Relief eines Sterbenden (Heiliger Franz-Xaver?) auf dem Sockel des Homburger Wendelin-Bildstocks
Aufgenommen am 23. August 2013 · Standort 49.79503, 9.62645
Zum Bild
Der riesige Wendelin-Bildstock in Homburg
Der außergewöhnliche Wendelin-Bildstock in Homburg:
Der Bildstock steht -noch am Originalstandort- in Homburg an der Abzweigung der Erlenbacher Straße von der Würzburger Straße und damit am Fuße des Kallmuth. Obschon keine Jahreszahl angegeben ist, dürfte der Bildstock ziemlich sicher aus dem 18. Jahrhundert (laut Infotafel ca. 1710)stammen. Damals lag der Standort noch außerhalb der Homburger Stadtmauern.
Die Abzweigung der Erlenbacher von der Würzburger Straße alleine wäre schon ein günstiger Platz für die Errichtung eines Bildstocks gewesen. Noch geeigneter erscheint die Standortwahl aber deshalb, weil sich in unmittelbarer Nähe des Bildstocks eine Feldkapelle mit Pieta-Figur (1702) und drei (ehem. vier) Sühnekreuze befinden. Dieser Ort -am Beginn der Steigung der Erlenbacher Straße hoch auf den Kallmuth- hatte einstmals also offenbar eine besondere Bedeutung und ist anscheinend noch heute vielen Homburgern als
Heiliger Ort bekannt. (Womöglich handelt es sich ja aber auch um einen Bildstock, der hier an der Stelle eines Unglücks -und damit aus einem ganz anderen Grund- errichtet wurde, z.B. an der Stelle des Todes eines nahen Verwandten des Bildstockstifters, worauf das Sockelrelief (s.u.) hinweisen könnte.)
Der Bildstock ist außergewöhnlich aufgrund seiner Form und Größe: So hat er nicht den klassischen Bildstockaufbau aus Sockel-Säule-Oberteil, sondern auf seinem sehr breiten und hohen, nach oben hin in konkaver Wölbung schmaler werdenden Sockel sitzt direkt das Oberteil, welches dafür um so gewaltiger ausfällt und damit alle Dimensionen sonst üblicher Bildteile sprengt:Der gesamte Bildstock hat ungefähr eine Höhe von über 3m (Sockel ca 1m, Oberteil ca 2m)!
Auf dem nach oben etwas schmaler werdenden Oberteil ist vorne als großes, nahezu lebensgroßes Halbrelief der Heilige Wendelin zu sehen, dem sich wohl gerade Gott offenbart: Wendelin kniet, vom Betrachter nach rechts gewandt, auf dem Boden, die linke Hand auf die Brust gelegt, die rechte am Hirtenstab und blickt schräg nach vorne oben. Dort sieht man zwei kleinere Bäume (Weinreben?) und über diesen eine Wolke, in welcher das Auge Gottes (mit den üblichen Strahlen unter der Wolke) zu sehen ist. Hinter Wendelin steht ein großer Engel, der dem offenbar emotional sehr bewegten Wendelin beruhigend die rechte Hand auf den Oberarm legt und mit seiner linken Hand zum Auge Gottes zeigt. Schräg unter/vor Wendelin sieht man außerdem noch ein Schaf und eine Kuh als weitere Attribute (neben dem Hirtenstab) zur Identifikation der abgebildeten Person als Heiliger Wendelin. Um jegliches Missverständnis sicher auszuschließen, findet sich unter Wendelin (und dem Schaf) zusätzlich noch ein Inschriftenband mit der Inschrift:
S. WENDELINUS
O.P.N
(o.p.n. = ora pro nobis = Bete für uns)
Oben auf dem Oberteil liegen noch zwei nahezu vollpastische Engelsputten, die Getreideähren (linke Putte) bzw. Weintrauben (rechte Putte) bei sich haben und eine mittig auf dem Bildstock stehende Freifigur mit Papstattributen umrahmen, die in ihrer Größe gut und gerne die Hauptfigur einesnormalen Bildstocks hätte sein können. Dabei handelt es sich -wie ein von den beiden Putten gehaltenes Inschriftenband direkt unter der Figur klar macht- um den Heiligen Urban:
S. URBANUS
