Das 1905 stark überarbeitete Portal der Achatius-Kapelle (1150-1210) in Grünsfeldhausen
Aufgenommen am 3. Januar 2012 · Standort 49.62484, 9.74014
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Die Achatius-Kapelle (1150-1210) in Grünsfeldhausen:
Der Heilige Achatius ist einer der 14 Heiligen Nothelfer.
Die Achatius-Kapelle war ursprünglich dem Hl. Bartholomäus und den10.000 Märtyrern geweiht (Urkunde von 1362).
Die Kapelle ist ein romanischer Doppel-Oktogon-Bau (achteckig), vermutlich zwischen 1150 und 1210 erbaut, wobei das Hauptoktogon (um 1150) wahrscheinlich mehrere Jahrzehnte alleine stand, bevor dann das kleine Oktogon und der Turm bis 1210 angebaut wurden. Der usrprüngliche Bau -ein einfaches Oktogon ohne Turm- muss also nahezu identisch zur ursprünglicher Form der Sigismundkapelle in Oberwittighausen gewesen sein, welche ihren Turm auch erst nachträglich erhielt (und bis heute kein zweites Oktogon als Anbau besitzt).
die Kapelle soll - wie die Sigismundkapelle in Oberwittighausen- vonKreuzrittern erbaut worden sein. Dafür spricht auch, dass sie ursprünglich u.a. den 10.000 Märtyrern geweiht war - eine Legende ohne geschichtlichen Hintergrund, die wohl die Opferbereitschaft der Kreuzfahrer festigen sollte.
Als Erbauer kämen zeitlich die nachweislich an Kreuzzügen beteiligtenHerren von Zimmern und Kreusheim in Betracht, augeführt wurden die Arbeiten wohl von der Bauhütte des Klosters Bronnbach.
Manche Experten deuten die auffällige Bauform der Kapelle so, dass sie zum einen an das Heilige Grab von Jerusalem erinnern soll (welches Kreuzritter als Baumeister nach Ihrer Rückkehr aus dem Kreuzzug ja in der Tat zuvor mit eigenen Augen hätten gesehen haben können). Zum anderen kann der Doppel-Oktogon-Bau im Grundriss natürlich auch als 8 gesehen werden- Symbol der Unendlichkeit und Vollkommenheit.
1804 war die Kapelle aufgrund zahlreicher Überschwemmungen und Hochwasserschäden in einem derart desolaten Zustand, dass sie abgerissen worden wäre, sofern Geld dafür vorhanden gewesen wäre... Durch die zahlreichen Überschwemmungen im Grünbachtal (die Kapelle liegt sehr nahe am Grünbach) versank die Kapelle immer tiefer im angeschwemmten Erdreich. Das hatte zur Folge, dass bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Kapelle über 3m im Erdboden versunken war: Das Eingangsportal lag komplett unter der Erde, die Kapelle wurde innen 3m aufgeschüttet und zu dieser Zeit durch ein dafür erweitertertes Fenster im kleinen Oktogon betreten. Dazu ist noch ein Historisches Foto vorhanden, das die Kapelle mit dem Behelfseingang kurz vor 1900 zeigen muss.
