhere Beiträge von der Gemeinde.
Die Gemeinde ersuchte das Ministerium, es möge die Standesherrschaft Leiningen zur Fundation des Gymnasiums anhalten; da diese in den Besitz des Klostergutes eingetreten sei, solle sie auch die Verpflichtung des Klosters erfüllen; es war natürlich, dass das Ministerium betonte,[S258-2] Leiningen könne nur dann zur Gymnasiums-Fundation angehalten werden, wenn dem Franziskanerkloster die Verpflichtung obgelegen habe, ein Gymnasium zu unterhalten. Das Bezirksamt erwiderte:[S258-3] das Kloster habe weder nach dem Stiftungsbrief, noch nach der landesherrlichen Concession eine Verbindlichkeit zur Errichtung eines Gymnasiums. Der Staat hätte das Kloster nicht auf den Aussterbeetat setzen sollen, „dann wäre das Gymnasium nicht verwaist.“ Der Staat solle einen Zuschuß zu den Professoren-Gehältern geben.
Auf eine Anfrage des Ministeriums vom 23. Juli 1822 antwortet der fürstlich Leiningische Geh. Rat Schmitz:
a. „Das Franziskanerkloster (Gebäude) soll dem Gymnasium überlassen werden unter der Bedingung, daß alle künftige Baulast auf das Gymnasium übergehe und die noch anwesenden Klostergeistlichen dem fürstl. Aerar nicht zur Last fallen; daß
b. die Kaplanei und andere Benefiziatsfonds zur Besoldung der Professoren anheimgegeben werden unter der Bedingung, dass die darauf ruhenden Verbindlichkeiten mit übernommen und dem fürstlichen Hause die Präsentation der Professoren zustehe.“ Das wurde vonseiten der Gemeinde genehmigt.
Nun sollte man aber auch die weiteren Mittel angeben, „da neben einem lateinischen Rektor für die Prinzipisten noch wenigstens 3 Professoren nebst einem Musik- und Zeichenmeister und somit ohne den Gehalt des Rektors noch 2000 fl. jährlich nötig“ seien. Die Direktion des Main- und Tauberkreises meinte (25. Okt. 1822): Man solle den Pfarrhof verkaufen und den Pfarrer nebst zwei Kaplänen zur Übernahme des Gymnasiums in das Klostergebäude versetzen. Doch sah man ein, dass Stadtpfarrer Kunkel ein alter kränklicher Herr sei, den man außer Berechnung lassen müsse.
Dagegen fand der Vorschlag Beifall, dass die 2 Kapläne im Kloster wohnen und den Unterricht besorgen sollten.
Die Klosteraufhebung, die man längst vorausgesehen hatte, und die auch thatsächlich schon seit längerer Zeit in Kraft war, wurde nun auch formell ausgesprochen durch den Regierungsbeschluß vom 13. August 1823 Nr. 8685. Die „Effekten sollten versteigert, die Bibliothek und die Paramente dem Gymnasium reserviert werden.“
Die Studienanstalt behielt den Namen Gymnasium und hatte das Recht, die Schüler zur Universität zu befördern; obgleich nur zwei, längere Zeit auch nur ein einziger Lehrer, unterstützt durch den Rektor der Stadtschulen, den Unterricht besorgten. Während die übrigen Schulen des Landes nicht schlecht bestellt waren, dauerte dieser unhaltbare Zustand in Tauberbischofsheim bis zum Jahr 1827.
Die Stadt hatte aber damals schon ein so richtiges und klares Verständnis, wie notwendig das Gymnasium für die Einwohnerschaft und die ganze Gegend sei, dass sie nicht nur sich zu großen Opfern bereit erklärte, sondern auch kein Jahr vorübergehen ließ, ohne bei der Regierung um die Wiederherstellung des Gymnasiums nachzusuchen.
#3. Das Pädagogium.
Im Jahr 1827 wurde das Gymnasium aufgehoben und an seiner Stelle ein „Pädagogium“ eingerichtet, jedoch ausdrücklich erklärt, sobald die Mittel hinreichen, solle das Gymnasium wieder hergestellt werden. Unter einem Pädagogium verstand man (wie aus dem Programm desselben hervorgeht) eine dem Gymnasium ähnliche Anstalt, die aber nur 3-4 Klassen desselben enthielt.