Als ob dem noch nicht genug wäre, findet sich auf der Sockelvorderseite auch noch ein Relief, welches einen offenbar auf dem Sterbebett liegenden Mann zeigt. Da sich unter diesem Motiv -im Gegensatz zu den beiden anderen- kein benennendes Inschriftenband findet, liegt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um den Bildstockstifter handeln könnte. Starb er womöglich hier, am Beginn der Steige und/oder legte er testamentarisch bzw. auf dem Sterbebett fest, nach seinem Tode hier einen Bildstock errichten zu lassen? Es könnte sich bei diesem Sterbenden allerdings auch um den
Heiligen Franz Xaver handeln, wofür drei Punkte sprechen: Zum einen wurde dieser Heilige -ein ehemals populärer Missionar des 16. Jhd.- früher öfter wie hier auch als vollbärtiger Mann, auf dem Sterbebett liegend, mit einem Kreuz in den Armen und zum Himmel hoch blickend dargestellt (vgl. Bildstock am Ortsrand von Külsheim). Zum anderen könnte das Gewand, welches er auf dem Relief trägt, sehr gut ein Jesuiten-Talar sein (Franz Xaver war Jesuit). Und schließlich würde er auch "inhaltlich" sehr gut zu den beiden anderen Heiligen des Bildstocks passen: Der
Heilige Franz Xaver gilt als Schutzpatron gegen Sturm und Pest, außerdem wird sein Beistand auch für eine gute Sterbestunde erfleht. Der
Heilige Papst Urban fungiert (eigentlich irrtümlich aufgrund einer Verwechslung mit einem anderen Heiligen Urban) als Schutzpatron der Weinberge, des Weines, der Winzer und Küfer und soll vor u.a. vor Frost, Gewitter und Blitz schützen. Der
Heilige Wendelin schließlich ist der populärste Schutzheilige der Hirten, Landleute, Bauern, Tagelöhner und Landarbeiter und soll das Vieh beschützen.
Der Bildstock am Fuße der Kallmuth-Weinberge sollte also wohl die (Wein-)Bauern und deren Vieh, Weinberge und Äcker vor Unwetter/Frost und Krankheit schützen.
Erstaunlich ist, dass sich der Stifter dieses pompösen Bildstocks nicht mittels Inschrift namentlich darauf verewigt hat. Ein (Wein-)Bauer alleine hätte sich sicherlich kaum einen solchen Bildstock leisten können. Vielleicht wurde er also als Gemeinschaftsstiftung der (Wein-)Bauern zu ihrem Schutz und dem ihrer Früchte und Tiere errichtet.
--
verwendete Quellen:
Infotafel "Heiliger Ort" - Wendelinus, Schmerzhafte Muttergottes, Sühnekreuze (Europäischer Kulturweg Triefenstein 1 & 2), Archäologisches Spessart-Projekt e.V.. Die Infotafel steht direkt vor Ort.
Liste der Baudenkmäler in Triefenstein
Huller, Lothar (Hrsg.: Markt Triefenstein). 1200 Jahre Homburg am Main. Band 1 (von 2) (1981, Gemeinde Markt Triefenstein), S. 188-190
Schlagwörter
- Deutschland
- Bayern
- # A- Sommer
- # Wegkreuz
- # Stadt-Dorf
- Maintal
- # 1700 - 1799
- Triefenstein
- #Str. - St 2299
- Homburg am Main
- Kallmuth
- #Str. - Würzburger Straße
- * -Heiliger Wendelin
- Bischbachtal
- 1710
- * -Heiliger Urban
- Hackenberg
- Kemmerich
- # Heiliger Ort
- #Str. - Erlenbacher Straße
- * -Heiliger Franz Xaver
Im Bildarchiv lässt sich dieses Foto in voller Größe ansehen, auf der Karte verorten und mit der Umgebung vergleichen.
Ähnliche Aufnahmen
-
Der riesige Wendelin-Bildstock in Homburg
23. August 2013
-
Der außergewöhnliche Hl.-Wendelin-Bildstock in Homburg
23. August 2013
-
Die Heiligen Wendelin und Urban am Fuße des Homburger Kallmuth
23. August 2013
-
Das Homburger Steinkreuznest am 'Heiligen Ort'
23. August 2013
-
Das linke der drei (ehem. vier) alten Steinkreuze am 'Heiligen Ort' (Homburg)
23. August 2013
-
Das mittlere der drei (ehem. vier) alten Steinkreuze am 'Heiligen Ort' (Homburg)
23. August 2013
-
Das rechte der drei (ehem. vier) alten Steinkreuze am 'Heiligen Ort' (Homburg)
23. August 2013
-
Die Feldkapelle mit Pieta-Figur (1702) am 'Heiligen Ort' (Homburg)
23. August 2013