Am Wörtplatz stand von 1883 an das städtische Schlachthaus. Seinen letzten Dienst tat es im September 1969, ausgerechnet bei einer Kleintierzüchterausstellung. Danach fiel es dem Neubau des Badenwerk-Verwaltungsgebäudes zum Opfer. Wer heute über den Platz geht, sieht davon nichts mehr. Genau diese Schichten legt Bernd Paeger in seiner neuen Stadtchronik frei.
Eine Lücke von mehr als hundert Jahren
Tauberbischofsheim ist gut beschrieben, allerdings einseitig. Julius Berberich widmete sich 1895 fast ausschließlich dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Das Jubiläumsbuch von 1955 zur 1200-Jahr-Feier lässt die neuere Zeit weitgehend aus. Und die Chronik von Franz Gehrig und Hermann Müller aus dem Jahr 1997 behandelt schwerpunktmäßig die Zeit von etwa 1600 bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert; Ausflüge ins 20. Jahrhundert bleiben die Ausnahme.
Es fehlte also ausgerechnet der Zeitraum, in dem die Stadt ihr heutiges Gesicht bekam: die Jahrzehnte der Fabriken und Baugebiete, der Schulbauten, der Abrisse. Dort setzt Paeger an. Sein Buch beginnt 1847 mit der Tauberbrücke und endet in den 2020er Jahren.
Aus einer Sammlung wird ein Buch
Den Anstoß gab ein Gespräch. Ein Freund bedauerte, kaum Bilder aus der Zeit seiner Kindheit zu kennen. Paeger sammelt seit über zwanzig Jahren Bücher, Zeitungsartikel, Fotografien und Postkarten über seine Heimatstadt und dachte sich, dass ein chronologisch geordneter Zugang auch anderen nützen könnte.
Aus dem Vorhaben wurde Archivarbeit. Paeger durchforstete das Stadtarchiv Tauberbischofsheim und das Landesarchiv Baden-Württemberg mit seinen Zweigstellen in Wertheim-Bronnbach und Ludwigsburg. Die Jahrgänge der örtlichen Tageszeitung ab 1946 ging er vollständig durch. Unterstützt wurde er dabei von Jürgen Wohlfarth und Hendrik Beierstettel. Als Lektor wirkte Hermann Müller mit, Koautor der Chronik von 1997, der das Projekt fachlich begleitet hat.
Chronologisch geordnet, aber nicht zum Durchlesen gezwungen
Das Buch ist in dreizehn Kapitel geteilt: 1847 bis 1900, 1900 bis 1930, 1930 bis 1945, 1945 bis 1960, danach Jahrzehnt für Jahrzehnt bis in die 2020er Jahre. Dazu kommen ein eigener Anhang zum Bahnhof und ein Literaturverzeichnis. Jeder Eintrag trägt eine Nummer und eine Jahreszahl, etwa „3.52 Kaiserliches Postamt (1888)“.
Am Rand stehen Verweiszahlen, im Buch „Navigation“ genannt. Sie führen zum vorhergehenden und zum nächsten Eintrag desselben Themas. Wer der Volksschule, der Firma Weinig oder dem Freibad folgen will, springt also von Station zu Station, statt sich durch die Jahrzehnte zu arbeiten. Für ein Buch dieses Umfangs ist das der entscheidende Unterschied zwischen Nachschlagewerk und Nachttischlektüre, die man nie zu Ende bringt.
Was in den Einträgen steckt
Der Großbrand vom 16. Mai 1862 begann nachmittags um 15 Uhr im Haus des Metzgers Wolf Sauer in der Manggasse. Er erfasste das Klostergebäude, in dem damals das Gymnasium saß, das Reichenspital, Wohnhäuser und Scheunen. Löschmannschaften aus den Nachbarorten rückten mit ihren Spritzen an. Das Gymnasium baute die Stadt anschließend neu am Ortsende, in dem Gebäude, in dem heute die Polizei sitzt.
So arbeitet das Buch durchgehend: Wasserleitung 1896, städtisches Elektrizitätswerk 1899, Schulmöbelfabrik, Sägewerk, Brauerei. Der Aufstieg von VS, Weinig und Mafi steht neben dem Verschwinden von Schachenmayr und Jana. Das Frankenbad, am 22. Juli 1951 nach nur fünf Monaten Bauzeit eröffnet, galt mit seinem Becken von 50 mal 25 Metern als eines der modernsten Freibäder der Region; 2023 musste es wegen seiner Mängel schließen.
Auch die Bauten, die heute niemand vermisst, bekommen ihr Kapitel: die Waschbetonbauten der 1960er und 1970er Jahre, von der abgerissenen Realschule bis zum längst verschwundenen EKZ-Neukauf. Dazu das Fronleichnamshochwasser von 1984, das Tauberzentrum von 1990, die Frankenpassage von 1992, der Besuch Helmut Kohls im Fechtzentrum 1984 und die Nacht von Rom im Juli 1990, als der Marktplatz beim Elfmeter von Andreas Brehme bebte.
Mehr als 900 Bilder, und jedes mit Herkunft
Der Bildteil ist der zweite Grund, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Die Abbildungen sind durchnummeriert und mit ihrer Quelle versehen: Stadtarchiv, private Sammlungen, das Fotoarchiv Heer, Luftbilder, Lagepläne, Postkarten, Zeitungsausschnitte. Daneben stehen Aufnahmen, die Paeger 2025 selbst gemacht hat, oft vom selben Standpunkt wie die historische Vorlage. Der Vergleich erledigt die Beschreibung von allein.
Stimmen aus der Stadt
Lebendig wird die Chronik dort, wo Zeitzeugen zu Wort kommen. Ein 1981 veröffentlichter Erinnerungstext von Hugo Pahl schildert den Wörtplatz der 1920er und 1930er Jahre mit seinem Wassergraben, in dem die Jugend schwimmen lernte und Stichlinge fing, während nebenan auf dem Viehmarkt Ochsen an eisernen Ringen angekettet wurden. Max J. Strauss beschreibt die Fastnacht um 1900, als Jung und Alt am Dienstag mit Blasinstrumenten durch die Straßen zog, bis in die späte Nacht.
Für wen das Buch gemacht ist
Neubürger bekommen die Vorgeschichte der Straßen, durch die sie täglich gehen. Wer weggezogen ist, findet das Tauberbischofsheim seiner Jugend wieder. Und wer meint, seine Stadt zu kennen, stößt auf Funde, die auch manchem Heimatkenner neu sein dürften.
Die Chronik hat 428 Seiten im DIN-A4-Format und mehr als 900 Abbildungen. Herausgeber ist der Verein Tauberfränkische Heimatfreunde e. V., der gesamte Erlös kommt dem Verein zugute. Das Buch kostet 35 Euro und ist in der Buchhandlung „Schwarz auf Weiss“ in der Fußgängerzone, in der Tourist-Info im Rathaus und im Tauberfränkischen Heimatmuseum erhältlich.