Im Jahr 1828 wurde das erste Programm am Ende des Schuljahres ausgegeben; es wurde in Wertheim gedruckt bei Hofbuchdrucker Holl. Die Anstalt umfaßte drei Klassen mit 4 Jahrgängen (indem die erste unterste Klasse zwei Abteilungen zählte);
Direktor war Stadtpfarrer und Dekan Binz;[S260-1] als Professoren werden im 1. Programm aufgeführt: Christophel (später Dekan in Neudenau), Weber, Kupferer; dazu kam noch Lehrer Steimer. Die Zahl der Schüler betrug 63; das Schuljahr begann am 3. Nov. und schloss am 15. September des folgenden Jahres und so in den nächsten Jahren.
Jeweils auf den Schlußakt meldet das Programm, was wir heute als einen unerträglichen Unfug bezeichnen würden: „Nachmittags 3 Uhr: In der Pädagogiumskirche feierliche Preisverteilung; Verkündung der Promotionen; Musik und Deklamation, zum großen Teil komischer Stücke, z. B. der Brand im Hutzelwald, die Mähr von den 3 Schneidern (1847) u. a. Das ging bis zum Jahr 1851.
Im Jahr 1837, als die allg. Verordnung über die bad. Gelehrtenschulen erschien, und § 7 bestimmte, dass alle lateinischen Schulen, welche nicht hinlänglich dotiert sind, um den Lehrplan der Lyceen bis zur Vollendung des 5. Jahrcursus auszuführen, in höhere Bürgerschulen umgewandelt werden sollten, erklärten sich die Lehrer freiwillig, die nötige größere Stundenzahl zu übernehmen und erhielten so das Pädagogium als Vorschule für das später wieder zu errichtende Gymnasium, bis die Regierung die Erweiterung (durch den 5. Jahreskursus) genehmigte.
#4. Zum zweiten Mal Gymnasium.
Mit dem Schuljahr 1846/47 wurde das Pädagogium wieder zum Gymnasium erhoben und dies Ereignis nicht nur von der Anstalt, sondern von der ganzen Stadt als „Erfüllung eines lange gehegten und oft und dringend ausgesprochenen Wunsches“ gebührend gefeiert. Die Anstalt hatte sich seit 1828 von 63 Schülern auf 108 gehoben.
Das Jahr 1848 machte sich auch am Gymnasium zu Bischofsheim fühlbar; Direktor Damm wurde als Abgeordneter in die Nationalversammlung nach Frankfurt geschickt und durch den Oberstudienrat zur Versehung seiner Lehrstelle Pfarrer Meyer von Gommersdorf bestellt. Das Schuljahr wurde ohne feierlichen Schlußakt beendet, auch kein Programm ausgegeben.
#5. Brand des Gymnasiums.
Am 16. Mai 1862 brannte das Gymnasiumsgebäude, das alte Kloster ab; doch wurde der Unterricht nicht lange ausgesetzt; er wurde einstweilen in zwei getrennten Lokalen, die der Stadtgemeinde angehören, nämlich in dem Gebäude der Volksschule und dem der Gewerbeschule. Die dadurch sich ergebenden unleidlichen Missstände drängten auf Beseitigung durch Errichtung eines Neubaues für das Gymnasium, der auch in der Vorstadt in Angriff genommen wurde.
Durch das blutige Gefecht am 24. Juli 1866 war die Stadt mit Verwundeten überfüllt, weshalb Unterricht und Schlußakt ausfallen und die provisorischen Schulräumlichkeiten des Gymnasiums zu Lazaretten und für die Verwundeten eingerichtet werden mussten.
#6. Neubau des Gymnasiums.