die Kapelle wurde auf einem heidnischen Quellheiligtum errichtet, ein heidnischer Kultstein ("Näpfchenstein") ist an der Außenwand der Kapelle (unter einem darüber eingehauenen Kreuz) eingearbeitet worden. Die Heidnische Kult-Quelle wurde 1971 bei Grabungen wohl wiederentdeckt (aber danach offenbar wieder zugemauert bzw. unterirdisch direkt in den nahen Grünbach geleitet): Mitten im großen Oktogon wurde ein Brunnen entdeckt, über welchen wohl schon zur Zeit der ersten Missionierung Tauberfrankens eine Holzkapelle errichtet wurde, um das heidnische Heiligtum für christliche Missionierungszwecke zu instrumentalisieren. Aus der Holzkapelle wurde später eine erste, steinerne Kapelle (Fundamentreste gefunden), welche dann 1180-1210 der jetzigen Kapelle weichen musste. Direkt über dem Brunnen stand bis 1919 eine Säule (ähnlich der von der Standorfer Ulrichskapelle), welche bei den Ausräumungsarbeiten des Aufschüttguts in jenem Jahr wiederentdeckt und aus der Kapelle geschafft wurde: Ein Teil dieser bei Wiederentdeckung ca. 2,20m hohen, achteckigen Säule bildet heute den Sockel für die barocke Maria-Statue direkt rechts neben der Kapelle. Die Dorfbewohner hatten die Säule übrigens aus der Kapelle entfernt, weil sie keinen "Heidenaltar" in ihrer Kapelle wollten! (Vielleicht hätten sie dann lieber die gesamte Kapelle abgerissen, denn die bloße Entfernung der Säule aus der Kapelle ändert nichts daran, dass die gesamte christliche Kapelle nur über einen heidnischen Kultplatz "übergestülpt" wurde, im Prinzip also nichts weiter ist als eine Weiterverwendung eines heidnischen Heiligtums unter christlicher Symbolik...)
die einzigen weiteren Oktogon-Kapellen ( Zentralbaugruppe ) in der weiteren Region stehen in Oberwittighausen (Sigismundkapelle) und in Standorf bei Creglingen (Ulrichskapelle)
einer Sage nach wurden die beiden Kapellen in Grünsfeldhausen undOberwittighausen und eine dritte (nicht mehr erhaltene) in Gaurettersheim von Riesen errichtet, die Tauberbischofsheim aufgrund des Einschreitens der Hl. Lioba erfolglos angegriffen hatten, von ihr daraufhin so beeindruckt waren, dass sie sich im Grünbachtal (Grünsfeldhausen) von ihr taufen ließen und dort zum Dank die erste Kapelle errichteten. Als die Riesen aus Mangel an Nahrung weiterziehen mussten, warf der Riesenkönig seinen Hammer und versprach, dort, wo er niederfalle, eine zweite Kapelle zu errichten (Oberwittighausen). Anschließend warf er den Hammer ein weiteres Mal, woraufhin er in Gaurettersheim landete und die Riesen dort eine dritte Kapelle errichteten, die aber heute nicht mehr steht. Im Volksmund heißt es darum heute noch: "Grünsfeld-Hausen, Oberwittighausen und Gaurettersheim sind nur einen Hammerwurf voneinander entfernt."
Direkt neben der Kapelle befand sich noch Anfang des 20. Jahrhunderts (also bis zur Befreiung der Kapelle vom angeschwemmten Erdreich) ein Friedhof, wie auf dem Historisches Foto gut zu sehen ist. Gräber hat es in/an der Kapelle aber fast bereits seit Erbauung der Kapelle gegeben, z.B. das Grab des Edelknechts Berthold von Hohenlohe (+1346), dessen Grabstein sich heute in der um die Kapelle herum verlaufenden Stützmauer (die Mauer, die die nun tiefer als die Umgebung liegende Kapelle vom umgebenden Erdreich trennt) befindet und dort zu sehen ist.
In der die Kapelle umgebenden Stützmauer ist neben jenem Grabstein auch eine steinerne Infotafel (1905) eingelassen, die die Freilegungsarbeiten der Kapelle und die Errichtung der Stützmauer thematisiert: Die Grosherzoglich Badische Regierung hat in den Jahren 1903-1905 die Kapelle, deren ursprünglicher Boden 3,90 Mtr tief verschüttet lag, ausgraben u. entwässern lassen, infolgedessen wurde diese Stützmauer nötig.
Das Eingangsportal wurde nach dessen Wieder-Freilegung 1905 stark überarbeitet und präsentiert sich heute im Vergleich zu dem sehr mysteriösen (aber auch nicht mehr in Originalanordnung befindlichen)Portal der Sigismundkapelle in Oberwitttighausen arg schmucklos. Vielleicht ähnelte es im Originalzustand ja dem Oberwittighäuser Portal und enthielt somit für den Geschmack der damaligen Grünsfeldhäuser Bevölkerung zu viel heidnische Symbolik...
Mehr Infos zur Achatiuskapelle findet man u.a. hier und hier.
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