Am 11. Januar 1867 stand der Neubau des Gymnasiums so weit fertig, dass der feierliche Einzug stattfinden konnte; trotz der grimmigen Winterkälte bewegte sich ein stattlicher Zug der eingeladenen Gäste, der geistlichen und weltlichen Behörden aus Stadt und Umgebung vom städtischen Schulhaus dem neuen Gymnasium zu, wo in der Aula die Eröffnungsfeierlichkeit abgehalten wurde. Beim Festessen im Bad. Hof gab die heitere Gemütsstimmung ihrer Freude durch mancherlei sinnige Toaste und Reden Ausdruck. Mit dem Schuljahr 1872/73 erhielt die hiesige Anstalt,[S261-1] wie alle Gelehrtenschulen mit 7 Jahreskursen, die Benennung Progymnasium; 1883/84 wurde demselben ein 8. Jahreskurs, im folgenden Jahr der 9. Jahreskurs zugefügt und somit die Anstalt auf die Höhe eines vollständigen Gymnasiums gebracht, dessen Bezeichnung sie auch seither wieder führt.
#7. Die Direktoren am Pädagogium und am Gymnasium von 1829-1895.
1. Dekan Binz (1828-37). 2. Oberle (Geistl. 1837-42). 3. Damm (Geistl. 1844-48). 4. Neumaier (Geistl. 1850-52). 5. Reinhard (1852 bis 1867). 6. Dr. Schlegel (1867-75). 7. Kuhn (1876-79). 8. Dr. Oster (Geistl. 1879-81). 9. Schmalz (1881-94). 10. Dr. Häußner (seit 1894).
#3. Das Erzbischöfliche Knaben-Konvikt.
#1. Die erste Errichtung 1821.
Nach der Verordnung des Konzils von Trient (1545-63) gehört es unter die wichtigsten Aufgaben eines jeden Diözesanbischofs,
die für Heranbildung eines tüchtigen Klerus erforderlichen Lehr- und Erziehungsanstalten zu errichten und zu erhalten, da Wissenschaft und Frömmigkeit, wie sie der Priester braucht, nicht im Handumdrehen wie ein Kleid angezogen werden können, sondern viele Jahre vor Empfang der hl. Weihen gelernt und geübt werden müssen.
Deshalb beabsichtigte schon 1850 Staatsrat Brunner,[S262-1] der im Kirchenstreit die Verhandlungen der badischen Regierung mit dem Papste führte, eine solche Anstalt in Tauberbischofsheim zu beantragen. - Doch kam dieselbe erst 1871 zustande, wozu die Kirchenbehörde das neue, große, Kaufmann Sußmann gehörige Haus neben der Mariahilfkapelle ankaufte.
Der Grund, weshalb man gerade in Tauberbischofsheim das Knabenseminar (wie damals die Anstalt genannt wurde) errichtete, ist der, dass die Stadt im Mittelpunkt des alten, katholischen Frankenlandes liegt, das von jeher durch seine Treue zur katholischen Kirche sich auszeichnete und jahraus, jahrein eine ganz außerordentliche Zahl der tüchtigsten Männer zum Priesterstand stellt.
Gegenwärtig (1895) leben noch 21 Priester, die aus Tauberbischofsheim gebürtig sind und zum Teil zu den allerangesehensten und einflussreichsten Männern der ganzen Erzdiözese gehören; das kleine Dorf Dittwar mit 750 Seelen, eine Stunde davon, hat jetzt noch 12 aktive Priester; Königheim bekommt in diesem Jahr den vierzehnten, Walldürn zählt 18 noch lebende Priester und so noch viele andere Orte.
Nicht mit Unrecht nennt man darum, wenn auch nur scherzweise, die Taubergegend und den Odenwald das heilige Land.
Im Jahre 1874 wurde die Anstalt wie damals alle kirchlichen Anstalten durch den sog. Kulturkampf aufgehoben und das Gebäude eine Zeit lang an Private vermietet; später diente es als kathol. Pfarrhaus (an Stelle des früheren, neben der Sebastianuskapelle), bis das neue Pfarrhaus, August 1883, neben dem Spital hergestellt war.
#2. Die zweite Errichtung 1883; das Privatpensionat und das Knaben-Konvikt.
Im September 1883 wurde mit Genehmigung der Kirchen- und Staatsbehörden ein Privatpensionat für Gymnasiasten in dem alten Seminargebäude eingerichtet mit 50, später 75 Zöglingen.
Als durch den badischen Landtag im Frühjahr 1889 die entgegenstehenden Gesetze aufgehoben wurden, übernahm der hochwürdigste Herr Erzbischof Dr. Johann Christian Roos das Privatpensionat als kirchliche Anstalt unter dem Titel: „Erzbischöfliches Knaben-Konvikt“.
#3. Der Neubau.
Da das seitherige Anstaltsgebäude, so groß es war, doch dem jährlich wachsenden Andrang der Anmeldungen nicht mehr genügte, wurde es von der Kirchenbehörde 1889 an die städtische Spar- und Waisenkasse um 60000 Mk. verkauft und an der sonnigen Höhe am Fuße des Steinberges gegenüber dem Ölberg ein prächtiger Neubau errichtet, der schlossartig über die zwei Täler, Tauber- und Brehmbachtal hinausschaut. — Die Pläne dazu hatte der erzbischöfl. Bauinspektor Maier in Heidelberg entworfen, die Ausführung leitete als Bauführer Wilh. Schmitt von Lampoldshausen (Württemberg); das Gebäude mit seiner prächtigen Hauskapelle (gemalt von Maler Rauth in Heidelberg) wird sowohl in Zweckmäßigkeit der Einteilung und Ausführung als in seiner imponierenden Erscheinung als ein Meisterwerk viel bewundert.
#Orientierungstafel.
Zusammenstellung der interessantesten Sehenswürdigkeiten von Tauberbischofsheim.
Jahraus, jahrein kommen viele Fremde nach der St. Lioba-Stadt, teils in Geschäften, teils um ihre Angehörigen, Studenten u. s. w. zu besuchen; dabei wollen sie natürlich auch die Sehenswürdigkeiten der Stadt und Umgegend in Augenschein nehmen, und weitaus die meisten hören gerne die geschichtliche Erklärung der Merkwürdigkeiten, die sie sehen und sind recht dankbar dafür.
Aber auch dem kundigen Bewohner der Stadt gewährt es große Befriedigung, wenn er nicht nur die Geschichte seiner Heimat kennt, sondern auch seinen Besuchern und Gästen das Merkwürdige zeigen, über die Geschichte desselben Bescheid und Rechenschaft geben kann.
Zu diesem Zweck will ich die vornehmsten Sehenswürdigkeiten der Stadt und nächsten Umgebung zusammenstellen.
#I. Die alte Stadtbefestigung vom Jahr 1237 mit den 20 (oder 21) Türmen[S265-1] S. 66.
Die alte Stadtmauer S. 66 und 178 (vergleiche den Stadtplan).
Der alte Schlossplatz mit dem alten Schloss, der ehemaligen fürstbischöflichen Residenz S. 66 und 178.
Der Türmersturm Seite 178.
Der Hexenturm S. 117.
Das Stadtthor von 1612, jetzt an der Rollenmühle S. 180.
#II. Die Kirchen:
1. Die Pfarrkirche vom hl. Bonifazius gegründet S. 13, die Geschichte S. 194-97.
Die Merkwürdigkeiten der Pfarrkirche:
Die Bildwerke und Malereien des Hochaltars v. Jahr 1517 S. 199 und 200.
Die zwei berühmten Altarbilder von Matthias Grünewald vom Jahr 1500 S. 204-5.
Das Sakramentshäuschen vom Jahr 1458 S. 208-10.
Das Stein-Relief des hl. Martinus aus dem 9.-10. Jahrhundert S. 213.
Das Kruzifix von Riemenschneider in der Sakristei, etwa vom Jahr 1530 S. 212.
Das St. Sebastianusrelief, Elfenbeintafel von Veit Stoß vom Jahr 1500 S. 213.
Die St. Urbanus-Statue von Riemenschneider am Herz-Jesu-Altar S. 208.
Das Grabdenkmal der Herren von Riedern (beim Taufstein) aus dem Jahr 1623 S. 215.
Das Ölgemälde vom Jahr 1517 an der Südwand des rechten Seitenschiffes S. 212.
Die vier Tafeln (Ölgemälde) aus der Peterskirche S. 210.
Verschiedene Grabsteine an der südlichen Außenwand des Chors, darunter einer mit dem Wappen und den Namen der ehemals hier begüterten Adelsfamilien: Hoheneck, Wolffgenmetzger, Weichs, Droßdorf, Eltz, Helmstatt, Dalberg, Maßenbach.
2. Die St. Sebastianuskapelle S. 234. Die Erbauung zur „Zeit des großen Sterbens“ in Bischofsheim und im Frankenland S. 73.
- Die Maria-Hilf-Kapelle S. 237.
- Die Klosterkirche S. 229-234.
Die hl. Lioba und ihr Kloster S. 24.
Das Spital S. 191 (und 247) und das Franziskanerkloster daselbst S. 192-94.
- Die St. Lorenzikirche mit der merkwürdigen Statue S. 237.
6. In der Peterskirche an der Südwand eine frühgotische Madonna (etwa aus dem Jahr 1200) S. 236.
Die romanische St. Petersstatue (aus Holz) vom Jahr 1200.
#III. Gebäude:
- Das Amtsgericht.
- Die Domänenverwaltung und Obereinnehmerei.
- Das Spital S. 247.
- Das Gymnasium. S. 256.
- Das Erzb. Konvikt S. 261.
#IV. Die Schlachtfelder:
- Vom Bauernkrieg 1525, die Enthauptungen auf dem Marktplatz S. 104.
- Von 1866.
a. Aufstellung der Preußen und Württemberger S. 165-66.
b. Die Tauberbrücke S. 167.
c. Das württembergische Kriegerdenkmal am Brennerberg S. 174.
#V. Wallfahrten:
- Der Ölberg S. 239.
2. Die 7 Maria Schmerz-Stationen und die Steinbergskapelle zur schmerzhaften Mutter Gottes S. 240.
- Das Kreuzhölzchen von Dittwar. Siehe die Ortsbeschreibung von Dittwar.
- Liebfrauenbrunn-Kapelle. Siehe die Ortsbeschreibung von Werbach.
#VI. Umgebung der Stadt:
- Der Bildstock am Zimmerplatz als Retter der Stadt S. 159.
- Die Friedrichshöhe mit der Aussicht über 11 Ortschaften.
- Das Raubschloss zu Hadmarshellen S. 72.
- Die Schlossruinen auf dem Höhberg, Edelberg und in der Wolftalsflur S. 71.
- Die alten Richtplätze S. 182.
Editorische Vorbemerkung
Wer heute, mehr als 130 Jahre nach ihrem Erscheinen, die Stadtchronik von Dr. J. Berberich liest, hält ein doppeltes Buch in der Hand. Das eine ist eine Fundgrube: minutiös zusammengetragenes Wissen über Tauberbischofsheim und seinen Amtsbezirk, von den ältesten Siedlungsspuren über den Bauernkrieg bis zur Schlacht von 1866, oft gestützt auf Urkunden, die es in dieser Form heute gar nicht mehr gibt, weil sie 1784 in der großen Tauberüberschwemmung untergingen oder anderweitig verloren wurden. Das andere Buch, das zwischen den Zeilen steht, ist das eines Mannes seiner Epoche: eines katholischen Rektors, der 1895 schreibt, mit den Denkmustern, Vorurteilen und blinden Flecken, die zu diesem Jahr, diesem Amt und diesem Milieu gehörten. Beide Bücher lassen sich nicht auseinanderklauben. Genau deshalb braucht diese Ausgabe eine Einordnung.
Wer Berberich war und was er wollte
Josef Berberich war Rektor des erzbischöflichen Knaben-Konvikts in Tauberbischofsheim, kein Berufshistoriker, sondern ein Geistlicher mit Interesse an der Heimat seines Wirkungskreises. Er nennt seine eigenen Regeln im Vorwort von 1895 selbst: Er wolle "eine populäre Darstellung" liefern, verzichte auf "alle nicht unbedingt nötigen kritischen Erörterungen, die nur für Fachmänner Wert hätten", und ziehe aus der Urkundensprache nur so viel heran, wie der Lesbarkeit diene. Das ist ein ehrenwertes Programm für ein Heimatbuch, hat aber eine Kehrseite: Wo Quellenkritik bewusst zurückgestellt wird, rutscht leicht auch die eigene Perspektive unkommentiert in den Text. Berberich schreibt Legenden, Sagen und mündliche Überlieferung oft im selben Tonfall wie Urkundenbefunde, und der Leser muss selbst unterscheiden, was belegt und was Erzähltradition ist.
Der Antisemitismus in der Chronik
An mehreren Stellen, etwa in den Abschnitten zu den mittelalterlichen Judenverfolgungen oder zum sogenannten "Judenrecht", übernimmt Berberich Zuschreibungen von Wucher, Ausbeutung und Bereicherung, die er nicht als zeitgenössische Vorurteile kennzeichnet, sondern als Tatsachenbeschreibung vorträgt. Das ist die judenfeindliche Grundmelodie eines Teils des katholischen Bildungsbürgertums im Kaiserreich, verstärkt durch die antijudaistische Tradition der Kirche und den grassierenden Antisemitismus der 1880er und 1890er Jahre, als etwa der "Antisemitenkatechismus" und ähnliche Schriften bereits massenhaft kursierten. Ob Berberich persönlich radikaler dachte als sein Umfeld oder lediglich unreflektiert weitergab, was als Allgemeinwissen galt, lässt sich aus dem Text allein nicht entscheiden, und diese Frage ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist, dass solche Passagen keine neutrale Quelle für das Verhalten jüdischer Familien im Taubergrund sind, sondern ein Dokument dafür, wie ein katholischer Honoratior am Ende des 19. Jahrhunderts über sie sprach. Wer verstehen will, wie es jüdischen Gemeinden in Lauda, Tauberbischofsheim oder Uissigheim tatsächlich erging, kommt an Steuerlisten, Verwaltungsakten und der neueren Forschung zur Regionalgeschichte des Judentums nicht vorbei.
Weitere Zeitgebundenheiten
Der Antisemitismus ist die gravierendste, aber nicht die einzige Stelle, an der Berberichs Text seine Entstehungszeit verrät. Im Kapitel über den "Hexenturm" und die Hexenprozesse referiert er kirchliche Lehrmeinungen zur "Möglichkeit der Hexerei" und den "Volksglauben über die Macht und Tätigkeit der Hexen" in einem Ton, der zwischen Distanz und Nachvollzug schwankt, ohne die Prozesse konsequent als das zu benennen, was sie waren: Justizmord auf Grundlage von Denunziation und Folter. Auch die ausführliche Schilderung der letzten Hinrichtung in Tauberbischofsheim 1820 trägt moralisierende Züge, die dem didaktischen Anspruch der Zeit entsprechen, aus Kriminalfällen "abschreckende Beispiele" zu machen, heute aber eher wie Sensationsliteratur wirkt. Und nicht zuletzt ist die gesamte Chronik von einer Heimatliebe getragen, die Berberich im Vorwort explizit zum Zweck erklärt: "was man nicht kennt, das liebt man auch nicht". Diese Haltung ist sympathisch, färbt aber auch die Auswahl und Gewichtung der Stoffe, etwa wenn kirchliche Stiftungen, Reliquien und Wallfahrten sehr breiten Raum einnehmen, während soziale Konflikte knapper behandelt werden.
Warum diese Ausgabe trotzdem online steht
Man könnte solche Texte einfach nicht mehr veröffentlichen. Das wäre die bequemste Lösung, aber die falsche. Berberichs Chronik ist trotz ihrer Schlagseiten eine der wichtigsten schriftlichen Quellen zur Geschichte des Taubergrunds, und sie zu verschweigen würde nur bedeuten, dass ihre Inhalte und ihre Vorurteile in Antiquariaten und alten Bibliotheksexemplaren unkommentiert weiterleben, statt kritisch gelesen zu werden. Diese Edition entscheidet sich deshalb für den offeneren Weg: den vollständigen Text zugänglich zu machen, an den problematischsten Stellen direkt im Fließtext einzuordnen, und dem Ganzen dieses Vorwort voranzustellen, damit niemand die Chronik unvorbereitet als objektive Geschichtsschreibung missversteht. Lesen Sie Berberich also mit Gewinn, aber lesen Sie ihn als das, was er ist: ein faszinierendes, streckenweise anrührendes und an entscheidenden Stellen belastetes Zeugnis seiner Zeit.